{"id":11812,"date":"2022-10-01T09:02:16","date_gmt":"2022-10-01T07:02:16","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11812"},"modified":"2022-10-01T09:02:18","modified_gmt":"2022-10-01T07:02:18","slug":"journalismus-als-legitimation-von-alle-gegen-russland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11812","title":{"rendered":"Journalismus als Legitimation von &#8222;Alle gegen Russland&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em>Helge Butterkeit. <\/em><strong>Journalisten d\u00fcrfen nicht in die Ostukraine fahren. Oder Veranstaltungen besuchen, die quer zum Mainstream sind. Denn ihre Anwesenheit legitimiert. So zumindest die Kritik an einem Journalisten, der in der Ostukraine recherchiert hat. Dieses Verst\u00e4ndnis von Journalismus hat weitreichende Folgen. Die Hintergrund-Medienrundschau vom 30.9.2022. <\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Themen gibt es genug. F\u00fcr die Medien und nat\u00fcrlich auch f\u00fcr die Medienrundschau. Dr\u00e4ngende, aktuelle, kontroverse. Krisen und Bedrohungen. Und der Zustand des Journalismus. Er erscheint zun\u00e4chst als Meta-Thema. Als m\u00f6glicherweise nicht so dr\u00e4ngend wie die Frage nach Krieg und Frieden, die in diesen Tagen auch bei uns wieder gestellt wird. Das ist so. Geht es aber um den Journalismus, geht es immer auch um das zentrale Thema: Was wird uns t\u00e4glich als Realit\u00e4t dargestellt? Unter anderem auch in der so wichtigen Frage nach Krieg und Frieden. Und deshalb nehmen wir uns heute dieses Themas an.<\/p>\n<p>Wenn nur noch die immer einheitlichere Propaganda des Mainstream bleibt, dann werden wir nicht mehr erfahren, was wirklich los ist. Wobei wir nicht behaupten wollen, dass die Medien der Gegen\u00f6ffentlichkeit immer richtig berichten. Wie sollten sie auch, oder wie sollten wir \u2013 in der teilweise un\u00fcbersichtlichen Gemengelage? Allerdings: Wir versuchen \u00fcberall hinzuschauen. Mit unseren M\u00f6glichkeiten. Auch dorthin, wo der Mainstream wegsieht, die Augen verschlie\u00dft oder sich einfach weigert.<\/p>\n<p>Womit wir bei den aktuellen Rechercheverboten sind, die beispielsweise den Journalisten Patrik Baab betreffen. Wir hatten bereits dar\u00fcber berichtet, dass sein Aufenthalt in der Ostukraine, sein Auftritt bei einer Pressekonferenz, f\u00fcr den Mainstream Anlass waren, ihn \u2013 und einige andere \u2013 an den digitalen Pranger zu stellen (<a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/kurzmeldung\/weitreichende-konsequenzen-fuer-deutsche-beobachter-in-ostukraine\/\">Hintergrund<\/a>, 27.9.22). Heute m\u00f6chten wir uns weitergehende Gedanken \u00fcber das Selbstverst\u00e4ndnis eines Journalismus machen, der \u00f6ffentliche Schandpf\u00e4hle errichtet.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst aber noch einmal zur Sache selbst. Patrik Baab ist derzeit mit einem russischen Begleiter in Russland und der Ostukraine unterwegs. Der <em>NDR<\/em>-Journalist, der sich in der passiven Phase der Altersteilzeit befindet, hat sich in der Vergangenheit mit einigen aufsehenerregenden Recherchen einen Namen gemacht. Zuletzt tauchte sein Name auch in Verbindung mit den Geschehnissen im <em>NDR<\/em>-Landesfunkhaus Kiel auf. Baab hatte sich \u00f6ffentlich gegen die Leitung des Funkhauses positioniert, politische Einflussnahme und die Verhinderung von Recherche angeprangert (<a href=\"https:\/\/de.kino.yahoo.com\/interne-verh%C3%B6re-abmahnung-versetzung-gerichtsakte-114435209.html?guccounter=1&amp;guce_referrer=aHR0cHM6Ly93d3cuZWNvc2lhLm9yZy8&amp;guce_referrer_sig=AQAAALhWDXb4D3mw8UIgRCEFxhQ_61-fJR9uCauJs8Vka3q2tilGUt5fNRmK58x7J47ChrgRclTgls81h8XsvedYNucddjCV7BonjnMahkeiM9tFdPXAFQlWdWU0RoerzZF0hPAdhO8LGQ_G2NJaQrRRZ97cG67jsjJNsoKBtQDsPJvP\">Business Insider \u00fcber Yahoo<\/a>, 1.9.22). Baab wurde abgemahnt, man traf sich vor Gericht und schloss einen Vergleich.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund liest sich beispielsweise Baabs aktuelles Buch \u201eRecherchieren\u201c noch einmal anders. Wir werden noch darauf zur\u00fcckkommen. Erst einmal zu Baabs aktuellen Recherchen. Er hat sich in der Ostukraine auch die Referenden angeschaut, die im deutschen Mainstream unisono als \u201eScheinreferenden\u201c tituliert werden (zur Genese des Begriffs: <a href=\"https:\/\/www.neulandrebellen.de\/2022\/09\/scheinreferenden\/\">Neulandrebellen<\/a>, 23.9.22). Das h\u00e4tten er und die anderen Deutschen nicht tun d\u00fcrfen. Zumindest wenn es nach Lars Wienand ginge. Der Journalist bei<em> t-online.de<\/em> hat mehrere Beobachter \u2013 offizielle Wahlbeobachter und Journalisten wie Baab \u2013 vorgestellt. Und eindeutig klar gemacht, was er davon h\u00e4lt:<\/p>\n<p><em>Er [gemeint ist ein kommunaler Energiemanager, Anm. Redaktion] ist aber nicht der einzige Deutsche, der dort im zweifelhaften Einsatz ist. Nach Recherchen von t-online sind mindestens vier \u201eBeobachter\u201c aus Deutschland angereist, um die Scheinreferenden \u00fcber den Anschluss an die Russische F\u00f6deration in positives Licht zu r\u00fccken. Einige sind seit Jahren als pro-russische Akteure bekannt. Einer steckt hinter einer Petition, Deutschland solle russische Soldaten freundlich empfangen. Und ein weiterer verlor nach der Berichterstattung von t-online seine Stelle an einer Hochschule. (<\/em><a href=\"https:\/\/www.t-online.de\/nachrichten\/ukraine\/id_100057900\/deutsche-helfer-in-der-ostukraine-scheinreferendum-hurra-.html\"><em>t-online.de<\/em><\/a><em>, 27.9.22)<\/em><\/p>\n<p>\u201eZweifelhaft\u201c als charakterisierendes Adjektiv, das wertfreie Wort Beobachter in Anf\u00fchrungszeichen. Es sind kleine Details, die schon bei diesem doch eher nachrichtlichen Absatz von der Mission des Lars Wienand k\u00fcnden. Denn dass ein Lehrbeauftragter seine Stelle an der Hochschule verliert, das hat mit Wienand zu tun. Und mit dem Artikel, in dem genau die S\u00e4tze stehen, die wir eben zitierten.<\/p>\n<p>Unliebsame Meinungen und deren Verbreiter werden heutzutage umgehend entfernt. Der Fall Patrik Baab ist dabei typisch, der zitierte Artikel von <em>t-online.de<\/em> ein Musterbeispiel: Eine Person agiert in einem Umfeld, das vom Mainstream als au\u00dferhalb des zugelassenen Raumes definiert wird. Die Person wird ausgeschlossen. Cancel Culture. Wer sich mit der Person einl\u00e4sst, eingelassen hat oder einlassen will, gilt als kontaminiert. Kontaktschuld. Jetzt wird die Distanzierung erwartet. Manchmal dauert das eine Weile, bei Patrik Baab ging es schnell. Sehr schnell.<\/p>\n<p>Vermutlich lief es wie folgt: Der Journalist erf\u00e4hrt von Baabs Anwesenheit vor Ort, recherchiert in dessen Umfeld und stellt eine Presseanfrage an die Berliner Hochschule f\u00fcr Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW). \u201eWissen Sie, was Ihr Lehrbeauftragter dort treibt? Bei den Scheinreferenden? Der legitimiert die doch! Finden Sie das gut?\u201c So k\u00f6nnte es gewesen sein. Wie genau, spielt keine Rolle, denn laut eigener Aussage telefoniert die Hochschule mit dem Delinquenten, der durch seine blo\u00dfe Anwesenheit am falschen Ort zur falschen Zeit zu einem solchen gemacht wurde. Und dann wird eine Stellungnahme eiligst auf der Homepage ver\u00f6ffentlicht. Tenor: Wir verurteilen und trennen uns (<a href=\"https:\/\/www.hmkw.de\/news\/stellungnahme\">HMKW<\/a>, 26.9.22). Unterdessen ist der Artikel im Netz erschienen. Autor Wienand kann den Vollzug seiner Mission gleich noch einbauen, online l\u00e4sst sich vieles rasch \u00e4ndern und erweitern. Die diversen Hinweise unter dem Artikel \u2013 mittlerweile (30.9.) sind es vier \u2013 zeugen davon.<\/p>\n<p>Man kann dar\u00fcber streiten ob es klug war, vor der Kamera auf einem Podium \u00fcber die Beobachtungen beim Referendum zu sprechen, wie es Baab und sein Kollege getan haben. Aber legitimiert das eine so drastische Ma\u00dfnahme wie die sofortige K\u00fcndigung eines Lehrauftrags (\u00fcbrigens auch an der Uni Kiel)? Legitimiert die ganze Sache \u00fcberhaupt irgendwas, denn Baab und den anderen deutschen Beobachtern wird ja vorgeworfen, durch ihre blo\u00dfe Anwesenheit die Referenden zu legitimieren.<\/p>\n<p>\u201eJournalisten m\u00fcssen \u00fcberall hingehen\u201c, sagt der M\u00fcnchener Kommunikationswissenschaftler Prof. Michael Meyen im Gespr\u00e4ch mit <em>Hintergrund<\/em>. Der Vorwurf, der nun Baab trifft, sei nicht neu. Journalisten sei beispielsweise vorgeworfen worden, AfD-Parteitage zu legitimieren, weil sie davon berichten. Meyenerg\u00e4nzt: \u201eWenn Journalisten etwas legitimieren, dann d\u00fcrfte kein Journalist nach Katar zur Fu\u00dfball-WM fahren.\u201c Wie aber sollten Journalisten denn etwas herausbekommen, wie sollten sie erfahren, was passiert, wenn sie zu bestimmten Gruppen der Gesellschaft nicht gehen und bestimmte L\u00e4nder nicht besuchen d\u00fcrften, fragt der ausgebildete Journalist.<\/p>\n<p>F\u00fcr Michael Meyen ist Patrik Baab ein Repr\u00e4sentant der alten Schule des Journalismus. Einer, der losf\u00e4hrt, um zu verstehen und zu sehen, was passiert. \u201eDie Kritik an Baab passt zum Journalismus, der nicht mehr rausf\u00e4hrt, sich die Dinge nicht mehr vor Ort anschaut\u201c, sagt Meyen. Und vielleicht sei es das Problem, dass alte Schule auf neue Schule trifft. Der ehemalige Investigativreporter des <em>NDR<\/em> trifft auf den leitenden Redakteur Recherche von<em> t-online.de<\/em> \u2013 und hat vor den Augen des Mainstream keine Chance. Mehrere Zeitungen und Online-Portale st\u00fcrzen sich auf ihn, der <em>NDR<\/em> muss erkl\u00e4ren, wie er zu der Reise steht (<a href=\"https:\/\/www.shz.de\/deutschland-welt\/schleswig-holstein\/artikel\/ndr-prueft-reise-von-patrik-baab-zu-den-scheinreferenden-43272409\/amp\">Shz<\/a>, 28.9.22, Bezahlschranke).<\/p>\n<p>\u201eIn einem funktionierenden System w\u00fcrde der <em>NDR<\/em> Patrik Baab die Reise bezahlen\u201c, sagt Michael Meyen. In solch einem funktionierenden System w\u00fcrden Reporter versuchen, von vor Ort zu berichten und die Lage darzustellen. Was zweifellos nicht einfach gewesen w\u00e4re. Aber notwendig. Dass der deutsche Mainstream nicht vor Ort berichtet hat, erkl\u00e4rt er selbst damit, dass er eben die Referenden nicht legitimieren wolle. So schrieb es ein <em>NDR<\/em>-Redakteur auf Anfrage (<a href=\"https:\/\/rtde.website\/meinung\/149923-scheinberichte-uber-scheinreferenden\/\">RT DE<\/a>, 26.9.22).<\/p>\n<p>Patrik Baab selbst hat in seinem Buch \u201eRecherchieren\u201c mit Bezug auf den Psychologieprofessor Rainer Mausfeld \u00fcber die Vorgaben des politischen Narrativs f\u00fcr Journalisten geschrieben:<\/p>\n<p><em>Deutschland als freiheitlicher Rechtsstaat und Teil der westlichen Wertegemeinschaft; das Existenzrecht des Staates Israel und die Auss\u00f6hnung zwischen Juden und Deutschen; die Unterst\u00fctzung der NATO und die Solidarit\u00e4t mit Amerika; die Verteidigung der marktwirtschaftlichen Ordnung; die Unterst\u00fctzung der EU und mehr. (Patrik Baab, Recherchieren, 2022, S. 14)<\/em><\/p>\n<p>Volker Lilienthal, Journalismus-Professor an der Uni Hamburg, hat in seiner j\u00fcngst erschienenen Rezension des Buches die Aussage Baabs, wer sich nicht an dieses Narrativ halte, k\u00f6nne es in Deutschland schwer haben, als \u201egrenzwertig\u201c bezeichnet (<a href=\"https:\/\/www.nomos-elibrary.de\/10.5771\/1615-634X-2022-3-303\/literatur-besprechungen-jahrgang-70-2022-heft-3?page=1\">M&amp;K<\/a>, Heft 3\/2022). Am Ende der Rezension kritisiert er, dass Baab auf Basis seines Buches ein Seminar in Kiel abgehalten habe. Denn mit der Position, viele Journalisten seien \u201epolitisch aber umso mehr gefestigte Lohnschreiber\u201c, wie sie Baab vertritt, k\u00f6nne man keine jungen Menschen f\u00fcr die Recherche begeistern. Das soll nun auch nicht mehr passieren, Lilienthals Wunsch geht in Erf\u00fcllung. Und gleichzeitig bekommt Patrik Baab recht. Es wird ihn nicht freuen.<\/p>\n<p>Noch ein weiterer Vorgang gibt Baab, aber auch allen anderen recht, die von einer gesteuerten einheitlichen Mainstream-Berichterstattung sprechen. Den <em>Nachdenkseiten<\/em> ist ein internes Dokument zugespielt worden, das Sie sich in jedem Fall einmal anschauen sollten:<\/p>\n<p><em>Das Dokument gibt einen erhellenden Einblick in das Ausma\u00df der horizontalen und vertikalen Strukturen der, man kann es nicht anders sagen, bundesdeutschen Staatspropaganda, insbesondere was die beh\u00f6rdliche Einbindung von Medien (z.B. Spiegel und Stern), westlichen Social-Media-Konzernen, Bildungseinrichtungen und den sogenannten \u201eFaktencheckern\u201c angeht. Selbst Grundschulkinder werden ins Visier genommen. Aus all dem ergibt sich der konzertierte Versuch einer Informations-Gleichschaltung durch die Bundesregierung. (<\/em><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88618\"><em>Nachdenkseiten<\/em><\/a><em>, 29.9.22)<\/em><\/p>\n<p>Nein, wir schreiben jetzt nicht von Fassungslosigkeit angesichts dessen, was da ausgebreitet wird. Okay, wir haben es doch getan. Aber wir waren davon ausgegangen, dass es so oder \u00e4hnlich l\u00e4uft. Was meinen Sie: Wie viele Medien des Mainstream haben bis jetzt die Berichterstattung aufgegriffen? Keines. War ja klar.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/allgemein\/rundschau\/journalismus-als-legitimation\/\"><em>hintergrund.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 1. Oktober 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Helge Butterkeit. Journalisten d\u00fcrfen nicht in die Ostukraine fahren. Oder Veranstaltungen besuchen, die quer zum Mainstream sind. Denn ihre Anwesenheit legitimiert. So zumindest die Kritik an einem Journalisten, der in der Ostukraine recherchiert hat. 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