{"id":11837,"date":"2022-10-05T10:24:14","date_gmt":"2022-10-05T08:24:14","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11837"},"modified":"2022-10-05T10:24:16","modified_gmt":"2022-10-05T08:24:16","slug":"die-nato-verteidigt-die-macht-der-usa-doch-nicht-den-frieden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11837","title":{"rendered":"Die NATO verteidigt die Macht der USA, doch nicht den Frieden"},"content":{"rendered":"<p><em>Eugen Drewermann.<\/em> Seitdem sie gegr\u00fcndet wurde, fast zeitgleich mit der Gr\u00fcndung der Bundesrepublik West 1949, haben wir ein Milit\u00e4rb\u00fcndnis, dessen strategisches Ziel eigentlich schon 1945 definiert wurde.<\/p>\n<p>Damals konnte <strong><em>Winston Churchill<\/em><\/strong> erkl\u00e4ren, dass man die falsche Sau geschlachtet h\u00e4tte: <em>Adolf Hitler<\/em>.<!--more--> Der Krieg m\u00fcsste eigentlich gleich weiter gef\u00fchrt werden, gegen <em>Stalin,<\/em> gegen Moskau. Und die Deutschen sind dabei die besten Soldaten. 40 Kilometer vor Moskau waren die doch schon. Wenn wir die gewinnen und lassen sie marschieren, ist das geschw\u00e4chte Russland nach 27 Millionen Toten endg\u00fcltig am Ende. Das ist unsere Chance. Mit solch einem Programm ist die Bundesrepublik gegr\u00fcndet worden, als Aufmarschglacis gegen die Sowjetunion.<\/p>\n<p>Und der NATO-Beitritt \u201855 passte genau in dieses Schema. Was die wenigsten von Ihnen wissen, war der geheime Krieg, der illegal mitgef\u00fchrt wurde. Es ging dahin, dass man in jedem Fall eine Machtergreifung durch kommunistische Parteien in Italien, in Griechenland, wo immer auch sonst, verhindern musste durch inszenierte B\u00fcrgerkriege, \u00dcberwachung und gezielte T\u00f6tungen. Selbst der SPD-Vorsitzende Ollenhauer stand auf der Liste der Bedrohung US-amerikanischer Imperialziele. Wenn er denn an die Macht gekommen w\u00e4re, h\u00e4tte man um sein Leben f\u00fcrchten m\u00fcssen. Die Geheimarmee Gladio machte im Untergrund das, was offiziell die NATO sowieso tat.<\/p>\n<p>1952 schon waren wir unter <em>Adenauer<\/em> dabei, den Europ\u00e4ischen Verteidigungsgemeinschafts-Vertrag zu unterschreiben. Sieben Jahre nach dem Desaster des Zweiten Weltkriegs hatten Deutsche schon wieder dabei zu sein, weil Amerikaner es wollten. Damals wollten es nicht die Franzosen, nicht schon wieder \u00f6stlich vom Rhein Deutsche in Uniform. Drei Jahre sp\u00e4ter hatten wir das, was wir bis heute beibehalten haben. Wir m\u00fcssen gegen Russland gewappnet sein.<\/p>\n<p>Wir haben uns 2001 gewundert, dass man die Freiheit Deutschlands am Hindukusch verteidigen kann. Ich war elf Jahre alt, als ich h\u00f6rte aus dem Munde von Konrad Adenauer, dass wir die Freiheit Deutschlands in Korea verteidigen. Keiner dieser Spr\u00fcche hat an Aktualit\u00e4t verloren oder gar an Unsinnigkeit. Es ist gesteigert worden, durch die Repetition des Verkehrten zur Gewohnheit erhoben worden. Und was Sie in Form der NATO haben, ist nicht nur eine unendliche Spirale der R\u00fcstung, sondern auch der Propaganda imperialistischer Machtdurchsetzung.<\/p>\n<p>Wer bedroht denn da wen, ganz simpel?<\/p>\n<p>Die US-amerikanische Politik ist gest\u00fctzt auf \u00fcber 750 Milit\u00e4r-Stationen rund um den Globus.<\/p>\n<p>Russland, wenn Sie es ganz hoch rechnen, kommt auf \u00fcber 30. Der Milit\u00e4rhaushalt der Amerikaner betr\u00e4gt 750 Milliarden Dollar, der der Russen kaum ein Zehntel davon. Amerika alleine gibt mehr aus als die n\u00e4chsten neun milit\u00e4risch r\u00fcstenden Staaten in der Serie, China, Russland, Deutschland, Frankreich zusammen. Und das Programm ist so obsolet, als es nur sein kann.<\/p>\n<p>1989 waren es genau betrachtet zum dritten Mal Russen, die diesmal in Gestalt von Gorbatschow den Vorschlag machten zu entmilitarisieren, dass endlich Frieden w\u00e4re. Vom Ural bis zum Atlantik keine Waffen mehr, stattdessen die Konversion von Wissen, Geld, Industrie, Engagement f\u00fcr Ziele, die menschlich die Not auf diesem Planeten lindern k\u00f6nnten. Das lag auf dem Tisch. Versprochen wurde Gorbatschow, die NATO werde keinen Zentimeter nach Osten sich ausdehnen. Es wird heute gelogen, das w\u00e4re gar nicht so gewesen, ist aber schriftlich zu haben. Genscher machte sich Gedanken, ob die neuen Bundesl\u00e4nder milit\u00e4risch genutzt werden d\u00fcrften und versprach, dass nein. Wir h\u00e4tten den Frieden haben k\u00f6nnen, wenn wir ihn nur h\u00e4tten wollen d\u00fcrfen. 1990 aber machten sich die <em>\u2018think tanks\u2019 <\/em>in USA bereits Gedanken dar\u00fcber, wie wir ein 21. amerikanisches Jahrhundert ausrufen. Die Sowjetunion ist kollabiert, und wir jetzt m\u00fcssen das Machtvakuum f\u00fcr uns erobern.<\/p>\n<p>Das ist das Programm von allem, was kam. Ein Krieg nach dem anderen im Nahen Osten. Seit 2001 haben die USA 7 islamische Staaten zerbombt, nicht die Russen. Aber man wollte sich alles aneignen, was Russland nicht mehr aktiv verteidigen wird. Und da sitzen jetzt heute wir. Afghanistan ist gerade misslungen, aber Kasachstan, Usbekistan, Kirgisistan, die S\u00fcdflanke. Das Baltikum sowieso. Und jetzt zus\u00e4tzlich noch zwei neue Staaten, \u00fcber 1000 km Grenzl\u00e4nge nach Schweden und Finnland: Raketen k\u00f6nnen wir genau dahin stellen. Stellen Sie sich vor, was w\u00e4re, wenn Russland versucht h\u00e4tte, ein zweites Mal eine Kuba-Krise heraufzubeschw\u00f6ren oder in Venezuela, Nicaragua, Bolivien Milit\u00e4rst\u00fctzpunkte gegen die USA errichten w\u00fcrde, wir h\u00e4tten genau dieselbe Krise wie damals 1962 auf Kuba. Das Strategic Air Command war damals bereits in der Luft mit Atombomben zum Angriff. <strong><em>America first! <\/em><\/strong>Das l\u00e4sst sich nicht bedrohen, wir sind stark, wird Herr <em>Stoltenberg<\/em>als Chef der NATO sagen. Und wir werden keinen Zentimeter zur\u00fcckgehen. Wir gehen lieber hunderte von Kilometern vorw\u00e4rts gegen Russland, aber das w\u00e4re keine Bedrohung; es w\u00e4re ja ein Missverst\u00e4ndnis zu glauben, dass w\u00e4re nur Machtausdehnung, es ist vielmehr die Antwort auf Putins Versuch, das Sowjetimperium wiederherzustellen.<\/p>\n<p>Gegen diese offiziellen Narrative m\u00fcssen wir uns wehren. Wir werden nicht von Russland bedroht. Es wird uns eine Gefahr halluziniert, die zu keinem anderen Zweck als der strategischen Geopolitik der USA und ihrer Machtausdehnung dient. Dass es anders geschildert wird, hindert nicht daran, dass es so ist.<\/p>\n<p>Es gibt gerade von den Gr\u00fcnen heute ein Argument jenseits von Angst, aufgeblasenem Machtwillen und der Beanspruchung des Imperialismus, das lautet: Uns geh\u00f6rt die Welt und keinem andern.<\/p>\n<p>Weswegen? Weil wir Amerikaner sind, weil wir \u2018<em>die Guten\u2019<\/em> sind, weil wir \u2018first\u2019 sind und weil wir, die Europ\u00e4er, mitzumachen haben.<\/p>\n<p>Den Krieg, den<em>Putin<\/em> f\u00fchrt, kann man ein Verbrechen nennen. Das ist er. Aber man k\u00f6nnte auch sagen, was in Frankreich zum Sprichwort wurde: Er ist schlimmer als ein Verbrechen. Er ist ein Fehler! Weil jetzt Russland alles das bekommt, was es mit dem \u00dcberfall auf die Ukraine verhindern wollte: Raketen in ungez\u00e4hlter F\u00fclle, dicht bis an die Grenze. Die milit\u00e4rische Versorgung der Ukraine ist voll im Gange. Ob ein NATO-Staat daraus wird oder nicht, das Faktum ist l\u00e4ngst eingeleitet. Alles, was verhindert werden sollte, steht jetzt da, die gesamte EU, Mann f\u00fcr Mann, die Hacken beieinander geschlagen. Die Gefolgschaft zu den USA, \u2013 besser konnte es nicht kommen. <em>\u201cWe get him at the nuts!\u201c<\/em> w\u00fcrde man auf amerikanisch sagen. Das haben wir hingekriegt. \u00dcbrigens die versaute Sprache des Milit\u00e4rs ist das Typische. Alles, was mal f\u00fcr Liebe und Z\u00e4rtlichkeit gemeint war, muss pervertiert werden, damit man Soldat sein kann.<\/p>\n<p>Aber eines wird uns gleichzeitig moralisch beigebracht, die zweite Ebene der L\u00fcge: die sogenannte Verantwortung. Aus Mitleid mit Menschen m\u00fcssen wir den Krieg verweigern. Die Angst, die zu ihm f\u00fchrt, m\u00fcssen wir \u00fcberwinden durch Gemeinsamkeit, in Respekt vor der Angst des anderen, den wir als Gegner \u00fcberhaupt erst z\u00fcchten.<\/p>\n<p>So haben wir soeben gesagt. Eines aber wird uns jetzt darauf gesagt werden: Wir m\u00fcssen aus Verantwortung humanit\u00e4re Interventionen starten und milit\u00e4rische Eingreiftruppen in aller Welt in Bereitschaft halten. 20 Jahre in Afghanistan haben diese Gedanken nicht ge\u00e4ndert, ganz im Gegenteil. In Mali sind wir weiter dabei auf Seiten der Franzosen, wir k\u00f6nnen dranbleiben, es aufzuz\u00e4hlen. <em>\u2018Internationale Verantwortung\u2019.<\/em><\/p>\n<p>Man kann es nicht laut genug sagen: Wir, eines der reichsten L\u00e4nder dieser Welt, haben f\u00fcr die Welt Verantwortung, allerdings, aber dann muss man sich anschauen, wie sie wahrgenommen wird. Menschen, die nicht mehr wissen, wohin, lassen wir ertrinken im Mittelmeer, lassen milit\u00e4risch organisiert Frontex heran, um sie durch push-backs zur\u00fcck in die KZ\u2019s in Libyen zu schicken, schn\u00fcren ihnen die Fluchtwege ab, weil sie ja nur l\u00e4stig sind, weil sie Geld kosten. Fl\u00fcchtlinge aus der Ukraine sind uns jetzt aus politischen Gr\u00fcnden hoch willkommen. Sie werden noch in 20 Jahren Russland verfluchen und Putin hassen. Das ist politisch korrekt. Leute, die einfach nur als Menschen um einen Ort bitten, wo sie leben k\u00f6nnten, sind uns ungenehm, m\u00fcssen ferngehalten werden. Da h\u00e4tten wir Verantwortung f\u00fcr \u00fcber 50 Millionen Menschen, die jedes Jahr verhungern. Gerade jetzt in Ostafrika droht eine neue D\u00fcrre.<\/p>\n<p>Wie sieht da unsere Verantwortung aus?<\/p>\n<p>So, dass in der Chicago-Nahrungsmittel-B\u00f6rse spekuliert wird auf den Hunger; das kann ja jeder lernen in BWL. Je weniger ein Produkt auf den Markt geworfen wird, desto teurer ist es, wenn es gebraucht wird. Eine D\u00fcrre in Ostafrika bedeutet weniger Nahrungsmittel in Ostafrika. Also werden die Preise steigen, und was ein richtiger <em>\u2018moneymaker\u2019 <\/em>ist, der muss jetzt zugreifen, sonst verliert er seine Chancen. Wie kann man aus dem Tod von Millionen Verhungernden Geld scheffeln? Das ist Kapitalismus, wie wir ihn haben. Verantwortung, wie man sie uns predigt. Ausblenden der wirklichen Not, die wir l\u00f6sen m\u00fcssten, und die Erfindung von virtuellen \u00c4ngsten, die v\u00f6llig \u00fcberfl\u00fcssig sind. 100 Milliarden f\u00fcr R\u00fcstung, mal eben versprochen, Aufr\u00fcstung der Bundeswehr, voll im Einsatz neuerdings, so sollen wir in die Zukunft gehen.<\/p>\n<p>In Wirklichkeit verhindern wir die Menschlichkeit der Zukunft, indem wir die Humanit\u00e4t wegsperren durch unsinnige Machttiraden.<\/p>\n<p>Deshalb sagen wir aus Verantwortung: Nein zur Aufr\u00fcstung, Nein zum Milit\u00e4r und verweigern wir den Wehrdienst.<\/p>\n<p>[Applaus]<\/p>\n<p><strong>Die Perversion der Moral<\/strong><\/p>\n<p>Und dann kommt es eigentlich noch \u00e4rger. Man sollte denken, dass Moral ein Instrument w\u00e4re, Unmenschlichkeit zu verhindern. Nicht so, wenn das Wort \u2018Krieg\u2019 ausgesprochen wird. Dann werden Sie miterleben, dass bereits im Vorfeld die Moral zur Waffe instrumentalisiert wird. Sie lesen die Zeitung. Mit wem f\u00fchren wir jetzt Krieg? Putin. Und das ist:<\/p>\n<p>ein M\u00f6rder, sagt Herr Biden,<\/p>\n<p>ein Krimineller, sollen wir alle sagen,<\/p>\n<p>ein D\u00e4mon, wird die Bild-Zeitung sagen,<\/p>\n<p>ein Teufel, das absolut B\u00f6se, das wir aus moralischen Gr\u00fcnden absolut, mit allen Mitteln, bek\u00e4mpfen und vernichten m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Auch das haben wir hier erlebt seit 1945. Es ist kein Krieg vom Westen gef\u00fchrt worden au\u00dfer gegen Hitler. Ho Chi Minh \u2013 Hitler, Saddam Hussein \u2013 Hitler, Gaddafi \u2013 Hitler, Milosevic \u2013 Hitler, immer bek\u00e4mpfen wir das absolut B\u00f6se aus moralischen Gr\u00fcnden im Vorfeld. Die Idee ist so falsch, dass Sie im Jahre 1520 aus der Feder von Erasmus von Rotterdam in wenigen S\u00e4tzen die Entlarvung dieser Selbsthypnose der Unmenschlichkeit beschrieben finden.<\/p>\n<p>Wer, wenn es Krieg gibt, fragt<strong><em> Erasmus<\/em><\/strong> vor genau einem halben Jahrtausend, wird denn von den Kombattanten seine Sache f\u00fcr die falsche erkl\u00e4ren? Anders! Weil man am Verhandlungstisch sich \u00fcber gut und b\u00f6se, richtig und falsch nicht einigen kann, treibt man sich in den Wahnsinn, das Schlachtfeld zu erkl\u00e4ren als den Ort einer Gottes-Justiz, eines Orlog. Und dann wird der effizienteste M\u00f6rder, weil er gesiegt hat, sich das Recht nehmen, zu behaupten, dass er immer schon im Recht gewesen ist. Er hat in Wahrheit nur bewiesen, dass er unmenschlicher ist als derjenige, den er besiegt hat. Denn zum Sieg geh\u00f6rt der Einsatz der furchtbarsten Zerst\u00f6rungsmittel.<\/p>\n<p>Und das m\u00fcssen Sie jetzt wirklich lernen. Im Vorfeld jedes Kriegs werden Sie mit L\u00fcgen und Propaganda-Aussagen dahin gelenkt, den potenziellen Gegner zu hassen. Er war schon immer schlimm, immer war der Russe schuld. Er war es in Wirklichkeit nie im ganzen zwanzigsten Jahrhundert, aber er hatte es zu sein, weil wir Macht \u00fcber seinen Korridor haben wollen. Sagen wir es noch genauer.<\/p>\n<p><strong><em>Brzezinski<\/em><\/strong> konnte sich r\u00fchmen, als Vordenker der amerikanischen Au\u00dfenpolitik zu erkl\u00e4ren, was wir zu f\u00fcrchten h\u00e4tten: Nicht den Russen, aber dass sich Westeuropa und Russland verbinden w\u00fcrden zu einem Wirtschaftsraum von Lissabon bis Wladiwostok. Eurasien als geschlossener Wirtschaftsraum, das w\u00e4re das Ende der amerikanischen Weltmacht-Illusion. Das m\u00fcssen wir f\u00fcrchten. Deshalb darf Nordstream 2 nicht gebaut werden, deshalb m\u00fcssen wir Fl\u00fcssiggas aus \u2018fracking\u2019 teuer anlanden in speziellen H\u00e4fen, die noch gebaut werden, damit Amerika sich durchsetzt.<\/p>\n<p>Aber das alles wird garniert mit moralischen Gr\u00fcnden: Die da dr\u00fcben sind b\u00f6se. So muss das sein: Wenn Sie Menschen t\u00f6ten sollen, d\u00fcrfen Sie keine Menschen mehr t\u00f6ten, sondern haben Sie es zu tun mit Ungeziefer, Pesterregern, L\u00e4usen, Teufeln, was auch immer. Und das Furchtbare ist, dass Begriffe, die zur Moral geh\u00f6ren, und eben deshalb einen jeden Menschen, weil er ein Mensch ist, einbeziehen, fraktioniert werden zum Gegensatz zwischen den \u2018hier Guten\u2019 und den \u2018dr\u00fcben B\u00f6sen\u2019. Und selbstredend sind st\u00e4ndig wir die Guten und nat\u00fcrlich die jenseits der Grenzen das absolut B\u00f6se. Allein dieses Kalk\u00fcl ver\u00e4ndert alles, was wir Menschlichkeit nennen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p><strong><em>Phil Zimbardo<\/em><\/strong>, ein amerikanische Psychologe, hat zwei B\u00fccher dar\u00fcber geschrieben: <em>\u201aDas Stanford Gef\u00e4ngnis Experiment\u2018<\/em> und <em>\u201aDer Luzifer-Effekt\u2019<\/em> zu Abu Ghraib. Er wollte lediglich beschreiben, was daraus wird, wenn sich eine Gruppe von Menschen als <em>\u2018die Guten\u2019<\/em> hinstellt und sich die Aufgabe zuspricht, die Gegengruppe als <em>\u2018die B\u00f6sen\u2019<\/em> bek\u00e4mpfen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Eben bei der R\u00fcstung haben wir gesehen, dass wir immer gef\u00e4hrlicher, brutaler, schrecklicher r\u00fcsten m\u00fcssen. Dieselbe Aussage m\u00fcssen wir jetzt ins Moralische ziehen. Wir, die wir <em>\u2018die Guten\u2019 <\/em>sind, gewisserma\u00dfen der Erzengel Michael im Kampf gegen den Teufel, werden selber auf diese Art <em>\u2018das B\u00f6se\u2019<\/em>, das wir bek\u00e4mpfen wollen, in unsere eigene Seele und Psychologie aufnehmen. Wir m\u00fcssen b\u00f6ser sein als jeder denkbare B\u00f6se sein k\u00f6nnte. Wir wollen den B\u00f6sen in die H\u00f6lle schicken, aber wir machen die ganze Welt, dabei an allererster Stelle uns selber, zum Herrschaftsgebiet des Teufels. Diese Spaltung der Moral verdirbt selbst Menschen, die es gut meinen, dahin, die schlimmsten Dinge tun zu k\u00f6nnen oder sogar tun zu m\u00fcssen. Auch diese Spirale m\u00fcssen wir irgendwann einmal durchbrechen.<\/p>\n<p>Und wieder h\u00e4tte die Bergpredigt vollkommen recht:<\/p>\n<p><em>K\u00e4mpft nicht gegen das B\u00f6se<\/em>, steht da. (5. Kapitel Matth\u00e4us, Vers 39)<\/p>\n<p>Aus genau diesen Gr\u00fcnden, wenn Sie das B\u00f6se bek\u00e4mpfen, hat <em>Isaac Newton<\/em> recht:<\/p>\n<p>Druck erzeugt Gegendruck, Das B\u00f6se, das Sie bek\u00e4mpfen, schleicht sich ein in Sie selbst. In Ihre Seele, es verbessert nichts. Der \u2018crash\u2019 von zwei Druckst\u00e4rken produziert sich, quadriert sich, vergr\u00f6\u00dfert sich ins immer H\u00f6here. Kampf gegen das B\u00f6se ist daher gar nicht m\u00f6glich. Wie aber dann?<\/p>\n<p>Eben noch sagte ich, wir k\u00f6nnten ja mal schauen in die Augen Ihres bissigen Hundes, besser Ihres vermeintlich gef\u00e4hrlichen Gegners und Sie interessieren sich f\u00fcr dessen Angst. Dann sind Sie dicht dabei, zu tun, was in moralischer Absicht das einzig Richtige w\u00e4re: Sie suchen den anderen zu verstehen in den Gr\u00fcnden, weswegen er so handelt. Wenn Sie es aus dem Bergpredigt-Text nicht lesen wollen, k\u00f6nnen Sie es auch 500 Jahre fr\u00fcher vom <em>Buddha<\/em> h\u00f6ren: Nat\u00fcrlich gibt es Gut und B\u00f6se, aber beides hat seine Ursachen.<\/p>\n<p>Dann kommen wir nicht daran vorbei, dem Papst recht zu geben, wenn er sagt, der Krieg in der Ukraine hat ja Gr\u00fcnde. Solche, die bei uns liegen. Warum in unserer Gesellschaft werden denn Menschen b\u00f6se? Doch nicht, weil ihnen das einf\u00e4llt oder weil sie Spa\u00df dran h\u00e4tten. Sie k\u00f6nnen 2001 noch<em> Putin<\/em> im deutschen Bundestag sehen, wo er auf Deutsch eine Rede h\u00e4lt und ihm die damaligen Abgeordneten <em>\u2018standing ovations\u2019<\/em> geben. Das war 2001.<\/p>\n<p>2005 sehen Sie<strong><em> Schr\u00f6der<\/em><\/strong>, dessen Namen man gar nicht mehr aussprechen darf als Putin-Freund, auf den Stufen der Universit\u00e4t in K\u00f6nigsberg, in Kaliningrad, stehen, gegen\u00fcber dem Kant-Denkmal von <em>Marion von D\u00f6nhof<\/em>. Etwa 400 Meter weiter von den Unterst\u00e4nden, die man als Museum geformt hat zur Erinnerung an die Zeit, als K\u00f6nigsberg als Festung noch gehalten werden sollte gegen den Ansturm der Roten Armee. Auf Russisch und Deutsch werden die Kommandos ausgetauscht, bestimmte Szenen eingespielt.<\/p>\n<p>Die Vernunft <em>Immanuel Kants<\/em>, die Gedanken zum ewigen Frieden, konfrontiert mit dem ewigen Wahnsinn der Unterst\u00e4nde \u2013 wir m\u00fcssen k\u00e4mpfen! <em>Putin<\/em> und <em>Schr\u00f6der<\/em> gemeinsam zur Einladung f\u00fcr einen europ\u00e4ischen Frieden.<\/p>\n<p>Er sollte nicht zustande kommen. Als ein Jahr sp\u00e4ter in M\u00fcnchen bei Herrn <em>Ischinger<\/em>s Konferenz zur Aufr\u00fcstung mehr oder minder<em> Putin <\/em>erkl\u00e4rte, es droht, wenn wir so weitermachen, ein kalter Krieg, konnten deutsche Gazetten schreiben:<strong><em> Putin: Kalter Krieg! <\/em><\/strong>Den wollte er vermeiden! Wir wollten ihn, unbedingt sogar, durch permanente Ausdehnung der NATO. Sie hatte \u201889 sechzehn Staaten, heute hat sie 30 Staaten, \u00fcbermorgen 32 Staaten, Moldawien und Georgien sind schon in der Zielscheibe. Das soll so weiter gehen. Keine Vers\u00f6hnung! Die Schw\u00e4che des anderen ausnutzen! Machtgewinn! Strategisch sich durchsetzen mit allen Mitteln!<\/p>\n<p>Allein der Krieg im Nahen Osten hat \u00fcber zwei Millionen Tote gefordert. Haben Sie irgendetwas geh\u00f6rt, dass wir dabei ein Verbrechen begangen h\u00e4tten?<\/p>\n<p>Wenn <strong><em>Assange<\/em><\/strong>die Bilder aufnimmt, die <strong><em>Chelsea Manning<\/em><\/strong> \u00fcber einen Hubschrauberangriff auf Zivilisten in Bagdad weitergegeben hat, wenn gezeigt wird, mit welchem Jargon man Menschen kaputt schie\u00dft, reuelos, skrupellos, und es kommt ins Internet, ist nicht das Verbrechen der GI\u2019s das Verbrechen, sondern dass es mitgeteilt wird im Internet. Daf\u00fcr geh\u00f6rt Assange 175 Jahre lang eingesperrt, muss verfolgt werden seit zehn Jahren, mit falschen Behauptungen getrieben werden. Darf er, wenn \u00fcberhaupt, in London nur bleiben, weil er so krank ist, dass er nicht \u00fcberstellt werden k\u00f6nnte in die USA, nicht weil wir, die Europ\u00e4er, mal sagten, es muss m\u00f6glich sein, die Verbrechen des Milit\u00e4rs offenbar zu machen, damit sie aufh\u00f6ren?<\/p>\n<p>Die L\u00fcge muss ein Ende haben!<\/p>\n<p>[Applaus]<\/p>\n<p>Was wir erleben, ist, dass die simpelste moralische Reaktion auf das verbrecherische Milit\u00e4r unterdr\u00fcckt werden muss durch Geheimhaltung, und das ist die Geschichte des Milit\u00e4rs \u00fcberhaupt. Nie d\u00fcrfen Sie wissen, was gemacht und geplant wird. Sie sind ja die B\u00fcrger, die sich gesch\u00fctzt f\u00fchlen m\u00fcssen durch den starken Staat, der nur das Gute will. Nochmal: <em>Immanuel Kant<\/em>konnte sagen, die Moral des Politischen ist ganz einfach: Handele so in der \u00d6ffentlichkeit, dass du deine Absicht \u00f6ffentlich erkl\u00e4ren k\u00f6nntest. Alle L\u00fcgen, Geheimdiplomatie, Spionage, Waffen, die der Gegner gar nicht wissen darf, aber ihn abschrecken sollen, f\u00e4nden augenblicklich ihr Ende.<\/p>\n<p>Und dann k\u00e4me zur Moral noch ein Weiteres: Wir d\u00fcrften nicht l\u00e4nger uns einreden lassen, dass die Trennung von Gut und B\u00f6se juristisch und ethisch unausweichlich w\u00e4re. Wenn jemand wirklich etwas tut, das nach moralischer Wertung als b\u00f6se bezeichnet werden muss, ist uns nicht die Pflicht gegeben, dagegen anzuk\u00e4mpfen, sondern nachzuschauen, aus welchen Zusammenh\u00e4ngen, mit welchen Absichten, unter welchen Bedingungen der andere so in die Ecke getrieben wurde, dass er meinte, so handeln zu sollen. Und diese Umst\u00e4nde, die wir selber mit zu verantworten haben, m\u00fcssen wir abtragen.<\/p>\n<p><strong>Was ist mit der Ukraine?<\/strong><\/p>\n<p>Der Krieg w\u00e4re bis zum letzten Tag nicht n\u00f6tig gewesen, h\u00e4tte man, was Russland forderte: Milit\u00e4r-politische Neutralit\u00e4t der Ukraine und endlich Frieden im Donbas und die Zugeh\u00f6rigkeit der Krim zu Russland akzeptiert.<\/p>\n<p>Stattdessen hatte es das United Kingdom n\u00f6tig, genau den Ansatz einer solch m\u00f6glichen Verhandlung zu unterminieren und<em> Selenski<\/em> dann den R\u00fccken zu st\u00e4rken mit immer neuen Versprechungen. Er muss durchhalten, er ist der Starke, er muss hetzen gegen die Russen.<\/p>\n<p>Ich will die Politik, die dahinter steht, kulturgeschichtlich nicht l\u00e4nger kommentieren, aber erinnern darf ich daran, dass Kiew einmal der Ursprungsort der russischen Orthodoxie war um 900, und die russische Kultur da ihre Wurzeln hat. Die Ukraine hat l\u00e4nger zu Russland geh\u00f6rt, als es die Vereinigten Staaten von Amerika \u00fcberhaupt gibt. Dass die Ukrainer nicht gerade gl\u00fccklich waren unter der Zarenherrschaft und noch weniger unter <em>Stalin<\/em>, ist allgemein bekannt. Auch die Russen haben gigantische Fehler begangen. Die Kornkammer, die Ukraine, mit Millionen Hungertoten unter <em>Stalin<\/em> in den drei\u00dfiger Jahren, das alles ist eine ganze Serie von Verbrechen, die wir nicht \u00fcbersehen d\u00fcrfen und die den Hass mancher Ukrainer auf Russland best\u00e4tigen und erkl\u00e4ren k\u00f6nnen. Vergessen d\u00fcrfen wir auch nicht, dass, als die Nazis einmarschierten, ganze Teile der Ukraine die Deutschen begr\u00fc\u00dften als Befreier von<em> Stalin<\/em>. Und von dieser Denkungsart gibt es heute noch in der Kiewer Regierung eine ganze Reihe<em> Bandera<\/em>-Anh\u00e4nger.<\/p>\n<p>\u2026.<\/p>\n<p><em>Auszug aus einer Rede von Eugen Drewermann auf dem Kongress \u2018Ohne NATO leben \u2013 Ideen zum Frieden\u2019 vom 21.5.2022 in der Humboldt-Universit\u00e4t Berlin<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/frieden-links.de\/2022\/06\/drewermann-rede\/\">frieden-links.de&#8230;<\/a> vom 5. Oktober 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eugen Drewermann. Seitdem sie gegr\u00fcndet wurde, fast zeitgleich mit der Gr\u00fcndung der Bundesrepublik West 1949, haben wir ein Milit\u00e4rb\u00fcndnis, dessen strategisches Ziel eigentlich schon 1945 definiert wurde.<br \/>\nDamals konnte Winston Churchill erkl\u00e4ren, dass man die falsche &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":11382,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,7],"tags":[39,142,34,18,22,27,20,19,17,118],"class_list":["post-11837","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichte-und-theorie","category-international","tag-deutschland","tag-dritter-weltkrieg","tag-faschismus","tag-imperialismus","tag-politische-oekonomie","tag-russland","tag-sowjetunion","tag-ukraine","tag-widerstand","tag-zweiter-weltkrieg"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11837","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11837"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11837\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11838,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11837\/revisions\/11838"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/11382"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11837"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=11837"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=11837"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}