{"id":11448,"date":"2022-07-23T10:17:27","date_gmt":"2022-07-23T08:17:27","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11448"},"modified":"2022-07-23T10:17:28","modified_gmt":"2022-07-23T08:17:28","slug":"gruende-fuer-die-drohende-hungerkatastrophe-im-globalen-sueden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11448","title":{"rendered":"Gr\u00fcnde f\u00fcr die drohende Hungerkatastrophe im globalen S\u00fcden"},"content":{"rendered":"<p><em>Jan Hektik &amp; Martin Suchanek. <\/em>250 bis 300 Millionen sind nach Sch\u00e4tzungen des UN-Weltern\u00e4hrungsprogramms WFP mit starker oder akuter Hungersnot konfrontiert, 40 \u2013 50 Millionen direkt vom Hungertod bedroht. Tendenz steigend. Je nach Entwicklung des Ukrainekrieges wird in den n\u00e4chsten Monaten mit einem zus\u00e4tzlichen Anstieg der Betroffenen um weitere<!--more--> 33 \u2013 47 Millionen gerechnet.<\/p>\n<p>So stammen beispielsweise rund 30\u00a0% aller Weizenexporte der Welt aus der Schwarzmeerregion. Der Ausfall der Ukraine als zentraler Getreideexporteurin sowie die Sanktionen gegen russische Exporte versch\u00e4rften die Lage auf den Lebensmittelm\u00e4rkten extrem \u2013 gerade f\u00fcr die \u00e4rmsten L\u00e4nder der Welt. Der Krieg fungiert dabei als Brandbeschleuniger einer Entwicklung, die bereits seit Beginn der Pandemie und der damit verbunden Weltwirtschaftskrise extreme Formen annimmt.<\/p>\n<p>Schon Ende 2021 litten rund 193 Millionen an starker oder akuter Hungernot \u2013 40 Millionen mehr als 2020. \u00dcber diese stark oder akut Betroffenen hinaus weisen die Statistiken der UN eine noch weitaus gr\u00f6\u00dfere Zahl von weltweit 810 Millionen Menschen aus, die von Hunger betroffen sind. Fast 2 Milliarden, also rund ein Viertel der Weltbev\u00f6lkerung, leidet an Mangelern\u00e4hrung.<\/p>\n<p>Seit 2020, also seit Beginn der Pandemie und der mir ihr verbundenen globalen Rezession, versch\u00e4rft sich die Lage gerade der \u00c4rmsten der Armen. Daf\u00fcr gibt es eine Reihe einander verst\u00e4rkender Ursachen.<\/p>\n<ol>\n<li><strong> Preissteigerungen der Agrarrohstoffe und Agrarprodukte<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Schon im ersten Jahr der Pandemie l\u00e4sst sich infolge von Produktionsausf\u00e4llen, Lieferengp\u00e4ssen und erh\u00f6hten Transportkosten ein massiver Anstieg der Weltmarktpreise f\u00fcr zentrale Agrarrohstoffe wie Saatgut und D\u00fcngemittel feststellen. Lt. FAO Food Price Index (FFPI) stiegen sie 2020 im Durchschnitt um 31 Prozent, jene f\u00fcr \u00d6lsaaten wie Raps oder f\u00fcr Mais verdoppelten sich sogar.<\/p>\n<p>Das f\u00fchrte auch weltweit zu einer massiven Steigerung der Lebensmittelpreise, die im Januar 2022 ein Rekordniveau erreichten und seither weiter steigen. Mit dem Kriegsbeginn explodierten sie. So stieg der Weltnahrungsmittelindex um rund 13\u00a0%, der f\u00fcr Weizen um 17\u00a0% allein im M\u00e4rz 2022.<\/p>\n<p>Schon 2021 stiegen die Lebensmittelpreise im globalen Durchschnitt lt. Welthungerhilfe um 28\u00a0%. F\u00fcr 2022 wird eine durchschnittliche Steigerung von 35\u00a0% erwartet, die vor allem die L\u00e4nder Afrikas und Schwellenl\u00e4nder wie die T\u00fcrkei oder Argentinien weit \u00fcberdurchschnittlich treffen wird.<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li><strong> Sinkende Einkommen und Pauperisierung<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Die Wirtschaftskrise 2020\/21 ging in vielen L\u00e4ndern mit massiven Einkommensverlusten der Arbeiter:innenklasse wie auch der Bauern\/B\u00e4uerinnen und unteren Schichten des Kleinb\u00fcrger:innentums einher.<\/p>\n<p>In den L\u00e4ndern des globalen S\u00fcdens existierten in der Regel \u00fcberhaupt keine sozialen Sicherungsma\u00dfen f\u00fcr die Lohnabh\u00e4ngigen (wie z.\u00a0B. Kurzarbeiter:innenregelungen). Zugleich f\u00fchrte die Rezession aber in vielen L\u00e4ndern zu einem R\u00fcckgang des Outputs und weltweit zu einem massiven der geleisteten Arbeitsstunden (rund 8\u00a0% im Jahr 2020!). In den imperialistischen L\u00e4ndern verhinderten staatliche Regelungen, die die Lohnabh\u00e4ngigen bei Kurzarbeit in Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen hielten, einen Anstieg der Massenarbeitslosigkeit. In den meisten Halbkolonien, die sich keine Lockdowns leisten konnten oder wollten, war zwar der unmittelbare Produktionsr\u00fcckgang geringer, daf\u00fcr breiten sich seither Stagnation und weiterer Niedergang aus. Anders als in der Krise 2008\/2009 absorbierte auch der informelle Sektor die freigesetzten Arbeitskr\u00e4fte nicht.<\/p>\n<p>Die Folge: massive Verarmung, ja Pauperisierung gro\u00dfer Bev\u00f6lkerungsmassen in den Halbkolonien. Ein betr\u00e4chtlicher und stetig wachsender Teil des Proletariats und der Bauern-\/B\u00e4uerinnenschaft muss mittlerweile sein Leben unter den Reproduktionskosten fristen. In vielen vom Imperialismus ausgebeuteten L\u00e4ndern haben wir es faktisch mit einer direkten, offenen Verelendung zu tun.<\/p>\n<p>Hinzu kommt, dass der Anstieg der Lebensmittelpreise die Bev\u00f6lkerung des globalen S\u00fcdens besonders stark trifft.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend in den Industriel\u00e4ndern die Menschen zwischen 12 und 30\u00a0% ihres Einkommens f\u00fcr Nahrungsmittel aufwenden m\u00fcssen, sind es f\u00fcr die Massen des globalen S\u00fcdens rund 50 bis 100\u00a0%. Wenn Nahrungsmittel teurer werden, bedeutet das zu hungern und, dass f\u00fcr\u00a0 andere essentielle G\u00fcter wie Gesundheit, Wohnen, Schulbildung der Kinder nichts mehr \u00fcbrig bleibt. Wo kleine Bauern\/B\u00e4uerinnen davon betroffen sind, kann dies dazu f\u00fchren, dass sie sich Saatgut oder D\u00fcngemittel nicht mehr leisten und ihr Land nicht bebauen k\u00f6nnen. Elend und Ern\u00e4hrungskrise nehmen so weiter zu.<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li><strong> Imperialistische Ausbeutung und Schuldenkrise<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Die Strukturen der Weltwirtschaft versch\u00e4rfen die gesamte Krise gerade in der sog. Dritten Welt auf mehrfache Weise. So monopolisieren die gro\u00dfen zumeist westlichen Konzerne oder einzelne Staaten den Weltmarkt. Nestl\u00e9 zum Beispiel kontrolliert einen Gro\u00dfteil der weltweiten Trinkwasservorr\u00e4te und zwingt systematisch in Afrika Menschen dazu, sein Wasser zu kaufen, indem es sich dagegen einsetzt, dass \u00f6ffentlich zug\u00e4ngliche Trinkwasserquellen erschlossen werden. Weiterhin wird ein Gro\u00dfteil vom Wasser und von landwirtschaftlichen Erzeugnissen f\u00fcr die Tierzucht verwendet, vor allem f\u00fcr die Fleischproduktion in den imperialistischen L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Krise und Knappheit bilden dann auch eine Quelle von Extraprofiten aufgrund eines etablierten Monopols oder Oligopols. Hinzu kommt, dass steigende Preise auch spekulative M\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Noch wichtiger ist freilich, dass die Pandemie und die mit ihr verbundene Weltwirtschaftskrise auch den Weltmarktzusammenhang ersch\u00fcttert haben. Lieferketten wurden durchbrochen, Transportkosten stiegen, die Produktion geriet ins Stocken. Die zunehmende Konkurrenz und Blockbildung hat au\u00dferdem Tendenzen zur Fragmentierung des Weltmarktes schon vor dem Ukrainekrieg verst\u00e4rkt. Nun zielen die Sanktionen des Westens darauf ab, Russland vom Weltmarkt zu isolieren. Dessen Gegenreaktion und Drohungen (z.\u00a0B. \u201efeindliche\u201c L\u00e4nder von Lebensmittellieferungen auszuschlie\u00dfen) erh\u00f6hen nur die Krisenhaftigkeit und treiben zugleich die Preise in die H\u00f6he.<\/p>\n<p>Die USA wie auch in geringerem Ausma\u00df die EU-Staaten oder China k\u00f6nnen nat\u00fcrlich noch eigene Reserven mobilisieren. Generell versuchen sie, die Kosten der Krise auf andere abzuw\u00e4lzen. Das beginnt schon damit, dass die globale Produktion ohnedies auf die Bed\u00fcrfnisse des Kapitals der dominierenden, imperialistischen L\u00e4nder und deren M\u00e4rkte zugeschnitten ist. So lohnt sich auch die industrielle Nahrungsmittelproduktion im gro\u00dfen Stil vor allem in Bezug auf diese L\u00e4nder, was zur Folge hat, dass die Agrarfl\u00e4chen der halbkolonialen seit Jahrzehnten mehr und mehr f\u00fcr den Export aufkommen und immer weniger zur Versorgung der eigenen Bev\u00f6lkerung, die \u00fcber weit weniger oder gar keine Kaufkraft verf\u00fcgt. F\u00fcr die kapitalistische Produktion z\u00e4hlt aber nicht das Bed\u00fcrfnis an sich, sondern nur das zahlungskr\u00e4ftige \u2013 mit verheerenden Auswirkungen f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung der armen L\u00e4nder.<\/p>\n<p>Einen letztlich noch viel st\u00e4rkeren Hebel bilden freilich das Finanzkapital und die Kontrolle \u00fcber das Weltfinanzsystem durch die imperialistischen Kernl\u00e4nder. In der Krise versucht beispielsweise die USA-Zinspolitik, Kapital auf den US-Markt zu lenken. Das erfolgt aber notwendigerweise auf Kosten anderer Staaten. Es ist kein Zufall, dass L\u00e4nder wie Argentinien und die T\u00fcrkei, also auch sog. Schwellenl\u00e4nder, extrem von einer Finanzkrise geplagt sind. Im Grunde trifft das aber den gesamten globalen S\u00fcden.<\/p>\n<p>Die Abh\u00e4ngigkeit von den Bewegungen des globalen imperialistischen Finanzkapitals hat sich in den letzten Jahren infolge des massiven Anwachsens der Staatsverschuldung in fast allen L\u00e4ndern massiv versch\u00e4rft. Mehreren wie Argentinien, Pakistan sowie einer ganze Reihe afrikanischer L\u00e4nder droht faktisch der Staatsbankrott. Manche wie Sri Lanka sind zahlungsunf\u00e4hig.<\/p>\n<p>Wie letzteres Beispiel verdeutlicht, verbinden sich in einer solchen Lage Mangel an Lebensmitteln und anderen essentiellen G\u00fctern mit Hyperinflation.<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li><strong> D\u00fcrre, Extremwetterlagen und Klimawandel<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Die Auspl\u00fcnderung des globalen S\u00fcdens und die zunehmende Zerst\u00f6rung der nat\u00fcrlichen Lebensgrundlagen der Menschheit durch Raubau an der Natur entfalten vor diesem Hintergrund verst\u00e4rkt ihre bedrohliche Dynamik.<\/p>\n<p>Beispielsweise in Indien l\u00e4sst sich der Einfluss durch den Klimawandel gut beobachten. Vor der gro\u00dfen Hitzewelle hoffte die Regierung des Landes, die Landwirtschaft anzukurbeln, um davon zu profitieren, dass Ukraine und Russland aus dem Markt fallen. Aber infolge der besagten Hitzewelle, \u00fcbrigens der gr\u00f6\u00dften seit 1910 (!), muss sie nun selbst mit der Nahrung haushalten und Exporte stoppen \u2013 was wiederum andere L\u00e4nder der sog. Dritten Welt trifft.<\/p>\n<p>Doch Extremwetterlagen, D\u00fcrre, Ausbreitung von W\u00fcsten, Erntesch\u00e4den oder \u2013ausf\u00e4lle suchen zahlreiche, von den imperialistischen M\u00e4chten beherrschte L\u00e4nder seit Jahren regelm\u00e4\u00dfig heim.<\/p>\n<p>Besonders stark davon betroffen ist Afrika. 2021 waren mehrere L\u00e4nder West- und Ostafrikas von massiven Ernteausf\u00e4llen und Produktionsr\u00fcckg\u00e4ngen infolge von Pandemie, schlechten Witterungsbedingungen und kriegerischen Auseinandersetzungen betroffen. In L\u00e4ndern wie \u00c4thiopien oder im S\u00fcdsudan wurden Millionen Menschen vertrieben.<\/p>\n<p>Kriege, Umweltkatastrophen, D\u00fcrren, Ernteausf\u00e4lle treiben also weltweit Menschen in die Flucht.<\/p>\n<p>Alle diese Entwicklungen werden in den kommenden Monaten und Jahren keinesfalls verschwinden. Im Gegenteil: Ihre destruktive, zerst\u00f6rerische Dynamik wird sich verst\u00e4rkt entfalten. Allein das weitere Fortschreiten des Klimawandels droht, in den kommenden 10 Jahren rund eine Milliarde Menschen von ihren jetzigen Wohnorten zu vertreiben, weil diese dann nicht mehr bewohnbar sein werden, sofern es keine drastische Ver\u00e4nderung der Umweltpolitik gibt. Diese ist unter kapitalistischen Bedingungen angesichts des zunehmenden globalen Kampfes um die Neuaufteilung der Welt nicht zu erwarten.<\/p>\n<p><strong>Widerstand<\/strong><\/p>\n<p>Die aktuelle Situation, die in vielen L\u00e4ndern der halbkolonialen Welt von Inflation, massiver Verarmung, Lebensmittelknappheit gepr\u00e4gt ist, kann und wird auch zu Massenprotesten verschiedener Art f\u00fchren. Schon in den letzten Jahren brachen auch aufgrund der extrem prek\u00e4ren Lebensmittel- und Landfrage zahlreich Revolten, oft verkn\u00fcpft mit demokratischen Bewegungen, aus \u2013 sei es in L\u00e4ndern wie \u00c4thiopien oder Sudan, Sri Lanka oder Kasachstan. Auch die Wahl linkspopulistischer Politiker in Lateinamerika \u2013 Boric in Chile oder Gustavo Petro in Kolumbien \u2013 verdeutlichen, dass die Massen nach einer Alternative zu Neoliberalismus und imperialistischer Auspl\u00fcnderung suchen.<\/p>\n<p>Die Formen, die die Bewegungen gegen Preissteigerungen, Hunger, Verelendung annehmen, werden sicherlich von Land zu Land sehr verschieden sein \u2013 seien es spontane Emeuten oder auch Massenstreiks. In jedem Fall m\u00fcssen wir damit rechnen, dass sie entweder direkt auf massive Repression durch reaktion\u00e4re, despotische Regime sto\u00dfen wie in vielen afrikanischen L\u00e4ndern oder in Sri Lanka. Oder aber linke, populistische oder reformistische F\u00fchrungen werden im Kampf gegen die Reaktion und den Imperialismus auf halbem Weg stehenbleiben, die Hoffnungen der Massen entt\u00e4uschen und so die Gefahr heraufbeschw\u00f6ren, dass die rechte Reaktion eine Stabilisierung im Sinne der herrschenden Klasse durchsetzt.<\/p>\n<p>Daher besteht die Aufgabe von Revolution\u00e4r:innen nicht nur darin, sich an den Aktionen gegen die Preissteigerungen, Hunger, Verelendung entschlossen zu beteiligen. Vor allem m\u00fcssen sie eine Perspektive weisen, ein Aktionsprogramm zur L\u00f6sung der Krise entwickeln und darum eine revolution\u00e4ren Arbeiter:innenpartei und Internationale aufbauen. Wir k\u00f6nnen hier weder ein vollst\u00e4ndiges Programm vorlegen noch verm\u00f6gen die folgenden Punkte, spezifische, nationale Aktionsprogramme zu ersetzen. Aber wir k\u00f6nnen kurz zentrale Forderungen skizzieren, die f\u00fcr praktisch alle L\u00e4ndern gelten und von der internationalen Arbeiter:innenbewegung und Linken unterst\u00fctzt werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p><em>\u2013 Soforthilfe ohne Bedingungen f\u00fcr Millionen<\/em><\/p>\n<p>Millionen Menschen droht der Hungertod, Hunderte Millionen werden nicht regelm\u00e4\u00dfig satt. Dabei fehlt es weltweit nicht an Nahrungsmitteln, wohl aber an der Versorgung eines gro\u00dfen Teils der Weltbev\u00f6lkerung. Die Forderung nach einem Sofortprogramm zur Sicherung der Existenz dieser Menschen richtet sich sowohl an die Staaten, wo sie leben, wie auch an die imperialistischen L\u00e4nder, die diese seit Jahrhunderten ausbluten. W\u00e4hrend j\u00e4hrlich hunderte Milliarden f\u00fcr R\u00fcstung und Militarismus verschleudert werden, m\u00fcssen Hilfsg\u00fcter m\u00fchsam durch Spenden aus der Bev\u00f6lkerung organisiert oder jeder Cent den Herrschenden der Welt abgebettelt werden. Dieser Skandal, dieser Irrsinn muss beendet werden! Die imperialistischen Staaten m\u00fcssen gezwungen werden, diese Mittel aufbzuringen.<\/p>\n<p><em>\u2013 Schuldenstreichung der Dritten Welt<\/em><\/p>\n<p>Ohne Streichung der Schulden der halbkolonialen L\u00e4nder wird fr\u00fcher oder sp\u00e4ter jede eigenst\u00e4ndige, nicht vom Finanzkapital des Westens oder Chinas dominierte \u201eEntwicklung\u201c unm\u00f6glich. Die Schulden an den IWF, internationale Finanzinstitutionen oder im Rahmen von Chinas \u201eNeuer Seidenstra\u00dfe\u201c m\u00fcssen gestrichen werden. S\u00e4mtliche Bedingungen im Rahmen der sog. Strukturanpassungsprogramme des IWF m\u00fcssen aufgek\u00fcndigt werden.<\/p>\n<p>Wir rufen die L\u00e4nder des globalen S\u00fcdens auf, die Schuldenr\u00fcckzahlung bei den imperialistischen Institutionen einzustellen. Wir wissen aber auch, dass die m\u00e4chtigen Staaten der Welt einen solchen Akt nicht hinnehmen, sondern versuchen werden, diese L\u00e4nder mit allen Mitteln in die Knie zu zwingen. Es braucht daher eine entschlossene Solidarit\u00e4tsbewegung gerade in den imperialistischen Zentren, die ihrerseits solche Angriffe auf unterdr\u00fcckte L\u00e4nder bek\u00e4mpft.<\/p>\n<p><em>\u2013 Bek\u00e4mpfung der Inflation<\/em><\/p>\n<p>Gegen Preissteigerungen stellt der Kampf um die automatische Anpassung der L\u00f6hne und Einkommen, der Renten und des Arbeitslosengeldes an die Inflation, die gleitende Skala der L\u00f6hne, eine zentrale Losung dar. Diese muss ihrerseits mit der Forderung nach Kontrolle der Preis- und Lohnentwicklung durch die Arbeiter:innenklasse verbunden werden.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus bedarf es in vielen L\u00e4ndern eines Mindestlohns und -einkommens f\u00fcr Erwerbslose, die die Reproduktion der Massen sichern. So wie wir die Entschuldung der L\u00e4nder des globalen S\u00fcdens fordern, m\u00fcssen wir auch die\u00a0 der gro\u00dfen Masse der Arbeiter:innen in Stadt und Land sowie der armen B\u00e4uer:innen durchsetzen.<\/p>\n<p>Frauen, die die Hauptlast der Reproduktionsarbeit tragen und oft einen Gro\u00dfteil der Besch\u00e4ftigen in Lebensmittelhandel und -produktion bilden, w\u00fcrde eine Schl\u00fcsselrolle in Kontroll- und Kampfkomitees zukommen.<\/p>\n<p>In L\u00e4ndern, wo die Preissteigerung die Form der Hyperinflation annimmt, die fast t\u00e4glich oder w\u00f6chentlich Lohnerh\u00f6hungen auffrisst und wo das Geld selbst so rasch an Wert verliert, dass es seine Funktion als Zahlungsmittel nicht mehr wahrnehmen kann, reicht der Kampf um Lohnanpassungen nicht aus. Es braucht nicht nur Preiskontrollkomitees, sondern direkte Eingriffe in die Verteilung lebenswichtiger G\u00fcter f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung. Arbeiter:innenkomitees m\u00fcssen die Verteilung kontrollieren und die Versorgung der St\u00e4dte direkt mit den agrarischen Produzent:innen organisieren, um den Zugang zu Lebensmitteln f\u00fcr alle zu gew\u00e4hrleisten. Solche Ma\u00dfnahmen, die in den freien Markt eingreifen, m\u00fcssen in dieser Situation sinngem\u00e4\u00df auch auf andere essentielle G\u00fcter angewandt werden.<\/p>\n<p><em>\u2013 Umstrukturierung der Produktion gem\u00e4\u00df den Bed\u00fcrfnissen der Massen<\/em><\/p>\n<p>Um das Elend zu stoppen und sichere Existenzbedingungen f\u00fcr die Arbeiter:innen und Bauern\/B\u00e4uerinnen durchzusetzen, muss die Agrarproduktion gem\u00e4\u00df den Bed\u00fcrfnissen der Massen umstrukturiert werden. Das erfordert zwingend die entsch\u00e4digungslose Enteignung des Agrarkapitals, ob aus den imperialistischen Staaten oder den jeweiligen L\u00e4ndern, sowie des Gro\u00dfgrundbesitzes. Auf dieser Basis k\u00f6nnen Agrarbetriebe unter Arbeiter:innenkontrolle gestellt, Genossenschaften gegr\u00fcndet oder auch die Aufteilung des Landes unter landlose und Kleinbauern\/-b\u00e4uerinnen durchgef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p><em>\u2013 Enteignung des Gro\u00dfkapitals und demokratische Planung<\/em><\/p>\n<p>Die Umstrukturierung der Landwirtschaft muss jedoch Hand in Hand gehen mit einer Reorganisation der Produktion in den St\u00e4dten gem\u00e4\u00df den Bed\u00fcrfnissen der Lohnabh\u00e4ngigen, der Landwirtschaft, der Gefl\u00fcchteten und pauperisierten Massen sowie des Schutzes nat\u00fcrlicher Ressourcen. Dazu bedarf es eines Programms gesellschaftlich n\u00fctzlicher Arbeiten unter Arbeiter:innenkontrolle sowie der entsch\u00e4digungslosen Enteignung des Gro\u00dfkapitals, der Fabriken, gro\u00dfen Dienstleistungsunternehmen, Banken und Finanzh\u00e4user. Auf dieser Grundlage kann und muss ein Notplan etabliert werden, um die dringendsten Bed\u00fcrfnisse der Bev\u00f6lkerung zu sichern.<\/p>\n<p><em>\u2013 Kampf um eine Arbeiter:innen- und B\u00e4uer:innenregierung<\/em><\/p>\n<p>Auch die j\u00fcngste Erfahrung zeigt einmal mehr, dass die herrschende Klasse nicht in der Lage ist, auch nur eines der gro\u00dfen Probleme der Menschen zu l\u00f6sen. Umso hartn\u00e4ckiger wird sie aber versuchen, ihre eigene Herrschaft (und jene des Imperialismus) gegen die Arbeiter:innenklasse, die B\u00e4uer:innenschaft, rassistisch und national Unterdr\u00fcckte durchzusetzen \u2013 wenn n\u00f6tig mit Repression durch Polizei, Geheimdienst oder Milit\u00e4r.<\/p>\n<p>Der Kampf f\u00fcr ein Aktionsprogramm gegen Hunger und Verelendung kann sich auch deshalb nicht auf gewerkschaftliche und betriebliche K\u00e4mpfe oder demokratische Proteste beschr\u00e4nken. Auf einer bestimmten Stufe muss er sich zu einem um die Macht entwickeln, um eine Arbeiter:innen- und B\u00e4uer:innenregierung, die solche Ma\u00dfnahmen auch umsetzen kann. Damit eine solche Bewegung den unvermeidlichen reaktion\u00e4ren Widerstand der Herrschenden und die Repression durch ihren Staatsapparat brechen kann, m\u00fcssen wir selbst R\u00e4te in den Betrieben und Stadtteilen, Stadt und Land aufbauen sowie eigene Selbstverteidigungsorgane, eine Arbeiter:innen- und B\u00e4uer:innenmiliz sowie Soldat:innenr\u00e4te, um die Masse der Mannschaftsr\u00e4nge, der einfachen Soldat:innen auf die Seite der Revolution zu ziehen.<\/p>\n<p>Die revolution\u00e4re Machteroberung und die Errichtung einer Arbeiter:innen- und Bauer:innenregierung w\u00fcrden nicht nur einen entscheidenden Schritt bei der Bek\u00e4mpfung von Armut und Hunger, sondern jeder Form von Unterdr\u00fcckung und Ausbeutung darstellen. Zugleich d\u00fcrfen sie sich nicht auf die sozialen und politischen Umw\u00e4lzungen in einem Land beschr\u00e4nken, sondern m\u00fcssen von Beginn an auf die Internationalisierung der Revolution, die Unterst\u00fctzung des Kampfes in anderen L\u00e4ndern setzen. Gerade um die vom Imperialismus abh\u00e4ngige Entwicklung zu durchbrechen, braucht es eine Ausweitung der Revolution und die Bildung regionaler F\u00f6derationen revolution\u00e4rer Arbeiter:innenstaaten als Schritte zur sozialistischen Weltrevolution.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2022\/07\/11\/nahrungsmittelmittelknappheit-preissteigerungen-und-die-drohende-hungerkatastrophe-im-globalen-sueden\/\"><em>Neue Internationale&#8230;<\/em><\/a><em> vom 23. Juli 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jan Hektik &amp; Martin Suchanek. 250 bis 300 Millionen sind nach Sch\u00e4tzungen des UN-Weltern\u00e4hrungsprogramms WFP mit starker oder akuter Hungersnot konfrontiert, 40 \u2013 50 Millionen direkt vom Hungertod bedroht. Tendenz steigend. 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