{"id":11675,"date":"2022-09-01T08:25:41","date_gmt":"2022-09-01T06:25:41","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11675"},"modified":"2022-09-01T08:25:42","modified_gmt":"2022-09-01T06:25:42","slug":"inflation-krieg-und-klassenkrieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11675","title":{"rendered":"Inflation, Krieg und Klassenkrieg"},"content":{"rendered":"<p><em>Peter Schwarz. <\/em><strong>Die Arbeiterklasse Europas steht vor dem gr\u00f6\u00dften Angriff auf ihren Lebensstandard seit einem Jahrhundert, als die Nachkriegsinflation und die Folgen des B\u00f6rsenkrachs von 1929 die Existenzgrundlage gro\u00dfer Teile der Arbeiter- und Mittelklasse zerst\u00f6rten. Unter der kombinierten Wirkung hoher Inflation und niedriger Tarifabschl\u00fcsse schmelzen<\/strong><!--more--> <strong>die Einkommen dahin wie Schnee in der Sonne.<\/strong><\/p>\n<p>Laut Eurostat, dem Statistischen Amt der Europ\u00e4ischen Union, lagen die Verbraucherpreise in den 27 Mitgliedsl\u00e4ndern der EU im Juli um 9,8 Prozent h\u00f6her als vor einem Jahr. 16 Staaten liegen \u00fcber dieser Marke. Spitzenreiter sind die baltischen Staaten mit einer Inflationsrate \u00fcber 20 Prozent, gefolgt von Tschechien, Bulgarien, Ungarn und Polen, wo die Preise zwischen 14 und 17 Prozent stiegen. In Gro\u00dfbritannien, das nicht mehr der EU angeh\u00f6rt, liegt die Inflation bei 12 Prozent und k\u00f6nnte nach Einsch\u00e4tzung von Experten bis Ende des Jahres auf 18 Prozent steigen.<\/p>\n<p>Die Einkommen halten mit den Preissteigerungen nicht ann\u00e4hernd Schritt. So sind die L\u00f6hne in Deutschland bei einem Preisanstieg von 8,5 Prozent nur um 2,9 Prozent gewachsen. Die Reall\u00f6hne sind damit innerhalb eines Jahres um durchschnittlich 4,4 Prozent gesunken, wie das Statistische Bundesamt errechnet hat. Bereits in den Pandemiejahren 2020 und 2021 waren die Reall\u00f6hne geschrumpft. In anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern verh\u00e4lt es sich \u00e4hnlich.<\/p>\n<p>Dabei geben die offiziellen statistischen Zahlen die wirkliche Inflation nur ansatzweise wieder. Vor allem die Preise f\u00fcr Lebensmittel, Gas, Strom und Benzin, die Arbeiterhaushalte besonders stark belasten, sind \u00fcberdurchschnittlich stark gestiegen und explodieren nun regelrecht. Das stellt Millionen Arbeiterfamilien vor die Alternative, entweder zu hungern oder zu frieren \u2013 wobei viele zu beidem gezwungen sind.<\/p>\n<p>In Deutschland ist der Preis von Nahrungsmitteln seit einem Jahr um 12,7 und der Preis von Energie um 38 Prozent gestiegen. Im n\u00e4chsten Monat wird ein weiterer Preisschub erwartet, da am 1. Oktober mehrere Entlastungsma\u00dfnahmen der Regierung auslaufen und die Gasumlage in Kraft tritt, eine Art Sondersteuer f\u00fcr alle Endverbraucher, mit der Energiekonzerne f\u00fcr Verluste aus dem Russlandgesch\u00e4ft entsch\u00e4digt werden. Au\u00dferdem beginnen die hohen Weltmarktpreise f\u00fcr Strom und Gas auf die Haushaltsabrechnungen durchzuschlagen. Der Preis f\u00fcr Strom ist an der Europ\u00e4ischen Energieb\u00f6rse EEX teilweise um das Zwanzigfache <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2022\/08\/25\/infl-a25.html\">gestiegen<\/a>. Die Bundesbank erwartet deshalb, dass die Inflationsrate im Winter deutlich \u00fcber 10 Prozent liegen wird.<\/p>\n<p>In Gro\u00dfbritannien wird zum 1. Oktober die amtliche <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2022\/08\/29\/lead-a29.html\">Energiepreisobergrenze<\/a> f\u00fcr Haushalte um 80 Prozent auf 3549 Pfund (4200 Euro) im Jahr erh\u00f6ht. Bis April kommenden Jahres wird eine weitere Verdoppelung auf 7200 Pfund erwartet. Vor einem Jahr hatte die Obergrenze noch bei 1042 Pfund gelegen. Rund 50 Prozent aller britischen Haushalte drohen dadurch in Armut zu fallen. Der Nationale Gesundheitsdienst rechnet damit, dass Tausende sterben werden, weil sie ihre Wohnung nicht mehr heizen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In den Niederlanden (Inflationsrate 11,6 Prozent) drohen die Preissteigerungen laut dem Wirtschaftsforschungsinstitut der Regierung 1,4 der 17,4 Millionen Einwohner in Armut zu st\u00fcrzen. Jeder f\u00fcnfte niederl\u00e4ndische Haushalt wird laut dem Institut in diesem Winter nicht mehr in der Lage sein, die Gas- und Stromrechnung zu bezahlen.<\/p>\n<p>In Osteuropa, wo die L\u00f6hne niedriger und die Preissteigerungen h\u00f6her sind, ist die Lage noch katastrophaler. So war Strom in Rum\u00e4nien im Juli rund doppelt so teuer wie in Polen und sechs Mal so teuer wie in Finnland \u2013 und damit f\u00fcr einen gro\u00dfen Teil der Bev\u00f6lkerung nicht mehr bezahlbar.<\/p>\n<p>Die Regierungen stellen die Inflation und ihre sozialen Folgen abwechselnd als unvorhersehbare Naturkatastrophe oder als Opfer dar, das f\u00fcr die \u201eVerteidigung von Demokratie und Freiheit in der Ukraine\u201c gebracht werden m\u00fcsse. Doch das sind unversch\u00e4mte L\u00fcgen. In Wirklichkeit ist der Angriff auf den Lebensstandard breiter Bev\u00f6lkerungsschichten eine massive Eskalation des Klassenkriegs, den die Finanzoligarchie seit Jahrzehnten mit wachsender Intensit\u00e4t gegen die Arbeiterklasse f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Das zeigt allein schon die Tatsache, dass die Profite \u2013 wie schon w\u00e4hrend der Finanzkrise und der Pandemie \u2013 weiter wachsen, w\u00e4hrend die L\u00f6hne einbrechen.<\/p>\n<p>Symptomatisch ist die Entwicklung in Gro\u00dfbritannien. Dort liegen die Gewinnspannen der gr\u00f6\u00dften b\u00f6rsennotierten Unternehmen (FTSE 350) um 73 Prozent \u00fcber dem Niveau von 2019, dem Jahr vor der Pandemie. Laut dem Amt f\u00fcr nationale Statistik ONS sind die Unternehmensprofite allein zwischen Oktober 2021 und M\u00e4rz 2022 um 11,7 Prozent gestiegen. Die L\u00f6hne wuchsen im selben Zeitraum nur um 2,6 Prozent, inflationsbereinigt sanken sie um knapp 1 Prozent.<\/p>\n<p>Vor allem die gro\u00dfen Energiekonzerne <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2022\/08\/03\/pers-a03.html\">schwimmen im Geld<\/a>. Die sechs gro\u00dfen multinationalen \u00d6lgiganten ExxonMobil, Chevron, Shell, BP, TotalEnergies und Eni meldeten f\u00fcr das zweite Quartal 2022 Gewinne von zusammen \u00fcber 64 Milliarden Dollar. Die H\u00e4lfte davon floss direkt in Aktienr\u00fcckk\u00e4ufe und Dividenden zur Bereicherung der Aktion\u00e4re. Die gigantischen Summen, die Arbeiterfamilien f\u00fcr Heizung und Strom abgekn\u00fcpft werden, landeten so direkt auf den Konten der Superreichen.<\/p>\n<p>Der Angriff auf den Lebensstandard der Arbeiterklasse zeigt vor allem den untrennbaren Zusammenhang zwischen imperialistischem Krieg und Klassenkrieg.<\/p>\n<p>Anders als es die offizielle Propaganda darstellt, ist der Stellvertreterkrieg, den die Nato in der Ukraine gegen Russland f\u00fchrt, kein Krieg f\u00fcr \u201eFreiheit und Demokratie\u201c, sondern ein imperialistischer Krieg um die Neuaufteilung der Welt. Er kn\u00fcpft an die verbrecherischen Kriege auf dem Balkan, im Irak, in Afghanistan, in Libyen, in Syrien und anderen L\u00e4ndern an, mit denen die USA und ihre europ\u00e4ischen Verb\u00fcndeten versuchten, \u00d6l, Gas und andere Rohstoffe unter ihre Kontrolle zu bringen und die strategische Vorherrschaft \u00fcber den Nahen Osten, Afrika und die eurasische Landmasse zu erlangen.<\/p>\n<p>Der Ukrainekrieg begann nicht mit dem russischen Angriff vom 24. Februar 2022, sondern mit der systematischen Einkreisung Russlands durch die Nato, der Installation eines westlichen Marionettenregimes in der Ukraine, der systematischen Aufr\u00fcstung der ukrainischen Armee und der Weigerung, Russland irgendwelche Sicherheitsgarantien zu geben.<\/p>\n<p>Der russische Pr\u00e4sident Putin, der Interessenvertreter der russischen Oligarchen, reagierte darauf mit der reaktion\u00e4rsten aller denkbaren Antworten. Er griff die Ukraine milit\u00e4risch an, st\u00e4rkte damit die rechtesten, nationalistischen Kr\u00e4fte und lieferte der Nato den erstrebten Kriegsvorwand. Seither treibt die Nato die Konfrontation mit der zweitgr\u00f6\u00dften Atommacht der Welt r\u00fccksichtslos voran, beliefert die Ukraine mit Unmengen Waffen und Munition und leitet faktisch die Kriegshandlungen.<\/p>\n<p>Sie verfolgt damit handfeste wirtschaftliche und geostrategische Ziele: Die koloniale Unterwerfung Russlands, die Aufspaltung seines gewaltigen Territoriums, die Auspl\u00fcnderung seiner reichen Rohstoffe sowie die Ausschaltung eines potentiellen Verb\u00fcndeten Chinas.<\/p>\n<p>Alle Erfahrungen des zwanzigsten Jahrhunderts zeigen, dass imperialistische Kriege die r\u00fccksichtslose Unterdr\u00fcckung und Ausbeutung der Arbeiterklasse im eigenen Land erfordern. Sie muss nicht nur die Kosten der Aufr\u00fcstung tragen, f\u00fcr die schier unersch\u00f6pfliche Summen zur Verf\u00fcgung stehen, w\u00e4hrend Schulen, Kliniken und soziale Infrastruktur kaputtgespart werden. Auch die Folgen der heftigen St\u00f6rungen der Weltwirtschaft, die mit den Kriegsvorbereitungen und dem Krieg selbst einhergehen, werden auf sie abgeladen.<\/p>\n<p>Die Inflation ist eine der Formen, in der dies geschieht. Wenn Regierungen und Medien predigen, die Bev\u00f6lkerung m\u00fcsse \u201eOpfer\u201c bringen, um unabh\u00e4ngig von russischen Energielieferungen \u2013 oder chinesischen Computerchips und Autobatterien \u2013 zu werden, sprechen sie in Wirklichkeit von Krieg.<\/p>\n<p>Bereits Hitler und Mussolini hatten f\u00fcr nationale Autarkie geworben, als sie den Zweiten Weltkrieg vorbereiteten. Aber der faschistische Nationalismus bereitete \u201enicht die Bes\u00e4nftigung der Wirtschaft im nationalen Rahmen, sondern vulkanische Ausbr\u00fcche und grandiose Zusammenst\u00f6\u00dfe vor,\u201c wie Leo Trotzki 1933 im Artikel \u201eNation und Weltwirtschaft\u201c schrieb, der heute wieder hochaktuell ist.<\/p>\n<p>Man kann die Folgen der Inflation nicht bek\u00e4mpfen, ohne gleichzeitig den Nato-Krieg in der Ukraine und die Kriegsvorbereitungen gegen China abzulehnen. Der Lebensstandard kann nicht verteidigt werden, ohne Krieg und Militarismus zur\u00fcckzuweisen.<\/p>\n<p>\u00dcberall in Europa und auf der ganzen Welt setzen sich Arbeiter gegen die Angriffe auf ihren Lebensstandard zur Wehr. Die Zahl der Proteste gegen Sozialabbau und der Streiks f\u00fcr h\u00f6here L\u00f6hne nimmt sp\u00fcrbar zu. Doch diese K\u00e4mpfe brauchen eine klare Orientierung und Perspektive. Sie m\u00fcssen zu einer europa- und weltweiten sozialistischen Bewegung gegen den Kapitalismus entwickelt werden.<\/p>\n<p>Die Gewerkschaften und ihre politischen Unterst\u00fctzer bem\u00fchen sich nach Kr\u00e4ften, dies zu verhindern. Nationalistisch bis ins Mark, stehen sie uneingeschr\u00e4nkt hinter der Kriegspolitik ihrer Regierungen und tun alles, um die K\u00e4mpfe der Arbeiter zu isolieren, abzuw\u00fcrgen und auszuverkaufen. Ohne Unterst\u00fctzung des gut bezahlten Gewerkschaftsapparats h\u00e4tten die Konzerne die Reallohnsenkungen und Entlassungen der vergangenen Jahre nicht durchsetzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Voraussetzung f\u00fcr eine erfolgreiche Verteidigung des Lebensstandards ist ein Bruch mit den Gewerkschaften und der Aufbau unabh\u00e4ngiger Aktionskomitees, die den Kampf gegen Lohnsenkungen, Preiserh\u00f6hungen, Sozialabbau und Entlassungen organisieren und sich bundesweit und international vernetzen. Um eine solche globale Gegenoffensive der Arbeiterklasse einzuleiten, hat das Internationale Komitee der Vierten Internationale die Internationale Arbeiterallianz der Aktionskomitees ins Leben gerufen.<\/p>\n<p><em>#Bild: Protest gegen die Erh\u00f6hung des Strompreises in Madrid am 6. Oktober 2021. Auf den Transparenten ist zu lesen: &#8218;Nein zum Stromraub&#8216;, &#8218;Strom zu einem fairen Preis&#8216;. (AP Photo\/Manu Fernandez) <\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2022\/08\/31\/infl-a31.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 1. September 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Schwarz. Die Arbeiterklasse Europas steht vor dem gr\u00f6\u00dften Angriff auf ihren Lebensstandard seit einem Jahrhundert, als die Nachkriegsinflation und die Folgen des B\u00f6rsenkrachs von 1929 die Existenzgrundlage gro\u00dfer Teile der Arbeiter- und Mittelklasse zerst\u00f6rten. &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":11676,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7,5],"tags":[87,41,26,45,76,22,49,4,19,17],"class_list":["post-11675","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-international","category-kampagnen","tag-arbeitswelt","tag-europa","tag-gewerkschaften","tag-neoliberalismus","tag-neue-rechte","tag-politische-oekonomie","tag-repression","tag-strategie","tag-ukraine","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11675","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11675"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11675\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11677,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11675\/revisions\/11677"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/11676"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11675"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=11675"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=11675"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}