{"id":11936,"date":"2022-10-18T08:58:04","date_gmt":"2022-10-18T06:58:04","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11936"},"modified":"2022-10-18T08:58:05","modified_gmt":"2022-10-18T06:58:05","slug":"moskau-zerstoeren-geht-es-noch-um-die-ukraine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11936","title":{"rendered":"Moskau zerst\u00f6ren! \u2013 Geht es noch um die Ukraine?"},"content":{"rendered":"<p><em>Kai Ehlers. <\/em><strong>Vier \u201eSubjekte\u201c aus dem bisherigen ukrainischen Staatsverband wurden in die Russische F\u00f6deration eingegliedert. Wladimir Putins hielt anl\u00e4sslich dieses Vorgangs eine Rede, mit der Russland sich vom Westen verabschiedete. Die Ukraine und ihre Unterst\u00fctzer erkl\u00e4rten, diesen Vorgang niemals anzuerkennen. Es stellt sich also die Frage: Wie geht es weiter? Geht es<\/strong><!--more--> <strong>noch um die Ukraine? Ging es je um die Ukraine? Wer soll \u201ezerst\u00f6rt\u201c werden? Mit welchen Konsequenzen? Oder gibt es vielleicht etwas zu besprechen?<\/strong><\/p>\n<p>Fassen wir es so: Wenn es denn \u00fcberhaupt um die Ukraine ginge, und sie nicht nur stellvertretend benutzt w\u00fcrde, um die globale Machtordnung neu zu \u201eregeln\u201c, dann w\u00e4re prim\u00e4r von der Tatsache auszugehen, dass es keine entweder Ost- oder Westzugeh\u00f6rigkeit des Gebietes geben kann, das sich bisher als Ukraine verstanden hat, sondern nur um eine wie auch immer geartete \u00dcbergangssituation auf dem Weg der Herausbildung einer Staatlichkeit, die der kaleidoskopartigen Geschichte und Realit\u00e4t dieses Raumes entspricht.<\/p>\n<p>Das w\u00fcrde bedeuten, einzuhalten mit den Versuchen, Teile des Gebietes oder auch das ganze Gebiet in Staatsformen zwingen zu wollen, die seiner sozialen, kulturellen und strukturellen Verfasstheit nicht entsprechen. Was die Bev\u00f6lkerung dieses Raumes stattdessen braucht, ist die M\u00f6glichkeit, die Staatsform, in der sie zwischen den Bl\u00f6cken EU und Russland leben kann und will, selbst zu entwickeln.<\/p>\n<p>Betrachtet man die Geschichte, dann ist dies, wenn von dem ukrainischen Land als Ganzem die Rede sein soll, weder in der R\u00fcckf\u00fchrung in die Russische F\u00f6deration noch in einem \u00dcbergang in die Europ\u00e4ische Union ohne schwere innere und auch weitere \u00e4u\u00dfere Konflikte m\u00f6glich. M\u00f6glich und im Interesse einer friedlichen und langfristig stabilen Entwicklung sinnvoll w\u00e4re allein die Einleitung von Beratungen zur Entwicklung einer f\u00f6deral verbundenen Gemeinschaft unterschiedlicher selbstverwalteter autonomer Regionen, die ihre Beziehungen zu ihren Nachbarn nach ihren je eigenen Interessen in kooperativer Freiheit selbst gestalten.<\/p>\n<p><strong>Klingt wie Utopie \u2026<\/strong><\/p>\n<p>Das klingt wie Utopie \u2013 wird auch Utopie bleiben, wenn nicht unverz\u00fcglich die K\u00e4mpfe eingestellt werden und zu Verhandlungen \u00fcbergegangen wird, die es erlauben solche Gliederungen des Landes zu entwickeln, die den realen Gewordenheiten entsprechen.<\/p>\n<p>Andernfalls wird sich der jetzige Krieg in einem Konflikt fortsetzen, der nicht nur die Ukraine als Ganzes und ihre Teile vernichtet, sondern auch die Europ\u00e4ische Union und Russland in einen zerst\u00f6rerischen Dauerkonflikt, wenn nicht gar in kriegerische Konfrontationen f\u00fchrt, die Europas wie auch Russlands Kr\u00e4fte in Feindschaft zueinander neutralisieren und verbrauchen, statt dass die beiden Teile Eurasiens sich in prosperierender Kooperation verbinden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Von einer solchen Entwicklung kann sich nach Lage der Dinge niemand einen Nutzen versprechen \u2013 au\u00dfer vielleicht die USA f\u00fcr ihren Aufmarsch gegen China. Vielleicht nicht etwa, weil es von den kriegstreiberischen Kr\u00e4ften der USA nicht gewollt w\u00fcrde, sondern weil auch dies sich als tr\u00fcgerisch erweisen k\u00f6nnte, da ein solcher Niedergang des eurasischen Raumes nur in eine globale Katastrophe f\u00fchren kann, und weil auch weder die USA noch China in der Lage w\u00e4ren, die Fliehkr\u00e4fte zu binden, die von einer solchen Entwicklung unvermeidlich freigesetzt w\u00fcrden.<\/p>\n<p><strong>Umgekehrter Brzezinski<\/strong><\/p>\n<p>Erinnerungen kommen hier hoch an den vor wenigen Jahren verstorbenen US-Strategen Zbigniew Brzezinski, der als gelehriger Sch\u00fcler des angels\u00e4chsischen Commonwealth erkl\u00e4rte, wer die Welt beherrschen wolle, m\u00fcsse Eurasien beherrschen. Wer Eurasien beherrschen wolle, m\u00fcsse das Herzland, also Russland, beherrschen. Wer Russland beherrschen wolle, m\u00fcsse die Ukraine aus dessen Einflussbereich herausl\u00f6sen. Dann k\u00f6nne Russland kein Imperium mehr sein.<\/p>\n<p>Entlang dieser Strategie haben die USA sp\u00e4testens seit 1991 ihre Politik gegen\u00fcber Russland entwickelt. Das soll hier nicht zum wiederholten Male aufgerollt werden. Die Stationen sind hinl\u00e4nglich bekannt: NATO- und EU-Osterweiterung, Befeuerung bunter Revolutionen im nachsowjetischen Raum.<\/p>\n<p>Genauer betrachtet werden soll hier jedoch die spiegelbildliche Verkehrung, die hinter dieser Strategie zurzeit in Umrissen wie ein Alptraum auftaucht, n\u00e4mlich: Wer die gewachsenen Zusammenh\u00e4nge der Ukraine zum Herzland Eurasiens zerst\u00f6rt, zerst\u00f6rt das Herzland. Wer das Herzland zerst\u00f6rt, also Russland, f\u00fchrt die Welt ins Chaos \u2013 es sei denn, er oder sie w\u00e4re nicht nur willens, sondern auch in der Lage die Rolle zu \u00fcbernehmen, die das Herzland f\u00fcr die Stabilisierung Eurasiens seit gut einhundert Jahren inne hatte und jetzt immer noch hat, auch wenn sich an den R\u00e4ndern Russlands Erm\u00fcdungserscheinungen gegen\u00fcber dem Krieg zeigen, den Moskau in der Ukraine gegenw\u00e4rtig f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Sind sich die Unterst\u00fctzer Kiews dar\u00fcber im Klaren, wenn sie wie Joe Biden oder in seiner Spur die deutsche Au\u00dfenministerin Annalena Baerbock die \u201eZerst\u00f6rung\u201c Russlands als strategisches Ziel ausrufen, was sie an dessen Stelle, also an die Stelle einer zentralisierten Vielv\u00f6lkerstruktur setzen wollen? Sind sie in der Lage, das \u201eNightmare\u201c dieses verkehrten Brzezinski als Warnung zu begreifen, nicht in dieses schwarze Loch zu taumeln? Das ist schon fast keine Frage mehr, denn daf\u00fcr m\u00fcsste genauer auf die Realit\u00e4ten geschaut werden, als nur Ideologie von \u201eWerten\u201c abzusondern, die es gegen Russland als Verk\u00f6rperung des B\u00f6sen zu verteidigen gelte.<\/p>\n<p><strong>Moskau zerst\u00f6ren \u2013 und dann?<\/strong><\/p>\n<p>Die Verwaltungsstruktur Russlands gleicht einem Speichenrad, das V\u00f6lker und Regionen mit der Nabe Moskau verbindet. Was wollen diejenigen, die \u201eMoskau\u201c zerst\u00f6ren wollen, an die Stelle dieser Struktur setzen, um eine politische Explosion des Raumes zu verhindern? Was wollen sie an die Stelle der gewachsenen Verbindungen zwischen V\u00f6lkern Russlands und Europa setzen? Erwarten sie etwa einen neuen politischen Partner nach dem Zuschnitt von Boris Jelzin oder gar eines Alexei Nawalny, der einen gest\u00fcrzten Wladimir Putin ersetzen k\u00f6nnte? Hofft man wieder einmal auf einen \u201eRegime Change\u201c? Ist man sich \u00fcber die Rolle, die Putin f\u00fcr die Stabilisierung des Raumes ausgef\u00fcllt hat, im Klaren?<\/p>\n<p>Putin war und ist, man mag ihn m\u00f6gen oder nicht, nicht nur im nachsowjetischen Russland ein Stabilisator, sondern auch ein Krisenmanager in zur\u00fcckliegenden globalen Konflikten. Er war die aktivste Kraft im Umkreis der UNO, die sich der US-Dominanz bisher f\u00fcr die Schaffung einer multipolaren Welt entgegengesetzt hat. Ganz prononciert gesprochen, er w\u00e4re der ideale Partner f\u00fcr einen Bundeskanzler Scholz auf dem von diesem neuerdings laut propagierten Weg in eine multipolare Zukunft \u2013 wenn Scholz nicht mental und politisch im US-dominierten Globalismus verstrickt w\u00e4re.<\/p>\n<p>Dies alles spricht daf\u00fcr, dass solche Fragen, also die Gefahr eines auseinanderbrechenden Eurasiens, einschlie\u00dflich eines Auseinanderdriftens seiner europ\u00e4ischen Teile, gegenw\u00e4rtig in den Vordergrund r\u00fccken, anders betrachtet, in den Vordergrund ger\u00fcckt werden m\u00fcssten.<\/p>\n<p>Die Realit\u00e4t entwickelt sich allerdings anders: Wladimir Selenskyj hat, wie nicht anders zu erwarten, die Lage ungeachtet aller damit verbundenen Konsequenzen sofort zu eskalieren versucht: Antrag auf beschleunigte Aufnahme der Ukraine in die NATO, was den \u00a75 der NATO-Beistandsverpflichtung gegen Russland aktivieren und Europa, nicht zuletzt Deutschland, zum Schauplatz erweiterter Kriegshandlungen machen w\u00fcrde. Die NATO hat diesen Antrag auf die lange Bank geschoben. Das empfindet Selenskyj offenbar als Verrat. Er hat jedenfalls umgehend einen Erlass herausgegeben, der jedwede Aufnahme von Verhandlungen mit Vertretern Russlands ab sofort unter massive Strafandrohung stellt. Putin hat demgegen\u00fcber, auf Basis der durch die Eingliederung der von Russland jetzt geschaffenen Fakten, neue Verhandlungen angeboten, allerdings mit dem Zusatz, dass die Ergebnisse der Referenden nicht zur Debatte st\u00fcnden. Darauf k\u00f6nnte man eingehen, aber will man das?<\/p>\n<p>Bisher wurden die Schrauben immer nur in Richtung Eskalation gedreht. Jetzt ist die Welt im Auge des Taifuns angekommen. Unsere entschiedene Ablehnung dieses Krieges ist gefragt, auch, nein gerade weil uns keiner der beteiligten Volksvertreter nach unserer Meinung fragt.<\/p>\n<p><em>#Bild: Moskau \u2013 das Herz des Vielv\u00f6lkerstaates Russische F\u00f6deration.\u00a9pexels.com, <a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/globales\/kriege\/moskau-zerstoeren-geht-es-noch-um-die-ukraine\/attachment\/pexels-%d0%b4%d0%bc%d0%b8%d1%82%d1%80%d0%b8%d0%b9-%d1%82%d1%80%d0%b5%d0%bf%d0%be%d0%bb%d1%8c%d1%81%d0%ba%d0%b8%d0%b9-8285167-2\/\">Mehr Infos<\/a><\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/globales\/kriege\/moskau-zerstoeren-geht-es-noch-um-die-ukraine\/\"><em>hintergrund.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 18. Oktober 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kai Ehlers. Vier \u201eSubjekte\u201c aus dem bisherigen ukrainischen Staatsverband wurden in die Russische F\u00f6deration eingegliedert. 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