{"id":11763,"date":"2022-09-24T13:01:55","date_gmt":"2022-09-24T11:01:55","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11763"},"modified":"2022-09-24T13:01:57","modified_gmt":"2022-09-24T11:01:57","slug":"der-ukrainekrieg-und-russlands-stellung-in-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11763","title":{"rendered":"Der Ukrainekrieg und Russlands Stellung in der Welt"},"content":{"rendered":"<p><em>Esteban Mercatante. <\/em><strong>Russland musste bei seiner Invasion in der Ukraine \u2013 einem Krieg, den es m\u00fchelos und in k\u00fcrzester Zeit zu gewinnen glaubte \u2013 einige schwere R\u00fcckschl\u00e4ge hinnehmen. In diesem Artikel werfen wir einen Blick darauf, welche Stellung Putins Land in der internationalen Hierarchie einnimmt und wie der Ausgang des Krieges dies neu definieren k\u00f6nnte.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Der Einmarsch Russlands in die Ukraine hat die seit langem gef\u00fchrte Debatte \u00fcber den Platz, den die Russische F\u00f6deration auf internationaler Ebene einnimmt, noch dringlicher gemacht. Die eindeutig reaktion\u00e4re Aggression der Putin-Regierung, in deren Folge sie einen gro\u00dfen Teil des Donbas annektiert hat \u2013 zus\u00e4tzlich zu dem 2014 besetzten Gebiet der Krim \u2013, hat mehr als eine politische Str\u00f6mung oder Autor:in dazu veranlasst, Russland schlicht und einfach einen imperialistischen Charakter zuzusprechen. Wir sind der Meinung, dass eine Charakterisierung, die sich allein auf dieses Element st\u00fctzt, den Charakter Russlands nicht angemessen wiedergibt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.laizquierdadiario.com\/Semiperiferias-Subimperialismos-Debates-sobre-el-imperialismo-hoy\">In einem k\u00fcrzlich erschienenen Artikel<\/a> haben wir bereits die Ansicht vertreten, dass das kapitalistische Russland, welches mit der b\u00fcrgerlichen Restauration in den Jahren 1989 bis 1991 und den darauf folgenden turbulenten Jahren Gestalt annahm, zu einer Gruppe gesellschaftlicher Zwischenformationen geh\u00f6rt, f\u00fcr die wir die Kategorie der abgeschw\u00e4chten Abh\u00e4ngigkeit oder mit abgeschw\u00e4chten Merkmalen vorgeschlagen haben. Unter dieser Kategorie verstehen wir jene Gesellschaftsformationen, die, ohne ihren subalternen Status zu verlieren, eine gr\u00f6\u00dfere F\u00e4higkeit aufweisen \u2013 immer relativ und im Vergleich zu den abh\u00e4ngigen L\u00e4ndern \u2013, die staatliche Politik auf die Wahrung der Interessen von Sektoren der nationalen Kapitalist:innenklasse auszurichten und diese \u00fcber ihre Grenzen hinaus, im Allgemeinen innerhalb der Grenzen ihrer unmittelbaren Peripherie, durchzusetzen.<\/p>\n<p>Innerhalb dieser Gruppe stellt Russland, wie wir noch sehen werden, einen Sonderfall dar, in dem eine bemerkenswerte wirtschaftliche Schw\u00e4che mit einer milit\u00e4rischen Macht einhergeht, die \u2013 auch in Bezug auf geopolitische Handlungsspielr\u00e4ume \u2013 der einiger imperialistischer L\u00e4nder \u00fcberlegen ist. Die Besonderheit der ungleichm\u00e4\u00dfigen und kombinierten Entwicklung der russischen Gesellschaftsformation und die Merkmale ihres Staats- und Milit\u00e4rapparats sind untrennbar mit der Dialektik von sozialistischer Revolution und kapitalistischer Restauration verbunden.<\/p>\n<p>Im Verh\u00e4ltnis zu dem Rang, den die kapitalistische Gesellschaftsformation Russland weltweit einnimmt, ist das Ausma\u00df seiner milit\u00e4rischen F\u00e4higkeiten \u00fcberragend. In Verbindung mit der Tatsache, dass Russland au\u00dferhalb der Verflechtungen imperialistischer Regierbarkeit steht \u2013 und somit gezwungen ist, sie herauszufordern \u2013, und mit der Vormachtstellung, die es dadurch gegen\u00fcber einigen L\u00e4ndern in seiner unmittelbaren Nachbarschaft besitzt \u2013 ebenso wie gegen\u00fcber weiter entfernten L\u00e4ndern, die es als relatives Gegengewicht zum Imperialismus ansehen \u2013, wird Russland zu einem Fall extrem abgeschw\u00e4chter Abh\u00e4ngigkeit. Diese Abschw\u00e4chung findet jedoch nicht auf \u00f6konomischer Ebene statt, wo Russlands Unterordnung deutlicher hervorsticht. Wir sollten nicht aus den Augen verlieren, dass diese \u00dcbergangskategorie auch eine gewisserma\u00dfen flie\u00dfende und dynamische Situation widerspiegelt: In den Momenten des gr\u00f6\u00dften Zerfalls, die auf die Restauration folgten, lief Russland Gefahr, zerst\u00fcckelt zu werden und auf der Skala der Weltm\u00e4chte noch weiter nach unten zu fallen; erst die Stabilisierung und der Wiederaufschwung w\u00e4hrend der Putin-Jahre erm\u00f6glichten es Russland, seine Position in dieser Schicht der Mittelm\u00e4chte wieder zu behaupten.<\/p>\n<p>Im Folgenden wird versucht, anhand einer Analyse der wirtschaftlichen und sozialen Formation Russlands und der Ergebnisse des Ukraine-Krieges, dessen Ausgang noch offen ist, die Grundlagen der vorgebrachten Charakterisierung aufzuzeigen.<\/p>\n<p><strong>Geringe Produktivit\u00e4t, geringe Wertsch\u00f6pfung und hohe Abh\u00e4ngigkeit von Rohstoffen<\/strong><\/p>\n<p>Russlands BIP lag 2021 auf Platz 12 der Weltrangliste. Es ist das fl\u00e4chenm\u00e4\u00dfig gr\u00f6\u00dfte und bev\u00f6lkerungsm\u00e4\u00dfig neuntgr\u00f6\u00dfte Land der Welt, liegt aber wirtschaftlich hinter Brasilien oder S\u00fcdkorea zur\u00fcck. Seine Wirtschaft entsprach im vergangenen Jahr 7 Prozent derjenigen der USA.<\/p>\n<p>Um sich eine Vorstellung davon zu machen, wie weit Russland seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zur\u00fcckgefallen ist, gen\u00fcgt es, sich vor Augen zu f\u00fchren, dass nach Sch\u00e4tzungen der UNO seine Wirtschaft 1985 die drittgr\u00f6\u00dfte der Welt war, hinter den USA und Japan, und dabei knapp 22 Prozent der Wirtschaft der ersten imperialistischen Macht ausmachte. Es gibt Aspekte, in denen diese Gesellschaftsformation mit dem seit 1991 etablierten Kapitalismus unvergleichbar ist und Vergleiche verzerrt. Aber abgesehen davon und von der Tatsache, dass das Territorium der UdSSR viel gr\u00f6\u00dfer war als das der heutigen Russischen F\u00f6deration, ist diese territoriale Verkleinerung nicht der entscheidendste Faktor f\u00fcr den Niedergang der Wirtschaft, sondern vielmehr der Zerfall, den sie erfahren hat. Seitdem die B\u00fcrokratie durch eine brutale Enteignung des verstaatlichten Eigentums zu einer kapitalistischen Klasse wurde, schrumpfte die russische Wirtschaft in einem beschleunigten Tempo. W\u00e4hrend der Regierungszeit von Boris Jelzin sank das BIP insgesamt um nicht weniger als 50 Prozent.<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/der-ukrainekrieg-und-russlands-stellung-in-der-welt\/#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a> Zwischen 1992 und 1998 verzeichnete lediglich das Jahr 1997 ein mageres BIP-Wachstum von 0,8 Prozent.<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/der-ukrainekrieg-und-russlands-stellung-in-der-welt\/#sdfootnote2sym\"><sup>2<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Ab den 1970er Jahren \u2013 oder sogar noch fr\u00fcher \u2013 st\u00fcrzte die sowjetische Wirtschaft in eine Phase deutlicher Stagnation. Die erzwungene kapitalistische Umstellung, die von der B\u00fcrokratie nach dem Fall der Berliner Mauer durchgesetzt wurde, fand einen Produktivapparat vor, der zwar vielf\u00e4ltig und komplex, aber dennoch sehr r\u00fcckst\u00e4ndig war. Nur 4 Prozent des Produktivapparats entsprachen dem Weltstandard, und zwischen 7 und 8 Prozent der Produktion konnte einen f\u00fcr den Export geeignete Standard aufweisen.<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/der-ukrainekrieg-und-russlands-stellung-in-der-welt\/#sdfootnote3sym\"><sup>3<\/sup><\/a><\/p>\n<p>In ihren letzten Jahren hatte die Sowjetunion eine Arbeitsproduktivit\u00e4t, die 60 Prozent derjenigen der gesamten US-Wirtschaft entsprach. Inmitten des wirtschaftlichen Zusammenbruchs in den 1990er Jahren sank dieser Indikator auf ein Drittel des Wertes der US-Wirtschaft. Obwohl die Produktivit\u00e4t in der Folgezeit mit dem wirtschaftlichen Aufschwung zunahm, liegt sie nach wie vor bei 45 Prozent der US-Produktivit\u00e4t pro Besch\u00e4ftigtem.<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/der-ukrainekrieg-und-russlands-stellung-in-der-welt\/#sdfootnote4sym\"><sup>4<\/sup><\/a> Es gibt sogar noch dramatischere Sch\u00e4tzungen, die davon ausgehen, dass die Produktivit\u00e4t in so wichtigen Branchen wie dem Bankwesen, dem Baugewerbe, dem Einzelhandel, der Energieerzeugung und der Metallurgie nur 26 Prozent der Produktivit\u00e4t der USA betragen w\u00fcrde.<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/der-ukrainekrieg-und-russlands-stellung-in-der-welt\/#sdfootnote5sym\"><sup>5<\/sup><\/a> Zweifellos ist die Kluft zum US-Imperialismus noch gr\u00f6\u00dfer als vor 30 Jahren, und zu allem \u00dcberfluss geschieht dies mit einer viel weniger diversifizierten und komplexen Wirtschaft, da die industrielle Infrastruktur seit der Restauration stark geschrumpft ist.<\/p>\n<p>Zwei Elemente markierten einen Wendepunkt in der Dynamik des russischen Kapitalismus, und sie erm\u00f6glichten ihm einen relativen Aufschwung, die aber nicht den gesamten durch das Debakel er Restauration verursachten Verfall umkehren konnten, wie wir bereits gesehen haben: Einerseits die politische Ordnung, durch die die Abl\u00f6sung Jelzins durch Wlamidir Putin m\u00f6glich wurde, auf die wir sp\u00e4ter zur\u00fcckkommen werden. Zweitens der Boom der Rohstoffpreise, der der russischen Wirtschaft einen gewaltigen Schub gab. Neben den Energieexporten entwickelte sich auch die Agrarindustrie gewaltig, sodass Russland in wenigen Jahren von einer unbedeutenden Position auf den Getreidem\u00e4rkten zu einem Konkurrenten der Ukraine um den ersten Platz bei den Weizenexporten werden konnte.<\/p>\n<p>Allein dieses Element \u2013 die bestimmende Rolle der Energiepreise f\u00fcr die Dynamik des russischen Kapitalismus \u2013 reicht aus, um uns eine Vorstellung der Schw\u00e4che zu geben, auf der er beruht.<\/p>\n<p>Ab 1999 wiesen der Au\u00dfenhandel und die Leistungsbilanz jedes Jahr einen komfortablen \u00dcberschuss auf, was zu einer astronomischen Anh\u00e4ufung von Reserven in den Kassen der russischen Zentralbank f\u00fchrte. Nach Angaben der Weltbank stiegen die Reserven von 12,3 Milliarden USD im Jahr 1999 auf 479 Milliarden USD im Jahr 2007. Vor dem Ukraine-Krieg erreichten sie einen H\u00f6chststand von 633 Milliarden USD, von denen fast die H\u00e4lfte von den USA als Vergeltungsma\u00dfnahme f\u00fcr die Invasion eingefroren wurden \u2013 ein beispielloser Akt, der das Prinzip der Unantastbarkeit von Zentralbankguthaben verletzte.<\/p>\n<p>Die \u00d6l- und Gaspreise sind seit der Jahrtausendwende trotz aller H\u00f6hen und Tiefen deutlich \u00fcber dem Niveau der 1990er Jahre geblieben. Dadurch konnte der russische Staat die Last dieses wirtschaftlichen R\u00fcckstands, der sich in einer kapitalistischen Wirtschaft in h\u00f6heren Kosten und geringerer Wettbewerbsf\u00e4higkeit niederschl\u00e4gt (Schwierigkeiten beim Export und bei der Verhinderung einer \u00dcberschwemmung des heimischen Marktes durch Importe, die die heimische Produktion verdr\u00e4ngen), teilweise kompensieren. Die Energieunternehmen, die in staatlicher Hand verblieben oder renationalisiert wurden (wie Yukos, das der Oligarch Michail Chodorkowski w\u00e4hrend der Restauration \u00fcbernahm und w\u00e4hrend der Regierung Putin enteignet wurde), subventionierten die Energie f\u00fcr die Industrie weitgehend. Durch die \u00d6l- und Gas-Renten konnten so die Wettbewerbsnachteile teilweise ausgeglichen werden.<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/der-ukrainekrieg-und-russlands-stellung-in-der-welt\/#sdfootnote6sym\"><sup>6<\/sup><\/a> Die Abwertung des Rubels, die nach Angaben des IWF systematisch 10 bis 20 Prozent unter den gesch\u00e4tzten Parit\u00e4tswerten lag, diente ebenfalls dazu, die mangelnde Wettbewerbsf\u00e4higkeit auszugleichen.<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/der-ukrainekrieg-und-russlands-stellung-in-der-welt\/#sdfootnote7sym\"><sup>7<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Dank der Einnahmen aus der \u00d6l- und Gas-Rente konnten diese Subventionen mit einer \u00fcberschaubaren \u00f6ffentlichen Verschuldung vorgenommen werden. So konnte sich die russische Wirtschaft trotz ihrer produktiven Schw\u00e4chen erholen, sodass eine R\u00fcckkehr zu den kritischen Schuldenst\u00e4nden nach der Krise von 1998 verhindert wurde.<\/p>\n<p>Die hohe Abh\u00e4ngigkeit von Energierohstoffexporten hat noch eine weitere, aus Sicht der Machtinstrumente des russischen Staates nicht unbedeutende Seite: Da diese Verk\u00e4ufe in den H\u00e4nden staatlicher Unternehmen liegen, die sich nicht nur von wirtschaftlichen Erw\u00e4gungen, sondern auch von den Interessen des Kremls leiten lassen, und da einige der wichtigsten Abnehmer wohlhabende europ\u00e4ische Staaten wie Deutschland sind, kann der Verkauf von Energierohstoffen als Druckmittel eingesetzt werden. Dies hat nat\u00fcrlich seine Grenzen, denn der russische Staat kann es sich nicht leisten, irgendetwas zu tun, was die Generierung von Devisen ernsthaft beeintr\u00e4chtigen w\u00fcrde, die seine unzusammenh\u00e4ngende Produktionsstruktur f\u00fcr die Produktion braucht, zu der noch die Abh\u00e4ngigkeit von Importg\u00fctern, f\u00fcr die es keinen einheimischen Ersatz gibt, kommt. Jedoch hat Russland von der Waffe des Au\u00dfenhandels in erheblichem Ma\u00dfe Gebrauch gemacht, wie weiter unten erl\u00e4utert wird.<\/p>\n<p>Die wirtschaftliche Stabilisierung seit der Jahrtausendwende, die mit einem recht kr\u00e4ftigen Wachstum im ersten Jahrzehnt und einem moderateren Wachstum im folgenden Jahrzehnt einherging, darf uns nicht t\u00e4uschen. Der russische Kapitalismus ist aus der Intensivstation herausgekommen, die sein erstes Jahrzehnt kennzeichnete, und hat die soziale Regression und die R\u00fcckentwicklung des Produktivapparats, die diese Periode kennzeichneten, gestoppt, aber nicht umgekehrt.<\/p>\n<p><strong>Russische Konzerne, zweitrangige Akteure auf dem internationalen Parkett<\/strong><\/p>\n<p>Es ist nicht verwunderlich, dass Russland aufgrund der Gr\u00f6\u00dfe seiner Wirtschaft und seiner Bedeutung im weltweiten \u00d6l- und Gashandel \u00fcber einige gro\u00dfe Unternehmen verf\u00fcgt, die in Bezug auf Verm\u00f6genswert und Umsatz an der Spitze der internationalen Rangliste stehen. Vier Firmen russischen Ursprungs geh\u00f6ren laut Global Fortune 2022 zu den 500 gr\u00f6\u00dften Unternehmen der Welt. Um diesen Anteil unter den f\u00fchrenden Unternehmen in die richtige Perspektive zu r\u00fccken, muss man aber sagen, dass er niedriger ist als in anderen Volkswirtschaften, die im Mittelfeld rangieren. Brasilien weist acht und Indien neun Unternehmen in der Rangliste auf. 2009 zitierte Ted Hopf eine Studie der Boston Consulting Group, wonach nur sieben Unternehmen aus Russland als globale Herausforderer (\u201cglobal challengers\u201d) in Frage kommen, w\u00e4hrend es in Indien 21 und in China 44 sind.<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/der-ukrainekrieg-und-russlands-stellung-in-der-welt\/#sdfootnote8sym\"><sup>8<\/sup><\/a> Seitdem haben diese Volkswirtschaften ihren Vorsprung vor Russland vergr\u00f6\u00dfert.<\/p>\n<p>Die Position Russlands bei den ausl\u00e4ndischen Direktinvestitionen (ADI), die auf den vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) erhobenen Daten beruht, gibt Aufschluss \u00fcber den Grad der Internationalisierung des russischen Kapitals und seine Stellung im Vergleich zu anderen Staaten. Wir k\u00f6nnen feststellen, dass der Boom der Rohstoffpreise der internationalen Expansion seiner Unternehmen Auftrieb gab. Dar\u00fcber hinaus ermutigte die hohe globale Liquidit\u00e4t, die in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Blasen in der Weltwirtschaft entstehen lie\u00df und durch die Politik der wichtigsten Zentralbanken der Welt, niedrige Zinss\u00e4tze festzulegen und auf aufeinanderfolgende Krisen mit Geldspritzen zu reagieren, angeheizt wurde, Russland dazu, Kredite zur Finanzierung der Expansion aufzunehmen.<\/p>\n<p>Die Einnahmen, die durch die Rekordenergiepreise auf dem Weltmarkt erzielt wurden, und die Verf\u00fcgbarkeit billiger Kredite in den USA und Europa bedeuteten, dass es f\u00fcr Russlands Gro\u00dfunternehmen billig war, Kredite in ausl\u00e4ndischer W\u00e4hrung aufzunehmen: Zwischen 2003 und Mitte 2007 betrugen die Rubelkosten f\u00fcr Kredite in Dollar durchschnittlich 1 Prozent. Infolgedessen nahmen gro\u00dfe russische Unternehmen wie das Aluminiumunternehmen Rusal und viele staatliche Unternehmen, darunter die \u00d6lgesellschaft Rosneft und der Gasriese Gazprom, verst\u00e4rkt Kredite auf. Diese Kreditaufnahme diente zum einen dazu, in Ermangelung eines entwickelten inl\u00e4ndischen Bankensektors Investitionsertr\u00e4ge f\u00fcr die Entwicklung in Russland zu generieren, und zum anderen zur Finanzierung von Unternehmens\u00fcbernahmen oder Investitionen au\u00dferhalb Russlands, da die Unternehmen sowohl im vor- als auch im nachgelagerten Bereich investierten und sich zu globalen Akteuren im Metall- und Energiesektor entwickelten. Die Kreditaufnahme auf den globalen M\u00e4rkten kam der russischen Regierung zugute, da sie Investitionen schuf, und sie kam den beteiligten Unternehmen zugute, da sie ihre Verm\u00f6genswerte und manchmal auch ihr Eigentum \u00fcber Russland hinaus verteilten.<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/der-ukrainekrieg-und-russlands-stellung-in-der-welt\/#sdfootnote9sym\"><sup>9<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Zwischen 2002 und 2013 \u2013 dem Jahr, als der Fluss von Russlands ADI ins Ausland seinen H\u00f6hepunkt erreichte \u2013 wuchs dieser um das Zwanzigfache. Der Gesamtbestand an russischen ADI im Ausland stieg zwischen 2000 und 2021 um denselben Faktor. Aber diese Zahlen, so beeindruckend sie auf den ersten Blick auch sein m\u00f6gen, sind nicht nur in Russland zu finden. Im gleichen Zeitraum haben L\u00e4nder wie Mexiko und Kolumbien ihren Bestand an ausl\u00e4ndischen Direktinvestitionen sogar um das 23-fache erh\u00f6ht (obwohl Mexikos Gesamtbestand an ADI im Jahr 2021 nur halb so hoch war wie der Russlands und der Kolumbiens weniger als ein F\u00fcnftel). In L\u00e4ndern wie Indien hat sich der Bestand an ausl\u00e4ndischen Direktinvestitionen im Zeitraum 2000-2021 um das 121-fache erh\u00f6ht, in China um das 96-fache. Wie wir sehen, entspricht die Entwicklung in Russland dem, was in anderen mittleren Entwicklungsl\u00e4ndern geschah, und ist weit entfernt von der Expansion, die einige der dynamischeren Volkswirtschaften durchliefen.<\/p>\n<p>Die von Russland get\u00e4tigten ausl\u00e4ndischen Direktinvestitionen konzentrieren sich in hohem Ma\u00dfe auf die L\u00e4nder in seiner unmittelbaren Peripherie. Drei Viertel des Bestands entfallen auf Armenien, Usbekistan, Belarus, Moldawien und Kasachstan.<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/der-ukrainekrieg-und-russlands-stellung-in-der-welt\/#sdfootnote10sym\"><sup>10<\/sup><\/a> Dies spiegelt eine sehr begrenzte internationale Expansion wider.<\/p>\n<p>Betrachtet man sowohl die aus Russland stammenden ausl\u00e4ndischen Direktinvestitionen als auch die aus dem Ausland nach Russland geflossenen Direktinvestitionen, so zeigt sich, dass das Land netto nicht als Erzeuger von Investitionen, sondern als Empf\u00e4nger auftrat. Diese Netto-Schuldnerposition in Bezug auf Auslandsinvestitionen ist ein Merkmal abh\u00e4ngiger Kapitalismen, w\u00e4hrend imperialistische L\u00e4nder in der Regel \u00fcber einen h\u00f6heren Bestand an ADI ins Ausland verf\u00fcgen, als sie aus dem Ausland erhalten, oder im schlimmsten Fall ein mehr oder weniger ausgeglichenes Verh\u00e4ltnis zwischen beiden Best\u00e4nden aufweisen.<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/der-ukrainekrieg-und-russlands-stellung-in-der-welt\/#sdfootnote11sym\"><sup>11<\/sup><\/a> Im Falle Russlands ging die Expansion seiner Unternehmen im Ausland mit einem etwa gleich hohen Anstieg der ADI-Zufl\u00fcsse in das Land einher, so dass sich die Nettoposition nur wenig ver\u00e4nderte. Auf 3 USD an ADI aus Russland heraus im Jahr 2021 kamen 4 USD an ADI nach Russland hinein. Diese negative L\u00fccke hat zur Folge, dass, wenn wir von gleichen Ertr\u00e4gen f\u00fcr beide ADI-Str\u00f6me ausgehen \u2013 eine unrealistische Annahme, die aber der Vereinfachung dient \u2013, die Ertr\u00e4ge, die die russische Wirtschaft im Ausland generiert, nur 75 Prozent der Ertr\u00e4ge ausmachen, die ausl\u00e4ndisches Kapital in Russland erzielt. Dies Stellung bedeutet, dass Russland zwar viel weniger gef\u00e4hrdet ist als der Durchschnitt der abh\u00e4ngigen L\u00e4nder, aber weit entfernt von der eines imperialistischen Landes oder sogar der \u201ewohlhabenden Peripherie\u201c.<\/p>\n<p><strong>Russlands milit\u00e4rische Macht und die ukrainische Herausforderung<\/strong><\/p>\n<p>Russlands milit\u00e4rische Macht ist dasjenige Element, das der Charakterisierung Russlands als Zwischenland entgegenwirkt und seine Position aufwertet. Darauf basieren Konzeptualisierungen wie etwa die des <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wichtige-debatten-in-der-linken-um-den-krieg-in-der-ukraine\/\">\u201eMilit\u00e4rimperialismus\u201c, die Mat\u00edas Maiello vorgeschlagen hat,<\/a> welche eine eher \u201enegative\u201c Charakterisierung ist, indem Russland als ein Land definiert wird, das au\u00dferhalb des milit\u00e4rischen Bereichs nicht als imperialistisch bezeichnet bezeichnet werden kann.<\/p>\n<p>Russland verf\u00fcgt \u00fcber den f\u00fcnftgr\u00f6\u00dften Milit\u00e4rhaushalt der Welt, der nur von den USA, China, Gro\u00dfbritannien und Indien \u00fcbertroffen wird. Mit anderen Worten: Russlands wirtschaftlicher Aufwand zur Aufrechterhaltung seiner Armee ist weitaus gr\u00f6\u00dfer als der anderer gr\u00f6\u00dferer Volkswirtschaften, die weniger investieren, darunter Deutschland (siebtgr\u00f6\u00dfter Milit\u00e4rhaushalt) oder Japan (achtgr\u00f6\u00dfter).<\/p>\n<p>Mit rund einer Million Soldat:innen und weiteren zwei Millionen Reservist:innen geh\u00f6rt die russische Armee zu den vier gr\u00f6\u00dften der Welt. Dar\u00fcber hinaus ist Russland eines der L\u00e4nder mit der gr\u00f6\u00dften Atommacht, was eine enorme Abschreckung gegen jeden Angriff anderer M\u00e4chte auf sein Territorium darstellt. Atomkraft und milit\u00e4risches Volumen sind ein Erbe der Sowjetunion. Dazu kam nach dem Ende der Sowjetunion eine Investitionsoffensive und eine technische Modernisierung der R\u00fcstungsindustrie, die einige Fr\u00fcchte trug. Seit dem Georgienkrieg 2008 konnte Russland seine milit\u00e4rische St\u00e4rke unter Beweis stellen und war bei allen milit\u00e4rischen Interventionen erfolgreich, bis zum Einmarsch in der Ukraine, dessen Ausgang noch ungewiss ist und der in den letzten Wochen f\u00fcr Russland weniger ermutigende Nachrichten lieferte.<\/p>\n<p>Doch trotz gigantischer Ausgaben und bedeutender milit\u00e4rischer F\u00e4higkeiten gibt es einen \u201equalitativen\u201c Aspekt dieser F\u00e4higkeiten, der stark von der kapitalistischen Entwicklung abh\u00e4ngt. Dabei geht es um den Einsatz von Waffen, die dem Stand der modernsten Technologie entsprechen. Dabei st\u00f6\u00dft die milit\u00e4rische Macht Russlands an die Grenzen, die durch eine stark zersplitterte Produktionsstruktur gesetzt sind.<\/p>\n<p>Wie Stephen Bryen von der pro-westlichen Tageszeitung Asia Times feststellt, gingen die Milit\u00e4rausgaben seit dem Zusammenbruch der UdSSR stark zur\u00fcck, bevor sie sich wieder erholten, nachdem sich die Wirtschaft stabilisiert hatte und Putin an die Macht kam. Doch trotz erh\u00f6hter Haushaltsausgaben \u201ehinken die Produktion und die Modernisierung der Verteidigung noch immer weit hinterher. In der Praxis bedeutete der Mangel an Geld f\u00fcr Verteidigungsinvestitionen in Russland, dass die Ausr\u00fcstung nicht gewartet und verbessert wurde\u201c<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/der-ukrainekrieg-und-russlands-stellung-in-der-welt\/#sdfootnote12sym\"><sup>12<\/sup><\/a>. Wegen der verlorenen Jahrzehnte \u201emussten sich die Russen f\u00fcr neue Systeme an westliche Anbieter wenden. Dies gilt insbesondere f\u00fcr Elektronik, Kameras und Sensoren\u201c. In einigen Bereichen kann diese Technologie \u2013 die \u201ekommerziell\u201c und nicht speziell f\u00fcr milit\u00e4rische Zwecke bestimmt ist und deren Verbreitung h\u00e4ufig von den Staaten eingeschr\u00e4nkt wird \u2013 M\u00e4ngel ausgleichen, aber in sensibleren Bereichen zeigt sie viele Grenzen auf. Dazu geh\u00f6ren: Kommerzielle Hardware ist oft nicht sehr sicher gegen Hacker oder Eindringlinge; sie ist oft zug\u00e4nglich und enth\u00e4lt Bugs; die verwendeten Systeme sind dem Feind gut bekannt; diese Systeme verwenden selten Verschl\u00fcsselung oder andere Sicherheitswerkzeuge.<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/der-ukrainekrieg-und-russlands-stellung-in-der-welt\/#sdfootnote13sym\"><sup>13<\/sup><\/a> Eine weitere Folge der relativen Haushaltsbeschr\u00e4nkungen \u2013 d.h. ein im Vergleich zu anderen L\u00e4ndern gro\u00dfer Haushalt, der jedoch nicht ausreicht, um eine akzeptable Erneuerungsrate der russischen Milit\u00e4rausr\u00fcstung aufrechtzuerhalten \u2013 war, dass \u201edas Geld zuerst f\u00fcr Prestigeobjekte und erst sp\u00e4ter f\u00fcr die Modernisierung der alten Ausr\u00fcstung ausgegeben wurde\u201c. So wurde beispielsweise die \u201eAufr\u00fcstung der Panzerung und der Feuerleitsysteme von Panzern sehr langsam durchgef\u00fchrt. Gr\u00f6\u00dfere Nachr\u00fcstungen, einschlie\u00dflich aktiver Schutzsysteme, wurden nie durchgef\u00fchrt\u201c. Die meisten der von der ukrainischen Armee zerst\u00f6rten Panzer, die mit europ\u00e4ischen und amerikanischen Waffen ausger\u00fcstet waren, verf\u00fcgten nicht \u00fcber eine verbesserte Panzerung. Sie waren nicht mit aktiven Abwehrsystemen ausgestattet, stellt Bryen fest. Wie fast alle Analysen des Ukraine-Krieges ist auch diese tendenzi\u00f6s, in diesem Fall gegen Russland, und weist dennoch auf viele relevante Schwachstellen der russischen Milit\u00e4rmacht hin.<\/p>\n<p>Das Erbe der erneuerten und teilweise modernisierten milit\u00e4rischen Macht, die der russische kapitalistische Staat von der Sowjetunion erhielt, war der Schl\u00fcssel zur Umkehr des Niedergangs Russlands in der Welt, den es im Jahrzehnt nach der b\u00fcrgerlichen Restauration erlitt. Die Bereitschaft, sie selbst unter Androhung von Sanktionen und internationaler Isolation einzusetzen, wie 2014 bei der Besetzung der Krim und seit Februar dieses Jahres beim Einmarsch in die Ukraine, macht Russland zu einem der herausforderndsten Akteure f\u00fcr die \u201eregelbasierte Ordnung\u201c, als deren W\u00e4chter die USA und ihre Verb\u00fcndetenden sich betrachten. Operationen wie in Georgien 2008, die Besetzung der Krim oder die Operationen zur Unterst\u00fctzung der Regierung von Bashar Al-Assad in Syrien seit 2015, die entscheidend dazu beitrugen, das Blatt zugunsten des syrischen Regimes zu wenden, waren von zentraler Bedeutung f\u00fcr Russlands Machtprojektion, die im Kalk\u00fcl aller M\u00e4chte eine gro\u00dfe Rolle spielte.<\/p>\n<p>Der Krieg in der Ukraine, der weitaus ehrgeiziger ist als alle Operationen, die Russland in den letzten 20 Jahren durchgef\u00fchrt hat, zeigt auch noch deutlicher die Schw\u00e4chen der russischen Milit\u00e4rmacht, auf die wir bereits hingewiesen haben. Die urspr\u00fcnglichen Ziele schienen weit \u00fcber die Besetzung des Donbas hinauszugehen, auf das sich die K\u00e4mpfe jetzt konzentrieren. Ob die in den ersten Tagen um Kiew konzentrierten Kr\u00e4fte und der Raketenangriff, der sogar noch weiter nach Westen reichte, Teil eines umfassenderen Besatzungsplans waren oder auf einen blitzkriegartigen \u201eRegimewechsel\u201c ohne dauerhafte Besetzung abzielten, ist Spekulation. Tatsache ist jedoch, dass die von Russland urspr\u00fcnglich eingesetzten Kr\u00e4fte nie ausreichten, um die anvisierten Ziele ernsthaft in Betracht zu ziehen. Der Beginn des Feldzuges war auch durch schwerwiegende logistische Unzul\u00e4nglichkeiten gekennzeichnet, die einen sehr m\u00fchsamen Vormarsch erzwangen, w\u00e4hrend die russischen Truppen und Panzer starken ukrainischen Gegenangriffen an ihren Flanken ausgesetzt waren. In der zweiten Phase des Kriegs verfolgte die Putin-Regierung \u2013 wenn auch unter gro\u00dfen Verlusten \u2013 Ziele, die den eingesetzten Mitteln eher entsprachen, und konzentrierte sich auf den Osten des Landes, wo sie die Besetzung von mehr als 20 Prozent des ukrainischen Territoriums konsolidieren und die \u00dcberlegenheit ihrer Streitkr\u00e4fte sp\u00fcrbar machen konnte, wenn auch mit hohen Kosten.<\/p>\n<p>In den letzten Wochen ist die russische Armee jedoch ziemlich festgefahren, und die ukrainischen Streitkr\u00e4fte haben Angriffe gestartet und etwas Boden zur\u00fcckgewonnen. Dies hat zum ersten Mal ernsthafte Zweifel an den Chancen Russlands aufkommen lassen, in diesem Teil des ukrainischen Territoriums dauerhaft Fu\u00df zu fassen. Sollten sich die russischen R\u00fcckschl\u00e4ge im Krieg verst\u00e4rken, w\u00e4re die zentrale Dimension der russischen Machtprojektion ernsthaft gef\u00e4hrdet.<\/p>\n<p>Putins Regierung kann sich nichts leisten, was nach einer Niederlage aussieht. W\u00e4hrenddessen sieht sich Kiew, das von den USA und der EU unterst\u00fctzt wird, in seiner Entscheidung best\u00e4tigt, nach den j\u00fcngsten Siegen keine Verhandlungen mit Moskau zu akzeptieren, die die Abtretung eines Teils des S\u00fcdostens des Landes bedeuten w\u00fcrden, auch wenn die bisher zur\u00fcckeroberten Gebiete begrenzt sind. Alles deutet auf eine Eskalation hin. Was die milit\u00e4rische Seite anbelangt, so halten es einige Analyst:innen wie George Friedman von Geopolitical Futures f\u00fcr wahrscheinlich, dass Russland schon bald seine Truppen in der Ukraine erheblich aufstocken wird, um einen Sieg zu erringen.<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/der-ukrainekrieg-und-russlands-stellung-in-der-welt\/#sdfootnote14sym\"><sup>14<\/sup><\/a> [A.d.\u00dc.: Die russische \u201eTeilmobilmachung\u201c, die nach der Ver\u00f6ffentlichung dieses Artikels angek\u00fcndigt wurde, weist in dieselbe Richtung.]<\/p>\n<p>Gleichzeitig hat der Kreml in den letzten Wochen etwas demonstriert, was die EU-Regierungen bereits bef\u00fcrchtet haben, n\u00e4mlich die Bereitschaft, sein eigenes \u00c4quivalent zu der <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/die-wirtschaftswaffe-eines-der-gefaehrlichsten-mittel-des-ukraine-krieges\/\">\u201eWirtschaftswaffe\u201c<\/a> einzusetzen, mit denen die imperialistischen M\u00e4chte auf den Krieg reagierten: Wirtschaftssanktionen. Denn Russland kann auf Energieerpressung zur\u00fcckgreifen. Wie bereits erw\u00e4hnt, hat Russland als Lieferant von Energierohstoffen ein gewisses Ma\u00df an Macht \u00fcber die Kunden, da dieser Handel von staatlichen Unternehmen abgewickelt wird und die Hauptabnehmer reich und m\u00e4chtig sind \u2013 und Partner der Hauptmacht, mit der Russland strategisch verfeindet ist. Zwar <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/der-krieg-in-der-ukraine-und-die-globale-unordnung-trendwechsel-oder-beschleunigung\/\">haben die NATO-Staaten und einige andere Verb\u00fcndete<\/a> im Rahmen der Sanktionen seit Kriegsbeginn angek\u00fcndigt, kein Gas und \u00d6l mehr aus Russland zu beziehen, doch ist dies viel leichter anzuk\u00fcndigen als umzusetzen. Im Gasbereich hat Deutschland als Folge des Krieges die Inbetriebnahme des ehrgeizigen Gaspipeline-Projekts Nord Stream 2 abgesagt \u2013 ein Projekt, das die USA mit gro\u00dfer Sorge betrachteten, weil es eine Ann\u00e4herung zwischen Berlin und Moskau bedeutete, aber es war ihnen bis zum 23. Februar nicht gelungen, ihren europ\u00e4ischen Partner zur Aufgabe zu bewegen. \u00dcber Nord Stream 1 erhielten Deutschland und andere europ\u00e4ische L\u00e4nder jedoch weiterhin regelm\u00e4\u00dfig Gas, bis Gazprom vor einigen Wochen ank\u00fcndigte, kein Gas mehr zu liefern. Vor dieser v\u00f6lligen Unterbrechung hatte es in den letzten Monaten wiederholt Unterbrechungen und Reduzierungen der Bef\u00f6rderungsmenge gegeben, was Gazprom stets auf technische Schwierigkeiten zur\u00fcckf\u00fchrte, die durch mangelnde Lieferungen aufgrund der Sanktionen gegen Russland behindert worden seien.<\/p>\n<p>Energie, wenn sie knapp ist, wirkt sich auf alles aus: Produktion, Verkehr, Heizung. Selbst wenn sie verf\u00fcgbar ist, ist sie unter diesen Bedingungen nur zu h\u00f6heren Preisen erh\u00e4ltlich. Dies f\u00fchrt zu einer ganzen Reihe von St\u00f6rungen, die die Wirtschaftst\u00e4tigkeit bedrohen, die Unternehmensgewinne beeintr\u00e4chtigen und die Lebenshaltungskosten in die H\u00f6he treiben, welche in den reichen L\u00e4ndern bereits von einem seit Jahrzehnten beispiellosen Anstieg der Inflation betroffen sind. Russland zeigt damit, dass es den Schl\u00fcssel zu sozialen Unruhen in Europa in der Hand h\u00e4lt, und versucht, dies als Vergeltung und Warnung gegen\u00fcber jenen L\u00e4ndern zu nutzen, die die Ukraine mit Waffen, milit\u00e4rischen Geheimdienstinformationen und finanzieller Hilfe unterst\u00fctzen. Auf diese Weise zielt die gegen die EU gerichtete Energiewaffe darauf ab, Kiew zu isolieren, um es zu schw\u00e4chen und die eigene milit\u00e4rische St\u00e4rke zu behaupten.<\/p>\n<p>Das Problem bei dieser Strategie \u2013 wie auch bei den westlichen Sanktionen gegen Russland \u2013 ist, dass es keinen direkten Zusammenhang zwischen dem Zeitpunkt des wirtschaftlichen Schadens, der durch solche Ma\u00dfnahmen verursacht wird, und der Entscheidung von Milit\u00e4rkabinetten oder Kanzler\u00e4mtern gibt. F\u00fcr die EU und insbesondere f\u00fcr <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/wohin-geht-der-deutsche-imperialismus-der-kampf-gegen-krieg-und-aufruestung\/\">Deutschland, das Ambitionen hegt, ein gr\u00f6\u00dferes Gewicht in der globalen Geopolitik zu erlangen<\/a>, w\u00e4re es eine Dem\u00fctigung, sich von Russland erpressen zu lassen und seinen Anspr\u00fcchen nachzugeben. Andernfalls k\u00f6nnte es zu einer explosiven Situation auf einem Kontinent kommen, der in den letzten anderthalb Jahrzehnten infolge der Gro\u00dfen Rezession und der anschlie\u00dfenden Covid-Krise bereits Ersch\u00fctterungen und eine politische Polarisierung erlebt hat und auf dem der Klassenkampf heute <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/europa-krieg-inflation-und-streiks\/\">immer heftiger wird.<\/a><\/p>\n<p>Das sind alles schlechte Optionen, aber nichts deutet darauf hin, dass Putins Versuch, seine Rolle als Energielieferant zu behaupten, das B\u00fcndnissystem der Ukraine so weit verdrehen wird, dass es den Ausgang des Krieges beeinflussen k\u00f6nnte, zumal sich die USA von den Energieproblemen der EU kaum beeindrucken lassen d\u00fcrften. Diese sehen im Gegenteil die M\u00f6glichkeit f\u00fcr sich gekommen, Russland als \u00d6l- und Gaslieferant f\u00fcr den alten Kontinent zu ersetzen.<\/p>\n<p><strong>Ein Wettkampf, um die Stellung zu halten<\/strong><\/p>\n<p>Der Einmarsch in die Ukraine ist ein Akt der Aggression, mit dem Russland versucht, zumindest einen Teil des s\u00fcd\u00f6stlichen Gebiets der Ukraine zu annektieren. Doch auch wenn diese Besetzung Teil des Bestrebens des russischen Staates ist, die territoriale Gr\u00f6\u00dfe des Zarenreichs oder der Sowjetunion wiederzuerlangen, so ist sie doch Teil eines eher defensiven Kurses des Gegenschlags seitens Putins Russland, trotz aller hocht\u00f6nender Reden \u00fcber die Notwendigkeit, die glorreiche imperiale Vergangenheit wiederzuerlangen.<\/p>\n<p>Die wirtschaftliche Stabilisierung der letzten zwei Jahrzehnte bedeutete, den Niedergang der Restauration zu bremsen, ohne die schlimmsten Lasten der Vergangenheit zu beseitigen, auch wenn die Bewirtschaftung der Energieressourcen und ihrer Ertr\u00e4ge das Fortbestehen dieser Lasten verschleiert hat. Jedoch hat hat der russische Staat in geopolitischer Hinsicht bei seinen Versuchen, das Vordringen der NATO an seine Grenzen aufzuhalten, immer wieder Misserfolge zu verzeichnen. Weder harte noch weiche Macht \u2013 letztere ist f\u00fcr das Putin-Regime Mangelware \u2013 noch die Nutzung seiner Rolle als Energie- oder Investitionslieferant im Rahmen einer Zuckerbrot-und-Peitsche-Strategie reichten aus, um die benachbarten L\u00e4nder des ehemaligen Sowjetblocks vom Beitritt zum westlichen B\u00fcndnis abzubringen. Die Aggression gegen die Ukraine \u2013 welche auf eine EU-Mitgliedschaft hinarbeitete<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/der-ukrainekrieg-und-russlands-stellung-in-der-welt\/#sdfootnote15sym\"><sup>15<\/sup><\/a> \u2013 war die Antwort auf die Gefahr, dass die Ukraine auch einen Beitritt zur NATO beantragen w\u00fcrde, was die bereits seit 2014 bestehenden engen Beziehungen zum US-Milit\u00e4r noch verst\u00e4rken w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Das aggressive und \u201est\u00f6rende\u201c Vorgehen Russlands in den zwischenstaatlichen Beziehungen, das Putins Russland in den letzten 15 Jahren bei seinen milit\u00e4rischen Interventionen immer h\u00e4ufiger an den Tag gelegt hat und das mit der Operation in der Ukraine einen qualitativen Sprung machte, zielt darauf ab, den Vormarsch der NATO zu stoppen \u2013 eine Expansion, die eine kontinuierliche Unterwerfung der Anspr\u00fcche des russischen Staates auf dessen traditionellen Einflussbereich darstellt.<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund dieser Analyse halten wir es f\u00fcr falsch, Russland als imperialistische Macht zu betrachten. Wir d\u00fcrfen aber auch nicht den symmetrischen Fehler begehen, die Weltlage auf zwei konkurriende Lager zu reduzieren, und aus den indirekten Zusammensto\u00df mit den Westm\u00e4chten zu schlie\u00dfen, dass Russland ein Verb\u00fcndeter in den antiimperialistischen K\u00e4mpfen der unterdr\u00fcckten V\u00f6lker sein kann. Russland wendet sich gegen die Anspr\u00fcche der westlichen M\u00e4chte in seiner unmittelbaren Peripherie und z\u00f6gert nicht dabei, auf milit\u00e4rische Aggression zuzugreifen und andere V\u00f6lker zu unterdr\u00fccken. Aus diesem Grund beabsichtigt das Land keineswegs, das System der imperialistischen Weltauspl\u00fcnderung herauszufordern und zu untergraben, sondern innerhalb dieses Systems Bedingungen zu verhandeln, die f\u00fcr Russland bequemer sind und seinen Einflussbereich wieder zur Geltung bringt.<\/p>\n<p><em>Dieser Artikel erschien zuerst am <\/em><a href=\"https:\/\/www.laizquierdadiario.com\/Rusia-en-el-concierto-de-poder-mundial-a-la-luz-de-la-guerra-en-Ucrania#nh6\"><em>18. September 2022 auf Spanisch bei Ideas de Izquierda<\/em><\/a><em>.<\/em><\/p>\n<p><strong>Fu\u00dfnoten<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/der-ukrainekrieg-und-russlands-stellung-in-der-welt\/#sdfootnote1anc\">1<\/a>. <a href=\"https:\/\/www.laizquierdadiario.com\/Rusia-de-la-caida-de-la-URSS-a-la-guerra-en-Ucrania\">Dieser Artikel von Santiago Montag und Omar Floyd<\/a> bietet einen \u00dcberblick \u00fcber die wirtschaftlichen und sozialen Kosten des \u00dcbergangs.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/der-ukrainekrieg-und-russlands-stellung-in-der-welt\/#sdfootnote2anc\">2<\/a>. Bank of Finland Institute for Economies in Transition, Russian Economy \u2013 The Month in Review 6 (2000): 1, 3.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/der-ukrainekrieg-und-russlands-stellung-in-der-welt\/#sdfootnote3anc\">3<\/a>. Neil Robinson (Hrsg.), The political economy of Russia, Plymouth, Rowman &amp; Littlefield Publishers, 2013, S. 22.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/der-ukrainekrieg-und-russlands-stellung-in-der-welt\/#sdfootnote4anc\">4<\/a>. Daten von The Conference Board, Total Economy Database, 2018.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/der-ukrainekrieg-und-russlands-stellung-in-der-welt\/#sdfootnote5anc\">5<\/a>. Ebd., S. 40.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/der-ukrainekrieg-und-russlands-stellung-in-der-welt\/#sdfootnote6anc\">6<\/a>. Eteri Kvintradze, \u201eRussia\u2019s Output Collapse and Recovery: Evidence from the Post-Soviet Transition\u201c, IMF Working Paper 10\/89, 2010.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/der-ukrainekrieg-und-russlands-stellung-in-der-welt\/#sdfootnote7anc\">7<\/a>. Russian Federation. 2007 Article IV Consultation\u2014Staff Report: Staff Statement and Public Information Notice on the Executive Board Discussion, Washington DC, IWF, 2007, S. 6. Zur Rolle der W\u00e4hrungsabwertung in relativ r\u00fcckst\u00e4ndigen kapitalistischen Volkswirtschaften, siehe Pablo Anino und Esteban Mercatante, <a href=\"https:\/\/www.laizquierdadiario.com\/El-fetichismo-bi-monetario-o-las-soluciones-magicas-para-el-capitalismo-dependiente-argentino\">\u201eEl fetichismo (bi)monetario, o las soluciones m\u00e1gicas para el capitalismo dependiente argentino\u201c<\/a>, Ideas de Izquierda, 17.7.2022.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/der-ukrainekrieg-und-russlands-stellung-in-der-welt\/#sdfootnote8anc\">8<\/a>. Ted Hopf, \u201eRusslands Platz in der Welt. Eine Ausstiegsoption?\u201c, PONARS Eurasia Policy Memo Nr. 79<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/der-ukrainekrieg-und-russlands-stellung-in-der-welt\/#sdfootnote9anc\">9<\/a>. Neil Robinson, a. a. O., S. 40-41.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/der-ukrainekrieg-und-russlands-stellung-in-der-welt\/#sdfootnote10anc\">10<\/a>. Ted Hopf, a.a.O.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/der-ukrainekrieg-und-russlands-stellung-in-der-welt\/#sdfootnote11anc\">11<\/a>. Aus anderen Gr\u00fcnden als denen, die f\u00fcr das Investitionsungleichgewicht der abh\u00e4ngigen L\u00e4nder ausschlaggebend sind, war die gr\u00f6\u00dfte Volkswirtschaft der Welt, die USA, in den letzten Jahrzehnten auch dadurch gekennzeichnet, dass sie mehr ausl\u00e4ndische Direktinvestitionen erhielt als ihre Unternehmen in anderen L\u00e4ndern erwirtschafteten.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/der-ukrainekrieg-und-russlands-stellung-in-der-welt\/#sdfootnote12anc\">12<\/a>. Stephen Bryen, \u201eSind russische Waffen haupts\u00e4chlich Schrott?\u201c, Asia Times, 2.9.2022.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/der-ukrainekrieg-und-russlands-stellung-in-der-welt\/#sdfootnote13anc\">13<\/a>. Ebd.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/der-ukrainekrieg-und-russlands-stellung-in-der-welt\/#sdfootnote14anc\">14<\/a>. George Friedman, \u201eThe War\u201c, Geopolitical Futures, 13.9.2022, abrufbar unter <a href=\"https:\/\/geopoliticalfutures.com\/the-war\/\">https:\/\/geopoliticalfutures.com\/the-war\/<\/a>.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/der-ukrainekrieg-und-russlands-stellung-in-der-welt\/#sdfootnote15anc\">15<\/a>. Auf der Tagung des Europ\u00e4ischen Rates vom 23. Juni 2022 wurde die Ukraine schlie\u00dflich als Beitrittskandidat f\u00fcr die EU akzeptiert.<\/li>\n<\/ol>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/der-ukrainekrieg-und-russlands-stellung-in-der-welt\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 24. September 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Esteban Mercatante. Russland musste bei seiner Invasion in der Ukraine \u2013 einem Krieg, den es m\u00fchelos und in k\u00fcrzester Zeit zu gewinnen glaubte \u2013 einige schwere R\u00fcckschl\u00e4ge hinnehmen. 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