{"id":11851,"date":"2022-10-06T10:42:47","date_gmt":"2022-10-06T08:42:47","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11851"},"modified":"2022-10-06T10:42:48","modified_gmt":"2022-10-06T08:42:48","slug":"bayern-die-ostukraine-und-der-krieg-oder-ein-absurder-vergleich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11851","title":{"rendered":"Bayern, die Ostukraine und der Krieg \u2013 oder: Ein absurder Vergleich?"},"content":{"rendered":"<p><em>Leo Ensel. <\/em><strong>Die Ostukraine und Bayern \u2013 ein Vergleich, der nur auf den ersten Blick an den Haaren herbeigezogen scheint. Regionale Identit\u00e4ten lassen sich von einer Zentralmacht nur tempor\u00e4r und um den Preis von B\u00fcrgerkriegen unterdr\u00fccken. Was also w\u00e4re, wenn \u2026?<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Okay, alle Vergleiche hinken, aber sie k\u00f6nnen Strukturen sichtbar machen. Stellen wir uns also mal Folgendes vor: In Berlin k\u00e4me unter massivem Druck der Stra\u00dfe, nach Einsatz scharfer Munition und unterst\u00fctzt von einer Reihe prominenter Politiker aus dem Ausland infolge einer zweifelhaften Abstimmung im Bundestag eine Regierung an die Macht, deren erste Amtshandlung die Abschaffung zentraler Elemente des F\u00f6deralismus w\u00e4re.<\/p>\n<p>Zu den Ma\u00dfnahmen der neuen Bundesregierung w\u00fcrden die Unterstellung des Polizei- und Bildungswesens unter die Berliner Zentralgewalt und die Ank\u00fcndigung einer einheitlichen deutschen Kulturpolitik geh\u00f6ren. Aus der M\u00fcnchner Landesregierung k\u00e4men umgehend starke Proteste, man werde diesen grundgesetzwidrigen Angriffen der Berliner Putschregierung auf den F\u00f6deralismus und die bayerische Identit\u00e4t auf gar keinen Fall Folge leisten. Worauf Berlin, um den Bayern zu zeigen, wo der Hammer h\u00e4ngt, nicht nur auf der sofortigen Umsetzung der beschlossenen Ma\u00dfnahmen bestehen, sondern dem Bundesland den Titel \u201eFreistaat\u201c entziehen, die katholischen Feiertage abschaffen und alle bayerischen Traditionsvereine verbieten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>\u201e<strong>Berliner Putsch-Junta\u201c versus \u201eVolksrepublik Bayern\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Mit diesen Kraftmeiereien bringt Berlin das Fass zum \u00dcberlaufen. T\u00e4glich demonstrieren in M\u00fcnchen auf dem Max-Joseph-Platz und in den Zentren aller gr\u00f6\u00dferen bayerischen St\u00e4dte Tausende von Menschen in bayerischer Tracht gegen die antif\u00f6deralen Ma\u00dfnahmen der \u201eBerliner Putsch-Junta\u201c, in den Industriebetrieben kommt es zu Warnstreiks, der Erzbischof von M\u00fcnchen und Freising und die Landesregierung erkl\u00e4ren sich mit den Demonstrierenden und Streikenden solidarisch.<\/p>\n<p>Da Berlin nicht daran denkt nachzugeben, verh\u00e4rten sich die Fronten: Die Berliner Repressalien provozieren eine Renaissance des Bayerntums. Im Bayernkurier erscheinen Essays patriotischer Historiker, die ins Ged\u00e4chtnis rufen, dass bereits im Jahre 1871 der Beitritt des bayerischen K\u00f6nigreichs zum preu\u00dfisch dominierten Deutschen Reich in Wirklichkeit ein hochumstrittener Anschluss war und Ludwig II. von Bismarck mit erheblichen Summen bestochen wurde, bis er sich endlich bereit erkl\u00e4rte, den Preu\u00dfenk\u00f6nig Wilhelm zum deutschen Kaiser vorzuschlagen. Unter der Herrschaft der Hohenzollern sei Bayern faktisch eine von Berliner Statthaltern regierte innerstaatliche Kolonie gewesen.<\/p>\n<p>Der Jahrestag der Ausrufung der antipreu\u00dfischen M\u00fcnchner R\u00e4terepublik wird mit gro\u00dfem Pomp gefeiert, und auf dem M\u00fcnchner Marienplatz erinnern Honoratioren daran, dass die Niederschlagung der R\u00e4terepublik durch Truppen der Reichsregierung allein in M\u00fcnchen \u00fcber 700 Tote gefordert habe. Als Konsequenz habe Bayern entgegen der Weimarer Verfassung und im Widerspruch zum Versailler Vertrag ab Mai 1919 eine eigene Armee aus B\u00fcrgerwehren aufgestellt, die Ende des Jahres schon \u00fcber 200.000 Mann mit schweren Waffen verf\u00fcgte. Sogar der Gleichschaltungspolitik der Nazis h\u00e4tten die Bayern immer wieder offenen oder klandestinen Widerstand entgegengesetzt und nach dem II. Weltkrieg auch das Grundgesetz zun\u00e4chst abgelehnt.<\/p>\n<p>Immer rasanter mutiert bayerischer Patriotismus zu bayerischem Separatismus, und ein Vierteljahr nach dem Berliner Umsturz wird nach einem landesweiten Referendum die \u201eVolksrepublik Bayern\u201c ausgerufen, die sogleich ihren Austritt aus der Bundesrepublik Deutschland verk\u00fcndet. Berlin verweist darauf, dass dieser Beschluss grundgesetzwidrig sei und droht, im Falle einer Umsetzung die Bundeswehr nach Bayern zu schicken, um gegen die \u201eTerroristen im S\u00fcden\u201c die \u00f6ffentliche Ordnung und den Geltungsbereich des Grundgesetzes wiederherzustellen. M\u00fcnchen regiert mit der Aufstellung einer bayerischen \u201eVolkswehr\u201c, die aus Paramilit\u00e4rs und ehemaligen Bundeswehreinheiten besteht, die in ihren bayerischen Standorten zur \u201eVolksrepublik Bayern\u201c \u00fcbergelaufen sind.<\/p>\n<p><strong>Die Bundeswehr im \u201eAntiterroreinsatz\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Die Berliner Zentralgewalt, die sich starker Unterst\u00fctzung aus dem westlichen Ausland erfreut, macht Ernst. Sie kappt Renten und sonstige Transferleistungen nach Bayern und schickt im Rahmen eines \u201eAntiterroreinsatzes\u201c Bundeswehreinheiten Richtung S\u00fcden, denen sich antif\u00f6deralistische Freikorps anschlie\u00dfen. Ab jetzt liefern sich beide Seiten auf dem abtr\u00fcnnigen bayerischen Territorium blutige Gefechte. Bereits nach wenigen Wochen sind \u00fcber 1.000 Tote zu beklagen.<\/p>\n<p>Nehmen wir nun weiter an, das an Bayern angrenzende \u00d6sterreich w\u00e4re noch \u2013 wie vor dem I. Weltkrieg \u2013 eine Gro\u00dfmacht. Schon tr\u00e4umen nicht wenige Bayern von einem Beitritt ihrer von keinem Staate anerkannten \u201eVolksrepublik\u201c zum \u00f6sterreichischen gro\u00dfen Bruder, dem sie sich mental viel mehr verbunden f\u00fchlen als dem verhassten Berlin und mit dem auch das \u00f6konomische \u00dcberleben der jungen Republik gesichert w\u00e4re. Wien selbst h\u00e4lt sich in dieser Frage bedeckt, verweist aber immer wieder auf den \u201eillegalen Krieg des Berliner Putsch-Regimes gegen die eigene Bev\u00f6lkerung\u201c. Die bayerische Volkswehr, die zeitweilig gr\u00f6\u00dfere Gebietsverluste zu beklagen hatte, schl\u00e4gt sich auf einmal wieder erstaunlich gut und kann nach harten K\u00e4mpfen strategisch wichtige St\u00e4dte des verlorenen Territoriums zur\u00fcckerobern.<\/p>\n<p>Berlin beschuldigt Wien, die \u201epro\u00f6sterreichischen Separatisten\u201c \u00fcber die durchl\u00e4ssige Grenze zwischen Bayern (Berlin sagt: Deutschland) und \u00d6sterreich mit schweren Waffen und Soldaten zu unterst\u00fctzen. Wien bestreitet dies, \u00d6sterreich beteilige sich an diesem Krieg nicht. Allerdings befinden sich unter den Gefangenen, die die Bundeswehr auf bayerischem Gebiet macht, immer wieder auch \u00f6sterreichische Staatsb\u00fcrger, die behaupten, freiwillig ihre bayerischen Br\u00fcder im Kampf gegen die \u201eBerliner Junta\u201c zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p><strong>Der festgefahrene Konflikt<\/strong><\/p>\n<p>Jahrelang sind die Fronten weitgehend festgefahren. Gro\u00dfe Teile Bayerns stehen unter Berliner Kontrolle, zu beiden Seiten der Kampflinie kommt es fast t\u00e4glich zu gr\u00f6\u00dferen oder kleineren Scharm\u00fctzeln. Ganze Ortschaften sind zerst\u00f6rt. Der Krieg kostete bereits \u00fcber 14.000 Menschen das Leben. Tausende sind gefl\u00fcchtet \u2013 je nach politischer Einstellung in die von Berlin oder von M\u00fcnchen kontrollierten Gebiete. Einige auch nach \u00d6sterreich. Der M\u00fcnchner Flughafen ist eine Tr\u00fcmmerw\u00fcste. Die Eisenbahnverbindungen zwischen Bayern und Restdeutschland sind gekappt. Eine Busfahrt von Augsburg nach Ulm, die mehrere Grenzposten passieren muss, dauert nun sechs bis acht Stunden. Zwischen den von Berlin besetzten bayerischen Gebieten und der \u201eVolksrepublik Bayern\u201c sind selbst Telefongespr\u00e4che nicht mehr m\u00f6glich, weil die Mobilfunknetze inkompatibel sind. Zahllose Familien sind zerrissen. Die meisten Menschen wollen nur noch, dass die K\u00e4mpfe endlich aufh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Internationale Vermittlungsversuche, die im \u201eBukarester Abkommen\u201c kodifiziert wurden, werden von den kriegf\u00fchrenden Parteien sabotiert. Berlin weigert sich hartn\u00e4ckig, seinen vertraglichen Verpflichtungen nachzukommen und eine Grundgesetzreform durchzuf\u00fchren, die den F\u00f6deralismus wieder einf\u00fchren und Bayern innerhalb der Bundesrepublik Deutschland weitgehende Autonomierechte einr\u00e4umen w\u00fcrde. Umgekehrt spricht viel daf\u00fcr, dass \u00d6sterreich nach wie vor Waffen an die bayerischen Rebellen liefert. Zudem zahlt der Gro\u00dfe Bruder mittlerweile die Renten und Beamtengeh\u00e4lter in der \u201eVolksrepublik Bayern\u201c \u2013 in Schilling, versteht sich, denn diese W\u00e4hrung wurde in den von M\u00fcnchen kontrollierten Gebieten bereits vor Jahren eingef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Auf der mentalen Ebene stehen sich jetzt zwei kontr\u00e4re Narrative unvers\u00f6hnlich gegen\u00fcber: Berlin behauptet, \u00d6sterreich habe Deutschland angegriffen und damit die europ\u00e4ische Grundordnung massiv verletzt. Es f\u00fchre einen unerkl\u00e4rten hybriden Krieg auf deutschem Territorium, n\u00e4mlich in Bayern, wo es das Regime der \u201epro\u00f6sterreichischen Separatisten\u201c eingerichtet habe. Die \u201eVolksrepublik Bayern\u201c dagegen erkl\u00e4rt, man werde sich der vom Ausland installierten illegalen Berliner Putschregierung, die das eigene Volk angegriffen habe, niemals beugen. Und Wien betont, es habe mit allem nichts zu tun.<\/p>\n<p><strong>Showdown<\/strong><\/p>\n<p>Nach fast acht Jahren geraten die Dinge dramatisch in Bewegung. Berlin, das von einer westlichen, mit Wien verfeindeten Hegemonialmacht mit gigantischen Mitteln milit\u00e4risch, \u00f6konomisch und moralisch unterst\u00fctzt wird, zieht gro\u00dfe Truppenverb\u00e4nde an den Kampflinien zur \u201eVolksrepublik Bayern\u201c zusammen und l\u00e4sst durchblicken, dass es nun Ernst machen und die abtr\u00fcnnigen Gebiete \u2013 koste es, was es wolle \u2013 zur\u00fcckerobern will. Wien, das sich seinerseits von der westlichen Hegemonialmacht existenziell bedroht f\u00fchlt, f\u00fchrt auf dem Territorium des befreundeten Tschechiens martialische Man\u00f6ver an der Grenze zu Deutschland durch. Die Lage spitzt sich gef\u00e4hrlich zu.<\/p>\n<p>In einer letzten diplomatischen Initiative fordert Wien die westliche Hegemonialmacht ultimativ auf, Berlin nicht weiter zu unterst\u00fctzen, und droht Berlin, alle milit\u00e4rischen Mittel einzusetzen, um einen Genozid an der bayerischen Bev\u00f6lkerung, der \u00d6sterreich sich seit ewigen Zeiten verbunden f\u00fchle, zu verhindern. Als sowohl die Hegemonialmacht wie Berlin Wien auflaufen lassen, ist es soweit: \u00d6sterreich erkl\u00e4rt das \u201eBukarester Abkommen\u201c f\u00fcr gescheitert und erkennt die \u201eVolksrepublik Bayern\u201c als Staat an. Zwei Tage sp\u00e4ter \u00fcberfallen \u00f6sterreichische Truppenverb\u00e4nde von Tschechien kommend Deutschland, zeitgleich r\u00fcckt Wien auf breiter Front in Bayern ein.<\/p>\n<p>Nach monatelangen K\u00e4mpfen ist es \u00d6sterreich zwar nicht gelungen, die \u201eBerliner Putsch-Junta\u201c zu beseitigen, aber es hat weite Teile Th\u00fcringens und Sachsens unter seine Kontrolle gebracht und l\u00e4sst dort \u2013 und zeitgleich im immer noch nicht ganz eroberten Bayern \u2013 Referenden \u00fcber eine Abspaltung von der Bundesrepublik Deutschland durchf\u00fchren. Die Ergebnisse sind aus Wiener Sicht ein voller Erfolg: Offiziellen Angaben zufolge bekundet angeblich eine \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit in allen drei \u2013 nun ehemaligen \u2013 Bundesl\u00e4ndern den Wunsch, \u00d6sterreich beizutreten. Ein Wunsch, der schon drei Tage sp\u00e4ter gn\u00e4dig gew\u00e4hrt und in der Wiener Hofburg feierlich vollzogen wird \u2026<\/p>\n<p>Und eine ver\u00e4ngstigte Welt\u00f6ffentlichkeit fragt sich: Wer ist eigentlich an allem schuld?<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88880\"><em>nachdenkseiten.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 6. Oktober 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leo Ensel. Die Ostukraine und Bayern \u2013 ein Vergleich, der nur auf den ersten Blick an den Haaren herbeigezogen scheint. 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