{"id":11703,"date":"2022-09-03T11:03:10","date_gmt":"2022-09-03T09:03:10","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11703"},"modified":"2022-09-03T11:03:12","modified_gmt":"2022-09-03T09:03:12","slug":"sudan-die-widerstandskomitees-sind-der-keim-der-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11703","title":{"rendered":"Sudan: \u201cDie Widerstandskomitees sind der Keim der Revolution\u201d"},"content":{"rendered":"<p><em>Im Dezember 2018 nahm sich die sudanesische Bev\u00f6lkerung die Stra\u00dfen, um gegen die 30-j\u00e4hrige Herrschaft des Diktators Omar al-Bashir zu protestieren. Daraufhin floh dieser im April 2019, w\u00e4hrend die sudanesische Armee die Kontrolle \u00fcbernahm, die Regierung auf allen Ebenen aufl\u00f6ste und eine Milit\u00e4rregierung aufstellte, die sich \u00fcber die Forderungen<\/em><!--more--> <em>der Protestbewegung hinwegsetzte. Sp\u00e4ter im selben Jahr wurde eine Vereinbarung getroffen, die eine Machtteilung zwischen zivilen und milit\u00e4rischen Vertreter*innen w\u00e4hrend einer 39-monatigen \u00dcbergangszeit zur zivilen Demokratie vorsah. Ein Schritt, den die revolution\u00e4re Bewegung von Anfang an ablehnte und stattdessen eine vollst\u00e4ndig zivile Verwaltung forderte. Die Widerstandskomitees sind Nachbarschaftsversammlungen, die sich seit 2013 gebildet haben. Als am 25. Oktober 2021 ein zweiter Milit\u00e4rputsch den \u00dcbergang zu einer zivilen Regierung sabotierte, waren sie erneut eine zentrale Kraft bei der Organisation von Protesten. Zwar wurde die \u00dcbergangsregierung einen Monat sp\u00e4ter wieder eingesetzt, doch f\u00fchrte diese Erfahrung zu einem Vertrauensverlust in Beh\u00f6rden und politische Parteien und ver\u00e4nderte so die Widerstandsbewegung. Sie ist nun dezentral organisiert, mit den Widerstandskomitees im Mittelpunkt, die einen grundlegenden Wandel der Verteilung von Macht und Ressourcen fordern. Das Verh\u00e4ltnis zum Milit\u00e4r ist klar: \u201cKeine Verhandlungen. Keine Machtteilung. Keine Kompromisse.\u201d<\/em><\/p>\n<p><em>Am 4. Juli sprachen <\/em><a href=\"https:\/\/perspektivesv.noblogs.org\/\"><em>wir<\/em><\/a><em> mit Muzna Alhaj, einer sudanesischen Revolution\u00e4rin, nachdem sie an einer Podiumsdiskussion \u00fcber den aktuellen Stand der Revolution in Berlin teilgenommen hatte. Alhaj ist Mitglied und Organisatorin in einem lokalen Widerstandskomitee in der Hauptstadt Khartoum. Das folgende Interview ist Teil einer Reihe, die hier ver\u00f6ffentlicht wird.<\/em><\/p>\n<p><strong>Welches Potential siehst du in den Widerstandskommitees und welche Rolle k\u00f6nnen sie in einer postrevolution\u00e4ren Gesellschaft spielen?<\/strong><\/p>\n<p>Die Widerstandskomitees sind Basisgruppen, die aus lokalen Gemeinschaften hervorgegangen sind und von Bewohner*innen der Nachbarschaften in ganz Sudan gebildet werden. Ich sehe nirgendwo gr\u00f6\u00dferes Potential, dass die Menschen selbst zu Wort kommen und ihre Anliegen verteidigen. Die Widerstandskomitees sind der Keim f\u00fcr ein zuk\u00fcnftiges lokales Regierungssystem, in dem die Menschen selbst die Kontrolle \u00fcber die lokalen Beh\u00f6rden und Ressourcen haben, um diese f\u00fcr ihre Entwicklungsbed\u00fcrfnisse zu nutzen. In der Phase des Milit\u00e4rputsches vom 25. Oktober 2021 sind die Widerstandskomitees die wichtigste Kraft des Widerstandes gewesen. Sie organisierten w\u00f6chentliche Proteste, ertrugen dabei all die Morde und die Gewalt, erarbeiten ihre politischen Visionen in Form von politischen Chartas, verfassten Erkl\u00e4rungen und organisierten Foren zu aktuellen politischen Themen.<\/p>\n<p>In einer postrevolution\u00e4ren Gesellschaft k\u00f6nnen sie zwischen mehreren Szenarien entscheiden: ob sie als Widerstandskomitees bestehen bleiben oder zu Gruppen werden, die Druck aus\u00fcben, indem sie die Beh\u00f6rden \u00fcberwachen und die gesellschaftlichen Forderungen durchsetzen, so wie sie es Ende 2019 \u2013 2021 getan haben. Ich k\u00f6nnte mir vorstellen, dass einige ihrer Mitglieder sich entscheiden werden, dem \u00dcbergangslegislativrat beizutreten oder sich auf eine andere Ebene der politischen Praxis zu begeben, was neuen Generationen von Rebell*innen die M\u00f6glichkeit gibt, sich den Widerstandskomitees anzuschlie\u00dfen.<\/p>\n<p><strong>Du hast uns von den Chartas der verschiedenen Widerstandskommitees berichtet und von dem aktuellen Prozess, diese in einer gemeinsamen Charta zu vereinen. Kannst du schon sagen was die Hauptpunkte sein werden?<\/strong><\/p>\n<p>Die Widerstandskomitees von Khartum haben die \u201cCharta zur Errichtung der Volksautorit\u00e4t\u201d entworfen, w\u00e4hrend 16 sudanesische Bundesstaaten die \u201cRevolutionscharta f\u00fcr die Volksautorit\u00e4t\u201d ausgearbeitet haben. Beide Chartas enthalten eine Vision f\u00fcr die \u00dcbergangsphase, in der es um die Frage geht, wie der Sudan regiert werden soll. Sie behandeln die Themen dezentrale lokale Verwaltung, soziale Gerechtigkeit, Wirtschaft, Au\u00dfenpolitik, staatliche Gewalt, Reform des Sicherheitssektors und das Verh\u00e4ltnis zwischen Milit\u00e4r und Zivilgesellschaft. In der Revolutionscharta wird z.B. versucht, die postkolonialen Institutionen im Sudan, wie die Streitkr\u00e4fte und das System der sogenannten \u201ceinheimischen Stammesverwaltung\u201d (A. d. \u00dc.: Ein System, das von den britischen kolonialen Besatzern eingef\u00fchrt wurde, um die Verwaltung der Kolonie teilweise von der Kolonie selbst ausf\u00fchren zu lassen), abzubauen.<\/p>\n<p><strong>Im Anschluss ist der Plan, die Gewerkschaften wieder in den revolution\u00e4ren Prozess einzubinden, indem ihnen diese gemeinsame Charta pr\u00e4sentiert wird. Denkst du sie k\u00f6nnen bzw. wollen ein Programm akzeptieren, das von den Widerstandskommitees entwickelt wurde? Sind ihre politischen Positionen in der Charta integriert?<\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube, die Gewerkschaften und die verschiedenen Berufsverb\u00e4nde k\u00f6nnen gemeinsame Grundlagen f\u00fcr eine Allianz mit den Widerstandskommitees finden. Die Art und Weise, in der die Widerstandskommitees in Khartum ihre Vision f\u00fcr die Gewerkschaften formulierten, wurde kritisiert. Das war aber f\u00fcr die Reife ihrer Ideen notwendig, schlie\u00dflich ist die Ausarbeitung dieser Chartas ein kontinuierlicher Lernprozess.<\/p>\n<p>Zweifellos gibt es gemeinsame politische Positionen zwischen den Widerstandskommitees und den Gewerkschaften. Die Revolutionscharta schl\u00e4gt etwa die Gr\u00fcndung lokaler Legislativr\u00e4te vor, denen neben Vertreter*innen der Anwohner*innen auch Vertreter*innen der Gewerkschaften angeh\u00f6ren.<\/p>\n<p><strong>W\u00e4hrend deines Vortrags erw\u00e4hntest du die Rolle von Frauen in der Revolution und wie diese sich im Vergleich zum Beginn der Bewegung 2018 ver\u00e4ndert hat. Du berichtetest, dass ihre Teilnahme deutlich zugenommen hat, aber weiterhin nicht alles perfekt ist. Was denkst du ist n\u00f6tig, damit sich mehr Frauen willkommen und sicher innerhalb der Bewegung f\u00fchlen und ihren Teil der Gesellschaft repr\u00e4sentieren?<\/strong><\/p>\n<p>Frauen brauchen sichere R\u00e4ume. Sie m\u00fcssen das Gef\u00fchl bekommen, aber auch selbst daran arbeiten, dass die verschiedenen Organisationen und Kr\u00e4fte der Bewegung ihnen entgegenkommen. Tatsache ist, dass die Opfer, die Frauen innerhalb der Bewegung bringen, gr\u00f6\u00dfer sind als das, durch ihren Anteil an politischer Beteiligung sichtbar wird. Nichtsdestotrotz sind Frauen gesellschaftlich gesehen sehr aktiv und in allen Organisationen der Zivilgesellschaft pr\u00e4sent, wo sie in einer Vielzahl von Bereichen arbeiten, sei es in feministischen Gruppen oder anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen. Es ist wichtig, dass Frauen anfangen, sich die R\u00e4ume zu nehmen, die sie brauchen, und aufh\u00f6ren, von M\u00e4nnern zu verlangen, dass sie Plattformen und Organisationen mit ihnen teilen; sie m\u00fcssen ihre eigenen R\u00e4ume finden und vermeiden, die Zustimmung der M\u00e4nner zu suchen. Die Zahl der Frauen, die in der Bewegung eine F\u00fchrungsrolle \u00fcbernehmen, steigt heute schneller denn je, aber das reicht bei weitem nicht aus.<\/p>\n<p><strong>Denkst du, dass die Teilhabe von Frauen an der Revolution einen nachhaltigen emanzipatorischen Effekt auf ihre Rolle in der Gesellschaft haben wird?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe keine Antwort auf diese Frage, da die Rolle der Frauen in der Gesellschaft neben ihrer Rolle in der Bewegung auch von vielen anderen Faktoren abh\u00e4ngt. Auch wenn wir dachten, die Revolution h\u00e4tte sich 2019 durchgesetzt, hat die f\u00fchrende Koalition der \u201cKr\u00e4fte der Freiheit und des Wandels\u201d die Frauen trotz ihrer au\u00dferordentlichen Rolle in der Revolution v\u00f6llig ausgegrenzt. Seit dem Putsch verschlimmert sich die Situation f\u00fcr Frauen t\u00e4glich, Geschichten \u00fcber systematische staatliche Gewalt gegen Frauen h\u00e4ufen sich in den neuen Medien und wir erleben massive R\u00fcckschritte, die die Frauenrechte in die Al-Bashir-\u00c4ra zur\u00fcckwerfen werden. Einen Wandel durchzusetzen ist also keine Garantie daf\u00fcr, dass Frauen in Zukunft eine \u201cRolle\u201d zugestanden wird, insbesondere was politische Teilhabe angeht.<\/p>\n<p><strong>Welchen Einfluss hat die momentane globale \u00f6konomische Krise, sowie steigende Preise, \u00d6l- und Getreideknappheit, auf das Leben und die Revolution im Sudan?<\/strong><\/p>\n<p>Die Menschen leiden bereits unter den Auswirkungen der \u201cWirtschaftsreformen\u201d, die von der \u00dcbergangsregierung 2019-2021 durchgef\u00fchrt wurden. Diese waren die Folge des Schuldenerlasses im Rahmen der HIPC-Initiative (A. d. \u00dc.: HIPC \u2013 \u201c<em>Heavily Indebted Poor Countries<\/em>\u201c) des Internationalen W\u00e4hrungsfonds und der Weltbank und bestehen in der Aufhebung der Subventionen auf die wichtigsten G\u00fcter wie Kraftstoff, Gas zum Kochen, Strom und Weizen. Die Situation hat sich nicht nur wegen des Krieges in der Ukraine verschlimmert, sondern auch, weil die F\u00fchrung des Putsches, um ihre Macht \u00fcber die Aussetzung der internationalen Entwicklungshilfe hinaus zu erhalten, die sudanesische Bev\u00f6lkerung ausraubt, indem sie die Treibstoffpreise weit \u00fcber das internationale Niveau hinaus anhebt und zus\u00e4tzlich die Preise f\u00fcr alle \u00f6ffentlichen Dienstleistungen und lebenswichtigen G\u00fcter erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>Inflation und zunehmende Armut haben einen direkten Einfluss auf die Revolution, sowohl positiv als auch negativ. Positiv ist, dass die Wirtschaftskrise mehr Menschen darin best\u00e4rken wird, sich auf die Seite der Opposition zu stellen, ihre Forderungen nach besseren Lebensbedingungen lautstark zu \u00e4u\u00dfern und sich potenziell auch der Protestbewegung anzuschlie\u00dfen. Negativ ist, dass sich diejenigen, die in der Bewegung aktiv sind, gezwungen sehen mehr und l\u00e4nger zu arbeiten oder, angesichts der hohen Arbeitslosenquote von \u00fcber 60 %, ihre Zeit der Jobsuche zu widmen. Die Menschen sind dann mehr damit besch\u00e4ftigt, ihre Grundbed\u00fcrfnisse und die ihrer Familien zu decken und k\u00f6nnen sich weniger auf den Protest und den Sturz des Putschregimes konzentrieren.<\/p>\n<p><strong>In unserer Unterhaltung erw\u00e4hntest du, dass die \u00f6konomische Situation 2018 ein wichtiger Ausl\u00f6ser f\u00fcr die Proteste war, welche sich dann zu breiteren Protesten gegen das Regime ausweiteten. Welche Rolle spielen \u00f6konomische Forderungen heute in den Widerstandskommitees? Ist die Verteilung von Wohlstand Teil der Debatten \u00fcber ein postrevolution\u00e4res Sudan?<\/strong><\/p>\n<p>Die \u00f6konomische Situation ist nach wie vor der Hauptausl\u00f6ser f\u00fcr die Proteste im Sudan, nur haben einige Protestierende daf\u00fcr mehr Bewusstsein als andere. Nat\u00fcrlich ist der sozio\u00f6konomische Klassenunterschied zwischen ihnen ein entscheidender Faktor in den Forderungen, aber in dieser Phase der Revolution stehen f\u00fcr alle Macht und Reichtum im Vordergrund. Die Hauptslogans der Revolution lauten jetzt: \u201cMacht ist die Macht des Volkes\u201d, \u201cReichtum ist der Reichtum des Volkes\u201d, \u201cArmee zur\u00fcck in die Baracken\u201d und \u201cAufl\u00f6sung der Rapid Support Forces\u201d (A. d. \u00dc.: \u201cschnelle Eingreiftruppen\u201d, Hauptakteure bei der Niederschlagung von Protesten). Es gibt also Einigkeit dar\u00fcber, dass in einem postrevolution\u00e4ren Sudan der Reichtum umverteilt werden sollte und die Menschen in ihren lokalen Gemeinschaften die Kontrolle \u00fcber ihre eigenen lokalen nat\u00fcrlichen Ressourcen haben sollten.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich haben f\u00fcr die Widerstandskomitees auch Themen wie Gerechtigkeit Priorit\u00e4t, denn ihre Genoss*innen wurden und werden noch immer ermordet und sie wollen Gerechtigkeit f\u00fcr sie. Und als junge Menschen wollen sie nat\u00fcrlich Freiheit, um so leben zu k\u00f6nnen, wie sie wollen. Das hei\u00dft aber nicht, dass ihnen nicht bewusst ist, dass eine wohlhabendere Gesellschaft ihr Leben zum Besseren ver\u00e4ndern wird.<\/p>\n<p><strong>Die Veranstaltung in Berlin trug den Untertitel: \u201cWie sieht internationale Solidarit\u00e4t aus?\u201d Was k\u00f6nnen Menschen in Europa oder anderen westlichen Staaten tun, um direkt Basis-Bewegungen wie die Widerstandskommitees im Sudan zu unterst\u00fctzen?<\/strong><\/p>\n<p>Vernetzung, Erfahrungsaustausch, Austausch von Wissen und Taktiken, Medienberichterstattung, Recherche \u00fcber und Beobachtung der Menschenrechtssituation und der Gewalt gegen Protestierende im Sudan sowie Enth\u00fcllung dieser Verst\u00f6\u00dfe. Weitere notwendige Unterst\u00fctzung sind Rechtshilfeinitiativen und freiberufliche Anw\u00e4lte, die Gefangene verteidigen und die Familien der M\u00e4rtyrer*innen und Betroffenen von Vergewaltigung vertreten sowie die Unterst\u00fctzung der Initiativen, die sich um die medizinische Versorgung von Zehntausenden verletzten Protestierenden k\u00fcmmern.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/lowerclassmag.com\/2022\/09\/01\/die-widerstandskomitees-sind-der-keim-ein-interview-mit-einer-revolutionaerin-aus-sudan\/\"><em>lowerclassmag.com\/&#8230;<\/em><\/a> <em>vom 3. September 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Dezember 2018 nahm sich die sudanesische Bev\u00f6lkerung die Stra\u00dfen, um gegen die 30-j\u00e4hrige Herrschaft des Diktators Omar al-Bashir zu protestieren. 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