{"id":11931,"date":"2022-10-17T10:55:24","date_gmt":"2022-10-17T08:55:24","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11931"},"modified":"2022-10-17T10:55:26","modified_gmt":"2022-10-17T08:55:26","slug":"braunes-erbe-von-david-de-jong-kontinuitaet-von-hitlers-geldgebern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11931","title":{"rendered":"\u201eBraunes Erbe\u201c von David de Jong: Kontinuit\u00e4t von Hitlers Geldgebern"},"content":{"rendered":"<p><em>Ela Maartens, Verena Nees. <\/em><strong>David de Jong, \u201eBraunes Erbe. Die dunkle Geschichte der reichsten deutschen Unternehmerdynastien\u201c. Aus dem Englischen von J\u00f6rn Pinnow und Michael Schickenberg. Verlag Kiepenheuer &amp; Witsch, K\u00f6ln 2022. <\/strong><strong>(Originalausgabe: \u201cNazi Billionaires:The Dark History of Germany&#8217;s Wealthiest Dynasties\u201d)<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Dieses Buch kommt zur richtigen Zeit. Landauf landab wird die Kriegstrommel ger\u00fchrt und behauptet, die herrschenden Eliten Deutschlands setzten sich f\u00fcr Demokratie und Freiheit des ukrainischen Volkes ein. Wer die verlangten Opfer f\u00fcr die R\u00fcstungsausgaben ablehnt \u2013 Inflation, Mietschulden, Armut und Arbeitslosigkeit \u2013, wird als Unterst\u00fctzer von russischer Tyrannei, wer Angst vor einem Atomschlag \u00e4u\u00dfert, als Feigling bezeichnet.<\/p>\n<p>In <em>Braunes Erbe. Die dunkle Geschichte der reichsten deutschen Unternehmerdynastien<\/em>, das Ende Mai erschienen ist, zeigt der niederl\u00e4ndische Finanzjournalist David De Jong, was die wirkliche Haltung der deutschen herrschenden Klasse zur Demokratie war und heute noch ist. \u201eStehlen, Morden, Rauben hei\u00dfen sie mit falscher Bezeichnung \u201aHerrschaft\u2018. Und wo sie Ein\u00f6de schaffen, nennen sie das \u201aFrieden\u2018\u201c. Mit diesem Zitat aus Tacitus\u2018 <em>Agricola<\/em> \u00fcberschreibt er den Prolog seines Buchs.<\/p>\n<p>Detailliert und gut recherchiert schildert er die engen Verstrickungen einiger der gr\u00f6\u00dften deutschen Unternehmerdynastien mit den Nationalsozialisten und zeigt auf, wie sie nach dem Krieg erneut ihren Reichtum vermehren und den Ton in Wirtschaft und Finanzwelt angeben, ja sogar erneut faschistische Gruppierungen finanzieren konnten.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/bild.jpeg-8.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/bild.jpeg-8-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-11932\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/bild.jpeg-8-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/bild.jpeg-8-300x169.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/bild.jpeg-8-768x432.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/bild.jpeg-8.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption><em>Ferdinand Porsche (in Zivilkleidung) zwischen Adolf Hitler, DAF-Chef Robert Ley und Hermann G\u00f6ring. [Photo by Bundesarchiv Bild 101III-Reprich-012-08 \/ <\/em><a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/\"><em>CC BY-SA 3.0<\/em><\/a><em>]<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p>Ins Zentrum seines Buchs r\u00fcckt er f\u00fcnf Oligarchenfamilien, deren Vergangenheit \u2013 anders als bei Krupp, Thyssen, Siemens, Deutsche oder Dresdner Bank \u2013 lange im Dunkeln geblieben war: Die Firmenimperien von Quandt, August Baron von Finck, Friedrich Flick, Dr. Oetker, der Porsche-Pi\u00ebch-Clan. Am Ende geht De Jong auf die Albert Reimann Familie und deren im Kaffee- und Snack-Segment agierenden JAB Holding ein, deren Nazi-Vergangenheit erst in neuerer Zeit publik wurde.<\/p>\n<p>In leicht zug\u00e4nglicher Weise spricht der selbst noch junge Buchautor heutige Generationen an, die mit der R\u00fcckkehr der \u00dcbel des zwanzigsten Jahrhunderts, mit Krieg, Faschismus und sozialem Elend, konfrontiert sind, aber nicht viel \u00fcber die Geschichte der kapitalistischen Eliten wissen. Auch die \u00e4ltere Generation st\u00f6\u00dft in seinem Buch auf \u00fcberraschende Details, die aus neueren Quellen stammen.<\/p>\n<p>Die zentralen Aussagen des <em>Braunen Erbes<\/em> sind kaum \u00fcberzubewerten: Erstens war es die herrschende Kapitalistenklasse, und nicht das Volk, die den Aufstieg der Hitler-Diktatur gewollt hat. Sie hat die Nazi-Partei massiv finanziert, um einen revolution\u00e4ren Aufstand der Arbeiter in Deutschland zu verhindern.<\/p>\n<p>Zweitens erhoffte sie sich von der Hitler-Diktatur eine Umkehr der Kriegsniederlage im Ersten Weltkrieg und den Aufstieg zur beherrschenden imperialistischen Macht auf dem globalen Markt. Dabei waren ihr alle Mittel Recht \u2013 von der illegalen Aneignung j\u00fcdischen Besitzes, der Ausbeutung von Zwangsarbeit bis zur Vernichtung sogenannten \u201eunwerten\u201c Lebens.<\/p>\n<p>Drittens gab es 1945 keine Stunde Null. Nicht nur tummelten sich bald wieder alte Nazis in den wichtigsten Schaltstellen des Staats- und Sicherheitsapparats von Westdeutschland. Auch in der Wirtschaft waren die alten Eliten schnell wieder im Gesch\u00e4ft. Die Entnazifizierungsverfahren \u00fcberstanden die meisten unbeschadet \u2013 oder wie August Baron von Finck an einen Freund schrieb: \u201eIch wurde kostenlos entbr\u00e4unt.\u201c Nur wenige, wie Krupp und Flick, wurden verurteilt und kamen nach kurzer Zeit wieder frei. Selbst das alte F\u00fchrungspersonal wurde trotz Nazi-Belastung wieder eingestellt.<\/p>\n<p>Viertens weist De Jong auf die Gefahren heute: Die Nachfolger und Erben dieser Unternehmensdynastien konnten nicht nur sagenhaften Reichtum zusammenraffen und erneut beherrschenden Einfluss auf Wirtschaft, Politik, Bundeswehr und Kultur aus\u00fcben, sondern sind wieder zu Geldgebern f\u00fcr rechte und faschistische Gruppen geworden. Ohne sie w\u00e4re die AfD 2017 nicht in den Bundestag gekommen.<\/p>\n<p><strong>Millionensummen f\u00fcr die Niederschlagung eines Arbeiteraufstands<\/strong><\/p>\n<p>Er wolle einen kleinen Beitrag leisten, um Licht in das Dunkel zu bringen, sagt De Jong, bisher Wirtschafts- und B\u00f6rsenjournalist f\u00fcr <em>Bloomberg News<\/em>. Obwohl er selbst Verwandte hat, die im Holocaust ihr Leben verloren oder nur knapp \u00fcberlebten, habe er als Jugendlicher nicht viel \u00fcber die Nazi-Verbrechen gewusst. Sein Gro\u00dfvater wollte nicht dar\u00fcber sprechen. Nur zum Auftakt der Sommersaison in den Niederlanden, wenn die deutschen Urlauber die Str\u00e4nde bev\u00f6lkerten, habe er h\u00e4misch \u00fcber die \u201en\u00e4chste Invasion\u201c gewitzelt.<\/p>\n<p>Im Prolog seines Buchs schildert der Autor das ber\u00fcchtigte Geheimtreffen Hitlers mit Industriellen und Bankiers am 20. Februar 1933, drei Wochen nach seiner Macht\u00fcbernahme. Vor zwei Dutzend Wirtschaftsgr\u00f6\u00dfen \u2013 darunter G\u00fcnther Quandt, Friedrich Flick, August Baron von Finck, Kurt Schmitt (Allianz), Manager des Chemie-Konglomerats IG Farben und Wintershall, Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, Reichsbankpr\u00e4sident Hjalmar Schacht (der Organisator des Treffens) \u2013 betonte Hitler, das Jahr 1918 sei ein katastrophaler Wendepunkt der deutschen Geschichte gewesen, ausgehend von der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg und der Revolution in Russland. Jetzt sei der Moment gekommen, das Ringen zwischen links und rechts ein f\u00fcr alle Mal zu entscheiden. \u201eWir m\u00fcssen erst die ganzen Machtmittel in die Hand bekommen, wenn wir die andere Seite ganz zu Boden werfen wollen\u201c, so Hitler.<\/p>\n<p>Krupp, der als Vorsitzender des Reichsverbandes der Deutschen Industrie sprach, dankte Hitler und forderte eine schnelle innenpolitische Stabilisierung und einen starken Staat, da nur so \u201eWirtschaft und Gewerbe zur Entwicklung und zur Bl\u00fcte kommen k\u00f6nnten\u201c. Danach forderte Gastgeber G\u00f6ring die Anwesenden zu Geldspenden f\u00fcr den Wahlkampf der NSDAP zur Wahl am 5. M\u00e4rz auf, die die letzte sicherlich \u201einnerhalb 10 Jahren, voraussichtlich aber in 100 Jahren\u201c sei, und Bankier Hjalmar Schacht er\u00f6ffnete einen Wahlkampffonds von drei Millionen Reichsmark (heute rund vierzehn Millionen Euro). \u201eUnd nun, meine Herren, an die Kasse!\u201c, so Schacht w\u00f6rtlich.<\/p>\n<p>Weniger bekannt als dieses Treffen 1933 sind die Zusammenk\u00fcnfte ab 1931 im Berliner Hotel Kaiserhof. Zwei Jahre nach dem B\u00f6rsenkrach der Wall-Street am 25. Oktober 1929, dem \u201eschwarzen Freitag\u201c, stieg in Deutschland die Zahl der Arbeitslosen rasch an und erreichte 1931 nahezu sechs Millionen. Im Sommer war die deutsche Bankenkrise ausgebrochen, der Zahlungsverkehr stand vor dem Zusammenbruch, lange Schlangen von aufgebrachten Menschen vor den geschlossenen Schaltern wurden mit Polizei auseinandergetrieben.<\/p>\n<p>Auf diesem Hintergrund suchte die NSDAP nach einer Finanzierung ihrer Sturmabteilung (SA), um einen drohenden Arbeiteraufstand blutig niederzuschlagen. Sie wandte sich um Hilfe an den Berliner Journalisten und sp\u00e4teren Reichspressechef Walther Funk, um Gelder in der Gesch\u00e4ftswelt aufzutreiben.<\/p>\n<p>Ein erstes Treffen im Kaiserhof fand am 3. Februar 1931 zwischen Hitler und August von Finck statt, Sohn des erst 1911 geadelten bayerischen Bankiers Wilhelm von Finck, der vor allem durch Aktienspekulation zur Zeit der Inflation zu einem der verm\u00f6gendsten Finanzkapitalisten aufgestiegen war. Er leitete Deutschlands gr\u00f6\u00dfte Privatbank Merck Finck &amp; Co. und kontrollierte die Versicherungsgesellschaften Allianz und M\u00fcnchner R\u00fcckversicherung.<\/p>\n<p>Hitler f\u00fchrte ihm \u201eausf\u00fchrlich den Albtraum eines jeden Kapitalisten vor Augen, indem er \u201adas Schreckgespenst arbeitsloser Massen, die sich in einer linken Revolte erhoben, heraufbeschwor\u2018\u201c. (S. 63) Finck stimmte Hitler zu und versprach \u00fcber f\u00fcnf Millionen Reichsmark zur Bewaffnung der SA, \u201esollte es zum Putsch und wom\u00f6glich zum B\u00fcrgerkrieg kommen\u201c. Kurz darauf machten auch G\u00fcnther Quandt sowie weitere Industrielle Zusagen in H\u00f6he von 25 Millionen Reichsmark.<\/p>\n<p><strong>Die Quandts<\/strong><\/p>\n<p>Ausgangspunkt des Buchs von De Jong war eine Recherche f\u00fcr <em>Bloomberg News<\/em> 2012, bei der er auf eine unscheinbare Website eines deutschen Unternehmens mit dem Namen \u201eHarald Quandt Holding\u201c stie\u00df, die das Verm\u00f6gen von ihr betreuter Investmentfirmen mit der erstaunlich hohen Summe von achtzehn Milliarden Dollar bezifferte. Das in Bad Homburg ans\u00e4ssige Unternehmen ging auf den einzig \u00fcberlebenden Nachkommen von Magda Goebbels zur\u00fcck, der Ehefrau des NS-Propagandaministers Joseph Goebbels. Harald Quandt war ihr Sohn aus erster Ehe mit G\u00fcnther Quandt, war von Goebbels adoptiert worden und in seinem Haushalt aufgewachsen.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/bild.jpeg-9.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"696\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/bild.jpeg-9-1024x696.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-11933\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/bild.jpeg-9-1024x696.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/bild.jpeg-9-300x204.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/bild.jpeg-9-768x522.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/bild.jpeg-9.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption><em>Der zehnj\u00e4hrige Harald Quandt bei der Trauung seiner Mutter Magda mit Josef Goebbels. Im Hintergrund Adolf Hitler als Trauzeuge. [Photo by Bundesarchiv, Bild 183-R32860 \/ <\/em><a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/\"><em>CC BY-SA 3.0<\/em><\/a><em>]<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p>Nach dem Krieg wurde Harald Quandt Vorstandschef der IWK, vormals DWM, die mit der Wiederbewaffnung zu einem der gr\u00f6\u00dften R\u00fcstungsbetriebe aufstieg und unter anderem den Leopard-Panzer entwickelte. Nach seinem Unfalltod 1967 betreute die Harald-Quandt-Holding das Erbe, das auf seine f\u00fcnf T\u00f6chter aufgeteilt wurde.<\/p>\n<p>Bekannter wurde der Zweig des Firmenimperiums unter Leitung von Herbert Quandt, Sohn von G\u00fcnther Quandt aus erster Ehe. Der Firmenpatriarch hatte das Verm\u00f6gen seines Vaters, eines Tuchfabrikanten, der im Ersten Weltkrieg Uniformen herstellen lie\u00df, w\u00e4hrend der Krise und Inflation in der Weimarer Republik vervielfacht, indem er bankrotte Betriebe aufkaufte, darunter die AFA-Batteriewerke Hannover und Hagen, heute Varta, und die Deutsche Waffen- und Munitionsfabriken (DWM).<\/p>\n<p>Er unterhielt engste, auch private Beziehungen zur NSDAP-F\u00fchrung, geh\u00f6rte zu den skrupellosen Arisierern, profitierte von der R\u00fcstung und besch\u00e4ftigte in seinen Firmen rund 50.000 Zwangsarbeiter. Auf dem Gel\u00e4nde des Batteriewerks in Hannover betrieb er ein eigenes Konzentrationslager, mit Galgen und Hinrichtungsplatz. Seinen Sohn Herbert machte er bereits w\u00e4hrend der Nazi-Zeit zum Personaldirektor.<\/p>\n<p>Die Entnazifizierung \u00fcberstanden die Quandts unbeschadet, G\u00fcnther Quandt wurde nach eineinhalb Jahren amerikanischer Lagerhaft als \u201eMitl\u00e4ufer\u201c eingestuft. Wie bei den anderen von De Jong aufgef\u00fchrten Unternehmenspatriarchen der NS-Zeit, au\u00dfer Friedrich Flick, kam es bei ihm zu keinem Prozess.<\/p>\n<p>Als er 1955 starb, behauptete Hermann Josef Abs, einer der einflussreichsten Bankiers NS-Deutschlands und nach dem Krieg Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, bei der Trauerfeier in der Frankfurter Goethe-Universit\u00e4t: \u201eEr hat sich niemals knechtisch dem \u00fcberm\u00e4chtigen Staat unterworfen.\u201c Derselbe Abs hatte 1941 bei Quandts Feier zu seinem 60. Geburtstag das genaue Gegenteil erkl\u00e4rt: \u201eIhre hervorstechendste Eigenschaft aber ist Ihr Glaube an Deutschland und den F\u00fchrer.\u201c<\/p>\n<p>Seine Enkel Susanne Klatten und Stefan Quandt sind heute Deutschlands reichstes Geschwisterpaar. Sie kontrollieren BMW, Stefan Quandt ist zudem Alleinaktion\u00e4r der strategischen Management-Holding Delton, mit der sein Einfluss in die Gesundheits-, Logistik- und Technologiebranche hineinreicht. Er h\u00e4lt Anteile an dem deutsch-amerikanischen Drohnenabwehrunternehmen Dedrone Inc., der Ratingagentur Scope und der Energiesoftwaregesellschaft Kiwigrid. Seit Juni 2019 sitzt er au\u00dferdem im Aufsichtsrat der <em>Frankfurter Allgemeinen Zeitung<\/em>.<\/p>\n<p>Als zur Zeit der Finanzkrise 2007\/2008 ein ARD-Fernsehfilm \u201e<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2008\/11\/quan-n22.html\">Das Schweigen der Quandts<\/a>\u201c ausgestrahlt wurde, der den Schleier \u00fcber die Nazi-Verstrickung der Familie l\u00fcftete, beauftragten die Erben erstmals einen Historiker mit der Aufarbeitung der Vergangenheit. Doch als der Bonner Historiker Joachim Scholtyseck drei Jahre danach ein 1200 Seiten langes wissenschaftliches Dokument vorlegte, in dem das Quandt-Imperium eindeutig als \u201eTeil des NS-Regimes\u201c identifiziert wird, wiegelte Stefan Quandt ab. G\u00fcnther Quandt habe \u201enicht das Ziel verfolgt [\u2026], Menschen zu t\u00f6ten. Das liegt mir als Enkel am Herzen. Diese Grenze wurde nicht \u00fcberschritten. Die Besch\u00e4ftigung von Zwangsarbeitern war im damaligen System notwendig, um die Produktion aufrechtzuerhalten. Die deutschen M\u00e4nner waren ja an der Front.\u201c<\/p>\n<p><strong>August Baron von Finck \u2013 wie der Vater so der Sohn: Millionen f\u00fcr die AfD!<\/strong><\/p>\n<p>Wie sehr die kapitalistische Wirtschaft der Nachkriegszeit, unter dem Deckmantel einer demokratischen Entwicklung, ihre alte Affinit\u00e4t zum Faschismus bewahrt hat, zeigt die Wiedereinstellung belasteter Mitglieder des fr\u00fcheren F\u00fchrungspersonals und mehr noch, die finanzielle F\u00f6rderung von neuen rechtsextremen Gruppierungen bis hin zur heutigen AfD.<\/p>\n<p>Harald Quandt holte in den fr\u00fchen 50er Jahren zwei von Joseph Goebbels\u2019 engsten Mitarbeitern im Propagandaministerium auf hohe Posten in der Quandt-Gruppe, darunter Werner Naumann, den Hitler in seinem politischen Testament zu Goebbels\u2019 Nachfolger auserkoren hatte. Naumann war au\u00dferdem einer der Liebhaber von Haralds Mutter Magda gewesen. Als Harald ihn als Vorstandsmitglied der Busch-Jaeger D\u00fcrener Metallwerke AG einstellte, war Naumann gerade von den britischen Beh\u00f6rden in Deutschland aus dem Gef\u00e4ngnis entlassen worden.<\/p>\n<p>Auch der fr\u00fchere Offizier der Waffen-SS Rudolf-August Oetker suchte die N\u00e4he von NS-Anh\u00e4ngern und stellte seinen alten SS-Kameraden Rudolf von Ribbentrop ein, den Sohn von Hitlers langj\u00e4hrigem Au\u00dfenminister. Er spendete an die \u201eStille Hilfe\u201c f\u00fcr im Gef\u00e4ngnis sitzende NS-T\u00e4ter, und sp\u00e4ter, in den 60er Jahren, f\u00f6rderte er die NPD. Auch Flick geh\u00f6rte zu den F\u00f6rderern der NPD, in der sich alte und neue Nazis tummelten.<\/p>\n<p>Ferry Porsche, Sohn des Firmengr\u00fcnders Ferdinand, dessen von dem j\u00fcdischen Mitgr\u00fcnder <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=VSQzYWHtl-0\">Adolf <\/a>Rosenberger ma\u00dfgeblich entwickeltes VW-Modell Hitler so imponiert hatte, betrieb nach dem Krieg nicht etwa die R\u00fcckkehr seines damaligen Gesch\u00e4ftsf\u00fchrers, der mit einem Almosen abgespeist, von den Nazis ins Konzentrationslager gesperrt und ins Exil getrieben worden war. Gemeinsam mit seinem SS-Offizierskameraden Albert Prinzing sorgte er stattdessen f\u00fcr zahlreiche Wiedereinstellungen von Nazi-Kriminellen: darunter Fritz Huschke Baron von Hanstein, der sich als SS-Hauptsturmf\u00fchrer an der \u201aUmsiedlung\u2018 von Juden und Polen in den besetzten polnischen Gebieten beteiligt hatte, und nun die \u00d6ffentlichkeitsarbeit von Porsche leiten sollte; und ab 1957 eine Zeitlang sogar Joachim Peiper in der Verkaufsabteilung, ein verurteilter Kriegsverbrecher und ehemaliger Adjutant Himmlers.<\/p>\n<p>Besonders intensiv hat sich August Baron von Finck junior um die Unterst\u00fctzung alter und neuer Rechtsextremer bem\u00fcht. Unmittelbar nach der Wiedervereinigung 1990 begann der schwerreiche Finanzinvestor, gro\u00dfz\u00fcgige Spenden an Rechtspopulisten zu verteilen. Zwischen 1992 und 1996 spendete er circa 8,5 Millionen D-Mark in bar an Manfred Brunner, den Gr\u00fcnder des \u201eBunds Freier B\u00fcrger\u201c, der gegen die Einf\u00fchrung des Euro wetterte. 2003 lie\u00df er dem \u201eB\u00fcrgerkonvent\u201c, einer Lobbyorganisation, die sich f\u00fcr eine kleinere Bundesregierung und den Abbau von Sozialleistungen einsetzte, 6 Millionen Euro zukommen. Die langj\u00e4hrige Vorsitzende der heute aufgel\u00f6sten Organisation war Beatrix von Storch, heute eine der F\u00fchrungsfiguren der AfD.<\/p>\n<p>Auf dem H\u00f6hepunkt der Finanzkrise 2010 wurde August Baron von Finck im Goldhandel aktiv. Er zahlte zwei Millionen Euro f\u00fcr die Nutzungsrechte an der Marke Degussa (Akronym f\u00fcr Deutsche Gold- und Silber-Scheide-Anstalt). Das Chemiekonglomerat war an der Produktion von Zyklon B beteiligt, mit dem \u00fcber eine Million Menschen in den Vernichtungslagern vergast wurden. Die von ihnen geraubten Goldz\u00e4hne und -f\u00fcllungen landeten gr\u00f6\u00dftenteils in den Schmelz\u00f6fen der Degussa, die das Gold und Silber raffinierte und weiterverkaufte.<\/p>\n<p>Als kurz vor der Bundestagswahl 2013 die rechtsextreme Partei AfD aus der Taufe gehoben wurde, w\u00e4hlte man bezeichnenderweise Dagmar Metzger als Pressesprecherin, und damit die Verantwortliche f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeitsarbeit im Goldhandelsunternehmen Degussa.<\/p>\n<p>Um rechtlichen Vorgaben f\u00fcr Zuwendungen an politische Parteien zu umgehen, er\u00f6ffnete die AfD einen Online-Goldshop. Neben den staatlichen F\u00f6rdermitteln wollte sie damit weitere Ums\u00e4tze einstreichen. Recherchen des <em>Spiegels <\/em>von 2014, auf die sich de Jong st\u00fctzt, offenbaren, dass einer der beiden Lieferanten f\u00fcr den Goldshop die Degussa war.<\/p>\n<p>Hier schlie\u00dft sich ein Kreis: Der erstmalige Einzug einer rechtsextremen Partei in den Bundestag 2017 konnte sich auf denselben Geldgeber st\u00fctzen, der einst f\u00fcr die Bewaffnung der SA gegen Arbeiterunruhen f\u00fcnf Millionen Reichsmark zugesagt hatte.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2022\/10\/14\/brau-o14.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 17. Oktober 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ela Maartens, Verena Nees. David de Jong, \u201eBraunes Erbe. Die dunkle Geschichte der reichsten deutschen Unternehmerdynastien\u201c. Aus dem Englischen von J\u00f6rn Pinnow und Michael Schickenberg. Verlag Kiepenheuer &amp; Witsch, K\u00f6ln 2022. 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