{"id":11741,"date":"2022-09-08T10:45:26","date_gmt":"2022-09-08T08:45:26","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11741"},"modified":"2022-09-08T10:52:43","modified_gmt":"2022-09-08T08:52:43","slug":"kapitalismus-und-militarismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11741","title":{"rendered":"Kapitalismus und Militarismus"},"content":{"rendered":"<p><em>Marv Waterstone. <\/em><strong>Das kapitalistische System bedroht heute alles Leben auf dem Planeten. Doch Noam Chomsky und Marv Waterstone sehen diese Krise als gro\u00dfe Chance, die kapitalistischen Strukturen herauszufordern. Daf\u00fcr m\u00fcssen wir zuerst verstehen, wie unser Leben, unsere Wahrnehmung und unser \u00bbgesunder Menschenverstand\u00ab tats\u00e4chlich von<\/strong><!--more--> <strong>den Bed\u00fcrfnissen und Interessen der herrschenden Klassen bestimmt werden. Chomsky und Waterstone decken in ihrem neuen Buch diese oft unsichtbaren Verbindungen der strukturellen Macht auf, so auch die Verbindung von Militarismus und Kapitalismus. <\/strong><a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher\/wirtschaft\/konsequenzen-des-kapitalismus.html?listtype=search&amp;searchparam=marv%20waterstone\"><strong>Ein Auszug.<\/strong><\/a><\/p>\n<p>Eine der ersten gro\u00dfen \u00dcberakkumulationskrisen des Kapitals (also Krisen, in denen es \u00fcbersch\u00fcssiges Kapital gibt, das keine M\u00f6glichkeit findet, sich zu verwerten, und in denen es keine Investitionsm\u00f6glichkeiten gibt, die f\u00fcr das Kapital attraktiv genug sind) f\u00fchrte 1846 bis 1850 zu einem Zusammenbruch der Wirtschaft in Europa. Also erlebte der Kapitalismus solchen Krisen schon sehr fr\u00fch. F\u00fcr Kapitalisten, die auf der Suche nach Investitionsm\u00f6glichkeiten waren, gab es zwei Wege, aus diesen Krisen zeitweise herauszukommen, zwei Optionen, die ihnen wieder die Akkumulation von Mehrwert und Profit erm\u00f6glichten. Die eine bestand in Inlandsinvestitionen in gro\u00dfe Infrastrukturprojekte in Bereichen wie Verkehr und Transport, Wasser und Abwasser oder Wohnungsbau. Das war die Zeit, als Georges-Eug\u00e8ne Haussmann ganz Paris umgestaltete. Es gab all diese Projekte im Inland, in die Kapital investiert und bei denen mit diesem Kapital dann Gewinn gemacht werden konnte. Dabei arbeiteten die Kapitalisten nat\u00fcrlich meistens mit dem Staat zusammen.<\/p>\n<p><strong>Innere Solidarit\u00e4t und Souver\u00e4nit\u00e4t, keine au\u00dfenpolitischen Verpflichtungen<\/strong><\/p>\n<p>Die zweite Investitionsm\u00f6glichkeit bestand in der geografischen Expansion der Kapitalinvestitionen, die sich nun zum gro\u00dfen Teil auf den atlantischen Handel konzentrierten und bei denen die USA eine sehr bedeutende Rolle f\u00fcr die Absorbierung \u00fcbersch\u00fcssigen Kapitals spielten. Das Kapital ergreift in Krisen wann immer m\u00f6glich die Flucht.<\/p>\n<p>Aber die schwindenden M\u00f6glichkeiten, \u00fcbersch\u00fcssiges Kapital im Inland in Infrastrukturprojekte zu stecken, und die Unterbrechung des atlantischen Handels durch den US-B\u00fcrgerkrieg beschr\u00e4nkten das Potential dieser Krisenl\u00f6sungsmechanismen. Dies wiederum l\u00f6ste bei den Kapitalisten Europas (und der USA) eine enorme Welle internationaler Finanzspekulation und Handelsexpansion aus.<\/p>\n<p>Weil diese Art von T\u00e4tigkeiten einen verl\u00e4sslichen und sicheren Rahmen ben\u00f6tigt, verlangten die Kapitalisten von ihren Nationalstaaten die Entwicklung einer geopolitischen Rechtfertigung f\u00fcr ihre (notfalls milit\u00e4rische) Unterst\u00fctzung bei der Erschlie\u00dfung neuer Gebiete und f\u00fcr den Schutz ihrer Investitionen. Das hei\u00dft, das Kapital folgt einer Logik, die von seinem Bed\u00fcrfnis nach der Maximierung von Profit und Rentabilit\u00e4t diktiert ist, sich aber nicht immer mit der Logik des Staates trifft. In dieser Situation musste das Kapital die Staaten zur Entwicklung einer geopolitischen Logik bewegen, die seiner eigenen expansionistischen Logik entsprach. Aber daraus ergab sich ein Widerspruch, der erst einmal gel\u00f6st werden musste. Die Nationalstaaten, die sich seit Mitte des 17.\u2005Jahrhunderts in Europa entwickelt hatten, basierten in erster Linie auf dem Gedanken der inneren Solidarit\u00e4t und Souver\u00e4nit\u00e4t und nicht auf au\u00dfenpolitischen Verpflichtungen. Genau das macht einen Staat ja zum Gro\u00dfteil aus: Er umfasst eine relative homogene Bev\u00f6lkerung, die von einem davon verschiedenen, andersartigen \u00c4u\u00dferen abgetrennt ist.<\/p>\n<p><strong>Mobilisierung von Nationalismus, Patriotismus, Chauvinismus und Rassismus<\/strong><\/p>\n<p>Diese beiden Logiken passten nicht gut zueinander. W\u00e4hrend das Kapital sich auf der Jagd nach Investitionsm\u00f6glichkeiten rund um den Erdball bewegen will und muss und dazu den Schutz der Staaten ben\u00f6tigt, hatten die Staaten damals keine wirkliche Rechtfertigung f\u00fcr derartige Auslandsunternehmungen. Wie konnte dann (wie David Harvey und andere Analytiker es formuliert haben) durch den Mechanismus des Nationalstaats eine ad\u00e4quate Antwort auf das Problem der \u00dcberakkumulation und die Notwendigkeit einer globalen L\u00f6sung in Gestalt neuer und anderer Gebiete f\u00fcr Investitionen und Profitmaximierung\u00a0\u2013 das meint Harvey mit L\u00f6sung\u00a0\u2013 gegeben werden?<\/p>\n<p>Das ist ein Problem. Wie konnte die nationale Solidarit\u00e4t, die bis dahin weitgehend auf innerer Koh\u00e4sion basierte, Auslandsabenteuer rechtfertigen? Machen wir es ganz kurz. Die Antwort ist heute aktueller denn je und bestand in der Mobilisierung von Nationalismus, Patriotismus, Chauvinismus und Rassismus zur Rechtfertigung dieser Abenteuer und zur Legitimierung dessen, was Theoretiker dann als Akkumulation durch Enteignung bezeichnet haben. Das ist eine der Formen der Rechtfertigung dieser Auslandsunternehmen. Das Argument dabei besagte, es sei nur vern\u00fcnftig, die Barbaren und minderwertigen V\u00f6lker zu erobern und auszubeuten, da sie unf\u00e4hig seien, ihre Ressourcen auf die bestm\u00f6gliche Art zu nutzen. Das ist die Paraphrase einer Position, die von dem Philosophen John Locke vertreten wurde. All das f\u00fchrte zu einer brutalen Periode konkurrierender, auf Rassismus gegr\u00fcndeter nationaler Imperialismen, Kolonisierungen und Eroberungen der Briten, Franzosen, Holl\u00e4nder, Deutschen, Belgier, Japaner und Italiener. Diese Abenteuer wurden ferner durch neue sozialdarwinistische Ideen wie jener von der B\u00fcrde des wei\u00dfen Mannes gerechtfertigt. So wurden diese beiden Logiken, die des Kapitals und die des Staates, miteinander vereint.<\/p>\n<p><strong>Willk\u00fcrliche Aufteilung des Nahen Ostens<\/strong><\/p>\n<p>Aber die Widerspr\u00fcche zwischen den verschiedenen Nationalismen und Imperialismen konnten nicht gel\u00f6st werden und das f\u00fchrte, genau wie Lenin es analysiert hatte, zu einem halben Jahrhundert an Zusammenst\u00f6\u00dfen zwischen den Nationalstaaten. Schlie\u00dflich resultierte all das, wie zum Beispiel bei der Konkurrenz um Afrika, in einer Aufteilung der Welt in verschiedene Kontroll- und Einflusssph\u00e4ren. Ende der 1890er Jahre war noch nicht einmal die H\u00e4lfte Afrikas kolonisiert, 1914 waren es 90\u00a0Prozent. So sehen wir, wie das Kapital im Lauf von nur einigen Jahrzehnten auf der Jagd nach Investitionsm\u00f6glichkeiten, Ressourcen und Profiten den gesamten Globus aufgeteilt hat.<\/p>\n<p>Nach dem Ersten Weltkrieg endete diese Konkurrenz mit einer Umverteilung, die im Versailler Vertrag festgeschrieben wurde und unter anderem die willk\u00fcrliche Aufteilung des Nahen Ostens in neue Staaten vorsah, die gr\u00f6\u00dftenteils unter britischer oder franz\u00f6sischer Herrschaft standen. Einige dieser Ma\u00dfnahmen besch\u00e4ftigen uns auch heute noch, denn viele der L\u00e4nder, die den heutigen Nahen Osten bilden, waren k\u00fcnstliche Sch\u00f6pfungen, die nach dem Versailler Vertrag aus der Taufe gehoben wurden, der die Region unter den herrschenden M\u00e4chten aufteilte und dabei oft langj\u00e4hrig gewachsene historische Verh\u00e4ltnisse einfach ignorierte.<\/p>\n<p>So gewaltt\u00e4tig und rassistisch Imperialismus und Eroberung auch waren, konnten sie das Problem des \u00fcbersch\u00fcssigen Kapitals dennoch nie wirklich l\u00f6sen. Das f\u00fchrte schlie\u00dflich zur Wirtschaftskrise der 1930er, die weltweite Auswirkungen hatte und letztlich auch eine Ursache der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges war. Dieselben Widerspr\u00fcche kommen immer wieder zur\u00fcck und sind bis heute nicht gel\u00f6st.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte jetzt ein wenig \u00fcber die USA sprechen, wo die Dinge etwas anders liegen, aber die Ergebnisse in vielerlei Hinsicht doch sehr \u00e4hnlich sind. Erstens waren die USA von Anfang an ein b\u00fcrgerliches Land. Es bestand also nicht die Notwendigkeit zum Sturz \u00e4lterer Formen aristokratischer oder feudaler Macht. Der Staat repr\u00e4sentierte die Interessen der Industrie und der Oberklasse und wendete sich deshalb von Anfang an gegen jede Bedrohung der Rechte des Privateigentums oder des Prinzips der Profitmaximierung.<\/p>\n<p><strong>\u00bbVerbreitung amerikanischer Werte\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>Zweitens hatten die USA bereits eine multiethnische Bev\u00f6lkerung aus Immigranten. Appelle an einen homogenen Nationalismus mussten daher in Abgrenzung von allen Nicht-Kaukasiern konstruiert werden. Nat\u00fcrlich ist die Kategorie des \u00bbWei\u00dfseins\u00ab selbst ein st\u00e4ndig im Fluss begriffenes Konzept. \u00bbNicht-kaukasisch\u00ab war also ein flexibler Begriff und die Einheit, die er stiftete, \u00e4u\u00dferte sich letztlich notwendigerweise in einer Frontstellung gegen nicht dazugeh\u00f6rige Andere. Der Historiker Richard Hofstadter hat dieses kontinuierliche Merkmal der US-Politik als den \u00bbparanoiden Stil\u00ab bezeichnet, die st\u00e4ndige Furcht vor den Anderen da drau\u00dfen. Und wie wir sehen werden, kehrt auch das immer wieder und ist charakteristisch f\u00fcr die US-Geopolitik.<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich hatten die USA enorme M\u00f6glichkeiten interner geografischer Expansion, sobald die l\u00e4stige indigene Bev\u00f6lkerung erst einmal beseitigt war. Auch das war vollkommen anders als im Fall Europas mit seinen riesigen Kolonien au\u00dferhalb Europas. Dennoch gab es auch in den USA Zeiten geografischer Expansion, vor allem gegen Ende des 19.\u2005Jahrhunderts und w\u00e4hrend des sogenannten Spanisch-Amerikanischen Krieges, mit dem die USA eine Reihe \u00fcberseeischer Territorien in Besitz nahmen. Auch heute zeigen sich einige der Folgen noch nur zu klar.<\/p>\n<p>Die USA rechtfertigten ihre Eroberungen und Besetzungen mit der \u00bbVerbreitung amerikanischer Werte\u00ab, die nat\u00fcrlich als edel und universal betrachtet und am Ende durch das Label \u00bbGlobalisierung\u00ab ersetzt wurden. Anders als den europ\u00e4ischen Nationen, die einfach Territorien eroberten, ging es den USA angeblich immer um die Verbreitung der Demokratie.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/overton-magazin.de\/buchempfehlungen\/kapitalismus-und-militarismus\/\"><em>overton-magazin.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 7. September 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marv Waterstone. 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