{"id":11867,"date":"2022-10-08T17:31:06","date_gmt":"2022-10-08T15:31:06","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11867"},"modified":"2022-10-08T17:31:07","modified_gmt":"2022-10-08T15:31:07","slug":"nord-stream-anschlag-gebremster-wissensdurst-bei-der-taetersuche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11867","title":{"rendered":"Nord-Stream-Anschlag \u2013 Gebremster Wissensdurst bei der T\u00e4tersuche"},"content":{"rendered":"<p><em>\u00a0Paul Michel. <\/em><strong>Mit den Anschl\u00e4gen auf die Erdgasleitungen Nord Stream 1 und 2 nahe der schwedischen Insel Bornholm sind die direkten Lieferverbindungen aus Russland nach Deutschland nach ihrer politisch bedingten Stilllegung nun auch physisch gekappt worden. Klar ist, dass die Tat Kapazit\u00e4ten voraussetzt, die lediglich staatlichen Stellen zur<\/strong><!--more--> <strong>Verf\u00fcgung stehen \u2013 U-Boote oder Marinetaucher. Dazu, wer aber die Anschl\u00e4ge ver\u00fcbt hat, bei denen am Montag wohl gro\u00dfe L\u00f6cher in die Pipelines gesprengt wurden, ist nichts bekannt.<\/strong><\/p>\n<p>Ermittelt werden sollte in alle Richtungen.<\/p>\n<p><strong>Unterschiedliche Reaktionen<\/strong><\/p>\n<p>Unmittelbar nach Bekanntwerden der Anschl\u00e4ge gab es einige, die zwar nichts wussten, aber sich dennoch sicher waren zu wissen, wer da dahinter steckt: Bei Markus Lanz etwa gab ein vermeintlicher Milit\u00e4rexperte, namens Christian M\u00f6lling zum Besten: \u201eAlles das spricht daf\u00fcr, dass wir es hier wahrscheinlich mit Russland als T\u00e4ter zu tun haben.\u201c \u00c4hnliche Schnellsch\u00fcsse gab es in verschiedenen anderen Medien. Auff\u00e4llig war allerdings, dass die Bundesregierung mit Aussagen sehr zur\u00fcckhaltend war. In Berlin wurde \u201egewarnt, zu rasche Schl\u00fcsse zu ziehen\u201c. Auch die schwedische und die d\u00e4nische Regierung waren offenbar darauf bedacht, die Stimmung nicht durch Mutma\u00dfungen anzuheizen.<\/p>\n<p>Das gilt allerdings nicht f\u00fcr das politische Spitzenpersonal der EU. In den Erkl\u00e4rungen von Kommissionspr\u00e4sidentin Ursula von der Leyen und des Au\u00dfenbeauftragten Josep Borrell wurde Russland zwar nicht explizit als T\u00e4ter genannt. Aus der Tonlage der Erkl\u00e4rungen war jedoch zu erkennen, dass f\u00fcr sie Russland der Hauptverd\u00e4chtige war. Ursula von der Leyen erkl\u00e4rte, \u201ejede vors\u00e4tzliche St\u00f6rung der aktiven europ\u00e4ischen Energieinfrastruktur\u201c sei f\u00fcr Br\u00fcssel v\u00f6llig \u201einakzeptabel\u201c und werde \u201ezu der sch\u00e4rfsten m\u00f6glichen Antwort f\u00fchren\u201c. Josep Borrell erkl\u00e4rte, jeder Eingriff in die EU-Energieversorgung werde zuverl\u00e4ssig \u201emit einer robusten und gemeinsamen Reaktion beantwortet werden\u201c.<\/p>\n<p><strong>Schnell nachlassendes Interesse<\/strong><\/p>\n<p>In den zwei bis drei Tagen nach dem Anschlag wurde noch auf allen Kan\u00e4len und in allen Bl\u00e4ttern breit dar\u00fcber berichtet. Danach verschwand das Thema aus der <em>Tagesschau<\/em> und den <em>Heute<\/em> Nachrichten. Den Printmedien war das Thema allenfalls noch eine Kurzmeldung auf Seite 7 wert. Wir d\u00fcrfen getrost davon ausgehen, dass die Ermittlungen auf Hochtouren laufen. Daten gibt es wohl in H\u00fclle und F\u00fclle. Die Ostsee geh\u00f6rt zu den am besten \u00fcberwachten Gew\u00e4ssern auf diesem Planeten. Nicht nur an der Oberfl\u00e4che, wo sich kein Schiff bewegen d\u00fcrfte, ohne jederzeit wahrgenommen zu werden. Auch unter Wasser, wo Sonar und Unterwassermikrofone dazu dienen, Bewegungen von U-Booten zu \u00fcberwachen. Man kann davon ausgehen, dass in diesen Tagen kein \u00dcber- oder Unterwasserfahrzeug die H\u00e4fen von St. Petersburg oder Kaliningrad Richtung Bornholm verlassen kann, ohne dass es von den Sonar- und Unterwassermikrophonen der NATO auf Herz und Nieren gepr\u00fcft wird. Jens Berger von den <em>NachDenkSeiten<\/em> bemerkte dazu: \u201eIn der Ostsee kann man \u2013 ein wenig \u00fcberspitzt formuliert \u2013 schlie\u00dflich \u201akeinen Furz lassen\u2018, ohne dass dies von einer der zahlreichen milit\u00e4rischen und zivilen Mess- und Sensorstationen aufgezeichnet wird.\u201c<\/p>\n<p>Wir d\u00fcrfen davon ausgehen, dass in den Tagen nach dem Anschlag diese Datenflut akribisch darauf hin untersucht wurde, ob da nicht ein russisches Schiff in den fraglichen Gew\u00e4ssern unterwegs war. Das doch recht schnell eintretende Verstummen der Medien \u00fcber die Anschl\u00e4ge k\u00f6nnte ein Indiz daf\u00fcr sein, dass die Auswertung aller Daten nichts f\u00fcr Russland Belastendes erbracht hat.<\/p>\n<p><strong>Wie w\u00e4r\u2018 es mit \u201eIn alle Richtungen ermitteln\u201c?<\/strong><\/p>\n<p>Nun, wenn es sich hier um einen \u201eTatort\u201c in der <em>ARD <\/em>handeln w\u00fcrde, so w\u00fcrde in einer Situation, in der es keinerlei Hinweise darauf gibt, wer die T\u00e4ter sein k\u00f6nnten, nat\u00fcrlich nicht nur in eine, sondern in alle Richtungen ermittelt. Also auch in Richtung USA. Im Unterschied zu Russland sind im Fall der USA mittlerweile wirklich ein paar Umst\u00e4nde bekannt geworden, die einen \u201eTatort\u201c-Kommissar veranlassen w\u00fcrden, hier mal genauer hinzusehen.<\/p>\n<p>Da w\u00e4re zum Beispiel die Twitter-Meldung von Radek Sikorski, dem derzeitigen Europaparlamentarier und ehemaligen Verteidigungs- und Au\u00dfenminister Polens. Sikorski, ein konservativer Atlantiker, kommentierte ein Foto von aufsteigendem Gas in der Ostsee mit dem Spruch \u201eThank you, USA\u201c \u2013 was unterstellt, dass die USA der T\u00e4ter sei. Sikorski ist seit langem ein Gegner der Nord-Stream-Leitungen. Als Ehemann der prominenten konservativen amerikanischen Journalistin Anne Applebaum d\u00fcrfte er gut \u00fcber die USA informiert sein. Sikorski verweist auf ein Interview von US-Pr\u00e4sident Joseph Biden vom 7. Februar 2022. Damals hatte Biden w\u00e4hrend des Besuchs von Kanzler Scholz in USA ge\u00e4u\u00dfert: \u201eWenn Russland einmarschiert \u2026 dann wird es Nord Stream 2 nicht mehr geben. Wir werden dem ein Ende setzen\u201c. Auf die Frage eines Reporters \u201eAber wie wollen Sie das genau machen, da \u2026 das Projekt unter deutscher Kontrolle steht?\u201c antwortete Biden: \u201eIch darf ihnen versprechen, dass wir in der Lage sein werden, das zu tun.\u201c<\/p>\n<p><strong>Was wollte die US-Marine im Seegebiet um Bornholm?<\/strong><\/p>\n<p>Der Verdacht von \u201eTatort\u201c-Ermittlern w\u00fcrde auch durch den Umstand gen\u00e4hrt, dass von Anfang bis Mitte Juni in der Ostsee das j\u00e4hrliche NATO-Man\u00f6ver Baltops stattfand. Unter dem Kommando der 6. US-Flotte nahmen in diesem Jahr 47 Kriegsschiffe an der \u00dcbung teil, darunter der US-Flottenverband rund um den Hubschraubertr\u00e4ger USS Kearsarge. Von besonderer Bedeutung ist dabei ein bestimmtes Man\u00f6ver, das von der Task Force 68 der 6. Flotte durchgef\u00fchrt wurde \u2013 einer Spezialeinheit f\u00fcr Kampfmittelbeseitigung und Unterwasseroperationen der U.S. Marines, also genau die Einheit, die die erste Adresse f\u00fcr einen Sabotageakt an einer Unterwasserpipeline w\u00e4re.<\/p>\n<p>Wie das Fachblatt \u201eSeapower\u201c berichtete, war im Juni dieses Jahres genau diese Einheit vor der Insel Bornholm mit einem Man\u00f6ver besch\u00e4ftigt, bei dem man mit unbemannten Unterwasserfahrzeugen operierte. Wie der Zufall es will, war genau jene Einsatzgruppe rund um das Kriegsschiff USS- Kearsarge in der letzten Woche abermals im Seegebiet um Bornholm. Das letzte \u00f6ffentlich verf\u00fcgbare Positionssignal kam am letzten Mittwoch von einer Position, keine zehn Seemeilen von Bornholm entfernt. Seitdem haben die Schiffe des Flottenverbandes ihr automatisches Identifikationssystem AIS ausgeschaltet. F\u00fcr die Seeraum\u00fcberwachung der Anrainerstaaten sind sie nat\u00fcrlich dennoch zu orten.<\/p>\n<p><strong>Verst\u00f6rende \u00c4u\u00dferungen eines Au\u00dfenministers<\/strong><\/p>\n<p>Hinzu kommen j\u00fcngste \u00c4u\u00dferungen von US-Au\u00dfenminister Antony J. Blinken bei einem Treffen mit seiner kanadischen Amtskollegin M\u00e9lanie Joly in Washington. Kanadische und US-Reporter befragten Blinken nach dessen Einsch\u00e4tzung zu den Vorf\u00e4llen rund um die Explosion der Nord-Stream-Pipelines und was die USA tun k\u00f6nnten, um die daraus entstandene Notlage der europ\u00e4ischen Verb\u00fcndeten zu lindern. Blinken erkl\u00e4rte daraufhin freim\u00fctig: \u201eWir sind jetzt der f\u00fchrende Lieferant von Fl\u00fcssigerdgas f\u00fcr Europa (\u2026). Dies ist auch eine enorme Chance. Es ist eine enorme Chance, die Abh\u00e4ngigkeit von russischer Energie ein f\u00fcr alle Mal zu beseitigen und damit Wladimir Putin die Bewaffnung der Energie als Mittel zur Durchsetzung seiner imperialen Pl\u00e4ne zu nehmen. Das ist sehr bedeutsam und bietet eine enorme strategische Chance f\u00fcr die kommenden Jahre.\u201c<\/p>\n<p>Das muss man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen: Der US-Au\u00dfenminister bezeichnet ganz offen die gewaltsame Zerst\u00f6rung eines der zentralen europ\u00e4ischen Energieversorgungsnetze (also einen terroristischen Sabotageakt) als \u201eenorme strategische Chance\u201c. Was w\u00e4re los, wenn der russische Au\u00dfenminister Lawrow solche \u00c4u\u00dferungen t\u00e4tigte.<\/p>\n<p><strong>Was w\u00fcrde ein \u201eTatort\u201c-Kommissar tun?<\/strong><\/p>\n<p>Die Aussage Blinkens f\u00fchrt die gesamte Darstellungsweise bei <em>ARD<\/em>, <em>ZDF<\/em>, <em>SPIEGEL<\/em> &amp; Co ad absurdum, die nicht m\u00fcde werden zu betonen, dass die USA keinerlei Motiv h\u00e4tten, die Nord-Stream-Pipelines zu sabotieren. Der US-Au\u00dfenminister hat mit seiner Aussage all diese Bem\u00fchungen \u00fcber den Haufen geworfen. Denn wie von Blinken dargelegt, bietet die mutma\u00dfliche Zerst\u00f6rung der Pipelines die einzigartige M\u00f6glichkeit, dass die USA, erstmals in der Geschichte, ein Quasi-Gasmonopol in Europa etablieren k\u00f6nnen, auf Grundlage ihrer k\u00fcrzlich noch darbenden LNG-Industrie.<\/p>\n<p>Es ist einerseits befremdlich, andererseits wenig \u00fcberraschend, dass diese Aussagen Blinkens ebenso wie die oben genannten Fakten in der deutschen Presse kein Thema sind. F\u00fcr einen ehrlichen, unbestechlichen \u201eTatort\u201c-Kommissar w\u00e4re das jedenfalls ein Grund, Blinken zur Vernehmung vorzuladen und von der NATO die Herausgabe ihrer Aufzeichnungen aus dem Gebiet rund um Bornholm zu verlangen. Aber der \u201eTatort\u201c ist nun mal Fiktion. Im realen Leben laufen die Dinge anders. Wenn kein Wunder passiert, wird das Thema \u201eSabotage an Nordstream 1 und 2\u201c beerdigt und geht als mythenumwobenes Geheimnis in die Geschichte ein. Es sei denn, es g\u00e4be in D\u00e4nemark oder Schweden couragierte investigative Journalisten und in den Reihen der NATO einen Whistleblower, der oder die den Mut hat, als \u201etop secret\u201c markierte Daten durchzustechen. Aber das w\u00e4re wohl zu sch\u00f6n, um wahr zu sein.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/nord-stream-anschlag-gebremster-wissensdurst-bei-der-taetersuche\/\"><em>diefreiheitsliebe.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 8. Oktober 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0Paul Michel. 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