{"id":11839,"date":"2022-10-06T09:40:46","date_gmt":"2022-10-06T07:40:46","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11839"},"modified":"2022-10-06T09:40:47","modified_gmt":"2022-10-06T07:40:47","slug":"brasilien-lehren-aus-der-ersten-wahlrunde-fuer-den-kampf-gegen-bolsonaro","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11839","title":{"rendered":"Brasilien: Lehren aus der ersten Wahlrunde f\u00fcr den Kampf gegen Bolsonaro"},"content":{"rendered":"<p><em>Andr\u00e9 Barbieri. <\/em><strong>Lulas B\u00fcndnisse mit der Rechten und den Bossen wurden bei der ersten Runde der Wahlen in Brasilien auf die Probe gestellt und f\u00fchrten zur St\u00e4rkung des rechtsextremen Bolsonaro.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Die Wahlen am Sonntag in Brasilien endeten mit einem Sieg von Lula da Silva \u00fcber Jair Bolsonaro, wobei es nun zu einer Stichwahl kommen wird. Der Anf\u00fchrer der Arbeiterpartei (PT) gewann mit einem Vorsprung von f\u00fcnf Millionen Stimmen, 48,4 Prozent zu 43,2 Prozent.<\/p>\n<p>Der amtierende Pr\u00e4sident Jair Bolsonaro erhielt mehr als 51 Millionen Stimmen und wird mit einem viel gr\u00f6\u00dferen Vorsprung als erwartet in die zweite Runde gehen. Er verbesserte auch seine Position im Kongress, w\u00e4hrend seine Verb\u00fcndeten mehrere Gouverneursposten gewannen (Claudio Castro in Rio de Janeiro und Romeu Zema in Minas Gerais; Tarc\u00edsio Freitas und Onyx Lorenzoni sind Favoriten f\u00fcr die Stichwahlen in S\u00e3o Paulo und Rio Grande do Sul).<\/p>\n<p>Bolsonaro und seine Verb\u00fcndeten stellen sich neu auf und werden versuchen, vom Kongress und den Regierungen der Bundesstaaten aus eine neue Position einzunehmen, um Arbeiter:innen, Frauen, Schwarze und LGBT Personen anzugreifen. Sie sind unsere erbitterten Feinde, die sich in dem neuen politischen Regime, das sich gerade bildet, verschanzt haben. Die Wahlen best\u00e4tigen, dass der \u201eBolsonarismo\u201c kein vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen in der brasilianischen Politik ist, falls es irgendwelche Zweifel gab. Das Szenario ist das eines Landes, das viel weiter rechts steht als erwartet.<\/p>\n<p>Lula feierte sein Ergebnis in der ersten Runde mit den Worten, dass er \u201edie Wahlen gewinnen wird und dass dies nur eine Verl\u00e4ngerung ist\u201c. Der Ton war m\u00fcrrisch und wenig enthusiastisch. Der Sieg war knapper als in den Umfragen vorhergesagt. Der zweite Wahlgang wird mit einem ermutigten Bolsonaro und einer Politik der PT stattfinden, die dazu beigetragen hat, ein rechtslastigeres Klima im Land zu schaffen.<\/p>\n<p><strong>Ein rechtslastigeres Land<\/strong><\/p>\n<p>In der Tat erwies sich der \u201eBolsonarismo\u201c nicht nur als eine Bewegung, die auf der Stra\u00dfe pr\u00e4sent war, sondern auch als eine konstante Str\u00f6mung im politischen \u00dcberbau. Sie absorbierte die soziale Basis der traditionellen Parteien PSDB (Partei der brasilianischen Sozialdemokratie) und MDB (Brasilianische Demokratische Bewegung), die geschw\u00e4cht oder wie die PSDB praktisch liquidiert wurden. Die PSDB erlitt vor allem im Landesinneren des Bundesstaates S\u00e3o Paulo eine schwere Niederlage gegen die Kandidat:innen von Bolsonaro: Der Sieg von Tarc\u00edsio de Freitas war ein Symbol f\u00fcr dieses Ergebnis. Ibaneis Rocha im Bundesdistrikt, Cl\u00e1udio Castro in Rio de Janeiro und Ratinho Jr. in Paran\u00e1 waren Gouverneure der Bolonarist:innen, die in der ersten Runde gewannen.<\/p>\n<p>Der Bolsonarismus hat bei den Wahlen zum Kongress gute Ergebnisse erzielt. Marcos Pontes, ehemaliger Minister f\u00fcr Wissenschaft und Technologie in Bolsonaros Regierung, wurde zum Senator f\u00fcr S\u00e3o Paulo gew\u00e4hlt und schloss sich damit anderen Wahlsieger:innen an. Der ehemalige Justizminister Sergio Moro, eine f\u00fchrende Pers\u00f6nlichkeit in der Lava Jato-Aff\u00e4re, gewann einen Sitz in Paran\u00e1, die ehemalige Landwirtschaftsministerin Tereza Cristina in Mato Grosso do Sul und der ehemalige Minister und evangelische Pastor Damares Alves im Bundesdistrikt. Der Vizepr\u00e4sident, General Hamilton Mour\u00e3o, gewann in Rio Grande do Sul. Insgesamt ist Bolsonaros Liberale Partei (PL) mit den sechs neu gewonnenen Sitzen im Senat die Partei mit dem gr\u00f6\u00dften Zuwachs an parlamentarischer Pr\u00e4senz in diesem Jahr, mit 13 Sitzen; sie k\u00f6nnte allerdings den Spitzenplatz verlieren, wenn Uni\u00e3o Brasil mit der \u201eVolkspartei\u201c (PP) fusioniert (die neue Partei h\u00e4tte dann 16 Senator:innen). Die PT wird wohl den f\u00fcnften Platz im Senat behalten und von sieben auf neun Senator:innen aufstocken. Die MDB f\u00e4llt von 13 auf 10 Senator:innen, und die gro\u00dfe Verliererin ist die PSDB, die nur noch vier Senator:innen hat. Diese Verschiebung im Oberhaus ist die gleiche auf nationaler Ebene: Die bolsonaristische extreme Rechte absorbiert die soziale Basis der alten traditionellen Rechten der MDB und PSDB.<\/p>\n<p>In der Abgeordnetenkammer gewann die PL von Jair Bolsonaro mindestens 23 Abgeordnete hinzu und hat nun 99 Abgeordnete. Sie ist damit die gr\u00f6\u00dfte Fraktion in der Kammer in den letzten 24 Jahren, seit die ehemalige PFL bei der Wiederwahl des ehemaligen Pr\u00e4sidenten Fernando Henrique Cardoso (PSDB) 1998 106 Abgeordnete gewann. Die Volkspartei (PP) des Pr\u00e4sidenten des Unterhauses, Arthur Lira, verliert Abgeordnete an die PL.<\/p>\n<p>Die PT erh\u00f6ht ebenfalls die Zahl ihrer Abgeordneten, von 56 auf 76. Es folgt die Koalition aus PT, PV und PC do Brasil mit insgesamt 80 Abgeordneten, 12 mehr als die derzeitige Bank. Die PSOL (die sich w\u00e4hrend der Lula-Alckmin-Kampagne aufl\u00f6ste) und Rede Sustentabilidade (von Marina Silva) konnten ebenfalls an St\u00e4rke gewinnen, allerdings im Rahmen des Rechtsrucks der PSOL, indem sie sich einer b\u00fcrgerlichen Partei anschlossen und st\u00e4rker in das Regime integriert wurden; so gelang es ihnen, 14 Abgeordnete zu erreichen, wobei Boulos der zweitst\u00e4rkste nationale Abgeordnete des Landes war.<\/p>\n<p>In allen Quadranten des parlamentarischen Spektrums ist ein Erstarken der Rechten festzustellen, was zu einer gr\u00f6\u00dferen Instabilit\u00e4t jeder Art von Regierung f\u00fchren wird. Wie Marcelo Godoy sagt, wird seine Regierung selbst im Falle eines Sieges der Lula-Alckmin-Formel mit einem Kongress leben m\u00fcssen, der noch weiter rechts steht und in dem der \u201eBolsonarismo\u201c st\u00e4rker vertreten ist als 2018, als der rechtsextreme Anf\u00fchrer sein Amt \u00fcbernahm. Die britische Wirtschaftstageszeitung <em>Financial Times<\/em> sagt selbst, dass Bolsonaros \u201eBauern-, Bibel- und Waffen-Fraktion\u201c hier ist, um zu bleiben.<\/p>\n<p>Dieses Gleichgewicht der Kr\u00e4fte auf der rechten Seite wird die Atmosph\u00e4re der Gesten in Richtung Konservatismus weiter anheizen. Lula war bereit zu sagen, dass er \u201eseine neuen Verb\u00fcndeten suchen und mehr Unterst\u00fctzung sammeln wird\u201c. Diese von der PT angestrebten \u201eVerb\u00fcndeten\u201c werden diejenigen sein, die den gesamten Rechtsruck in Brasilien seit dem institutionellen Putsch gegen Dilma Rousseff im Jahr 2016 unterst\u00fctzt haben. Das politische Regime bekommt, was es wollte, indem es die Kandidatur von Lula in die \u201erechte Hemisph\u00e4re\u201c lenkt. Analysten wie Gerson Camarotti oder Ot\u00e1vio Guedes sagen, dass \u201edie Wahlen 2018 noch nicht vorbei sind und dass Lula das Zeichen der Wahlurnen verstehen muss\u201c. Man muss kein Portugiesisch k\u00f6nnen, um zu verstehen, dass die Gestik der Presse ein Signal ist, die programmatische Politik der PT noch weiter nach rechts, in Richtung der so genannten \u201eMitte\u201c, zu verschieben. F\u00fcr Lula geht die Artikulation weit \u00fcber Vereinbarungen mit anderen Kandidat:innen wie Simone Tebet (4,2 % der Stimmen) und Ciro Gomes (3 %) hinaus; er wird sich mit rechten Gouverneuren und B\u00fcrgermeister:innen in ihren St\u00e4dten auseinandersetzen m\u00fcssen, die selbst den \u201ebolsonarismo\u201c vorangetrieben haben.<\/p>\n<p>Es sei daran erinnert, dass die Kandidatur von Lula und der PT von demselben politischen Regime wiederbelebt wurde, das den ehemaligen Pr\u00e4sidenten 2018 inhaftiert hatte. Das Ziel war nun, die geschw\u00e4chte Figur des brasilianischen politischen Systems zu relegitimieren und wiederherzustellen. Im Rahmen dieser politischen Operation nahm die PT die PSDB in ihre Reihen auf und verschmolz damit die Akronyme, die w\u00e4hrend des alten Regimes von 1988 die Politik polarisiert hatten. Unter diesen Bedingungen und angesichts der permanenten Instabilit\u00e4t, die Bolsonaro repr\u00e4sentiert, ist Lulas Kandidatur noch empfindlicher f\u00fcr die Sehns\u00fcchte der wirklichen Machtfaktoren, die von der PT das verlangen, was sie immer bereit war zu geben: die Garantie der Regierbarkeit und die Nichtumkehrung der antisozialen Reformen, die die Kapitalist:innen im Zyklus 2016-2022 durchgesetzt haben. Jetzt werden sie noch sch\u00e4rfere Zusagen verlangen, dass ihre Interessen \u00fcber die dringlichsten Bed\u00fcrfnisse der Arbeiter:innenklasse und der Armen gestellt werden, und Posten, die dies innerhalb der Regierung vertreten.<\/p>\n<p>Es ist eine verbreitete Tatsache, dass die Abweichung der Wahlergebnisse zu den Umfragen f\u00fcr die Pr\u00e4sidentschaftswahl gerade bei den Stimmen auftrat, die Bolsonaro erhalten konnte, und nicht bei denen von Lula. Das erkl\u00e4rt die Resultate in den Bundesstaaten. Der wichtigste Fakt der Wahl waren ungenaue Umfragen f\u00fcr S\u00e3o Paulo und Minas Gerais. Im Bundesstaat S\u00e3o Paulo deuteten die Umfragen auf einen Sieg von Lula \u00fcber Bolsonaro hin (48 Prozent zu 39 Prozent): In der Praxis lag Bolsonaro um 7 Prozentpunkte vorne (47,71 Prozent zu 40,89 Prozent), mit Ausnahme der Hauptstadt, wo Lula mit fast 10 Prozentpunkten Abstand gewann. Das Landesinnere von S\u00e3o Paulo wurde dem \u201eBolsonarismo\u201c \u00fcberlassen, der die PSDB (die bei der Wahl zum Gouverneur 2018 6,4 Millionen Stimmen erhielt und 2022 auf 3,8 Millionen Stimmen zur\u00fcckfiel) endg\u00fcltig geschluckt hat. In Minas Gerais hatte Lula einen Vorsprung von weniger als 5 Prozentpunkten (48,29 Prozent zu 43,6 Prozent), w\u00e4hrend die Umfragen ein Verh\u00e4ltnis von 47 Prozent zu 33 Prozent zugunsten des PT-Kandidaten ergeben hatten. In Rio de Janeiro war der Unterschied viel gr\u00f6\u00dfer: Die Umfragen sahen Lula bei 46 Prozent zu 42 Prozent (Ipec) und 42 Prozent zu 37 Prozent (Datafolha). Nach der tats\u00e4chlichen Ausz\u00e4hlung lag das Ergebnis f\u00fcr Bolsonaro bei 51,09 Prozent zu 40,68 Prozent.<\/p>\n<p>Am Rande sei bemerkt, dass das Ergebnis im Landesinneren von S\u00e3o Paulo \u2013 ausgerechnet der \u201eBastion\u201c des PSB-Referenten Geraldo Alckmin, Lulas Vizepr\u00e4sidentschaftskandidat \u2013 zeigt, dass diese Allianzen der PT-Formel nicht einmal f\u00fcr die Wahlarena die ausreichende St\u00e4rke verliehen haben und nur dazu dienen, Lulas Engagement f\u00fcr die volksfeindlichsten b\u00fcrgerlichen Interessen zu markieren und seine eigene soziale Basis zu demoralisieren.<\/p>\n<p>In seiner Rede wies Bolsonaro auf die Schwierigkeiten hin, die er zu \u00fcberwinden haben wird. Er r\u00e4umte ein, dass seine Kampagne \u201eden wichtigsten Teil der Gesellschaft nicht erreicht hat\u201c, dass \u201edas Gef\u00fchl besteht, dass sich die Wirtschaft verschlechtert hat\u201c, wobei er sich auf die arme Bev\u00f6lkerung bezog, die die Verantwortung der Regierung f\u00fcr die Krise, den Hunger und das Elend sieht. Wie der Politikwissenschaftler Alberto de Almeida sagt, hat die Figur Bolsonaro gewisse Risse im allgemeinen Bollwerk der Rechten gezeigt. <em>\u201eEin Pr\u00e4sident, der sich zur Wiederwahl stellt, hat traditionell einen gro\u00dfen Vorteil gegen\u00fcber seinen Gegnern. Er lag nicht nur hinter Lula, sondern war auch kurz davor, in der ersten Runde zu unterliegen. Seine St\u00e4rke beruht auf einem h\u00f6heren Prozentsatz als in den Umfragen vorhergesagt und auf der Wahl mehrerer von ihm unterst\u00fctzter Kandidaten, von denen viele ehemalige Minister sind\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Lula erhielt 25 Millionen mehr Stimmen als die Kandidatur von Fernando Haddad im Jahr 2018, w\u00e4hrend Bolsonaro 1,7 Millionen mehr Stimmen als in der ersten Runde 2018 erhielt, was jedoch einen R\u00fcckgang von 2,83\u00a0 Prozentpunkten im Vergleich zu seinem damaligen Prozentsatz bedeutet. In den \u00e4rmsten Bev\u00f6lkerungsschichten wurde Bolsonaro besiegt, vor allem in der Region Nordost. Der amtierende Pr\u00e4sident wurde in der bev\u00f6lkerungsreichsten und wirtschaftlich wichtigsten Stadt des Landes, S\u00e3o Paulo, besiegt. Sein Sohn Eduardo Bolsonaro verlor 1 Million Stimmen und lag damit hinter dem Anf\u00fchrer der Bewegung der Obdachlosen Arbeiter:innen (MTST), Guilherme Boulos, dem meistgew\u00e4hlten Abgeordneten im Bundesstaat S\u00e3o Paulo.<\/p>\n<p>Das \u00e4ndert nichts am Panorama eines Landes, das sich als eher rechtslastig und gesellschaftlich polarisiert erwiesen hat. Ein in zwei H\u00e4lften gespaltenes Brasilien (um es mit den Worten von \u00cdtalo Calvino auszudr\u00fccken), das sich umso mehr mit der Rechten und den Bossen verb\u00fcndet, je mehr es die berauschende Atmosph\u00e4re des Bolsonarismo n\u00e4hrt.<\/p>\n<p><strong>Wohin f\u00fchren die B\u00fcndnisse mit den Rechten und den Bossen?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist es, was die Politik der PT in der Tat zu tun scheint. Nicht einmal auf der Wahlebene hatten sie Erfolg mit der falschen Vorstellung, dass sie ihre B\u00fcndnisse mit der Gro\u00dfbourgeoisie ausweiten m\u00fcssten, um die extreme Rechte zu besiegen.<\/p>\n<p>Die Politik besteht nun darin, weiterhin Unterst\u00fctzung im rechten Lager zu gewinnen und zu sagen, dass Bolsonaro nicht geschlagen werden kann, ohne die bereits sehr breite \u201eFrente Amplio\u201c (\u201eBreite Front\u201c) zu erweitern. Die Presse beginnt zu verk\u00fcnden, dass \u201edie Brasilianer konservativ sind\u201c. Ziel ist es, Lula weiter zu konditionieren, der bereits eine Konstellation von Rechten an seiner Seite hat, angefangen bei seinem Vizepr\u00e4sidentschaftskandidaten. Der Journalist Merval Pereira greift eine Maxime des Spaniers Pablo Iglesias auf: Es sei nicht m\u00f6glich, \u201eohne einen gewissen Konsens der Rechten zu regieren\u201c. Der Tonfall \u00e4hnelt dem liberaler Analyst:innen in Chile, die die klare Niederlage bei der Verabschiedung einer neuen Verfassung, f\u00fcr die sich Gabriel Boric eingesetzt hatte, auf einen angeblichen \u201eangeborenen Konservatismus\u201c des chilenischen Volkes zur\u00fcckf\u00fchren.<\/p>\n<p>Die Wahrheit ist jedoch, dass Chile gezeigt hat, dass die Politik der Klassenkollaboration immer die Rechte st\u00e4rkt, wie wir schon immer gesagt haben. Dies wurde mit der Politik von Pr\u00e4sident Boric deutlich, der die Agenda der Rechten \u00fcbernahm, w\u00e4hrend die Verfassungsgebende Versammlung, die weder frei noch souver\u00e4n war, passiv die Vormundschaft aller bestehenden Verfassungsinstitutionen akzeptierte, die das Erbe des Pinochetismus \u00fcbernommen hatten.<\/p>\n<p>In Brasilien wird diese chilenische Lektion mit den Ergebnissen der ersten Runde der Wahlen deutlich. Der Rechtsruck von Lula und der PT, von ihrem B\u00fcndnis mit dem rechten Alckmin bis zur Suche nach der Unterst\u00fctzung von Sympathisant:innen in der PSDB, wie dem ehemaligen Pr\u00e4sidenten Fernando Henrique Cardoso, Henrique Meirelles, seinen neoliberalen Funktion\u00e4r:innen und sogar der gro\u00dfen Gruppe von Konzernbossen und Bankern, die den gro\u00dfen Arbeitsgeberkammern angeh\u00f6ren. Diese Politik der Vers\u00f6hnung mit der Rechten hat den Aufschwung der Bolsonaristen nur gest\u00e4rkt. Viele Linke \u2013 vor allem in der PSOL, die sich in der Lula-Alckmin-Kampagne aufl\u00f6ste \u2013 sagten, dass es \u201enotwendig sei, Verantwortung zu \u00fcbernehmen\u201c und sich den Figuren anzuschlie\u00dfen, die uns in diese Katastrophe gef\u00fchrt haben. Diese Politik st\u00e4rkte nur das rechte Klima, das ein g\u00fcnstigeres Ergebnis erm\u00f6glichte, als Bolsonaro selbst erwartet hatte, der nicht nur eine Niederlage in der ersten Runde verhinderte, sondern auch seine parlamentarische Pr\u00e4senz verst\u00e4rkte.<\/p>\n<p>Die Wahlen sind der Beweis daf\u00fcr, dass die Politik der \u201eFrente Amplio\u201c den rechten Fl\u00fcgel nur st\u00e4rken kann. Jetzt will Lula, dass wir die gleiche Tortur durchmachen, indem er die Politik der Klassenvers\u00f6hnung, die uns hierher gebracht hat, neu auflegt und die schlimmsten Feinde der Arbeiter:innen ermutigt. Die PT tr\u00e4gt diese Wiederbelebung der Rechten in ihrem eigenen Scho\u00df, da sie die traditionelle Rechte in ihre Allianz mit aufgenommen hat. Diese Politik wird nur den Pfeilern des Regimes\u00a0zugutekommen, die in den letzten Jahren den Bolschonarismus gest\u00fctzt haben. Wie Daniel Feldmann und Fabio dos Santos in ihrem Buch \u201eBrasil autof\u00e1gico. Acelera\u00e7\u00e3o e conten\u00e7\u00e3o entre Bolsonaro e Lula\u201c (Beschleunigung und Eind\u00e4mmung zwischen Bolsonaro und Lula) argumentieren, wurde die Unterst\u00fctzungsbasis des Bolsonarismus auf dem Auf und Ab der staatlichen Politik des Lulismo im Besonderen und der PT im Allgemeinen aufgebaut, die bei dem Versuch, die Krise durch Beschwichtigung einzud\u00e4mmen, letztendlich die Krise beschleunigte.<\/p>\n<p>Die Antwort auf den Widerstand, die der Bolsonarismo bei den Wahlen erreicht hat, muss das Gegenteil der Politik bedeuten, die Lula und die PT verfolgt haben. Das bedeutet eine entschlossene Politik der Unabh\u00e4ngigkeit der Arbeiter:innenklasse, die Vereinigung der Arbeiter:innen in ihrer Gesamtheit gegen die Bosse und ein Programm, das die Pfeiler der ultraliberalen Wirtschaftsreformen angreift, deren Beibehaltung Lula versprochen hat.<\/p>\n<p>Wer hat gesagt, dass die Konfrontation mit dem Bolsonarismus voraussetzt, dass man die Kapitalist:innen \u201ebeschwichtigt\u201c und sie auf die Seite der Arbeiter:innen \u201ebringt\u201c? Im Gegenteil, der Ausgangspunkt eines jeden Programms, das Bolsonaro ernsthaft entgegentritt, muss mit der R\u00fccknahme aller Reformen beginnen, die die Lebensbedingungen der Arbeiter:innen tagt\u00e4glich verschlechtern, allen voran die Arbeitsreform und die Rentenreform, aber auch das Gesetz \u00fcber den offenen Zugang, die Auslagerung, die Deckelung der Staatsausgaben und alle Privatisierungen. Entscheidend ist auch, f\u00fcr eine Arbeitszeitverk\u00fcrzung ohne Lohnk\u00fcrzung auf 30 Stunden pro Woche zu k\u00e4mpfen, um Prekarit\u00e4t, Arbeitslosigkeit und Elend zu bek\u00e4mpfen, und zwar unter dem Aspekt der Aufteilung der Arbeitszeit zwischen Besch\u00e4ftigten und Arbeitslosen. Um daf\u00fcr zu k\u00e4mpfen, sind die b\u00fcrokratischen F\u00fchrungen der Gewerkschaften ein Hindernis in diesem Kampf, deshalb ist es von grundlegender Bedeutung, dies von den Mehrheitsf\u00fchrungen der Massenbewegung einzufordern, angefangen bei den Gewerkschaftsdachverb\u00e4nden (CUT, CTB und UNE). Eine Forderung, dass sie einen ernsthaften Kampfplan gegen Bolsonaro und f\u00fcr die R\u00fccknahme der w\u00e4hrend seiner Regierung auferlegten Reformen vorantreiben.<\/p>\n<p>Die derzeitige Politik von Lula und der PT demoralisiert und schw\u00e4cht den Kampf gegen die extreme Rechte und ist letztendlich f\u00fcr die St\u00e4rkung von Bolsonaro und der extremen Rechten verantwortlich. Es ist notwendig, die Mobilisierung und unabh\u00e4ngige Organisation von Arbeiter:innen, Schwarzen, Frauen und der LGBT-Gemeinschaft zu st\u00e4rken, um die Bestrebungen der armen und arbeitenden Bev\u00f6lkerung in einer ernsthaften Konfrontation mit der ruchlosen extremen Rechten zu verbinden.<\/p>\n<p><em>Dieser Artikel erschien am <\/em><a href=\"https:\/\/www.izquierdadiario.es\/Que-conclusiones-sacar-de-las-elecciones-en-Brasil-para-enfrentar-a-Bolsonaro\"><em>3. Oktober 2022 bei La Izquierda Diario<\/em><\/a><em>.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/brasilien-lehren-aus-der-ersten-wahlrunde-fuer-den-kampf-gegen-bolsonaro\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 6. Oktober 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andr\u00e9 Barbieri. 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