{"id":11182,"date":"2022-04-29T17:54:38","date_gmt":"2022-04-29T15:54:38","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11182"},"modified":"2022-04-29T17:54:40","modified_gmt":"2022-04-29T15:54:40","slug":"russische-bergleute-arbeiten-unter-sklavenaehnlichen-bedingungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11182","title":{"rendered":"Russische Bergleute arbeiten unter \u201esklaven\u00e4hnlichen Bedingungen\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em>Andrea Peters. <\/em>Etwas mehr als f\u00fcnf Monate nach einer Explosion im Bergwerk von Kemerowo, im S\u00fcdwesten Sibiriens bei der 51 Arbeiter ums Leben kamen, erkl\u00e4rte der russische Generalstaatsanwalt Igor Krasnow am Mittwoch vergangener Woche, eine Untersuchung habe ergeben, dass die Bergleute des Listwjaschnaja-Schachts \u201eunter sklaven\u00e4hnlichen Bedingungen arbeiten mussten\u201c. Er nannte<!--more--> das Fehlen von pers\u00f6nlicher Schutzausr\u00fcstung und die Missachtung von Arbeits- und Freizeitpl\u00e4nen als nur zwei von 3.000 Verst\u00f6\u00dfen, die in dem Bergwerk aufgedeckt wurden. In anderen Betrieben in ganz Russland seien viele Tausend weitere Verst\u00f6\u00dfe festgestellt worden, sagte er.<\/p>\n<p>Krasnows Eingest\u00e4ndnis soll Besorgnis vort\u00e4uschen, ist aber nicht mehr als ein halbherziger Versuch, der weit verbreiteten Wut \u00fcber die verheerenden Bedingungen in vielen russischen Betrieben zu begegnen. Die wahre Haltung der herrschenden Elite des Landes zeigt sich darin, dass ein hoher Beamter, der f\u00fcr die Fortsetzung der groben Verst\u00f6\u00dfe in Listwjashnaja verantwortlich gemacht wird, Alexander Mironenko, gerade zum Berater der Regionalregierung von Kuzbass ernannt wurde. Er wird insbesondere f\u00fcr die Beratung in sozio\u00f6konomischen Fragen zust\u00e4ndig sein.<\/p>\n<p>Im Dezember mussten die Bergleute von Listvyazhnaya einen so genannten \u201eVerantwortungseid\u201c ablegen, in dem sie sich zur Einhaltung von Sicherheitsstandards verpflichteten. Die Bergwerksbetreiber taten dies nicht. Trotz des Versprechens, dass die Rettungskr\u00e4fte, von denen f\u00fcnf M\u00e4nner bei der Katastrophe im November letzten Jahres ums Leben kamen, in Anerkennung ihres Heldentums ausgezeichnet werden sollten, wurde bisher nichts unternommen, und Nachrichtenberichte deuten darauf hin, dass die Beh\u00f6rden dies auch nicht vorhaben.<\/p>\n<p>In den Tagen nach Krasnows Erkl\u00e4rung gab es mehrere Todesf\u00e4lle in der Rohstofff\u00f6rderung, der Metallindustrie und der Bauindustrie des Landes.<\/p>\n<p>Am Montag vergangener Woche forderte die Explosion einer Wasserleitung in einem Bergwerk in der russischen Region Kuzbass einen Toten und einen Verletzten, 200 weitere Personen mussten evakuiert werden. Zwei Tage zuvor waren drei Arbeiter bei einer Explosion in einer der gr\u00f6\u00dften russischen Kupferminen in Orenburg, nahe der Grenze zu Kasachstan, ums Leben gekommen. Weitere 58 Menschen, die mehr als einen Kilometer unter der Erde arbeiteten, konnten rechtzeitig gerettet werden. Offenbar waren Sicherheitsverst\u00f6\u00dfe die Ursache.<\/p>\n<p>Anfang April bedrohte ein Brand in einer Phosphatmine in Murmansk das Leben von 110 Bergleuten. Zur gleichen Zeit wurden zwei Arbeiter im Taldinskaja-Zapadnaja-Bergwerk in Kemerowo unter Tage eingeschlossen, als ein Dach auf sie einst\u00fcrzte. Einige Wochen zuvor wurde die Leiche eines Arbeiters des Bergwerks Osinnikovskaya in der gleichen Region aus den Tr\u00fcmmern geborgen. Er war durch eine Kombination aus Gasleck und Steinschlag erstickt und erdr\u00fcckt worden.<\/p>\n<p>Im Januar starb ein 33-j\u00e4hriger Mann in Miass, einer Stadt in der Region Tscheljabinsk, in einer Metallschrottfabrik, nachdem er sich beim Entladen von Material verletzt hatte. Im selben Monat st\u00fcrzte ein Arbeiter in Moskau in den Tod, als das Kabel einer Aufzugskabine, die er gerade reparierte, nachgab. Mittwoch vergangener Woche kam ein weiterer Arbeiter in der russischen Hauptstadt auf \u00e4hnliche Weise ums Leben, als er auf einer Baustelle 33 Stockwerke tief in einen Aufzugsschacht st\u00fcrzte. Am Sonntag st\u00fcrzte ein 52-j\u00e4hriger Angestellter der Maschinenbaufirma Uralvagonzavod ebenfalls in den Tod. Wenige Tage zuvor wurde ein 26-J\u00e4hriger in einem Materialverarbeitungsbetrieb in Lipezk, einer Stadt mit knapp \u00fcber 500.000 Einwohnern im Westen Russlands, von einer Maschine erdr\u00fcckt. Am Dienstag wurde ein Landarbeiter, Mitte 40, auf einem Bauernhof in der Region Tambow von einem Traktor \u00fcberrollt.<\/p>\n<p>Die Liste l\u00e4sst sich beliebig fortsetzen. Offiziellen Regierungsstatistiken zufolge sterben jedes Jahr Tausende russische Arbeiter bei Arbeitsunf\u00e4llen. Einige Forschungsinstitute, die wahrscheinlich andere Ma\u00dfst\u00e4be zur Messung der Daten verwenden, gehen von Zehntausenden aus.<\/p>\n<p>Die Todesf\u00e4lle und Katastrophen in der russischen Schwerindustrie gehen einher mit den ersten Anzeichen eines wachsenden Widerstands der Arbeiterklasse.<\/p>\n<p>Die Besch\u00e4ftigten der M\u00fcllabfuhr in Nowosibirsk, einer russischen Gro\u00dfstadt mit mehr als 1,5 Millionen Einwohnern und einem gro\u00dfen Industriegebiet, streiken. 211 M\u00fcllm\u00e4nner legten vor mehr als einer Woche die Arbeit nieder. Sie protestieren gegen die schlechte Qualit\u00e4t der Maschinen, mit denen sie arbeiten m\u00fcssen, sowie Vertragsverletzungen und unzureichende L\u00f6hne.<\/p>\n<p>In Sachalin, im \u00e4u\u00dfersten Osten Russlands, streiken die Arbeiter einer Gefl\u00fcgelfabrik, weil das Unternehmen ihnen die L\u00f6hne nicht auszahlt und die Entsch\u00e4digungen zu niedrig sind. Die Lohnr\u00fcckst\u00e4nde nehmen in Russland zu, was eine Folge der durch die antirussischen Sanktionen ausgel\u00f6sten Wirtschaftskrise ist.<\/p>\n<p>Die Taxifahrer protestieren. In Twer verweigerten Mitte April 100 von ihnen die Arbeit und erkl\u00e4rten gegen\u00fcber der Presse, dass sie sich in einer unm\u00f6glichen Situation befinden. \u201eErsatzteile sind teuer, Autos sind teuer, Benzin ist teuer\u201c, sagten sie gegen\u00fcber\u00a0<em>Tatar-inform<\/em>. F\u00fcr eine Fahrt von 15 Kilometern erhalten sie etwa 200 Rubel, was nach dem derzeitigen Wechselkurs etwa 2,60 Euro entspricht.<\/p>\n<p>In Moskau streiken die Angestellten des Kurierdienstes Delivery Club, weil das Unternehmen die Art und Weise, wie ihre Verg\u00fctung berechnet wird, so ge\u00e4ndert hat, dass die Mehrheit der Besch\u00e4ftigten eine Lohnsenkung von 20 Prozent hinnehmen musste. Die Wut unter den Besch\u00e4ftigten ist gro\u00df. Im Februar entlie\u00df Delivery Club einen Mitarbeiter, weil er seine 14-Stunden-Schicht vers\u00e4umt hatte, um an der Beerdigung seiner Mutter teilzunehmen. Der Anf\u00fchrer des Protestes der Delivery-Club-Besch\u00e4ftigten wurde gerade von der Polizei festgenommen. Es wird ihm vorgeworfen illegale Versammlungen abzuhalten.<\/p>\n<p>Im Januar protestierten \u00c4rzte, Sanit\u00e4ter und Krankenwagenfahrer in Ishimbay, einer Stadt mit rund 65.000 Einwohnern in der russischen Republik Baschkortostan, mit einer \u201eArbeit-nach-Vorschrift-Aktion\u201c gegen Hungerl\u00f6hne, massive Unterbesetzung und Verst\u00f6\u00dfe gegen ihre Arbeitszeiten. Sie sagen, dass die bestbezahlten unter ihnen nur 29.000 Rubel im Monat (380 Euro) nach Hause bringen, wobei viele weit weniger verdienen.<\/p>\n<p>In einer \u00f6ffentlichen Erkl\u00e4rung, die an lokale, regionale und nationale Beamte, einschlie\u00dflich Pr\u00e4sident Wladimir Putin, gerichtet war, erkl\u00e4rten die Mediziner: \u201eWir erf\u00fcllen gewissenhaft unsere Pflichten, aber unser Berufsstolz erlaubt es uns nicht, zuzusehen, wie unseren Mitb\u00fcrgern die medizinische Notfallversorgung vorenthalten wird. Wir sind gegen die Entsendung von Ambulanzbrigaden, die nicht vollst\u00e4ndig besetzt sind, wenn statt der gesetzlich vorgeschriebenen zwei Sanit\u00e4ter nur einer zur Verf\u00fcgung steht. Wir sind quasi gezwungen, gegen die Standards der medizinischen Versorgung zu versto\u00dfen.\u201c<\/p>\n<p>Als Vergeltungsma\u00dfnahme wurden die Anf\u00fchrer des Arbeitskampfes entlassen. Einige von ihnen erhielten Anrufe, in denen ihnen mitgeteilt wurde, dass ihr Arbeitsverh\u00e4ltnis gek\u00fcndigt worden sei, weil sie angeblich per Post aufgefordert worden seien am Wochenende zu arbeiten aber nicht zur Schicht erschienen seien. Sie hatten allerdings nie ein solches Schreiben erhalten und angesichts der kurzen Frist auch gar nicht erhalten k\u00f6nnen. Nachdem sie gegen dieses Vorgehen protestierten, wurden einige von ihnen inzwischen wieder eingestellt.<\/p>\n<p>Die verheerenden Bedingungen, mit denen die Mehrheit der russischen Arbeiter konfrontiert ist, steht in direktem Zusammenhang mit einer wachsenden Wirtschaftskrise. Die\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/en\/articles\/2022\/04\/14\/c3b7-a14.html\">Inflation,<\/a>\u00a0insbesondere bei den grundlegenden Verbrauchsg\u00fctern, steigt drastisch an, so dass viele lebenswichtige G\u00fcter f\u00fcr die Arbeiter unerschwinglich werden und Millionen von ihnen zu verarmen drohen. Die Bem\u00fchungen Washingtons und der NATO, die Regierung Putin durch die Herbeif\u00fchrung einer wirtschaftlichen Katastrophe im Lande zu st\u00fcrzen, fordern ihren Tribut und verst\u00e4rken die brutalen Angriffe der russischen herrschenden Klasse auf die eigene Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p><em>#Bild: Menschen legen Blumen nieder und z\u00fcnden Kerzen an zum Gedenken an die toten Bergleute in der Listwjaschnaja-Grube in der sibirischen Stadt Kemerowo, etwa 3.000 Kilometer \u00f6stlich von Moskau, Freitag, 3. Dezember 2021 (AP Photo\/Sergei Gavrilenko)\u00a0[AP Photo\/Sergei Gavrilenko]<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2022\/04\/28\/russ-a28.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 29. April 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andrea Peters. Etwas mehr als f\u00fcnf Monate nach einer Explosion im Bergwerk von Kemerowo, im S\u00fcdwesten Sibiriens bei der 51 Arbeiter ums Leben kamen, erkl\u00e4rte der russische Generalstaatsanwalt Igor Krasnow am Mittwoch vergangener Woche, eine &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":11183,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[25,29,87,26,22,49,27,17],"class_list":["post-11182","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kampagnen","tag-arbeiterbewegung","tag-arbeitskaempfe","tag-arbeitswelt","tag-gewerkschaften","tag-politische-oekonomie","tag-repression","tag-russland","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11182","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11182"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11182\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11184,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11182\/revisions\/11184"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/11183"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11182"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=11182"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=11182"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}