{"id":11769,"date":"2022-09-26T09:54:31","date_gmt":"2022-09-26T07:54:31","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11769"},"modified":"2022-10-23T09:32:49","modified_gmt":"2022-10-23T07:32:49","slug":"muenchner-philharmoniker-konzertmeister-wegen-russland-naehe-entlassen%ef%bf%bc","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11769","title":{"rendered":"M\u00fcnchner Philharmoniker: Konzertmeister wegen \u201eRussland-N\u00e4he\u201c entlassen\ufffc"},"content":{"rendered":"<p><em>Verena Nees. <\/em>Lorenz Nasturica-Herschcowici, seit 30 Jahren Erster Konzertmeister bei den M\u00fcnchner Philharmonikern, ist Ende vorletzter Woche wegen \u201eRussland-N\u00e4he\u201c gek\u00fcndigt worden.<\/p>\n<p>Der geb\u00fcrtige Rum\u00e4ne wurde 1992 vom damaligen Chefdirigenten, dem weltber\u00fchmten Sergiu Celibidache entdeckt und f\u00fcr das M\u00fcnchner Orchester gewonnen. Er repr\u00e4sentierte<!--more--> wie kein anderer die Klangsch\u00f6nheit, die so bezeichnend vor allem f\u00fcr die Bruckner-Auff\u00fchrungen unter Celibidache waren.<\/p>\n<p>V\u00f6llig zu Recht wurde Nasturica-Herschcowivi als <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=hNJUZLXmYDI\">\u201eTeufelsgeiger\u201c<\/a> (<em>S\u00fcddeutsche Zeitung<\/em>, 5. April 2010) gefeiert, in Anlehnung an den Genueser Geigenvirtuosen Niccolo Paganini an der Schwelle zum 19. Jahrhundert. Ein Musikbeispiel findet sich hier: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=hNJUZLXmYDI\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=hNJUZLXmYDI<\/a><\/p>\n<p>Die M\u00fcnchner rot-gr\u00fcne Stadtregierung wirft dem rum\u00e4nischen Geiger schon seit Mai vor, \u201eTeil der Propagandamaschinerie Putins\u201c (Florian Roth von den Gr\u00fcnen) zu sein, weil er neben seiner T\u00e4tigkeit f\u00fcr die M\u00fcnchner Philharmoniker zus\u00e4tzlich auch mit dem Mariinsky-Orchester unter Leitung von <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2022\/03\/04\/gerg-m04.html\">Valery Gergiev<\/a> aufgetreten ist. Dies sei rechtlich zwar m\u00f6glich, so die M\u00fcnchner SPD-Kultursprecherin Julia Sch\u00f6nfeld-Knor, die auch Mitglied im Philharmonischen Rat ist, aber \u201eaus ethischen Gr\u00fcnden abzulehnen\u201c. Valery Gergiev war bereits Anfang M\u00e4rz als Chefdirigent der M\u00fcnchner Philharmoniker entlassen worden.<\/p>\n<p>Das Vorgehen erinnert an die dunkelsten Zeiten der deutschen Geschichte. Vor \u00fcber 80 Jahren wurden nicht nur die Karrieren von j\u00fcdischen K\u00fcnstlern vernichtet, sondern auch die von ihren Freunden oder Ehepartnern, sofern sie sich nicht von ihnen trennten. Nun wird einem Rum\u00e4nen mit j\u00fcdischen Namen (Herschcovici) zum Vorwurf gemacht, dass er sich nicht vom russischen Dirigenten Valery Gergiev trennt.<\/p>\n<p>Die Medien unterst\u00fctzen dies und befeuern die anti-russische Hetze: Der Konzertmeister habe \u201eeinen lukrativen Nebenjob\u201c begonnen, indem er mit Gergiev auf Tournee ging, so der Bayrische Rundfunk. Man kenne ja Gergievs \u201eBesitzt\u00fcmer und \u00fcppige Honorare\u201c, geht es naser\u00fcmpfend weiter. \u201eDerweil\u201c lasse sich dieser \u201evom russischen Publikum feiern\u201c.<\/p>\n<p>Als ob sich nicht ein herausragender Musiker oder Dirigent von dem Publikum feiern lassen muss, das in der Lage ist, ihm oder ihr zuzuh\u00f6ren. Die Entlassung und Auftrittsk\u00fcndigungen von russischen Musikern seit Beginn des Ukraine-Kriegs in Deutschland und anderen L\u00e4ndern, darunter neben Gergiev und Nasturica-Herschcowici auch von der Stars\u00e4ngerin Anna Netrebko, sind ein anma\u00dfender Eingriff in die Rechte des Publikums, die k\u00fcnstlerische Meisterschaft dieser Pers\u00f6nlichkeiten zu erleben.<\/p>\n<p>Gergievs \u201eVergehen\u201c bestand sicher nicht in seinen \u201e\u00fcppigen\u201c Honoraren, die allenthalben f\u00fcr ber\u00fchmte Dirigenten und Star-Musiker ausgegeben werden, egal welcher politischen Couleur oder welcher Nationalit\u00e4t. Er wurde entlassen, weil er einem Ultimatum durch den M\u00fcnchner SPD-Oberb\u00fcrgermeister Dieter Reiter nicht gefolgt war, er m\u00fcsse eindeutig die russische Aggression in der Ukraine verurteilen.<\/p>\n<p>In den oberen Etagen des Bildungsb\u00fcrgertums, in Politik, Kulturinstitutionen und Redaktionen hat sich eine gutverdienende Schicht breitgemacht, die v\u00f6llig geschichtsvergessen ist. 77 Jahre nach dem Ende des Nazi-Terrors erheben sie Gesinnungsschn\u00fcffelei zum Ma\u00dfstab f\u00fcr Kunst, als habe es Hitlers w\u00fctende S\u00e4uberungen gegen herausragende K\u00fcnstler und ihre Werke &#8212; j\u00fcdische, russische, ukrainische &#8212; nicht gegeben.<\/p>\n<p>Wie damals werden zudem nicht nur die Orchester und Ensembles, sondern auch die Konzertprogramme ges\u00e4ubert. Die M\u00fcnchner Philharmoniker \u00e4nderten bezeichnenderweise nach der Entlassung von Gergiev das Programm der mit ihm geplanten Konzerte im Mai. Die <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2022\/08\/08\/scho-a08.html\">7. Symphonie<\/a> von Dmitri Schostakowitsch, die ber\u00fchmte \u201eLeningrader\u201c Antikriegssymphonie, wurde durch die 5. Symphonie des Komponisten ersetzt.<\/p>\n<p>Gegen die antirussische Hysterie in der Kultur formiert sich allerdings auch Widerstand. Bei den diesj\u00e4hrigen Salzburger Osterfestspielen lie\u00df Intendant Nikolaus Bachler, der ehemalige Intendant der Bayrischen Staatsoper, demonstrativ die Leningrader Symphonie durch die S\u00e4chsische Staatskapelle Dresden unter Leitung des russischen Dirigenten Tugan Sokhiev auff\u00fchren. Den Umgang mit Gergiev und anderen russischen K\u00fcnstlern bezeichnete er als \u201eHexenjagd\u201c.<\/p>\n<p>Bachler erkl\u00e4rte, im Moment gebe es \u201ewahrscheinlich kein richtigeres Werk\u201c. Diese Symphonie sei weit \u00fcber die Ukraine hinaus von Bedeutung. \u201eWir werden zwar jetzt auf diesen Konflikt fokussiert, der derzeit stattfindet, aber es gibt permanent Krieg\u201c. Die Kriege in Afghanistan und Syrien h\u00e4tten in der Vergangenheit offensichtlich niemanden interessiert. In der Tat wurde bisher kein amerikanischer oder auch deutscher Komponist oder Dirigent aus dem Musikleben verbannt, weil ihre Herkunftsl\u00e4nder brutale Kriege f\u00fchrten.<\/p>\n<p>Dirigent Tugan Sokhiev hatte im M\u00e4rz 2022 seinen Chefdirigentenposten beim Bolschoi-Theater sowie seinen Posten als Musikdirektor des Nationalorchesters am Opernhaus Capitole in Toulouse niedergelegt. In seiner Erkl\u00e4rung betonte er, man habe ihn zu einer \u201euntragbaren Wahl\u201c zwischen russischen und franz\u00f6sischen Musikern gen\u00f6tigt, die er als seine \u201emusikalische Familie\u201c bezeichnet.<\/p>\n<p>Sokhiev hat Recht: Musik kennt keine nationalen Grenzen. Sie lebt vom internationalen Austausch, heute mehr denn je. Sein Auftritt mit der Leningrader Symphonie in Salzburg wurde vom Publikum mit nicht enden wollenden, stehenden Ovationen gefeiert.<\/p>\n<p>Bei den Salzburger Sommerfestspielen verteidigte Intendant Markus Hinterh\u00e4user den Auftritt des jungen griechisch-russischen Dirigent Teodor Currentzis mit Schostakowitschs 14. Symphonie \u201eBabi-Jar\u201c. Im Wiener <em>Standard<\/em>, dem Hausblatt der \u00f6sterreichischen Sozialdemokratie, wurde er daf\u00fcr heftig kritisiert.<\/p>\n<p>Dabei befassen sich die Orchesterlieder dieser Symphonie mit dem Massenmord von 1941 an mehr als 33.000 Juden, den die deutsche Wehrmacht zusammen mit SS-Einsatzgruppen in der N\u00e4he der ukrainischen Hauptstadt Kiew begangen haben. Keiner der verantwortlichen Wehrmachtsoffiziere musste sich jemals vor Gericht verantworten. Nur einige SS-Angeh\u00f6rige wurden sp\u00e4ter verurteilt.<\/p>\n<p>Teodor Currentzis hat den russischen Einmarsch in der Ukraine verurteilt und sogar im Wiener Konzerthaus ein Benefizkonzert zugunsten der Ukraine organisiert. Es war der ukrainische Botschafter, der die Annahme des Geldes verweigert hat, weil es von russischen Musikern erspielt wurde.<\/p>\n<p>Trotz dieser Tatsachen stichelte und hetzte der <em>Standard<\/em> gegen den Auftritt von Teodor Currentzis in Salzburg. Der \u201eumstrittene\u201c Dirigent und sein Orchester pflege ein \u201eN\u00e4heverh\u00e4ltnis\u201c zu Putin. Er und seine MusicAeterna Ensembles \u2013 Orchester und Chor \u2013 w\u00fcrden von \u201ePutins Hausbank VTB finanziert\u201c, hei\u00dft es. \u201eTeile der Klassikwelt\u201c w\u00fcrden darauf mit Emp\u00f6rung reagieren, so die selbsternannten Vertreter dieser Klassikwelt in der Wiener Presse.<\/p>\n<p>Das freie MusicAeterna-Ensemble von Currentzis, der in Russland lebt, muss in der Tat seine Tourneen mit Hilfe von kapitalistischen Sponsoren finanzieren, zum Beispiel Gazprom. Mit der Aufl\u00f6sung der Sowjetunion 1991 durch die stalinistische B\u00fcrokratie wurde die \u00f6ffentliche Finanzierung einer hochentwickelten Kunst- und Musikszene zerst\u00f6rt. Gut ausgebildete Musiker und Dirigenten waren gezwungen, nach Geldgebern zu suchen.<\/p>\n<p>Das ist nicht anders als hierzulande, wo freie Orchester und auch Festivals von den Geldern von Audi, Deutscher Bank, Siemens unter anderen abh\u00e4ngig sind. Gegen die Verbrechen, die solche Konzerne in der deutschen Geschichte finanziert haben und gegen ihre heutige Verwicklung in Milliarden-Schiebereien und R\u00fcstungsgesch\u00e4fte, sind die korrupten Machenschaften der russischen Bank VTB eher kleine Fische.<\/p>\n<p>In der irrwitzigen Hysterie gegen russische K\u00fcnstler, die mit der K\u00fcndigung von Lorenz Nasturica-Herschcovici in M\u00fcnchen einen neuen H\u00f6hepunkt erreicht, geht es nicht um Solidarit\u00e4t mit der Ukraine und schon gar nicht mit der ukrainischen Bev\u00f6lkerung, die unter dem Krieg leiden muss. L\u00e4ngst wird deutlich, dass die russische Invasion von der NATO unter F\u00fchrung der USA und ebenso Deutschlands als Vehikel benutzt wird, um einen massiven Krieg gegen Russland anzuzetteln. Die ukrainische Bev\u00f6lkerung, die 1941 zu den ersten Opfern des deutschen \u00dcberfalls auf die Sowjetunion geh\u00f6rte, dient in diesem Krieg als Kanonenfutter.<\/p>\n<p>Die eifrigen Vertreter einer \u201eethisch\u201c sauberen Kultur \u2013 unter Ausschluss russischer, und nun auch rum\u00e4nischer K\u00fcnstler \u2013 beteiligen sich in Wahrheit an der ideologischen Einstimmung der Bev\u00f6lkerung auf diesen umfassenden Krieg, der zum Atomschlag und zur Ausl\u00f6schung der Menschheit f\u00fchren kann.<\/p>\n<p>Bezeichnenderweise hat die Verbannung alles Russischen auch antisemitische Untert\u00f6ne. So verweist der Name des rum\u00e4nischen Konzertmeisters Lorenz Nasturica-Herschcowici auf einen j\u00fcdischen Hintergrund. Nach dem Studium in seiner Geburtsstadt Bukarest lebte er mit seiner Familie in Israel, und viele seiner umjubelten Auftritte fanden mit israelischen Orchestern statt. Online-Kommentare, die der <em>Bayrische Rundfunk<\/em> inzwischen gel\u00f6scht hat, bemerkten voll Emp\u00f6rung, der Nachfolger von Nasturica-Herschcowici sollte zur Sicherheit unpolitisch sein und besser nicht einen solchen Namen f\u00fchren.<\/p>\n<p><em>#Bild: Die M\u00fcnchner Philharmoniker mit Lorenz Nasturica-Herschcowici als Konzertmeiser (Andreas Praefcke, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2022\/09\/25\/nast-s25.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 26. September 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verena Nees. 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