{"id":11688,"date":"2022-09-02T09:18:35","date_gmt":"2022-09-02T07:18:35","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11688"},"modified":"2022-09-02T09:18:37","modified_gmt":"2022-09-02T07:18:37","slug":"michael-gorbatschow-eine-tragische-figur-der-weltgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11688","title":{"rendered":"Michael Gorbatschow \u2013 eine tragische Figur der Weltgeschichte"},"content":{"rendered":"<p><em>Martin Suchanek. <\/em><strong>Im Alter von 91 Jahren verstarb Michael Gorbatschow am 30. August in Moskau \u2013 der letzte Staatspr\u00e4sident der Sowjetunion und Parteichef der KPdSU.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong>Putins Beileidsbekundung<\/strong><\/p>\n<p>Auch wenn Gorbatschow und Putin wenig Sympathie f\u00fcreinander hegten, so wei\u00df der Pr\u00e4sident des \u201eneuen\u201c, kapitalistischen und imperialistischen Russland nur zu gut, dass es weitaus kl\u00fcger ist, den politischen Nachlass des Verstorbenen selbst auszuschlachten, als ihn den westlichen Staaten zu \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>So bezeichnete Putin bekannterma\u00dfen die Aufl\u00f6sung der Sowjetunion 2014 als \u201egesamtnationale Trag\u00f6die von gewaltigen Ausma\u00dfen\u201c und 2015 \u201edie gr\u00f6\u00dfte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts\u201c. Dabei meinte er nicht die Wiedereinf\u00fchrung des Kapitalismus, wohl aber den Verlust ganzer Staaten und Nationen, deren Unabh\u00e4ngigkeit und Selbstbestimmung den imperialen gro\u00dfrussischen Ambitionen im Wege stehen. Die reaktion\u00e4re, nationalistische Kritik hindert Putin freilich nicht, den Toten nachtr\u00e4glich vorsichtig zu w\u00fcrdigen. In einem Beileidstelegramm hei\u00dft es, der Verstorbene h\u00e4tte\u00a0 \u201egro\u00dfen Einfluss auf den Lauf der Weltgeschichte\u201c gehabt und das Land \u201edurch komplexe, dramatische Ver\u00e4nderungen, gro\u00dfe au\u00dfenpolitische, wirtschaftliche und soziale Herausforderungen gef\u00fchrt\u201c.<\/p>\n<p>Putin wei\u00df, dass Gorbatschow politisch schon l\u00e4ngst, genauer seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und Jelzins Macht\u00fcbernahme, keine Rolle mehr spielte. Die Trauerreden, Nachrufe, Beileidstelegramme und Statements westlicher wie \u00f6stlicher Politiker:innen drehen sich vor allem darum, die historische Rolle des Verstorbenen f\u00fcr sich zu vereinnahmen, sein \u201eVerm\u00e4chtnis\u201c noch einmal f\u00fcr sich zu reklamieren und auszuschlachten.<\/p>\n<p>Nur in diesem Kalk\u00fcl machen Putins wohlwollende Worte gegen\u00fcber einem Mann Sinn, dem er eigentlich eine negative Rolle zuschreibt. Warum aber sollte er die \u201eW\u00fcrdigung\u201c, also die Vereinnahmung Gorbatschows einem Joe Biden oder Boris Johnson, einem Olaf Scholz oder Emmanuel Macron \u00fcberlassen? Lieber bringt die russische Administration die Sanktionspolitiker:innen des Westens in die Verlegenheit, Gorbatschows Begr\u00e4bnis fernzubleiben oder nach Russland zu reisen und wom\u00f6glich Seit an Seit mit Putin dem Toten die letzte Ehre zu erweisen.<\/p>\n<p><strong>Westliche Trauer \u2013 nicht minder zynisch<\/strong><\/p>\n<p>Nicht minder zynisch f\u00e4llt freilich die westliche Trauer aus. Joe Biden spricht von einem \u201eVision\u00e4r\u201c, Emmanuel Macron von einem \u201eMann des Friedens\u201c. Olaf Scholz streicht einmal mehr Gorbatschows Verdienste um die Vereinigung Deutschlands heraus. F\u00fcr seine Bem\u00fchungen um Reformen der Sowjetunion, das Ende des Kalten Krieges und einen friedlichen Systemwechsel in Osteuropa, den Abzug der Roten Armee wurde Gorbatschow mit dem Friedensnobelpreis gew\u00fcrdigt.<\/p>\n<p>Das gleicht dem Trostpreis eines Verlierers. Der Zusammenbruch des Ostblocks und der Sowjetunion sowie die Restauration des Kapitalismus markieren einen Wendepunkt der Geschichte. Der Kalte Krieg war zugunsten der USA und ihrer westlichen Verb\u00fcndeten entscheiden, eine neue historische Periode begann.<\/p>\n<p>Die W\u00fcrdigungen eines George Bush sen., einer Margaret Thatcher, eines Fran\u00e7ois Mitterrand und Helmut Kohl f\u00fcr \u201eunseren\u201c Gorbatschow waren wenig mehr als Festreden der Sieger:innen f\u00fcr den Besiegten.<\/p>\n<p>Gorbatschow mag an seine eigenen \u201eVisionen\u201c von einem geeinten \u201eHaus Europa\u201c, von einer globalen Ordnung auf \u201eAugenh\u00f6he\u201c, von einer Demilitarisierung Europas geglaubt haben. Im realen Leben entpuppten sie sich als utopische Konzepte. Gorbatschows \u201eFriedenpolitik\u201c war nur die letzte Strophe des Liedes von der \u201efriedlichen Koexistenz\u201c, einer Politik, die immer schon von den Klasseninteressen der imperialistischen Bourgeoisie abstrahierte.<\/p>\n<p>Der Zusammenbruch der Sowjetunion, der vergleichsweise friedliche \u00dcbergang zum Kapitalismus, die Entstehung einer neuen, zu einem betr\u00e4chtlichen Teil aus der alten Staatsb\u00fcrokratie geborenen Klasse von Privateigent\u00fcmer:innen inklusive einer neuen russischen Oligarchie und die Aufl\u00f6sung des Warschauer Pakets spielten alle dem Westen in die Karten.<\/p>\n<p>Das US-amerikanische und europ\u00e4ische, allen voran das deutsche Kapital, erschlossen in wenigen Jahren neue, halbkoloniale Ausbeutungsgebiete in Osteuropa sowie einen Zugang zum russischen Markt. Die NATO, wiewohl deren Expansion 1991 noch offiziell ausgeschlossen wurde, schob sich langsam, aber umso sicherer gegen Osten. Und die kapitalistische Wiedervereinigung formte Deutschland zur \u00f6konomisch f\u00fchrenden imperialistischen Macht Europas, die seither ihre eigenen Machtanspr\u00fcche weltweit anmeldet.<\/p>\n<p>Keine Frage, ohne Gorbatschow w\u00e4re das Ende des Kalten Krieges wahrscheinlich anders verlaufen, h\u00e4tte der weitgehend friedliche, gewaltfreie \u00dcbergang zum Kapitalismus wom\u00f6glich gewaltsamere Formen angenommen.<\/p>\n<p>K\u00e4mpfe wie jene um die baltischen Republiken, vor allem aber der Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan, der blutige Aufstand gegen das Ceau\u0219escu-Regime oder der verungl\u00fcckte Janajew-Putsch 1991 verdeutlichen, dass auch in der ehemaligen Sowjetunion bzw. in der von ihr kontrollierten Einflusssph\u00e4re ein anderer Gang der Geschichte m\u00f6glich gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Die grundlegenden Entwicklungslinien h\u00e4tte das jedoch nicht ge\u00e4ndert. Selbst eine erfolgreiche Niederschlagung von antib\u00fcrokratischen Massenbewegungen h\u00e4tte keineswegs eine R\u00fcckkehr zum \u201ealten\u201c, krisengesch\u00fctteten wirtschaftlichen und politisch maroden System der b\u00fcrokratischen Arbeiter:innenstaaten bedeutet, wie ein Blick nach China nahelegt. Dort zerschlug die B\u00fcrokratie die von der Arbeiter:innenklasse und der Intelligenz getragene Bewegung am Tian\u2019anmen-Platz im Juni 1989. Tausende fielen diesem Massaker zum Opfer. Doch nicht der \u201eSozialismus\u201c wurde gerettet, sondern der Restauration des Kapitalismus wurde unter Beibehaltung des politischen Monopols der KP der Weg geebnet.<\/p>\n<p><strong>Gorbatschow und die Krise der Sowjetunion<\/strong><\/p>\n<p>So wenig wie Gorbatschows Rolle beim Zusammenbruch der Sowjetunion vernachl\u00e4ssigt werden kann, so wenig darf sie \u00fcberh\u00f6ht werden. Der letzte Staatschef der Sowjetunion war nicht Treibender, sondern Getriebener.<\/p>\n<p>Gorbatschow wurde 1985 Generalsekret\u00e4r der KPdSU vor dem Hintergrund einer tiefen, strukturellen \u00f6konomischen Krise und einer langj\u00e4hrigen Stagnation der Gesellschaft. Unter Breschnew fiel das Land, damals immerhin die zweitgr\u00f6\u00dfte \u00d6konomie der Welt, wirtschaftlich und technologisch immer mehr zur\u00fcck. Das unter Reagan forcierte Wettr\u00fcsten kostete die Sowjetunion immer gr\u00f6\u00dfere Teile ihre gesamten Ressourcen. Zugleich stagnierte der Lebensstandard der Lohnabh\u00e4ngigen, die in der Sowjetunion und Osteuropa unter einem Mangel an Konsumg\u00fctern litten.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund wurde das System einer starren b\u00fcrokratischen Planwirtschaft und der umfassenden, tief in die Gesellschaft eindringenden politischen Diktatur \u00fcber die Arbeiter:innenklasse immer unhaltbarer. Der \u00f6konomische Niedergang verringerte die M\u00f6glichkeiten zur sozialen Befriedigung der Massen. Deren Entfremdung von der \u201esozialistischen\u201c Gesellschaft trat viel st\u00e4rker ins Bewusstsein angesichts eines gr\u00f6\u00dfer werdenden Gegensatzes zwischen stagnierenden oder schlechter werdenden\u00a0 Lebensbedingungen der Massen und den Privilegien der B\u00fcrokratie.<\/p>\n<p>Diese Lage bef\u00f6rderte auch die politische Unzufriedenheit \u2013 sei es der Intelligenz, der Arbeiter:innenklasse oder der unterdr\u00fcckten Nationen und Nationalit\u00e4ten, sei es in der Sowjetunion oder in den von ihr kontrollierten Gebieten.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich entwickelten sich auch die Gegens\u00e4tze in der herrschenden b\u00fcrokratischen Kaste selbst. In den KPen und Staatsapparaten bildeten sich zwei politische Fl\u00fcgel \u2013 die sog. \u201eKonservativen\u201c oder \u201eHardliner:innen\u201c, die starr am bestehenden System festhalten wollten, und die sog. \u201eReformer:innen\u201c, die diesem durch begrenzte, von oben kontrollierte wirtschaftliche, soziale und auch politische Reformen eine neue Dynamik zu verleihen hofften.<\/p>\n<p>Anders als in den kapitalistischen L\u00e4ndern, wo die freie Konkurrenz und der damit verbundene Zwang, die eigene Arbeitskraft zu verkaufen, f\u00fcr die Steigerung der Arbeitsproduktivit\u00e4t, Disziplin und \u201eMotivation\u201c der Lohnabh\u00e4ngigen quasi automatisch sorgt, fehlte in den b\u00fcrokratischen Planwirtschaften dieser Hebel weitgehend. Im Gegensatz zur Stalin\u00e4ra, wo die Arbeitsdisziplin despotisch durchgesetzt wurde, herrschte in der Sowjetunion oder auch Osteuropa der 1970er und 1980er Jahre eine weitgehende soziale Sicherheit vor mit Vollbesch\u00e4ftigung, Wohnungen und garantierter Gesundheits- und Altersvorsorge.<\/p>\n<p>Andererseits sorgte die zunehmende Entfremdung der Arbeiter:innen von der b\u00fcrokratischen Planwirtschaft, von \u201eihren\u201c Staaten daf\u00fcr, dass ihr Antrieb zur Verbesserung und Fortentwicklung des \u00f6konomischen und sozialen Systems l\u00e4ngst erloschen war. Wo dies noch nicht der Fall war, lief er sich im b\u00fcrokratischen Getriebe tot.<\/p>\n<p>Um diese Stagnation zu durchbrechen, war es aufgrund der technologischen Entwicklung und der gestiegenen Anforderungen an die Qualifikation der Arbeitskraft \u00f6konomisch faktisch unm\u00f6glich, zu den Methoden der Stalinzeit zur\u00fcckzukehren. Gesellschaftlich und sozial h\u00e4tten sie wom\u00f6glich das System noch mehr destabilisiert \u2013 und dessen war sich auch die B\u00fcrokratie bewusst.<\/p>\n<p>Daher entflammte innerhalb dieser Kaste der Konflikt um die Frage, welche und wie weit gehende \u00f6konomische soziale und politische Reformen durchgef\u00fchrt bzw. zugelassen werden sollten. Ein Hin und Her kennzeichnete schon die Auseinandersetzungen vor Gorbatschow und die Notwendigkeit von Ma\u00dfnahmen zur Erh\u00f6hung der Arbeitsproduktivit\u00e4t war auch mehr oder minder unstrittig. Keineswegs galt dies jedoch bez\u00fcglich politischer Reformen.<\/p>\n<p>Als Gorbatschow 1985 Generalsekret\u00e4r wurde, markierte dies eine Kr\u00e4fteverschiebung zugunsten des Reformlagers in der Sowjetunion und im Ostblock. \u201ePerestroika\u201c (Umbau) und \u201eGlasnost\u201c (Offenheit) wurden zu den Schlagworten, Kampfbegriffen, um die Ver\u00e4nderungen der Gesellschaft voranzutreiben.<\/p>\n<p>Dabei stellten beide von Beginn an keine klar umrissenen Konzepte dar, sondern eine Reihe von Reformma\u00dfnahmen, die selbst im Laufe der Jahre modifiziert wurden und auf Ver\u00e4nderungen in der Gesellschaft eine Antwort zu geben versuchten.<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich zielte die Perestroika darauf, marktwirtschaftliche Mechanismen und Konkurrenz im Rahmen der Planwirtschaft zu deren Belebung einzusetzen, darunter einzelbetriebliche Kostenrechnung, Formen des Leistungslohns, Ausweitung der privatwirtschaftlichen T\u00e4tigkeit und begrenztes Wirken von Joint Ventures. Glasnost bezog sich vor allem auf die \u00f6ffentliche und politische Ebene und sah eine begrenzte Lockerung der Rede-, Meinungs- und Pressefreiheit vor.<\/p>\n<p>Hinzu kam ein neuer au\u00dfenpolitischer Kurs der Abr\u00fcstung und Entspannung. 1989 zog die Sowjetunion ihre Truppen aus Afghanistan zur\u00fcck. F\u00fcr Europa wurde eine neue Friedensordnung, ein \u201egemeinsames Haus\u201c propagiert.<\/p>\n<p>Glasnost und Perestroika kamen jedoch wie die gesamte Politik Gorbatschows (und des gesamten Fl\u00fcgels der B\u00fcrokratie, auf den er sich st\u00fctzte) von Beginn an einer Quadratur des Kreises gleich. Einerseits sollte die Gesellschaft ge\u00f6ffnet, andererseits jedoch die Herrschaft der B\u00fcrokratie und deren System der Planung beibehalten werden.<\/p>\n<p>Diese Konzeption war im engen Wortsinn utopisch. Die Politik Gorbatschows l\u00f6ste nicht die inneren Widerspr\u00fcche des Systems, dessen Krise ihn zum Generalsekret\u00e4r gemacht hatte, sondern spitzte sie vielmehr weiter zu.<\/p>\n<p>Und zwar auf allen Ebenen. Die \u00f6konomischen Reformen belebten die Wirtschaft nicht, sondern verst\u00e4rkten den Gegensatz zwischen den Elementen der b\u00fcrokratischen Planung und der Marktwirtschaft. Sie verbesserten die Lage der Massen nicht, schufen aber zugleich eine Schicht von Manager:innen, B\u00fcrokrat:innen, neuen Eigent\u00fcmer:innen, die Appetit auf mehr, auf die Restauration des Kapitalismus entwickelte.<\/p>\n<p>Die begrenzten Elemente der Presse- und Meinungsfreiheit stie\u00dfen ihrerseits auf Schritt und Tritt auf die Schranken des Systems, an die Grenzen der b\u00fcrokratischen Diktatur und der f\u00fchrenden Rolle der Partei. \u00c4hnlich wie die Perestroika schuf aber auch Glasnost die Forderung nach mehr Freiheit, nach mehr demokratischen Rechten, wenn auch \u00fcber eine ganze Zeit im politischen Windschatten des Reformfl\u00fcgels. So entstand die scheinbar paradoxe Situation, dass der Generalsekret\u00e4r der KPdSU, also der oberste und m\u00e4chtigste Exponent der B\u00fcrokratie, Mitte bis Ende der 1980er Jahre zum Hoffnungstr\u00e4ger und zur Symbolfigur antib\u00fcrokratischer Massenstimmungen und -bewegungen geriet. \u201eGorbi\u201c\u00a0 mutierte zur Identifikationsfigur und zugleich zum Schrecken mancher besonders reformunwilliger B\u00fcrokrat:innen.<\/p>\n<p>Politisch glich Gorbatschow freilich Goethes Zauberlehrling. Die Geister, die er rief, wurde er nicht los \u2013 und anders als im Werk des gro\u00dfen Dichters rettete ihn auch kein m\u00e4chtiger Zauberer.<\/p>\n<p>Der scheinbar m\u00e4chtige F\u00fchrer der KPdSU und Sowjetunion erwies sich als tragische, geschichtlich ohnm\u00e4chtige Figur. Das von ihm verfolgte Ziel einer reformierten, mit Glasnost und Perestroika aufpolierten Sowjetunion, eines reformierten degenerierten Arbeiter:innenstaates erwies sich als reinste Utopie, die die Interessen keiner einzigen gesellschaftlichen Kraft des alten wie des neuen, entstehenden kapitalistischen Systems befriedigen konnte.<\/p>\n<p>Kein Wunder also, dass Gorbatschows Stern noch schneller unterging, als er aufgestiegen war. Er wurde faktisch zum Vorbereiter der Restauration des Kapitalismus, zum Vordringen der westlichen imperialistischen Staaten und \u2013 seines eigenen Sturzes.<\/p>\n<p>1991 versuchten die konservativen Schichten der B\u00fcrokratie, mit einem halbherzigen Putsch noch einmal das Rad der Geschichte in der Sowjetunion zur\u00fcckzudrehen \u2013 und scheiterten kl\u00e4glich. Doch mit ihnen wurde auch Gorbatschow faktisch entmachtet. Die offen restaurationistischen Kr\u00e4fte der B\u00fcrokratie um Jelzin und Sobtschak ergriffen die Initiative, mobilisierten die Massen gegen den Putsch und offenbarten damit zugleich die Ohnmacht Gorbatschows. Am 25. Dezember trat er als Pr\u00e4sident der Sowjetunion ab und damit faktisch von der geschichtlichen B\u00fchne.<\/p>\n<p>Seither wandelt Gorbatschow als mehr oder minder dekoratives Relikt der Geschichte durch die Welt. Als Vorsitzender der nach ihm benannten Stiftung kommentierte er weiter das Weltgeschehen und versuchte sich in der russischen Zivilgesellschaft. Politisch verstand er sich als Sozialdemokrat, kritisierte die innerrussischen Verh\u00e4ltnisse, aber auch den Westen und dessen \u201eMachtarroganz\u201c und -politik und George W. Bush und Co.<\/p>\n<p>Im Grunde bewegte sich seine ganze Kritik auf der Oberfl\u00e4che gesellschaftlicher Erscheinungsformen. \u201eArroganz\u201c, Machtpolitik, also subjektive politische Ausrichtungen und Charakterz\u00fcge von Herrschenden stellten f\u00fcr ihn den eigentlichen Kern der politischen Probleme unserer Zeit dar, ob im Westen oder in Russland. Die grundlegenden Widerspr\u00fcche zwischen den imperialistischen M\u00e4chte, der Kampf um die Neuaufteilung der Welt erwuchs f\u00fcr ihn nicht aus den Krisen des Kapitalismus, ja diese objektiven Entwicklungen stellten f\u00fcr ihn letztlich nebens\u00e4chliche Faktoren dar, die durch guten (Verhandlungs-)Willen aus der Welt zu r\u00e4umen gewesen w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Selbst hier entpuppt sich Gorbatschow noch als tragische Figur, die den Illusionen einer l\u00e4ngst vergangenen Zeit nachhing und bis zum Ende von einem idealistischen Verst\u00e4ndnis von Gesellschaft und Geschichte gepr\u00e4gt war.<\/p>\n<p><strong>Mythologisierung<\/strong><\/p>\n<p>Allerdings war Gorbatschow schon zu Lebzeiten von verschiedenen Seiten zur Projektionsfl\u00e4che ihrer eigenen Sicht der Geschichte geworden.<\/p>\n<p>F\u00fcr die westlichen M\u00e4chte und die demokratische \u00d6ffentlichkeit war er der \u201egute\u201c Sowjetf\u00fchrer, denn schlie\u00dflich trug er zur Niederlage des \u201eKommunismus\u201c und zum Sieg im Kalten Krieg bei. Nach 1991 schien es au\u00dferdem, dass in Russland nicht nur der Kapitalismus wieder Einzug halten w\u00fcrde, sondern es auch \u00f6konomisch und politisch vom Westen dominiert werden k\u00f6nnte. Mit der Stabilisierung des Putin-Regimes sind die Hoffnungen verflogen.<\/p>\n<p>Die posthume W\u00fcrdigung Gorbatschows soll gewisserma\u00dfen auch die Vorstellung am Leben halten, dass ein prowestlicher russischer F\u00fchrer m\u00f6glich sei. Und nebenbei wird das kl\u00e4gliche Scheitern Gorbatschows in Russland auch noch uminterpretiert. Die Verh\u00e4ltnisse und die Schw\u00e4che der b\u00fcrgerlichen Demokratie dort sollen partout nicht auf die Krise der Sowjetgesellschaft und die katastrophalen sozialen und politischen Auswirkungen der kapitalistischen Restauration zur\u00fcckgef\u00fchrt werden. Vielmehr wird der russischen Nation eine Neigung zum Autoritarismus und zur Diktatur unterstellt, eine \u201eUnreife\u201c in Sachen Demokratie, der Gorbatschow und Co. zum Opfer gefallen w\u00e4ren. Daher erscheint der Verstorbene als seltener Gl\u00fccksfall, den es zugunsten von Demokratie und Marktwirtschaft auszunutzen galt, solange er Einfluss aus\u00fcbte.<\/p>\n<p>Doch auch Teile der Linken nutzen Gorbatschow bis heute als Projektionsfl\u00e4che eines verqueren Geschichtsbildes. Ihnen zufolge w\u00e4ren uns der Zusammenbruch der Sowjetunion und des Ostblocks, der gesamte Sieg des Westens im Kalten Krieg erspart geblieben, wenn Gorbatschow den Pfad von Glasnost und Perestroika nicht beschritten oder wenigstens die Staaten Osteuropas oder ehemalige Sowjetrepubliken nicht in die Unabh\u00e4ngigkeit entlassen h\u00e4tte. Dieser Sicht zufolge verk\u00f6rperten Gorbatschow und sein Aufstieg nicht Ausdruck einer tiefen Todeskrise des Stalinismus, sondern deren Ursache. Die Krise der Sowjetgesellschaft, der Zusammenbruch der Sowjetunion und die Restauration des Kapitalismus werden so zum weltgeschichtlichen Verrat eines gro\u00dfen, b\u00f6sen Mannes und noch b\u00f6serer westlicher Hinterm\u00e4nner. An idealistischer Geschichtsverdrehung stehen sie damit ironischer Weise den westlichen (und auch russischen) Ideolog:innen wenig nach.<\/p>\n<p><strong>Arbeiter:innenklasse<\/strong><\/p>\n<p>Bemerkenswert und bezeichnend an den verschiedenen posthumen W\u00fcrdigungen und Nachrufen, sei es von offizieller russischer Seite, westlichen Politiker:innen oder selbst stalinistischen Kr\u00e4ften, bleibt, dass die Arbeiter:innenklasse als gesellschaftliche Kraft nicht vorkommt. Die Lohnabh\u00e4ngigen treten entweder als Unterst\u00fctzer:innen und zunehmend undankbare Versorgungsobjekte der B\u00fcrokratie auf oder als blo\u00dfe Fu\u00dftruppe von Reformer:innen und der westlichen Demokratie.<\/p>\n<p>Diese Sicht verk\u00fcrzt nicht nur die reale geschichtliche Entwicklung, sondern verkennt auch das Potential der Umbr\u00fcche, die sich 1989 zu einer historischen politischen Krise der b\u00fcrokratischen Herrschaft b\u00fcndelten.<\/p>\n<p>Die Entwicklung, die Gorbatschow seit 1985 mit den Mitteln b\u00fcrokratischer Reformen von oben unter Kontrolle zu kriegen versuchte, f\u00fchrte auch zu einer Belebung und einem Erwachen der Arbeiter:innenklasse. In der Sowjetunion entstand Ende der 1980er Jahre eine unabh\u00e4ngige Gewerkschaftsbewegung, zum Beispiel unter den Bergarbeiter:innen. Die antib\u00fcrokratischen Bewegungen st\u00fctzten sich 1989 sozial auf Massenunterst\u00fctzung in der Arbeiter:innenklasse und in einigen L\u00e4ndern bildeten sich auch betriebliche Organisationen der Klasse. Hinzu kamen politische Differenzierungs- und G\u00e4rungsprozesse innerhalb der von der B\u00fcrokratie kontrollierten Massenorganisationen wie den Gewerkschaften, teilweise auch in der Staatspartei.<\/p>\n<p>Aber aufgrund der Zerst\u00f6rung des Bewusstseins der Arbeiter:innenklasse nach Jahrzehnten der b\u00fcrokratischen Diktatur und der damit eng verbundenen Entfremdung der Lohnabh\u00e4ngigen von \u201eihrem\u201c Staat und \u201eihrer\u201c Wirtschaft, also aufgrund der Auspr\u00e4gung der F\u00fchrungskrise des Proletariats in den damaligen degenerierten Arbeiter:innenstaaten, dominierten zuerst kleinb\u00fcrgerliche und bald offen b\u00fcrgerliche Kr\u00e4fte die Bewegung.<\/p>\n<p>Wie der Arabische Fr\u00fchling zeigt, l\u00e4sst sich dieses Ph\u00e4nomen nat\u00fcrlich nicht nur an der Todeskrise des Stalinismus beobachten. Im Jahr 1989 standen die Sowjetunion und alle L\u00e4nder Osteuropas vor der historischen Alternative: entweder Sturz der B\u00fcrokratie durch die politische Revolution der Arbeiter:innenklasse oder Restauration des Kapitalismus.<\/p>\n<p>Und wie immer, wenn eine Revolution nur halb durchgef\u00fchrt wird, endet sie in einer ganzen Konterrevolution. Daran \u00e4ndert auch der Fakt nichts, dass diese eine b\u00fcrgerlich-demokratische Form annahm. Nachdem Gorbatschow ihr den Weg bereitet hatte, wurde er selbst von ihr hinweggefegt. Am 30. August verstarb dieser Zauberlehrling der Weltgeschichte.<\/p>\n<p>Es gibt keinen Grund, seine konterrevolution\u00e4re Rolle zu besch\u00f6nigen, aber auch keinen, sie zu \u00fcberh\u00f6hen. Nicht Gorbatschow bildete das eigentliche Problem, sondern die Schw\u00e4che der revolution\u00e4ren Kr\u00e4fte und Tiefe der Krise der Arbeiter:innenklasse. Letztere manifestierte sich 1989 weitaus st\u00e4rker als in vorangegangenen Revolutionen und Erhebungen gegen die b\u00fcrokratische Herrschaft in Osteuropa. So brachten die ungarische Revolution, der Arbeiter:innenaufstand in der DDR oder der Kampf der polnischen Arbeiter:innenklasse klassenbasierte Doppelmachtorgane oder Ans\u00e4tze in diese Richtung in viel st\u00e4rkerem Ma\u00dfe hervor als 1989. Dieser Tatsache lagen vor allem zwei miteinander verbundene Ursachen zugrunde. Erstens die viel tiefere innere Krise der b\u00fcrokratischen Planwirtschaft und damit auch der gesellschaftlichen Basis der B\u00fcrokratie, was generell die restaurationistischen Tendenzen schon lange vor 1989 vorbereitet und gest\u00e4rkt hatte. Zweitens die Entfremdung und Zerst\u00f6rung von Klassenbewusstsein der Arbeiter:innenklasse, was die spontane Tendenz zur Selbstorganisation und Schaffung eigener klassenspezifischer Organisationen schw\u00e4chte (auch wenn solche durchaus entstanden).<\/p>\n<p>Hinzu kam aber noch ein Drittes. Weltweit gab es keine revolution\u00e4re Internationale der Arbeiter:innenklasse, die ein k\u00e4mpfender, politischer Bezugspunkt f\u00fcr die Lohnabh\u00e4ngigen in der Sowjetunion und Osteuropa h\u00e4tte sein k\u00f6nnen. Allenfalls existierte sie in Form zersplitterter Kleingruppen, die im Wesentlichen nur propagandistisch in die Ereignisse eingreifen konnten. Diese F\u00fchrungskrise hat sich seit 1989 eher noch vergr\u00f6\u00dfert. Sie bildet das zentrale Problem nicht nur vor und um 1989, sondern auch in unserer Zeit.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2022\/09\/01\/michael-gorbatschow-eine-tragische-figur-der-weltgeschichte\/\"><em>arbeiterinnenmacht.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 2. September 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Martin Suchanek. Im Alter von 91 Jahren verstarb Michael Gorbatschow am 30. August in Moskau \u2013 der letzte Staatspr\u00e4sident der Sowjetunion und Parteichef der KPdSU.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":11689,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,7],"tags":[25,87,18,12,45,119,22,38,27,20,83,4,21,19],"class_list":["post-11688","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-international","tag-arbeiterbewegung","tag-arbeitswelt","tag-imperialismus","tag-lenin","tag-neoliberalismus","tag-polen","tag-politische-oekonomie","tag-russische-revolution","tag-russland","tag-sowjetunion","tag-stalinismus","tag-strategie","tag-trotzki","tag-ukraine"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11688","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11688"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11688\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11690,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11688\/revisions\/11690"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/11689"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11688"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=11688"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=11688"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}