{"id":11824,"date":"2022-10-03T11:34:17","date_gmt":"2022-10-03T09:34:17","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11824"},"modified":"2022-10-03T11:34:18","modified_gmt":"2022-10-03T09:34:18","slug":"ein-halbes-jahr-ukraine-krieg-putins-endspiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11824","title":{"rendered":"Ein halbes Jahr Ukraine-Krieg: Putins Endspiel?"},"content":{"rendered":"<p><em>Martin Suchanek. <\/em>Die massiven Gel\u00e4ndeverluste der russischen Armee im September 2022 haben Putin und sein Regime auf die Verliererstra\u00dfe gebracht. Innerhalb weniger Wochen musste sie mindestens 6.000 Quadratkilometer im Osten und S\u00fcden des Landes r\u00e4umen. Der rasche Vorsto\u00df der ukrainischen Armee, die mancherorts geradezu panikartige Flucht der russischen Einheiten und<!--more--> die weitere milit\u00e4rische und finanzielle Unterst\u00fctzung des Kiewer Regimes haben im Kreml die Alarmglocken schrillen lassen \u2013 und zugleich eine weitere Runde der Eskalation er\u00f6ffnet.<\/p>\n<p><strong>Verkalkuliert<\/strong><\/p>\n<p>Schon heute steht fest: Putin hat sich bez\u00fcglich der Invasion gleich in mehrfacher Hinsicht verkalkuliert. Das Ziel, das Land selbst unter Kontrolle zu bringen, Kiew zu erobern und einen prorussischen Regimewechsel zu erzwingen, scheiterte innerhalb weniger Wochen am entschlossenen Widerstand der ukrainischen Armee, die seit 2014 vom Westen umstrukturiert und massiv aufger\u00fcstet worden war. Der reaktion\u00e4re Angriffskrieg und die brutale Vertreibung von Millionen Menschen, der Mord an tausenden Zivilist:innen und die Zerst\u00f6rung ziviler Infrastruktur trieb die Bev\u00f6lkerung zum Widerstand gegen die Besatzer:innen.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite wurde deutlich, dass die Invasionsstreitmacht Russlands schlecht vorbereitet war. Sie \u00fcberdehnte ihre Nachschublinien, kam nur in den s\u00fcdlichen Landesteilen rasch voran, w\u00e4hrend der Tross vor Kiew langsam zerm\u00fcrbt wurde. Dar\u00fcber hinaus erwies sich bald, dass die russischen Soldat:innen in den ersten Wochen oft aus jungen Rekrut:innen bestanden, die meist selbst nicht wussten, wof\u00fcr und wo sie eigentlich eingesetzt wurden.<\/p>\n<p>Kurzum, die russische F\u00fchrung hatte die ukrainische Armee ebenso unter- wie die eigenen Truppen \u00fcbersch\u00e4tzt.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus verkalkulierte sie sich bez\u00fcglich der Reaktion des Westens. Dabei hatte die russische Regierung seit Jahren den USA, den anderen westlichen imperialistischen M\u00e4chten und ihren osteurop\u00e4ischen Vasall:innen vorgeworfen, die NATO und ihre Einflusssph\u00e4re immer weiter gegen Russland auszudehnen und die Ukraine sp\u00e4testens mit dem Maidanputsch in ihren Orbit gebracht zu haben. Durchaus zurecht warf der russische Imperialismus dem Westen vor, in die von ihm beanspruchten halbkolonialen Einflussgebiete in Georgien oder eben in der Ukraine vorzudringen.<\/p>\n<p>Ganz zu Unrecht, wenn auch nicht anders als z.\u00a0B. andere imperialistische M\u00e4chte in ihrem \u201eHinterhof\u201c, leitete Putin daraus ab, dass nur ein milit\u00e4rischer Pr\u00e4ventivschlag, also eine Invasion, das \u00f6konomisch und politisch ansonsten Unvermeidliche abwenden k\u00f6nnte, n\u00e4mlich die Westintegration der Ukraine. Und ganz zu Unrecht spekulierte das russische Regime darauf, dass die \u201everweichlichten\u201c USA und EU keine signifikante Hilfe leisten w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Ironischer Weise hat Putins Angriffskrieg, der zuerst noch als \u201eantifaschistische Spezialoperation\u201c verharmlost wurde, all das beschleunigt. In jedem Fall aber untersch\u00e4tzte er, dass der Westen der Ukraine mit massiven \u00f6konomischen und milit\u00e4rischen Hilfen beispringen und seinerseits einen Wirtschaftskrieg mit einschneidenden Sanktionen gegen Russland starten w\u00fcrde. H\u00e4tte die russische Armee, wie deren politische F\u00fchrung erhofft hatte, rasch einen Sieg errungen, w\u00e4re Putins zynisches Kalk\u00fcl vielleicht aufgegangen.<\/p>\n<p>So aber nahmen die westlichen imperialistischen M\u00e4chte den Fehdehandschuh auf. Dies kam nicht von ungef\u00e4hr. Schon seit der sog. orangenen Revolution 2004 und vor allem seit dem Maidanputsch 2014 stand die Ukraine im Zentrum des Kampfes um die Neuaufteilung der Welt zwischen den USA, der EU und Russland.<\/p>\n<p>Der reaktion\u00e4re Krieg Russlands er\u00f6ffnete die M\u00f6glichkeit, der eigenen Machtpolitik demokratische Legitimation, die eigenen Ziele wie Osterweiterung der NATO, Ausweitung von R\u00fcstungsbudgets und Sanktionen gegen Russland als quasi uneigenn\u00fctzigen Akt der Unterst\u00fctzung von Demokratie und Selbstbestimmung hinzustellen.<\/p>\n<p>Vor allem aber bot die Widerstandskraft der Ukraine die Chance, dem russischen Rivalen eine schwere Niederlage zu bereiten \u2013 sei es milit\u00e4risch in der Ukraine, vor allem aber politisch und \u00f6konomisch.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr nahmen und nehmen die westlichen M\u00e4chte auch massive eigene Sch\u00e4den und eine Versch\u00e4rfung der Weltwirtschaftskrise, Inflation, Engp\u00e4sse bei Energie und Lebensmittelversorgung f\u00fcr zahlreiche L\u00e4nder in Kauf. F\u00fcr die USA bot sich zus\u00e4tzlich die Gelegenheit, selbst die F\u00fchrungsrolle im westlichen NATO-Lager, die unter Trump massiv in Frage gestellt worden war, wieder herzustellen. Die EU und deren Hauptm\u00e4chte Deutschland und Frankreich werden f\u00fcr die n\u00e4chste Zeit eine weltpolitisch betrachtet untergeordnete Rolle spielen . Dar\u00fcber hinaus tragen sie auch die Hauptlast des wirtschaftlichen Bruchs mit Russland und der Sanktionen.<\/p>\n<p>Unter F\u00fchrung der USA setzte der Westen auf eine nachhaltige Schw\u00e4chung Russlands \u2013 und dar\u00fcber vermittelt auch auf eine geostrategische Chinas.<\/p>\n<p>Der Krieg mag zwar enorme Kosten verursachen \u2013 eine sp\u00e4tere Konfrontation w\u00e4re jedoch angesichts des seit mehr als einem Jahrzehnt anhaltenden, stetigen Niedergangs der US-Hegemonie und der Dauerkrise der EU wom\u00f6glich noch viel teurer.<\/p>\n<p>Die Ukraine wurde und wird daher mit Milliarden gest\u00fctzt und milit\u00e4risch aufger\u00fcstet, weil sie einen Stellvertreterkrieg f\u00fcr den Westen f\u00fchrt, der letztlich den Kampf um die Selbstverteidigung des Landes \u00fcberlagert, ja den Charakter des Konflikts pr\u00e4gt. Wie weit sie dabei milit\u00e4risch letztlich gehen kann, h\u00e4ngt folgerichtig nicht vom eigenen Regime, sondern vom Westen, genauer von den USA ab.<\/p>\n<p>Die Niederlagen der russischen Armee im September haben dabei auch die M\u00f6glichkeit oder jedenfalls Drohung eines milit\u00e4rischen Sieges der Ukraine aufgeworfen.<\/p>\n<p><strong>Die Logik hinter der Eskalation<\/strong><\/p>\n<p>In jedem Fall haben sie den Kreml in Alarm versetzt. Von einer \u201eSpezialoperation\u201c sprechen Putin und seine engsten Gefolgsleute schon lange nicht mehr. Im Gegenteil: Der Krieg wird nun als solcher mit dem Westen, um die Weltordnung benannt. Au\u00dfenminister Lawrow sieht das Land von Feinden umkreist, die Russland, seine Nation, seine Kultur, vor allem aber seine Stellung in der Welt zerst\u00f6ren wollen. Die Existenz einer ukrainischen Nation und deren Selbstbestimmungsrecht werden geleugnet und von Putin als bolschewistische Konstruktion \u201eentlarvt\u201c. Lassen wir den russisch-nationalistischen und v\u00f6lkischen Plunder beiseite, so tritt dahinter hervor, dass es um die Neuaufteilung der Welt geht. Und die will Russland zu seinen Gunsten ver\u00e4ndern, auch wenn es dabei im Moment ziemlich schlechte Karten in der Hand h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Der \u00dcberfall auf die Ukraine erweist sich dabei schon jetzt als politisches Abenteuer, in das sich der Kreml nur noch tiefer zu verstricken droht. Um die Lage zu wenden, wird sie versch\u00e4rft.<\/p>\n<p>In den vier von Russland kontrollierten ukrainischen Verwaltungsbezirken Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson wurden Ende September Referenden \u00fcber den Beitritt zu Russland durchgef\u00fchrt. Im Land selbst ordnet das Regime eine Teilmobilmobilisierung von 300.000 Reservist:innen an.<\/p>\n<p>Die Referenden im Donbass (Donezbecken) und im S\u00fcdosten des Landes stellen dabei eine krude Mischung aus Symbolpolitik und Annexion dar. Die Symbolpolitik besteht darin, dass sich der russische Staat mit einer pseudodemokratischen Farce ein bisschen Legitimit\u00e4t f\u00fcr seine Eroberungen beim russischen Publikum erkaufen will. Mit der inszenierten Zustimmung von 90 \u2013 100\u00a0%, die nach der Vertreibung Hunderttausender v. a. aus Saporischschja und Cherson mit vorgehaltenen Maschinengewehren erzwungen wird, mag vielleicht notd\u00fcrftig ein nationaler Erfolg in Russland pr\u00e4sentiert werden. Ob dieser \u00fcber die nationalistische Fangemeinde hinaus auf viel Zustimmung st\u00f6\u00dft, mag angesichts des massiven Unmuts \u00fcber die Teilmobilmachung zur Verteidigung des neuen Staatsgebietes bezweifelt werden.<\/p>\n<p>M\u00f6gen viele auch den Sieg und die St\u00e4rke Russlands wollen, so m\u00f6chten sie daf\u00fcr nicht mit ihrem Leben bezahlen. Die Teilmobilmachung hat dazu gef\u00fchrt, dass Zehntausende fluchtartig das Land in Richtung Georgien, Kasachstan oder Westen verlassen, weil sie f\u00fcr Putins Krieg verst\u00e4ndlicherweise nicht krepieren wollen. Trotz der massiven Repression, trotz Pr\u00fcgelpolizei und tausender Verhaftungen hat allein schon die Ank\u00fcndigung der Teilmobilmachung die gr\u00f6\u00dfte Oppositionsbewegung seit dem Angriff entfacht.<\/p>\n<p>Die Macht des scheinbar allm\u00e4chtigen Putin ger\u00e4t ins Wanken. Der reaktion\u00e4re Krieg mag popul\u00e4r oder wenigstens geduldet sein, solange er den Sieg verspricht. Doch worin soll der bestehen, zumal f\u00fcr die russische Bev\u00f6lkerung? Zehntausende russische Soldat:innen sind f\u00fcr Nation und Weltmachtstellung draufgegangen, zehntausenden Reservist:innen droht bei einem m\u00f6glichen lang anhaltenden Stellungskrieg gegen eine st\u00e4rker werdende ukrainische Armee dasselbe.<\/p>\n<p>Milit\u00e4risch kann die russische Armee allenfalls noch halten, was sie am Beginn der Invasion erobert hat. Die gefakten Referenden erlauben dabei allenfalls die Legitimation des Krieges als Verteidigung des erweiterten \u201eVaterlandes\u201c und umso drastischere Drohgeb\u00e4rden gegen\u00fcber der Ukraine und der Welt, bis hin zum Einsatz von Nuklearwaffen zur vaterl\u00e4ndischen Verteidigung.<\/p>\n<p>Wirtschaftlich befindet sich Russland in einer tiefen Rezession. Dabei hat das Land schon in den letzten zehn Jahren gegen\u00fcber seinen imperialistischen Konkurrent:innen an Boden verloren. Die hohen \u00d6l- und Gaspreise halten zwar den Staatshaushalt \u00fcber Wasser, aber bedeutende Teile der industriellen Produktion stehen still oder arbeiten mit geringer Kapazit\u00e4tsauslastung. Das BIP schrumpft seit dem 2. Quartal 2022 massiv und d\u00fcrfte im Jahresdurchschnitt um mindestens 6\u00a0% einbrechen. Jedenfalls in dieser Hinsicht wirken die westlichen Sanktionen, die die Bev\u00f6lkerung mit Einkommensverlusten und Knappheit an Konsumg\u00fctern zu tragen hat. Hinzu kommt, dass selbst ein Kriegsende keineswegs einen Stopp der Sanktionen und wirtschaftlichen Isolierung bedeuten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Geostrategisch wird Russland ebenfalls geschw\u00e4cht werden, selbst wenn es, was selbst \u00fcberaus fraglich ist, alle vier annektierte Verwaltungsbezirke und die Krim halten und in den russischen Staatsverband einverleiben sollte. Schon jetzt hat sich Russland als unf\u00e4hig erwiesen, in dem von ihm kontrollierten halbkolonialen Umfeld seine Ordnung durchzusetzen. Nicht nur in der Ukraine, auch im Kaukasus drohen Russland, wie der j\u00fcngste Ausbruch des Konflikts zwischen Armenien und Aserbaidschan zeigt, die Felle davonzuschwimmen. Nat\u00fcrlich versucht Russland, in Syrien oder Mali weiter seine Positionen zu halten, aber eine Niederlage in der Ukraine w\u00fcrde weltweit den russischen Imperialismus schw\u00e4chen, gerade weil er auf \u00f6konomischem Gebiet nicht viel zu bieten hat.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Russland seinen Einfluss in der Westukraine und Osteuropa vollst\u00e4ndig an den Westen verloren hat, weitet der Verb\u00fcndete China aufgrund seiner enormen \u00f6konomischen \u00dcberlegenheit seinen Einfluss in den noch von Russland kontrollierten asiatischen ehemaligen Sowjetrepubliken wie Kasachstan aus. Doch dieser Entwicklung muss der Kreml mehr oder weniger tatenlos zusehen, weil der Krieg Russland von China viel abh\u00e4ngiger gemacht hat als zuvor \u2013 und sollte das Regime Putin den Krieg \u00fcberdauern, so wird dies umso gr\u00f6\u00dfer werden.<\/p>\n<p><strong>Schw\u00e4chstes Glied<\/strong><\/p>\n<p>In der imperialistischen Kette entpuppt sich Russland nicht nur als das zurzeit aggressivste, sondern auch schw\u00e4chste Glied. Wie angeschlagene Boxer:innen einen Befreiungsschlag versuchen, so legt der russische Imperialismus seine Reserven in die Waagschale. Zweifellos verf\u00fcgt das Land noch \u00fcber weitere milit\u00e4rische Ressourcen.<\/p>\n<p>Doch was n\u00fctzt eine riesige Armee, was n\u00fctzen riesige Reservist:innenzahlen, wenn die Menschen nicht in den Krieg ziehen wollen, wenn sie die Flucht aus dem Land oder gar den Widerstand vorziehen? Teilweise bewusst, teilweise instinktiv, teilweise aus dem \u201eegoistischen\u201c Motiv, nicht sterben und morden zu wollen, verweigern gr\u00f6\u00dfer werdende Teile der Bev\u00f6lkerung den Waffengang.<\/p>\n<p>Die \u201ePannen\u201c bei der Mobilisierung versch\u00e4rfen den Unmut und die Angst, dass es wirklich jede\/n treffen kann. Zugleich scheint sich auch das Regime bewusst zu sein, dass sich die Kriegsbegeisterung trotz medialer Indoktrination in Grenzen h\u00e4lt. Daher sollen die Reservist:innen auch nicht aus st\u00e4dtischen Zentren wie Moskau oder St. Petersburg rekrutiert werden, sondern vor allem aus Regionen wie Jakutien (Sacha; Nordostsibirien) oder Dagestan (Nordkaukasus). Das Kanonenfutter f\u00fcr die \u201erussische Nation\u201c sollen vorzugsweise Angeh\u00f6rige nationaler Minderheiten liefern.<\/p>\n<p>Auch das bringt den zutiefst reaktion\u00e4ren Charakter des Krieges auf Seiten Russlands und die von den Interessen des Finanzkapitals und der imperialistischen Weltmachtstellung diktierten Kriegsziele zum Ausdruck.<\/p>\n<p>Mittlerweile flohen rund 250.000 Menschen vor der m\u00f6glichen Einberufung vor allem nach Kasachstan und Georgien, aber auch nach Finnland, wobei andere europ\u00e4ische L\u00e4nder diesen Menschen die Einreise verweigern. Darauf wird Russland wohl mit Ausreiseverboten und versch\u00e4rften Grenzkontrollen reagieren.<\/p>\n<p>Noch bedrohlicher k\u00f6nnte es f\u00fcr Putin werden, wenn sich der Widerstand gegen die Teilmobilmachung ausweitet, landesweit organisiert und mit der explosiven sozialen Frage verbindet. W\u00e4hrend die Reservist:innen als Kanonenfutter ihren Kopf f\u00fcr ein Vaterland hinhalten sollen, das von einer kleinen oligarchischen und b\u00fcrokratischen Elite mit dem Despoten Putin an der Spitze kontrolliert wird, verarmen die Arbeiter:innen in Stadt und Land, verlieren ihre Jobs, ihr Einkommen und, wenn es besonders dumm l\u00e4uft, ihr Leben.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich ist schon jetzt absehbar, dass auch die aktuelle Teilmobilisierung nicht ausreichen wird. Hinzu kommt, dass sie auch die Stimmung an der Front nicht gerade hebt, besteht doch ein Effekt der Teilmobilisierung darin, dass jene kriegsm\u00fcden Soldat:innen in der Ukraine, deren Zeitvertr\u00e4ge ablaufen, weiter an der Front bleiben m\u00fcssen.<\/p>\n<p>In dieser Situation muss sich die internationale Arbeiter:innenbewegung ohne Wenn und Aber mit den Protesten in Russland solidarisieren und die Freilassung aller politischen Gefangenen fordern. Auch wenn wir daf\u00fcr eintreten, dass Oppositionelle in Russland gegen das Regime in den Betrieben oder auch in der Armee politisch k\u00e4mpfen, so fordern wir von den westlichen Regierungen die \u00d6ffnung der Grenzen f\u00fcr alle, die aus dem Reich Zar Putins fliehen wollen.<\/p>\n<p>Wir lehnen die Pseudoreferenden in der Ukraine kategorisch ab, die nur eine Eroberung unter russischen Panzern und Maschinengewehren rechtfertigen sollen. Wir verteidigen das Selbstbestimmungs- und Existenzrecht der Ukraine ebenso wie das Recht der Donbassregion und anderer Bezirke, selbst dar\u00fcber zu entscheiden, ob sie eigene Staaten bilden, Russland oder der Ukraine angeh\u00f6ren wollen. Aber Referenden auf Basis von Vertreibung und Besatzung k\u00f6nnen nur eine Farce sein. Sie diskreditieren das Recht der russischen und russischsprachigen Minderheit in der Ukraine auf Selbstbestimmung, statt ihm zu helfen. In der Ukraine m\u00fcssen Revolution\u00e4r:innen jedoch daf\u00fcr eintreten, dass \u00fcber das Schicksal der Krim und Donbassregion weder Russland noch die ukrainischen Nationalist:innen, sondern die dort lebende Bev\u00f6lkerung entscheiden muss.<\/p>\n<p>Eine solche freie Entscheidung setzt jedoch das Ende der Besatzung voraus und zugleich eine entschiedene Opposition gegen den ukrainischen Nationalismus und seine westlichen Geld- und Taktgeber:innen.<\/p>\n<p>Im Westen, in der EU und den USA, muss die Arbeiter:innenbewegung vor allem aber gegen die imperialistischen Ziele des \u201eeigenen\u201c Imperialismus mobilmachen. Das bedeutet Kampf gegen Waffenlieferungen und vor allem Sanktionen, gegen den Wirtschaftskrieg gegen Russland. Die US-amerikanische, deutsche und andere westliche Regierungen verfolgen damit keine demokratischen und humanit\u00e4ren Interessen. Das Selbstbestimmungsrecht der Ukraine und erst recht deren Demokratie sind ihnen v\u00f6llig egal, wie das jahrelange Paktieren mit Ultrarechten beweist. F\u00fcr sie ist die Ukraine vor allem eine Frontlinie auf dem geostrategischen Schlachtfeld und au\u00dferdem ein Reservoir billiger Arbeitskr\u00e4fte und Ressourcen.<\/p>\n<p>Konkret findet dieser Kampf heute auf dem Boden der Mobilisierung gegen die Preissteigerungen, Kosten des Krieges und der Krise statt.<\/p>\n<p>Konkret muss er aber auch die Solidarisierung mit der russischen Protestbewegung in den Vordergrund r\u00fccken. In Russland kann in den n\u00e4chsten Monaten eine Bewegung entstehen, die das Regime Putin selbst von unten ersch\u00fcttern, ja st\u00fcrzen kann. Eine solche Entwicklung wird angesichts der zunehmend schwierigen Lage des russischen Imperialismus und eines drohenden Fiaskos in der Ukraine sogar wahrscheinlicher. Es ist dabei durchaus m\u00f6glich, dass die St\u00fctzen des Regimes einem Sturz Putins zuvorkommen wollen und eine\/n \u201emoderatere\/n\u201c Bonapart:in an seine Stelle setzen wollen. Auch darum wird es von entscheidender Bedeutung sein, sich mit der Protestbewegung in Russland zu solidarisieren und f\u00fcr den Aufbau einer politischen Alternative, einer revolution\u00e4ren Arbeiter:innenpartei zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2022\/09\/30\/ein-halbes-jahr-ukraine-krieg-putins-endspiel\/\"><em>Neue Internationale&#8230;<\/em><\/a><em> vom 3. Oktober 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Martin Suchanek. Die massiven Gel\u00e4ndeverluste der russischen Armee im September 2022 haben Putin und sein Regime auf die Verliererstra\u00dfe gebracht. 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