{"id":11172,"date":"2022-04-28T15:31:28","date_gmt":"2022-04-28T13:31:28","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11172"},"modified":"2022-04-28T15:31:29","modified_gmt":"2022-04-28T13:31:29","slug":"china-und-der-krieg-in-der-ukraine-zwischen-russland-und-dem-westen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11172","title":{"rendered":"China und der Krieg in der Ukraine: Zwischen Russland und dem Westen"},"content":{"rendered":"<p><em>Juan Chingo. <\/em><strong>Seit Russlands Angriffskrieg in der Ukraine wandelt China auf einem geopolitischen Drahtseilakt. Hin- und hergerissen zwischen zwei Polen. Zum einen: Dem politischen Bed\u00fcrfnis, sich der mit Russland geteilten, von den USA entworfenen Weltordnung zu widersetzen. Zum Anderen: Einer starken kommerziellen und technologischen Abh\u00e4ngigkeit zum Westen<\/strong><!--more--><strong>, welche die Zur\u00fcckhaltung auf der internationalen B\u00fchne erkl\u00e4rt.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Diplomatischer Balanceakt<\/strong><\/p>\n<p>Wenn es ein Wort gibt, das Chinas Haltung seit dem Beginn des Krieges in der Ukraine beschreibt, dann ist es Vorsicht. Politisch muss es die Unterst\u00fctzung f\u00fcr Russland mit dem traditionellen Grundsatz der Achtung der nationalen Souver\u00e4nit\u00e4t und territorialen Integrit\u00e4t in Einklang bringen. Dieser wird durch die russische Invasion eindeutig verletzt. So hat Peking die Intervention Moskaus nicht ausdr\u00fccklich unterst\u00fctzt, sie aber auch nie als \u201eInvasion\u201c bezeichnet. Pr\u00e4sident Xi Jinping erkl\u00e4rte seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin, dass die Volksrepublik Russland \u201ebei der Suche nach einer Verhandlungsl\u00f6sung\u201c unterst\u00fctzen w\u00fcrde und dass die USA die Folgen der NATO-Osterweiterung untersch\u00e4tzt h\u00e4tten. Xi sagte jedoch auch, dass die Souver\u00e4nit\u00e4t und territoriale Integrit\u00e4t aller L\u00e4nder respektiert werden m\u00fcsse. Dieses Element ist f\u00fcr Peking ein sensibles Thema. Einerseits sind die ausl\u00e4ndischen Invasionen, unter denen China im 19. und 20. Jahrhundert zu leiden hatte, einschlie\u00dflich der russischen Invasion, eine allgegenw\u00e4rtige Wunde im nationalen Gewissen. Andererseits steht die Volksrepublik China Unabh\u00e4ngigkeitsbewegungen besonders feindselig gegen\u00fcber. Es wird bef\u00fcrchtet, dass diese, beispielsweise mit Unterst\u00fctzung einer rivalisierenden Macht wie den Vereinigten Staaten, dazu benutzt werden, ihr Territorium aufzuteilen. Ebenfalls k\u00f6nnte ihnen die R\u00fcckeroberung Taiwans verwehrt werden. Die starke \u00dcberwachung und Repression, der sowohl Xinjiang als auch Hongkong in letzter Zeit ausgesetzt sind, zeigen, die Relevanz des Themas.<\/p>\n<p>Noch besorgniserregender ist, dass eine Verl\u00e4ngerung des Krieges indirekt den internen und externen Interessen der Volksrepublik schaden k\u00f6nnte. Diese schlie\u00dfen auch die bereits prek\u00e4ren Beziehungen zu den Vereinigten Staaten und Europa und dem allgemeinen Image der neuen Seidenstra\u00dfe mit ein. Gleichzeitig will die chinesische Regierung die Zusammenarbeit mit Moskau aufrechterhalten (ohne eine echte Allianz mit ihnen einzugehen). Dies hat den Zweck, den heimischen Energiebedarf zu decken und das milit\u00e4rische Arsenal der Volksbefreiungsarmee durch den Kauf russischer Waffen und Technologie zu st\u00e4rken. All dies geschieht im Rahmen des geopolitischen Blocks mit dem Kreml, der als entscheidend f\u00fcr die Abwehr der US-Eind\u00e4mmungsma\u00dfnahmen im indopazifischen Raum betrachtet wird.<\/p>\n<p>All diese Elemente f\u00fchren zu einer ambivalenten oder eigenn\u00fctzig-neutralen Haltung, die sich in vagen Aufrufen zu einer friedlichen L\u00f6sung ersch\u00f6pft. Gleichzeitig werden im Allgemeinen die russische Position unterst\u00fctzt und die USA und ihre Verb\u00fcndeten beschuldigt, den Konflikt anzuheizen. Andererseits werden die Sanktionen in der Praxis weitgehend befolgt, w\u00e4hrend sie im Prinzip missbilligt werden. Mit anderen Worten: China versucht, sich so wenig wie m\u00f6glich zu exponieren. Dies wird getan, indem ein Gleichgewicht zwischen einer strategischen Partnerschaft mit Russland und der Notwendigkeit, nicht v\u00f6llig mit den USA zu brechen, hergestellt wird. Au\u00dferdem sollen die Beziehungen zur Europ\u00e4ischen Union\u00a0 verbessert werden. Beispielsweise hat die Europ\u00e4ische Kommission\u00a0 f\u00fcr den 1. April ein Gipfeltreffen zwischen Br\u00fcssel und Peking angek\u00fcndigt.<\/p>\n<p><strong>Der Krieg in der Ukraine schadet China mehr als er ihm n\u00fctzt<\/strong><\/p>\n<p>Auch wenn der Ukraine-Krieg im Mittelpunkt steht, sind damit die wichtigen Herausforderungen, die Peking vor dem Ausbruch dieses Konflikts besch\u00e4ftigten, nicht vom Tisch. Die Volksrepublik steht vor gro\u00dfen wirtschaftlichen Problemen, die mit dem Platzen der Immobilienblase, den Schwierigkeiten bei der Umstellung auf ein neues, ausgewogenes und nachhaltiges Wachstumsmodell und in den letzten Tagen mit dem Wiederaufflammen der COVID 19 Pandemie, zusammenh\u00e4ngen. Zum ersten Mal seit Jahren haben viele Kommunalverwaltungen ihre Haushaltsziele f\u00fcr die Einnahmen aus Grundst\u00fccksverk\u00e4ufen revidiert. Es gibt sogar Sparma\u00dfnahmen f\u00fcr Staatsbeamte, deren monatliche Bez\u00fcge in den letzten Monaten teilweise um ein Drittel gek\u00fcrzt wurden. Eine Quelle potenzieller sozialer Spannungen. Je schlimmer der russisch-ukrainische Krieg f\u00fcr die Weltwirtschaft wird, desto komplizierter wird der ohnehin schon schwierige wirtschaftliche \u00dcbergang Chinas.<\/p>\n<p>China profitiert vom russisch-ukrainischen Krieg in zweierlei Hinsicht. Einerseits gewinnt Peking an Einfluss, da Russland schw\u00e4cher und isolierter wird und somit st\u00e4rker auf das Wohlwollen Chinas angewiesen ist. China kann dieses Druckmittel nutzen, um bessere Konditionen bei Gesch\u00e4ften mit Rohstoffen zu erhalten. Au\u00dferdem erm\u00f6glicht es ihnen modernere Waffen zu kaufen, als Russland bisher zu verkaufen bereit war. Desweiteren kann das Renminbi-Internationalisierungsprogramm vorangetrieben werden, bei dem Russland ein williger Partner war. So kann China beispielsweise russische Produkte und Rohstoffe, die der gr\u00f6\u00dfte Teil der Welt ablehnt, zu niedrigeren Preisen aus Moskau importieren. Zumal Europa sich verpflichtet hat, die eigene Abh\u00e4ngigkeit von russischer Energie so schnell wie m\u00f6glich zu verringern. Dar\u00fcber hinaus erm\u00f6glicht der schwindende Einfluss der USA im Nahen Osten, Peking, den Einfluss in der Region zu vergr\u00f6\u00dfern. Dies zeigt sich an der Weigerung Saudi-Arabiens und der Vereinigten Arabischen Emirate, mit Joe Biden zu sprechen. Zweitens: Je mehr sich die USA auf Europa konzentrieren, desto weniger widmen sie sich dem S\u00fcdchinesischen Meer und dem asiatisch-pazifischen Raum, wo die Volksrepublik weiterhin aggressiv eine m\u00f6gliche Annexion Taiwans anstrebt.<\/p>\n<p>F\u00fcr China beginnen jedoch die Nachteile des Krieges die Vorteile zu \u00fcberwiegen, zumal ein Ende des Konflikts nicht in Sicht ist. Da die Chancen auf einen schnellen Sieg schwinden, verliert Russland den Informationskrieg, was bedeutet, dass Peking durch die enge Verbindung mit Moskau einen Kollateralschaden am eigenen Ruf erleidet. Andererseits k\u00f6nnen die Einfuhren von billigem Weizen und \u00d6l aus Russland, die durch den Krieg verursachten enormen Preissteigerungen auf den Rohstoffm\u00e4rkten, nicht ausgleichen. Ein Preisanstieg, der insbesondere bei Lebensmitteln China schwer belasten k\u00f6nnte. Dies tritt ein, sobald die Lieferungen ans Schwarze Meer unterbrochen werden und die ukrainischen Landwirte ihre Fr\u00fchjahrsernte nicht einfahren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus k\u00f6nnte die russische Aggression die USA und ihre Verb\u00fcndeten nicht nur ablenken, sondern auch die USA, Japan, und S\u00fcdkorea davon \u00fcberzeugen, ein k\u00fcnftiges ukrainisches Szenario f\u00fcr Taiwan zu vermeiden.<\/p>\n<p>Japan h\u00e4t n\u00e4mlich die eigenen milit\u00e4rischen F\u00e4higkeiten und Beziehungen zu Taiwan bereits verst\u00e4rkt. S\u00fcdkorea hingegen hat gerade einen pro-USA Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p><strong>Wirtschaftliche Abh\u00e4ngigkeit und geopolitische Klugheit<\/strong><\/p>\n<p>China tut sein Bestes, um Kollateralsch\u00e4den durch die westlichen Sanktionen gegen Russland zu vermeiden. Die gro\u00dfen Unternehmen haben sich bisher daran gehalten und werden dies wahrscheinlich auch weiterhin tun. Dies tun sie aus rein wirtschaftlichem Eigeninteresse. Der Grund daf\u00fcr ist einfach: Chinesische Unternehmen haben bei einem Versto\u00df gegen die Sanktionen mehr zu verlieren als zu gewinnen. F\u00fcr die meisten chinesischen Unternehmen ist der russische Markt zu klein, um das Risiko einzugehen, von den entwickelten M\u00e4rkten abgeschnitten zu werden oder selbst Sanktionen zu erhalten.<\/p>\n<p>Verbildlicht dargestellt also: Aus wirtschaftlicher Perspektive sind die Handelsbeziehungen mit den Vereinigten Staaten, der Europ\u00e4ischen Union und ihren Verb\u00fcndeten in Asien weitaus wichtiger als die mit Russland. China exportierte im Jahr 2021 Waren im Wert von 68 Millionen USD nach Russland. Die Ausfuhren in die USA und die EU zusammengenommen liegen bei weit \u00fcber 1 Milliarde USD.<\/p>\n<p>Aber, wie ich in einem anderen Artikel schrieb, die technologische Schw\u00e4che der Supermacht China macht sie immer noch abh\u00e4ngig von den gro\u00dfen imperialistischen M\u00e4chten. Diese sind jetzt in einer Weise vereint, wie es sie in den letzten Jahrzehnten gegen Russland nicht gegeben hat. Wie Dan Wang, Analyst bei Gavekal Research, in einer Mitteilung an seine Kunden zu Recht feststellt, veranlasst diese technologische Abh\u00e4ngigkeit China zu einer \u201egeopolitischer Zur\u00fcckhaltung\u201c:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.barrons.com\/articles\/china-russia-sanctions-51647988023?tesla=y\"><strong>Die USA und Europa sind nicht nur die Hauptabnehmer von Produkten<\/strong><\/a>, sondern China ist auch bei drei wichtigen Technologien von anderen abh\u00e4ngig: Chips, Saatgut und Luftfahrt\u2026. China bem\u00fcht sich aktiv darum, seine Abh\u00e4ngigkeit vom Westen zu verringern, zumal die USA versuchen, seinen Zugang zu kritischen Technologien aus Gr\u00fcnden der nationalen Sicherheit einzuschr\u00e4nken, wie sie es mit den Exportkontrollen gegen Huawei Technologies getan haben. Doch trotz aggressiver Investitionen wird es noch eine Weile dauern, bis China den Westen nicht mehr braucht, weshalb sich China laut Wang in \u201egeopolitischer Zur\u00fcckhaltung\u201c \u00fcbt.<\/p>\n<p>Noch bedrohlicher ist, dass diese fortgesetzte Abh\u00e4ngigkeit, das Vertrauen des Westens in die geopolitische Zur\u00fcckhaltung Chinas st\u00e4rken sollte. Dies h\u00e4ngt mit den Sanktionen gegen Russland zusammen. Sie gaben China einen Vorgeschmack darauf, was bei einer Konfrontation mit dem Westen drohen k\u00f6nnte.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.barrons.com\/?mod=BOL_LOGO\"><strong>Wang erkl\u00e4rt<\/strong><\/a>: \u201eWenn \u00e4hnliche Sanktionen jemals gegen China verh\u00e4ngt w\u00fcrden, sei es wegen der Unterst\u00fctzung Russlands oder wegen eines Angriffs auf Taiwan, w\u00e4ren sie verheerend f\u00fcr Chinas F\u00e4higkeit, eine produzierende Supermacht zu bleiben\u201d.<\/p>\n<p>In \u00e4hnlicher Weise k\u00f6nnte das v\u00f6llig illegale Einfrieren der russischen Zentralbankreserven auch eine deutliche Botschaft an China gesendet haben, das etwa 2 bis 3 Milliarden USD in Form von US-Staatsanleihen h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Diese harte Realit\u00e4t erkl\u00e4rt, warum China die gegen Russland verh\u00e4ngten Sanktionen rhetorisch verurteilt hat. Sich gleichzeitig aber aufgrund der Notwendigkeit, den Zugang zu diesen Technologien und den Zugang zu den Weltm\u00e4rkten zu erhalten, in der Reaktion zur\u00fcckh\u00e4lt. Mit anderen Worten: Die \u201egrenzenlose Freundschaft\u201c Moskaus und Pekings st\u00f6\u00dft auf die un\u00fcberwindbare Grenze der globalen \u00dcberlegenheit des imperialistischen Weltsystems. Dieses wird nach wie vor von den Vereinigten Staaten dominiert. In diesem Zusammenhang ist es trotz Putins Bedenken klar, dass Peking nicht f\u00fcr Moskau sterben wird.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/china-und-der-krieg-in-der-ukraine-zwischen-der-allianz-mit-russland-und-der-abhaengigkeit-zum-westen\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 28. April 2022 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Juan Chingo. Seit Russlands Angriffskrieg in der Ukraine wandelt China auf einem geopolitischen Drahtseilakt. 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