{"id":11533,"date":"2022-08-09T15:56:08","date_gmt":"2022-08-09T13:56:08","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11533"},"modified":"2022-08-09T15:56:34","modified_gmt":"2022-08-09T13:56:34","slug":"11533","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11533","title":{"rendered":"Blutige Bilanz der neuen israelischen Luftangriffe auf den Gazastreifen"},"content":{"rendered":"<p><em>Jean Shaoul. <\/em>Drei Tage lang hat Israel den Gazastreifen bombardiert. Die Angriffe auf die dicht besiedelte und verarmte K\u00fcstenenklave, die schwersten seit Mai 2021, richten sich gegen F\u00fchrer des Pal\u00e4stinensischen Islamischen Dschihad (PIJ), Zivilisten und ihr Eigentum.<!--more--><\/p>\n<p>Bis zum Sonntagabend wurden bei den \u201echirurgischen\u201c israelischen Luftschl\u00e4gen mindestens 43 Pal\u00e4stinenser get\u00f6tet, darunter die hohen PIJ-Milit\u00e4rkommandanten Taysir al-Jabari und Khalid Mansur im Norden und S\u00fcden des Gazastreifens. 15 Kinder und vier Frauen wurden seit Freitag get\u00f6tet. Mindestens 300 weitere Menschen \u2014 \u00fcber die H\u00e4lfte davon Frauen und Kinder \u2014 wurden verwundet, und mindestens 31 Familien wurden obdachlos. Ein israelischer Zivilist und zwei Soldaten wurden durch Granatsplitter leicht verwundet.<\/p>\n<p>Die Israelischen Verteidigungskr\u00e4fte (IDF) erkl\u00e4rten, ihre Luftangriffe seien eine pr\u00e4ventive Operation gewesen, mit der geplante Raketenangriffe des Pal\u00e4stinensischen Islamischen Dschihad auf Israel verhindert werden sollten. Weiter erkl\u00e4rten sie, die Operation k\u00f6nne bis zu eine Woche dauern.<\/p>\n<p>Die st\u00e4ndigen Gewaltausbr\u00fcche \u2013 Israel hat seit seinem \u201eR\u00fcckzug\u201c aus dem Gazastreifen im Jahr 2005 mindestens acht m\u00f6rderische Angriffe auf die belagerte Enklave gef\u00fchrt \u2013 folgen unweigerlich aus der 15-j\u00e4hrigen Belagerung des Gazastreifens durch Israel. Sie wurde vom \u00e4gyptischen General Abdel Fattah el-Sisi, dem Schl\u00e4chter von Kairo, und dem Pr\u00e4sidenten der Pal\u00e4stinenserbeh\u00f6rde Mahmud Abbas beg\u00fcnstigt. Die Blockade, ein v\u00f6lkerrechtswidriger Akt der Kollektivstrafe, hat die Enklave in ein Freiluftgef\u00e4ngnis f\u00fcr ihre zwei Millionen Einwohner verwandelt. Viele haben nicht einmal Zugang zu lebensnotwendigen Dingen wie sauberem Wasser, Kanalisation und Strom. Mehr als die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung ist arbeitslos, die gro\u00dfe Mehrheit lebt in entsetzlicher Armut.<\/p>\n<p>Die \u00dcbergangsregierung von Jair Lapid, der eine Koalition aus acht Parteien anf\u00fchrt \u2014 darunter eine der arabischen Parteien Israels und mehrere j\u00fcdische Parteien, die angeblich einen pal\u00e4stinensischen Staat neben Israel unterst\u00fctzen \u2014 hat zeitgleich mit dem Krieg im Gazastreifen der extremen Rechten freie Hand gelassen, Gewalt gegen Pal\u00e4stinenser in Jerusalem aufzuwiegeln.<\/p>\n<p>Am Sonntagmorgen st\u00fcrmten 1.000 religi\u00f6se Fanatiker, rechtsextreme Nationalisten und Siedler unter dem Schutz der israelischen Sicherheitskr\u00e4fte die Al-Aqsa-Moschee in Ostjerusalem. Sie schwenkten israelische Flaggen, beteten und riefen anti-muslimische und anti-arabische Parolen. Damit verstie\u00dfen sie gegen die seit langem bestehenden Abkommen mit Jordanien, dem offiziellen Verwalter des Moscheegel\u00e4ndes, wonach es nicht-Muslimen verboten ist, in der Moschee zu beten oder israelische Symbole zu zeigen. Die israelische Polizei hat jedoch nahezu t\u00e4glich Siedlern und rechtsextremen Aktivisten Zutritt zu der St\u00e4tte gew\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Die Beh\u00f6rden haben diese j\u00fcngste Provokation zugelassen, w\u00e4hrend zeitgleich der dritte Tag des israelischen Milit\u00e4rangriffs auf den Gazastreifen anbrach, da sie f\u00fcrchteten, pal\u00e4stinensische Bewohner k\u00f6nnten darauf mit Auseinandersetzungen und Protesten reagieren. Im Mai 2021 f\u00fchrten \u00e4hnliche Proteste auf dem Gel\u00e4nde der al-Aqsa-Moschee, die w\u00e4hrend des Ramadan stattfanden, zu einem elft\u00e4gigen israelischen Angriff auf den Gazastreifen, bei dem 256 Pal\u00e4stinenser get\u00f6tet wurden, und zu schweren Unruhen in den \u201egemischten\u201c St\u00e4dten Haifa, Acre, Lod und Ramallah.<\/p>\n<p>Der j\u00fcngste Konflikt begann am letzten Montag, als israelische Spezialeinheiten das Fl\u00fcchtlingslager Dschenin im besetzten Westjordanland st\u00fcrmten. Sie setzten scharfe Munition, Gummigeschosse und Tr\u00e4nengas gegen Pal\u00e4stinenser ein und verhafteten den ranghohen PIJ-F\u00fchrer Bassam al-Saadi und seinen Schwiegersohn Ashraf al-Jada in seinem Haus in Dschenin. Bilder, auf denen al-Saadi \u00fcber den Boden geschleift und von einem Kampfhund verfolgt wird, l\u00f6sten einen Proteststurm von Anh\u00e4ngern des PIJ aus, die um sein Leben f\u00fcrchteten. Der Islamische Dschihad schwor Rache.<\/p>\n<p>Die PIJ ist inzwischen die st\u00e4rkste Kraft des bewaffneten Widerstands in Dschenin und Nablus gegen Israel und sein \u201eSubunternehmen\u201c, die Pal\u00e4stinensische Autonomiebeh\u00f6rde (PA) von Pr\u00e4sident Mahmud Abbas. W\u00e4hrend der Razzia erschossen die israelischen Streitkr\u00e4fte auch den 17-j\u00e4hrigen pal\u00e4stinensischen Jugendlichen Derar Riyad al-Kafrini und verletzten Saadis Frau und mindestens eine weitere Person.<\/p>\n<p>Israel behauptete, der PIJ bereite im Gazastreifen Angriffe auf Israel vor und traf deshalb umfassende Vorbereitungen auf eine lang anhaltende Operation gegen den Islamischen Dschihad. Die israelische Regierung verh\u00e4ngte Ausgangssperren in St\u00e4dten und D\u00f6rfern im S\u00fcden Israels, Stra\u00dfen wurden gesperrt und Verst\u00e4rkungen in das Gebiet geschickt. Zus\u00e4tzlich wurden zehn Reservebataillone des Grenzschutzes in Bereitschaft versetzt, falls es in den \u00fcberwiegend pal\u00e4stinensischen St\u00e4dten des Landes zu Unruhen kommen sollte. Die Grenz\u00fcberg\u00e4nge zum Gazastreifen bei Erez und Kerem Shalom wurden geschlossen, sodass lebenswichtige G\u00fcter wie Lebensmittel und Treibstoff nicht in die belagerte Enklave kommen konnten; Patienten und die 14.000 Pal\u00e4stinenser aus dem Gazastreifen mit Arbeitserlaubnis in Israel konnten den Gazastreifen nicht verlassen. Kurz danach k\u00fcndigte das einzige Kraftwerk des Gazastreifens wegen Treibstoffmangels die Einstellung des Betriebs an.<\/p>\n<p>Am Freitag begann Israel mit gezielten Angriffen auf den Gazastreifen, deren Ziel es nach eigenen Angaben war, die F\u00fchrer und K\u00e4mpfer des Islamischen Dschihad \u201eauszuschalten\u201c. Die USA und die europ\u00e4ischen Gro\u00dfm\u00e4chte unterst\u00fctzten dieses j\u00fcngste Kriegsverbrechen mit der Behauptung, Israel habe das \u201eRecht auf Selbstverteidigung\u201c gegen Angriffe \u2013 obwohl es gar keinen Angriff gegeben hatte.<\/p>\n<p>Jair Lapid, der bis zu den f\u00fcnften Wahlen innerhalb von vier Jahren am 1. November das Amt des gesch\u00e4ftsf\u00fchrenden israelischen Ministerpr\u00e4sidenten innehat, bezeichnete den PIJ als \u201eStellvertreter des Iran, der den Staat Israel zerst\u00f6ren will\u201c. Diese \u00c4u\u00dferung zeigt, dass Israel in der Region eine Offensive gegen die Verb\u00fcndeten des Iran vorbereitet.<\/p>\n<p>Der PIJ und die im Gazastreifen regierende Hamas \u2013 ein Ableger der Moslembr\u00fcder \u2013 werden von den USA und den europ\u00e4ischen M\u00e4chten als \u201eTerrororganisationen\u201c eingestuft. Der PIJ wird vom Iran unterst\u00fctzt und hat auch im Libanon und Syrien Anh\u00e4nger. PIJ-F\u00fchrer Siad al-Nakhalah befand sich am Freitag, als Israel seine Luftangriffe auf den Gazastreifen begann, in Teheran bei Gespr\u00e4chen mit dem iranischen Pr\u00e4sidenten Ebrahim Raisi.<\/p>\n<p>Al-Nakhalah k\u00fcndigte Vergeltungsangriffe auf israelische St\u00e4dte an, u.a. auf Tel Aviv. Doch die meisten der 400 Raketen, die der PIJ erst nach den israelischen Angriffen abfeuerte, wurden von dem Raketenabwehrsystem Iron Dome abgefangen oder schlugen auf freiem Feld ein. Nur ein Haus wurde besch\u00e4digt.<\/p>\n<p>Der Oberbefehlshaber der iranischen Revolutionsgarden, Generalmajor Hossein Salami, erkl\u00e4rte am Samstag, die Pal\u00e4stinenser seien \u201enicht allein\u201c in ihrem Kampf gegen Israel: \u201eWir stehen euch auf diesem Weg bis zum Ende bei. Pal\u00e4stina und die Pal\u00e4stinenser sollen wissen, dass sie nicht alleine sind.\u201c Israel, f\u00fcgte er hinzu, \u201ewird einen weiteren hohen Preis f\u00fcr das j\u00fcngste Verbrechen bezahlen\u201c.<\/p>\n<p>Die Hamas erkl\u00e4rte trotz ihrer erbitterten Gegnerschaft zu ihrem Rivalen, sie unterst\u00fctze die Reaktion des Islamischen Dschihads auf die israelischen Angriffe. Hamas unternahm jedoch nichts gegen Israel, um eine Eskalation zu einem offenen Krieg abzuwenden. Auch w\u00e4hrend des zweit\u00e4gigen Angriffs Israels auf den Gazastreifen im November 2019, bei dem der s\u00fcdliche Milit\u00e4rkommandant der PIJ Bahaa Abu el-Atta und seine Frau get\u00f6tet wurden, blieb die Hamas unt\u00e4tig.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zum ehemaligen israelischen Ministerpr\u00e4sidenten Benjamin Netanjahu haben die Regierungen unter Naftali Bennett und nun unter Lapid versucht, die Hamas auf Kosten der Fatah-dominierten Pal\u00e4stinensischen Autonomiebeh\u00f6rde zu st\u00e4rken, um die pal\u00e4stinensische Bev\u00f6lkerung zu spalten. Israel hat einige der Beschr\u00e4nkungen f\u00fcr den Gazastreifen aufgehoben und die Stromversorgung und die Wiederaufbaum\u00f6glichkeiten verbessert. Die israelische Regierung hat 20.000 Bewohnern des Gazastreifens eine Arbeitserlaubnis ausgestellt, mit der sie t\u00e4glich nach Israel einreisen und dort f\u00fcr L\u00f6hne arbeiten k\u00f6nnen, die teilweise zehnmal h\u00f6her sind als im Gazastreifen, wo die Arbeitslosenquote bei \u00fcber 50 Prozent liegt.<\/p>\n<p>Berichten zufolge hat die Lapid-Regierung einem von \u00c4gypten vermittelten Waffenstillstand zwischen Israel und dem Islamischen Dschihad zugestimmt, der am Sonntag um 20 Uhr in Kraft treten soll. Israel hat sich verpflichtet, den Treibstoffmangel im Gazastreifen zu verringern, wenn die Hamas im Gegenzug gegen den PIJ vorgeht. Ob dieses Abkommen h\u00e4lt, bleibt abzuwarten.<\/p>\n<p>Lapid steht in einer hart umk\u00e4mpften Wahl zwei Rivalen um das Amt des Ministerpr\u00e4sidenten gegen\u00fcber. Einer davon ist Netanjahu, dem derzeit trotz eines Verfahrens wegen Bestechung, Korruption und Untreue in drei F\u00e4llen die gr\u00f6\u00dften Stimmenanteile prognostiziert werden, vor allem wenn seine rechtsextremen religi\u00f6sen Verb\u00fcndeten \u2013 Itamar Ben Gvirs J\u00fcdische Macht und Bezalel Smotrichs Partei Religi\u00f6ser Zionismus \u2013 einem Wahlb\u00fcndnis zustimmen, wie sie es bereits vor der Wahl im letzten Jahr getan haben. Der zweite Rivale ist Netanjahus Verteidigungsminister und ehemaliger milit\u00e4rischer Oberbefehlshaber Benny Gantz. Lapid, der nie einen Posten im Sicherheitsapparat innehatte, ist daher erpicht darauf, seine militaristischen Lorbeeren zu vermehren.<\/p>\n<p>Seine Versuche, die Pal\u00e4stinenser zu terrorisieren und sich der faschistischen extremen Rechten zu schmeicheln, sollen die immensen sozialen Spannungen innerhalb der israelischen Gesellschaft nach au\u00dfen lenken, da sich die Wahlen \u2013 was ungew\u00f6hnlich ist \u2013 auf die steigenden Lebenshaltungskosten und die wachsende Armut konzentrieren. Israel ist unter den entwickelten L\u00e4ndern eine der Gesellschaften mit der gr\u00f6\u00dften Ungleichheit und hat die h\u00f6chste Armutsquote aller L\u00e4nder der Organisation f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).<\/p>\n<p>Die Koalitionsregierung, die erst seit einem Jahr an der Macht ist, hat die ohnehin schon gro\u00dfe sozio\u00f6konomische Kluft der israelischen Gesellschaft durch Steuersenkungen f\u00fcr Reiche, Preiserh\u00f6hungen f\u00fcr Grundg\u00fcter und Agrarreformen versch\u00e4rft, die Landwirte in den Ruin treiben werden. Zur Begrenzung der rasant steigenden Wohnkosten hat sie nichts unternommen. Genau wie andernorts haben die schlimmer werdenden Lebensbedingungen der meisten israelischen Arbeiter und ihrer Familien zu zunehmenden Streiks und Protesten der Arbeiterklasse gef\u00fchrt.<\/p>\n<p><em>#Bild: Rauchs\u00e4ule nach israelischen Luftangriffen auf ein Geb\u00e4ude im Stadtteil Shijaiyah in Gaza-Stadt, 7. <\/em><em>August 2022 (Hatem Moussa\/WSWS) [Photo: Hatem Moussa\/WSWS]<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2022\/08\/08\/fqua-a08.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a> <em>vom 9. August 2022 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jean Shaoul. Drei Tage lang hat Israel den Gazastreifen bombardiert. 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