{"id":11612,"date":"2022-08-22T15:49:55","date_gmt":"2022-08-22T13:49:55","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11612"},"modified":"2022-08-22T15:49:56","modified_gmt":"2022-08-22T13:49:56","slug":"die-ukraine-im-wuergegriff-der-nationalisten-und-imperialisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11612","title":{"rendered":"Die Ukraine im W\u00fcrgegriff der Nationalisten und Imperialisten"},"content":{"rendered":"<p><em>Tilman von Berlepsch.<\/em> <strong>Ein Blick auf die Kriege, Revolutionen und Klassenk\u00e4mpfe hilft den Angriff Russlands auf die Ukraine einzuordnen und die vernachl\u00e4ssigte Geschichte des Widerstandes von unten sichtbar zu machen. <\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Dieser Tage f\u00e4llt es schwer linke B\u00fccher und Artikel zum Russland-Ukraine-Konflikt ohne Naser\u00fcmpfen zu lesen. So verkehrt sich die Scham \u00fcber die Fehleinsch\u00e4tzung von Putins Machtbestrebungen und die \u00dcberbetonung der Aggressivit\u00e4t der NATO teilweise ins Gegenteil. Linksliberale mutieren zu Ostfront-Panzerstrateg*innen und fangen an \u00fcber die Natur des Russen an sich zu schwadronieren. Auf der anderen Seite vermischen sich Eskapismus mit Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen und so fallen Friedens- und Coronabewegte auf gef\u00e4hrliche Weise auf Putins Propaganda rein. Dem Politologen Klaus Henning ist beides nicht passiert und er hat vier Jahre nach Beginn des Stellvertreterkrieges und vier Jahre vor der russischen Invasion in der Ukraine ein Buch vorgelegt, das nicht von den Ereignissen \u00fcberholt wurde und nach wie vor hilft, die Hintergr\u00fcnde des Konfliktes besser zu verstehen.<\/p>\n<p>Auf 90 kompakten Seiten werden in neun Kapiteln die ukrainische Geschichte und die Konflikte um Territorien, Bodensch\u00e4tze und nationale Selbstbestimmung geschildert und konsequent aus der Perspektive der Arbeiterklasse eingeordnet. So entsteht eine zug\u00e4ngliche Einf\u00fchrung in die Thematik, die s\u00e4mtliche Fettn\u00e4pfchen und insbesondere eine Parteinahme f\u00fcr den ukrainischen oder den russischen Staat vermeidet. Garniert wird der kleine Band noch mit einem interessanten Glossar zur ukrainischen Linken, das gleichzeitig ihre Vielf\u00e4ltigkeit und Widerspr\u00fcchlichkeit aufzeigt.<\/p>\n<p><strong>Die Vorgeschichte der Trag\u00f6die<\/strong><\/p>\n<p>Der historische Abriss beginnt dabei nicht mit dem Fall des Eisernen Vorhangs oder den Maidanprotesten, sondern bei der sozialdemokratischen Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung gegen das zaristische \u201eV\u00f6lkergef\u00e4ngnis\u201c (Lenin). Der Zarismus unterdr\u00fcckte alle nicht-russischen Ethnien, so erhoben sich polnische und ukrainische B\u00e4uer*innen 1836 zum Aufstand. Aus dem Widerstand gegen die deutschen sowie \u00f6sterreich-ungarischen Besatzer im ersten Weltkrieg sowie den Verheerungen des nahtlos anschlie\u00dfenden russischen B\u00fcrgerkrieges entstanden selbstbewusste Bauern- und Arbeiterschaften, die sich politisch wie milit\u00e4risch von den Gro\u00dfgrundbesitzer*innen und zaristischen \u201eWei\u00dfen\u201c befreiten. Die ukrainische Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung spielte im Folgenden auch f\u00fcr die Bildung der Sowjetunion eine gro\u00dfe Rolle, da die Sowjetukraine zu Beginn ein autonomer und gleichberechtigter Arbeiter- und Bauernstaat war und kein Vasall eines gro\u00dfrussichen Projektes, wie h\u00e4ufig behauptet wird.<\/p>\n<p>Erst der Stalinismus verkehrte die emanzipatorischen Ans\u00e4tze der Sowjetukraine ins Gegenteil:<\/p>\n<p><em>\u201eAn die Stelle der Befreiung der Arbeit trat die Zwangsarbeit, an die Stelle der N\u00d6P (Neue \u00d6konomische Politik, eine Form der liberaleren Planwirtschaft, d.Verf.) die Zwangsrequirierung, an die Stelle der sozialen Gleichheit die Privilegien der B\u00fcrokraten, an die Stelle des Konsums der Hungertod, an die Stelle der \u201aUkrainisierung\u2018 der gro\u00dfrussische Chauvinismus und an die Stelle von Lenins \u201eHalbstaat\u201c der Polizeiterror\u201c (S. 33). <\/em><\/p>\n<p>Da die Verbrechen Stalins \u201eim Namen des Kommunismus\u201c voll\u00fcbt wurden, entwickelte sich die ukrainische Nationalbewegung nach rechts. Die Ausw\u00fcchse davon sind bis heute sichtbar. Als 1941 dann die Wehrmacht Holocaust und Vernichtungskrieg in die Ukraine brachte, wurde das Land zum zweiten Mal in wenigen Jahren verw\u00fcstet. Die Ukraine wurde wie Polen zum Hauptschauplatz der faschistischen Grausamkeiten. Henning erinnert jedoch daran, dass die sowjetischen Kriegsanstrengungen keinesfalls rein antifaschistischer Natur waren, sondern immer auch eigene geopolitische Interessen eine Rolle spielten.<\/p>\n<p>Auch nach Stalins Tod wurde die ukrainische Sprache und Identit\u00e4t immer weiter verdr\u00e4ngt und studentische und Arbeiterproteste f\u00fcr die \u201eukrainische Frage\u201c unterdr\u00fcckt. In Folge des AKW-Super-GAUs in Tschernobyl und inspiriert durch die polnische Solidarno\u015b\u0107-Gewerkschaftsbewegung kam es zu gemeinsamen Protesten von Bergarbeitern aus dem Donbas sowie Studierenden und Intellektuellen f\u00fcr \u201eSeife und Demokratie\u201c (S. 48), die schlie\u00dflich zum Zusammenbruch der Sowjetunion beitrugen. 1991 stimmten schlie\u00dflich 90 Prozent f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit der Ukraine. Die damit verbundenen Hoffnungen wurden jedoch entt\u00e4uscht, da die neoliberale Schocktherapie, vorangebracht durch IWF und Weltbank, Massenverarmung, Hyperinflation und eine Absenkung der Lebenserwartung um zehn Jahre brachte. Der W\u00fcrgegriff der neoliberalen Oligarchen verursachte in der Ukraine die heftigste \u201eTransformationskrise\u201c aller ehemaligen Sowjetrepubliken. Durch die Waffe der Verschuldung aus Ost und West geriet das Land zus\u00e4tzlich unter Druck. Von dieser doppelten Belastung wollten sich die Ukrainer*innen 2013 in einer spontanen Massenbewegung, dem \u201eEuro-Maidan\u201c, befreien.<\/p>\n<p><strong>Internationale Solidarit\u00e4t statt Nationalismus und Imperialismus<\/strong><\/p>\n<p>Nicht vergessen darf man, dass es die Europ\u00e4ische Union war, die \u201eder Ukraine ein Assoziierungsabkommen vorlegte, das den Bruch mit Russland zur Bedingung hatte\u201c (S. 8). Gleichzeitig forderte die EU die vollst\u00e4ndige Liberalisierung des ukrainischen Energiemarktes, die zu deutlich steigenden Energiepreisen f\u00fchrte. So fiel der Maidan nicht vom Himmel, sondern war nur der vorl\u00e4ufige H\u00f6hepunkt der \u201esich versch\u00e4rfenden Klassenwiderspr\u00fcche in einem zerrissenen Land\u201c (S. 10). Der B\u00fcrgerkrieg ab 2014 lie\u00df die Interessenskonflikte zwischen dem Westen (NATO und EU) und Russland in den Vordergrund treten, wodurch der B\u00fcrgerkrieg zum Stellvertreterkrieg wurde und andere Konflikte in den Hintergrund dr\u00e4ngte.<\/p>\n<p>Klaus Henning seziert den Imperialismus von beiden Seiten und kritisiert explizit und sehr weitsichtig die Auffassung von Teilen der deutschen Linken, den russischen Imperialismus zu negieren und als Abwehrkampf zu verf\u00e4lschen. Dabei zeigen schon die russischen milit\u00e4rischen Interventionen in Tschetschenien, Georgien und Syrien eindeutig das russische Gro\u00dfmachtstreben auf. Die Interessen des Westens sind in erster Linie wirtschaftlicher Natur, wobei nat\u00fcrlich auch die geopolitische Lage der Ukraine (slawisch \u201eGrenzland\u201c) f\u00fcr die imperiale Globalstrategie der USA entscheidend ist. Die intensiven Handels- und Produktionsverflechtungen zwischen Deutschland und der Ukraine, aber auch Russland, sind exemplarisch f\u00fcr das \u201eDilemma des deutschen Imperialismus\u201c (S. 84). Deutschland im speziellen aber auch die EU insgesamt sind wirtschaftlich stark und setzen grunds\u00e4tzlich auf Freihandel. Da die milit\u00e4rischen Kapazit\u00e4ten jedoch begrenzt sind, bleiben Deutschland und die EU auf die USA und die NATO angewiesen, denn die politische Durchsetzungsf\u00e4higkeit bleibt im imperialistischen Wettbewerb ohne milit\u00e4rische St\u00e4rke begrenzt. Vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, dass die Bundesregierung bei den Sanktionen gegen\u00fcber Russland auf die Bremse dr\u00fcckt und mit der \u201eZeitenwende\u201c in der R\u00fcstungspolitik die eigenen Streitkr\u00e4fte nun im Eiltempo aufger\u00fcstet werden sollen.<\/p>\n<p>Wenig \u00fcberraschend f\u00fcr einen Autor aus der Tradition der revolution\u00e4ren Sozialisten von unten sieht Klaus Henning die L\u00f6sung f\u00fcr die Ukraine im Kampf einer vereinten Arbeiterklasse gegen Oligarchen und den imperialistischen Einfluss aus beiden Himmelsrichtungen. So entt\u00e4uschend das Fazit ist, w\u00fcnschte man sich doch eine einfachere L\u00f6sung, bleibt die Losung dennoch wahr: Gegen Imperialismus und Nationalismus \u2013 f\u00fcr internationale Solidarit\u00e4t!<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/kritisch-lesen.de\/rezension\/die-ukraine-im-wurgegriff-der-nationalisten-und-imperialisten\"><em>kritisch-lesen.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 22. August 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tilman von Berlepsch. 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