{"id":11550,"date":"2022-08-10T15:11:07","date_gmt":"2022-08-10T13:11:07","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11550"},"modified":"2022-08-10T15:11:08","modified_gmt":"2022-08-10T13:11:08","slug":"gendern-laune-einer-akademischen-elite-oder-soziale-bewegung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11550","title":{"rendered":"Gendern: Laune einer akademischen Elite oder soziale Bewegung?"},"content":{"rendered":"<p><em>Tobias Riegel. <\/em><strong>Die gro\u00dfe Mehrheit der B\u00fcrger m\u00f6chte keine Gendersprache. Dar\u00fcber setzt sich der \u00f6ffentlich-rechtliche Rundfunk an vielen Stellen hinweg und verletzt damit die Neutralit\u00e4t. Die irrationale Debatte um Sprachformen spaltet eine bereits auf vielen Gebieten geteilte Gesellschaft zus\u00e4tzlich. Das muss aufh\u00f6ren, fordern jetzt zahlreiche Sprachwissenschaftler \u2013 zu recht.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Der Debatte um die Einf\u00fchrung der Gendersprache h\u00e4ngt bisweilen der Ruf an, sich um Nichtigkeiten zu drehen und viel Rauch und Leidenschaft um Nichts zu entfachen. Das ist nicht zutreffend: Zwar tr\u00e4gt die Debatte tats\u00e4chlich teils Z\u00fcge einer politischen Besch\u00e4ftigungstherapie, mit der andere Themen wirksam verdr\u00e4ngt werden k\u00f6nnen. Auf der anderen Seite ist es aber keineswegs eine politische Kleinigkeit, wenn eine Minderheit versucht, die gro\u00dfe Mehrheit zu nicht akzeptierten neuen Regeln zu verpflichten. Wie bei manchen Corona-Regeln geht es mutma\u00dflich nicht nur um den Inhalt der Regeln selber, sondern auch um den prinzipiellen Vorgang, dass sich B\u00fcrger irrationalen Vorgaben unterordnen, ohne dass diese zuvor gesellschaftlich in angemessener Weise verhandelt worden w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Die Redaktion der NachDenkSeiten nutzt selber keine Gendersprache. Bei Beitr\u00e4gen von Gastautoren und in Leserbriefen streichen wir sie aber auch nicht in jedem Einzelfall heraus. Auch wenn diese Praxis eine Tendenz der sprachlichen Regellosigkeit f\u00f6rdern k\u00f6nnte \u2013 eine solche Haltung w\u00e4re meiner Meinung nach auch gesellschaftlich ein akzeptabler Kompromiss, um das Thema vorerst zu entsch\u00e4rfen und aus dem Weg zu schaffen: Wer von der Genderbewegung bereits erfasst ist, kann die experimentellen Sprachformen nutzen.<\/p>\n<p>Ein absolutes Tabu muss aber eine Erziehung oder gar ein Zwang f\u00fcr unwillige B\u00fcrger sein, die k\u00fcnstliche Gendersprache zu gebrauchen. Der \u00f6ffentlich-rechtliche Rundfunk (\u00d6RR) sollte meiner Meinung nach aus Gr\u00fcnden der Neutralit\u00e4t sowie wegen seiner Finanzierung durch alle B\u00fcrger und aus Gr\u00fcnden des gesellschaftlichen Friedens g\u00e4nzlich auf die Nutzung der Gendersprache verzichten.<\/p>\n<p><strong>Mehrheit lehnt Gendersprache ab<\/strong><\/p>\n<p>Der j\u00fcngste Aufreger beim Thema Gendersprache im \u00d6RR war der <a href=\"https:\/\/www.merkur.de\/bayern\/stamm-csu-gendern-zwang-br-format-moderatorin-sendung-kritik-staatsregierung-claudia-91698685.html\">Auftritt einer Moderatorin des Bayerischen Rundfunks<\/a>: Die Ergebnisse einer Umfrage zum Thema wurden in der Sendung offen bedauert und indirekt zu einer Motivation umgedeutet, das Publikum noch besser erziehen zu wollen.<\/p>\n<p>Diese Erziehung zur Nutzung der Gendersprache w\u00e4re eine gro\u00dfe Aufgabe, denn \u201efast zwei Drittel der Deutschen lehnen einer Umfrage zufolge eine gendergerechte Sprache ab. 65 Prozent der Bev\u00f6lkerung halten nichts von einer st\u00e4rkeren Ber\u00fccksichtigung unterschiedlicher Geschlechter\u201c, wie eine Befragung von Infratest Dimap ergeben habe, <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/debatten\/grosse-mehrheit-laut-umfrage-gegen-gendersprache-17355174.html\">berichteten Medien<\/a> im vergangenen Jahr.<\/p>\n<p><strong>Keine Ausgewogenheit <\/strong><\/p>\n<p>Das Thema ist also mindestens umstritten. Hier m\u00fcsste der von allen B\u00fcrgern finanzierte \u00f6ffentlich-rechtliche Rundfunk eigentlich eine neutrale Position einnehmen. Davon k\u00f6nne aber nicht die Rede sein, sagt eine Gruppe von Sprachwissenschaftlern aktuell. Auf der Webseite \u201eLunguistik vs. Gendern\u201c haben sie <a href=\"https:\/\/www.linguistik-vs-gendern.de\/\">einen Aufruf ver\u00f6ffentlicht<\/a>. Darin zitieren sie zum Thema Neutralit\u00e4t aus dem Medienstaatsvertrag:<\/p>\n<p><em>\u201e\u00a7 26 (2) Die \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten haben bei der Erf\u00fcllung ihres Auftrags die Grunds\u00e4tze der Objektivit\u00e4t und Unparteilichkeit der Berichterstattung, die Meinungsvielfalt sowie die Ausgewogenheit ihrer Angebote zu ber\u00fccksichtigen (MStV).\u201c <\/em><\/p>\n<p>Die Sprachverwendung des \u00d6RR sei Vorbild und Ma\u00dfstab f\u00fcr Millionen von Zuschauern, Zuh\u00f6rern und Lesern, so die Unterzeichner. Daraus erwachse f\u00fcr die Sender die Verpflichtung, sich in Texten und Formulierungen an geltenden Sprachnormen zu orientieren und mit dem Kulturgut Sprache regelkonform, verantwortungsbewusst und ideologiefrei umzugehen, so der Aufruf:<\/p>\n<p><em>\u201eMehr als drei Viertel der Medienkonsumenten bevorzugen Umfragen zufolge den etablierten Sprachgebrauch \u2013 der \u00d6RR sollte den Wunsch der Mehrheit respektieren.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Das sei aber nicht der Fall: So sei die Berichterstattung des \u00d6RR \u00fcber den Themenbereich Gendersprache unausgewogen und diene im Wesentlichen der Legitimation der eigenen Genderpraxis: Bef\u00fcrworter erhielten einen deutlich gr\u00f6\u00dferen Redeanteil, w\u00fcrden \u201cExperten\u201d konsultiert, so stammten diese vorrangig aus dem Lager der Bef\u00fcrworter, Moderatoren w\u00fcrden sich zum Gendern bekennen, so einige Aussagen des Aufrufs. In den Medien des \u00d6RR w\u00fcrden Kritiker der Gendersprache \u201enicht selten als reaktion\u00e4r, unflexibel und frauenfeindlich geschildert\u201c. Beispiele f\u00fcr die Berichterstattung listen die Autoren <a href=\"https:\/\/www.linguistik-vs-gendern.de\/medien-bsp\/\">unter diesem Link<\/a> auf \u2013 ob diese Beispiele repr\u00e4sentativ sind, bleibt offen. Umfragen zum Thema <a href=\"https:\/\/www.linguistik-vs-gendern.de\/umfragen\/\">finden sich hier<\/a>.<\/p>\n<p><strong>\u201eLinguistische Schwergewichte\u201c gegen sprachliche Regellosigkeit<\/strong><\/p>\n<p>Unter den Unterzeichnern sind \u201eMitglieder des Rates f\u00fcr deutsche Rechtschreibung, der Gesellschaft f\u00fcr deutsche Sprache, des PEN Deutschland, des Leibniz-Zentrums Allgemeine Sprachwissenschaft sowie eine ganze Reihe linguistische Schwergewichte\u201c, <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/plus240205267\/Sozialer-Unfrieden-Linguisten-gegen-das-Gendern-bei-ARD-und-ZDF.html\">wie die \u201eWelt\u201c berichtet<\/a>. In dem Artikel wird auch eine laut \u201eWelt\u201c Einzug haltende sprachliche Regellosigkeit beim \u00d6RR moniert:<\/p>\n<p><em>\u201eDer \u00d6RR pflegt beim Gendern keine einheitliche Linie. W\u00e4hrend der RBB-Jugendsender Fritz in den Nachrichten nach eigenen Angaben mit Kunstsprechpause gendert, verwenden im Deutschlandfunk nur manche Journalisten diese Sprechweise, andere nutzen praktisch ausschlie\u00dflich das generische Maskulinum. (\u2026) Bei der \u201aTagesschau\u2018 herrscht die gleiche Beliebigkeit: W\u00e4hrend die Zuschauer in einer Ausgabe der Sendung mit einer H\u00e4ufung von Beidnennungen und Partizipienformen wie \u201aMitarbeitende\u2018 begl\u00fcckt werden sollen, f\u00e4llt die n\u00e4chste Ausgabe praktisch genderfrei aus. Ein Unding f\u00fcr die Sprachexperten.\u201c <\/em><\/p>\n<p><strong>\u201eJargon einer lautstarken Minorit\u00e4t von Sprachaktivisten\u201d<\/strong><\/p>\n<p>In dem Text werden mehrere sprachwissenschaftliche Fragen behandelt, unter anderem: Das Konzept der gendergerechten Sprache basiere auf der Vermengung der Kategorien Genus und Sexus. Die pauschalisierende Bewertung des generischen Maskulinums als grunds\u00e4tzlich diskriminierende Sprachform sei wissenschaftlich nicht begr\u00fcndbar. Die Behauptung von der angeblichen \u201cUnsichtbarkeit\u201d der Frau in der deutschen Sprache sei abwegig. Das Deutsche verf\u00fcge bereits seit Jahrhunderten \u00fcber ein Mittel, geschlechtsneutral zu formulieren. Ein Bedarf f\u00fcr das Erstellen von Neuformen bestehe grunds\u00e4tzlich nicht:<\/p>\n<p><em>\u201eDie deutsche Grammatik ist weder \u201agerecht\u2018 noch \u201aungerecht\u2018 \u2013 Gerechtigkeit ist eine ethische Kategorie, die zur Beschreibung grammatischer Strukturen nicht tauglich ist. Dass das generische Maskulinum Frauen (und nichtbin\u00e4re Identit\u00e4ten) \u201aausschlie\u00dfe\u2018 oder nur \u201amitmeine\u2018, ist eine Behauptung, die auf einer Fehlinterpretation grammatischer Strukturen basiert.\u201d <\/em><\/p>\n<p>Bedenklich sei au\u00dferdem, \u201ewenn immer mehr Journalisten in Unkenntnis der sprachwissenschaftlichen Fakten den Jargon einer lautstarken Minorit\u00e4t von Sprachaktivisten in der \u00d6ffentlichkeit verbreiten und sich hierbei f\u00e4lschlicherweise auf \u201aSprachwandel\u2018 berufen\u201c w\u00fcrden. Das f\u00f6rdere die Polarisierung:<\/p>\n<p><em>\u201eNicht zuletzt sorgt die vielfach mit moralisierendem Gestus verbundene Verbreitung der Gendersprache durch die Medien f\u00fcr erheblichen sozialen Unfrieden und das in Zeiten, in denen ohnehin zahlreiche gesellschaftliche Spaltungstendenzen zu beobachten sind.\u201c <\/em><\/p>\n<p><strong>Das Theater geht weiter<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt auch die Gegenbewegung zu dem Papier: Etwa das Leibniz-Institut f\u00fcr Deutsche Sprache (IDS) bezeichnet <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/wissen\/mensch-alltag\/gendern-sprache-leibniz-institut-fordert-toleranz-100.html\">in einem aktuellen \u201eAufruf f\u00fcr Toleranz\u201c<\/a> den Umgang mit der Kunstsprache als eine nicht verwunderliche \u201eVer\u00e4nderungen des Sprachgebrauchs\u201c \u2013 ganz so, als seien diese Ver\u00e4nderungen evolution\u00e4rer Natur und w\u00fcrden nicht einer unwilligen Bev\u00f6lkerung aktiv \u00fcbergest\u00fclpt. Sprache, so das Institut, sei kein statisches Gebilde und entwickle sich auch nicht in einem sozial unabh\u00e4ngigen oder ideologiefreien Raum.<\/p>\n<p>Die Aussage, \u201cdie Sprachwissenschaft\u201d st\u00fcnde der Gendersprache kritisch gegen\u00fcber, entspricht nach Aussagen des Instituts nicht den Tatsachen. In Wirklichkeit gebe es einen sehr offenen Zugang dazu. So habe etwa die \u201cDeutsche Gesellschaft f\u00fcr Sprachwissenschaft\u201d dieses Jahr mit gro\u00dfer Mehrheit eine geschlechtergerechte Satzung verabschiedet.<\/p>\n<p>Das Theater geht also weiter.<\/p>\n<p><em>#Bild: keport \/ Shutterstock<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=86607\"><em>nachdenkseiten.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 10. August 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tobias Riegel. Die gro\u00dfe Mehrheit der B\u00fcrger m\u00f6chte keine Gendersprache. 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