{"id":11282,"date":"2022-06-10T09:49:19","date_gmt":"2022-06-10T07:49:19","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11282"},"modified":"2022-06-10T09:49:20","modified_gmt":"2022-06-10T07:49:20","slug":"ukraine-acht-jahre-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11282","title":{"rendered":"Ukraine: Acht Jahre Krieg"},"content":{"rendered":"<p><em>Georg Auernheimer. <\/em><strong>Seit 2014 herrscht Krieg im Osten der Ukraine. Der deutsche Journalist Ulrich Heyden hat diesen immer wieder f\u00fcr verschiedene Medien beschrieben. Er war als einer von wenigen deutschen Journalisten vor Ort und hat mit den Menschen gesprochen. Nun hat er seine Texte in einem Buch zusammengefasst. Es ist ein Werk mit Respekt gegen\u00fcber den Opfern<\/strong><!--more--><strong>, eines das niemanden glorifiziert. Ein Korrektiv zum Verst\u00e4ndnis der Hintergr\u00fcnde des heutigen Konflikts. Eine Rezension.<\/strong><\/p>\n<p>\u201eEine Frau mit schweren Wunden an den Beinen rief \u2013 offenbar im Schock \u2013 \u201awo ist mein Telefon?\u2018 Ein Mann, der der Frau helfen wollte, stammelte ununterbrochen: \u201eMein P\u00fcppchen, mein P\u00fcppchen. Wir werden Euch r\u00e4chen.\u201c Das ist keine aktuelle Szene aus dem Ukraine-Krieg \u2013 oder besser \u2013 aus der jetzigen Phase des Ukraine-Kriegs, wie viele wohl glauben w\u00fcrden. Sie ist einer Reportage vom Juni 2014 entnommen.<\/p>\n<p>Ulrich Heyden, wohnhaft in Moskau, hat ab 2014 \u00fcber Jahre immer wieder (2015, 2017, 2018, 2020) die von den F\u00f6deralisten oder Separatisten kontrollierten Gebiete in der Ostukraine, im Donbass bereist und dar\u00fcber berichtet. Die Reportagen, die zum Teil schon bei Telepolis, den Nachdenkseiten, im Neuen Deutschland und in der Wochenzeitung WOZ erschienen sind, hat er in dem Buch mit dem vielsagenden Titel \u201eDer l\u00e4ngste Krieg in Europa seit 1945\u201c versammelt. Tats\u00e4chlich hat der Krieg, der inzwischen so viel \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit findet, schon vor acht Jahren begonnen. Die Regierung Poroschenko und dann die Regierung Selenski haben ab Juni 2014 im Rahmen der \u201eAntiterroroperation\u201c immer wieder die eigene, nicht gef\u00fcgige Bev\u00f6lkerung im Donbass unter Beschuss genommen. Dieser Krieg ist neben dem hegemonial gewordenen ukrainischen Nationalismus, einem exterminatorischen, also auf v\u00f6llige Vernichtung ausgerichteten Chauvinismus, vielen Autoren und Autorinnen selbst im sogenannten linken Lager hierzulande unbekannt. Oder man will ihn nicht wahrhaben. Die Unkenntnis verwundert nicht angesichts der Verschwiegenheit der deutschsprachigen Medien seit dem Putsch, der auf den Euromaidan folgte. Man kann fast von einer Nachrichtensperre sprechen. \u201eDie deutschen Chefredakteure schicken seit 2014 keine Journalisten mehr in die Volksrepubliken\u201c, schreibt Heyden (19, alle Seitenangaben in Klammern beziehen sich auf das Buch).<\/p>\n<p>Er selbst hat leidvoll erfahren, dass ungeschminkte Berichte aus den aufst\u00e4ndischen Gebieten unerw\u00fcnscht waren. Immer mehr Zeitungen und Magazine haben ihm als Moskau-Korrespondenten ihr Vertrauen entzogen und das teils nach Jahren der Zusammenarbeit.<a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/feuilleton\/literatur\/acht-jahre-krieg\/#sdfootnote1sym\">1<\/a>\u00a0Der Vorwurf: mangelnde Neutralit\u00e4t. Heyden hat mit seinen Reportagen die Ausgrenzung als Journalist in Kauf genommen. Auch die Redaktion von \u201eDer Freitag\u201c will seine Texte bis auf weiteres nicht mehr. Etwas h\u00e4rter geht man in der Ukraine mit Leuten seinesgleichen um. Heyden wurde auf eine schwarze Liste gesetzt, nachdem er gemeinsam mit dem Dokumentarfilmer Marco Benson den Film \u201eLauffeuer\u201c produziert hatte.<a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/feuilleton\/literatur\/acht-jahre-krieg\/#sdfootnote2sym\">2<\/a>\u00a0Dieser dokumentiert das Massaker am Gewerkschaftshaus von Odessa. Vermutlich handelt es sich um die im Internet ver\u00f6ffentlichte Liste der \u201eMirotworetz\u201c, zu deutsch \u201eFriedensstifter\u201c, mit der alle \u00f6ffentlich an den Pranger gestellt werden, die der Sympathie mit den Separatisten verd\u00e4chtigt werden.<\/p>\n<p>Auf der Website werden neben Journalistinnen und Journalisten, Politikerinnen und Politikern, darunter auch deutschen Abgeordneten, alle gelistet, die als \u201eFeinde der Ukraine\u201c gelten. Eine Deutsche ukrainischer Herkunft, die Hilfstransporte in die Volksrepubliken organisiert hat, steht ebenso auf der Liste \u2013 sie geht jedenfalls davon aus (76) \u2013 wie auch der ehemalige Leiter der M\u00fcnchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger (58).<a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/feuilleton\/literatur\/acht-jahre-krieg\/#sdfootnote3sym\">3<\/a>\u00a0Ausl\u00e4nder wie die genannte Aktivistin sind gut beraten, nicht in die Ukraine zu reisen. Mirotworetz mit ukrainischem Pass leben gef\u00e4hrlich; denn sie sind mit Adresse im Internet aufgef\u00fchrt.<a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/feuilleton\/literatur\/acht-jahre-krieg\/#sdfootnote4sym\">4<\/a>\u00a0Es muss ihnen nicht gleich Mord drohen. Aber immerhin sind mehrere Oppositionelle von 2014 bis heute ermordet worden. Heyden nennt einen Schriftsteller und einen Journalisten als Beispiele (32).<\/p>\n<p>Man bekommt in dem Buch also nicht nur einen Eindruck von den Kriegserlebnissen der Menschen im Donbass, sondern erf\u00e4hrt auch manches \u00fcber die politische Situation der Ukraine, \u00fcber die Einschr\u00e4nkung der Medien und \u00fcber rechten Terror. Heyden konnte das Buch \u00fcbrigens nur mit dem Self-Service-Verlag tredition publizieren.<\/p>\n<p>Die Reportagen, jeweils mit Datum und Erscheinungsort versehen, sind nicht chronologisch geordnet, obwohl manche \u00dcberschriften das erwarten lassen: \u201e,Russischer Fr\u00fchling\u2018 f\u00fcr eine F\u00f6deralisierung der Ukraine\u201c (Kapitel 3), \u201eDie hei\u00dfe Phase der Krieges 2014\/15\u201c (Kapitel 4), \u201eStellungskrieg und Jagd auf Donbass-Kommandeure\u201c (Kapitel 5). Andere Kapitel haben eher einen thematischen Schwerpunkt, zum Beispiel das zweite Kapitel \u00fcber das Minsk II-Abkommen oder das siebte \u00fcber den \u201eAlltag im Krieg\u201c.<\/p>\n<p>Aufschlussreich waren f\u00fcr mich die Berichte \u00fcber den Beginn des Konflikts, die an die rasche Eskalation erinnern. Nachdem Anfang April die Volksrepublik Donezk ausgerufen worden waren, befahl der \u00dcbergangspr\u00e4sident Turtschinow wenige Tage sp\u00e4ter die milit\u00e4rische Antiterroroperation. Am 2. Juni bombardierte ein Kampfflugzeug die Gebietsverwaltung von Lugansk, nachdem man auch dort eine \u201eVolksrepublik\u201c gegr\u00fcndet hatte. Es gab Tote und Verletzte. Bald darauf wurden auch die St\u00e4dte Slawjansk und Kramatorsk sowie einzelne D\u00f6rfer bombardiert oder mit Artillerie beschossen. Infrastrukturen wurden zerst\u00f6rt. Da war kein Platz f\u00fcr Verhandlungen. Die Regierung Poroschenko lie\u00df die Banken in der Ostukraine schlie\u00dfen und verh\u00e4ngte ein Embargo. Wasser- und Stromversorgung wurden zeitweise gekappt. Frankreich und Deutschland versuchten vergebens zu vermitteln, wobei die Vertreter der Volksrepubliken ausgeschlossen waren. In der Folgezeit wurden immer mehr St\u00e4dte und D\u00f6rfer zu Angriffszielen. \u201eDer Stress treibt alte Menschen in den Tod [\u2026] Eltern erz\u00e4hlen mir, dass sich ihre Schulkinder tags\u00fcber einn\u00e4ssen\u201c (45). Heyden berichtet, dass die Menschenrechtsorganisation Memorial Klagen beim Europ\u00e4ischen Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte eingereicht hat. Bei uns wurde das nicht zur Kenntnis genommen.<\/p>\n<p>Unterbelichtet bis unbekannt ist auch die Rolle der rechtsradikalen Freiwilligenbataillone Asow, Aidar, Rechter Sektor oder Tornado bei der Antiterror-Operation gegen die Volksrepubliken. Sie wurden nach Heyden zum Teil von einer polnischen Sicherheitsfirma trainiert und \u201emachten die Drecksarbeit an der Front, verhafteten Verd\u00e4chtige, folterten und beschossen \u2013 oft auf eigene Faust \u2013 Wohngebiete in den Volksrepubliken\u201c (169).<\/p>\n<p>Heyden hat im Lauf der Jahre mit Einwohnern jeden Alters Gespr\u00e4che gef\u00fchrt, mit Arbeitern, Aktivisten, Verwaltungsleuten, Lehrerinnen und Lehrern, Schulleiterinnen, Erzieherinnen, Kommandeuren von Freiwilligenbataillonen auf Seiten der Separatisten. Sie berichten nicht nur von Zerst\u00f6rungen und Toten, von N\u00e4chten im Keller. Interessant ist die Zustimmung, die die Aufst\u00e4ndischen fanden. Eine Frau namens Oksana, die aus der Not von heute auf morgen Journalistin wurde, erz\u00e4hlt von dem Enthusiasmus der Leute (54). Zumindest galt das f\u00fcr den Anfang. Aber auch die Wahlbeteiligung im November 2018 zeigt die hohe Zustimmung zu den neuen politischen Gegebenheiten. Die Menschen standen, so ein Gespr\u00e4chspartner, bei minus 20 Grad stundenlang in Schlangen an, um ihre Stimme abzugeben (85). Ein anderes Indiz: Nach dem Mordanschlag auf den Pr\u00e4sidenten der DNR im September 2018 nahmen weit \u00fcber 120.000 Menschen an der Trauerfeier teil (267). Heyden l\u00e4sst dabei keinen Zweifel, dass es auch im Donbass \u201epro-Maidan-Kr\u00e4fte\u201c gegeben hat, die aber meist in die von Kiew kontrollierten Gebiete migriert sind (86).<\/p>\n<p>Die Empathie f\u00fcr die Opfer des jahrelangen Kriegs im Donbass, die Heyden zeigt, k\u00f6nnte als politische Parteinahme missdeutet werden. Dass er einseitige Br\u00fcche des Waffenstillstands durch Kiew registriert wie im Februar 2017 (220f.) und zugleich den Separatisten Glauben schenkt, die klagen, dass sie wegen Minsk II nicht schie\u00dfen d\u00fcrften, werden ihm die neuen Kalten Krieger ankreiden. Aber Heyden wahrt die n\u00f6tige Distanz als Journalist. Er zeigt Respekt gegen\u00fcber Opfern und K\u00e4mpfern, aber er glorifiziert beide nicht. Er leugnet auch Gr\u00e4ueltaten auf Seiten der Separatisten nicht und berichtet \u00fcber einen Fall, in dem wegen Foltervorw\u00fcrfen ermittelt wurde (218).<\/p>\n<p>Das Buch liefert ein Korrektiv zu der gleichgeschalteten Berichterstattung und Stimmungsmache hier im Lande, und man kann ihm deshalb nur einen gro\u00dfen Absatz w\u00fcnschen.<\/p>\n<p><em>Ulrich Heyden, Der l\u00e4ngste Krieg in Europa seit 1945. Augenzeugenberichte aus dem Donbass,\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/shop.tredition.com\/booktitle\/Der_l%3fngste_Krieg_in_Europa_seit_1945\/W-990-737-169\"><em>Verlag Tredition<\/em><\/a><em>, 340 Seiten, 19,90 Euro (Softcover), 24,90 Euro (Hardcover)<\/em><\/p>\n<p><strong>Endnoten<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/feuilleton\/literatur\/acht-jahre-krieg\/#sdfootnote1anc\">1<\/a>\u00a0Siehe die Darstellung auf <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ulrich_Heyden_(Journalist)\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ulrich_Heyden_(Journalist)<\/a>, Zugriff am 07.06.22<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/feuilleton\/literatur\/acht-jahre-krieg\/#sdfootnote2anc\">2<\/a>\u00a0<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=GnW32h7osPk\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=GnW32h7osPk<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/feuilleton\/literatur\/acht-jahre-krieg\/#sdfootnote3anc\">3<\/a>\u00a0Ischinger hatte im Februar 2020 zusammen mit mehreren Politikern und Sicherheitsexperten, darunter einem ehemaligen britischen Verteidigungsminister und einem ehemaligen russischen Au\u00dfenminister, einen Friedensplan f\u00fcr den Ukraine-Konflikt vorgelegt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/feuilleton\/literatur\/acht-jahre-krieg\/#sdfootnote4anc\">4<\/a>\u00a0Die Bundesregierung versicherte 2021, dass sie die Website Mirotworez oder auch Myrotworez \u2013 die Transkription ist unterschiedlich \u2013 verurteile und in Kontakten mit der ukrainischen Regierung auf L\u00f6schung gedr\u00e4ngt habe (<a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/presse\/hib\/846488-846488\">https:\/\/www.bundestag.de\/presse\/hib\/846488-846488<\/a>, Zugriff am 07.06.22).<\/p>\n<p><em>#Bild: \u00a0Eine 2014 zerst\u00f6rte Kirche in der N\u00e4he des Flughafens von Donezk.Foto:\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Remains_of_an_Eastern_Orthodox_church_after_shelling_near_Donetsk_International_Airport.jpg\"><em>Mstyslav Chernov<\/em><\/a><em>, Lizenz:\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0\/deed.en\"><em>CC by-sa<\/em><\/a><em>,\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/feuilleton\/literatur\/acht-jahre-krieg\/attachment\/remains_of_an_eastern_orthodox_church_after_shelling_near_donetsk_international_airport\/\"><em>Mehr Infos<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/feuilleton\/literatur\/acht-jahre-krieg\/\"><em>hintergrund.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 10. Juni 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Georg Auernheimer. Seit 2014 herrscht Krieg im Osten der Ukraine. Der deutsche Journalist Ulrich Heyden hat diesen immer wieder f\u00fcr verschiedene Medien beschrieben. 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