{"id":11650,"date":"2022-08-27T11:53:54","date_gmt":"2022-08-27T09:53:54","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11650"},"modified":"2022-08-27T11:53:55","modified_gmt":"2022-08-27T09:53:55","slug":"wie-russophrenie-uns-langsam-in-einen-grossen-europaeischen-krieg-fuehrt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11650","title":{"rendered":"Wie &#8222;Russophrenie&#8220; uns langsam in einen gro\u00dfen europ\u00e4ischen Krieg f\u00fchrt"},"content":{"rendered":"<p><em>Glenn Diesen. <\/em><strong>Durch die Aufgabe gesamteurop\u00e4ischer Sicherheitsvereinbarungen brach auch die gesamteurop\u00e4ische Sicherheit zusammen. Wir bewegen uns seit 30 Jahren langsam auf einen gro\u00dfen europ\u00e4ischen Krieg zu, und es wird Zeit, dem Wunschdenken gegen\u00fcber Russland ein Ende zu setzen. <\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Der Autor und \u00dcberlebende des Holocausts Victor Klemperer identifizierte zwei unterschiedliche Sprachstile, die Hitlers Propaganda gegen die Juden ausmachten: entweder die &#8222;sp\u00f6ttische Verh\u00f6hnung&#8220; als minderwertige Rasse oder das &#8222;panische Sch\u00fcren der Angst&#8220; vor deren Bedrohung f\u00fcr die Zivilisation.<\/p>\n<p>Die antirussische Propaganda der vergangenen Jahrhunderte hat in \u00e4hnlicher Weise zwei widerspr\u00fcchliche Positionen hervorgebracht \u2013 die Verh\u00f6hnung der Russen als unzivilisiertes und r\u00fcckst\u00e4ndiges Volk, das gleichzeitig aber eine unermessliche Bedrohung f\u00fcr Europa darstellt. Ein Zustand, der von einem Autor einst als &#8222;Russophrenie&#8220; beschrieben wurde: die Idee, dass Russland am Auseinanderfallen ist, gleichzeitig aber auch die Weltherrschaft \u00fcbernehmen wird.<\/p>\n<p>Russland soll hoffnungslos unf\u00e4hig und schwach sein, aber gleichzeitig auch in der Lage, die Demokratien der Welt zu untergraben und ein globales Imperium wiederherzustellen. Moskau ist\u00a0derart\u00a0unwichtig, dass der Westen seine eigenen grundlegenden Sicherheitsinteressen nicht anerkennen oder ber\u00fccksichtigen muss, w\u00e4hrend die 30 Mitgliedsstaaten der NATO gleichzeitig nach immer mehr Waffen rufen, um sich gegen die gef\u00fcrchteten Russen zu verteidigen. Die Schw\u00e4che oder die St\u00e4rke eines Gegners \u2013 oder beides \u2013 zu \u00fcbertreiben, ist eine Schl\u00fcsselkomponente der Propaganda, was ein offensichtliches Risiko von Fehlkalkulationen mit sich bringt, weil die tats\u00e4chlichen F\u00e4higkeiten des Gegners nicht pr\u00e4zise eingesch\u00e4tzt werden. Der Krieg in der Ukraine ist eine gute Fallstudie dieses Ph\u00e4nomens.<\/p>\n<p><strong>Die \u00dcbertreibung der russischen St\u00e4rken und Schw\u00e4chen<\/strong><\/p>\n<p>Um noch mehr NATO, noch mehr Milit\u00e4rausgaben und noch mehr Eind\u00e4mmung Russlands zu fordern, wird allgemein argumentiert, dass man die Bedrohung durch die Russen untersch\u00e4tzt habe. W\u00e4hrend des Kalten Krieges wurde f\u00e4lschlicherweise argumentiert, dass die Sowjets gegen\u00fcber den USA einen riesigen Vorsprung bei der Raketenbewaffnung h\u00e4tten, was den USA Anreize f\u00fcr zus\u00e4tzliche Milit\u00e4rausgaben gab.\u00a0Und auch nach dem Kalten Krieg haben sich die Osterweiterung und die Daseinsberechtigung der NATO weiterhin auf eine \u00fcbertriebene russische Bedrohung verlassen.<\/p>\n<p>Um ein energischeres Vorgehen gegen\u00fcber Russland zu f\u00f6rdern, wird jetzt argumentiert, wir h\u00e4tten Moskaus St\u00e4rke \u00fcbersch\u00e4tzt. In einem Artikel in <a href=\"https:\/\/www.theatlantic.com\/ideas\/archive\/2022\/07\/rethinking-russia-ukraine-international-political-power-military-strength\/661452\/\"><em>The Atlantic<\/em><\/a> wird beispielsweise argumentiert, dass &#8222;der Krieg in der Ukraine Russland als nicht so starke Macht entlarvt hat&#8220;. Weil die russische Armee &#8222;bisher nur 20 Prozent der Ukraine erobern konnte&#8220;, suggeriert der Artikel, es sei an der Zeit, sich von der Illusion zu verabschieden, dass Russland eine Gro\u00dfmacht ist. Diese Schlussfolgerung unterst\u00fctzt eine noch h\u00e4rtere Position gegen\u00fcber Russland, im Gegensatz zum Argument von Henry Kissinger, dass Gro\u00dfm\u00e4chte dem Frieden entgegenkommen m\u00fcssen. Mit anderen Worten: noch mehr von derselben Politik, die Spannungen angeheizt und uns in diesen schrecklichen Konflikt gebracht hat.<\/p>\n<p><strong>Das falsche Narrativ vom russischen Scheitern in der Ukraine<\/strong><\/p>\n<p>Es besteht kein Zweifel, dass Russland in der Ukraine keinen schnellen Sieg erringen konnte. Russland st\u00fcrmte in der Anfangsphase bis in die Au\u00dfenbezirke von Kiew und versuchte, eine Einigung mit der ukrainischen Regierung zu erzwingen. Die territorialen Vorst\u00f6\u00dfe Russlands wirkten sehr beeindruckend und deckten sich mit dem Narrativ eines allm\u00e4chtigen Russlands. In Wirklichkeit waren diese Vorst\u00f6\u00dfe auf d\u00fcnne und anf\u00e4llige Versorgungslinien angewiesen. Da keine diplomatische Einigung mit Kiew erzielt werden konnte, mussten diese Stellungen wieder aufgegeben werden.<\/p>\n<p>Gro\u00dfbritannien und die USA \u00fcberredeten Kiew anschlie\u00dfend dazu, die Friedensgespr\u00e4che in Istanbul abzubrechen, woraufhin sich die Art der Kampfhandlungen grundlegend \u00e4nderte. Der kollektive Westen versprach, alle erforderlichen Waffen bereitzustellen, wenn die Ukraine die Verhandlungen abbrechen und gegen Russland k\u00e4mpfen w\u00fcrde. Washington hat sich zum Ziel gesetzt, Russland dauerhaft zu schw\u00e4chen und vom Tisch der Gro\u00dfm\u00e4chte zu verdr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>US-Verteidigungsminister Lloyd Austin <a href=\"https:\/\/de.rt.com\/international\/137029-pentagon-usa-streben-geschwachtes-russland\/\">k\u00fcndigte<\/a> ausdr\u00fccklich an, dass das Ziel der USA sei, &#8222;Russland in einem solchen Ma\u00dfe zu schw\u00e4chen, dass es nicht mehr in einen Nachbarstaat einmarschieren kann&#8220;. Dieses Ziel steht im Einklang mit den Zielen, die sich die renommierte nachrichtendienstliche Denkfabrik <a href=\"https:\/\/www.rand.org\/pubs\/research_reports\/RR3063.html\">RAND Corporation<\/a> im Jahr 2019 gesetzt hat, um Moskau zu \u00fcberfordern und zu Fall zu bringen: &#8222;Das ukrainische Milit\u00e4r blutet Russland bereits in der Donbass-Region aus \u2013 und umgekehrt. Die Bereitstellung von mehr US-Milit\u00e4rausr\u00fcstung und milit\u00e4rischer Beratung k\u00f6nnte Russland dazu veranlassen, seine direkte Beteiligung am Konflikt zu erh\u00f6hen, und damit steigt auch der Preis, den es daf\u00fcr bezahlen muss.&#8220;<\/p>\n<p>Die russische Hoffnung auf einen schnellen Sieg wich somit einem Zerm\u00fcrbungskrieg, bei dem Moskau darauf setzt, die ukrainische Armee aufzuzehren und zu zerst\u00f6ren. Die Zerrei\u00dfprobe scheint nun bevorzustehen, wie der aktuelle Zusammenbruch der am st\u00e4rksten befestigten Stellungen der Ukraine in Marjinka, Peski und Awdejewka zeigt.<\/p>\n<p>Dieser Teil der Operation wird wahrscheinlich Ende August oder im Laufe des Septembers enden und sich in eine schnelle territoriale Vorw\u00e4rtsbewegung verwandeln.<\/p>\n<p>Aber ist es strategisch klug, diese Realit\u00e4t zu leugnen, um das Narrativ eines schwachen Russlands aufrechtzuerhalten? Das Narrativ einer unf\u00e4higen, ersch\u00f6pften und demoralisierten russischen Armee, der bald die Munition ausgeht, wird seit M\u00e4rz gespeist. Es gibt jedoch ein noch gr\u00f6\u00dferes Problem mit dem Narrativ, dass Russland seinen schwachen Nachbarn nicht besiegen kann, denn in Wirklichkeit ist die NATO indirekt ebenfalls gegen Russland in den Krieg gezogen. US-Brigadegeneral Joseph Hilbert <a href=\"https:\/\/www.foxnews.com\/world\/us-european-command-ukraine-training-soldiers-russia-war\">sagte<\/a> k\u00fcrzlich, dass &#8222;das D\u00fcmmste, was die Russen getan haben, war, uns acht Jahre zur Vorbereitung zu geben&#8220;. Dar\u00fcber hinaus hat der kollektive Westen seit dem Einmarsch Russlands im Februar 2022 immer modernere Waffen geliefert.<\/p>\n<p><strong>Ist Russland eine Gro\u00dfmacht?<\/strong><\/p>\n<p>Der amerikanische Politologe John Mearsheimer definierte eine Gro\u00dfmacht durch ihre &#8222;vern\u00fcnftige Aussicht, sich aus eigener Kraft gegen den f\u00fchrenden Staat im System zu verteidigen&#8220;. Es scheint, dass Russland diesen Test bestanden hat, da der kollektive Westen jetzt alles, au\u00dfer der K\u00fcchensp\u00fcle, in Bezug auf die Lieferung von milit\u00e4rischen G\u00fctern, milit\u00e4rischen Geheimdienstinformationen und Wirtschaftssanktionen gegen Russland geworfen hat.<\/p>\n<p>Der kollektive Westen hat in einem vergeblichen Versuch, den russischen Vormarsch auf dem Schlachtfeld zu stoppen, einen gro\u00dfen Teil seiner Waffenlager geleert. Dabei k\u00e4mpft Russland mit einer 200.000 Mann starken Berufsarmee gegen ein um ein vielfach gr\u00f6\u00dferes ukrainisches Heer, das schon seine sechste Welle der Mobilisierung erlebt hat. Die Drei-zu-Eins-Kriegsregel besagt, dass der Angreifer mindestens dreimal so stark sein muss wie der Verteidiger, damit er die Schlacht gewinnen kann. In der Ukraine stand dieses Verh\u00e4ltnis mit eins zu drei zugunsten der Ukraine, w\u00e4hrend Russland seine zwei Millionen Reservesoldaten und viele seiner modernsten Waffen noch in den Kasernen bel\u00e4sst, f\u00fcr den Fall, dass die NATO direkt in den Krieg eingreifen sollte.<\/p>\n<p>Der kollektive Westen hat beispiellose Wirtschaftssanktionen mit der ausdr\u00fccklichen Erwartung verh\u00e4ngt, dass die russische Wirtschaft, das Finanzsystem und die russische W\u00e4hrung sofort zusammenbrechen w\u00fcrden. Das ist nie passiert, und der russische Rubel hat sich dieses Jahr als bisher robusteste W\u00e4hrung erwiesen. Die Sanktionen sind so spektakul\u00e4r nach hinten losgegangen, dass der Westen sein eigenes Haus in Brand gesteckt hat, in der Hoffnung, dass es auf Moskau \u00fcbergreifen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Auch der Versuch, die internationale Gemeinschaft gegen Russland zu mobilisieren, ist gescheitert, weil 85 Prozent der Weltbev\u00f6lkerung in L\u00e4ndern lebt, die sich weigern, sich an Sanktionen zu beteiligen \u2013 trotz dem Druck und den Drohungen der USA. Sogar der Papst wies als Quelle des Krieges auf die aggressive Expansion der NATO hin.<\/p>\n<p><strong>Die Gefahren des Wunschdenkens<\/strong><\/p>\n<p>Zu bestreiten, dass Russland eine Gro\u00dfmacht ist, mag sich gut anf\u00fchlen, aber wie der chinesische Philosoph Lao-Tse vor mehr als 2.500 Jahren sagte: &#8222;Es gibt keine gr\u00f6\u00dfere Gefahr, als seinen Gegner zu untersch\u00e4tzen&#8220;.<\/p>\n<p>Wunschdenken \u00fcber russische Schw\u00e4chen verleitet den kollektiven Westen zur Eskalation, w\u00e4hrend es f\u00fcr die Diplomatie und f\u00fcr einen Waffenstillstand immer schwieriger und ung\u00fcnstiger wird. Vor Ende Februar 2014 war es Russlands Politik gegen\u00fcber der Ukraine, sie als neutralen Staat, als Br\u00fccke zwischen Ost und West, zu bewahren. Nach dem vom Westen unterst\u00fctzten Regierungsumsturz und der Mithilfe\u00a0bei der &#8222;Antiterroroperation&#8220; im Donbass forderte Russland Autonomie f\u00fcr diese Region. W\u00e4hrend die USA sieben Jahre lang das Friedensabkommen von Minsk sabotierten, das diese Autonomie vorsah, \u00e4nderte der Kreml seine Haltung und begann, auf eine Unabh\u00e4ngigkeit des Donbass zu dr\u00e4ngen. Als die USA damit begannen, moderne Waffen in die Ukraine zu schicken, mit dem ausdr\u00fccklichen Ziel, Russland dauerhaft zu schw\u00e4chen, weitete Moskau seine territorialen Anspr\u00fcche aus, um dieser Bedrohung entgegenzuwirken.<\/p>\n<p>Der K\u00f6cher der Sanktionen gegen Russland ist leer\u00a0\u2013 und die Sanktionen sind schrecklich nach hinten losgegangen. Es wird jetzt allm\u00e4hlich erkannt, dass die Ma\u00dfnahmen ein au\u00dferordentlicher Fehlschlag waren, mit denen die westlichen Volkswirtschaften an den Rand des Zusammenbruchs getrieben wurden, w\u00e4hrend Moskau seine wirtschaftliche Konnektivit\u00e4t nach Osten verlagert hat. Russlands wirtschaftliche Abh\u00e4ngigkeit vom Westen war eine Quelle gro\u00dfen Einflusses auf den Kreml, aber dieser Einfluss schwindet, und er kommt nicht wieder zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Der Wunsch, Russland als schwach darzustellen, ist deshalb erforderlich, weil die NATO darauf besteht, dass sie aus einer Position der St\u00e4rke heraus mit Russland verhandeln muss. Aber ist das nicht die Ursache des Problems? 30 Jahre lang verhandelte die NATO gegen ein angeblich schw\u00e4cheres Russland, und das Ergebnis war, dass die von den USA gef\u00fchrte Milit\u00e4rallianz einseitig handeln und russische Sicherheitsinteressen ignorieren konnte. Durch die Aufgabe gesamteurop\u00e4ischer Sicherheitsvereinbarungen brach auch die gesamteurop\u00e4ische Sicherheit zusammen. Wir bewegen uns seit 30 Jahren langsam auf einen gro\u00dfen europ\u00e4ischen Krieg zu, und es gibt keine guten L\u00f6sungen mehr. Aber ein Ende des Wunschdenkens muss der Anfang sein.<\/p>\n<p><em>#Bild: Quelle: Legion-media.ru \u00a9 Charles Wollertz<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/de.rt.com\/meinung\/146996-russophrenie-fuehrt-zu-europaeischen-krieg\/\"><em>rt.com&#8230;<\/em><\/a><em> vom 27. August 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Glenn Diesen. Durch die Aufgabe gesamteurop\u00e4ischer Sicherheitsvereinbarungen brach auch die gesamteurop\u00e4ische Sicherheit zusammen. 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