{"id":11255,"date":"2022-06-03T08:45:36","date_gmt":"2022-06-03T06:45:36","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11255"},"modified":"2022-06-03T08:45:37","modified_gmt":"2022-06-03T06:45:37","slug":"ukraine-krieg-globale-ernaehrungssicherheit-und-erpressungsmethoden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11255","title":{"rendered":"Ukraine-Krieg, globale Ern\u00e4hrungssicherheit und Erpressungsmethoden"},"content":{"rendered":"<p><em>Philippe Alcoy. <\/em><strong>Der reaktion\u00e4re Einmarsch Russlands in die Ukraine und die Reaktionen der imperialistischen M\u00e4chte bereiten eine Ern\u00e4hrungskatastrophe von globalem Ausma\u00df vor, f\u00fcr die vor allem die \u00e4rmsten L\u00e4nder zahlen werden.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Was die m\u00f6glichen wirtschaftlichen und sozialen Folgen des Krieges in der Ukraine betrifft, ist die landwirtschaftliche Produktion einer der Sektoren, die besonders beachtet werden, muss. In der Tat sind sowohl Russland als auch die Ukraine Weltklasse-Produzenten. Der Krieg trifft diesen Sektor hart, und Sch\u00e4tzungen zufolge k\u00f6nnen rund 20 Millionen Tonnen Saatgut in der Ukraine, wegen der russischen Blockade, nicht abtransportiert werden.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich blockiert die russische Marine seit Beginn des Krieges die ukrainischen H\u00e4fen und hat es geschafft, diese von der Welt abzuschneiden. Wir befinden uns jedoch seit kurzem in einer sehr heiklen Situation, in der die Zeit knapp wird, da die Lagerinfrastruktur freigemacht werden muss, um Platz f\u00fcr die diesj\u00e4hrige Ernte zu schaffen. Es besteht daher die reale Gefahr, dass Millionen von Tonnen an Nahrungsmitteln verloren gehen, was die Ern\u00e4hrungssicherheit der Bev\u00f6lkerung in mehreren Regionen der Welt gef\u00e4hrden w\u00fcrde. Diese gangsterm\u00e4\u00dfige Erpressung ist eine Waffe, die die russische Macht in ihrem reaktion\u00e4ren Krieg, ohne zu z\u00f6gern einsetzt.<\/p>\n<p>Ohne Russland und die Ukraine entf\u00e4llt fast ein Drittel der weltweiten Agrarproduktion. Vor der russischen Invasion exportierte die Ukraine 4,5 Millionen Tonnen landwirtschaftliche Erzeugnisse, was 15 % der weltweiten Maisproduktion, 12 % der Weizenproduktion und 50 % des Sonnenblumen\u00f6ls entspricht. Der Preis f\u00fcr Mais ist seit Kriegsbeginn um sch\u00e4tzungsweise 28 % gestiegen, und der Preis f\u00fcr Weizen, der seit Jahresbeginn um 53 % gestiegen war, ist am 16. Mai um weitere 6 % gestiegen. Dies geschah, nachdem Indien aufgrund ung\u00fcnstiger Witterungsbedingungen eine Aussetzung der Ausfuhren angek\u00fcndigt hatte.<\/p>\n<p>Dieser Preisanstieg, der auf die russische Invasion zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, verst\u00e4rkt und beschleunigt jedoch in Wirklichkeit nur die Aufw\u00e4rtsdynamik bei den Agrarrohstoffpreisen, die seit Anfang des Jahres im Gange ist. In einem Artikel der\u00a0<a href=\"https:\/\/foreignpolicy.com\/2022\/03\/02\/russia-war-wheat-economy-food-security\/\"><strong>Foreign Policy<\/strong><\/a>\u00a0von Anfang M\u00e4rz hie\u00df es:<\/p>\n<p><em>\u201eSchon vor Beginn des Krieges standen die globalen M\u00e4rkte unter dem Druck der anhaltenden Pandemie und regionaler D\u00fcrren, die die Produktion einschr\u00e4nken und die Inflation weltweit anheizen. In den ersten Monaten der Pandemie stiegen die Weizenpreise nach Angaben des Internationalen W\u00e4hrungsfonds um 80 %. Die Weizenterminkontraktpreise erreichten 10,59 $ pro Scheffel (\u2026), den h\u00f6chsten Preis seit 2008\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Diese Situation wird nun durch die russische Politik versch\u00e4rft, welche ukrainische H\u00e4fen blockiert, um den Absatz der ukrainischen Produktion auf den Weltm\u00e4rkten zu verhindern. Infolgedessen sind nun Millionen Tonnen ukrainischen Saatguts und landwirtschaftlicher Erzeugnisse blockiert und die Lagerkapazit\u00e4ten des Landes sind ausgesch\u00f6pft. Das wichtigste Problem ist jedoch, dass in wenigen Wochen die Erntezeit beginnen soll, und wenn die Lagerinfrastrukturen und H\u00e4fen nicht freigegeben werden, wird es zu Produktionsausf\u00e4llen kommen, die Millionen von Menschen in der ganzen Welt gef\u00e4hrden.<\/p>\n<p>Die Verantwortlichen der internationalen Institutionen und Regierungen sind sich der Risiken bewusst, die dies in humanit\u00e4rer, aber auch in wirtschaftlicher und gesellschaftspolitischer Hinsicht mit sich bringen k\u00f6nnte. UN-Generalsekret\u00e4r Ant\u00f3nio Guterres warnte am 18. Mai, dass in den kommenden Monaten \u201edas Schreckgespenst einer weltweiten Nahrungsmittelknappheit\u201c drohe, die jahrelang anhalten k\u00f6nne. Die hohen Kosten f\u00fcr Grundnahrungsmittel haben die Zahl der Menschen, die nicht sicher sein k\u00f6nnen, genug zu essen zu haben, bereits um 440 Millionen auf 1,6 Milliarden ansteigen lassen. Fast 250 Millionen stehen am Rande einer Hungersnot. Wenn sich der Krieg weiter hinzieht und die Lieferungen aus Russland und der Ukraine begrenzt sind, k\u00f6nnten weitere Hunderte Millionen Menschen in Armut geraten. Politische Unruhen werden sich ausbreiten, Kinder werden unterentwickelt sein und Menschen werden verhungern.\u201c, hei\u00dft es in einem k\u00fcrzlich erschienenen Artikel in\u00a0<a href=\"https:\/\/www.economist.com\/leaders\/2022\/05\/19\/the-coming-food-catastrophe?utm_source=pocket_rec\"><strong>The Economist<\/strong><\/a>.<\/p>\n<p>Die kriminelle Blockade der ukrainischen H\u00e4fen ist zweifellos eine der einzigen \u201eLeistungen\u201c, die die russische Armee w\u00e4hrend ihres reaktion\u00e4ren, aber nicht minder katastrophalen Einmarsches in die Ukraine vorweisen kann. Es ist nur logisch, dass Putin seinen Vorteil in diesem Bereich nutzt, um den westlichen M\u00e4chten Zugest\u00e4ndnisse abzuringen. So hat die russische Regierung bereits verlauten lassen, dass sie der Forderung nach \u00d6ffnung eines \u201ehumanit\u00e4ren Korridors\u201c und der Freigabe ukrainischer H\u00e4fen im Gegenzug f\u00fcr eine Lockerung bestimmter Sanktionen nachkommen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>All dies ist Gegenstand von obsz\u00f6nen Verhandlungen, wie man im\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsj.com\/articles\/russia-says-it-may-ease-ukraine-grain-blockade-in-return-for-sanctions-relief-11653488439?mod=world_major_1_pos7\"><strong>Wall Street Journal<\/strong><\/a>\u00a0lesen kann:<\/p>\n<p><em>\u201eDer UN-Generalsekret\u00e4r Ant\u00f3nio Guterres hat bereits die Idee ge\u00e4u\u00dfert, dass Russland seine Schwarzmeerh\u00e4fen im Gegenzug f\u00fcr eine Aufhebung der Sanktionen \u00f6ffnen k\u00f6nnte. Er hat vorgeschlagen, dass die Embargos gegen D\u00fcngemittelausfuhren aus Moskau und Wei\u00dfrussland aufgehoben werden k\u00f6nnten. Sanktionen gegen D\u00fcngemittel wie Kali, von denen Russland und Wei\u00dfrussland die weltweit zweit- bzw. drittgr\u00f6\u00dften Lieferanten sind, haben dazu beigetragen, deren Preise in die H\u00f6he zu treiben. Die Landwirte gaben daher die Kosten f\u00fcr diese D\u00fcngemittel weiter oder setzten weniger davon ein, was die Ernteertr\u00e4ge in Zeiten der Knappheit schm\u00e4lerte\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Diese Verhandlungen sto\u00dfen jedoch auf den Widerstand einiger westlicher Regierungen, die lieber an Alternativen wie die Eskortierung von Frachtschiffen durch NATO-Schiffe denken, insbesondere durch solche aus der T\u00fcrkei. Diese haben uneingeschr\u00e4nktes Recht, in den Schwarzmeergew\u00e4ssern zu fahren. Jenes w\u00fcrde jedoch voraussetzen, dass die Ukraine, die um ihre H\u00e4fen verstreute Minen vermeidet oder beseitigt, um einen russischen Angriff zu verhindern. Andere NATO-Mitgliedsstaaten bef\u00fcrchten Zusammenst\u00f6\u00dfe mit den russischen Seestreitkr\u00e4ften, die noch sch\u00e4dlichere Folgen haben k\u00f6nnten. Dies sind im Wesentlichen dieselben Vorbehalte wie gegen die von Kiew zu Beginn des Konflikts geforderte Einrichtung einer Flugverbotszone.<\/p>\n<p>Die Kiewer Beh\u00f6rden scheinen ihre \u201eharte\u201c Haltung gegen\u00fcber Russland auch in dieser Frage beizubehalten. So erkl\u00e4rte ihr Au\u00dfenminister Dmytro Kuleba, dass es eine milit\u00e4rische L\u00f6sung f\u00fcr dieses \u201eSuperproblem\u201c gebe: \u201eRussland zu besiegen\u201c; dann bestand er darauf, der ukrainischen Armee schwere Waffen zu schicken: \u201eWenn wir noch mehr milit\u00e4rische Unterst\u00fctzung erhalten, werden wir in der Lage sein, sie zur\u00fcckzudr\u00e4ngen (\u2026), die Schwarzmeerflotte zu besiegen und die Durchfahrt der Schiffe freizugeben\u201c. Sie zeigt auch, wie schwierig es ist, alternative Transportwege und -mittel f\u00fcr Agrarexporte zu finden. Der Schienenverkehr zu anderen EU-H\u00e4fen wird dadurch erschwert, dass die ukrainische Spurweite nicht mit der europ\u00e4ischen \u00fcbereinstimmt. Der Stra\u00dfentransport scheint eine Alternative zu sein, allerdings nur in sehr begrenztem Umfang, u. a. wegen der mangelnden Verf\u00fcgbarkeit von Lastkraftwagen, Zollstellen und zus\u00e4tzlichen Verz\u00f6gerungen (die die Kosten weiter erh\u00f6hen). Hinzu kommt, dass Russland\u00a0<a href=\"https:\/\/www.washingtonpost.com\/national-security\/2022\/05\/04\/russia-ukraine-rail-attacks\/\"><strong>nach Angaben der ukrainischen Beh\u00f6rden und der NATO<\/strong><\/a>\u00a0seine Angriffe in den letzten Wochen auf die Eisenbahninfrastruktur, Br\u00fccken, Silos und Hangars konzentriert hat.<\/p>\n<p>Wir sehen den v\u00f6llig reaktion\u00e4ren Charakter von Putins Regime, das echte \u201eErpressungsmethoden\u201c anwendet, um Gewinne zu erzielen, indem es mit den Lebensmitteln von Millionen von Menschen in der ganzen Welt \u201espielt\u201c. Aber all dies kann uns nicht vergessen lassen, dass die reaktion\u00e4re Sanktionspolitik der imperialistischen M\u00e4chte gegen Russland trotz der heutigen heuchlerischen Reden genau dieselbe Logik verfolgt: Erpressung auf Kosten der Bed\u00fcrfnisse der Bev\u00f6lkerung. Die Verl\u00e4ngerung des Krieges f\u00fchrt unweigerlich zu einer katastrophalen Situation, wie sie sich derzeit abzeichnet.<\/p>\n<p>Und die Folgen k\u00f6nnten f\u00fcr Hunderte von Millionen Menschen nicht nur in den kommenden Monaten, sondern auch in den kommenden Jahren sehr ernst sein. Die Ern\u00e4hrungssicherheit der Arbeiter:innen und der Bev\u00f6lkerung in den \u00e4rmsten Staaten ist bereits durch die Folgen der Pandemie und der globalen Erw\u00e4rmung, f\u00fcr die die imperialistischen Konzerne die Hauptverantwortung tragen, ins Schwanken geraten. Der Krieg in der Ukraine und seine Folgen verschlimmern dieses Drama, das letztlich eine direkte Folge der normalen Funktion des kapitalistischen Systems ist.<\/p>\n<p>Wie wir seit Beginn des Krieges gesagt haben, werden sich diese wirtschaftlichen Blockaden nur wiederholen und vertiefen und die ganze Welt mit einem Abgrund von Barbarei und Leid ziehen, wenn sich nicht eine unabh\u00e4ngige, klassenbezogene Alternative herausbildet, die sich an den Interessen der Arbeiter:innen und verarmten Bev\u00f6lkerung orientiert und nicht an der Seite der reaktion\u00e4ren Fraktionen, die diesen Krieg f\u00fchren.<\/p>\n<p>Um der Bedrohung von Hunderten Millionen Menschen in der Welt zu begegnen, muss die Arbeiter:innenbewegung daf\u00fcr k\u00e4mpfen, die russische Aggression zu stoppen, ohne sich auf die NATO und Zelensky zu verlassen. Auch die Enteignung der Gro\u00dfgrundbesitzer:innen in der Ukraine und Russland, sowie der Agrarindustrie und aller derer die mit dem Hunger von Menschen spekulieren, muss gefordert werden. Nur so kann der Sektor unter die Kontrolle der Arbeiter:innen gestellt werden und die Produktion entsprechend dem Nahrungsmittelbedarf weltweit geplant werden.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/krieg-in-der-ukraine-globale-ernaehrungssicherheit-und-erpressungsmethoden\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 3. Juni 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Philippe Alcoy. 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