{"id":1132,"date":"2016-04-27T16:37:16","date_gmt":"2016-04-27T14:37:16","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1132"},"modified":"2016-04-27T16:37:16","modified_gmt":"2016-04-27T14:37:16","slug":"griechenland-der-dritte-nationale-kongress-von-antarsya","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1132","title":{"rendered":"Griechenland: Der dritte nationale Kongress von Antarsya"},"content":{"rendered":"<p><em>Tassos Anastassiadis. <\/em>Der dritte nationale Kongress der griechischen antikapitalistischen Linken, die drei Jahre nach der vorangegangenen durchgef\u00fchrt wurde, war ein Risiko und eine Herausforderung zugleich. <!--more-->Dies aus Gr\u00fcnden, die sowohl grunds\u00e4tzlicher, strategischer und organsiatorischer Art waren.<\/p>\n<p>Vorerst zu den Zahlen. Es waren 900 Delegierte anwesend, f\u00fcr jeweils drei Mitglieder einen, was bedeutet, dass Antarsya gegen 3000 Mitglieder z\u00e4hlt. Dies sind nahezu gleichviel wie vor drei Jahren; dabei k\u00f6nnen mindestens 2000 als wirklich aktive Mitglieder bezeichnet werden.<\/p>\n<p>Diese Zahlen sind wichtig angesichts der Tatsache, dass vergangenen Sommer nach dem Verrat von Syriza in Antarsya eine Spaltung stattfand, in deren Verlauf grosse Teile von zwei Mitgliedorganisationen von Antarsya (Aran und Aras) Antarsya verliessen um mit den von Syriza abgespaltenen Teilen die Volkseinheit (LAE) zu gr\u00fcnden. Somit kann gesagt werden, dass dieser Kongress kurz nach einer Krise und einer Niederlage durchgef\u00fchrt wurde, insofern, als dass Antarsya die linken Abspaltungen von Syriza nicht an sich binden konnte, und sogar selbst Kr\u00e4fte verloren hat!<\/p>\n<p>Trotz der Verluste vom vergangenen Sommer zeigen die Zahlen, dass ein substanzieller Teil der Aktivistinnen und Aktivisten aus der Arbeiterbewegung und den sozialen Bewegungen in Antarsya organisiert ist. Dies geht auch aus k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichten Meinungsumfragen hervor: Die Volkseinheit mit ihren fr\u00fcheren Ministern und bekannten F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten liegt in der Gunst der Bev\u00f6lkerung bei etwa 2 Prozent, w\u00e4hrend Antarsya, deren F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten kaum oder gar nicht bekannt sind, bei etwa 1.5 Prozent liegt. Noch wichtiger jedoch ist, dass der Rahmen f\u00fcr die Diskussion und die Zusammenarbeit dieser Aktivistinnen und Aktivisten weiterhin sehr einvernehmlich\u00a0 und pluralistisch ist, wie dies auch w\u00e4hrend der Konferenz beobachtet werden konnte!<\/p>\n<p>Die Diskussion war dieses Mal weniger auf programmatische Themen konzentriert (die EU, den Euro, das \u00dcbergangsprogramm, usw.), als vielmehr auf \u201cB\u00fcndnisfragen\u201d, mit anderen Worten, wie wir in einer Arbeiterklasse intervenieren wollen, die zwar angesichts des kapitalistischen Barbarismus eine veritable Niederlage auf dem \u201cweichen\u201d Weg des Reformismus, aber noch keine vollst\u00e4ndige Niederlage eingesteckt hat. Dies wurde beispielsweise durch die grossen Mobilisierungen vom 4. Februar, die mit den Mobilisierungen von 2010 bis 2012 vergleichbar waren und auch mit der praktischen Solidarit\u00e4t f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge offensichtlich.<\/p>\n<p>Am Kongress gab es lebhafte Debatten zu diesen Fragen, wie auch zu anderen Themen, haupts\u00e4chlich etwa zu der organisierten Arbeiterbewegung und zu der Frage, wie wir mit den verschiedenen Kr\u00e4ften umgehen sollen, die sich weiterhin von Syriza (und auch von der KKE) trennen und dann, wie Syriza heute zu charakterisieren sei.<\/p>\n<p>Wenn wir versuchen, jenseits aller Feinheiten der inneren Unterscheidungen, die Hauptlinien der Antworten herauszusch\u00e4len, so kann festgestellt werden, dass sich am Kongress drei Bl\u00f6cke herausgebildet haben.<\/p>\n<p>Eine Antwort formierte sich um die NAR (eine alte Abspaltung von der KNE &#8211;\u00a0 die griechische kommunistische Jugend &#8211;\u00a0 die gr\u00f6sste revolution\u00e4re Gruppe Griechenlands) und die in Antarsya verbleibende\u00a0 Minderheit von Aran.\u00a0 Dieser Teil gewann schliesslich die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der Delegierten (\u00fcber 60 Prozent). Deren Analyse geht von einem relative R\u00fcckzug der Arbeiterklasse aus. In der Perspektive sehen sie die Aufgabe in Ans\u00e4tzen zu einer Wiederbelebung der Arbeiterbewegung mittels Aufrufen und Aktionen. Das Ziel w\u00e4re eine strategische Umgehung der Gewerkschaftsb\u00fcrokratien, die als verr\u00e4terisch eingestuft werden und von den Massen auch als solche erkannt werden sollen. In dieser Analyse bleibt die Frage von Fronten, auch von politischen Fronten wichtig, gerade mit Str\u00f6mungen, die von Syriza wegbrechen, die deren Kapitulation zur\u00fcckweisen, ohne aber klare programmatische Schlussfolgerungen zu ziehen. Dazu geh\u00f6ren etwa die Volkseinheit (LAE), die einfach das Syriza Programm \u00fcbernommen hat und den notwendigen Bruch mit dem Euro dazugef\u00fcgt hat (dieser Bruch soll \u00fcberdies eher verhandelt werden). Es besteht aber weiterhin Unklarheit \u00fcber die Modalit\u00e4ten einer Ann\u00e4herung an diese Str\u00f6mungen, bis zu den uneingestandenen programmatischen \u00c4nderungen; solche werden in dem Masse als notwendig angesehen, insofern diese Str\u00f6mungen nicht notwendigerweise von einem klaren und konsistenten Antikapitalismus ausgehen!<\/p>\n<p>Eine zweite Antwort wurde um die SEK (der griechischen Str\u00f6mung der Internaitonal Socialist Tendency) herum formuliert. Sie wird von etwa einem Viertel der Delegierten geteilt und argumentiert mit der Bildung einer Arbeitereinheitsfront, das heisst einer systematischen Hinwendung zu den Gewerkschaftsb\u00fcrokratien und den Schichten radikalisierter Aktivistinnen und Aktivisten. Diese Antwort, so klassisch sie im Allgemeinen auch sein mag, ist in der gegenw\u00e4rtigen Lage eher problematisch und gr\u00fcndet auf einer fragw\u00fcrdigen Analyse seitens der SEK eines kontiniuierlichen und konstanten Anstiegs des Klassenbewusstseins der Arbeiterklasse. Selbst wenn dies theoretisch nicht mal falsch w\u00e4re, so ist es nicht leicht, die Syriza-Regierung als reformistisch einzustufen, wo diese doch einen der brutalsten Angriffe gegen die Arbeiterklasse eingeleitet hat. Zweitens haben die Angriffe der vergangenen f\u00fcnf Jahre auf die Arbeiterbewegung die Gewerkschaftsb\u00fcrokratien vollst\u00e4ndig diskredidiert, destabilisiert und sogar desorganisiert; letzteres trifft umso mehr noch f\u00fcr die Basis zu. Insofern ist diese Antwort hinsichtlich der Arbeiterorganisationen, die deren F\u00fchrungen nicht einfach denunzieren m\u00f6chte, dazu angetan, Illusionen zu s\u00e4en. Zumindest ist dies die Kritik der Gegner und Gegnerinnen dieser Str\u00f6mung.<\/p>\n<p>Die dritte Antwort gruppierte sich um die \u201cInitiative f\u00fcr eine revolution\u00e4re Antarsya\u201d um OKDE-Spartakos (griechische Sektion der Vierten Internationale). Sie wurde durch etwa einen Achtel der Delegierten gutgeheissen. Diese Initiative verweigert jedes Anzielen eines politischen Vereinigungsprozesses, abgesehen vom gemeinsamen Auftreten in den K\u00e4mpfen und bef\u00fcrwortet die F\u00f6rderung von antikapitalistischen L\u00f6sungen. Es scheint \u00fcberdies, dass die meisten Aktivistinnen und Aktivisten der \u201cInitiative\u201d (abgesehen der Mitglieder von OKDE-Spartakos) sich hinter diese Position des revolution\u00e4ren R\u00fcckzuges stellen, und zwar als Ergebnis der Erfahrungen der vergangenen drei Jahre, als Antarsya viel Energie verloren hat beim Bem\u00fchen, sich allf\u00e4lligen politischen B\u00fcndnissen mit radikalen (und nicht rein-antikapitalistischen Kr\u00e4ften) anzupassen. Dies geschah oft unter dem Druck von pessimistischen Analysen (vor allem von Aran und Aras, aber ebenfalls von einem Teil von NAR), gem\u00e4ss der die eher passiv abwartende Haltung der Arbeiterklasse, die von den parlamentaristischen Illusionen um Syriza herum angesteckt war, Zwischenstufen im Kampf zur \u00dcberwindung des Kapitalismus und sogar der Austerit\u00e4tspolitik erfordere, gerade im nationalen Rahmen. Die Genossinnen und Genossen der \u201cInitiative\u201d stehen paradoxerweise\u00a0 wiederum der ersten Position nahe, gerade was die Arbeit in den Gewerkschaften betrifft.<\/p>\n<p>Neben der Frage der B\u00fcndnisse oder der Ann\u00e4herungen gab es eine andere Problematik, die den Kongress klar in zwei Bl\u00f6cke teilte; sie scheint auf den ersten Blick nur organisatorisch zu sein, ist aber von grosser politischer Bedeutung: es ging um die Methode der politischen Entscheidungsfindung und der Wahl der F\u00fchrung. Zum ersten Punkt: der Prozess der Entscheidungsfindung hat nicht ge\u00e4ndert und die verschiedenen Ebenen wichtiger Entscheide, die eine Zweeidrittelsmehrheit erfordern,\u00a0 wird beibehalten, ebenso wie die anderen, f\u00fcr die eine einfache Mehrheit ausreicht und f\u00fcr die die Suche nach einem Konsens eingeleitet wird. In der Methode der Wahl der F\u00fchrung ergab sich ebenfalls keine \u00c4nderung; hingegen f\u00fchrte die Zur\u00fcckweisung der proportionalen Vertretung durch die Mehrheit der Delegierten ungewollt zu einem Ausschluss der drtten Tendenz aus der F\u00fchrung. Antarsya versucht jedoch, diese Situation nachtr\u00e4glich zu korrigieren.<\/p>\n<p>Dies ist ein einfaches Beispiel f\u00fcr die Notwendigkeit von demokratischen Prozeduren, jenseits von Formeln. Dies auch im Zusammenhang mit einem anderen Problem: wir haben Mitglieder, die in keiner Tendenz organisiert sind. Sie sind mit diesem System der Entscheidungsfindung gezwungen, sich mit einer organisierten Tendenz zu verb\u00fcnden. Diese Art des Funktionierens ist nicht sehr attraktiv, gerade auch nicht auf der Ebene der Basisorganisationen von Antarsya. Eine Aufmerksamkeit auf diese Problematik k\u00f6nnte dazu beitragen, das Funktionieren der antikapitalistischen Linken in Griechenland zu verbessern.<\/p>\n<p>Denn es geht ja im Grunde weder um organisatorische Fragen noch gar um das Funktionieren der antikapitalistischen Linken. Es geht vielmehr um die Aufgaben und um das politische Gewicht dieser organisierten Kraft, um die Arbeiterklasse weiterzubringen. Nur in diesem Zusammenhang nehmen die Fragen um das Funktionieren und die Vereinheitlichung ihre wahre Bedeutung an. Wir wissen aus der Erfahrung, dass in einigen entscheidenden Situationen die Aktivistinnen und Aktivisten der antikapitalistischen Linken die Rolle eines Katalysators in richtung einer Vereinheitlichung einnahmen. Und dies nicht nur in \u201ckleinen\u201d K\u00e4mpfen (Fabriken, einem Sektor der Mobilisierung oder auf lokaler Ebene), sondern auch in zentralen K\u00e4mpfen ist die Rolle von Antarsya entscheidend gewesen: F\u00fcr die Organisation des Kampfes gegen den Faschismus, f\u00fcr die Solidarit\u00e4t mit Immagrantinnen und Immigranten und Gefl\u00fcchteten und f\u00fcr die Lancierung des NEIN im Referendum.<\/p>\n<p>Wir haben jedoch auch gesehen, dass weder das Gewicht der Linken noch deren beispielhaften Aktionen gen\u00fcgten, um angesichts der Verr\u00e4terein und des politischen Scheiterns der Demoralisierung entgegenzuwirken. Denn wir stehen einem System gegen\u00fcber, dem Kapitalismus, dessen ungleichm\u00e4ssig verteilte Krise andauert und an dessen schw\u00e4chstem Glied, welches in Europa Griechenland ist, mit einer Krise von Krieg und Gefl\u00fcchteten kombiniert ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Athen, 15. M\u00e4rz 2016<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.internationalviewpoint.org\/spip.php?article4412\"><em>www.internationalviewpoint.org&#8230; <\/em><\/a><em>\u00a0vom 28. M\u00e4rz 2016. \u00dcbersetzung aus dem Englischen durch Redaktion maulwuerfe.ch<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tassos Anastassiadis. 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