{"id":11692,"date":"2022-09-02T14:19:33","date_gmt":"2022-09-02T12:19:33","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11692"},"modified":"2022-09-02T14:19:34","modified_gmt":"2022-09-02T12:19:34","slug":"schlagbilder-des-westlichen-terrors","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11692","title":{"rendered":"Schlagbilder des westlichen Terrors"},"content":{"rendered":"<p><em>Leon Wystrychowski.\u00a0 <\/em><strong>Zu Emran Feroz Buch Der l\u00e4ngste Krieg. 20 Jahre War on Terror. Der Mythos vom Vorzeigekrieg in Afghanistan ist schon lange zerst\u00f6rt, hier wird der Terror des Westens eindr\u00fccklich geschildert. <\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Im Jahr 2017 erschien Emran Feroz\u2019 \u201eTod per Knopfdruck\u201c, in dem der Autor eindr\u00fccklich die Ausma\u00dfe und grauenhaften Details des US-Drohnenterrors unter anderem in Afghanistan, Irak, Jemen und Pakistan darlegte. Sein neues Buch ist wie das erste im journalistischen Stil verfasst und eine Mischung aus meinungsstarker investigativer Reportage und Geschichte von unten, in der auch Afghan*innen selbst zu Wort kommen.<\/p>\n<p><strong>Ein einziger Tatort<\/strong><\/p>\n<p>Diese Geschichte Afghanistans ist gepr\u00e4gt von ausl\u00e4ndischen Milit\u00e4rinvasionen und -interventionen: Da waren die mehrmaligen kolonialen Eroberungsversuche der Briten im 19. und fr\u00fchen 20. Jahrhundert, die sowjetische Intervention 1979\u201389 und schlie\u00dflich die NATO-Invasion von 2001\u201321. Feroz geht auf all diese Konflikte ein, sein Schwerpunkt liegt allerdings auf der j\u00fcngsten Invasion. Der erste Teil widmet sich der Vorgeschichte dieses Krieges und seinen verschiedenen Akteuren. Im zweiten listet Feroz die \u201esechs gro\u00dfen Vergehen des \u201aWar on Terror\u2018 in Afghanistan\u201c auf. Zum Abschluss folgen Gespr\u00e4che mit Afghan*innen, die die politische Komplexit\u00e4t des Landes zu erahnen helfen; au\u00dferdem geht der Autor auf die sogenannten <em>Afghanistan Papers<\/em> ein und zieht 20 Jahre nach Kriegsbeginn und inmitten des Abzugs der NATO-Truppen eine Bilanz.<\/p>\n<p>Feroz legt den Finger in viele offene Wunden und kl\u00e4rt akribisch \u00fcber die westlichen Verbrechen im \u201eWar on Terror\u201c auf: Angefangen bei der Tatsache, dass der Einmarsch in Afghanistan entgegen aller Legenden keine von UNO oder V\u00f6lkerrecht gedeckte Intervention, sondern ein illegaler Angriffskrieg der NATO war, \u00fcber die massenhafte Ermordung von Zivilist*innen und das Ausl\u00f6schen ganzer D\u00f6rfer \u2013 durch Drohnen, Kampfflugzeuge oder marodierende Truppen \u2013, \u00fcber systematische Folter und Entf\u00fchrungen angeblicher Verd\u00e4chtiger inklusive deren gezielter Vertuschung bis hin zur Etablierung einer von der US-Regierung abh\u00e4ngigen \u201eKleptokratie\u201c (S. 51) aus korrupten Politiker*innen, Warlords, Geheimdienstlern und gekauften Stammesf\u00fchrern. Auch schreibt er \u00fcber die durch den Krieg losgetretenen Fluchtbewegungen, im Zuge derer Millionen Menschen f\u00fcr viel Geld und unter Lebensgefahr ihre Heimat verlie\u00dfen; oftmals, um dann in europ\u00e4ischen Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnften zu verelenden oder mit der Behauptung, Afghanistan sei \u201esicher\u201c, wieder dorthin abgeschoben zu werden.<\/p>\n<p>Besonders scharf geht der Autor dabei mit den Strippenzieher*innen in Washington und mit der afghanischen Kompradoren-Bourgeoisie (also der von den Besatzungsm\u00e4chten abh\u00e4ngigen Elite) um die ehemaligen Pr\u00e4sidenten Hamid Karzai und Ashraf Ghani ins Gericht. Aber auch die BRD kommt nicht ungeschoren davon: Feroz benennt ihre Verbrechen, vom Kunduz-Massaker unter Leitung des mittlerweile zum General aufgestiegenen und mehrfach bef\u00f6rderten Georg Klein \u00fcber das \u201e\u201aHerzst\u00fcck\u2018 des illegalen Drohnenkrieges\u201c (S. 146) in Ramstein. Aber auch das pers\u00f6nliche Eintreten Frank-Walter Steinmeiers (SPD) f\u00fcr eine faktische Generalamnestie s\u00e4mtlicher NATO-Verbrechen in Afghanistan, das widerw\u00e4rtige \u201eGeschenk\u201c anl\u00e4sslich Horst Seehofers (CSU) 69. Geburtstag in Form von 69 abgeschobenen Afghanen oder der staats- und kriegstragende Journalismus deutscher Leitmedien finden Erw\u00e4hnung. Feroz weist zudem auf die wenig beachtete Tatsache hin, dass das aufgrund seiner vielen rechtsradikalen Vorf\u00e4lle bekannt gewordene Sondereinsatzkommando (KSK) der Bundeswehr ebenfalls in Afghanistan im Einsatz war. Der Autor vermutet, dass die Neonazis im KSK ihren Rassismus und ihre Gewaltgeilheit in Afghanistan und an Afghan*innen ungez\u00fcgelt ausleben konnten.<\/p>\n<p>Dass sie damit nicht alleine waren, zeigen zahlreiche Beispiele vor allem US-amerikanischer Soldat*innen, deren bestialische Morde und deren offen zur Schau gestellten antimuslimischen Rassismus der Autor detailliert nachzeichnet. Auch, dass dieser Rassismus nicht nur ein Problem von Rechtsradikalen ist, sondern quasi zur Essenz des \u201eWar on Terror\u201c geh\u00f6rt, legt Feroz eindr\u00fccklich dar.<\/p>\n<p><strong>Antikommunistischer Makel<\/strong><\/p>\n<p>Eine andere Wunde, die Feroz offenlegt, ist die des auch unter (nicht nur westlichen) Linken durchaus vorhandenen orientalistischen und islamfeindlichen Chauvinismus. Er schie\u00dft dabei allerdings \u00fcber das Ziel hinaus und attestiert letztlich fast der gesamten politischen Linken wie auch der damaligen Sowjetunion und den Kommunist*innen der Demokratischen Volkspartei Afghanistans (DVPA) Orientalismus, Rassismus und Imperialismus. Tats\u00e4chlich ist Afghanistan eines der wohl kompliziertesten und widerspr\u00fcchlichsten Kapitel in der Geschichte der linken und kommunistischen Bewegung. Feroz\u2019 Anklagen tragen letztlich wenig zu dessen Verst\u00e4ndnis oder Kl\u00e4rung bei; auch, weil er eine mitunter platt antikommunistische Attit\u00fcde zur Schau tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>So taten Feroz zufolge die Kader der DVPA vor der Macht\u00fcbernahme nichts anderes, als junge Afghan*innen zu \u201eindoktrinieren\u201c (S. 73) und sp\u00e4ter alle, die ihnen zwischen die Finger kamen, zu foltern; ihr gesamtes Handeln war angeblich eine billige Kopie sowjetischer Vorbilder und ihre Anh\u00e4nger*innen wurden allesamt einer \u201eGehirnw\u00e4sche\u201c (S. 72) in der UdSSR unterzogen. Zu diesen provokant-rei\u00dferisch formulierten Charakterisierungen kommt hinzu, dass Feroz dabei historische Fakten verdreht und verf\u00e4lscht: So stellt er etwa die Macht\u00fcbernahme der Kommunist*innen 1978 und die sowjetische Milit\u00e4rintervention im Jahr darauf als Reaktion auf einen Eklat zwischen dem damaligen afghanischen Pr\u00e4sidenten Mohammed Daoud Khan und Leonid Breschnew dar. Das widerspricht jeglicher historischer Wahrheit. Der Staatsstreich hatte innenpolitische Gr\u00fcnde: Daoud versuchte, die DVPA zu zerschlagen und diese trat die Flucht nach vorn an, indem sie den autokratisch herrschenden Pr\u00e4sidenten st\u00fcrzte und so, quasi aus Versehen, die Staatsmacht eroberte. Die Sowjetunion ihrerseits hielt Afghanistan f\u00fcr noch lange nicht \u201ereif\u201c genug f\u00fcr den Sozialismus, war stets um ein konstruktives nachbarschaftliches Verh\u00e4ltnis zu den feudalen und b\u00fcrgerlichen Regierungen in Kabul bem\u00fcht gewesen und wurde von dem Umsturz durch die DVPA kalt erwischt. Aus diesen Gr\u00fcnden verhielt sich die KPdSU-F\u00fchrung zun\u00e4chst relativ distanziert gegen\u00fcber dem \u201ekommunistischen Regime\u201c in Kabul und lehnte lange und wiederholt Bitten der DVPA um milit\u00e4rische Beihilfe gegen die Mujahedeen-Rebellen ab; sie war sich durchaus bewusst, dass eine solche Intervention sowohl die afghanische Regierung als auch die Sowjetunion Sympathie in der afghanischen Bev\u00f6lkerung kosten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem reproduziert der Autor die in der westlichen Literatur, aber auch unter manchen Afghan*innen verbreitete Legende von der \u201egoldenen \u00c4ra der Demokratie\u201c (S. 136), die durch den von den Kommunist*innen unterst\u00fctzten Putsch Daouds 1973 beendet worden sei. Dass es mit dieser \u201egoldenen \u00c4ra\u201c nicht weit her war, deutet Feroz selbst an anderer Stelle an, wenn er schreibt, dass parallel zu den ersten Wahlen in der nun konstitutionellen Monarchie \u201eArmut und Hungersn\u00f6te\u201c herrschten, \u201ew\u00e4hrend die Kabuler Bourgeoisie in einer Art Parallelwelt lebte\u201c (S. 24). \u00dcber diese Andeutungen geht er allerdings nicht hinaus. Tats\u00e4chlich war Afghanistan damals eines der \u00e4rmsten L\u00e4nder der Welt; 85 Prozent der Afghan*innen lebten als Kleinbauern, Tagel\u00f6hner, Viehz\u00fcchter usw. am Existenzminimum. F\u00fcnf Prozent der Bev\u00f6lkerung dagegen verf\u00fcgten \u00fcber die H\u00e4lfte des Bodens. Sie herrschten in ihren Regionen als unabh\u00e4ngige Despoten und verf\u00fcgten unter anderem \u00fcber eigene Gef\u00e4ngnisse. Das war der soziale Kontext, in dem die Kommunist*innen begannen, sich zu organisieren und schlie\u00dflich \u2013 an der Macht \u2013 zu versuchen, tiefgreifende soziale Reformen durchzusetzen.<\/p>\n<p>Damit wei\u00dft Feroz den afghanischen Kommunist*innen letztlich die Rolle der eigentlichen Schurken zu \u2013 oder in den Worten des Autors: \u201eEs waren die Agenten Moskaus, die Afghanistan bewusst ins Chaos st\u00fcrzten.\u201c (S. 80) Seiner Darstellung zufolge beendeten sie 1973 den Weg zur Demokratie, \u00fcbernahmen 1978 im Auftrag Moskaus die Macht, st\u00fcrzten das Land dadurch in einen letztlich Jahrzehnte w\u00e4hrenden Krieg und \u00f6ffneten 1979 schlie\u00dflich die Tore f\u00fcr die \u201erussischen Invasoren\u201c. Es gibt sicher genug zu kritisieren an der Kriegsf\u00fchrung der Roten Armee und per se an diesem Krieg. Afghanistan eignet sich aber eben nicht, um der Sowjetunion eine Art von \u201eImperialismus\u201c zu attestieren, der mit dem der USA zu vergleichen w\u00e4re. Bezeichnenderweise relativiert Feroz zudem die Rolle, die die USA vor allem gemeinsam mit Pakistan und Saudi Arabien dabei spielten, die Mujahedeen gegen das pro-sowjetische Kabuler Regime aufzur\u00fcsten. Proklamiertes Ziel war es, die UdSSR dazu zu veranlassen, in die K\u00e4mpfe im s\u00fcdlichen Nachbarland einzugreifen und ihr ein eigenes \u201eVietnam\u201c zu bereiten. Auch nach dem Sturz der DVPA Anfang der 1990er mischte Washington sich in das Geschehen in Afghanistan ein und unterst\u00fctzte nach Gutd\u00fcnken B\u00fcrgerkriegsparteien. Insofern lie\u00dfe sich entgegen Feroz\u2019 Narrativ \u00fcberzeugender argumentieren, dass es vielmehr die NATO in Form der USA war, die in Afghanistan bereits seit mehr als 40 Jahren, und nicht erst seit 20, Krieg befeuerte und sich alle M\u00fche gab, das Land ins Chaos zu st\u00fcrzen.<\/p>\n<p><strong>Investigativjournalismus, aber keine Analyse<\/strong><\/p>\n<p>Damit st\u00f6\u00dft man auf die Schw\u00e4che des Buches: Analytisch hat es wenig Tiefgang. Die sowjetische Sorge um ihre S\u00fcdflanke im Kalten Krieg wird auf eine Stufe gestellt mit dem Expansionsstreben Gro\u00dfbritanniens oder der USA, die zehn- bzw. hunderttausende Soldaten ans andere Ende der Welt schickten, um ein Land zu unterwerfen. Zwar attestiert Feroz der NATO zurecht, dass sie den Afghan*innen weder Demokratie noch Frauenrechte gebracht habe. Doch ob sie daran nun gescheitert ist, dies \u201ebewusst in Kauf genommen\u201c (S. 20) hat oder aber genau gegenteilige Interessen verfolgte \u2013 in dieser Frage ist man nach der Lekt\u00fcre wenig schlauer. Zwar f\u00e4llt hier und da der Begriff des \u201emilit\u00e4risch-industriellen Komplexes\u201c, doch eine wirkliche Erkl\u00e4rung, die mit \u00f6konomischen, geo- und weltmachtpolitischen Kategorien arbeitet, fehlt v\u00f6llig. Fragen nach dem gr\u00f6\u00dferen strategischen Zusammenhang zwischen den Kriegen in Afghanistan und im Irak werden ebenso wenig gestellt bzw. beantwortet wie die Frage, ob am Hindukusch nun Handelsinteressen verteidigt wurden oder es doch mehr um die Einkreisung des Iran ging. Auch die vor dem aktuellen Hintergrund besonders zu Denken gebende Tatsache, dass die NATO in Afghanistan 20 Jahre lang an der S\u00fcdflanke Russlands und im Grenzgebiet zu China stationiert war, findet leider keine wirkliche Erw\u00e4hnung. \u00dcber die afghanischen Kompradoren erf\u00e4hrt man indes viel Spannendes. Doch welche politischen und wirtschaftlichen Akteure im Westen standen hinter diesem Krieg? Auch diese Frage, die entscheidend ist, um den \u201eWar on Terror\u201c richtig einsch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen, wird leider weder aufgeworfen noch beantwortet.<\/p>\n<p>So bleibt das Buch eine lesenswerte und wichtige investigativ-journalistische Arbeit \u00fcber die Auswirkungen des Krieges vor Ort, die mit vielen Mythen um den angeblich \u201eguten Krieg\u201c in Afghanistan nachhaltig aufr\u00e4umt, die das Grauen dieses westlichen Terrors eindr\u00fccklich skizziert und die den Opfern eine kleine B\u00fchne bietet, auf der sie ihre Stimme erheben k\u00f6nnen. Um diesen Krieg in seinem regionalen und globalen Kontext oder auch um die Geschichte Afghanistans zu begreifen, braucht es allerdings mehr, als dieses Buch liefert.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/kritisch-lesen.de\/rezension\/schlagbilder-des-westlichen-terrors\"><em>kritisch-lesen.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 2. September 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leon Wystrychowski.\u00a0 Zu Emran Feroz Buch Der l\u00e4ngste Krieg. 20 Jahre War on Terror. 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