{"id":11189,"date":"2022-04-30T16:57:14","date_gmt":"2022-04-30T14:57:14","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11189"},"modified":"2022-04-30T16:57:15","modified_gmt":"2022-04-30T14:57:15","slug":"der-krieg-um-die-ukraine-nationale-verteidigung-oder-imperialistischer-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11189","title":{"rendered":"Der Krieg um die Ukraine: Nationale Verteidigung oder imperialistischer Krieg?"},"content":{"rendered":"<p><em>Markus Lehner. <\/em>Bei aller Ablehnung der imperialistischen Aggression, die der russische Angriff Ende Februar auf die Ukraine darstellt, m\u00fcssen sich Marxist:innen tiefer gehende Fragen nach dem Hintergrund des Konflikts stellen, deren Beantwortung auch eine langfristige Klassenperspektive zur L\u00f6sung der zugrundeliegenden Widerspr\u00fcche er\u00f6ffnet. Wie auch der Bundeskanzler<!--more--> verk\u00fcndete, handelt es sich beim Ukrainekrieg um eine \u201eZeitenwende\u201c wie einst bei dem Fall der Berliner Mauer oder dem 11. September 2001.<\/p>\n<p><strong>Zeitenwende und Ideologisierung<\/strong><\/p>\n<p>US-Pr\u00e4sident Biden erkl\u00e4rte k\u00fcrzlich in Warschau, dass es sich um den Auftakt f\u00fcr einen langen, weltweiten Krieg \u201ef\u00fcr Demokratie und westliche Werte\u201c handelt. Dieses \u201eNarrativ\u201c wird in den westlichen Medien denn auch t\u00e4glich durch Berichte \u00fcber barbarische russische Kriegsf\u00fchrung und heldenhaften ukrainischen Widerstand \u201ef\u00fcr unsere Sache\u201c wiederholt. Jede Relativierung dieser Sicht oder selbst eine zu z\u00f6gerliche Parteinahme f\u00fcr die Sache der \u201eVaterlandsverteidigung\u201c der Ukraine geraten sofort zum Verdachtsfall des \u201eAppeasements\u201c oder gar des verr\u00e4terischen Kapitulantentums. Russland, noch vor wenigen Jahren ein G 20-\u201ePartner\u201c, der in die Entwicklung des globalen Kapitalismus durch seinen Rohstoffreichtum und gro\u00dfe\u00a0 Finanzmagnat:innen eingebunden war, wird pl\u00f6tzlich zum \u201etotalit\u00e4ren System\u201c, das mit seinem Gro\u00dfmachtstreben Freiheit und Weltfrieden bedroht. Die NATO dagegen sei ein \u201ereines Verteidigungsb\u00fcndnis\u201c, das nur aufgrund der gerechtfertigten Besorgnisse der osteurop\u00e4ischen L\u00e4nder und des Baltikums seine Milit\u00e4rmacht immer n\u00e4her an die Grenzen der russischen F\u00f6deration ausgedehnt habe.<\/p>\n<p>Diese Ideologisierung des NATO-Russland-Konflikts und Verharmlosung der Sprengkraft der Ann\u00e4herung der Ukraine an EU und NATO in ihrer Bedeutung f\u00fcr die Entstehung des Krieges ergibt sich letztlich aus der Verschleierung des tats\u00e4chlichen Charakters des \u201eWestens\u201c und seiner \u201eWerte\u201c. Diese sind die gro\u00dfen Kapitale (Monopole) in Nordamerika, Britannien, den zentralen EU-Staaten, Japan und Australien \u2013 Staaten, die etwa ein F\u00fcnftel der Weltbev\u00f6lkerung umfassen, aber bis zu 80 % der weltweiten Verm\u00f6gen auf sich vereinigen.<\/p>\n<p>Dieser Reichtum begr\u00fcndet eine bestimmte \u201eLiberalit\u00e4t\u201c und ein Regime, das es erlaubt, soziale und \u00f6kologische Widerspr\u00fcche aufgrund der Extraprofite zumindest kleiner zu halten. Diese werden insbesondere durch ein globales Ausbeutungsregime erzielt, das immer noch am besten durch den Begriff Imperialismus beschrieben und verstanden werden kann. Nur die Form der Aufteilung der Welt hat sich vom Kolonialismus zu einem komplexen Netzwerk aus Halbkolonien und ihrer Kontrolle durch Kapitalstr\u00f6me, internationale Finanz-, Wirtschafts- und Politikinstitutionen gewandelt. In diesem Zusammenhang spielt insbesondere die milit\u00e4rische Supermacht der USA und ihrer B\u00fcndnisse die Rolle der \u201eVerteidigung\u201c genau dieser \u201eWerte\u201cordnung.<\/p>\n<p><strong>Neue Player<\/strong><\/p>\n<p>Seit den 1990er Jahren sind in dieser globalen Ordnung mindestens zwei neue Player aufgetaucht: China und Russland. Insbesondere China war entscheidend daf\u00fcr, dass die \u00dcberakkumulationskrise des alten US-gef\u00fchrten Imperialismus zeitweise \u00fcberwunden werden und eine mit \u201eGlobalisierung\u201c bezeichnete Aufschwungperiode einsetzen konnte. Der grundlegende Widerspruch dieser Periode war, dass sie einerseits die Profitraten auch der \u201ewestlichen\u201c Imperialist:innen wieder stabilisierte, aber andererseits die bisherige Hegemonin USA gegen\u00fcber ihren Konkurrent:innen weiter schw\u00e4chte (industriell, im Welthandel, institutionell etc.). Durch die Auswirkungen der gro\u00dfen Rezession 2008\/2009 geriet selbst die Profitentwicklung in den USA durch wachsende Verschuldungsprobleme und schwache Au\u00dfenhandelsentwicklung immer schlechter.<\/p>\n<p>Der weitere Aufstieg Chinas und instabilere politische Verh\u00e4ltnisse in den USA f\u00fchrten zu einer Abkehr Letzterer von der Politik der Globalisierung und einer immer mehr konfrontativen Politik gegen\u00fcber Russland und China. Wie Lenin es in seiner Schrift zum Imperialismus darstellt: Die Aufteilung der Welt durch die gro\u00dfen Monopole, die sich nur in der Politik der Gro\u00dfm\u00e4chte spiegelt, f\u00fchrt durch die \u201etektonische\u201c Verschiebung der \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisse irgendwann zu einer Zuspitzung der Widerspr\u00fcche im imperialistischen System, die sich nur noch \u201emit Gewalt\u201c l\u00f6sen l\u00e4sst. Was immer die politischen Akteur:innen vor 1914 oder 1939 erreichen wollten oder ihre \u201edemokratischen\u201c oder \u201etotalit\u00e4ren\u201c Absichten waren \u2013 es waren letztlich die enormen Widerspr\u00fcche und Krisen der bestehenden \u201eWeltordnung\u201c, die sie in einen Krieg um die Neuaufteilung und -ordnung der Welt zwangen. Nicht die Absichten der politischen F\u00fchrungen sind das Entscheidende, sondern ob die einzige Klasse, die dieser kapitalistischen Weltunordnung ein Ende bereiten kann \u2013 die Arbeiter:innenklasse \u2013 dieser Entwicklung mit Entschiedenheit entgegentritt.<\/p>\n<p><strong>Zuspitzung<\/strong><\/p>\n<p>Die Zuspitzung rund um die Ukraine seit den 1990er Jahren kann nur in diesem Zusammenhang verstanden werden. Wie der Balkan vor 1914 hat sich der Konflikt um die Ukraine schon lange als Pulverfass an der Lunte f\u00fcr einen imperialistischen Krieg entwickelt. Sowohl durch den Charakter als Vielv\u00f6lkerstaat mit einer gro\u00dfen russischsprachigen Minderheit im S\u00fcden und Osten als auch durch die fortbestehenden Verbindungen ihrer \u00d6konomie mit Russland hatte sich die Ukraine nach 1991 zun\u00e4chst in Abh\u00e4ngigkeit vom sich neu etablierenden russischen Imperialismus befunden \u2013 was sich auch in einem fragilen System aus west- und ostukrainischen politischen Kr\u00e4ften und Oligarch:innen dargestellt hat. Dagegen hatte sich insbesondere in der Westukraine eine starke nationalistische (bis rechtsextreme) politische Bewegung herausgebildet, die einer \u201eprowestlichen\u201c Orientierung im Bruch mit der russischen Dominanz zum Durchbruch verhelfen wollte. Dies f\u00fchrte letztlich zum B\u00fcrgerkrieg, als wegen der Frage der EU-Assoziation durch die \u201eMaidan-Bewegung\u201c das den bisherigen Kompromiss repr\u00e4sentierende Regime Janukowytsch 2014 gest\u00fcrzt wurde. Die Annexion der Krim und die Abtrennung der Volksrepubliken Luhansk und Donezk waren die Folge. W\u00e4hrend die F\u00fchrung der EU um Deutschland und Frankreich den Konflikt durch einen \u201eAusgleich\u201c, in den Abkommen von Minsk, zu entsch\u00e4rfen suchte, waren die USA und die nationalistische F\u00fchrung in Kiew von Anfang an gegen einen solchen neuen Kompromiss mit Moskau oder den Vertreter:innen der russischen Minderheit \u2013 und f\u00fchrten den Krieg auf eingefrorenen Frontlinien seitdem unvermindert fort.<\/p>\n<p>Warum kam es zu einer solch offensichtlichen Differenz zwischen den USA und im Gefolge auch Britannien und dem Rest der EU? F\u00fcr Letztere war eine Einbindung Russlands, seines enormen Rohstoffpotentials und seiner milit\u00e4rischen Kapazit\u00e4ten immer schon eine Option, um eine gewisse unabh\u00e4ngigere Rolle gegen\u00fcber der schw\u00e4cher werdenden US-Hegemonin zu erlangen. Die EU-Politik ging davon aus, dass sich der Ukrainekonflikt \u00e4hnlich wie derjenige in Jugoslawien auf der Ebene von Abkommen und Handelsbeziehungen einfrieren lassen k\u00f6nnte, damit sich die Spannungen zu Russland letztlich in Grenzen halten w\u00fcrden. F\u00fcr die USA war dagegen die Ukraine ein strategischer Angriffspunkt auf das russisch-chinesische B\u00fcndnis, das sie seit langem als gef\u00e4hrlichen Hauptkonkurrenten in der Weltordnung ausgemacht haben. Aufgrund der schlechten Performance der ukrainischen Armee 2014 begannen die USA und Britannien daher seit 2016 mit dem systematischen Aufbau einer schlagkr\u00e4ftigen ukrainischen Streitmacht. Die Ukraine, ein Land das seit 2015 praktisch bankrott ist, hochverschuldet und unter Schuldenregime von IWF-Pakten dahinvegetiert, gibt j\u00e4hrlich einen Gro\u00dfteil ihrer Einnahmen f\u00fcr Milit\u00e4rausgaben aus und erhielt dazu noch j\u00e4hrlich Milit\u00e4rhilfe aus dem Westen in Milliardenh\u00f6he (allein von Anfang des Jahres bis zum Beginn des Krieges waren es noch mal G\u00fcter im Wert von 5 Milliarden US-Dollar). Damit konnten nicht nur wichtige Waffensysteme (Drohnen, Raketen, panzerbrechende Waffen, Luftabwehr etc.) mit entsprechender Ausbildung verbreitet werden, sondern es wurde auch eine Infrastruktur der Unterst\u00fctzung geschaffen, von der Kommunikation \u00fcber die Aufkl\u00e4rung (Satellitensysteme) bis zur strategisch-taktischen F\u00fchrung.<\/p>\n<p><strong>Innerimperialistische Zuspitzung<\/strong><\/p>\n<p>Damit wird auch klar, dass sich der Krieg in der Ukraine wesentlich von solchen imperialistischer Armeen gegen diejenigen einer Halbkolonie, wie etwa USA gegen Irak oder UK gegen Argentinien, unterscheidet. Es steht hier nicht die hilflose, waffentechnisch hoffnungslos unterlegene Armee einer Halbkolonie einem tausendfach milit\u00e4rtechnisch \u00fcberlegenen Imperialismus gegen\u00fcber. Es handelt sich vielmehr um eine vom westlichen Imperialismus systematisch auf diesen Krieg vorbereitete und hochger\u00fcstete, die f\u00fcr die Interessen ihrer Geldgeber:innen zu k\u00e4mpfen hat. Mit Kriegsausbruch hat sich ihre Unterst\u00fctzung nochmals vervielfacht. Dies nicht nur in Bezug auf Waffenlieferungen, sondern auch Aufkl\u00e4rung, Ausbildung, strategische Beratung und \u00f6konomische Hilfe.<\/p>\n<p>Wenn der deutsche Bundeskanzler sagt, er wisse nicht, ab wann Waffenlieferungen ein Land zur Kriegspartei machen, so bringt er darin unbewusst zum Ausdruck, dass rein formelle Kriterien zur Frage, ob die NATO-L\u00e4nder bereits im Krieg seien (oder das erst der Fall ist, wenn z. B. ukrainische Jets von NATO-Flugpl\u00e4tzen starten), nicht ausreichen. De facto sind die NATO-Staaten l\u00e4ngst Kriegspartei und eindeutig in die ukrainische Kriegsf\u00fchrung eingebunden. Der einzige Grund, warum die Ukraine hier \u201estellvertretend\u201c handelt, ist nat\u00fcrlich die Gefahr einer Ausweitung des Krieges zu einer direkten NATO-Russland-Konfrontation, die auch den Einsatz von Nuklearwaffen mit einbeziehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die Art und Weise, in der im herrschenden Demokratie-Kriegsnarrativ inzwischen die Gefahr eines Nuklearkrieges heruntergespielt wird, dient dazu, ein immer offensiveres und direkteres Eingreifen in der Ukraine zu rechtfertigen \u2013 letztlich mit dem Ziel, sie so weit hochzur\u00fcsten und mehr oder weniger offen einzugreifen, um Russland milit\u00e4risch und politisch zu besiegen. Nat\u00fcrlich kann auch ein begrenzter innerimperialistischer Krieg nicht prinzipiell ausgeschlossen werden. Die Logik der Ausweitung der Kriegshandlungen ist aber im aktuellen Konflikt direkt angelegt.<\/p>\n<p>Die Eskalationsstrategie der ukrainischen F\u00fchrung samt ihrer Unterst\u00fctzer:innen im Pentagon macht eine solche Zuspitzung wahrscheinlicher \u2013 einschlie\u00dflich der Gefahr der Ausweitung zu einem Dritten Weltkrieg. Auch in diesem Sinn ist dieser Krieg nicht einfach als isolierter russisch-ukrainischer Konflikt zu betrachten. \u00c4hnlich wie in Serbien 1914 ist der Weg vom Regionalkonflikt zum Weltkrieg hier ein sehr kurzer. Und so wie die Linken in der Zweiten Internationale damals m\u00fcssen wir der Frage der Abwendung eines solchen verheerenden Weltkrieges eindeutig h\u00f6heres Gewicht einr\u00e4umen als der Frage der Verteidigung der angegriffenen Halbkolonie \u2013 weswegen wir auch eindeutig gegen Waffenlieferungen an die ukrainische Armee Stellung beziehen und f\u00fcr ihre Verhinderung eintreten.<\/p>\n<p><strong>\u00d6konomischer Krieg<\/strong><\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich hat die innerimperialistische Zuspitzung der Situation auch einen unmittelbar \u00f6konomischen Aspekt. Die Wirtschaftssanktionen des Westens (Ausschluss aus SWIFT, Einfrieren der internationalen Devisenreserven der russischen Zentralbank, Aussetzen der Aktivit\u00e4ten westlicher Konzerne in Russland, weitreichende Handelseinschr\u00e4nkungen etc.) sind tats\u00e4chlich von einem historisch noch nie gesehenen Ausma\u00df (nicht einmal in den bisherigen Weltkriegen so umfangreich). Sie sind derart gravierend, dass einige Wirtschaftszeitungen auch in den USA r\u00e4tselten, ob zuerst Russland oder der Westen unter ihren \u00f6konomischen Auswirkungen schwere Krisen erleiden w\u00fcrde. Darauf deutet auch eine gewichtige Ausnahme hin: Die \u00d6l- und Gaslieferungen aus Russland wurden nicht gestoppt, sondern angeblich werden diese nur langfristig reduziert.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich w\u00fcrden insbesondere zentrale EU-\u00d6konomien durch ein solches Embargo wohl innerhalb kurzer Zeit durch die Last der ohnehin schon hohen Energiepreise vollends in schwere Rezessionen rutschen. Klarerweise sind die USA wesentlich weniger von diesem Problem betroffen und dr\u00e4ngen so, auch mithilfe ihrer Verb\u00fcndeten in der Ukraine und in Osteuropa, umso st\u00e4rker auf eine Energiewende zu ihren Gunsten. Viel mehr wird aber mit der Sanktionspolitik und der \u201eNeuaufteilung der M\u00e4rkte\u201c auch China getroffen. Es hat sich zwar wie Indien nicht direkt der Sanktionspolitik angeschlossen, aber agiert angesichts der Furcht vor sekund\u00e4ren Sanktionen vorsichtig. China f\u00fcrchtet den Verlust von hohem Investment in der Ukraine und der EU und eine wachsende Tendenz zur Umorientierung der westlichen Lieferketten weg von chinesischem Kapitaleinfluss. Andererseits muss China aufgrund seines Energie- und Rohstoffbedarfs wie auch in der Konkurrenzsituation zu den USA notwendigerweise eine weitere Ausdehnung seines Russlandgesch\u00e4fts betreiben. F\u00fcr es birgt ein Zusammenbruch des russischen Regimes enorme Risiken, ja k\u00f6nnte sich als politische Katastrophe\u00a0 erweisen. Daher wird es Putin und sein Herrschaftssystem vielmehr st\u00fctzen m\u00fcssen, selbst wenn Peking die Politik Moskaus als Abenteurertum betrachten mag. Angesichts der \u00f6konomischen und politischen Krisenentwicklung in China selbst ist daher die Gefahr einer Ausweitung des interimperialistischen Konflikts auch auf diese asiatische Supermacht durchaus m\u00f6glich (Stichwort S\u00fcdchinesisches Meer).<\/p>\n<p><strong>Selbstbestimmung, Krieg und Imperialismus<\/strong><\/p>\n<p>Wie Lenin es in seinen Schriften zur nationalen Frage in der imperialistischen Epoche beschrieben hat: Einerseits ist mit der Aufteilung der Welt unter die Gro\u00dfm\u00e4chte das Zeitalter der \u201eVaterlandsverteidigung\u201c in den entwickelten kapitalistischen Nationen zu Ende \u2013 ein Krieg zwischen imperialistischen M\u00e4chten ist ein r\u00e4uberischer, menschenverachtender um die Wahrung von Einflusssph\u00e4ren und Profite, ganz gleich wer Angreifer:in oder Verteidiger:in ist.<\/p>\n<p>Andererseits erscheint der Kampf um demokratische und nationale Selbstbestimmung f\u00fcr die (neo-)kolonisierten restlichen L\u00e4nder dieser Welt im Verh\u00e4ltnis zu diesen Gro\u00dfm\u00e4chten umso wichtiger zu werden. Gegen\u00fcber der Okkupation durch eine imperialistische Macht hat eine angegriffene (Halb-)Kolonie daher sehr wohl das Recht auf Selbstverteidigung und muss daf\u00fcr auch dann unterst\u00fctzt werden, wenn es keine fortschrittliche F\u00fchrung der Verteidigung gibt.<\/p>\n<p>Wie Lenin aber klarmacht, stehen diese Fragen von imperialistischem Krieg und nationaler Selbstverteidigung in einem dialektischen Spannungsverh\u00e4ltnis. In der imperialistischen Epoche stellen das Kapital und seine Bewegungsgesetze eine globale Totalit\u00e4t dar. Sie bestimmen daher auch die Bewegungsform dieses Widerspruchs. In jedem Kampf einer unterdr\u00fcckten Nation gegen einen Imperialismus kommen nat\u00fcrlich Elemente vor, in denen die unterdr\u00fcckte Nation von einem\/r imperialistischen Konkurrent:in unterst\u00fctzt wird. Selbst f\u00fcr den Irak gab es ja eine gewisse St\u00e4rkung durch Russland (auch mit ungen\u00fcgenden Waffen) gegen\u00fcber dem US-Imperialismus. Aber dies stellte einen untergeordneten, unwesentlichen Aspekt dar.<\/p>\n<p>Andererseits sind imperialistische Kriege durchzogen von nationalen Befreiungskriegen (Serbien im Ersten Weltkrieg ist nur eines von vielen Beispielen). Auch geht oft das eine in das andere \u00fcber \u2013 so auch z. B. in B\u00fcrgerkriege oder antikoloniale K\u00e4mpfe w\u00e4hrend und nach dem Ende der letzten beiden Weltkriege. Die Frage der Gewichtung des imperialistischen oder nationalen Charakters eines Krieges entscheidet sich letztlich durch die konkrete Weltlage bzw. die Geschichte des Konflikts darin.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Wie wir dargestellt haben, bildet im heutigen Krieg die Ukraine einen zentralen Ort konkurrierender imperialistischer M\u00e4chte um die Neuaufteilung der Welt. Es handelt sich daher nicht nur, ja nicht einmal im Kern um den \u00dcberfall einer imperialistischen Macht (Russland) auf eine Halbkolonie (Ukraine), sondern die Einflussnahme der NATO-Staaten bildet selbst ein wesentliches Moment des Krieges. Der innerimperialistische Konflikt \u2013 einschlie\u00dflich der Gefahr eines Weltkriegs \u2013 sind so vorherrschend, dass die Frage der Verteidigung der Ukraine gegen Russland in den Hintergrund ger\u00e4t. Dies hei\u00dft nicht, dass wir den ukrainischen Arbeiter:innen sagen, dass sie die H\u00e4nde in den Scho\u00df legen und auf die Kapitulation der Ukraine\u00a0 warten bzw. deren Niederlage sogar betreiben sollten. Wo es m\u00f6glich ist, unabh\u00e4ngig von ihrer reaktion\u00e4ren proimperialistischen F\u00fchrung Widerstand gegen die Okkupation zu leisten, ist dieser nat\u00fcrlich gerechtfertigt, insbesondere um die \u00dcbergriffe welcher Armee auch immer zu bek\u00e4mpfen. Auch m\u00fcsste antimilitaristische Arbeit in der Armee oder den regionalen Verteidigungsverb\u00e4nden geleistet werden, um so die Basis f\u00fcr die Umwandlung des imperialistischen Krieges in den revolution\u00e4ren B\u00fcrgerkrieg zu legen.<\/p>\n<p>Entscheidend ist aber auch der Aufbau einer Antikriegsbewegung sowohl im Westen wie in Russland \u2013 mit dem Ziel des Sturzes der imperialistischen Kriegstreiber:innen auf allen Seiten, der Umwandlung des Krieges in einen Klassenkrieg gegen die \u201eeigene\u201c Bourgeoisie. Nur das kann letztlich das Schlachten in der Ukraine und die Bedrohung durch einen neuen Weltkrieg stoppen!<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2022\/04\/29\/der-krieg-um-die-ukraine-nationale-verteidigung-oder-imperialistischer-krieg\/\"><em>Neue Internationale&#8230;<\/em><\/a><em> vom 30. April 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Markus Lehner. 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