{"id":11119,"date":"2022-04-18T12:13:30","date_gmt":"2022-04-18T10:13:30","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11119"},"modified":"2022-04-18T12:13:31","modified_gmt":"2022-04-18T10:13:31","slug":"im-zerstoerten-mariupol-greueltaten-durch-neonazibataillon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11119","title":{"rendered":"Im zerst\u00f6rten Mariupol: Greueltaten durch Neonazibataillon"},"content":{"rendered":"<p><em>Guillermo Quintero. <\/em>Bevor ich in die ukrainische Hafenstadt Mariupol fahre, spreche ich mit einem jungen spanischen Journalisten, der gerade dort gewesen ist. Er erz\u00e4hlt mir unter anderem davon, dass er \u00bbDutzende Menschen befragt\u00ab habe, die \u00bballe best\u00e4tigt haben, dass \u203aAsow\u2039 wahllos mit Scharfsch\u00fctzen auf Zivilisten schie\u00dft\u00ab. Das neonazistische \u00bbAsow\u00ab-Bataillon<!--more--> hat in Mariupol sein Hauptquartier und ist Teil der ukrainischen Nationalgarde.<\/p>\n<p>Nach einer Menge Papierkram und nachdem wir Helme und kugelsichere Westen auftreiben konnten, erhalten wir die Genehmigung, nach Mariupol zu fahren. Doch die Erlaubnis kommt so pl\u00f6tzlich, dass wir nicht einmal Zeit haben zu tanken. Unser unerm\u00fcdlicher Leiter und \u00dcbersetzer erz\u00e4hlt: \u00bbMariupol ist eine Hafenstadt mit etwa einer halben Million Einwohnern, von gro\u00dfer Bedeutung f\u00fcr Donezk. Auch hier fand 2014, nach dem\u00a0<a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/224340.das-massaker-von-odessa.html\">Massaker von Odessa<\/a>, ein Referendum \u00fcber die Unabh\u00e4ngigkeit statt.\u00ab Und auch dort h\u00e4tten dabei die Unabh\u00e4ngigkeitsbef\u00fcrworter gewonnen. \u00bbIm selben Jahr begann die Konfrontation mit der Ukraine, und Pro-NATO-Kr\u00e4fte drangen in Mariupol ein.\u00ab Seitdem lebten die Menschen unter dem Kommando des \u00bbAsow\u00ab-Bataillons in Angst.<\/p>\n<p>Nachdem wir viele Kontrollpunkte passiert haben und wegen des schweren Beschusses Umwege auf uns nehmen mussten, erreichen wir die Stadt. Das erste, was ich sehe, ist ein gro\u00dfer ehemaliger Verbrauchermarkt. Hier werden humanit\u00e4re Hilfsg\u00fcter aus Russland verteilt, es gibt Tausende Menschen, Warteschlangen, Krankenwagen und Leute, die nach vermissten Angeh\u00f6rigen suchen. Dann die brutale Zerst\u00f6rung von Mariupol. \u00dcberall verbrannte, zerst\u00f6rte, bombardierte Geb\u00e4ude. Es ist ein danteskes Bild einer einst bl\u00fchenden Stadt. Zwischen den Tr\u00fcmmerhaufen liegen Abf\u00e4lle, Spielzeug, Gebrauchsgegenst\u00e4nde, ich sehe auch ein totes Tier, das ich nicht identifizieren kann.<\/p>\n<p>Wir erreichen einen mehr oder weniger sicheren Punkt, schwere Artillerie t\u00f6nt etwa 700 Meter entfernt von hier. Wir k\u00f6nnen filmen und den Leuten frei Fragen stellen. Eine Familie kocht Tee und etwas, das wie Suppe aussieht, auf einem behelfsm\u00e4\u00dfigen Grill. Ein \u00e4lterer Mann bittet mich um Essen \u2013 zum Gl\u00fcck ist mit uns zusammen ein Transporter mit humanit\u00e4rer Hilfe gekommen. Auf der einen Seite der Stra\u00dfe fegt eine Frau rund um die Ruinen, vielleicht, um wieder so etwas wie Normalit\u00e4t herzustellen. Ich frage eine Familie, warum sie trotz der Artillerieangriffe hierbleibt: \u00bbWir k\u00f6nnen nirgendwo hin. Unser Haus ist hier, und wir haben kein Geld oder irgend etwas au\u00dferhalb von hier.\u00ab Au\u00dferdem wollten sie weiter nach verlorengegangenen Verwandten suchen, wird mir erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Auf einem Spielplatz sehen wir mehrere improvisierte Gr\u00e4ber, hier scheinen die Detonationen n\u00e4her. Anwesende erkl\u00e4ren: \u00bbWir m\u00fcssen die Toten schnell begraben, um den Ausbruch von Krankheiten zu vermeiden.\u00ab Auf dem Weg zu dem Punkt, von dem aus wir zur\u00fcckkehren sollen, bleibe ich beim Anblick eines gro\u00dfen, sehr frischen Kraters stehen. Er scheint durch eine Explosion verursacht worden zu sein. Als ich mich vorsichtig dem Rand n\u00e4here, entdecke ich, dass es sich um ein Massengrab handelt. Darin liegen mehrere Leichen, die mit Plastik und Decken bedeckt sind. \u00bb\u203aAsow\u2039 hat uns sehr schlecht behandelt, sie sind schlimmer als Faschisten, sie sind Tiere\u00ab, sagt eine alte Frau, die ich treffe.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zur\u00fcck nach Donezk geht uns fast das Benzin aus \u2013 mitten im Nirgendwo, ganz in der N\u00e4he ist Artilleriefeuer zu h\u00f6ren. Nachdem wir ein halbes Dutzend zerst\u00f6rter Tankstellen passiert haben, finden wir gl\u00fccklicherweise eine funktionierende. Alle Beschriftungen sind auf ukrainisch, obwohl wir uns in einem mehrheitlich russischsprachigen Gebiet befinden. Wir haben es geschafft und die Stadt \u00fcber gro\u00dfe Umwege wieder erreicht.<\/p>\n<p>\u00bb\u203aAsow\u2039 ist in der Fabrik (\u203aAsow\u2039-Stahlkombinat im Osten von Mariupol,\u00a0<em>jW<\/em>) und im Hafen konzentriert\u00ab, erkl\u00e4rt ein Mann namens Andrej. Ihre Situation sei ausweglos, \u00bbaber in der Zwischenzeit wollen sie so viele Menschen wie m\u00f6glich t\u00f6ten, auch wenn es Zivilisten sind\u00ab. In Donezk sind Hunderte Zivilisten untergekommen, denen die Flucht aus Mariupol gelungen ist. \u00bbAus den H\u00e4usern heraus und zum humanit\u00e4ren Korridor zu kommen ist ein Kunstst\u00fcck\u00ab, sagen uns Menschen vor einem Aufnahmezentrum. Sergej und seine Partnerin wollen nicht gefilmt werden. Sie erz\u00e4hlen uns, dass sie von K\u00e4mpfern des \u00bbAsow\u00ab-Bataillons aufgehalten und aus dem Auto gezerrt worden seien. Das Auto sei ihnen gestohlen worden, ebenso wie die wenigen Dinge, die sie f\u00fcr die Flucht eingepackt hatten. Die beiden zeigen uns Bilder von dem Geb\u00e4ude, in dem sie lebten, die oberen Stockwerke sind zerst\u00f6rt. Sergej erz\u00e4hlt, ukrainische Soldaten seien in das Haus gekommen, um auf der Terrasse Position zu beziehen. \u00bbVon dort aus schossen sie auf die Russen, die unter dem Haus vorbeikamen. Sie feuerten von der Terrasse, w\u00e4hrend das Geb\u00e4ude von Zivilisten bewohnt war.\u00ab<\/p>\n<p>Die Geschichten derjenigen, mit denen wir sprechen k\u00f6nnen, \u00e4hneln sich. Eine Frau erz\u00e4hlt: \u00bbMein Mann wurde vom \u203aAsow\u2039-Bataillon angeschossen, als er die Stra\u00dfe \u00fcberquerte.\u00ab Sie habe drei Tage an seiner Seite verbracht, da er an beiden Beinen verwundet gewesen sei. \u00bbWir baten bei einem Posten der ukrainischen Armee um Hilfe, aber sie verh\u00f6hnten uns nur und schickten uns zur\u00fcck auf die Stra\u00dfe.\u00ab Als sie schon gedacht h\u00e4tten, dass er nicht \u00fcberleben werde, habe ihnen nach drei Tagen ein Arzt geholfen, ihrem Mann seien beide Beine amputiert worden. Aber: \u00bbWir haben es geschafft, mit unserer Tochter und meinem verletzten Mann den humanit\u00e4ren Korridor zu erreichen\u00ab, so die Frau weiter.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/424249.reportage-im-zerst%C3%B6rten-mariupol.html\"><em>jungewelt.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 18. April 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Guillermo Quintero. Bevor ich in die ukrainische Hafenstadt Mariupol fahre, spreche ich mit einem jungen spanischen Journalisten, der gerade dort gewesen ist. 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