{"id":12018,"date":"2022-10-27T09:32:45","date_gmt":"2022-10-27T07:32:45","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12018"},"modified":"2022-10-27T09:32:47","modified_gmt":"2022-10-27T07:32:47","slug":"rojava-mythos-und-realitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12018","title":{"rendered":"Rojava: Mythos und Realit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Vorweg sei eines klargestellt: Das Projekt Rojava ist nicht das Ergebnis einer Revolution, sondern der Verschiebung eines milit\u00e4rischen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisses. \u00dcber den Einfluss der \u201e<em>Arbeiterpartei Kurdistans<\/em>\u201c (<em>PKK<\/em>) auf Rojava und die angebliche Bekehrung ihres Anf\u00fchrers Abdullah \u00d6calan vom Stalinismus zum \u201e<em>libert\u00e4ren Kommunalismus<\/em>\u201c wurde schon genug geschrieben, <!--more-->so dass wir dieses Thema hier nicht vertiefen wollen.<a href=\"http:\/\/www.leftcom.org\/de\/articles\/2022-10-19\/rojava-mythos-und-realit%C3%A4t#fn1\"><sup>(1)<\/sup><\/a> Die Erz\u00e4hlungen \u00fcber den angeblich revolution\u00e4ren Charakter der Ereignisse in Nordsyrien beruhen im Wesentlichen auf zwei Behauptungen: Erstens der angeblichen fortschrittlichen politischen Agenda der entstandenen beh\u00f6rdlichen Strukturen und Zweitens der Existenz einer sozialen Basisbewegung vor Ort. Die Kommunistische Linke hat die Versuche, Rojava als eine Art Alternative zum Kapitalismus darzustellen, von Anfang an scharf kritisiert.<a href=\"http:\/\/www.leftcom.org\/de\/articles\/2022-10-19\/rojava-mythos-und-realit%C3%A4t#fn2\"><sup>(2)<\/sup><\/a> Nach nunmehr zehn Jahren liegen jedoch gen\u00fcgend Informationen vor um die Behauptungen der Gl\u00e4ubigen an der Realit\u00e4t zu messen und die Frage zu beantworten, welche Art von Gesellschaft in Rojava tats\u00e4chlich existiert.<\/p>\n<p><strong>Hintergrund<\/strong><\/p>\n<p>Das heute offiziell <a href=\"http:\/\/www.leftcom.org\/de\/articles\/2022-10-19\/rojava-mythos-und-realit%C3%A4t#fn3\"><sup>(3)<\/sup><\/a> als \u201e<em>Autonomieverwaltung von Nordostsyrien<\/em>\u201c (<em>AANES<\/em>) bezeichnete Rojava, entstand am 19. Juli 2012, als die Milizen der \u201e<em>Volksverteidigungseinheiten<\/em>\u201c (<em>YPG<\/em>) nach dem Abzug der syrischen Streitkr\u00e4fte die St\u00e4dte Koban\u00ee, Amuda und Afrin einnahmen. Das Machtvakuum wurde von einem \u201e<em>Hohen Kurdischen Komitee<\/em>\u201c gef\u00fcllt, das einige Tage zuvor auf der Grundlage eines faulen Kompromisses zwischen der linksgerichteten kurdischen \u201e<em>Partei der Demokratischen Union<\/em>\u201c (<em>PYD<\/em>) und dem eher rechten \u201e<em>Kurdischen Nationalrat<\/em>\u201c (<em>KNC<\/em>) gegr\u00fcndet worden war. Es wurden eigene milit\u00e4rische Kr\u00e4fte aufgebaut, die sich weitgehend auf die <em>YPG<\/em> st\u00fctzen, und ein eigener Polizei- und Geheimdienstapparat, die \u201e<em>Asayish\u201c<\/em>, ins Leben gerufen. Die <em>YPG<\/em> k\u00e4mpften mit verschiedenen islamistischen Milizen und der \u201e<em>Freien Syrischen Armee<\/em>\u201c (<em>FSA<\/em>) um die Kontrolle \u00fcber das Gebiet. Gleichzeitig nahmen die internen Spannungen zwischen der <em>PYD<\/em> und dem <em>KNC<\/em> weiter zu. Gegen Ende 2013 proklamierte die <em>PYD<\/em> mit dem Dachverband <em>TEV-DEM<\/em> (\u201e<em>Bewegung f\u00fcr eine demokratische Gesellschaft<\/em>\u201c) ein neues \u201e<em>demokratisches Selbstverwaltungsprojekt<\/em>\u201c, das an die Stelle des \u201e<em>Hohen Kurdischen Komitees<\/em>\u201c treten sollte. Im Jahr 2014 erkl\u00e4rten mehrere Kantone ihre Autonomie im Rahmen einer neuen, von der <em>PYD<\/em> ausgearbeiteten Verfassung, und der <em>KNC<\/em> wurde praktisch von der Bildfl\u00e4che verdr\u00e4ngt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die <em>YPG<\/em> mit der neu gewonnenen milit\u00e4rischen Unterst\u00fctzung der USA eine Reihe von milit\u00e4rischen Erfolgen gegen den \u201e<em>Islamischen Staat<\/em>\u201c erzielen konnte, fuhr die <em>PYD<\/em> fort, ihr politisches Regime zu auszubauen. Rojava wird heute von der Dachorganisation \u201e<em>Demokratischer Rat Syriens<\/em>\u201c und ihrem milit\u00e4rischen Arm, den \u201e<em>Demokratische Kr\u00e4fte Syriens\u201c<\/em> (<em>SDF<\/em>) kontrolliert, in denen die <em>PYD<\/em> und die <em>YPG<\/em> jeweils eine f\u00fchrende Rolle spielen. Die Region erstreckt sich \u00fcber eine Fl\u00e4che von etwa 50.000 Quadratkilometern und hat rund 3 Millionen Einwohner. Im Jahr 2017 wurden Kommunal- und Regionalwahlen abgehalten, auf die noch Parlamentswahlen auf Landesebene folgen sollen, die zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Berichts noch nicht stattgefunden haben. Angesichts zahlreicher innerer und \u00e4u\u00dferer Sicherheitsbedrohungen, nicht zuletzt durch den t\u00fcrkischen Staat, hat Rojava versucht, auf verschiedene Weise Beziehungen zum amerikanischen und russischen Imperialismus aufzubauen. Obwohl Rojava direkte Milit\u00e4rhilfe erhalten hat und seine Wirtschaft in hohem Ma\u00dfe vom Au\u00dfenhandel abh\u00e4ngt, wird es von den meisten anderen Staaten oder internationalen Organisationen nicht offiziell anerkannt (die einzige aktuelle, aber bezeichnende Ausnahme ist das katalanische Parlament). Daf\u00fcr gibt es viel internationale Unterst\u00fctzung von verschiedenen linken Gruppen und Einzelpersonen, die den Pluralismus, die Gleichberechtigung und die direkte Demokratie des \u201e<em>Projektes Rojava<\/em>\u201c in den h\u00f6chsten T\u00f6nen preisen.<\/p>\n<p><strong>Politische und wirtschaftliche Realit\u00e4ten<\/strong><\/p>\n<p>Obwohl die Region, die jetzt unter der Kontrolle der <em>AANES<\/em>-Verwaltung steht, als \u201e<em>Brotkorb<\/em>\u201c Syriens gilt und den Gro\u00dfteil der \u00d6l- und Gasvorkommen des Landes beherbergt, hatte sie schon lange vor Ausbruch des B\u00fcrgerkrieges mit Armut und den Auswirkungen des Klimawandels zu k\u00e4mpfen. Die agrarisch gepr\u00e4gte Wirtschaft der Region hat auch das Fortbestehen patriarchalischer und religi\u00f6ser Traditionen erm\u00f6glicht. Und da in der Region KurdInnen, AraberInnen, JesidInnen, AssyrerInnen, ArmenierInnen, TscherkessInnen, TurkmenInnen, Chald\u00e4erInnen und TschetschenInnen leben, sind ethnisch-religi\u00f6se Konflikte nach wie vor ein Thema. Die <em>AANES<\/em>-Verwaltung bezeichnet sich selbst als \u201e<em>demokratisches und \u00f6kologisches System<\/em>\u201c, das sich auf \u201e<em>Organisationen ideologischer, ethnischer, feministischer und kultureller Gruppen sowie auf alle sozialen Schichten<\/em>\u201c st\u00fctzt. Theoretisch soll die Macht bei den lokalen Gemeinden liegen, die ihre Probleme durch Gemeinde- und Genossenschaftsr\u00e4te von unten nach oben angehen k\u00f6nnen. Die ultimative Vision ist ein f\u00f6derales, demokratisches System, das eines Tages ganz Syrien erfassen soll. Im Vergleich zu den Pl\u00e4nen einiger anderer politischer Akteure in der Region stellt Rojava zweifellos eine wesentlich liberalere Alternative dar. Allerdings stimmen die offizielle Propaganda und die Realit\u00e4t nicht immer \u00fcberein.<a href=\"http:\/\/www.leftcom.org\/de\/articles\/2022-10-19\/rojava-mythos-und-realit%C3%A4t#fn4\"><sup>(4)<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Die Macht der Gemeinden ist weitgehend auf lokale Angelegenheiten oder beratende Funktionen beschr\u00e4nkt. Beispiele f\u00fcr ihre T\u00e4tigkeit sind die Versorgung mit subventioniertem Diesel und Brot, die Beilegung von Konflikten innerhalb und zwischen Familien, die Organisation von M\u00fcllsammlungen oder die Unterst\u00fctzung bei der Einrichtung von Gemeindezentren. \u00dcber ihnen stehen die R\u00e4te &#8211; diese sind keine Organe der ArbeiterInnenklasse sondern Ableger der lokalen Regierung, in denen politische Parteien, Gewerkschaften, Berufsgruppen und Stammesf\u00fchrer vertreten sind. Die eigentliche Staatsmacht liegt anderswo. Die <em>AANES<\/em>-Verwaltung in jeder Region besteht aus einem Exekutivrat, einem Legislativrat, einem Justizrat, einem Hohen Wahlausschuss und einem Obersten Verfassungsgericht. Diese Gremien werden gr\u00f6\u00dftenteils nicht gew\u00e4hlt, sondern ernannt. Sie bilden zusammen mit der Polizei (\u201e<em>Asayish<\/em>\u201c) und der Armee (<em>SDF<\/em>) gewisserma\u00dfen das Exekutivkomitee der herrschenden Klasse in Rojava. Hinter all dem steht die kurdische <em>PYD<\/em>. Theoretisch soll die <em>TEV-DEM<\/em> die Kontrolle \u00fcber die h\u00f6heren Organe der <em>AANES<\/em>-Verwaltung aus\u00fcben, doch die <em>TEV-DEM<\/em> selbst besteht aus einer Koalition von Parteien, deren gr\u00f6\u00dfte die <em>PYD<\/em> ist.<\/p>\n<p>Zwar gibt es Hunderte von kleinen Genossenschaften, doch spielen sie im Wirtschaftsleben der Region eine relativ geringe Rolle. Nach Angaben von \u201e<em>Co-operation in Mesopotamia<\/em>\u201c sollen 12 % der Wirtschaft in Dschazira, der gr\u00f6\u00dften Region Nordsyriens, auf Genossenschaften beruhen.<a href=\"http:\/\/www.leftcom.org\/de\/articles\/2022-10-19\/rojava-mythos-und-realit%C3%A4t#fn5\"><sup>(5)<\/sup><\/a> Zum Vergleich: Nach Angaben der Wirtschaftspr\u00fcfungs-und Beratungsgesellschaft <em>PricewaterhouseCoopers<\/em>(6) werden 18 % des neuseel\u00e4ndischen BIP von Genossenschaften erwirtschaftet, und 30 % der Bev\u00f6lkerung sind Mitglied einer Genossenschaft. Dennoch w\u00fcrde niemand der\/die noch recht bei Trost ist behaupten, dass Neuseeland ein Leuchtturm des Antikapitalismus sei. Das \u201e<em>Recht auf Privateigentum<\/em>\u201c wird durch die <em>AANES<\/em>-Verfassung ausdr\u00fccklich garantiert. Der gr\u00f6\u00dfte Teil der Wirtschaft befindet sich in den H\u00e4nden des \u00f6ffentlichen oder privaten Sektors. Strom, Gas und \u00d6l werden von <em>AANES<\/em>-Kommissionen oder privaten Unternehmen im Besitz von <em>PYD<\/em>-Mitgliedern betrieben. Neben Steuern und Z\u00f6llen sind dies die Haupteinnahmequelle der <em>AANES<\/em>-Verwaltung, die auch der wichtigste Arbeitgeber in der Region ist. Risikokapitalgeber, Gesch\u00e4ftsleute und Gro\u00dfgrundbesitzer haben ebenfalls vom Immobilienboom und den Handelsm\u00f6glichkeiten profitiert, und einige haben sich Einfluss oder sogar Positionen in der Verwaltung gesichert. Obwohl es Pl\u00e4ne gab, eine Zentralbank in Rojava einzurichten, ist die syrische Zentralbank vorerst noch in dem Gebiet t\u00e4tig. Auch das Assad-Regime ist nach wie vor an der Wirtschaft beteiligt und besch\u00e4ftigt ArbeiterInnen im \u00f6ffentlichen Sektor von Rojava.<\/p>\n<p>Mit anderen Worten: Bestimmte basisdemokratische und kooperative Praktiken auf lokaler Ebene k\u00f6nnen nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass in Rojava faktisch ein Staat und eine kapitalistische Wirtschaft existiert.<\/p>\n<p><strong>Soziale Unruhen in Rojava<\/strong><\/p>\n<p>Es ger\u00e4t oftmals aus dem Blick, dass der aktuelle Konflikt in Syrien urspr\u00fcnglich mit den Protesten der Bev\u00f6lkerung gegen das Assad-Regime w\u00e4hrend des Arabischen Fr\u00fchlings 2011 begann. Die Rolle, die die <em>PYD<\/em> in dieser Anfangsphase gespielt hat ist jedoch umstritten und h\u00e4ngt mit dem Prozess zusammen durch den sie \u00fcberhaupt erst an die Macht gekommen ist.<\/p>\n<p>&#8222;<em>Anfang 2012 kam es zu einer stillschweigenden und ungeschriebenen \u00dcbereinkunft zwischen dem syrischen Regime und der PYD. Dabei handelte es sich um eine Art pragmatische Vereinbarung, die vorsah, dass das Assad-Regime der PYD wichtige Sicherheitsressourcen und wirtschaftliche Infrastruktur im Nordosten Syriens im Gegenzug daf\u00fcr \u00fcberl\u00e4sst, dass die PYD den Protesten gegen das Regime entgegentritt, sich aus der Revolution heraus- und die wirtschaftlichen Beziehungen zum Regime aufrechterh\u00e4lt<\/em>.&#8220;<a href=\"http:\/\/www.leftcom.org\/de\/articles\/2022-10-19\/rojava-mythos-und-realit%C3%A4t#fn7\"><sup>(7)<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Diese syrienweiten Proteste arteten recht schnell in einen B\u00fcrgerkrieg aus, oder besser gesagt in einen imperialistischen Stellvertreterkrieg. Heute besteht in Syrien nach wie vor eine gewaltsame, langanhaltende Pattsituation. Dennoch gehen die Proteste zu verschiedenen Themen weiter, auch in Rojava selbst. Obwohl interne und externe Gruppierungen nat\u00fcrlich versuchen, diese Unruhen auszunutzen, sind sie auf reale sozio\u00f6konomische und ethnische Spannungen zur\u00fcckzuf\u00fchren, die den Kern des Rojava-Projekts bilden, die schwerlich ignoriert werden k\u00f6nnen.<a href=\"http:\/\/www.leftcom.org\/de\/articles\/2022-10-19\/rojava-mythos-und-realit%C3%A4t#fn8\"><sup>(8)<\/sup><\/a><\/p>\n<ul>\n<li>Willk\u00fcrliche Verhaftungen: Es gab eine Reihe von Protesten als Reaktion auf angebliche Entf\u00fchrungen und willk\u00fcrliche Verhaftungen. Bereits im Juni 2013 gab es Berichte \u00fcber Proteste in der Stadt Amuda nach der Verhaftung einiger politischer AktivistInnen, die nicht der <em>YPG<\/em> angeh\u00f6rten. Die \u201e<em>Asayish<\/em>\u201c und die <em>YPG<\/em> er\u00f6ffneten das Feuer, wobei mindestens drei Demonstrierende get\u00f6tet wurden. Am darauffolgenden Tag wurde eine Ausgangssperre verh\u00e4ngt. Im Februar 2021 kam es erneut zu Protesten in Amuda, diesmal als Reaktion auf die Verhaftung von LehrerInnen. Im August 2022 kam es zu Protesten in al-Izba, al-Sour und Daman, nachdem die <em>SDF<\/em> einige Mitglieder ihres eigenen Milit\u00e4rrats in Deir Ezzor festgenommen hatten.<\/li>\n<li>Zwangsrekrutierungen: In Rojava wurde im Juli 2014 die Wehrpflicht eingef\u00fchrt. Seitdem gibt es Berichte \u00fcber die Einberufung von Minderj\u00e4hrigen und die Verhaftung von Wehrdienstverweigerern. Im Mai 2018 f\u00fchrte die Einf\u00fchrung der Wehrpflicht in Manbij zu Protesten und einem \u201e<em>Generalstreik<\/em>\u201c. <em>YPG<\/em>-K\u00e4mpfer versuchten Seite an Seite mit US-Soldaten, die Ordnung wie gewohnt weiterlaufen zu lassen. Im Mai-Juni 2021 kam es in Manbidsch erneut zu Protesten und einem \u201e<em>Generalstreik<\/em>\u201c als Reaktion auf die Wehrpflicht, die wirtschaftliche Notlage und die Diskriminierung von AraberInnen. Acht Zivilisten wurden von den Sicherheitskr\u00e4ften erschossen. Die <em>SDF<\/em> machten das Assad-Regime f\u00fcr die Gewalt verantwortlich, mussten aber die Wehrpflicht in der Stadt vor\u00fcbergehend aussetzen, um die Lage zu beruhigen. Im Dezember 2021 kam es zu einer kleinen Demonstration gegen die Rekrutierung von Minderj\u00e4hrigen durch die PKK, bei der mehrere Journalisten, die \u00fcber die Veranstaltung berichteten, festgenommen wurden.<\/li>\n<li>Schulische Lehrpl\u00e4ne: Die <em>AANES<\/em>-Verwaltung hat ihren eigenen Lehrplan eingef\u00fchrt, um den alten Lehrplan der syrischen Regierung zu ersetzen. Dies hat eine gewisse Kontroverse ausgel\u00f6st, insbesondere unter nicht-kurdischen und religi\u00f6sen Gemeinschaften, was zu Protesten von LehrerInnen, Sch\u00fclerInnen und Eltern f\u00fchrte. Im August 2018 wurden mehrere christliche Schulen in Qamischli, Hasaka und Al-Malikiyeh von den Beh\u00f6rden vor\u00fcbergehend geschlossen, weil sie sich weigerten, nach dem neuen Lehrplan zu unterrichten. Dies f\u00fchrte zu Protesten und Verhaftungen von LehrerInnen. Im September 2022 kam es in Qamischli zu Zusammenst\u00f6\u00dfen zwischen Sch\u00fclerInnen und den \u201e<em>Asayish<\/em>\u201c wegen des Verbots von au\u00dferschulischen Kursen.<\/li>\n<li>Preiserh\u00f6hungen: Wie \u00fcberall auf der Welt hatten auch die ArbeiterInnen in Rojava in den letzten zwei Jahren mit steigenden Lebenshaltungskosten und der Inflation zu k\u00e4mpfen. Im Dezember 2020 kam es zu einer Pattsituation zwischen der <em>AANES<\/em>-Verwaltung und B\u00e4ckereien, die sich aus Protest gegen die steigenden Mehlpreise weigerten Brot zu produzieren. Der Konflikt wurde erst einen Monat sp\u00e4ter beigelegt, als die <em>AANES<\/em>-Verwaltung zusagte, Mehl zu subventionieren. Im Mai 2021 brachen in Qamischli, Hasaka, Amude, Deir al-Zor und Schadad Massenproteste aus, weil die <em>AANES<\/em>-Verwaltung beschlossen hatte, die Treibstoffpreise zu erh\u00f6hen. Die \u201e<em>Asayish<\/em>\u201c schossen erneut auf Demonstrierende, wobei mindestens f\u00fcnf Menschen get\u00f6tet wurden. Angesichts des Widerstands sah sich die <em>AANES<\/em>-Verwaltung gezwungen, die Entscheidung \u00fcber die Erh\u00f6hung der Treibstoffpreise zur\u00fcckzunehmen. Im Januar 2022 kam es in Raqqa zu Protesten gegen die Verschlechterung der Lebensbedingungen, woraufhin die \u201e<em>Asayish<\/em>\u201c eine Ausgangssperre verh\u00e4ngten und die TeilnehmerInnen verhafteten.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Nat\u00fcrlich sind die Unruhen in einigen F\u00e4llen auch auf den religi\u00f6sen und politischen Konservatismus in Rojava zur\u00fcckzuf\u00fchren. W\u00e4hrend beispielsweise einige gegen den <em>AANES<\/em>-Lehrplan sind, weil er nirgendwo sonst au\u00dferhalb von Rojava anerkannt ist, und andere, weil sie ihn als Ausdruck des kurdischen Nationalismus betrachten, gibt es auch diejenigen, die ihn wegen seiner Ausrichtung auf S\u00e4kularismus und Frauenrechte ablehnen. Die zahlreichen Probleme, mit denen die <em>AANES<\/em>-Verwaltung konfrontiert ist, werden durch die Tatsache versch\u00e4rft, dass die Herrschaft der <em>PYD<\/em> &#8211; mit der m\u00f6glichen Ausnahme einiger mehrheitlich kurdischer Gebiete, in denen das Projekt der kurdischen Selbstbestimmung bereits vor 2012 eine gewisse Popularit\u00e4t genossen haben mag &#8211; von vielen anderen als etwas wahrgenommen wird, was von au\u00dfen als Top-Down-Modell aufgezwungen wurde.<\/p>\n<p><strong>Perspektiven<\/strong><\/p>\n<p>Nach dem Zerfall des Islamischen Staates um 2017-2018 wird in Rojava die gr\u00f6\u00dfte Gefahr in einer t\u00fcrkischen Invasion gesehen. Der t\u00fcrkische Staat h\u00e4lt mithilfe der \u201e<em>Freien Syrischen Armee<\/em>\u201c &#8211; die sich mittlerweile in \u201e<em>Syrische Nationalarmee<\/em>\u201c umbenannt hat &#8211; inzwischen mehr als 8.000 Quadratkilometer in Nordsyrien besetzt, darunter auch die Stadt Afrin.<a href=\"http:\/\/www.leftcom.org\/de\/articles\/2022-10-19\/rojava-mythos-und-realit%C3%A4t#fn9\"><sup>(9)<\/sup><\/a> Dort soll es auch ein Netzwerk dezentraler lokaler R\u00e4te geben, die jedoch mit der von der T\u00fcrkei unterst\u00fctzten syrischen \u00dcbergangsregierung in Azaz zusammenarbeiten. Die T\u00fcrkei betrachtet die <em>PYD<\/em> als Bedrohung f\u00fcr ihre nationale Sicherheit und hat deshalb die USA dazu aufgefordert, ihre Unterst\u00fctzung f\u00fcr die kurdische Organisation einzustellen. Die USA f\u00fcrchten ihrerseits eine m\u00f6gliche Neuordnung in der Region zwischen der T\u00fcrkei, dem Assad-Regime und Russland, das dieses unterst\u00fctzt. Berichten zufolge beginnen sich innerhalb der <em>SDF\/PYD<\/em> selbst Risse zu bilden, wobei eine Fraktion um Mazloum Abdi weiterhin auf den Schutz Washingtons setzt, w\u00e4hrend eine andere Fraktion um Aldar Khalil in Richtung Damaskus schielt, eine Option, die angeblich auch von der PKK bevorzugt wird.<a href=\"http:\/\/www.leftcom.org\/de\/articles\/2022-10-19\/rojava-mythos-und-realit%C3%A4t#fn10\"><sup>(10)<\/sup><\/a> Das Dilemma, mit welcher imperialistischen Fraktion man sich verb\u00fcnden soll, ist nicht neu, es spaltet die kurdische nationalistische Bewegung seit Jahrzehnten.<a href=\"http:\/\/www.leftcom.org\/de\/articles\/2022-10-19\/rojava-mythos-und-realit%C3%A4t#fn11\"><sup>(11)<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Das \u00dcberleben von Rojava h\u00e4ngt letztlich von diesem komplexen Geflecht imperialistischer B\u00fcndnisse ab. M\u00f6glicherweise aus diesem Grund hat sich die <em>AANES<\/em>-Administration relativ bedeckt zum Krieg in der Ukraine verhalten (der die Welt entlang der Konfliktlinie NATO versus Russland gespalten hat), um sich ihre Optionen offen zu halten. In den n\u00e4chsten Monaten ist mit dem vierten Einmarsch der T\u00fcrkei in Nordsyrien zu rechnen, der die Lage in der Region erneut versch\u00e4rfen und weiteres Blutvergie\u00dfen verursachen wird. Eines ist klar: Der kapitalistische \u00dcberbau, ob einheitlich oder f\u00f6deral, ob zentralisiert oder dezentralisiert, ob fortschrittlich oder konservativ, bietet keine L\u00f6sung f\u00fcr die Konflikte, Spaltungen und das Elend, die durch ein krisengesch\u00fctteltes System hervorgerufen werden. Wie immer werden die ArbeiterInnenklasse und die Armen, ob nun kurdisch und nicht, den Preis daf\u00fcr zahlen.<\/p>\n<p>Es gibt kein besseres Morgen, wenn nicht eine echte Alternative der ArbeiterInnenklasse entsteht, die ProletarierInnen aller Ethnien \u00fcber willk\u00fcrliche Spaltungslinien hinweg vereint. Wo und wie das geschehen k\u00f6nnte, l\u00e4sst sich nicht vorhersagen, aber die wirtschaftliche Lage in Rojava ist mit der seiner Nachbarn und der Weltwirtschaft insgesamt verkn\u00fcpft. In der Tat k\u00f6nnten die Proteste gegen steigende Lebenshaltungskosten, die derzeit in der gesamten Region stattfinden, einen gemeinsamen Klassenwiderstand ausl\u00f6sen, wie wir ihn seit dem Arabischen Fr\u00fchling nicht mehr erlebt haben. Solche Unruhen werden zwangsl\u00e4ufig einen Keil zwischen die <em>AANES<\/em>-Regierung und die Massen treiben. Und wie wir bereits gesehen haben, ist die <em>PYD<\/em> trotz all ihrer Verlautbarungen hinsichtlich ihrer angeblich progressiven politischen Agenda bereit, alles zu tun, um an der Macht zu bleiben. Unter diesen Umst\u00e4nden steht die Entwicklung einer politischen Organisation, die die Autonomie der ArbeiterInnenklasse verteidigt, vor vielen Hindernissen, doch der Klassenkampf in Rojava schl\u00e4ft nicht. (Dyibas)<\/p>\n<p><strong>Anmerkungen:<\/strong><\/p>\n<p>Bild: Protest in Manbidsch gegen die Einberufung durch die SDF. Manbidsch stand abwechselnd unter der Kontrolle des Assad-Regimes, der FSA, des Islamischen Staates und jetzt der SDF. Unter jedem Regime hat es Proteste und sogar Streiks gegeben.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.leftcom.org\/de\/articles\/2022-10-19\/rojava-mythos-und-realit%C3%A4t#ref1\">(1)<\/a> So bspw. Alex de Jong, <em>Stalinist caterpillar into libertarian butterfly? The evolving ideology of the PKK<\/em>: <a href=\"https:\/\/libcom.org\/article\/stalinist-caterpillar-libertarian-butterfly-evolving-ideology-pkk-alex-de-jong-Sowie\">libcom.org<\/a> Mouvement Communiste, <em>Rojava: the fraud of a non-existent social revolution<\/em>: <a href=\"https:\/\/libcom.org\/article\/rojava-fraud-non-existent-social-revolution\">libcom.org<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.leftcom.org\/de\/articles\/2022-10-19\/rojava-mythos-und-realit%C3%A4t#ref2\">(2)<\/a> Siehe u.a. unseren Text \u201eShades of Grey: Rojava, der Spirit of 36 und das Wolkenkuckucksheim der \u201eLinken\u201c <a href=\"https:\/\/www.leftcom.org\/de\/articles\/2016-01-15\/shades-of-grey-rojava-der-%E2%80%9Espirit-of-36%E2%80%9C-und-das-wolkenkuckucksheim-der-%E2%80%9Elinken%E2%80%9C\">leftcom.org<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.leftcom.org\/de\/articles\/2022-10-19\/rojava-mythos-und-realit%C3%A4t#ref3\">(3)<\/a> Zwischen 2012 und 2016 wurde die Region haupts\u00e4chlich als &#8222;Rojava&#8220; bezeichnet, was auf Kurmanc\u00ee &#8222;der Westen&#8220; (von Kurdistan) bedeutet, aber der Titel fiel in offiziellen Kreisen allm\u00e4hlich in Ungnade, da die territoriale Ausdehnung in nicht-kurdische Gebiete fortgesetzt wurde. Im Jahr 2016 wurde sie in \u201e<em>Demokratische F\u00f6deration Nordsyrien<\/em>\u201c (DFNS) umbenannt. Die aktuelle Bezeichnung wurde 2018 vom <em>Demokratischen Rat Syriens<\/em> angenommen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.leftcom.org\/de\/articles\/2022-10-19\/rojava-mythos-und-realit%C3%A4t#ref4\">(4)<\/a> Ein Gro\u00dfteil der Informationen in den beiden folgenden Abschnitten findet sich auch in: Sinan Hatahet, <em>The Political Economy of the Autonomous Administration of North and East Syria<\/em>: <a href=\"https:\/\/cadmus.eui.eu\/bitstream\/handle\/1814\/65364\/MED_WPCS_2019_16.pdf\">cadmus.eui.eu<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.leftcom.org\/de\/articles\/2022-10-19\/rojava-mythos-und-realit%C3%A4t#ref5\">(5)<\/a> Co-operation in Mesopotamia FAQ: <a href=\"https:\/\/mesopotamia.coop\/faqs\/\">mesopotamia.coop<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.leftcom.org\/de\/articles\/2022-10-19\/rojava-mythos-und-realit%C3%A4t#ref6\">(6)<\/a> <a href=\"https:\/\/www.thenews.coop\/154796\/sector\/mutuals\/18-of-new-zealand-gdp-is-generated-by-co-operatives\/\">thenews.coop<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.leftcom.org\/de\/articles\/2022-10-19\/rojava-mythos-und-realit%C3%A4t#ref7\">(7)<\/a> Rena Netjes &amp; Erwin van Veen, <em>The YPG\/PYD during the Syrian conflict<\/em>: <a href=\"https:\/\/www.clingendael.org\/pub\/2021\/the-ypgpyd-during-the-syrian-conflict\/1-an-extraordinary-tale-the-ypgpyd-rises\/\">clingendael.org<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.leftcom.org\/de\/articles\/2022-10-19\/rojava-mythos-und-realit%C3%A4t#ref8\">(8)<\/a> Die folgende Liste der Proteste in Rojava erhebt keinen Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit. Weitere Informationen \u00fcber die Proteste finden sich in verschiedenen Nachrichtenkan\u00e4len, die allerdings oft entweder Pro- oder Anti-Rojava eingestellt sind.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.leftcom.org\/de\/articles\/2022-10-19\/rojava-mythos-und-realit%C3%A4t#ref9\">(9)<\/a> Siehe u.a.: <a href=\"https:\/\/www.leftcom.org\/de\/articles\/2019-10-13\/der-einmarsch-der-t%c3%bcrkei-in-syrien\">leftcom.org<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.leftcom.org\/de\/articles\/2022-10-19\/rojava-mythos-und-realit%C3%A4t#ref10\">(10)<\/a> Mehmet Emin Cengiz, <em>The PYD-PKK Relationship Under Scrutiny<\/em>: <a href=\"https:\/\/blogs.eui.eu\/medirections\/the-pyd-pkk-relationship-under-scrutiny\/\">blogs.eui.eu<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.leftcom.org\/de\/articles\/2022-10-19\/rojava-mythos-und-realit%C3%A4t#ref11\">(11)<\/a> Vgl. u.a. die Spaltung zwischen der Patriotischen Union Kurdistans (PUK) und der Demokratischen Partei Kurdistans (KDP) im Irak<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.leftcom.org\/de\/articles\/2022-10-19\/rojava-mythos-und-realit%C3%A4t\"><em>leftcom.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 27. Oktober 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorweg sei eines klargestellt: Das Projekt Rojava ist nicht das Ergebnis einer Revolution, sondern der Verschiebung eines milit\u00e4rischen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisses. \u00dcber den Einfluss der \u201eArbeiterpartei Kurdistans\u201c (PKK) auf Rojava und die angebliche Bekehrung ihres Anf\u00fchrers Abdullah &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":12019,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,5],"tags":[18,104,22,15,54,17],"class_list":["post-12018","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-kampagnen","tag-imperialismus","tag-kurdistan","tag-politische-oekonomie","tag-syrien","tag-tuerkei","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12018","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12018"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12018\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12020,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12018\/revisions\/12020"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/12019"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12018"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=12018"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=12018"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}