{"id":11656,"date":"2022-08-30T09:04:52","date_gmt":"2022-08-30T07:04:52","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11656"},"modified":"2022-08-30T09:04:53","modified_gmt":"2022-08-30T07:04:53","slug":"wohin-geht-china-rezension-zweier-entgegengesetzter-sichtweisen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11656","title":{"rendered":"Wohin geht China? Rezension zweier entgegengesetzter Sichtweisen"},"content":{"rendered":"<p><em>Esteban Mercatante.<\/em> Um d<strong>en Verlauf der Rivalit\u00e4t zwischen den USA und China zu analysieren, muss man die Natur der M\u00e4chte im Konflikt verstehen. Die Debatte \u00fcber die sozialen Grundlagen der wirtschaftlichen und sozialen Formation Chinas ist noch lange nicht abgeschlossen. Bei dieser Gelegenheit besprechen wir zwei k\u00fcrzlich erschienene B\u00fccher, die sehr<\/strong><!--more--> <strong>unterschiedliche Positionen aufzeigen.<\/strong><\/p>\n<p>Im Dezember 2021 hielten die USA einen \u201eDemokratie-Gipfel\u201c ab, von dem die L\u00e4nder ausgeschlossen wurden, die nicht mit der imperialistischen Gro\u00dfmacht verb\u00fcndet sind, unter anderem China. Pr\u00e4sident Joe Biden f\u00e4hrt mit den Provokationen fort, die von Donald Trump initiiert worden waren, und setzte Taiwan auf die G\u00e4steliste des Gipfels. Diese Insel erhebt Unabh\u00e4ngigkeitsanspr\u00fcche, wird jedoch von China als Teil seines Territoriums betrachtet. Zudem k\u00fcndigten die USA vor kurzem einen diplomatischen Boykott der Olympischen Winterspiele 2022 in Peking aufgrund von Menschenrechtsverletzungen durch China an. Dies sind die j\u00fcngsten Anzeichen daf\u00fcr, dass die Eskalation des seit langem schwelenden Streits nicht nachl\u00e4sst \u2013 ganz im Gegenteil.<\/p>\n<p>Um diese zunehmend versch\u00e4rfte Rivalit\u00e4t zu erkl\u00e4ren und ihre Perspektiven zu verstehen, muss zun\u00e4chst klar definiert werden, um welche Art von Konflikt es sich handelt, was in erster Linie eine Charakterisierung der Art der Gegner voraussetzt. Im Falle Chinas ist die Frage, um welche wirtschaftliche Formation es sich handelt, bei weitem nicht gekl\u00e4rt. Nach wie vor gibt es die unterschiedlichsten Positionen, wie die k\u00fcrzlich erschienenen Werke, auf die wir im Folgenden teilweise eingehen werden, zeigen.<\/p>\n<p><strong>Deng Xiaoping, eine R\u00fcckkehr zu Marx?<\/strong><\/p>\n<p>John Ross, der k\u00fcrzlich China\u2019s Great Road <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-china-rezension-zweier-entgegengesetzter-sichtweisen\/#f1\"><sup>1<\/sup><\/a> ver\u00f6ffentlicht hat, geh\u00f6rt zu denjenigen, die behaupten, dass China den sozialistischen Weg nicht verlassen, sondern im Gegenteil vertieft hat. Nach Ansicht von Ross h\u00e4tte die von Deng Xiaoping 1978 eingeleitete \u201eReform- und \u00d6ffnungspolitik\u201c China keineswegs vom Sozialismus weggef\u00fchrt, sondern eine echte R\u00fcckkehr zu den Marx\u2019schen Vorstellungen vom \u00dcbergang zun\u00e4chst vom Kapitalismus zum Sozialismus bedeutet, um schlie\u00dflich die kommunistische Stufe zu erreichen. Die Privatisierung zahlreicher Unternehmen, bei der nur gro\u00dfe Firmen im Staatssektor verblieben, \u201ezusammen mit der Schaffung eines neuen Privatsektors, schuf eine Wirtschaftsstruktur, die eher den Vorstellungen von Marx entsprach als das im Wesentlichen hundertprozentige sowjetische Staatseigentum, das nach 1929 eingef\u00fchrt wurde\u201c <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-china-rezension-zweier-entgegengesetzter-sichtweisen\/#f2\"><sup>2<\/sup><\/a>.<\/p>\n<p>Ross argumentiert, dass die \u201eReform- und \u00d6ffnungspolitik\u201c eine Kritik an der sowjetischen Wirtschaftspolitik seit der Einf\u00fchrung des ersten F\u00fcnfjahresplans (1929) darstellte, \u201eund damit auch an der nachfolgenden sowjetischen Wirtschaftspolitik\u201c, die \u201eden Fehler gemacht hatte, das \u201afortgeschrittene\u2018 Stadium des Sozialismus, in dem die Produktion nicht durch den Markt reguliert wird, mit dem \u201aersten\u2018 Stadium der sozialistischen Entwicklung zu verwechseln, in dem der \u00dcbergang vom Kapitalismus zu einer fortgeschrittenen sozialistischen Wirtschaft stattfindet\u201c <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-china-rezension-zweier-entgegengesetzter-sichtweisen\/#f3\"><sup>3<\/sup><\/a>. So sei die Definition der gegenw\u00e4rtigen als \u201esozialistische Marktwirtschaft mit chinesischen Merkmalen\u201c Phase am ehesten angemessen, und die Reformen seien keineswegs ein R\u00fcckschritt oder der Beginn einer kapitalistischen Restauration, sondern die Abkehr von einem voluntaristischen und fehlgeleiteten raschen \u00dcbergang zum Sozialismus, der nicht machbar sei, wie Ross behauptet. Der \u00dcbergang zum Sozialismus \u201emuss als ein langer Zeitraum verstanden werden, der viele Jahrzehnte umfasst\u201c <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-china-rezension-zweier-entgegengesetzter-sichtweisen\/#f4\"><sup>4<\/sup><\/a>.<\/p>\n<p>Ross folgt dem Weg von Giovanni\u00a0Arrighi, der die chinesische Gesellschaft aus dem konzeptionellen Schema von Adam Smith heraus betrachtet. Er geht aber noch einen Schritt weiter und konstruiert einen stark von Smith beeinflussten Marx, auch wenn eine genaue Lekt\u00fcre des Kapitals einen solch starken Einfluss nicht erkennen l\u00e4sst.\u00a0Der Autor vervollst\u00e4ndigt sein eher eklektisches theoretisches Schema mit einer Aussage von John Maynard Keynes aus dem Ende seines Werkes \u201eAllgemeine Theorie der Besch\u00e4ftigung, des Zinses und des Geldes\u201c \u00fcber die Notwendigkeit einer Vergesellschaftung von Investitionen in einem fortgeschrittenen Stadium des Kapitalismus als einzige M\u00f6glichkeit, das Wachstum zu erhalten. F\u00fcr Ross war die Befolgung dieses keynesianischen Rezeptes, zu dessen Umsetzung kapitalistische Staaten nicht f\u00e4hig seien, der Schl\u00fcssel zum Erfolg der \u201eReform- und \u00d6ffnungspolitik\u201c. Wie wir sehen k\u00f6nnen, ist sein Verst\u00e4ndnis und seine Verteidigung des \u201eMarktsozialismus mit chinesischen Merkmalen\u201c recht eigenartig. Die \u201eR\u00fcckkehr zu Marx, die Ross in der von Deng Xiaoping eingeleiteten Politik findet, l\u00e4sst sich nur durch eine Lekt\u00fcre eines Smith\u2019schen und keynesianischen Marx verstehen, dessen Schwerpunkt auf der Arbeitsteilung, dem Handel und der F\u00f6rderung von Investitionen lag, aber nicht auf der umfassenden\u00a0Expropriation der\u00a0Expropriateure\u00a0erst zu einem sehr fortgeschrittenen Stadium des Sozialismus in ferner Zukunft.<\/p>\n<p>Das wichtigste Argument der in dem Buch zusammengestellten Artikel von Ross ist, dass kein kapitalistisches Land ein vergleichbares nachhaltiges Wirtschaftswachstum vorweisen kann und auch nicht Millionen von Menschen aus der Armut befreit habe.\u00a0Dies sei bewiesen, so Ross, egal ob man die Entwicklung der letzten Jahrzehnte in den reichsten L\u00e4ndern vergleiche \u2013 die sich seiner Meinung nach in einer \u201eneuen Mittelm\u00e4\u00dfigkeit\u201c mit schwachem Wirtschaftswachstum und begrenztem Produktivit\u00e4tszuwachs bef\u00e4nden \u2013 oder ob man die Entwicklung in der gesamten Geschichte des Kapitalismus betrachte. Ross zufolge h\u00e4tte es kein Land gegeben, dass eine vergleichbare Entwicklung wie China durchlaufen h\u00e4tte, wo ganze 22 Prozent der Weltbev\u00f6lkerung Teil eines \u201eWunders\u201c wurden. Ross will mit der Ideologie aufr\u00e4umen, dass diese Leistung mit der Entscheidung der KPCh f\u00fcr den Kapitalismus zu erkl\u00e4ren sei. Wenn die kapitalistische Produktionsweise in den letzten Jahrzehnten in keinem armen Land zu einer Verringerung der Armut oder zu Entwicklung gef\u00fchrt hat, wie kann dann die Leistung Chinas auf eine kapitalistische Wende zur\u00fcckgef\u00fchrt werden?<\/p>\n<p>Es ist offensichtlich, dass das \u201echinesische Wunder\u201c ohne die Revolution von 1949 kaum h\u00e4tte stattfinden k\u00f6nnen. Diese f\u00fchrte zur nationalen Einheit Chinas und dem Bruch mit dem Imperialismus (bis zur Wiederherstellung der Beziehungen, die von Mao Anfang der 1970er Jahre eingeleitet wurde), l\u00f6ste den Gro\u00dfgrundbesitz auf und setzte auf die St\u00e4rkung einer verstaatlichten Industrie. All das, was weder die nationalistische Kuomintang <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-china-rezension-zweier-entgegengesetzter-sichtweisen\/#f5\"><sup>5<\/sup><\/a> noch irgendein anderer Teil der Bourgeoisie hatte erreichen k\u00f6nnen, hat die Revolution erreicht. Diese Tatsache k\u00f6nnen diejenigen, die in der Entwicklung Chinas eine Rechtfertigung des Kapitalismus erkennen, nat\u00fcrlich nicht ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p>Doch in seinem Bem\u00fchen, die b\u00fcrgerliche Ideologie anzugreifen, die sich auch auf China st\u00fctzt, um zu behaupten, dass es \u201ekeine Alternative\u201c zum Kapitalismus gibt, offenbart\u00a0Ross Ansatz zahlreiche Schw\u00e4chen. Der marxistische \u00d6konom <a href=\"https:\/\/thenextrecession.wordpress.com\/2021\/11\/28\/views-on-china\/\">Michael Roberts<\/a> \u2013 mit dem wir bereits <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/ein-ueberblick-ueber-die-ansichten-zu-chinas-verhaeltnis-zum-imperialismus\/\">in fr\u00fcheren Artikeln \u00fcber seine Behauptung polemisiert haben<\/a>, dass in China das Wertgesetz keine relevante Bedeutung hat und es daher weit davon entfernt ist, kapitalistisch zu sein \u2013 erl\u00e4utert, dass Ross\u2026<\/p>\n<p><em>\u201eFast die Ansichten des k\u00fcrzlich verstorbenen ungarischen Wirtschaftswissenschaftlers Janos\u00a0Kornai\u00a0umkehrt, dieses antisozialistischen Sozialisten, der in Wirtschaftskreisen des Mainstreams weithin anerkannt ist.\u00a0Kornai\u00a0vertrat die Ansicht, dass Chinas wirtschaftlicher Erfolg nur m\u00f6glich war, weil das Land die zentrale Planung und die staatliche Herrschaft aufgab und zum Kapitalismus \u00fcberging.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Ross verleiht der von Deng bis Xi Jinping verfolgten Politik unter dem Dach eines von einer R\u00fcckkehr zu Marx inspirierten Sozialismus eine Koh\u00e4renz, die den Tatsachen widerspricht. Zun\u00e4chst war die\u00a0\u201eReform- und \u00d6ffnungspolitik\u201c\u00a0von zahlreichen Versuchen und Irrt\u00fcmern gekennzeichnet, die von einem heftigen Streit zwischen Teilen der KPCh-B\u00fcrokratie gepr\u00e4gt waren, wie\u00a0Yue\u00a0Jianyong\u00a0in \u201eChina\u2019s\u00a0Rise\u00a0in the Age of Globalization \u2013\u00a0Myth\u00a0or\u00a0Reality?\u201c oder Isabelle Weber in dem k\u00fcrzlich erschienenen Buch \u201eHow\u00a0China\u00a0escaped\u00a0shock\u00a0therapy\u201c.\u00a0Beide Werke schildern die zahlreichen Irrungen und Wirrungen, welche die F\u00fchrer der Volksrepublik bei der Privatisierungspolitik und der Einf\u00fchrung kapitalistischer Reformen begleiteten und die auf den Widerstand der Lohnabh\u00e4ngigen in der Stadt und auf dem Land sowie auf Auseinandersetzungen innerhalb der herrschenden Gruppe selbst stie\u00dfen (mehr \u00fcber das Tempo der Reformen als \u00fcber die Ausrichtung an sich).<\/p>\n<p>Am wichtigsten ist vielleicht, dass Ross in seinem Bem\u00fchen, den fortschrittlichen Weg des \u201egro\u00dfen Weges\u201c Chinas aufzuzeigen, der seiner Ansicht nach immer zum Sozialismus f\u00fchrt, alle zutiefst regressiven Aspekte der 1978 begonnenen Transformationen leugnet. Nicht erw\u00e4hnt wird die massive Vernichtung von Arbeitspl\u00e4tzen in den privatisierten Staatsbetrieben\u00a0\u2013\u00a0und auch in den \u201emodernisierten\u201c Staatsbetrieben, die in staatlicher Hand verblieben; ebenso wenig wie die Schaffung einer \u201ezweiten Klasse\u201c\u00a0von Arbeitskr\u00e4ften, die zur Mehrheit wurden und sich aus Wanderarbeiter:innen aus dem Landesinneren ohne \u201ehukou\u201c (Aufenthaltsgenehmigung) zusammensetzten, was ihnen den Zugang zu zahlreichen Rechten verwehrte.\u00a0Der massive \u00f6kologische Fu\u00dfabdruck, der mit Chinas Umwandlung in die \u201eWerkstatt der Welt\u201c einherging und der durch das frenetische Tempo des Baus von Infrastrukturen und ganzen St\u00e4dten noch verst\u00e4rkt wird (von denen viele fast leer stehen und eine bemerkenswert kurzlebige Immobilienentwicklung aufweisen), wird von Ross auch in die unbegr\u00fcndeten ideologischen Angriffe auf China einbezogen.<\/p>\n<p>China erscheint als Leuchtturm f\u00fcr den Rest der Welt, als Alternative zum neoliberalen Kapitalismus. Ross erw\u00e4hnt jedoch mit keinen Worten die zentrale Rolle Chinas bei der gro\u00df angelegten \u201eglobalen Arbeitsteilung\u201c, die es den Bossen in aller Welt erm\u00f6glichte, einen massiven Angriff auf die Arbeitskraft zu starten. Wie wir in dem k\u00fcrzlich erschienenen Buch \u201eDer Imperialismus in Zeiten der globalen Unordnung\u201c argumentieren,<\/p>\n<p>\u201ewar\u00a0das Ergebnis dieser Arbeitsteilung eine deutliche Ver\u00e4nderung bei der\u00a0\u201eAufteilung des Kuchens\u201c\u00a0zwischen den Klassen. Das Kapital konnte seinen Anteil am erwirtschafteten Einkommen, in den imperialistischen L\u00e4ndern vergr\u00f6\u00dfern, aber auch in den L\u00e4ndern, die Investitionen anzogen, und in anderen abh\u00e4ngigen Volkswirtschaften, die zur\u00fcckblieben. China mit seinen derzeit 1,4 Milliarden Einwohnern und 940 Millionen Arbeitskr\u00e4ften war ein Kernst\u00fcck der\u00a0so genannten\u00a0\u201eVerdoppelung\u201c der dem transnationalen Kapital zur Verf\u00fcgung stehenden globalen Arbeitskr\u00e4fte.\u201c<\/p>\n<p>Diese zentrale Rolle Chinas im weltweiten gesellschaftlichen Stoffwechsel des transnationalisierten Kapitalismus w\u00e4hrend der <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/produktionsketten-engpaesse-und-strategische-positionen\/\">Globalisierung der weltweiten Produktion<\/a> der letzten Jahrzehnte zeigt, dass das chinesische \u201eWunder\u201c, das Ross als \u201esozialistisch\u201c bezeichnet, und der soziale R\u00fcckschritt, den das Kapital dem Rest des Planeten aufzwang, zwei Seiten desselben Ph\u00e4nomens waren.<\/p>\n<p><strong>Der kommunistische Weg zum Kapitalismus<\/strong><\/p>\n<p>Ralf Ruckus\u2018\u00a0Buch \u201eThe Communist Road to Capitalism\u201c <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-china-rezension-zweier-entgegengesetzter-sichtweisen\/#f6\"><sup>6<\/sup><\/a> bietet einen \u00dcberblick \u00fcber Chinas Weg von der Revolution 1949 bis heute. Der Autor argumentiert \u2013 und wir stimmen mit ihm \u00fcberein \u2013 dass mit Dengs Reformen ein \u00dcbergang zum Kapitalismus begann. Dieser \u00dcbergang f\u00fchrte zu einer neuen Gesellschaftsformation mit einer Vorherrschaft des Kapitalismus \u201emit chinesischen Merkmalen\u201c, wie man sagen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Ein interessanter Aspekt der von Ruckus angewandten Methode zur Analyse des Wandels in China ist die Betonung der \u00dcberg\u00e4nge. Er weist darauf hin, dass es seit der Revolution zwei \u00dcberg\u00e4nge gegeben habe, die in die entgegengesetzte Richtung gingen. Die erste, ab 1949, in Richtung Sozialismus, und die zweite, ab Mitte der 1970er Jahre, in Richtung Kapitalismus. Der Autor hebt auch die Rolle von Massenaktionen in der Geschichte der Volksrepublik hervor. Innerhalb dieses korrekten Rahmens charakterisiert der Autor die Formation, die Ende der 1950er oder Anfang der 1960er Jahre aus dem ersten \u00dcbergang hervorgegangen w\u00e4re, unserer Meinung zu Unrecht als sozialistisch. Dies hat mit der Position des Autors zu tun, aus der heraus er das, was er als Marxismus-Leninismus bezeichnet, undifferenziert kritisiert. Dieser geh\u00f6re zusammen mit der Sozialdemokratie zu den zwei \u201egro\u00dfen Erz\u00e4hlungen\u201c betrachtet, die die Linke zugunsten einer Strategie mit autonomistischen Z\u00fcgen \u00fcberwinden sollte.\u00a0Ruckus\u00a0charakterisiert zutreffend mehrere der Widerspr\u00fcche, die durch die Konsolidierung der KPCh hervorgerufen wurden. Diese Verfestigung beseitigte die sozialen Widerspr\u00fcche nicht, sondern sie schuf neue Hierarchien, in denen die Partei- und Staatsb\u00fcrokratie einen privilegierten Platz einnahm. Obwohl sie das Ende der Frauenunterdr\u00fcckung versprach und den Gro\u00dfgrundbesitz enteignete, schuf sie neue\u00a0Unterdr\u00fcckungsformen\u00a0und eignete sich gro\u00dfe Teile der durch die\u00a0B\u00e4uerinnen erwirtschafteten \u00dcbersch\u00fcsse an, um das industrielle Wachstum zu st\u00fctzen. Diese Entwicklungen sch\u00fcrten schnell soziale Unzufriedenheit und f\u00fchrten zu tiefgreifenden Umw\u00e4lzungen, die alle Auseinandersetzungen und Wendungen der verschiedenen Fraktionen der KPCh erkl\u00e4ren. Diese stammten jedoch nicht aus einem sozialistischen Staatsaufbau, sondern aus einem einen Arbeiter:innenstaat, der von Anfang an b\u00fcrokratisiert war, was sich nur noch vertiefte. Dies ist das Ergebnis der sozialen Kr\u00e4fte, die in der Revolution wirken. Emilio\u00a0Albamonte\u00a0und\u00a0Mat\u00edas\u00a0Maiello\u00a0weisen darauf hin, dass\u00a0\u201enicht die Arbeiter:innenklasse mit ihrer eigenen revolution\u00e4ren Partei die b\u00fcrgerlich-demokratischen Aufgaben durchsetzte und sie mit ihrem eigenen Programm verband, sondern eine b\u00e4uerliche kommunistische Partei sich schlie\u00dflich an einen Teil des Programms des Proletariats klammerte\u201c. Dies hatte zur Folge, dass sich \u201enach der Machtergreifung nicht etwa die Dynamik einer permanenten Revolution auf internationaler und nationaler Ebene in Richtung des Kommunismus entwickelte, sondern diese Perspektive von Anfang an blockiert war\u201c <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-china-rezension-zweier-entgegengesetzter-sichtweisen\/#f7\"><sup>7<\/sup><\/a>. Obwohl die soziale Grundlage des Staates ein Arbeiter:innenstaat war, mit verstaatlichtem Eigentum an den Produktionsmitteln, (b\u00fcrokratischer) Planung und einem staatlichen Au\u00dfenhandelsmonopol, setzte die Partei- und Armeestruktur von Anfang an einen b\u00fcrokratischen Apparat ohne jegliche Art R\u00e4tedemokratie durch. Diese B\u00fcrokratie, die den Staat \u00fcbernahm, wurde zu einem Hindernis f\u00fcr jeden Fortschritt in Richtung Sozialismus.<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund dieser wichtigen Einw\u00e4nde zeigt\u00a0Ruckus\u00a0einige der Wendepunkte im Verlauf der kapitalistischen Restauration auf. \u201eDie Massenproteste markierten erneut einen historischen Wendepunkt, diesmal mit Forderungen nach politischem Wandel und mehr demokratischer Teilhabe\u201c, stellt er fest <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-china-rezension-zweier-entgegengesetzter-sichtweisen\/#f8\"><sup>8<\/sup><\/a>. Die\u00a0sogenannte Bewegung des 5. April, die 1976 nach dem Tod von Premier Zhou\u00a0Enlai\u00a0stattfand, und die Bewegung der Mauer der Demokratie zwei Jahre sp\u00e4ter f\u00fchrten erneut zu\u00a0\u201edem sich wiederholenden Muster des Aufruhrs, gefolgt von einer abwechslungsreichen Mischung aus Repression, Zugest\u00e4ndnis, Kooptation und schlie\u00dflich Reform\u201c\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-china-rezension-zweier-entgegengesetzter-sichtweisen\/#f9\"><sup>9<\/sup><\/a>. Die erste Bewegung wurde hart angegriffen, doch nach Maos Tod 1976 \u00e4nderte sich die politische Situation:<\/p>\n<p><em>\u201eDie konservative Fraktion in der KPCh-F\u00fchrung inszenierte einen erfolgreichen Putsch und entmachtete die linken Rivalen, die sich um die sogenannte Viererbande gruppierten. Eine mit Deng Xiaoping sympathisierende Gruppe \u00fcbernahm die Macht. Sie machte sich Forderungen nach einem demokratischen Wandel zu eigen und verk\u00fcndete 1978 offiziell die Politik der wirtschaftlichen Reform- und \u00d6ffnungspolitik <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-china-rezension-zweier-entgegengesetzter-sichtweisen\/#f10\"><em><sup>10<\/sup><\/em><\/a><em>.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Die Einleitung von Wirtschaftsreformen ging Hand in Hand mit der Verweigerung von Zugest\u00e4ndnissen der demokratischen Beteiligung. Von diesem Zeitpunkt an begannen die \u00dcberlassung von L\u00e4ndereien zur privaten Nutzung (ohne Eigentums\u00fcbertragung), die Entwicklung privater Industrieunternehmen in l\u00e4ndlichen Gebieten und die Er\u00f6ffnung der ersten Sonderwirtschaftszonen f\u00fcr die Ansiedlung multinationalen Kapitals, f\u00fcr das die Landflucht die notwendigen Arbeitskr\u00e4fte lieferte. Mitte der 1980er Jahre wurden Arbeitsvertr\u00e4ge eingef\u00fchrt und die Arbeitsm\u00e4rkte begannen sich zu entwickeln.\u00a0\u201eDie schrittweise Umwandlung der Planwirtschaft und der st\u00e4dtischen Industrien f\u00fchrte zu wirtschaftlichen Turbulenzen, Korruption der Kader und sozialen Unruhen\u201c\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-china-rezension-zweier-entgegengesetzter-sichtweisen\/#f11\"><sup>11<\/sup><\/a>. Streiks und andere Formen des Protestes von Arbeiter:innen und Studierenden in den 1980er Jahren erreichten ihren H\u00f6hepunkt in der Tiananmen-Bewegung von 1989, die von der Volksbefreiungsarmee blutig niedergeschlagen wurde.\u00a0Der darauf folgende Umbruch (zu einer Zeit, als die UdSSR und die stalinistischen Regime Osteuropas zusammenbrachen) f\u00fchrte zu einem mehrj\u00e4hrigen Stillstand der Reformma\u00dfnahmen, doch unter dem Druck von Deng (offiziell ohne eigenes Amt), der den S\u00fcden des Landes bereiste, um f\u00fcr die Reform- und \u00d6ffnungspolitik zu werben, kam es ab 1992 zu beschleunigten Fortschritten. Der Zustrom immer gr\u00f6\u00dferer Mengen ausl\u00e4ndischer Investitionen und die massive Abwanderung von Arbeitskr\u00e4ften vom Land in die St\u00e4dte und Sonderwirtschaftszonen\u00a0\u201everwandelten die Volksrepublik China in die Weltfabrik\u201c\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-china-rezension-zweier-entgegengesetzter-sichtweisen\/#f12\"><sup>12<\/sup><\/a>. In diesem Rahmen beschleunigte die KPCh\u00a0\u201edie Umwandlung der sozialistischen Planwirtschaft und die Umstrukturierung bzw. Privatisierung staatlicher Unternehmen, die nun als Staatsbetriebe bezeichnet wurden\u00a0\u2013\u00a0ein Prozess, der das Ende des \u00dcbergangs zum Kapitalismus markierte\u201c\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-china-rezension-zweier-entgegengesetzter-sichtweisen\/#f13\"><sup>13<\/sup><\/a>.<\/p>\n<p>Ruckus\u2018\u00a0Buch endet damit, dass er auf die Anzeichen von Unruhen hinweist, die\u00a0Xis\u00a0Ambitionen der Verewigung bedrohen und die zunehmend bonapartistischen Z\u00fcge seiner Regierung erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p><strong>Kapitalismus, Imperialismus und Weltunordnung<\/strong><\/p>\n<p>Der Streit zwischen den USA und China kann also nicht wie im Kalten Krieg als eine Auseinandersetzung zwischen zwei antagonistischen Gesellschaftsordnungen analysiert werden. Es ist ebenso illusorisch zu glauben, dass China, weil es mit der f\u00fchrenden imperialistischen Macht verfeindet ist, eine Aussicht auf eine wohlwollendere, nicht-imperialistische Hegemonie f\u00fcr die unterdr\u00fcckten L\u00e4nder bieten kann. Im Gegenteil, wie es bereits in einigen Bereichen gezeigt hat, in denen sein Gewicht als Macht st\u00e4rker zu sp\u00fcren ist, hat China nicht die Absicht, das imperialistische System herauszufordern. In Afrika, wo es sich in vielen L\u00e4ndern einen Vorteil gegen\u00fcber den USA und den europ\u00e4ischen M\u00e4chten verschafft hat, hat es wiederholt ein Verhalten an den Tag gelegt, das an Raubgier und Vernachl\u00e4ssigung der Umweltauswirkungen dem traditionellen Kolonialismus kaum nachsteht.\u00a0Die Entwicklung der Seideng\u00fcrtel- und Seidenstra\u00dfeninitiative, mit der sich Peking einen privilegierten Zugang zu nat\u00fcrlichen Ressourcen in der ganzen Welt verschaffen will, hat in mehreren L\u00e4ndern auch zu Konflikten \u00fcber die Schuldenlast gef\u00fchrt, die der asiatische Riese seinen Partnern auferlegt, um die ehrgeizigen Infrastrukturarbeiten, die das Projekt ausmachen, durchzuf\u00fchren. In Institutionen wie dem IWF, wo China zwar an Gewicht gewonnen hat, aber im Vergleich zu den USA immer noch in der Minderheit ist, hat es keine Schritte unternommen, um eine andere Ausrichtung zu st\u00e4rken, wie die Antworten an argentinische Beamte zeigen, die auf die chinesische Unterst\u00fctzung und Finanzierung gehofft hatten, um die Anpassungsforderungen der von Kristalina\u00a0Georgieva\u00a0geleiteten Organisation zu umgehen.<\/p>\n<p>China zielt darauf ab, die Bedingungen, auf deren Grundlage die imperialistische Hierarchie organisiert ist, anzufechten und um eine vorherrschende Position in ihr zu erreichen, was die Auseinandersetzung mit den USA bestimmt. Aufgrund dieser Bedrohung bildet wie zuvor mit Trump auch jetzt mit Biden die Auseinandersetzung mit der als Hauptbedrohung f\u00fcr das Fortbestehen der eigenen Vorherrschaft die zentrale Achse der US-Au\u00dfenpolitik. F\u00fcr die unterdr\u00fcckten V\u00f6lker geht es nicht darum, auf einen wohlwollenden Hegemon zu setzen, sondern ihre Kr\u00e4fte zu b\u00fcndeln und B\u00fcndnisse zu schmieden, um die imperialistische Unterdr\u00fcckung zu beenden, was einen Kampf f\u00fcr die Beendigung des Kapitalismus erfordert.<\/p>\n<p>Dieser Artikel erschien zuerst am 12.12.2021 auf <a href=\"https:\/\/www.laizquierdadiario.com\/Adonde-va-China-Resena-de-dos-miradas-contrapuestas\">Ideas de Izquierda<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Fu\u00dfnoten<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-china-rezension-zweier-entgegengesetzter-sichtweisen\/#f1_text\">1<\/a>. John Ross,\u00a0China\u2019s Great Road: Lessons for Marxist Theory and Socialist Practices, Praxis Press, 2021.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-china-rezension-zweier-entgegengesetzter-sichtweisen\/#f2_text\">2<\/a>. Ebd., S. 59.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-china-rezension-zweier-entgegengesetzter-sichtweisen\/#f3_text\">3<\/a>. Ebd., S. 243.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-china-rezension-zweier-entgegengesetzter-sichtweisen\/#f4_text\">4<\/a>. Ebd.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-china-rezension-zweier-entgegengesetzter-sichtweisen\/#f5_text\">5<\/a>. Die Kuomintang (KMT) ist die chinesische nationalistische Partei der Republik China, die nach der Xinhai-Revolution von 1911 gegr\u00fcndet wurde. Nach der Taktik der antiimperialistischen Einheitsfront, die die Dritte Internationale 1922 in den Thesen zum Orients definiert hatte, schlossen sich die chinesischen Kommunisten 1923 der KMT an, um gemeinsam gegen die imperialistische Besatzung zu k\u00e4mpfen. Diese Partei war es auch, die 1927 die Aufst\u00e4nde in Shanghai und Kanton niederschlug, obwohl Stalin, der sich aufgrund der fortschreitenden B\u00fcrokratisierung bereits an der Spitze der UdSSR festigte, der KPCh befahl, sich der F\u00fchrung der KMT zu unterwerfen. Dies tat er aufgrund seiner Vorstellung, die Arbeiter:innenklasse sei in dieser \u201eersten Phase\u201c der Revolution nicht zur F\u00fchrung aufgerufen. Im Jahr 1934 nahm die KMT die Initiative zur Vernichtung der Kommunisten wieder auf und beschleunigte damit den endg\u00fcltigen Bruch. Nach der Revolution hielt die KMT mit imperialistischer Unterst\u00fctzung ihre Macht auf Taiwan aufrecht.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-china-rezension-zweier-entgegengesetzter-sichtweisen\/#f6_text\">6<\/a>. The Communist Road to Capitalism. How Social Unrest and Containment Have Pushed China\u2019s (R)evolution since 1949, Oakland, PM Press, 2021.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-china-rezension-zweier-entgegengesetzter-sichtweisen\/#f7_text\">7<\/a>. Emilio Albamonte y Mat\u00edas Maiello,\u00a0Estrategia socialista y arte militar, Buenos Aires, CEIP, 2017, p. 394.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-china-rezension-zweier-entgegengesetzter-sichtweisen\/#f8_text\">8<\/a>. Ebd., S. 123.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-china-rezension-zweier-entgegengesetzter-sichtweisen\/#f9_text\">9<\/a>. Ebd.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-china-rezension-zweier-entgegengesetzter-sichtweisen\/#f10_text\">10<\/a>. Ebd., S. 124.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-china-rezension-zweier-entgegengesetzter-sichtweisen\/#f11_text\">11<\/a>. Ebd.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-china-rezension-zweier-entgegengesetzter-sichtweisen\/#f12_text\">12<\/a>. Ebd., S. 125.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-china-rezension-zweier-entgegengesetzter-sichtweisen\/#f13_text\">13<\/a>. Ebd.<\/li>\n<\/ol>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-china-rezension-zweier-entgegengesetzter-sichtweisen\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 30. August 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Esteban Mercatante. Um den Verlauf der Rivalit\u00e4t zwischen den USA und China zu analysieren, muss man die Natur der M\u00e4chte im Konflikt verstehen. 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