{"id":11116,"date":"2022-04-18T12:03:36","date_gmt":"2022-04-18T10:03:36","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11116"},"modified":"2022-04-18T12:03:37","modified_gmt":"2022-04-18T10:03:37","slug":"ukraine-krieg-der-fall-mariupols-und-die-folgen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11116","title":{"rendered":"Ukraine-Krieg: Der Fall Mariupols und die Folgen"},"content":{"rendered":"<p><em>Gunnar Jeschke. <\/em><strong>In den kommenden Tagen wird sich die milit\u00e4rische Lage in der Ostukraine wohl grundlegend \u00e4ndern. Dies h\u00e4ngt mit dem Fall von Mariupol zusammen. F\u00fcr die erwartete Offensive im Donbass stellt Russland derzeit die Truppen auf.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Gegenw\u00e4rtig dominiert die Versenkung des Raketenkreuzers Moskwa die Nachrichten \u00fcber den Ukrainekrieg. Zweifellos ist der Untergang des Flaggschiffs der Schwarzmeerflotte ein herber Verlust f\u00fcr die russische Kriegsmarine und gleichzeitig ein prestigetr\u00e4chtiger Erfolg des ukrainischen Milit\u00e4rs. Das sollte aber nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass dieses Ereignis kaum eine Bedeutung f\u00fcr den weiteren Kriegsverlauf haben wird. Die f\u00fcr den weiteren Verlauf des Kriegs wesentlichen Ereignisse waren die Einnahme des Handelshafens von Mariupol durch die russische Seite, die von den Separatisten am 11. April vermeldet wurde [1] und Einnahme des Stahlwerks namens Iljitsch, die vom russischen Verteidigungsministerium am 15. April vermeldet wurde [2]. Die ukrainische Seite hat beide Ereignisse nicht offiziell best\u00e4tigt, es gibt aber starke Hinweise darauf, dass die Meldungen zutreffen. Zum gleichen Zeitpunkt, an dem die Separatisten die Einnahmen des Hafens meldeten, berichtete UNIAN von der Beschlagnahme eines Handelsschiffes im Hafen von Mariupol durch die russische Seite. [3] Inzwischen ist das Bild eines russischen T72B3-Panzers im Hafen von Mariupol im Umlauf. [4]<\/p>\n<p>Der morgendliche ukrainische Situationsbericht vom 16. April (als dieser Text entstand) erw\u00e4hnt Mariupol mit keinem Wort [5]. Stattdessen sind Artikel im Umlauf, die betonen, wie stark Mariupol zerst\u00f6rt sei und dass der von Russland installierte B\u00fcrgermeister die M\u00e4nner zum Ber\u00e4umen der Tr\u00fcmmer zwingen w\u00fcrde und ihnen daf\u00fcr Lebensmittel verspr\u00e4che. Besonders erhellend ist ein Artikel, der den russischen Sturm auf den Hafen und auf \u201eAsowstahl\u201c ank\u00fcndigt und in dem etwas defensiven Satz gipfelt: \u201eAlles deutet darauf hin, dass es unm\u00f6glich ist, die Stadt ohne ein H\u00f6chstma\u00df an Unmenschlichkeit und den Einsatz von Massenvernichtungswaffen einzunehmen.\u201c So bereitet man eine sehr schlechte Nachricht vor, die man demn\u00e4chst nicht mehr wird unterdr\u00fccken k\u00f6nnen. Da der Hafen und das Stahlwerk die Hauptpunkte des noch verbliebenen ukrainischen Widerstands waren, ist Mariupol zu diesem Zeitpunkt entweder bereits gefallen oder wird sehr bald fallen. Hier diskutiere ich, was daraus folgt. Der Fall Mariupols leitet die zweite Phase des Krieges ein.<\/p>\n<p><strong>Gefecht der verbundenen Waffen<\/strong><\/p>\n<p>Westliche Milit\u00e4rbeobachter sind sich einig, dass die Operationen der russischen Truppen in der ersten Kriegsphase nicht den Erwartungen an die russische Kriegsdoktrin entsprachen, insbesondere, was das Zusammenwirken der Kr\u00e4fte betraf. Was in dieser Phase auch ausblieb, war eine Feuerwalze als Angriffsvorbereitung. Die Angriffsoperationen an den verschiedenen Fronten (Norden, Osten, S\u00fcden) schienen fast unabh\u00e4ngig voneinander zu laufen und die Frontabschnitte standen nicht unter dem Kommando eines namentlich bekannten Kommandeurs. \u00dcber diese Befunde wurde viel ger\u00e4tselt. Einige Beobachter verstiegen sich zu der Annahme, die russischen Kr\u00e4fte seien nicht in der Lage koordinierter zu handeln, was angesichts der Operationen in Syrien unwahrscheinlich ist.<\/p>\n<p>Wahrscheinlicher ist, dass die erste Phase als \u201eSpezialoperation\u201c deklariert wurde, weil sich ein Krieg gegen die Ukraine im Rahmen der \u00fcblichen Doktrin der eigenen Bev\u00f6lkerung schwer h\u00e4tte verkaufen lassen. Um eine Stimmung zu erzeugen, die einen solchen Krieg erm\u00f6glicht, musste es zun\u00e4chst Verluste auf russischer Seite geben. Wer das f\u00fcr zynisch h\u00e4lt, hat menschlich gesehen durchaus Recht, versteht aber wom\u00f6glich nicht, wie Milit\u00e4rf\u00fchrungen in einem Krieg grunds\u00e4tzlich handeln, weil sie bei Strafe des eigenen Untergangs nicht anders handeln k\u00f6nnen. Die letzte Entscheidung, bei der noch R\u00fccksichten gelten, ist diejenige, ob man einen Krieg beginnt. Sie wird \u00fcbrigens von beiden Seiten gef\u00e4llt, dem \u00fcblicherweise st\u00e4rkeren Angreifer und dem \u00fcblicherweise schw\u00e4cheren Verteidiger. Der Verteidiger f\u00e4llt die Entscheidung, lieber einen Krieg zu riskieren, als sich kampflos den Forderungen des potentiellen Angreifers zu beugen. Dem Verteidiger ist in der Regel auch klar, dass das Risiko bei nahezu 100 Prozent liegt.<\/p>\n<p>Was nun das Gefecht der verbundenen Kr\u00e4fte angeht, also die enge Koordination der Teilstreitkr\u00e4fte und der Waffengattungen innerhalb der Teilstreitkr\u00e4fte, so ist genau damit in der zweiten Phase des Krieges zu rechnen, die in diesen Tagen beginnt. Die russische Seite hat Anfang dieser Woche mit Alexander Dwornikow den bisherigen Kommandierenden des erfolgreichsten, s\u00fcdlichen Frontabschnitts zum Oberkommandierenden aller Streitkr\u00e4fte in der Ukraine ernannt. Dwornikow hat in der Anfangsphase der russischen Operationen in Syrien dort unter schwierigeren Bedingungen die Koordination syrischer Bodentruppen mit russischen Luftstreitkr\u00e4ften organisiert. Am 15. April vermeldete die ukrainische Seite, dass Russland in Mariupol TU-22M Langstreckenbomber eingesetzt habe [6]. Aus taktischer Sicht ergibt das keinen Sinn. Sieht man es aber als Demonstration \u2013 wir zeigen Euch die Instrumente \u2013 und als Test des Zusammenwirkens von strategischen Luftstreitkr\u00e4ften und Bodentruppen auf engem Raum, dann ergibt es sehr viel Sinn.<\/p>\n<p>Die von allen erwartete, m\u00f6glicherweise bereits angelaufene, Gro\u00dfoffensive Russlands im Donbass wird als Gefecht der verbundenen Kr\u00e4fte gef\u00fchrt werden. Die dort liegenden ukrainischen Truppen werden dem vermutlich nicht lange standhalten k\u00f6nnen. Die ukrainische Seite scheint eine gro\u00dfr\u00e4umige Operation zu erwarten oder bereits wahrzunehmen. Der B\u00fcrgermeister von Losowa hat die Bev\u00f6lkerung aufgerufen, die Stadt zu evakuieren [7]. Als Begr\u00fcndung gibt er eine hohe Wahrscheinlichkeit von Raketen- und Luftangriffen an. Diese Begr\u00fcndung wirkt vorgeschoben. Es ist unm\u00f6glich, alle ukrainischen St\u00e4dte zu evakuieren, in denen diese Gefahr gro\u00df ist. Anzunehmen ist vielmehr, dass Angriffe von Bodentruppen oder sogar ein Abschneiden der Verbindung der Stadt zur Zentralukraine bef\u00fcrchtet werden. Losowa befindet sich etwa 100 Kilometer westlich von Kramatorsk und etwa 50 Kilometer von der derzeit auf liveuamap.com eingezeichneten russischen Frontlinie [8], die m\u00f6glicherweise, wie wiederholt in Mariupol geschehen, zu optimistisch angezeigt wird. Falls russische Truppen von Nordosten und gleichzeitig von S\u00fcdosten auf Losowa vorsto\u00dfen sollten, besteht die Gefahr, dass die kampfst\u00e4rksten Kr\u00e4fte der Ukraine im Donbass weitr\u00e4umig eingekesselt werden. Aufgrund der dr\u00fcckenden Luft\u00fcberlegenheit Russlands w\u00e4re einen Entsatz oder an ein Ausbrechen kaum zu denken.<\/p>\n<p><strong>Der Krieg um den Treibstoff<\/strong><\/p>\n<p>Derweil gehen die russischen Angriffe gegen \u00d6l- und Treibstofflager, von der ukrainischen Seite gern als Infrastruktureinrichtungen bezeichnet, unvermindert weiter. Das d\u00fcrfte einer der Hintergr\u00fcnde der wiederholten Aufrufe an die Bev\u00f6lkerung sein, nicht in die St\u00e4dte wie Kiew zur\u00fcckzukehren, die jetzt weitab der Frontlinien liegen. Die Versorgung dieser St\u00e4dte ist problematisch, vermutlich ist die Treibstoff-Logistik in der Ukraine inzwischen hochproblematisch. Diese russische Strategie wird einerseits die ukrainische Wirtschaftskraft weiter verringern und damit die Kosten des Kriegs f\u00fcr den Westen weiter erh\u00f6hen. Des Weiteren muss ein erheblicher Teil des von der Ukraine ben\u00f6tigten Treibstoffs demn\u00e4chst aus westlichen Nachbarl\u00e4ndern zugef\u00fchrt werden. Dieser Treibstoff wird aus russischem Erd\u00f6l hergestellt, zum Teil von Unternehmen, die sich in russischer Hand befinden.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Westen noch gef\u00e4hrlicher d\u00fcrfte allerdings sein, dass Putin bei Notwendigkeit die Erdgaslieferungen stoppen kann. Ein m\u00f6glicher Zeitpunkt daf\u00fcr l\u00e4ge Anfang Mai, wenn EU-L\u00e4nder die Zahlungen f\u00fcr die im April gelieferten Mengen nicht in Rubel leisten. Russland hatte einen Monat Zeit, eine Abschaltung technisch vorzubereiten. Ob das geschieht, wird vom weiteren Kriegsverlauf abh\u00e4ngen, m\u00f6glicherweise auch davon, wie Putin die Situation bez\u00fcglich der zweiten Runde der franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidentschaftswahlen am 10. Mai einsch\u00e4tzt oder welchen Schluss er aus dem Ergebnis dieser Wahlen zieht. Sicher ist, dass ein Stopp der Erdgaslieferungen Deutschland und in der Folge die EU in eine schwere Wirtschaftskrise st\u00fcrzen w\u00fcrde. Russland m\u00fcsste in diesem Szenario ebenfalls erhebliche Opfer bringen, jedoch nicht ganz so gro\u00dfe wie der Westen.<\/p>\n<p><strong>Wer regiert die USA?<\/strong><\/p>\n<p>In einer solchen Situation w\u00e4re eine Koordination, ein politisches Vorgehen mit verbundenen Kr\u00e4ften auf westlicher Seite essentiell. Bereits vor dem Krieg lagen Interessengegens\u00e4tze im Westen deutlich zutage. Der Krieg hat sie versch\u00e4rft, schon wegen der unterschiedlichen Abh\u00e4ngigkeit westlicher Staaten von russischen Energietr\u00e4gern. In dieser Situation w\u00e4re eine F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeit auf Seiten der unbestrittenen Hauptmacht des westlichen B\u00fcndnisses wichtig. John Biden ist diese F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeit nicht. Selbst die Pressesprecherin des Wei\u00dfen Hauses l\u00e4sst sich mit dem Satz ertappen: \u201eWir schicken den Pr\u00e4sidenten nicht in die Ukraine\u201c. [8] Nachdem andere f\u00fchrende Politiker gerade des Au\u00dfenministeriums mehrfach Aussagen Bidens dementiert hatten, n\u00e4hrt das weitere Zweifel, ob Biden eigentlich der Herr im Hause ist. Wenn stattdessen ein Beraterteam die F\u00e4den zieht, mag das so lange einigerma\u00dfen laufen, wie dieses Beraterteam einig ist. Sobald es in diesem Team zu Meinungsverschiedenheiten kommt, wird es im Desaster enden, dass der Mann in der eigentlichen Machtposition nicht durchsetzungsf\u00e4hig und auch nicht einsch\u00e4tzungsf\u00e4hig ist.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der letzten Arbeiten an der Niederschrift dieses Beitrags hat ntv berichtet, dass die russische Seite nun die Einnahme von Mariupol gemeldet hat. Die ukrainische Seite hat das indirekt best\u00e4tigt, indem sie vermeldete, dass das Vorgehen Russlands in Mariupol das Ende der Verhandlungen bedeuten k\u00f6nne.<\/p>\n<p><strong>Endnoten<\/strong><\/p>\n<p>[1]\u00a0 <a href=\"https:\/\/www.france24.com\/en\/europe\/20220411-live-zelensky-says-russian-forces-are-moving-to-larger-operations-in-ukraine-s-east\">https:\/\/www.france24.com\/en\/europe\/20220411-live-zelensky-says-russian-forces-are-moving-to-larger-operations-in-ukraine-s-east<\/a><\/p>\n<p>[2]\u00a0 <a href=\"https:\/\/t.me\/bbbreaking\/122784\">https:\/\/t.me\/bbbreaking\/122784<\/a><\/p>\n<p>[3]\u00a0 <a href=\"https:\/\/www.unian.net\/war\/situaciya-v-mariupole-okkupanty-zahvatili-sudno-smarta-moryakov-vyvezli-denisova-novosti-vtorzheniya-rossii-na-ukrainu-11782206.html\">https:\/\/www.unian.net\/war\/situaciya-v-mariupole-okkupanty-zahvatili-sudno-smarta-moryakov-vyvezli-denisova-novosti-vtorzheniya-rossii-na-ukrainu-11782206.html<\/a><\/p>\n<p>[4] <a href=\"https:\/\/twitter.com\/Osinttechnical\/status\/1515271628057317377\">https:\/\/twitter.com\/Osinttechnical\/status\/1515271628057317377<\/a><\/p>\n<p>[5]\u00a0 <a href=\"https:\/\/glavcom.ua\/ru\/news\/oborona-ukrainy-situaciya-v-regionah-po-sostoyaniyu-na-utro-16-aprelya-838490.html\">https:\/\/glavcom.ua\/ru\/news\/oborona-ukrainy-situaciya-v-regionah-po-sostoyaniyu-na-utro-16-aprelya-838490.html<\/a><\/p>\n<p>[6]\u00a0 <a href=\"https:\/\/www.forbes.com\/sites\/davidaxe\/2022\/04\/15\/russian-bombers-just-carpet-bombed-mariupol\/\">https:\/\/www.forbes.com\/sites\/davidaxe\/2022\/04\/15\/russian-bombers-just-carpet-bombed-mariupol\/<\/a><\/p>\n<p>[7]\u00a0 <a href=\"https:\/\/t.me\/hyevuy_dnepr\/24891\">https:\/\/t.me\/hyevuy_dnepr\/24891<\/a><\/p>\n<p>[8]\u00a0 <a href=\"https:\/\/liveuamap.com\/de\">https:\/\/liveuamap.com\/de<\/a><\/p>\n<p>[9]\u00a0 <a href=\"https:\/\/twitter.com\/FoxNews\/status\/1515059825390071809\">https:\/\/twitter.com\/FoxNews\/status\/1515059825390071809<\/a><\/p>\n<p><em>#Bild: \u00a0Kriegssch\u00e4den in Mariupol im M\u00e4rz 22Foto:\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/photo\/?fbid=328777909277865&amp;set=pcb.328778209277835\"><em>Innenministerium der Ukraine<\/em><\/a><em>, Lizenz:\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by\/4.0\/deed.en\"><em>CC By 4.0<\/em><\/a><em>,\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/politik\/welt\/der-fall-von-mariupol\/attachment\/war_damages_in_mariupol_12_march_2022_02\/\"><em>Mehr Infos<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/politik\/welt\/der-fall-von-mariupol\/\"><em>hintergrund.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 18. April 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gunnar Jeschke. In den kommenden Tagen wird sich die milit\u00e4rische Lage in der Ostukraine wohl grundlegend \u00e4ndern. Dies h\u00e4ngt mit dem Fall von Mariupol zusammen. 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