{"id":11991,"date":"2022-10-23T09:26:02","date_gmt":"2022-10-23T07:26:02","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11991"},"modified":"2022-10-23T09:26:03","modified_gmt":"2022-10-23T07:26:03","slug":"frankfurter-buchmesse-im-dienst-der-kriegspropaganda","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11991","title":{"rendered":"Frankfurter Buchmesse im Dienst der Kriegspropaganda"},"content":{"rendered":"<p><em>Marianne Arens. <\/em>Noch bis zum Sonntag findet die 74. Frankfurter Buchmesse statt, an der sich Autoren und Verleger aus 95 L\u00e4ndern und tausende Besucher beteiligen. Wer jedoch erwartet, inmitten der drohenden Atomkriegsgefahr hier ein Forum f\u00fcr kulturellen Austausch und das Bem\u00fchen um Frieden vorzufinden, wird bitter entt\u00e4uscht. Die Frankfurter Buchmesse hat Russland<!--more--> von der Teilnahme ausgeschlossen und sich selbst bewusst und gr\u00fcndlich in den Dienst antirussischer Kriegspropaganda gestellt.<\/p>\n<p>Schon Anfang M\u00e4rz 2022, kurz nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine, entschied die Leitung der Buchmesse, den russischen Nationalstand auszuschlie\u00dfen. Ein ukrainischer Nationalstand darf dagegen eine zentral gelegene Fl\u00e4che nutzen; die Kosten daf\u00fcr bestreitet das Ausw\u00e4rtige Amt. Prominentester Sprecher der Messe ist der ukrainische Regierungschef Wolodimir Selenskyj. Drei von vier Buchpreisen gehen an ukrainische Autoren, und der weltweit geachtete Friedenspreis wird einem gl\u00fchenden Nationalisten verliehen.<\/p>\n<p>Die Buchmesse reiht sich damit in eine antirussische Kampagne ein, die darauf abzielt, alle Br\u00fccken einzurei\u00dfen und den Krieg in der Ukraine weiter zu eskalieren. Der Krieg des Putin-Regimes ist reaktion\u00e4r, aber er ist von den Nato-M\u00e4chten systematisch provoziert worden. Nun nutzen sie die ukrainische Bev\u00f6lkerung als Kanonenfutter, um einen Stellvertreterkrieg gegen die Atommacht zu f\u00fchren, der in der Vernichtung der gesamten Menschheit zu m\u00fcnden droht. Die rassistische Kampgne gegen Russen dient der Legitimation dieses Kriegs und der Einsch\u00fcchterung jeder Opposition dagegen.<\/p>\n<p>Den Tenor f\u00fcr die antirussische Kampagne auf der Buchmesse gab Selenskyj vor. Auf dem Empfang des europ\u00e4ischen Verlegerverbands online zugeschaltet, forderte der ukrainische Regierungschef, man m\u00fcsse mit dem Versuch, Russland zu verstehen, endlich Schluss machen. \u201eWir m\u00fcssen es offen sagen\u201c, so Selenskyj. \u201eEs gibt in Europa immer noch viele Personen, die sich daf\u00fcr einsetzen, Russland \u201azu verstehen\u2018.\u201c Damit brachte er die absurde Kriegspropaganda auf den Punkt: Die \u00d6ffentlichkeit muss endlich aufh\u00f6ren, \u201everstehen\u201c zu wollen, und den Kampf gegen Russland bedenkenlos und bis zum Sieg unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Das ist auch die groteske Quintessenz eines Kommentars, den die <em>Zeit<\/em> zur Verleihung des Friedenspreises publizierte. Dieser wird am Sonntag in der Paulskirche an Serhij Zhadan, einen Autor und Musiker aus Charkiw, verliehen. Zhadan (58) ist urspr\u00fcnglich russischsprachig, hat sich jedoch in den letzten Jahren und vor allem seit Kriegsbeginn zu einem gl\u00fchenden Nationalisten entwickelt. Er schreibt ukrainisch, unterst\u00fctzt die ukrainischen Streitkr\u00e4fte und tr\u00e4gt stolz einen \u201eKosakenschnitt\u201c.<\/p>\n<p>Volker Weidermann, Feuilleton-Chef der <em>Zeit<\/em>, bezeichnet die Preisverleihung zun\u00e4chst als \u201eSkandal\u201c: \u201eDer Friedenspreis ist einer der wichtigsten europ\u00e4ischen Kulturpreise unserer Zeit. Die ausgezeichnete Pers\u00f6nlichkeit muss, so steht es im Statut, in hervorragendem Ma\u00dfe \u201azur Verwirklichung des Friedensgedankens\u2018 beigetragen haben.\u201c Zhadan jedoch hat die Russen in seinem letzten Buch (\u201eHimmel \u00fcber Charkiw\u201c) als \u201eHorde\u201c, als \u201eVerbrecher\u201c und \u201eUnrat\u201c bezeichnet. \u00dcber die \u201erussischen Tiere\u201c hei\u00dft es auf S. 45: \u201eBrennt in der H\u00f6lle, ihr Schweine\u201c.<\/p>\n<p>Weidermann kommentiert: \u201eSelbst wenn es hier nicht um unseren wichtigsten Preis im Namen des Friedens ginge, w\u00e4re das ungeheuerlich. Ist Literatur nicht f\u00fcr das Gegenteil dieser einseitigen, hasserf\u00fcllten Parteinahme geradezu erfunden worden? Ist das nicht die gro\u00dfe Kunst, das Nicht-zu-Verstehende verstehen? Den entmenschlichten Gegner als Menschen erkennen und beschreiben? Ist es nicht einfach nur fatal, in diesen grauenvollen, hasserf\u00fcllten Zeiten den Hass mit literarischen Mitteln noch zu verst\u00e4rken?\u201c<\/p>\n<p>Es ist so erschreckend wie bemerkenswert, dass Weidermann diese aufkl\u00e4rerischen Gedanken selbst rundheraus ablehnt. Am Schluss seines Kommentars beantwortet er seine eigene Frage: \u201eDarf man den Friedenspreis an einen Autoren verleihen, der die Russen hasst?\u201c mit einem ausdr\u00fccklichen: \u201eJa\u201c. Er schreibt: \u201eEs ist der richtige Ort, diesen Preistr\u00e4ger zu ehren. Es ist auch der richtige Preis. Der Skandal ist nicht der Dichter und nicht sein Buch. Der Skandal ist der russische \u00dcberfall auf die Ukraine und das t\u00e4gliche T\u00f6ten.\u201c<\/p>\n<p>Auch Bundespr\u00e4sident Frank-Walter Steinmeier begr\u00fc\u00dfte die Vergabe des Friedenspreises an Zhadan in seiner Auftaktrede zur Buchmesse. Er danke dem Schriftsteller, der \u201eauf bewundernswerte Weise soziales und kulturelles Engagement in der Ostukraine vorgelebt\u201c habe, so Steinmeier.<\/p>\n<p>Kein Verst\u00e4ndnis also, um keinen Preis. Jedes Forschen nach den Ursachen soll unterbunden, im Keim erstickt werden. Dieses kriegsbedingte Denkverbot wird umso hysterischer vertreten, als die Gesellschaft es keineswegs unterst\u00fctzt. Kunst, Kultur und Literatur m\u00fcssen frei sein, weil sie uns helfen, das Neue, Unbekannte und \u201eAndere\u201c zu verstehen. Diese Auffassung ist auch unter Autoren und Lesern auf der Frankfurter Buchmesse weit verbreitet.<\/p>\n<p>Den Kriegstreibern geht die antirussische Kampagne der Buchmesse hingegen noch nicht weit genug. Sie haben rigoros den Ausschluss alles Russischen von der Buchmesse und weltweit gefordert.<\/p>\n<p>Zusammen mit dem PEN Ukraine, dem Lviv International BookForum und dem Book Arsenal in Kiew hat das Ukrainische Buchinstitut einen <a href=\"https:\/\/www.boersenblatt.net\/news\/totalboykott-russischer-buecher-gefordert-229131\">Appell<\/a> an die Literatur- und Verlagswelt f\u00fcr ein Totalverbot russischer Literatur und Kultur publiziert, das vier Punkte beinhaltet: 1.) soll jede Verbreitung von B\u00fcchern russischer Autoren und Verlage gestoppt werden, \u201eonline wie offline\u201c. 2.) sollen keine Rechte von russischen Verlagen oder an diese erworben oder verkauft werden. 3.) sollen au\u00dfer Russland selbst auch \u201ealle Verlagsh\u00e4user, Kulturzentren und Autor:innen von der Teilnahme an allen internationalen Buchmessen und Literaturfestivals\u201c ausgeschlossen werden, und 4.) sollen alle Stipendien f\u00fcr \u00dcbersetzungen zeitgen\u00f6ssischer russischer Autoren in andere Sprachen beendet werden.<\/p>\n<p>Dieser Aufruf zum Totalboykott, der an die B\u00fccherverbrennungen der Nationalsozialisten erinnert, ist noch nicht alles. Im Sommer hat die ukrainische Regierung ein <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2022\/07\/03\/shay-j03.html\">gesetzliches Verbot<\/a> des Imports aller russischen B\u00fccher und Auff\u00fchrungen russischer Musik angek\u00fcndigt. Das Ukrainische Buchinstitut, heute offizieller Partner der Buchmesse, hat im Mai <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2022\/06\/19\/ooyj-j19.html\">angek\u00fcndigt<\/a>, aus den Schul- und \u00f6ffentlichen Bibliotheken und anderen ukrainischen Einrichtungen bis zu 100 Millionen russische Werke zu entfernen. Darunter fallen auch Leo Tolstoi, Alexander Puschkin, Fjodor Dostojewski, etc. Oleksandr Tkatschenko, ukrainischer Kulturminister (und ehemalige Vorstandschef eines Medienunternehmens), schlug damals vor: \u201eRussische Propagandawerke, die in ukrainischen Bibliotheken konfisziert wurden, k\u00f6nnten als Altpapier benutzt werden.\u201c Die Buchmesse hat Tkatschenko ausdr\u00fccklich eingeladen.<\/p>\n<p>Die Frankfurter Buchmesse hat dem diktatorischen Ansinnen, alles Russische auszumerzen, zwar nicht stattgegeben. Doch sie r\u00e4umt ein, dass es f\u00fcr russische Autoren sehr schwer sein k\u00f6nnte, in Frankfurt pr\u00e4sent zu sein. Zum Boykott Russlands schreibt sie: \u201eDie Ma\u00dfnahme wendet sich nicht gegen russische Autorinnen und Autoren (\u2026) Einzelst\u00e4nde von russischen Verlagen wird die Frankfurter Buchmesse weiterhin zulassen, auch wenn diese Zulassung angesichts der verh\u00e4ngten Sanktionsma\u00dfnahmen eher eine theoretische M\u00f6glichkeit sein wird\u201c.<\/p>\n<p>In den n\u00e4chsten Tagen werden noch weitere hochrangige Regierungsvertreter wie Innenministerin Nancy Faeser, Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) und Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Gr\u00fcne) auf der Buchmesse sprechen und die Kriegspropaganda weiter zuspitzen.<\/p>\n<p>Mit ihrer dumpfen Hetze und ihrem antirussischen Rassismus kn\u00fcpfen die herrschenden Eliten an ihre dunkelsten Traditionen an. Der Krieg gegen Russland und die horrende Aufr\u00fcstung bringen auch den braunen Schmutz wieder hoch.<\/p>\n<p>Der <a href=\"https:\/\/www.mehring-verlag.de\/home.html\">Mehring-Verlag<\/a> hat vor drei Jahren auf der Buchmesse das Buch \u201e<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2019\/10\/22\/buch-o02.html\">Warum sind sie wieder da?<\/a>\u201c pr\u00e4sentiert, in dem Christoph Vandreier eindringlich vor der R\u00fcckkehr des Faschismus warnt. Vor zwei Jahren stellte der Verlag David North\u2018 \u201e<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2020\/10\/20\/krie-o20.html\">30 Jahre Krieg<\/a>\u201c vor, das die historische Kriegseskalation seit der Aufl\u00f6sung der Sowjetunion nachzeichnet und von einem marxistischen Standpunkt analyisert. Das Buch nennt einen dritten, diesmal mit Atomwaffen ausgefochten, Weltkrieg eine konkrete Gefahr und zeigt auf, dass nur die internationale Mobilisierung der Arbeiterklasse auf der Grundlage eines sozialistischen Programms den Kriegswahnsinn stoppen kann. Jedem Besucher der Buchmesse, der von der Kriegspropaganda abgesto\u00dfen ist, sei diese Lekt\u00fcre ausdr\u00fccklich empfohlen.<\/p>\n<p><em>#Bild: Frankfurter Buchmesse 2018 [Photo by <\/em><a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/mfg_innovation\/\"><em>MFG Baden-W\u00fcrttemberg<\/em><\/a><em> \/ <\/em><a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/2.0\/\"><em>CC BY-SA 2.0<\/em><\/a><em>]<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2022\/10\/21\/buch-o21.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 23. Oktober 2022 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marianne Arens. Noch bis zum Sonntag findet die 74. 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