{"id":11913,"date":"2022-10-14T11:15:01","date_gmt":"2022-10-14T09:15:01","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11913"},"modified":"2022-10-14T11:15:02","modified_gmt":"2022-10-14T09:15:02","slug":"donezk-gluehender-raketen-schrott-am-nachthimmel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11913","title":{"rendered":"Donezk: Gl\u00fchender Raketen-Schrott am Nachthimmel"},"content":{"rendered":"<p><em>Ulrich Heyden.<\/em> In der Innenstadt von Donezk h\u00f6rt man faktisch 24 Stunden am Tag Artilleriefeuer. Mal gibt es ein paar Stunden Pause. Mal klingt es bedrohlich nah, mal fern, mal wie scharfes, mal wie ein hohles Knallen, mal wie ein unheimliches Prasseln. Mal in schneller Folge, mal in Abst\u00e4nden. Die Einwohner k\u00f6nnen Angriffs- und Abwehrfeuer unterscheiden. <!--more-->Ich noch nicht.<\/p>\n<p>Die Menschen halten sich mit ihren Kindern vor allem in ihren Wohnungen auf. Kinderspielpl\u00e4tze sind verwaist. Schulen und Kinderg\u00e4rten sind seit Februar geschlossen. Fast t\u00e4glich sterben Menschen an den anfliegenden ukrainischen Geschossen oder kleinen \u201eLepestok\u201c-Minen, die auf Wegen verstreut herumliegen und die in ihrem hellen Gr\u00fcn wie Herbstbl\u00e4tter aussehen. Diese Minen, die F\u00fc\u00dfe abrei\u00dfen, werden mit speziellen Raketen abgeworfen. Sie landen auf D\u00e4chern, in H\u00f6fen und auf Fu\u00dfwegen.<\/p>\n<p>Wenn es drau\u00dfen mal ruhig ist, sieht man Leute spazieren gehen. Nach zwei Wochen habe auch ich meinen ersten Spaziergang gewagt. Die gelben und orangenen Herbstb\u00e4ume leuchteten einfach zu verlockend.<\/p>\n<p>Ich ging am Kalmius-Fluss entlang. Der aufgestaute Fluss ist im Stadtzentrum 400 Meter breit. Der Blick aufs Wasser wirkt in der Abendsonne beruhigend. Zu beiden Seiten des Wassers gibt es Parks. Hier gehen die Leute langsamen Schrittes spazieren, allein oder in Gruppen. Sie sitzen auf B\u00e4nken, sinnen vor sich hin, versuchen sich zu entspannen. Unterhaltungen werden leise gef\u00fchrt. Man braucht viel innere Disziplin, um ein Leben unter diesen Umst\u00e4nden zu meistern.<\/p>\n<p><strong>Es war einmal eine reiche Stadt<\/strong><\/p>\n<p>Die Volksrepubliken sind zwar wirtschaftlich mit ihren Kohlebergwerken und metallurgischen Fabriken potent. Insbesondere Donezk mit seinen zahlreichen Verwaltungsgeb\u00e4uden und hohen, komplett verglasten Hochh\u00e4usern und Hotels sieht man an, dass hier einmal eine m\u00e4chtige Industrie verwaltet wurde.<\/p>\n<p>Es gibt das Ger\u00fccht, dass die vielen verglasten Hotels und Business-Zentren bisher von ukrainischem Beschuss verschont wurden, weil die Besitzer an die Ukraine zahlten. Doch sollte dieses Ger\u00fccht stimmen, so ist es \u00fcberholt, denn durch Beschuss besch\u00e4digt wurden seit August 2022 die Hotels \u201eDonbass Palace\u201c, \u201eCentral\u201c und schon zweimal das Hotel \u201ePark Inn\u201c.<\/p>\n<p><strong>Die Einstimmung nach dem Einchecken<\/strong><\/p>\n<p>Als ich am 25. September \u2013 das Referendum hatte gerade begonnen \u2013 in einem Hotel mein Gep\u00e4ck auspacke, wurde ich eingestimmt auf die neue Realit\u00e4t in der Stadt. Drau\u00dfen donnerten unabl\u00e4ssig Artilleriegesch\u00fctze. Manchmal sieht man in der Entfernung von ein paar Kilometern nach Einschl\u00e4gen Rauchwolken. Manchmal sieht man nachts gl\u00fchende Teile vom Nachthimmel taumeln. Offenbar die \u00dcberreste von abgeschossenen ukrainischen Drohnen oder Raketen.<\/p>\n<p>Tags\u00fcber donnern gelegentlich Kampfflugzeuge \u00fcber die Stadt. Was sich zuerst anh\u00f6rt wie eine ukrainische Attacke, ist aber ungef\u00e4hrlich. Es sind russische Kampfflugzeuge, die, um der ukrainischen Luftabwehr zu entgehen, im Tiefflug zur Front unterwegs sind. Im \u00f6rtlichen Internet kommen sofort Entwarnungen, wie \u201ees waren die Unseren\u201c.<\/p>\n<p><strong>Schon vier Luft-Boden-Raketen gingen in der DVR nieder<\/strong><\/p>\n<p>Die Raketen, welche die ukrainische Armee einsetzt, werden immer gef\u00e4hrlicher. W\u00e4hrend bei meinem letzten Besuch im August bereits Geschosse der von den USA gelieferten HIMARS-Mehrfachraketenwerfer im Stadtzentrum von Donezk einschlugen, wurden seit Ende September schon viermal, zuletzt am 11. Oktober um 18:31 Uhr, Luft-Boden-Raketen vom Typ AGB-88 HARM eingesetzt. Der St\u00fcckpreis dieser Rakete, die von einem Flugzeug abgeschossen wird, liegt bei 284.000 US-Dollar.<\/p>\n<p>Der Donezker Telegram-Kanal des SCKK \u2013 <a href=\"https:\/\/t.me\/DNR_SCKK\">\u201eGemeinsames Zentrum f\u00fcr Kontrolle und Koordination\u201c<\/a> \u2013 berichtete, die Donezker Luftabwehr habe die HARM-Rakete am 11. Oktober getroffen. \u201eKritischen Schaden\u201c habe es nicht gegeben.<\/p>\n<p>Eine Bemerkung zum SCKK. Es liefert nach meiner Einsch\u00e4tzung gr\u00fcndliche Daten \u00fcber das Kriegsgeschehen in den \u201eVolksrepubliken\u201c. Das Zentrum wurde 2014 gegr\u00fcndet. Zun\u00e4chst arbeiteten in dem Zentrum Vertreter der Ukraine, Russlands und der OSZE gemeinsam an der \u00dcberwachung der im Rahmen des Minsker Abkommens vereinbarten Waffenstillst\u00e4nde.<\/p>\n<p>2017 verlie\u00dfen die russischen Offiziere die SCKK. Sie beklagten Behinderungen und Schikanen der ukrainischen Beh\u00f6rden. Die Arbeit der SCKK wird seitdem von Vertretern der \u201eVolksrepubliken\u201c fortgef\u00fchrt.<\/p>\n<p><strong>Steiler Anstieg von Beschuss<\/strong><\/p>\n<p>Die Zahl des ukrainischen Beschusses nahm in den letzten Tagen rasant zu. W\u00e4hrend das SCKK f\u00fcr den 10. Oktober 52-mal ukrainischen Artillerie-Beschuss meldete, wurde in der Tageschronik vom 11. Oktober, 6 Uhr, bis zum 12. Oktober, 6 Uhr, fast die dreifache Zahl gemeldet. 148 ukrainische Geschosse seien am 11. Oktober auf die \u201eVolksrepublik Donezk\u201c (DVR) niedergegangen.<\/p>\n<p>Getroffen wurden am 11. Oktober verschiedene Stadtbezirke von Donezk sowie die St\u00e4dte und D\u00f6rfer in der DVR, Sajzewo, Gorlowka, Rosowka, Nowoabachmutowka, Jasinowata, Kaschtanowoje, Makejewka, Aleksandrowka.<\/p>\n<p>Ein Mann in Alexandrowka wurde get\u00f6tet, f\u00fcnf Menschen wurden verletzt, 17 Wohnh\u00e4user und ein Infrastrukturobjekt wurden besch\u00e4digt.<\/p>\n<p><strong>Informationen \u00fcber Beschuss im Minuten-Takt<\/strong><\/p>\n<p>Angesichts der st\u00e4ndigen Bedrohung aus der Luft werden die \u00f6rtlichen Telegram-Kan\u00e4le zum wichtigen Begleiter nicht nur f\u00fcr Journalisten, sondern auch f\u00fcr die Bewohner der Stadt. Die Kan\u00e4le informieren im Minuten-Takt, in welchen Stadtteilen und Stra\u00dfen Minen gefunden wurden, wo H\u00e4user von Geschossen besch\u00e4digt und Menschen verletzt oder get\u00f6tet wurden.<\/p>\n<p>Kaum bin ich aufgewacht, gucke ich mir die neuen Beschussmeldungen an. Ich m\u00f6chte m\u00f6glichst hautnah vom Kriegsgeschehen berichten, mich aber auch nicht unn\u00f6tig in Gefahr begeben. So w\u00fcrde ich unmittelbar nach einem Beschuss den Ort nie aufsuchen, denn unter den Korrespondenten in Donezk wird erz\u00e4hlt, dass es nach dem ersten \u2013 nach einer kurzen Pause \u2013 oft noch einen zweiten Beschuss gibt, der eben diejenigen treffen soll, die gew\u00f6hnlich am Ort der Katastrophe eintreffen, Journalisten, Rettungssanit\u00e4ter und Anwohner.<\/p>\n<p><strong>Wie morgens das Leben beginnt<\/strong><\/p>\n<p>Wenn ich morgens aus dem Hotelfenster schaue, so ist der Blick erstmal beruhigend. Im Morgennebel sehe ich, wie Menschen geduldig an Autobushaltestellen warten. Es halten Trolleybusse und Kleinbusse. Anwohner f\u00fchren in den gepflegten Gr\u00fcnstreifen entlang der Stra\u00dfen ihre Hunde aus.<\/p>\n<p>Es wirkt alles ganz normal und erinnert an deutsche St\u00e4dte. Aber nein, die Menschen haben Angst. Sie sch\u00e4tzen jede Minute, in der kein Artilleriefeuer zu h\u00f6ren ist und sie mit ihren Kindern oder Eltern einen Spaziergang machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Seit Februar sind die Kinderg\u00e4rten und Schulen geschlossen. Das Leben spielt sich in den eigenen vier W\u00e4nden ab. Nur zum Einkaufen geht man nach drau\u00dfen.<\/p>\n<p>Bewohner der Stadt erz\u00e4hlten mir, dass die H\u00e4user zurzeit nur zur H\u00e4lfte bewohnt sind. Viele sind nach Russland, manche auch in die Ukraine, gefahren. Offiziell hat die Stadt immer noch eine Einwohnerzahl von 950.000.<\/p>\n<p>Mal ist es die russische Luftabwehr, mal ist es die ukrainische Artillerie, die t\u00e4glich Geschosse nach Donezk schickt, vor allem in die frontnahen, nordwestlichen Bezirke der Stadt. Aber seit den letzten drei Monaten wird zunehmend auch die Innenstadt beschossen.<\/p>\n<p>Die B\u00fcrger der DVR haben zwar im Referendum (<a href=\"https:\/\/ulrich-heyden.de\/article\/fotos-vom-referendum-uber-die-vereinigung-mit-russland\">Photoreportage<\/a>) mit \u00fcberw\u00e4ltigender Mehrheit f\u00fcr die Vereinigung mit Russland gestimmt. Jetzt versprechen sich besonders die \u00e4lteren Menschen einen besseren sozialen Schutz. Aber niemand hat die Illusion, dass der ukrainische Beschuss jetzt abrupt aufh\u00f6rt. Allen ist klar, dass, solange die ukrainische Armee 15 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt steht, der Beschuss nicht aufh\u00f6ren wird.<\/p>\n<p><strong>Journalismus l\u00e4uft nach anderen Regeln<\/strong><\/p>\n<p>Ich arbeite schon seit 2014 als Journalist im Donbass. Und noch nie habe ich mich so unsicher gef\u00fchlt wie bei dieser Reise. Auch stelle ich fest, dass es schwieriger geworden ist, mit offiziellen Stellen Interviews zu f\u00fchren. Man muss lange telefonieren und manchmal Fragen einreichen, die man stellen will.<\/p>\n<p>Der Besuch in einem Krankenhaus ist nur mit Genehmigung der \u00fcbergeordneten Beh\u00f6rde, dem Gesundheitsministerium, m\u00f6glich und von dort bekam ich keine Antwort.<\/p>\n<p>Immerhin konnte ich in der \u201eVolksrepublik Donezk\u201c zwei Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte besuchen. Dabei fiel mir auf, dass nur die Fl\u00fcchtlinge einigerma\u00dfen frei sprachen, deren Verwandte bereits alle in Russland leben. Die Anderen, deren Verwandte noch in den Gebieten leben, die jetzt von den ukrainischen Truppen zur\u00fcckerobert wurden, waren sehr wortkarg oder wollten gar nicht mit mir sprechen.<\/p>\n<p>Diese Menschen f\u00fcrchten, dass ihre Aussagen in einem Interview f\u00fcr ihre Verwandten in den von der Ukraine kontrollierten Gebieten Verhaftung, Verh\u00f6re und vielleicht sogar Tod zur Folge haben, da man sie der Kollaboration mit Russland verd\u00e4chtigt.<\/p>\n<p>Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte in der DVR durfte ich kategorisch nicht fotografieren. Die Fl\u00fcchtlinge f\u00fcrchten direkten Beschuss durch die ukrainischen Truppen, insbesondere dann, wenn Fl\u00fcchtlinge kritische Interviews gegeben haben.<\/p>\n<p>Meine Schwierigkeiten bei der journalistischen Arbeit laste ich den Machtorganen in der \u201eVolksrepublik\u201c nicht an. Ich wei\u00df, die Nerven aller Menschen hier sind bis zum \u00c4u\u00dfersten gespannt. St\u00e4ndiger Beschuss absorbiert viel Kraft der Verwaltungsstrukturen.<\/p>\n<p>Zudem sorgen Journalisten aus \u201eunfreundlichen L\u00e4ndern\u201c \u2013 so nennt man in Russland die L\u00e4nder der NATO \u2013 auch oft f\u00fcr Verstimmung. Immer wieder baten mich Menschen auf der Stra\u00dfe, \u201eSchreib die Wahrheit!\u201c, \u201eVerf\u00e4lsche nichts!\u201c.<\/p>\n<p>Wenn Vertreter gro\u00dfer westlicher Medien mal an einer von der DVR organisierten Presse-Tour teilnehmen \u2013 was schon selten passiert \u2013 dann berichten sie meist nicht \u00fcber die von der ukrainischen Armee zerst\u00f6rten Krankenh\u00e4user und Schulen. Ich traf auch Menschen, die eben aus diesem Grund nicht bereit waren zu einem Interview. Sie sagten, \u201eihr berichtet ja doch nicht dar\u00fcber, was hier passiert\u201c.<\/p>\n<p>Dass ich trotzdem sehr viel Material und Eindr\u00fccke sammeln kann, liegt daran, dass ich immer wieder auf den Stra\u00dfen von Donezk unterwegs bin und Passanten anspreche. Die H\u00e4lfte der Angesprochenen war zu kurzen Interviews bereit. Einer dieser Passanten lud mich sogar zum Bier ein und kutschierte mich in seinem Auto durch sein Wohnviertel, zeigte mir zerschossene Wohnungen, von russischen Baufirmen wieder eingesetzte Fenster und ausgebrannte Autowracks, die noch in den H\u00f6fen stehen.<\/p>\n<p>Trotz Entt\u00e4uschung und auch Entsetzen \u00fcber die deutschen Medien und die deutsche Regierung sind die Menschen in Donezk einem Deutschen gegen\u00fcber in der Regel ausgesprochen freundlich und fast nicht misstrauisch. Ich werde Donezk immer wieder besuchen, auch wenn es mit dem Frieden noch l\u00e4nger dauert.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89175\"><em>nachdenkseiten.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 14. Oktober 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ulrich Heyden. In der Innenstadt von Donezk h\u00f6rt man faktisch 24 Stunden am Tag Artilleriefeuer. Mal gibt es ein paar Stunden Pause. 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