{"id":11553,"date":"2022-08-10T15:48:03","date_gmt":"2022-08-10T13:48:03","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11553"},"modified":"2022-08-10T15:48:44","modified_gmt":"2022-08-10T13:48:44","slug":"paris-1973-die-schlacht-im-quartier-latin-gegen-bullen-und-faschisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11553","title":{"rendered":"Paris 1973: Die Schlacht im Quartier Latin gegen Bullen und Faschisten"},"content":{"rendered":"<p><strong>F\u00fcr den 21. Juni 1973 hat die faschistische Gruppe \u2018Ordre nouveau\u2019 (ON) zu einer gr\u00f6sseren Saalveranstaltung nach Paris im Quartier Latin aufgerufen.<\/strong><\/p>\n<p>In der ON ist zu diesem Zeitpunkt die Avantgarde der extremen Rechten in Frankreich aktiv, in ihrer Betonung der militanten Auseinandersetzung und ihren \u201cflachen Hierarchien\u201d,<!--more--> ihrer Schwerpunktsetzung auf den Kampf gegen \u201cdie Ausl\u00e4nder und Immigranten\u201d ist sie \u201cihrer Zeit voraus\u201d, was sich sp\u00e4ter als neue Rechte rund um die Kameradschaftsszene, um die Ideen von K\u00fchnen und Worch formiert, findet hier ihren historischen Vorl\u00e4ufer. In den Wochen vor dem Treffen zieht der Ordnungsdienst der Faschisten immer wieder durch das Quartier Latein, gut ausger\u00fcstet werden \u00dcberf\u00e4lle und Schl\u00e4gereien inszeniert.<\/p>\n<p>Der Kampf gegen die Faschos ist zu diesem Zeitpunkt fast ausschliesslich die Angelegenheit der radikalen Linken, nach dem Mai 1968 sind dies vor allem die Maoisten und Trotzkisten, die beiden bedeutendsten sind die Gauche Prol\u00e9tarienne (GP) (Proletarische Linke) und die Ligue communiste (LC) (Kommunistische Liga). Beide Gruppierungen haben eine gewisse Verankerung in den Fabriken, vor allem im Grossraum Paris, beide sind bekannt f\u00fcr ihr militantes Vorgehen, wobei die LC eher auf eine \u201cMassenlinie\u201d bedacht sind, w\u00e4hrend die GP immer wieder durch spektakul\u00e4ren Aktionen u.a. mit Molotows von sich reden machen.<\/p>\n<p>Es kommt auch zu Treffen von Leuten aus der RAF mit der GP, allerdings lehnen die GP den Schritt zum bewaffneten Kampf ab. Im Juni 1973 sind es diese beiden Gruppen, die das Gros der organisierten Militanten stellen, die sich in Richtung Tagung der Faschisten in Bewegung setzen, der Demonstrationszug umfasst je nach Angaben zwischen 5.000- 10.000 Menschen. Es kommt zu heftigen K\u00e4mpfen mit den Bullen, die mit einem grossen Aufgebot Stellung in unmittelbarer N\u00e4he zum Tagungsort der Faschisten bezogen haben, zwei Polizeifahrzeuge gehen in Flammen auf, sieben weitere werden v\u00f6llig zerst\u00f6rt. Etliche Polizisten werden verletzt, einige davon schwer.<\/p>\n<p>Trotz aller Militanz und obwohl mehrmals Polizeiabsperrungen durchbrochen werden, gelingt es nicht zum Tagungsort vorzustossen und die Faschisten aus dem Saal zu pr\u00fcgeln. Im Anschluss wird die LC verboten, der Tag bleibt trotzdem ein wichtiger Bezugspunkt f\u00fcr die kommenden Generationen von Militanten in Frankreich. Wir haben einen Bericht von Alain Cyroulnik, damals einer der f\u00fchrenden Kader der Ligue communiste in Paris \u00fcber diesen Tag und den Kontext \u00fcbersetzt. <em>[Sunzi Bingfa] <\/em><\/p>\n<p><strong>Die Demonstration gegen das Treffen von Ordre nouveau am 21. Juni 1973<\/strong><\/p>\n<p>Das Jahr 1973, in dem die Versammlung von \u2018Ordre nouveau\u2019 vor allem von der Ligue communiste angegriffen wurde, war kein Jahr wie jedes andere: Es war das Jahr der grossen \u201cratonnades &#8222;(1), die von der neofaschistischen extremen Rechten organisiert wurden, die aus der Kollaboration hervorgegangen war und nun ihre Lefzen wieder hochzieht, aber auch von ehemaligen Milit\u00e4rs, die f\u00fcr Franz\u00f6sisch-Algerien eintraten, und einer nicht unerheblichen Zahl von Milit\u00e4rs, die in jenen Jahren aktiv waren. Die Angriffe auf Einwanderer, haupts\u00e4chlich Algerier, nehmen in S\u00fcdfrankreich (Marseille, Grasse, La Ciotat, Toulon&#8230;) und auch in Paris zu. Im Jahr 1973 werden 50 Immigranten get\u00f6tet und etwa 300 verletzt.<\/p>\n<p>Das rassistische Klima, das einen Teil der Gesellschaft erfasste, pr\u00e4gte das Bewusstsein der Menschen so sehr, dass beispielsweise Yves Boisset den Film Dupont Lajoie drehte.<\/p>\n<p>Die Demonstration vom 21. Juni 1973 hat Generationen von politischen Aktivisten sowie antirassistischen und antifaschistischen Aktivisten gepr\u00e4gt. Sie ist ein Beispiel f\u00fcr die Entschlossenheit eines Teils der revolution\u00e4ren Linken, Faschismus und Rassismus den Weg zu versperren, wenn n\u00f6tig mit Gewalt, selbst auf Kosten ihrer eigenen organisatorischen Existenz. Wir befragten Alain Cyroulnik, der damals Mitglied der Ligue communiste war. (Vorwort der Zeitschrift L&#8217;Anticapitaliste Nr. 132; Januar 2022)<\/p>\n<p>In der Zeit nach dem Mai 68 entwickeln sich die K\u00e4mpfe in Frankreich in Solidarit\u00e4t mit den internationalen K\u00e4mpfen. Und um all diese Themen herum kommt es zu einer Konfrontation mit der extremen Rechten, die sich w\u00e4hrend des Algerienkriegs an der Seite der OAS wieder &#8222;eine cerise&#8220; (2) aufgesetzt hat, um zu versuchen, sich von der Schande der Kollaboration und der Unterst\u00fctzung f\u00fcr P\u00e9tain und das Vichy-Regime zu befreien, wobei es um Themen wie die Gr\u00f6sse Frankreichs und die Verteidigung des Kolonialreichs geht. Ob es also um Vietnam oder Algerien ging, wir waren immer mit der extremen Rechten konfrontiert.<\/p>\n<p>Ab Mai 1968 intervenierte die extreme Rechte, die sehr marginalisiert war, dennoch in einigen Gymnasien durch Aggressionen und gewaltt\u00e4tiges Auftreten. Die sichtbarste Gruppe ist die \u2018F\u00e9d\u00e9ration des \u00e9tudiants nationalistes\u2019, aus der sp\u00e4ter \u2018Occident\u2019 hervorgehen wird. Diese wiederum wird nach 68 aufgel\u00f6st und wird zu \u2018Ordre nouveau\u2019. Diese faschistische Gruppe wird die Initiatorin der beiden grossen Versammlungen 1971 und 1973 sein. Nach 1973 werden die Tr\u00fcmmer von \u2018Ordre nouveau\u2019 von Le Pens \u2018FN\u2019 geschluckt.<\/p>\n<p><strong>Ein Ordnungsdienst, um der extremen Rechten entgegenzutreten<\/strong><\/p>\n<p>In der Zeit nach dem Mai 68 st\u00fcrzten sich die Genossen der \u2018Kommunistischen Liga\u2019 in einen unb\u00e4ndigen Aktivismus, der sich insbesondere auf den Kampf gegen die extreme Rechte ausrichtete.<\/p>\n<p>Wir bildeten den Ordnungsdienst (service d\u2019ordre) (2) der \u2018Ligue communiste\u2019 (LC), dessen Erbe zum Teil aus den Traditionen der \u2018antifaschistischen Universit\u00e4tsfront\u2019 (Front universitaire antifasciste) w\u00e4hrend des Algerienkriegs stammte und aus Militanten der \u2018Union des \u00e9tudiants communistes \u2018Parti socialiste unifi\u00e9 \u2018Union nationale des \u00e9tudiants de France\u2019 im Quartier Latin bestand.<\/p>\n<p>Die Funktion unseres Ordnungsdienstes bestand in der Betreuung und dem Schutz von Aktivisten bei Aktionen und Demonstrationen, die die \u2018Ligue communiste\u2019 organisierte, aber auch in der Anforderung, das Eingreifen unserer Genossen in Unternehmen zu gew\u00e4hrleisten, in denen Arbeitgeberverb\u00e4nde wie die \u2018Conf\u00e9d\u00e9ration fran\u00e7aise des travailleurs\u2019 (CFT) vertreten waren. Ich denke da vor allem an Citro\u00ebn in Rennes und Ballard (Paris 15e), wo wir mit 90 Leuten hinfuhren, um unsere Flugblattverteilungen zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig organisierten wir auf einem f\u00fcr uns g\u00fcnstigen Terrain &#8211; denn die Militanten der Organisation waren im Sch\u00fcler- und Studentenmilieu sehr zahlreich &#8211; das Verhindern des \u00f6ffentlichen Ausdrucks von Hass und Galle durch rechtsextreme, faschistische und rassistische Bewegungen. Wir hatten auch beschlossen, den Royalisten der \u2018Action fran\u00e7aise\u2019 wie auch anderen Faschisten zu verbieten, auf die M\u00e4rkte zu kommen und ihre Flugbl\u00e4tter zu verteilen. Die alte Parole &#8222;Die braune Pest zerschlagen&#8220; wurde damals zu einem strukturierenden Element f\u00fcr einen Teil unserer Aktionen in Paris wie auch in den Provinzst\u00e4dten, in denen wir eine Basis hatten.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich verfolgten wir die Aktivit\u00e4ten der extremen Rechten sehr genau. Wir beobachteten genau, wo sie sich etablierten und wo sie sich entwickelten.<\/p>\n<p><strong>Konfrontiert mit Ordre nouveau<\/strong><\/p>\n<p>Deshalb beschlossen wir 1971 w\u00e4hrend des Kommunalwahlkampfes, die Versammlung von \u2018Ordre nouveau\u2019, die im Palais des Sports stattfand, zu unterbinden. An der Demonstration nahmen 5000 Personen teil. Die Konfrontation war ziemlich gewaltt\u00e4tig, aber die Ligue wurde danach (noch) nicht aufgel\u00f6st. Zwei Jahre sp\u00e4ter begann die Wirtschaftskrise von 1973 und die faschistische Gruppe \u2018Ordre nouveau\u2019 startete eine fremdenfeindliche Kampagne, um unter dem Motto &#8222;Stoppt die wilde Einwanderung&#8220; als S\u00fcndenb\u00f6cke Einwanderer und ausl\u00e4ndische Arbeiter zu benennen.<\/p>\n<p>Als die Auftritte von Ordre nouveau zunahmen, traten ehemalige Kollaborateure von P\u00e9tain und dem Vichy-Regime wie Fran\u00e7ois Lehideux, ehemalige Waffen-SS-Leute wie L\u00e9on Gaultier oder ehemalige Milizion\u00e4re wie Roland Gaucher wieder ins Licht der \u00d6ffentlichkeit und ans Rednerpult der Versammlungen. Das gab einem das Gef\u00fchl, dass nach und nach durch \u2018Ordre nouveau\u2019 das Sprachrohr all des alten Abschaums des franz\u00f6sischen Faschismus und der Kollaboration relegitimiert wurde. Ausserdem war zum Treffen am 21. Juni ein deutscher Neonazi eingeladen&#8230;<\/p>\n<p>Und all das bestimmt unseren Wunsch, dieses Treffen zu verhindern.<\/p>\n<p>Zu dieser Zeit bin ich in der Pariser Direktion der \u2018Ligue communiste\u2019. Einige Genossen berichten uns \u00fcber die Durchf\u00fchrung des Treffens. Zu dem Zeitpunkt als wir anfangen, \u00fcber die Form unserer Intervention zu diskutieren, sind es noch eineinhalb Monate bis das Treffen stattfindet. Sofort stellt sich die Frage, ob wir in diesem kurzen Zeitraum eine Kampagne durchf\u00fchren, die ein einheitliches Vorgehen erschwert und somit die Gefahr birgt, dass die Aktion auf eine Konfrontation der extremen Linken gegen die extreme Rechte reduziert wird. Aber die Thematik der offen fremdenfeindlichen Kundgebung erm\u00f6glicht es einer grossen Mehrheit, f\u00fcr die Demonstration zu stimmen und gleichzeitig einen einheitlichen Aufruf zu formulieren. Letztendlich war der Bogen der Kr\u00e4fte, die am &#8222;21. Juni&#8220; teilnahmen, nicht sehr weit gespannt: Es gab die Gruppe &#8222;R\u00e9volution!&#8220;, einen Teil der maoistischen Str\u00f6mung, einige Vereinigungen und die \u2018Kommunistische Liga\u2019. Weder \u2018Lutte ouvri\u00e8r\u2019 noch die lambertistische Str\u00f6mung (4) folgten dem Aufruf.<\/p>\n<p><strong>Die Art der Intervention der LC<\/strong><\/p>\n<p>Als n\u00e4chstes kommt die Diskussion \u00fcber den Inhalt und die Form, die unsere Aktion annehmen soll. Es ist die gemeinsame Aufgabe der nationalen F\u00fchrung, der Pariser F\u00fchrung und der F\u00fchrung des Ordnungsdienstes, diese Frage zu entscheiden. Die Leitung des Ordnungsdienstes schl\u00e4gt eine Versammlung nicht weit von der Mutualit\u00e9 entfernt vor, an der Metro Cardinal-Lemoine.<\/p>\n<p>Was mich betrifft, bin ich eher f\u00fcr eine l\u00e4ngere Route in Richtung der Versammlung der Faschisten, die Zeit l\u00e4sst, um zu zeigen, dass die Bullen uns daran hindern, dorthin zu gehen. Das h\u00e4tte die Komplizenschaft der Regierung und der Faschisten bewiesen.<\/p>\n<p>Dann w\u00fcrde nat\u00fcrlich keiner dieser beiden Lager die Geschichte der Konfrontation ausklammern k\u00f6nnen. Seltsamerweise erw\u00e4hnte in der Diskussion niemand die Demonstration am \u2018Palais des Sports\u2019, die wir 1971 gegen dieselben Leute durchgef\u00fchrt hatten und die extrem gewaltt\u00e4tig gewesen war: Die gesamte erste Reihe hatte Molotowcocktails und wir hatten die Bullen angegriffen, die gezwungen waren, sich zur\u00fcckzuziehen.<\/p>\n<p>Die grossen internen Widerst\u00e4nde gegen diese Aktion, um es klar zu sagen, kamen erst nach der Demo zum Ausdruck &#8230; als man sah, welche Folgen die Aufl\u00f6sung f\u00fcr die Organisation hatte. Ihre Argumentation bestand darin, darauf hinzuweisen, dass die Liga in eine Logik zur\u00fcckgekehrt war, die die Aktion der Massen ersetzte.<\/p>\n<p>Trotz des kurzen Zeitraums f\u00fchrten wir eine intensive Kampagne und so wussten alle, die zu dieser Demo kamen, sehr gut, warum sie kamen&#8230; Jeder wusste, dass es zu Zusammenst\u00f6ssen kommen w\u00fcrde und dass man diese Versammlung unbedingt verhindern wollte. Konkret bestand die Idee darin, in den Saal einzudringen, um zu verhindern, dass sie stattfindet.<\/p>\n<p><strong>Der Ablauf der Demonstration<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe es in den Debatten zu diesem Thema oft gesagt: Wenn man eine Demo startet, von der man weiss, dass sie gewaltt\u00e4tig sein wird, gibt es nichts Besseres als den unmittelbaren \u2018nat\u00fcrlichen\u2019 Rahmen der Route: Baustellen, Hintert\u00fcren, von denen man weiss, dass sie sich \u00f6ffnen lassen, und wo man auf der gesamten Route das notwendige Material versteckt. Das bedeutet, dass wir nicht mit den Mitteln unserer Militanz zur Demo gehen, sondern in der Umgebung des Punktes, an dem sich der Demonstrationszug formiert, das notwendige Material einsammeln, um unseren Schutz und die Konfrontation mit den Faschisten und den Bullen zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Gem\u00e4ss dem verabschiedeten Beschluss trafen wir uns also in Cardinal-Lemoine und zu meinem Erstaunen gelang es uns sehr leicht, den Demonstrationszug zusammenzustellen. Ich erinnere mich an verbotene &#8222;Vietnam&#8220;-Demos, bei denen wir direkt am Ausgang der Metro verhaftet wurden.<\/p>\n<p>Am \u201821. Juni\u2019 waren wir zahlreich! Der Demonstrationszug umfasste 5.000 Personen. 5.000 Demonstranten, die wussten, warum sie da waren, und die mit Sicherheit eine gewaltt\u00e4tige Konfrontation erleben w\u00fcrden. Und bei Zusammenst\u00f6ssen ist die Angst pr\u00e4sent &#8230; \u00dcbermenschen, nur die extreme Rechte glaubt, dass es sie gibt! Revolution\u00e4re Aktivisten hingegen glauben, dass es die kollektive St\u00e4rke ist, die die Menschen mutig machen kann.<\/p>\n<p>Unter diesen Umst\u00e4nden zeigt ein Demonstrationszug von 5.000, dass diese Demonstration ein gewisses Echo hatte. Diese Zahl zeigt auch, wie viel Vertrauen die Demonstranten in das B\u00fcndnis hatten: Die Risiken bestanden, aber sie waren kalkulierbar, und die Organisation \u00fcbernahm den Schutz der Demonstranten, wie sie es bei den vielen riskanten Aktionen, die sie seit dem Mai 1968 organisiert hatte, immer getan hatte.<\/p>\n<p>In jeder Debatte \u00fcber eine gewaltt\u00e4tige Demonstration geht es darum, was im Vordergrund steht: Ist das politische Ziel wichtiger als die Gefahr einer Aufl\u00f6sung (der Organisation, d.\u00dc.), die eintreten kann. Im Fall des \u2018\u2019 hatte jedoch niemand die M\u00f6glichkeit einer Aufl\u00f6sung (der Organisation) in Betracht gezogen.<\/p>\n<p>Die Demo war ziemlich gewaltt\u00e4tig, sehr gewaltt\u00e4tig. Es gab eine erste Reihe mit Eisenstangen und Spatenstielen und an den Seiten gab es Gruppen mit Molotowcocktails. Alle Genossen hatten Helme auf. Sie sollten angreifen, wenn uns jemand am Durchkommen hinderte. Auf den Archivbildern ist dieses Dispositiv deutlich zu erkennen. Man muss auch hinzuf\u00fcgen, dass man die Polizisten anfangs nicht sieht. Man sieht sie erst, als die Mutualit\u00e9 in der N\u00e4he ist.<\/p>\n<p>Auch wenn die Gewalt stark ausgepr\u00e4gt war, blieb sie immer im Rahmen eines menschlichen Verhaltens. Als wir zum Beispiel angriffen und die Bullen sich zur\u00fcckzogen, wurden einige von ihnen inmitten der Demonstranten \u2018vergessen\u2019. Der SO holte sie heraus, um zu verhindern, dass sie von der Menge geschlagen wurden. Das war ein Verhalten, das der Ordnungsdienst bei allen von uns organisierten Demonstrationen an den Tag legte.<\/p>\n<p>Die Demo war sehr gewaltt\u00e4tig, aber es gab auf der ganzen Strecke Megafonansprachen, um den Menschen an den Fenstern und auf der Strasse unser Ziel und den Grund f\u00fcr diese Gewalt zu erkl\u00e4ren. Es gab den Willen, auch w\u00e4hrend der Zusammenst\u00f6sse politisch aktiv zu sein.<\/p>\n<p>Seit dem Start der Demo ist der Demonstrationszug stark gewachsen. Von den 5000 am Anfang sind wir jetzt vielleicht 10 000&#8230;<\/p>\n<p>Infolge der Zusammenst\u00f6sse zerbrach der Demonstrationszug in zwei Teile. Ich f\u00fchrte die Gruppe an, die sich mit Molotowcocktails auf der linken Seite befand, und so fand ich mich auf dem Weg zur\u00fcck nach Luxembourg wieder, bevor ich \u00fcber den Boulevard de l&#8217;H\u00f4pital zum Gare d&#8217;Austerlitz hinunter ging. Bei Austerlitz r\u00e4umten wir einen Bus mit Polizisten aus dem Weg, weil wir nicht wollten, dass es bei der Demo Tote gab.<\/p>\n<p>Dann beschlossen wir, auf der Seite von Les Halles zum Lokal von \u2018Ordre nouveau\u2019 in der Rue des Lombards zu gehen. Als sie uns kommen sahen, fl\u00fcchtete ein Teil der Faschisten und die anderen verbarrikadierten sich in ihrem Lokal. Der Demonstrationszug beschloss daraufhin, nach Ch\u00e2telet zu ziehen, wo sich die Demonstration aufl\u00f6ste.<\/p>\n<p>Mit einigen Genossinnen und Genossen kehrten wir zum Lokal der Ligue in der Impasse Gu\u00e9m\u00e9n\u00e9e zur\u00fcck. Als Pariser Verantwortlicher sollte ich f\u00fcr den Schutz des Lokals sorgen. Als der Abend voranschritt, begannen wir im Radio von &#8222;der Aufl\u00f6sung&#8220; (der LC, d.\u00dc.) zu h\u00f6ren. Also beschlossen wir, zu \u00fcberpr\u00fcfen, wer sich im Lokal aufhielt. Zwei baskische Genossinnen befanden sich dort. Sie durften nicht festgenommen und dann nach Francos Spanien abgeschoben werden. Ich begleitete sie und als wir herauskamen, kontrollierten uns die Polizisten und verlangten unsere Papiere. Ich weigerte mich und verursachte ein Gedr\u00e4nge, um die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Ich wurde in einen Lieferwagen verfrachtet, in dem ich eine schlimme Zeit verbrachte. In der Zwischenzeit konnten die Kameradinnen gehen. Aber sie wurden leider wieder festgenommen\u2026<\/p>\n<p><strong>Die Aufl\u00f6sung<\/strong><\/p>\n<p>Die Polizei intervenierte gegen 6 Uhr morgens gegen das Lokal der Ligue. Sie kamen bewaffnet, behelmt und mit Leitern ausgestattet. Die Impasse Gu\u00e9m\u00e9n\u00e9e sah aus wie ein Kriegsgebiet. Die Militanten, die sich im Lokal der Ligue befanden, wurden festgenommen und wir wurden alle zum Kommissariat des 4. Arrondissements gebracht.<\/p>\n<p>Auf dem Kommissariat erinnerte ich an die Anweisungen: Wir unterschreiben nichts und geben nur unsere Identit\u00e4t an. Die Polizisten, die sonst eher h\u00f6flich waren, wurden von diesem Moment an eiskalt. Sie setzten uns wieder in Busse und w\u00e4hrend dieses erneuten Transports erkl\u00e4rten uns einige: &#8222;Wir haben euch 1940 nicht erwischt, wir haben euch im Oktober 1961 nicht erwischt, also werden wir euch jetzt wie 61 in die Seine werfen.(5)&#8220;<\/p>\n<p>Die Busse, in denen wir sassen, dienten normalerweise dazu, Gefangene zum Gericht zu bringen. Es gab kleine Einzelzellen. Als sie uns im Haftzentrum des Justizpalastes aussteigen liessen, kn\u00fcppelten sie uns kr\u00e4ftig nieder. In der Zelle zogen sie uns nackt aus und durchsuchten uns mit rektaler Ber\u00fchrung, um zu sehen, ob wir eine Waffe versteckt hatten&#8230; Kurz gesagt, nach den Schl\u00e4gen folgte der Versuch, uns zu erniedrigen.<\/p>\n<p>Schliesslich sahen wir den Untersuchungsrichter, der uns sagte, dass wir wegen der Demonstrationen angeklagt wurden, aber vor allem wegen Waffenhandels, weil die Polizisten w\u00e4hrend der Durchsuchung des Lokals ein altes Jagdgewehr entdeckt hatten, das ein Aktivist dort deponiert hatte und von dessen Existenz wir alle nichts wussten. Es gab auch Unterwasserharpunen, Waffen, die f\u00fcr ihre extreme Gef\u00e4hrlichkeit bekannt sind! Keiner von uns wusste von diesem &#8222;Arsenal&#8220; &#8230; sonst h\u00e4tten wir es nat\u00fcrlich vor der Durchsuchung entsorgt.<\/p>\n<p>Am Morgen wurden wir alle freigelassen, ausser Pierre Rousset, der behalten wurde, weil er auf Bew\u00e4hrung verurteilt worden war, und er wurde in Untersuchungshaft genommen.<\/p>\n<p>Anderthalb Monate lang schlief ich nicht zu Hause, wie viele andere Kameraden auch, denn es fanden noch mehrere Hausdurchsuchungen statt. Das war ziemlich seltsam, denn die Polizisten durchsuchten das Haus meiner Eltern, obwohl sie nie in der Wohnung waren, in der ich tats\u00e4chlich seit langem wohnte.<\/p>\n<p><strong>Lehren und Konsequenzen<\/strong><\/p>\n<p>Es gab eine widerspr\u00fcchliche Wirkung des \u201821. Juni\u2019. Tats\u00e4chlich l\u00f6ste die Aufl\u00f6sung der Ligue eine ziemlich grosse Bewegung der Emp\u00f6rung, Sympathie und Solidarit\u00e4t um uns herum aus. Es gab sogar eine Unterst\u00fctzungsversammlung f\u00fcr die LC im Cirque d&#8217;hiver, und alle Parteien der Linken kamen: die PS, die KP, die PSU&#8230; und die R\u00e4nge waren voll. Das Paradoxe ist also, dass alle Organisationen auf diesem Treffen sprachen, aber kein Vertreter der LC das Recht hatte, den Sinn unserer Aktion zu erkl\u00e4ren und warum wir Opfer der Repression waren. Damals war es f\u00fcr die KP schon sehr schwer zu schlucken, eine Kundgebung zur Verteidigung von &#8222;Linken&#8220; abzuhalten, aber dann auch noch Trotzkisten auf der Trib\u00fcne sprechen zu lassen, ging \u00fcber ihre Kr\u00e4fte.<\/p>\n<p>Ausserdem gingen wir nach der Kundgebung auf eine Demonstration. Trotz der Aufl\u00f6sung war unsere Mobilisierungsf\u00e4higkeit intakt. Dieses Ereignis, das uns in den Augen der Massen und der politischen Organisationen h\u00e4tte marginalisieren k\u00f6nnen, schuf stattdessen einen Strom von Sympathien, politische Verbindungen und M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Diskussionen. Nach der Aufl\u00f6sung wurden wir viel mehr beachtet, geh\u00f6rt und in B\u00fcndnisbezogenen Zusammenh\u00e4ngen akzeptiert als zuvor.<\/p>\n<p>In den internen Debatten nach der Aufl\u00f6sung erkl\u00e4rten einige Genossinnen und Genossen, dass es eine substitutistische, eine militaristische Logik gab und dass die Demonstration die Aktivistinnen und Aktivisten der Ligue politisch nicht auf die anschliessende Aufl\u00f6sung der vorbereitet hatte. Sie erkl\u00e4rten auch, dass sich der Schwerpunkt der Aktivit\u00e4ten der Aktivisten der Ligue von Aktionen in Betrieben und Gewerkschaften auf eine marginalisierende Logik der Konfrontation mit der extremen Rechten verlagert habe.<\/p>\n<p>In der Praxis haben sich diese Bef\u00fcrchtungen nie bewahrheitet. Der politische Gewinn, der dadurch geschaffene Handlungsspielraum, die ver\u00e4nderten Bedingungen f\u00fcr die Existenz der Ligue in der Arbeiterbewegung wurden in dieser Perspektive auf den Kopf gestellt.<\/p>\n<p>Sicher ist, dass die Ligue von viel mehr Menschen wahrgenommen wurde als vor dem 21. Juni 1973. Unser Geh\u00f6r in allen Kreisen war viel gr\u00f6sser. Die Beziehung zu den Militanten der KP \u00e4nderte sich sogar. Sie erkl\u00e4rten nicht mehr, dass wir Feinde der Arbeiterklasse, Freunde des Grosskapitals und eine Gruppe von Provokateuren seien. Sie stellten unsere Integrit\u00e4t und unser Engagement nicht in Frage, waren aber mit den Formen, die sie annehmen konnten, nicht einverstanden. Und das hat alles ver\u00e4ndert! Wir wurden zu einer Kraft in der Arbeiterbewegung und h\u00f6rten auf, eine Gruppierung von Linken zu sein. Das ver\u00e4nderte das Bild der Ligue in den Augen aller Kreise, in denen wir t\u00e4tig waren, und vor allem in den Kreisen der Lohnabh\u00e4ngigen.<\/p>\n<p>Alain Cyroulnik<\/p>\n<p><strong>Fussnoten: <\/strong><\/p>\n<p>(1) franz. f\u00fcr Ausschreitungen gegen Minderheiten<\/p>\n<p>(2) franz\u00f6sisches Wortspiel, sich eine Kirsche aufsetzen wortw\u00f6rtlich<\/p>\n<p>(3) alle \u2018traditionellen\u2019 franz\u00f6sischen Gruppen und Gewerkschaften haben einen \u2018Ordnungsdienst\u2019 (service d\u2019ordre, SO), selbst die Anarchosyndikalisten. Im allgemeinen daf\u00fcr gedacht, die eigenen Aktionen und Demos zu sch\u00fctzen, oder militante Aktionen durchzuf\u00fchren, agieren diese aber auch h\u00e4ufig in der Linken gegen andere unliebsame Konkurrenten, besonders der SO der CGT hat eine lange Tradition darin gegen \u201cAbweichler\u201d vorzugehen, besonders in den letzten Jahren in Paris gegen autonome und militante Zusammenh\u00e4nge.<\/p>\n<p>(4) Eine weitere trotzkistische Str\u00f6mung, siehe <a href=\"https:\/\/de.frwiki.wiki\/wiki\/Courant_lambertiste\">https:\/\/de.frwiki.wiki\/wiki\/Courant_lambertiste<\/a><\/p>\n<p>(5) 1961 wurden bei einem Massaker in Paris \u00fcber 200 Menschen algerischer Herkunft ermordet. Die Bullen gingen auf Anweisung der obersten politischen Kreise gegen eine verbotene Demo zur Unterst\u00fctzung des algerischen Unabh\u00e4ngigkeitskampfes vor. Etliche der Leichen wurden sp\u00e4ter in der Seine gefunden. Jahrzehntelang wurde das Massaker \u00f6ffentlich als nicht stattgefunden behandelt. <a href=\"https:\/\/de.qantara.de\/inhalt\/kolonialismus-im-maghreb-frankreichs-staatsverbrechen-an-den-algeriern\">https:\/\/de.qantara.de\/inhalt\/kolonialismus-im-maghreb-frankreichs-staatsverbrechen-an-den-algeriern<\/a><\/p>\n<p><em>Zuerst erschienen auf <\/em><a href=\"https:\/\/sunzibingfa.noblogs.org\"><em>S\u016bnz\u01d0 B\u012bngf\u01ce<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch\/politik\/europa\/frankreich-paris-1973-quartier-latin-on-ordre-nouveau-7174.html\"><em>untergrund-bl\u00e4ttle.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 10. August 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr den 21. Juni 1973 hat die faschistische Gruppe \u2018Ordre nouveau\u2019 (ON) zu einer gr\u00f6sseren Saalveranstaltung nach Paris im Quartier Latin aufgerufen.<br \/>\nIn der ON ist zu diesem Zeitpunkt die Avantgarde der extremen Rechten in Frankreich &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":11554,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,5],"tags":[25,34,61,26,76,49,17],"class_list":["post-11553","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-kampagnen","tag-arbeiterbewegung","tag-faschismus","tag-frankreich","tag-gewerkschaften","tag-neue-rechte","tag-repression","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11553","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11553"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11553\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11556,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11553\/revisions\/11556"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/11554"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11553"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=11553"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=11553"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}