{"id":11986,"date":"2022-10-22T10:34:25","date_gmt":"2022-10-22T08:34:25","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11986"},"modified":"2022-10-22T10:34:27","modified_gmt":"2022-10-22T08:34:27","slug":"iran-massenaufstaende-gegen-patriarchat-und-klassenherrschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11986","title":{"rendered":"Iran: Massenaufst\u00e4nde gegen Patriarchat und Klassenherrschaft"},"content":{"rendered":"<p><em>Pedram Zarei.<\/em> Mit unz\u00e4hligen Schildern, Transparenten und Spruchb\u00e4ndern gingen am 6. Juni 2020 tausende Menschen in Deutschland anl\u00e4sslich der Ermordung von George Floyd in Minneapolis auf die Stra\u00dfe. Angesicht der Teilnehmendenzahl und der akademischen Resonanz dieser Demonstrationen hegte man die Hoffnung, dass das Bewusstsein der Menschen<!--more--> gegen\u00fcber den rassistischen Morden gesch\u00e4rft worden ist. Diese Hoffnung hielt nicht lange; Sp\u00e4testens mit der Nichtreaktion der Mehrheit der deutschen Gesellschaft auf vier Todesf\u00e4lle durch die Polizeigewalt zwischen dem 2. und 8. August dieses Jahres in Frankfurt, K\u00f6ln, Oer-Erkenschwick (Kreis Recklinghausen) und Dortmund wurde die Aussicht auf eine Sensibilisierung der Gesellschaft gegen\u00fcber Polzeigewalt verdunkelt. Vier von diesen Personen waren unbewaffnet und drei von ihnen hatten Migrationshintergrund. Abgesehen von einzelnen Kundgebungen ist die Mehrheit der Gesellschaft in verstocktes Schweigen verfallen.<\/p>\n<p>Die deutsche Gesellschaft und Politik bekunden einstweilen ihre Solidarit\u00e4t mit den Protestierenden im Iran, die seit gut zwei Wochen im Protest gegen einen Polizeimord mit blo\u00dfen H\u00e4nden gegen den unterdr\u00fcckerischen Staatsapparat k\u00e4mpfen. Es t\u00f6nt sogar aus der linksliberalen Ecke, dass die deutsche Regierung Sanktionsma\u00dfnahmen gegen das iranisch-islamische Regime ergreifen sollte, um ihre deklarierte \u201efeministische Au\u00dfenpolitik\u201c unter Beweis zu stellen. Der Diskurs ist vollkommen ahistorisch und eurozentrisch. Die Rede von der Positionsbeziehung der deutschen Regierung ist absolut absurd. Als ob der deutsche Staat in der Vergangenheit die anderen frauenemanzipatorischen Bewegungen im Rest der Welt unterst\u00fctzt h\u00e4tte. Dass es nicht im Interesse des deutschen Staates liegt, Frauenbefreiung zu f\u00f6rdern, l\u00e4sst sich schon bei ihrem Schweigen zur t\u00fcrkischen Invasion Rojavas (Nordsyrien) f\u00fcr die Unterdr\u00fcckung der demokratischen Selbstverwaltung nachvollziehen. Davon abgesehen ist Deutschland schon lange wirtschaftlich mit dem Iran verbandelt und hat daf\u00fcr mehrfach die Augen vor Verbrechen des iranischen Regimes innerhalb und au\u00dferhalb des Landes verschlossen. Daher ist die Forderung nach staatlicher Solidarit\u00e4t nicht zielf\u00fchrend. Dar\u00fcber hinaus wissen diejenigen, die das Vorgehen des iranischen Regimes in den letzten 44 Jahren beobachtet haben, ganz gut, dass dieses prinzipiell keinen Wert auf sein Au\u00dfenbild in den westlichen L\u00e4ndern legt. Auch das wurde bereits bei dem Abschuss der ukrainischen Boeing-Maschine mit 176 Passagieren am 8. Januar 2020 der europ\u00e4ischen \u00d6ffentlichkeit klar, wobei der iranische Staat sich nicht willens zeigte, zur Aufkl\u00e4rung beizutragen.<\/p>\n<p>Die Geringsch\u00e4tzung der feministischen K\u00e4mpfe im Iran h\u00f6rt jedoch nicht in der Sph\u00e4re des Staatspolitischen auf; Man spricht mit einer romantisierten und sexualisierten Haltung von den \u201earmen\u201c, \u201ebildh\u00fcbschen\u201c Frauen, die sich von den Kleidervorschriften befreien und dementsprechend \u201everwestlichen\u201c wollen. Fast niemand interessiert sich f\u00fcr den Kern der Proteste und die Radikalit\u00e4t der Frauenbewegung im Iran im Allgemeinen, geschweige denn f\u00fcr die in Kurdistan, die im Speziellen gar nicht thematisiert wird. Eine vermeintliche Solidarit\u00e4t ohne Anerkennung, Selbstreflexion und genauere Betrachtung der Lage ist blo\u00df eine formalistische.<\/p>\n<p>Was stattdessen zu tun ist, ist Selbstkritik; Man sollte sich endlich einmal die Frage stellen, warum die deutsche Gesellschaft nicht dazu f\u00e4hig ist, <em>selbst<\/em> entsprechend auf die Polzeigewalt zu reagieren? Warum bringt eine polizeiliche Ermordung im Iran und in Kurdistan \u2013 in einem faschistoid-unterdr\u00fcckerischen System \u2013 mehr Menschen auf die Stra\u00dfe als in Deutschland \u2013 einem \u201efreiheitlich-demokratischen\u201c Staat ?<\/p>\n<p>Diese Andersartigkeit ist aus der angemessenen Reaktion der Linken in Kurdistan und im Iran auf den mehrschichtigen Charakter des Todes Jinas und aus dem politischen Potenzial des Landes erkl\u00e4rbar. Die kurdische und derweil auch die iranische Bewegung lehrt die ganze Welt, dass die Befreiung nur durch das Zusammendenken von Geschlecht, Ethnie und Klasse zu erreichen ist. Sie praktizieren das ber\u00fchmte Gedicht von Nazim Hikmet, dem kurdisch-t\u00fcrkischen Dichter, \u201e<em>Leben wie ein Baum, einzeln und frei, und geschwisterlich wie ein Wald, das ist unsere Sehnsucht.\u201c<\/em> Dass aus dem Mord der 22-j\u00e4hrigen Jina solch eine entflammende Massenbewegung entstanden ist, ist einem Kollektiv zu verdanken, dessen Mitglieder l\u00e4ngst begriffen haben, dass sie ihre K\u00e4mpfe nicht atomisiert und separat voneinander f\u00fchren k\u00f6nnen. Welche Hintergr\u00fcnde die neuen Massendemonstrationen haben, z\u00e4hlen wir zusammengefasst auf.<\/p>\n<p><strong>Das Aufflammen der Aufst\u00e4nde in einer geografischen Besonderheit<\/strong><\/p>\n<p>Der neue Massenaufstand, der seinen Anfang am 18. September auf der Beerdigung in Jinas Heimatstadt Saqqez (kurdisch: Seqz) in Rojhalat (in dem iranisch besetzten Kurdistan) nahm, breitete sich auf inzwischen fast alle iranischen Klein- und Gro\u00dfst\u00e4dte aus. Jinas Leichnam wurde, wie es in Kurdistan bei der Beerdigung von Freiheitsk\u00e4mpfer:innen \u00fcblich ist, mit kurdischen revolution\u00e4ren Trauerm\u00e4rschen begleitet. Der Trauerzug erstreckte sich \u00fcber mehrere Kilometer. Man hielt politische Reden. Frauen wiederholten betonend ihre Forderungen und demonstrierten ihre Entschlossenheit im Kampf gegen das Patriarchat. Sie rissen ihre Kopft\u00fccher herunter und schwenkten sie in der Luft. Ein alter Mann schrie von einer Ecke: \u00bbIhr k\u00f6nnt die Menschen nicht einfach so umbringen.\u00ab Man merkt da, dass es eine Geografie ist, in der <em>Jian<\/em> (das Leben) z\u00e4hlt. F\u00fcr die kurdischen Verh\u00e4ltnisse ist die Beerdigung eine wiederholte \u00dcbung der Solidarit\u00e4t, einer Erinnerung, dass das \u201eVolk\u201c seine Kinder nicht \u201ealleine\u201c l\u00e4sst. F\u00fcr den Rest des Irans eine Inspiration, wie man seine Kinder nicht alleine l\u00e4sst. Erschrocken von den unz\u00e4hligen Trauernden griffen die Sicherheitskr\u00e4fte die Menschen an. Erst wurde Tr\u00e4nengas verschossen und kurz darauf folgten schon Schrotladungen. Bereits bei den ersten Auseinandersetzungen verlieren zwei M\u00e4nner ihr Augenlicht. Alle haben den Eindruck, dass auch diesmal die Proteste im Keim erstickt werden. Doch dieses Mal ist es anders: der Unterschied liegt darin, dass der geleistete Widerstand und der Mut, den die kurdischen Frauen und M\u00e4nner an den Tag gelegt haben, durch Social Media Accounts im ganzen Land kursiert. Der Slogan \u201eJin, Jiyan, Azadi\u201c (Frauen, Leben, Freiheit), der seine Wurzel in den Befreiungsk\u00e4mpfen der Kurden in Rojava hat, wird zu der zentralen Forderung und dem Vereinigungsfaktor der Proteste in allen Teilen des Landes. Die blitzschnelle Reaktion auf den Mord an Jina hat mit der St\u00e4rke einer Protestkultur und einer verborgenen politischen Geschichte zu tun, die den kollektiven Widerstandsgeist der Kurd:innen immer wieder belebt. In Kurdistan ist die Stra\u00dfe politisch und die Politik findet auch auf der Stra\u00dfe statt. Die Linken in Kurdistan, als eine der am wenigsten religi\u00f6sen Regionen des Iran nehmen \u201edas Alte\u201c nicht in Schutz und versuchen auch gelegentlich den reaktion\u00e4ren, fesselnden Kern der Religion zu kritisieren, was auch in einer immer libert\u00e4rer werdenden Gesellschaft, bei weiteren Teilen der Bev\u00f6lkerung auf Zuspruch st\u00f6\u00dft. Obschon viele Linke in Deutschland versuchen, die Proteste in einen rein regierungskritischen Framing aufzunehmen, beinhalten sie ganz deutlich religionskritische Forderungen und verlangen ganz laut nach einer S\u00e4kularisierung des Staates und der Gesellschaft.<\/p>\n<p><strong>Die Frauenbewegung im iranischen Kurdistan aus der historischen und gegenw\u00e4rtigen Sicht<\/strong><\/p>\n<p>Die Rolle, die die Frauen in der iranisch-kurdischen Gesellschaft spielen, ist aus verschiedenen Gr\u00fcnden anders als die in den meisten anderen Teilen des Irans. Das l\u00e4sst sich am Vorhandensein der vielz\u00e4hligen Frauen-NGOs und den von geschlechtlicher Diskriminierung befreiten Parallelgesellschaften erkennen. Warum diese Gesellschaft zum Teil derma\u00dfen feminisiert worden ist, hat historische und gegenw\u00e4rtige Gr\u00fcnde; Die Frauenbewegung in Rojava, auch selbst zum Teil inspiriert von der in Rojhalat existierenden Frauenbewegung, gibt den Frauen ein gegenw\u00e4rtiges Beispiel, wie die Aussicht einer vom Patriarchat befreiten Gesellschaft sein k\u00f6nnte. Neben diesen gegenw\u00e4rtigen Antrieben sind die historischen Momente von Bedeutung, die immer noch unterschwellig die gesellschaftlichen Strukturen und Erziehungskonzepte der Familien in einer Weise \u00e4ndern, dass sich die feminine Vergesellschaftung in kurdischen Regionen des Irans von der in anderen Teilen unterscheidet; Einer von diesen historisch bedeutenden Momente ist die Teilnahme der Frauen in den nach der Revolution von 1979 gegr\u00fcndeten sogenannten Volksr\u00e4ten und st\u00e4dtischen Organisationen, in denen versucht wurde, die Geschlechterverh\u00e4ltnisse mit der Einbeziehung der Gleichberechtigung neu zu denken. Die Frauen mischten sich in die sozialen und alltagspolitischen Entscheidungsprozesse ein und schufen daraus f\u00fcr sich neue Partizipationsm\u00f6glichkeiten. Dadurch, dass sie damit begannen, die vorhandenen, auf der patriarchalen Rollenverteilung basierenden Erwartungen in Frage zu stellen, wurde ihre Nicht-Anerkennung als gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft aufgehoben. Sie beteiligten sich enthusiastisch an der Organisation des sozialen Lebens, forderten die patriarchale Gesellschaft heraus und begannen die Vergesellschaftungsprozesse des Weiblichen in eine emanzipatorische, gleichberechtigte und selbstbewusste Richtung zu lenken. In den entstandenen Frauengruppen begann man zudem \u00fcber die Frauenemanzipation aus einer intersektionalen Sichtweise zu denken. Das patriarchale, auferzwungene, aus dem Zentrum des Irans hineinimportierte Selbstbild wurde abgelehnt und es werden neue antipatriarchale, antikoloniale Selbstbilder und Lebensformen konzipiert. In dieser revolution\u00e4ren Praxis haben die Frauen und auch M\u00e4nner gelernt, dass die Ver\u00e4nderung des Selbst weder die religi\u00f6sen Selbstunterdr\u00fcckung noch die kapitalistische Selbstoptimierung bedeutet, sondern die Ver\u00e4nderung der Umst\u00e4nde, also der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p>Das aus dieser revolution\u00e4ren Praxis gewonnene Selbstvertrauen wurde sehr schnell in die Selbstorganisation f\u00fcr die Ver\u00e4nderung der politischen und gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse in einem gr\u00f6\u00dferen Ausma\u00df \u00fcbersetzt. Das Herzst\u00fcck dieser fortschrittlichen Bewegung ist die im Rahmen der Ereignisse nach der Revolution von 1979, erstmalige Bewaffnung der Frauen in den Reihen der damals milit\u00e4risch st\u00e4rksten linken Partei Komala. Die gegr\u00fcndeten Partisaneneinheiten beteiligen sich im Widerstandskampf gegen das iranische Milit\u00e4r, das nach dem Fatwa von Ayatollah Khomeini in das kurdische Kernland einmarschiert war.<\/p>\n<p>Nach einer Zeit des erbitterten Widerstands wurden die kurdischen Kr\u00e4fte aus den St\u00e4dten zur\u00fcckgedr\u00e4ngt und in die Illegalit\u00e4t geschickt. Die Revolution ist zwar gescheitert, aber deren Hinterlassenschaften pr\u00e4gen noch immer die politische Kultur in Kurdistan. Die Bilder der Partisaninnen, die zwei Jahre lang die St\u00e4dte Kurdistans unter ihren F\u00fc\u00dfen hatten und gegen die neu an die Macht gekommene islamische Regierung k\u00e4mpften, sind im kollektiven Ged\u00e4chtnis aller Menschen geblieben. Die feministischen Lehren aus der revolution\u00e4ren Zeit sind trotz der Niederlage der demokratischen Selbstverwaltung in allen gesellschaftlichen Strukturen eingebrannt und l\u00f6sen entsprechende Reaktionen auf die Gegenwartsgeschehnisse in der iranischen Gesellschaft aus.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/bild.jpeg-16.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"542\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/bild.jpeg-16.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-11987\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/bild.jpeg-16.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/bild.jpeg-16-300x159.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/bild.jpeg-16-768x407.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption><em>Eine Partisaneneinheit der marxistischen Partei Komala in der 80er Jahren<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Wir sind hier fremd \u2026<\/strong><\/p>\n<p>Dieser Satz von Jinas Bruder bei ihrer Festnahme in der U-Bahn-Station spricht vielen Kurdinnen und anderen Angeh\u00f6rigen der ethnisch unterdr\u00fcckten Volksgruppen aus der Seele. Dass man sich in seinem eigenen Land fremd f\u00fchlt, ist ein Gef\u00fchl, das wenigen bekannt ist. Die zentralistische Politik von sowohl dem heutigen islamischen Regime als auch von dem autokratischen, monarchistischen hat \u00fcber die letzten Jahrzehnte eine persisch-zentrierte Identit\u00e4t geschaffen, die alle anderen Volksgruppen durch eine offensive Akkulturation an die Identit\u00e4t des im Zentrum lebenden Menschen anpassen wollte. Der kolonialistische iranische Staat zwang alle anderen, nicht-persischen Gruppen, sich die persische Sprache anzueignen und ihre Sprache, die Kultur und Lebensweise wurde jahrelang das Thema der Abwertungen und Herablassungen im staatlichen Fernsehen und B\u00fcchern. Ein kultureller Kolonialismus, der zu einer Zwangsassimilation oder einem Gef\u00fchl des Fremdseins gef\u00fchrt hat. All das ist zu einem kollektiven Trauma gewordem, was sich in Begegnung mit den Sicherheitskr\u00e4ften am deutlichsten zeigt. Jina, nach Worten von ihrer Tante auf der Beerdigung, geriet in Panik, als sie von den Sittenpolitzisten festgenommen wurde. Sitzend und weinend an ihrem Grab stellt die Tante die Frage: \u00bbWarum hattest du denn so viel Angst, liebe Jina?\u00ab. Jina hatte Angst, da sie aus der kollektiven Erfahrung ihrer Volksgruppe, voller Hinrichtungen und Unterdr\u00fcckungen, wusste, dass sie blo\u00df Grausamkeiten zu erwarten hatte.<\/p>\n<p>Das Verh\u00e4ltnis der ethnisch unterdr\u00fcckten Gruppen (Kurden, Belutschin, Araber etc.) zu der Polizei im Iran ist \u00e4hnlich dem schwarzer Menschen in den USA. Der Unterschied liegt aber hier darin, dass das antikoloniale Bewusstsein der kurdischen Bev\u00f6lkerung sie in eine Position gebracht hat, von der aus sie auf jeglichen Unterdr\u00fcckungsmechanismus mit dem Beigeschmack der ethnischen Unterdr\u00fcckung eine politische, angemessene Antwort geben kann. Anstatt die ethnische Unterdr\u00fcckung zu leugnen, versucht die kurdische Bewegung die Menschen unter dem Motto \u201eGleichberechtigung f\u00fcr alle ethnische Gruppen\u201c zu mobilisieren.<\/p>\n<p><strong>Die Mobilisierung- und Organisationskraft in Kurdistan<\/strong><\/p>\n<p>Die andere, zu lernende Besonderheit in Rojhalat ist die enorme Mobilisierungs- und Organisationskraft der in der kurdischen Autonomieregierung im Irak stationierten kurdischen Partien. Die nationalistisch-sozialdemokratische KDP-I und die marxistische Partei Komala haben zwar nicht mehr die milit\u00e4rische Schlagkraft, die sie in fr\u00fcheren Jahren nach der Revolution von 1979 besa\u00dfen, doch sie \u00fcben durch ihre zahlreichen Sympathisant:innen und Anh\u00e4nger:innen im Inland immer noch einen erheblichen Einfluss auf die politische Szene in Rojhalat aus. Das hat sich insbesondere bei den letzten Aufrufen zum Generalstreik in kurdischen St\u00e4dten gezeigt, wo die Arbeit in den gesamten kurdischen Gebieten lahmgelegt wurde. Eine progressive Methode des zivilen Ungehorsams, die auch jetzt allm\u00e4hlich von den anderen Teilen des Irans \u00fcbernommen wird.<\/p>\n<p><strong>Die Klassenfrage<\/strong> Wer mal in Teheran gelebt hat, kennt die krassen Klassenunterschiede und damit verbundenen sozialen Privilegien f\u00fcr einige und Benachteiligungen f\u00fcr die Anderen. Um die Klassenfrage und die Geschlechtsfrage zusammenzudenken, kann man die Hauptstadt Teherans als Paradebeispiel nehmen; Im Norden Teherans, in den reichen Stadtvierteln, k\u00f6nnen die Frauen seit langem die Rechte genie\u00dfen, die den Frauen der mittleren und unteren Klasse vorenthalten werden. Die sogenannten \u201eRich Kids of Tehran\u201c, \u00fcber die auch eine Twitter- &amp; Instagramseite existiert, die diese kritisch kommentiert, posten seit Jahren Bilder und Videoaufnahmen von ihrer luxuri\u00f6sen Lebensweise, die offensichtlich von der islamischen Regierung toleriert wird. Wohlhabende M\u00e4nner und Frauen baden und tanzen zusammen, ohne sich an islamische Kleidervorschriften zu halten. Diese Bilder nehmen die Rechts- und Linksliberalen im Westen als ein Zeichen der Liberalit\u00e4t, die mehrheitliche iranische Gesellschaft aber als Affront gegen all diejenigen, die nicht \u00fcber diese Freiheitsrechte verf\u00fcgen. Diejenigen, die Kontakte in der Regierung, Kapital und kulturelle Macht haben, erhalten Sonderrechte, die den Frauen wie Jina, die in Teheran die kosteng\u00fcnstigste Mobilit\u00e4tform (Bahnfahren) nutzen m\u00fcssen, vorenthalten werden. Um es etwas salopp auszudr\u00fccken: Die Regierung traut sich nicht, sich mit der Klasse der Kapitalbesitzer anzulegen. Der andere vereinende Grund war daher die sozio\u00f6konomische Herkunft von Jina, mit der sich die Mehrheit der iranischen Frauen und M\u00e4nnern identifiziert haben.<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/bild.jpeg-17.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/bild.jpeg-17.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-11988\" width=\"847\" height=\"559\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/bild.jpeg-17.jpg 598w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/bild.jpeg-17-300x198.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 847px) 100vw, 847px\" \/><\/a><figcaption><em>The rich kids of Tehran\/Instagram<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<p>Auch was die Demonstrationen betrifft, ist es kristallklar, dass es die \u00f6konomisch benachteiligten Gruppen sind, die Ver\u00e4nderungen in einer Diktatur herbeif\u00fchren k\u00f6nnen. Wenn eine Demonstration sich, wie im Fall des Irans, in einen Stra\u00dfenkampf verwandelt, dann bleibt nur die:der auf der Stra\u00dfe, die:der nichts zu verlieren hat. Die Obdach- und Arbeitslosen, die Lastentr\u00e4ger, kurzum all diejenigen in prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen, die kaum ihr Nachtbrot verdienen k\u00f6nnen, sind die tragenden S\u00e4ulen der Auseinandersetzung mit den bis an die Z\u00e4hne bewaffneten Sicherheitskr\u00e4ften. Die Klasse der Unternehmer und Kapitalisten, die jahrelang von dem kapitalistischen Wirtschaftssystem profitiert hat, beobachtet die Entwicklungen mit gro\u00dfer Besorgnis. W\u00e4hrend die Sanktionen der USA die unteren Schichten in die Armut getrieben haben, hat die herrschende Klasse sich durch das Umgehen der Sanktionen mehrfach bereichert und macht sich gerade ernsthafte Sorgen um den Erhalt dieser Gewinne.<\/p>\n<p>Was die Forderung der Frauen angeht, versuchen die Liberalen, die Proteste auf oberfl\u00e4chliche Forderungen nach Aufhebung der Kleidervorschriften zu reduzieren. Die linken Feministen dahingegen heben andere geschlechtsbasierte Unterdr\u00fcckungsformen wie Lohndiskriminierung, die Nicht-Beteilung der Frauen im Erwerbsleben und ihre Unterrepr\u00e4sentation in allen gesellschaftlich-produktiven Sph\u00e4ren hervor.<\/p>\n<p>Das, was man aus den Protesten im Iran lernen kann, ist, die Macht der Massenorganisationen anzuerkennen, den Schnittpunkt zwischen Geschlecht, Ethnie und Klasse zu ber\u00fccksichtigen, sich mit ernsten politischen Angelegenheiten mit radikalem emanzipatorischem Potenzial auseinandersetzten und nicht in betroffenes Schweigen zu verfallen, wenn den Zugeh\u00f6rigen der Minderheitsgruppen Gewalt angetan wird.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/lowerclassmag.com\/2022\/10\/14\/iran-massenaufstaende-gegen-patriarchat-und-klassenherrschaft\/\"><em>lowerclassmag.com&#8230;<\/em><\/a><em> vom 22. Oktober 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pedram Zarei. 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