{"id":11737,"date":"2022-09-07T11:29:39","date_gmt":"2022-09-07T09:29:39","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11737"},"modified":"2022-09-07T11:29:40","modified_gmt":"2022-09-07T09:29:40","slug":"akw-saporoschje-kann-die-iaea-dem-wahnsinn-ein-ende-setzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11737","title":{"rendered":"AKW Saporoschje: Kann die IAEA dem \u2019Wahnsinn\u2019 ein Ende setzen?"},"content":{"rendered":"<p><em>Alexander M\u00e4nner. <\/em><strong>Wegen den Artillerieangriffen auf das ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja bereitet die Sicherheitssituation rund um diese Anlage der gesamten Weltgemeinschaft aktuell grosse Sorgen.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Dass ein AKW von einer der Konfliktparteien offenbar mit voller Absicht unter Beschuss genommen wurde, ist in der Geschichte der Menschheit einmalig und anders als Wahnsinn nicht zu bezeichnen. Um eine nukleare Katastrophe zu verhindern, hat eine Delegation der Internationalen Atomenergiebeh\u00f6rde (IAEA) den AKW-Standort in der Ostukraine k\u00fcrzlich besucht.<\/p>\n<p>Als eine der gr\u00f6ssten Sorgen, die der Ukraine-Krieg den Menschen bereitet, gilt derzeit die Sicherheitssituation rund um das ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja im Osten des Landes. Diese seit Anfang M\u00e4rz von Russland kontrollierte und weiterhin von ukrainischen Ingenieuren betriebene Anlage befindet sich nur wenige Kilometer von der Frontlinie entfernt, wo gerade die Kampfhandlungen zwischen den russischen und ukrainischen Streitkr\u00e4fte wieder in eine aktive Phase \u00fcbergehen.<\/p>\n<p>Es ist anzumerken, dass das AKW Saporischschja die leistungsst\u00e4rkste Atomanlage Europas ist, die vor dem Krieg etwa ein Viertel des gesamten Stroms in der Ukraine produziert hatte. Das Kraftwerk befindet sich in der Stadt Energodar und besteht aus sechs Reaktorbl\u00f6cken, die sich \u00fcber viele hundert Meter entlang des Kachowkaer Stausees am Unterlauf des Flusses Dnepr ziehen und f\u00fcr eine Leistung von etwa 6.000 Megawatt verantwortlich sind. Gegenw\u00e4rtig sollen weniger als 70 Prozent der Gesamtleistung erreicht werden, heisst es aus russischen Quellen.<\/p>\n<p><strong>Immenses Sicherheitsrisiko wegen Kriegshandlungen<\/strong><\/p>\n<p>Das Hauptproblem jedoch stellt aktuell die Gew\u00e4hrleistung der Sicherheit der Anlage dar. Denn es ist hinreichend belegt, dass sowohl die Stadt Energodar als auch das AKW-Gel\u00e4nde immer wieder unter teilweise schweren Artilleriebeschuss geraten waren. Vor allem in den vergangenen Wochen wurde die Lage rund um das Kraftwerk aufgrund von Angriffen zunehmend brenzlig. Im August hatte die russische Seite diesbez\u00fcglich dutzende Male Alarm geschlagen und beschuldigte dabei die Ukraine, das AKW wiederholt angegriffen zu haben. Moskau betonte dabei, dass der Beschuss aus der Richtung gekommen sei, in der sich die ukrainischen Truppen befunden h\u00e4tten. Zudem haben die Russen die in Folge der Attacken gefundenen \u00dcberreste von Projektilen als Beweise pr\u00e4sentiert, von denen einige auf US-Munition hinweisen sollen.<\/p>\n<p>Die Ukraine ihrerseits hat Russland beschuldigt, die Atomanlage als Schutzschild f\u00fcr Waffen und Munition sowie als Basis f\u00fcr Angriffe zu nutzen. Zugleich weist Kiew die Vorw\u00fcrfe Moskaus von sich und behauptet, dass die russischen Truppen selbst das Kernkraftwerk beschossen haben sollen, um den Ukrainern darf\u00fcr die Schuld zu geben. Dies bedeutet, dass Russland im Grunde seine eigenen Soldaten, die die Anlage kontrollieren, angegriffen hat und damit einen Unfall im AKW in Kauf nahm.<\/p>\n<p>Die westlichen Medien, die erfahrungsgem\u00e4ss allzu gern die offiziellen Angaben der ukrainischen Beh\u00f6rden und Nachrichtenagenturen verbreiten, melden in diesem Zusammenhang allerdings meist nur r\u00e4tselhafte Attacken, ohne dabei einen Schuldigen zu benennen.<\/p>\n<p>Dass ein Nuklearkraftwerk in einem Gebiet liegt, wo Kriegshandlungen stattfinden, ist \u00fcbrigens nicht ungew\u00f6hnlich. Aber dass ein AKW von einer der Konfliktparteien offenbar mit voller Absicht (durch schwere Artillerie) unter Beschuss genommen wird, ist in der Geschichte der Menschheit einmalig. Anders als Wahnsinn kann man diesen Umstand, bei dem ein Grossteil Europas einer atomaren Gefahr ausgesetzt wird, nicht bezeichnen.<\/p>\n<p>Angesichts dessen wachsen die Sorgen in der Weltgemeinschaft. Vor allem werden dabei die Erinnerungen an Tschernobyl-Katastrophe wach, die vor mehr als 36 Jahren zum Tod von Tausenden Menschen gef\u00fchrt und ganze Landstriche unbewohnbar gemacht hatte.<\/p>\n<p><strong>IAEA-Mission soll die Situation verbessern<\/strong><\/p>\n<p>Die Internationale Atomenergiebeh\u00f6rde (IAEA) hatte auch aufgrund der j\u00fcngsten Entwicklung rund um das Kernkraftwerk Saporoschje vor einem m\u00f6glichen Nuklearunfall in der Anlage gewarnt. Der IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi hatte Anfang August erkl\u00e4rt, dass die Lage \u2019komplett ausser Kontrolle\u2019 sei und dass \u2019jeder Grundsatz der nuklearen Sicherheit\u2019 verletzt worden sei. Er rief Russland und die Ukraine dazu auf, Experten Zugang zum AKW zu erm\u00f6glichen, um es vor einer Katastrophe zu bewahren.<\/p>\n<p>Moskau hatte sich in dieser Frage aber von Anfang an f\u00fcr eine Beteiligung der IAEA eingesetzt und dr\u00e4ngte die Beh\u00f6rde nach den ersten Angriffen auf das Kraftwerk darauf, den Standort des Kraftwerks besuchen und sich ein klares Bild \u00fcber den Zustand der Reaktoren und die Situation vor Ort zu machen.<\/p>\n<p>Kiew hat der Mission der Atombeh\u00f6rde zwar ebenfalls zugestimmt, bereitete der Delegation zu Beginn der Reise zum Kernkraftwerk Ende August jedoch einige Schwierigkeiten. Unter anderem wurden die Experten am Kontrollpunkt im Gebiet Saporischschja am 31. August f\u00fcr mehrere Stunden aufgehalten, weil sie von ukrainischen Sicherheitsleuten nicht sofort durchgewunken wurden und stattdessen warten mussten. Dar\u00fcber hinaus hat die ukrainische Armee etwa zur gleichen Zeit den Versuch unternommen, das AKW milit\u00e4risch unter ihre Kontrolle zu bringen. Das Landungsunternehmen scheiterte offenbar relativ schnell, wie das russische Verteidigungsministerium behauptet.<\/p>\n<p>Die IAEA-Delegation unter Leitung von Rafael Grossi war am gleichen Tag in der Energodar und kurz darauf schliesslich in der Atomanlage eingetroffen. Nach der Inspektion erkl\u00e4rte Grossi vor Ort, dass er alles gesehen habe, was er sehen wollte. Er konstatierte, dass Sch\u00e4den durch mehrfachen Beschuss der Anlage enstanden seien, unklar bleibe aber, ob das AKW absichtlich oder zuf\u00e4llig angegriffen worden sei. Zudem wollte Grossi den Verursacher nicht beim Namen nennen.<\/p>\n<p>Festzustellen, wer f\u00fcr die Angriffe verantwortlich ist, ist aber auch nicht die Aufgabe der internationalen Inspektoren. Es geht ihnen stattdessen darum, bestimmte technische Aspekte klarzustellen und ein Urteil \u00fcber den Zustand der Anlage zu treffen, um die Sicherheitslage selbst einsch\u00e4tzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nach dem Besuch der ukrainischen Nuklearanlage hat Grossi ein teils positives Fazit gezogen, wie der Tagesspiegel berichtet. Trotz Sch\u00e4den funktionierten wichtige Sicherheitselemente wie die Stromversorgung des Kraftwerks, sagte der Experte. Ihm zufolge klappt auch die Zusammenarbeit zwischen der russischen Seite und dem ukrainischen Personal auf professioneller Ebene einigermassen. Seine gr\u00f6sste Sorge aber bleibe, so Grossi, dass das Atomkraftwerk durch weiteren Beschuss schwer besch\u00e4digt werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Laut dem Tagesspiegel erwartet der IAEA-Leiter eine genaue Analyse der Sicherheit des Kraftwerks durch die vor Ort verbliebenen Experten im Laufe dieser Woche. Daf\u00fcr sollen zwei Mitarbeiter auch bis auf Weiteres vor Ort bleiben und dazu gibt es aktuell die Zustimmung der Ukraine und Russlands.<\/p>\n<p>Die Ankunft der Delegation scheint zun\u00e4chst eine erste Wirkung gehabt zu haben. Die russische Seite hatte am Donnerstag mitgeteilt, dass es in der Umgebung des Kraftwerks w\u00e4hrend des Aufenthalts der IAEA-Delegation keinen Beschuss gegeben habe. In den beiden darauffolgenden Tagen soll es aber wieder zu Angriffen gekommen sein. Ungeachtet einiger positiver Tendenzen bleibe die Lage vorerst realitv schwierig, heisst es.<\/p>\n<p><strong>Wie geht es weiter?<\/strong><\/p>\n<p>Solange der Frontverlauf sich nicht \u00e4ndert und die Kampfhandlungen weiterhin nahe Energodar stattfinden, bleibt ein Sicherheitsrisiko f\u00fcr das AKW bestehen, unabh\u00e4ngig davon, wie erfolgreich die IAEA-Mission verlaufen wird.<\/p>\n<p>Die russische Seite verweist darauf, dass durch Angriffe nicht nur die Gefahr einer Explosion, sondern auch die Gefahr einer \u00dcberhitzung des Kraftwerks erh\u00f6ht wird. Falls n\u00e4mlich die Reservedieselgeneratoren und mobile Pumpen in einer Notsituation ausfallen und sich die K\u00fchlsysteme f\u00fcr den nuklearen Abfall anschliessend abschalten sollten, dann w\u00fcrde es zu einer \u00dcberhitzung der Reaktoren kommen und es drohten Strahlungslecks. Die Folgen w\u00e4ren katastrophal und kaum auszudenken.<\/p>\n<p>Trotzdem sollte man nicht vergessen, dass ein modernes Atomkraftwerk \u00fcber zahlreiche Schutzvorkehrungen verf\u00fcgt, weshalb Experten einen Zwischenfall im AKW Saporischschja ungeachtet des bestehenden Sicherheitsproblems f\u00fcr unwahrscheinlich halten. Grund zur Beruhigung liefern auch die Strahlungswerte, die rund um die Anlage regelm\u00e4ssig gemessen werden. Nach offiziellen Angaben sollen bislang keine \u00dcberschreitungen festgestellt worden sein.<\/p>\n<p><strong>Quellen:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.washingtonpost.com\/world\/2022\/03\/04\/ukraine-military-battlefield-nuclear-plant\/\">https:\/\/www.washingtonpost.com\/world\/2022\/03\/04\/ukraine-military-battlefield-nuclear-plant\/<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.newsweek.com\/russia-ammunition-equipment-nuclear-plant-1726725\">https:\/\/www.newsweek.com\/russia-ammunition-equipment-nuclear-plant-1726725<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/europa\/ukraine-akw-saporischschja-beschuss-cherson-russland-101.html\">https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/europa\/ukraine-akw-saporischschja-beschuss-cherson-russland-101.html<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/international\/ukraine-krieg-atombehoerde-warnt-lage-in-europas-groesster-atomanlage-komplett-ausser-kontrolle\/28571550.html\">https:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/international\/ukraine-krieg-atombehoerde-warnt-lage-in-europas-groesster-atomanlage-komplett-ausser-kontrolle\/28571550.html<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.rt.com\/international\/147696-russland-ukrainische-truppen-versuchen-kernkraftwerk\/\">https:\/\/de.rt.com\/international\/147696-russland-ukrainische-truppen-versuchen-kernkraftwerk\/<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.rt.com\/europa\/147898-iaea-chef-physische-unversehrtheit-kernkraftwerks\/\">https:\/\/de.rt.com\/europa\/147898-iaea-chef-physische-unversehrtheit-kernkraftwerks\/<\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch\/politik\/europa\/akw-saporoschje-kann-iaea-dem-wahnsinn-ein-ende-setzen-7214.html\"><em>untergrund-bl\u00e4ttle.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 7. September 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alexander M\u00e4nner. 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