{"id":11818,"date":"2022-10-02T13:54:58","date_gmt":"2022-10-02T11:54:58","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11818"},"modified":"2022-10-02T13:55:00","modified_gmt":"2022-10-02T11:55:00","slug":"die-vergessene-geschichte-ukrainischer-unabhaengigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11818","title":{"rendered":"Die vergessene Geschichte ukrainischer Unabh\u00e4ngigkeit"},"content":{"rendered":"<p><em>Mario Kessler. <\/em><strong>Putin versucht seine brutale Invasion der Ukraine aus der Geschichte herzuleiten: Er erkennt dem Land die Staatlichkeit ab, indem er behauptet, die Bolschewiki h\u00e4tten die Ukraine gegen den Willen der Bev\u00f6lkerung von Russland losgel\u00f6st. Das ist eine gef\u00e4hrliche Pervertierung der Geschichte.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Die Sicherheit und Unabh\u00e4ngigkeit der Ukraine m\u00fcssen wiederhergestellt werden \u2013 Wladimir Putins <a href=\"https:\/\/jacobin.de\/artikel\/putins-imperiale-traumereien-konnten-zum-verhangnis-ukraine-krieg-invasion-lenin-sowjetunion-internationalismus\/\">gro\u00dfrussisch-imperiale Tr\u00e4ume<\/a> d\u00fcrfen keine Erf\u00fcllung finden. Wie sich in seiner <a href=\"https:\/\/zeitschrift-osteuropa.de\/blog\/putin-rede-21.2.2022\/\">Rede vom 21. Februar<\/a> unmissverst\u00e4ndlich zeigte, begr\u00fcndet Putin die Aggression gegen die Ukraine mit einer vermeintlich notwendigen \u00abEntkommunisierung\u00bb des Landes.<\/p>\n<p>Seine Behauptung, die Ukraine sei gegen den Willen der Bev\u00f6lkerung \u00abvom bolschewistischen, kommunistischen Russland\u00bb geschaffen worden, ist schlichtweg falsch. Der Blick in die Geschichte zeigt, dass die russischen Sozialisten den Wunsch vieler Ukrainer nach Unabh\u00e4ngigkeit erkannt und in ihre politische Strategie eingebettet haben. Die Tradition ukrainischer Staatlichkeit hat \u00fcberdies eine viel l\u00e4ngere Vergangenheit, als Putin ihr beimisst.<\/p>\n<p><strong>Angetrieben durch die Revolution<\/strong><\/p>\n<p>In der Tat erfuhren die Bestrebungen nach einer unabh\u00e4ngigen Ukraine durch die Revolutionen von 1905 und 1917 einen immensen Auftrieb. Die Ukraine erkl\u00e4rte sich bereits im M\u00e4rz 1917 \u2013 und nicht erst im Gefolge der Oktoberrevolution \u2013 als selbst\u00e4ndige Republik innerhalb eines f\u00f6derativen Russlands. Unmittelbar nach der Oktoberrevolution verk\u00fcndete die Regierung Lenins als eines ihrer Grundprinzipien das Selbstbestimmungsrecht aller unterdr\u00fcckten Nationen des Reiches bis hin zum Recht auf Lostrennung.<\/p>\n<p>Dabei ging es nicht darum, die Russen von den unterdr\u00fcckten V\u00f6lkern des Zarenreiches loszul\u00f6sen, vielmehr sollte eine Gemeinschaft freier V\u00f6lker im revolution\u00e4ren Kampf gegen Gro\u00dfgrundbesitzer und Kapitalisten entstehen. Daraufhin erkl\u00e4rte das ukrainische Parlament, die Rada, die Ukraine zur Volksrepublik; in den Wahlen erhielten die nichtbolschewistischen Parteien eine Mehrheit. Die Bolschewiki in der Ukraine erkannten die Staatlichkeit des Landes an, indem sie sich noch 1917 zu einer selbst\u00e4ndigen Partei konstituierten.<\/p>\n<p>Doch stellte sich die Ukrainische Volksrepublik in den anstehenden Verhandlungen Sowjetrusslands mit den Mittelm\u00e4chten aufseiten der letzteren. Die Bolschewiki um Trotzki waren daraufhin gezwungen, in Brest-Litowsk eine Delegation der Rada als Verhandlungspartner zuzulassen. Als Gegenspieler der Rada riefen ukrainische Bolschewiki Anfang Januar 1918 unter Christian Rakowski die Ukrainische Sowjetrepublik mit Charkiw als Hauptstadt aus. Im Juli 1918 gr\u00fcndete sich die Kommunistische Partei der Ukraine. Ein Teil der Ukrainischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei schloss sich ihr an. Diese war im Jahr 1900 unter dem Namen Revolution\u00e4re Ukrainische Partei gegr\u00fcndet worden; zu ihren fr\u00fchen Politikern geh\u00f6rte Symon Petljura, der in den Jahren 1919\u20131920 kurzzeitig Pr\u00e4sident der Ukrainischen Volksrepublik werden sollte. Seine Partei trat f\u00fcr eine nationale Autonomie der Ukraine ein \u2013 wie weit diese Autonomie gehen sollte, blieb innerhalb der Partei umstritten. Die gro\u00dfe Mehrheit, darunter auch Petljura, stellte sich jedoch gegen die Bolschewiki.<\/p>\n<p><strong>Der sowjetische Standpunkt<\/strong><\/p>\n<p>In den Jahren 1918\u20131919 war die Ukraine unter wechselnden Regierungen Hauptschauplatz des russischen B\u00fcrgerkrieges, bevor Ende 1919 Trotzkis Rote Armee die Wei\u00dfen unter Anton Denikin besiegte und 1920 das gesamte Territorium einnahm. Den blutigen Massakern an J\u00fcdinnen und Juden, die \u00fcberwiegend von der wei\u00dfen Armee und marodierenden Banden begangen wurden, fielen bis zu 150.000 Menschen zum Opfer \u2013 es war die gr\u00f6\u00dfte Vernichtungswelle vor Auschwitz.<\/p>\n<p>Die bislang zum Habsburgerreich geh\u00f6rende Westukraine hatte sich ebenfalls 1918 zur Volksrepublik erkl\u00e4rt. Ihre geplante Vereinigung mit der Ostukraine verhinderten jedoch polnische Truppen, sodass die Westukraine Teil des neuen polnischen Staates wurde. Die Zerschlagung der Tschechoslowakei im M\u00e4rz 1939 durch das Nazi-Regime f\u00fchrte zur Bildung einer Regierung in der Karpato-Ukraine, jenem westlichsten Teil der Ukraine, der seit 1918\/19 zur Tschechoslowakei geh\u00f6rt hatte. Die Nazis \u00fcbergaben jedoch nach wenigen Tagen die eroberte Karpato-Ukraine an das verb\u00fcndete Ungarn. Die polnische Westukraine wurde im September 1939 zwischen Deutschland und der Sowjetunion aufgeteilt.<\/p>\n<p>All dies lag am 28. Dezember 1919 noch in der Zukunft, als sich Lenin in einem \u00abBrief an die Arbeiter und Bauern der Ukraine anl\u00e4sslich der Siege \u00fcber Denikin\u00bb wandte. Die Unabh\u00e4ngigkeit der Ukraine sei \u00absowohl vom Gesamtrussischen Zentralexekutivkomitee der RSFSR, der Russischen Sozialistischen F\u00f6derativen Sowjetrepublik, als auch von der Kommunistischen Partei Russlands (Bolschewiki) anerkannt worden. Darum ist es ganz offensichtlich und allgemein anerkannt, dass nur die ukrainischen Arbeiter und Bauern selbst auf ihrem Gesamtukrainischen Sowjetkongress die Frage entscheiden k\u00f6nnen und entscheiden werden, ob die Ukraine mit Russland verschmelzen oder ob sie eine selbst\u00e4ndige und unabh\u00e4ngige Republik bleiben soll, und welcher Art im letzteren Fall die f\u00f6derative Verbindung zwischen ihr und Russland sein soll. \u00bb<\/p>\n<p>Die Interessen der Werkt\u00e4tigen und ihr Erfolg im Kampf f\u00fcr die v\u00f6llige Befreiung der Arbeit vom Joch des Kapitals sollte bei der L\u00f6sung dieser Frage im Mittelpunkt stehen. \u00abWir wollen ein freiwilliges B\u00fcndnis der Nationen, ein B\u00fcndnis, das keinerlei Gewaltanwendung einer Nation gegen\u00fcber einer anderen zul\u00e4sst, ein B\u00fcndnis, das auf vollem Vertrauen, auf klarer Erkenntnis der br\u00fcderlichen Einheit, auf v\u00f6llig freiwilliger \u00dcbereinkunft gegr\u00fcndet ist. \u00bb<\/p>\n<p>Lenin riet in diesen Fragen zu gr\u00f6\u00dfter Behutsamkeit, um zu verhindern, dass nationale Zwietracht die Reihen der Bolschewiki spalte. Er ging davon aus, dass die bolschewistische F\u00fchrung der Ukraine sich mit Sowjetrussland in einer Interessenidentit\u00e4t befinde. Separatistische Tendenzen, die die Ukraine in einen Gegensatz zu Moskau treiben k\u00f6nnten, galt es vornherein zu unterbinden.<\/p>\n<p>Aus eben diesem Grund erfolgte im Januar 1919 die Ernennung Christian Rakowskis zum Vorsitzenden des Zentralen Exekutivkomitees, also zum Ministerpr\u00e4sidenten der Sowjet-Ukraine \u2013 eine Funktion, die er bis 1923 innehatte. Da die sozialistische Revolution das Privateigentum abschaffe, so Rakowski, beseitige sie auch die Grundlage der staatlichen Ordnung der Bourgeoisie, wie er in seinem Aufsatz \u00abDie Beziehungen zwischen den Sowjet-Republiken\u00bb (1920) schrieb.<\/p>\n<p>Alle nationalen Privilegien w\u00fcrden aufgehoben. Durch die politische und wirtschaftliche Zentralisierung in Form einer vor\u00fcbergehenden internationalen F\u00f6deration solle andererseits jeder nationale Partikularismus unterdr\u00fcckt werden. Das Zentrale Exekutivkomitee der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik entschlo\u00df im Juni 1919, eine Reihe von Kommissariaten beider Republiken zu vereinigen, n\u00e4mlich die Kommissariate f\u00fcr Heereswesen, Verkehr, Finanzen, Arbeit, Post und Telegrafen und den Obersten Volkswirtschaftrat. Das Zentralexekutivkomitee der Russischen Sowjetrepublik best\u00e4tigte diesen Beschluss.<\/p>\n<p>Rakowski kritisierte die ukrainischen Nationalisten daf\u00fcr, dass sie die soziale Befreiung der Arbeiterklasse der nationalen Frage opfern w\u00fcrden. Dabei untersch\u00e4tzte er m\u00f6glicherweise die Gefahren des russischen Nationalismus und Chauvinismus \u2013 jenes Chauvinismus, f\u00fcr den Putin heute steht.<\/p>\n<p><strong>Revolution und Konterrevolution<\/strong><\/p>\n<p>Am Ende des B\u00fcrgerkrieges war die Ukraine ein verw\u00fcstetes Land. Die Jahre 1921 und 1922 waren von einer katastrophalen Hungersnot gepr\u00e4gt. Nach der Konstituierung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR), der die Ukraine Ende 1922 als Gr\u00fcndungsmitglied beitrat, besserte sich die Lage: Die Neue \u00d6konomische Politik (NEP) sorgte f\u00fcr eine Erholung der Wirtschaft, die ukrainische Sprache und Kultur wurde gef\u00f6rdert, nach der Beseitigung der antisemitischen Gesetzgebung erlebte die intellektuelle j\u00fcdische Kultur einen beispiellosen Aufschwung.<\/p>\n<p>Dies \u00e4nderte sich mit dem Sieg der Stalin-Fraktion \u00fcber seine innerparteilichen Gegner am Ende der 1920er Jahre. Die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, die wirtschaftlich bedingte Hungersnot und die brutale politische Verfolgung bis hin zur Aushungerung ganzer Gebiete, der Holodomor (Ukrainisch: T\u00f6tung durch Hunger) kosteten mindestens 4 Millionen Menschen das Leben.<\/p>\n<p>Bis in die Zeit der Perestroika leugnete die Geschichtswissenschaft und Publizistik in der Sowjetunion diesen massenhaften Hungertod. In der Ukraine blieb die inoffizielle Erinnerung an dieses Trauma jedoch lebendig. Der 2005 gew\u00e4hlte Pr\u00e4sident Wiktor Juschtschenko setzte sich besonders f\u00fcr eine Aufarbeitung der Geschichte ein. Als dieser den damaligen russischen Pr\u00e4sidenten Dmitri Medwedew 2008 zum offiziellen staatlichen Gedenken einlud, lehnte Medwedew jedoch ab \u2013 mit der Begr\u00fcndung, dies f\u00fchre zur Entfremdung zwischen der russischen und ukrainischen Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Im Westen, zumal im ukrainischen Exil, aber auch in der internationalen Sozialdemokratie war die Erinnerung an den Holodomor stets gegenw\u00e4rtig, dennoch wurde sie immer erfolgreicher von der politischen Rechten beansprucht. Schon seit Ende der 1920er Jahre erstarkten in der polnischen Westukraine faschistische Kr\u00e4fte auf Kosten der bisher starken Linken: 1929 entstand in Wien die Organisation der Ukrainischen Nationalisten (OUN), die sich am italienischen Faschismus orientierten. Ihr paramilit\u00e4rischer Arm ver\u00fcbte zahlreiche Terrorakte, unter anderem gegen sowjetische Diplomaten, und ihre politischen Akteure unterwanderten legale Parteien, Organisationen und Universit\u00e4ten, vor allem in der Westukraine.<\/p>\n<p>Nach dem deutschen \u00dcberfall auf die Sowjetunion bildete die OUN SS-Einheiten sowie Milizen und war an den antisemitischen Pogromen beteiligt, darunter am gr\u00f6\u00dften Massaker au\u00dferhalb der Lager, der Erschie\u00dfung von \u00fcber 33.000 J\u00fcdinnen und Juden in Babyn Jar bei Kiew am 29. und 30. September 1941. Die OUN stellte Freiwillige f\u00fcr die KZ-Wachmannschaften und hoffte, von Hitler-Deutschland einen eigenen Staat zu erhalten. Als dies (nach anf\u00e4nglicher Duldung einer Regierung) nicht geschah, \u00fcberwarf sie sich mit dem Nazi-Regime. Ihr Anf\u00fchrer Stepan Bandera wurde im KZ Sachsenhausen inhaftiert, jedoch in einer Sonderbaracke mit besseren Haftbedingungen.<\/p>\n<p>In der Sowjetunion wurde dem Verbrechen von Babyn Jar nur z\u00f6gerlich gedacht; erst 1961 \u00e4nderte sich dies teilweise, nachdem der russische Schriftsteller und Lyriker Jewgenj Jewtuschenko in einem eindrucksvollen Gedicht daran erinnerte, dass die Opfer nahezu ausschlie\u00dflich J\u00fcdinnen und Juden gewesen waren. Stepan Bandera wurde seinerseits bereits zwei Jahre vorher in M\u00fcnchen von einem sowjetischen Geheimdienstagenten erschossen.<\/p>\n<p><strong>Das Gespenst des ukrainischen Faschismus<\/strong><\/p>\n<p>Am 1. Januar 2009 gab die ukrainische Post zum Anlass von Banderas 100. Geburtstag eine Sonderbriefmarke mit seinem Konterfei heraus und im Januar 2010 verlieh ihm der damalige Pr\u00e4sident Juschtschenko posthum den Ehrentitel \u00abHeld der Ukraine\u00bb. Die Regierungen Russlands und Polens protestierten. Die Ehrung wurde schon im M\u00e4rz des gleichen Jahres durch den neuen, soeben gew\u00e4hlten prorussischen Pr\u00e4sidenten der Ukraine, Wiktor Janukowytsch, widerrufen.<\/p>\n<p>In Teilen der Maidan-Bewegung wurde Bandera als Held und M\u00e4rtyrer der ukrainischen Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung erinnert. Im Jahr 2015, ein Jahr nach dem Machtwechsel, ehrte das ukrainische Parlament die OUN als \u00abUnabh\u00e4ngigkeitsbewegung\u00bb. Im folgenden Jahr wurde in Kiew infolge der Dekommunisierungs- und Derussifizierungs-Kampagne der Moskauer Prospekt in Stepan-Bandera-Prospekt umbenannt. Besonders im Westen der Ukraine wird Bandera auch heute noch hochgeachtet; zahlreiche Stra\u00dfen, Museen und Denkm\u00e4ler sind ihm gewidmet und auch die nationalistische und antisemitische Partei Swoboda (Freiheit), die faschistische Organisation Prawyj Sektor (Rechter Sektor), das paramilit\u00e4rische Asow-Regiment und andere rechtsextreme Gruppierungen berufen sich auf ihn.<\/p>\n<p>In der Ostukraine wie in Russland, Polen, Israel und Deutschland gilt Bandera jedoch mit Recht als Nazi-Kollaborateur und Kriegsverbrecher. Die russischen Warnungen vor einem Neofaschismus in der Ukraine sind keineswegs der Fantasie entsprungen. Inwieweit der Pr\u00e4sident der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj, dem entgegenwirken kann, ist offen. In der Vergangenheit war Selenskyj vor allem wegen seiner Verbindungen zu Oligarchen wie Ihor Kolomojskyj umstritten; heute ist er Kopf und Symbol des demokratischen Widerstandes. J\u00fcngste Wahlergebnisse zeigen, dass der Neofaschismus seine Anziehungskraft in der Ukraine deutlich eingeb\u00fc\u00dft hat. Eine ukrainische Zivilgesellschaft ist trotz aller Widerspr\u00fcche im Wachsen. Gerade aber diese f\u00fcrchtet Putin und denunziert sie deshalb als faschistisch.<\/p>\n<p><strong>Wer im Glashaus sitzt<\/strong><\/p>\n<p>Auch Wladimir Putin bedient sich antisemitischer Idole, um seinen gro\u00dfrussischen Chauvinismus zu st\u00fctzen. Dabei bezieht er sich besonders auf Anton Denikin, dem F\u00fchrer der Wei\u00dfen Armee in S\u00fcdrussland und Hauptverantwortlichen der Judenmorde von 1919. Denikin war 1947 in den USA verstorben und mit milit\u00e4rischen Ehren begraben worden. Auf Anordnung Putins wurden seine Gebeine 2005 nach Moskau \u00fcberf\u00fchrt und auf dem Donskoj-Friedhof bestattet. Im Mai 2009 betonte Putin in der <a href=\"https:\/\/www.kyivpost.com\/article\/content\/ukraine-politics\/putin-you-certainly-should-read-anton-denikins-dia-42032.html\"><em>Kyiv Post<\/em><\/a>, wie lesenswert Denikins Tagebuch sei, das gelte ganz besonders f\u00fcr die Stellen, in denen Denikin die Ukraine als einen untrennbaren Teil Russlands beschrieb.<\/p>\n<p>Diese Doktrin des unteilbaren Russlands nutzte Putin f\u00fcr seine Okkupation der Krim wie f\u00fcr die Unterst\u00fctzung der separatistischen Bewegungen in den \u00ab<a href=\"https:\/\/jacobinmag.com\/2022\/03\/donbas-donetsk-luhansk-ukraine-russia-putin\">Volksrepubliken<\/a>\u00bb der Ostukraine. So sehr er auch den Gedanken einer Wiederherstellung der Sowjetunion beschw\u00f6rt, seine Vision von der Gr\u00f6\u00dfe Russland wurzelt in der Verehrung des Zarenregimes und dem Denken des antikommunistischen Exils.<\/p>\n<p>Der in Russland breit bekannte Journalist und Amateur-Historiker Wladimir Bolschakow ist Putins Biograph (und auch der von Marine Le Pen). In der Sowjetunion war er als <em>Prawda<\/em>-Korrespondent in mehreren L\u00e4ndern t\u00e4tig. Seine Arbeit galt vor allen Dingen der \u00abAufdeckung\u00bb eines antikommunistisch-zionistischen, von der amerikanischen Hochfinanz gekn\u00fcpften Netzwerkes. Nach dem Ende der Sowjetunion entfiel die \u00abantizionistische\u00bb Tarnung zugunsten eines offenen Antisemitismus. So widmet sich Bolschakows Buch <em>Mit Talmud und roter Flagge <\/em>(im russischen Original unter dem Titel <em>S talmudom i krasnym flagom<\/em> erschienen) eingangs Leo Trotzki als dem Hauptdrahtzieher einer antirussischen \u00abVerschw\u00f6rung\u00bb. Trotzki und andere j\u00fcdische Bolschewiki seien \u00abvom amerikanischen Bankier und aktiven Zionisten Jacob Schiff, dem Besitzer der Bank Kuhn &amp; Loeb, den Bankiers Warburg, den Rothschilds und anderen finanziert\u00bb worden. Kommunismus, j\u00fcdisches Finanzkapital und Zionismus erg\u00e4nzten und st\u00fctzten einander, so Bolschakow, in einer globalen Operation zur Eroberung der Weltherrschaft.<\/p>\n<p>Putin hat sich zwar, soweit bekannt, selbst nicht antisemitisch ge\u00e4u\u00dfert, doch hat er mit seinem gro\u00dfrussischen Chauvinismus den Boden f\u00fcr einen Antisemitismus bereitet, der in der Tradition der \u00abProtokolle der Weisen von Zion\u00bb und der fr\u00fchfaschistischen Massenbewegung Schwarze Hundert steht.<\/p>\n<p>Mit der \u2013 nicht einmal neuen \u2013 Verleumdung Trotzkis als bezahlter Agent des j\u00fcdischen Finanzkapitals soll zum anderen nicht nur der j\u00fcdische Revolution\u00e4r, sondern auch der Internationalist und Interessenvertreter der ukrainischen Werkt\u00e4tigen getroffen werden.<\/p>\n<p>Die Kommunistische Partei der Russl\u00e4ndischen F\u00f6deration (KPRF) bezieht zum \u00dcberfall auf die Ukraine eine \u00e4hnlich erb\u00e4rmliche Haltung wie die deutschen Kaisersozialisten bei Kriegsbeginn 1914. Die Operationen der russischen Armee seien nicht nur im Interesse Russlands, sondern auch der Ukraine. Manche Leute verst\u00fcnden \u00ab<a href=\"https:\/\/www.rline.tv\/news\/2022-03-02-dmitriy-novikov-zadacha-vernut-narodam-ukrainy-i-rossii-obshchuyu-istoriyu-i-obshchee-soznanie-\/\">diese Tatsache immer noch nicht, aber ihretwegen sind Entmilitarisierung und Entnazifizierung notwendig<\/a>\u00bb, erkl\u00e4rte der stellvertretende Parteivorsitzende Dmitri Nowikow, der den Eroberungskrieg mit den offiziellen Propagandavokabeln zu rechtfertigen versucht.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr Sozialismus und Souver\u00e4nit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Doch mit der Idee einer unabh\u00e4ngigen Ukraine haben sich auch tats\u00e4chliche Linke jahrzehntelang sehr schwer getan. Sie unterst\u00fctzten zwar verbal das Selbstbestimmungsrecht der V\u00f6lker, doch wenn die wirklichen \u2013 oft aber nur vermeintlichen \u2013 Interessen der Sowjetunion gef\u00e4hrdet schienen, trat dieses in den Hintergrund. Eine Ausnahme bildete neben Lenin auch Trotzki.<\/p>\n<p>\u00abDie ukrainische Frage, die viele Regierungen, viele \u2039Sozialisten\u203a und sogar \u2039Kommunisten\u203a zu vergessen oder in die tiefsten Schubf\u00e4cher der Geschichte zu vergraben suchten, wurde wieder einmal auf die Tagesordnung gesetzt, und diesmal mit verdoppelter Kraft \u2026 Durch vier Staaten gekreuzigt, nimmt heute die Ukraine im Schicksal Europas dieselbe Stellung ein, die seinerzeit Polen einnahm mit dem Unterschied jedoch, dass heute die internationalen Beziehungen unvergleichlich gespannter und die Entwicklungstempi rascher geworden sind. Die ukrainische Frage wird in der allern\u00e4chsten Zukunft im Leben Europas eine gewaltige Rolle spielen. \u00bb Diese Worte schrieb Trotzki im April 1939 im mexikanischen Exil auf Veranlassung von Angeh\u00f6rigen der in Kanada lebenden ukrainischen Diaspora f\u00fcr die Zeitschrift <em>Socialist Appeal <\/em>(der Aufsatz erschien im Deutschen unter dem Titel \u00abDie ukrainische Frage\u00bb).<\/p>\n<p>Unter den Kanadierinnen und Kanadiern ukrainischer und ukrainisch-j\u00fcdischer Herkunft gab es damals viele Linke; ein Drittel der Gr\u00fcndungsmitglieder der Kommunistischen Partei Kanadas stammte aus der Ukraine. Der R\u00fcckgriff auf Polen, \u00abdurch vier Staaten gekreuzigt\u00bb, erinnerte an die Haltung der Ersten Internationale im 19. Jahrhundert: Diese hatte ein vereintes, unabh\u00e4ngiges Polen trotz dessen wahrscheinlich katholisch-konservativer Ausrichtung unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Trotzki kam mehrmals auf diese Frage zur\u00fcck. Eine von der Vierten Internationale in den USA abgespaltene Gruppe beschuldigte ihn, die Interessen der Sowjetunion zu verraten. In \u00abDie Unabh\u00e4ngigkeit der Ukraine und die sektiererischen Wirrk\u00f6pfe\u00bb erwiderte Trotzki am 30. Juli 1939, das Recht der Nationen auf Selbstbestimmung sei ein demokratisches Prinzip, jedoch \u00abmit den sozialistischen Aufgaben eng verkn\u00fcpft. Der entschiedene Kampf der bolschewistischen Partei f\u00fcr das Recht der unterdr\u00fcckten Nationen Russlands auf Selbstbestimmung hat dem Proletariat die Machteroberung au\u00dferordentlich erleichtert. Der proletarische Umsturz l\u00f6ste auch die demokratischen Aufgaben, vor allem das Agrarproblem und die Nationalit\u00e4tenfrage, wodurch die russische Revolution einen kombinierten Charakter erhielt.<\/p>\n<p>Das Proletariat hatte sich bereits sozialistische Aufgaben gestellt, doch es konnte auch die Bauernschaft und die unterdr\u00fcckten Nationalit\u00e4ten (in ihrer Mehrheit Bauern), die noch mit der L\u00f6sung ihrer demokratischen Aufgaben besch\u00e4ftigt waren, nicht sofort auf dieses Niveau heben. Das erkl\u00e4rt die historisch unvermeidbaren Kompromisse in der Agrar- und in der Nationalit\u00e4tenfrage.\u00bb<\/p>\n<p>Nur wenig sp\u00e4ter, am 20. August 1940, wurde Trotzki von einem Agenten Stalins ermordet. Weitere zehn Monate darauf, am 22. Juni 1941, \u00fcberfiel Nazi-Deutschland die Sowjetunion. Zun\u00e4chst errang die Wehrmacht in der Ukraine schnelle Siege. Das lag unter anderem auch daran, dass Teile der Bev\u00f6lkerung nach der Stalin-Herrschaft einer Illusion der Befreiung verfielen, bis sie erkennen mussten, dass Hitlers Regime noch weitaus grausamer war. Doch die Denkweise Stalins und der Zaren ist unter Putin nach Russland zur\u00fcckgekehrt \u2013 und damit auch die L\u00fcge, die ukrainische Bev\u00f6lkerung sei ein Volk zweiter Klasse, das keiner eigenen Staatlichkeit bed\u00fcrfe.<\/p>\n<p>Der Kampf gegen Chauvinismus, Militarismus, Antikommunismus und Antisemitismus verbindet sich ohne Wenn und Aber mit dem Kampf um eine unabh\u00e4ngige Ukraine, \u00fcber deren k\u00fcnftiges Schicksal nur die Ukrainerinnen und Ukrainer \u2013 und nur sie allein \u2013 selbst bestimmen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Nichts kann auch der russischen Bev\u00f6lkerung willkommener sein, als eine unabh\u00e4ngige Ukraine, denn: \u00abEin Volk, das andere unterdr\u00fcckt, kann sich nicht selbst emanzipieren. Die Macht, deren es zur Unterdr\u00fcckung der andern bedarf, wendet sich schlie\u00dflich immer gegen es selbst. \u00bb Diese Worte richtete Friedrich Engels in seiner Arbeit \u00abFl\u00fcchtlingsliteratur\u00bb aus dem Jahr 1874 gegen die russische Besetzung Polens \u2013 sie sind heute so aktuell wie damals.<\/p>\n<p><em>#Bild: Christian Rakowski und Leo Trotzki traten f\u00fcr eine Selbstbestimmung der Ukraine ein <\/em><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Rakovsky_and_trotsky_circa_1924_trimmed.jpg?uselang=de\"><strong><em>Wikimedia Commons<\/em><\/strong><\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.rosalux.de\/news\/id\/46176\/die-vergessene-geschichte-ukrainischer-unabhaengigkeit\"><em>rosalux.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 12. Oktober 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mario Kessler. Putin versucht seine brutale Invasion der Ukraine aus der Geschichte herzuleiten: Er erkennt dem Land die Staatlichkeit ab, indem er behauptet, die Bolschewiki h\u00e4tten die Ukraine gegen den Willen der Bev\u00f6lkerung von Russland &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":11819,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6],"tags":[25,39,31,12,84,119,38,27,20,83,21,19,17,118],"class_list":["post-11818","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","tag-arbeiterbewegung","tag-deutschland","tag-erster-weltkrieg","tag-lenin","tag-oesterreich","tag-polen","tag-russische-revolution","tag-russland","tag-sowjetunion","tag-stalinismus","tag-trotzki","tag-ukraine","tag-widerstand","tag-zweiter-weltkrieg"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11818","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11818"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11818\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11820,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11818\/revisions\/11820"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/11819"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11818"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=11818"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=11818"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}