{"id":12055,"date":"2022-11-04T10:16:23","date_gmt":"2022-11-04T08:16:23","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12055"},"modified":"2022-11-04T10:22:59","modified_gmt":"2022-11-04T08:22:59","slug":"12055","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12055","title":{"rendered":"Italien: 100 Jahre \u201eMarsch auf Rom\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em>Peter Schwarz. <\/em>Vor hundert Jahren, am 31. Oktober 1922, marschierte Benito Mussolini, der F\u00fchrer der Nationalen Faschistischen Partei, an der Spitze mehrere tausend Schwarzhemden durch Rom. Am Tag zuvor hatte ihn Italiens K\u00f6nig Vittorio EmanueleIII. zum italienischen Ministerpr\u00e4sidenten ernannt.<!--more--><\/p>\n<p>Es war der Auftakt zu einer brutalen Diktatur, die 23 Jahre dauern sollte. Die Faschisten unterdr\u00fcckten demokratische Rechte, terrorisierten und zerschlugen die organisierte Arbeiterbewegung, f\u00fchrten grauenhafte Kolonialkriege, verb\u00fcndeten sich mit Hitler-Deutschland zum Zweiten Weltkrieg und schickten 9000 Juden in die Gaskammern.<\/p>\n<p>Das Regime des \u201eDuce\u201c wurde zum Vorbild zahlreicher weiterer Diktaturen, der Begriff Faschismus zum Inbegriff von Gewaltherrschaft und Barbarei. Mussolinis gelehrigster Sch\u00fcler war Adolf Hitler, der ein Jahr sp\u00e4ter den \u201eMarsch auf Rom\u201c mit einem Putsch in M\u00fcnchen imitierte. Der Putsch misslang, trotzdem \u00fcbernahm Hitler zehn Jahre sp\u00e4ter in Berlin die Macht.<\/p>\n<p>Der hundertste Jahrestag von Mussolinis Macht\u00fcbernahme ist nicht nur von historischem Interesse, sondern von brennender politischer Aktualit\u00e4t. Seit einer Woche f\u00fchren Mussolinis politische Erben, die Fratelli d\u2019Italia, die italienische Regierung.<\/p>\n<p>Die neue Ministerpr\u00e4sidentin, Giorgia Meloni, hat den Faschismus zwar aus taktischen Gr\u00fcnden zur \u201ehistorischen Frage\u201c erkl\u00e4rt, doch es ist un\u00fcbersehbar, dass sie und ihre Partei fest in der faschistischen Tradition verankert sind. In den Reihen der Fratelli wimmelt es von Verehrern Mussolinis und faschistischer Kriegsverbrecher, sie unterhalten enge Verbindungen zu militanten Neonazis und rechtsextremen Elementen im Staatsapparat und vertreten einen aggressiven Nationalismus und Rassismus.<\/p>\n<p>Meloni selbst f\u00fchrt die Partei aus dem fr\u00fcheren B\u00fcro von Giorgio Almirante, der unter Mussolini die faschistische Tageszeitung <em>Il Tevere<\/em> sowie die antisemitische Zeitschrift <em>La difesa della razza<\/em> (<em>Verteidigung der Rasse<\/em>) leitete und von 1946 bis 1987 das Movimento Sociale Italiano (MSI), die Nachfolgeorganisation von Mussolinis Faschistischer Partei und Vorg\u00e4ngerin der Fratelli, f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Melonis Regierungs\u00fcbernahme, die von allen italienischen Parteien und europ\u00e4ischen Regierungen mehr oder weniger offen begr\u00fc\u00dft wurde, ist Bestandteil einer Rechtswende der gesamten internationalen Bourgeoisie. Konfrontiert mit einer unl\u00f6sbaren \u00f6konomischen Krise und einem Aufschwung des Klassenkampfs, setzt sie auf Krieg gegen Russland und China und auf autorit\u00e4re Herrschaftsformen, um die Arbeiterklasse zu unterdr\u00fccken.<\/p>\n<p>Dies verleiht den Lehren des Marsches auf Rom eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Aktualit\u00e4t. Die Geschichte wiederholt sich nicht, oder zumindest nicht in gleicher Form. Doch um die R\u00fcckkehr der Erben Mussolinis an die Spitze der italienischen Regierung und die damit verbundenen Gefahren zu verstehen und zu bek\u00e4mpfen, ist das Studium dieser Lehren unverzichtbar.<\/p>\n<p><strong>Der \u201eMarsch auf Rom\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Die Faschisten haben den Marsch auf Rom zum Mythos verkl\u00e4rt, laut dem 300.000 Schwarzhemden, getragen vom Volk, eine nationale Revolution vollbrachten und 3000 M\u00e4rtyrer ihr Leben gaben.<\/p>\n<p>Die Wirklichkeit sah anders aus. Mussolinis Ruf, nach Rom zu marschieren, folgten am 27. Oktober gerade einmal 5000 Faschisten, die, ausgehungert und schlecht ausger\u00fcstet, in der N\u00e4he der Hauptstadt im Regen und Schlamm stecken blieben. Am folgenden Tag kamen etwa 10.000 weitere hinzu. Mussolini verharrte in Mailand, wo er an zwei aufeinanderfolgenden Abenden die Oper besuchte \u2013 bereit, im Falle eines Fehlschlags \u00fcber die nahegelegene Schweizer Grenze zu fl\u00fcchten.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Armee w\u00e4re es ein Leichtes gewesen, den Haufen zu zerstreuen. Ministerpr\u00e4sident Luigi Facta erlie\u00df nach langem Z\u00f6gern einen entsprechenden Befehl. Doch der K\u00f6nig weigerte sich, die Notstandserkl\u00e4rung zu unterzeichnen, und beauftragte stattdessen Mussolini am Abend des 29. Oktober mit der Bildung einer neuen Regierung. Dieser reiste darauf im Schlafwagen nach Rom, wo er am 30. Oktober die Amtsgesch\u00e4fte \u00fcbernahm. Erst am Tag danach marschierte der neue Regierungschef dann an der Spitze eines sorgf\u00e4ltig inszenierten Triumphmarsches in die Hauptstadt ein.<\/p>\n<p>Die Legende vom Marsch auf Rom leistete sowohl den Faschisten wie all jenen, die ihnen zur Macht verhalfen, gute Dienste. Den Faschisten diente sie als Gr\u00fcndungsmythos und einigendes Ritual, ihren Helfern in Wirtschaft und Staat zur Vertuschung der Tatsache, dass sie und nicht \u201edas Volk\u201c es waren, die dem Diktator zur Macht verholfen hatten.<\/p>\n<p>Was genau den K\u00f6nig bewog, sich f\u00fcr Mussolini zu entscheiden, ist historisch nicht gekl\u00e4rt. Es ist aber offensichtlich, dass m\u00e4chtige Kr\u00e4fte aus Wirtschaft, Armee und Polizei ihn dazu dr\u00e4ngten. Mussolini konnte f\u00fcr den \u201eMarsch auf Rom\u201c auf einen betr\u00e4chtlichen Kriegsfonds zur\u00fcckgreifen. Der Industriellenverband hatte ihm vorher 20 Millionen Lire \u00fcberwiesen. Die Faschisten wurden gebraucht, um die Arbeiterbewegung zu zerschlagen, nachdem das Land vier Jahre lang am Rand der sozialistischen Revolution gestanden hatte.<\/p>\n<p>Die besondere Aufgabe des Faschismus besteht darin, das verzweifelte Kleinb\u00fcrgertum \u201ezu einem Rammbock gegen die Arbeiterklasse und die Einrichtungen der Demokratie\u201c zusammenzupressen, wie Leo Trotzki 1932 erkl\u00e4rte. Zu diesem Zweck bedient er sich nationaler, rassistischer aber auch sozialer und antikapitalistischer Demagogie. Einmal an der Macht, erweist er sich dagegen als nackte Diktatur des Finanzkapitals:<\/p>\n<p><em>Der Sieg des Faschismus f\u00fchrt dazu, dass das Finanzkapital sich direkt und unmittelbar aller Organe und Einrichtungen der Herrschaft, Verwaltung und Erziehung bem\u00e4chtigt: Staatsapparat und Armee, Gemeindeverwaltungen, Universit\u00e4ten, Schulen, Presse, Gewerkschaften, Genossenschaften. Die Faschisierung des Staates bedeutet nicht nur die Mussolinisierung der Verwaltungsformen und -verfahren \u2013 auf diesem Gebiet sind die Ver\u00e4nderungen letzten Endes zweitrangig \u2013 sondern vor allem und haupts\u00e4chlich die Zertr\u00fcmmerung der Arbeiterorganisationen, Zur\u00fcckwerfung des Proletariats in amorphen Zustand, Schaffung eines Systems tief in die Massen dringender Organe, die eine selbst\u00e4ndige Kristallisation des Proletariats unterbinden sollen. Darin besteht das Wesen des faschistischen Regimes. (Leo Trotzki, \u201e<\/em><a href=\"https:\/\/mehring.openpublishing.com\/document\/324330\"><em>Was nun?<\/em><\/a><em>\u201c)<\/em><\/p>\n<p>Als Trotzki diese Zeilen schrieb, um die deutschen Arbeiter gegen den Aufstieg Hitlers zu wappnen, st\u00fctzte er sich auf die Lehren aus Italien, die er sehr genau kannte. Der Dritte und Vierte Kongress der Kommunistischen Internationale, auf denen Trotzki eine f\u00fchrende Rolle spielte, hatten sich intensiv mit der italienischen Frage befasst.<\/p>\n<p><strong>Terror gegen die Arbeiterklasse<\/strong><\/p>\n<p>Italien wurde nach dem Ersten Weltkrieg von einer Welle militanter Arbeitsk\u00e4mpfe, l\u00e4ndlicher Unruhen und Aufst\u00e4nden \u00fcberrollt, die eine sozialistische Revolution auf die Tagesordnung setzten. Mussolini, der sich im Verlauf des Kriegs vom Sozialisten zum gl\u00fchenden Nationalisten und Kriegsbef\u00fcrworter gewandelt hatte, organisierte bewaffnete Banden, sogenannte Fasci, um die Arbeiter einzusch\u00fcchtern. Der Terror, den sie dabei aus\u00fcbten, spottet jeder Beschreibung.<\/p>\n<p>Finanziert von Industriellen und Grundbesitzern und gedeckt von der Polizei, fuhren die schwerbewaffneten Faschisten zu Versammlungslokalen oder Privath\u00e4usern bekannter Arbeiterf\u00fchrer, wo sie brandschatzten, folterten und mordeten. Oft wurden Frauen und Kinder bedroht, um die Gesuchten zur Aufgabe zu zwingen. Sch\u00e4tzungen zufolge ermordeten die Faschisten allein in den Jahren 1921 und 1922 rund 3000 Sozialisten und Gewerkschafter auf diese Weise.<\/p>\n<p>Anfangs konzentrierte sich der faschistische Terror auf l\u00e4ndliche Gebiete und Kleinst\u00e4dte, wo Arbeiter und Landarbeiter gegen sklaven\u00e4hnliche Zust\u00e4nde rebellierten. Doch Ende 1920 dehnte er sich auch auf die gro\u00dfen Industriest\u00e4dte aus.<\/p>\n<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"602\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-1024x602.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12056\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-1024x602.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-300x176.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-768x451.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption><em>Besetzter Betrieb im Sommer 1920<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p>Im Sommer dieses Jahres hatte die revolution\u00e4re Welle ihren H\u00f6hepunkt erreicht. \u00dcber 500.000 Arbeiter besetzten Fabriken und Werften, hissten rote und schwarze (anarchistische) Fahnen und warfen Besitzer und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer aus den Betrieben. Sie reagierten damit auf eine Aussperrung im Alfa-Romeo-Werk in Mailand. Die Arbeitermacht lag in der Luft.<\/p>\n<p>Doch es existierte keine politische F\u00fchrung, die bereit war, die Macht zu erobern, wie dies die Bolschewiki 1917 in Russland getan hatten. Die F\u00fchrung der Sozialistischen Partei lag zwar in den H\u00e4nden der Maximalisten unter Giacinto Serrati, die sich gegen den Ersten Weltkrieg gestellt und der Kommunistischen Internationale angeschlossen hatten. Doch das Bekenntnis der Maximalisten zur Arbeitermacht war rein platonisch. Sie weigerten sich, mit den Reformisten zu brechen, die damals den Arbeitsminister stellten und die Gewerkschaften dominierten, und hatten keine Strategie und Taktik zur Eroberung der Staatsmacht.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich gelang es den Gewerkschaften, den Streik mithilfe einiger leerer Zugest\u00e4ndnisse abzuw\u00fcrgen. Die Medien jubelten: \u201eDer Reformismus hat die Zivilisation gerettet!\u201c, \u201eDie Revolution ist nicht zustande gekommen, weil die CGdL (der Gewerkschaftsdachverband) sie nicht gewollt hat.\u201c<\/p>\n<p>Nun ging der Faschismus in die Offensive. Am 21. November marschierten 300 bewaffnete Faschisten zum Rathaus von Bologna, wo die sozialistische Verwaltung vereidigt wurde, und ermordeten sieben Sozialisten. In den folgenden Wochen setzten sie ihre Angriffe unter Duldung der Polizei in anderen St\u00e4dten fort. Die faschistische Bewegung erhielt Zulauf. Kleine Aktionsgruppen, bewaffnet mit Kn\u00fcppeln, Revolvern, Granaten und selbst Maschinengewehren fuhren durch das Land, um Sozialisten und militante Arbeiter zu jagen. Die Mitgliedschaft der faschistischen Bewegung wuchs in f\u00fcnf Monaten von 20.000 auf 180.000.<\/p>\n<p>\u201eHinter der theatralischen Fassade verbarg sich ein Kern gezielter Brutalit\u00e4t, um die Arbeiterbewegung zu brechen\u201c, schildert Christoper Duggan in seiner Geschichte Italiens ihr Vorgehen. \u201ePartei- und Gewerkschaftsgeb\u00e4ude wurden gepl\u00fcndert und die B\u00fcros linker Zeitungen verw\u00fcstet, w\u00e4hrend Schl\u00fcsselfiguren der Sozialistischen Partei wie Abgeordnete, B\u00fcrgermeister, Stadtr\u00e4te und Capilega gezielt eingesch\u00fcchtert, verpr\u00fcgelt, gefoltert und gelegentlich ermordet wurden.\u201c<\/p>\n<p>Regierungschef Giovanni Giolitti, ein b\u00fcrgerlicher Liberaler, lud Mussolini ein, in einem gemeinsamen \u201enationalen Block\u201c zu den Wahlen im Fr\u00fchjahr 1921 anzutreten. Die Wahlen wurden f\u00fcr Mussolini zum Erfolg. Die Faschisten gewannen 37 Mandate; doch die Sozialisten blieben mit 123 Sitzen st\u00e4rkste Partei.<\/p>\n<p>Im Januar 1921 brachen Amadeo Bordiga, Antonio Gramsci und andere Vertreter des linken Fl\u00fcgels mit den Sozialisten Serratis und gr\u00fcndeten die Kommunistische Partei. Diese war aber zu jung und unerfahren, um die Krise der proletarischen F\u00fchrung sofort zu \u00fcberwinden. Das Fehlen einer revolution\u00e4ren F\u00fchrung, die die K\u00e4mpfe der Arbeiterklasse vereinen und zur Eroberung der Macht f\u00fchren konnte, ebnete schlie\u00dflich Mussolini den Weg.<\/p>\n<p>Der Schriftsteller Ignazio Silone, der zu den Gr\u00fcndern und F\u00fchrern der Kommunistischen Partei geh\u00f6rte, schreibt in seinem lesenswerten Buch \u201eDer Fascismus\u201c, das er 1934 im Schweizer Exil ver\u00f6ffentlichte:<\/p>\n<p><em>Die italienische Arbeiterklasse erlag ohne Kampf. Der Marsch auf Rom verlief, ohne den geringsten Widerstand der Arbeiterschaft zu provozieren. Die Reformisten, die Maximalisten und die Kommunisten waren auf den Marsch auf Rom nicht gefasst. \u2026 Das italienische Proletariat erschien wie eine Armee, die sich vier Jahre heroisch in illusorischen Schlachten geschlagen hatte\u2026 An der Spitze der italienischen Arbeiterschaft hatten die italienischen Lenins und Trotzkis gefehlt\u2026<\/em><\/p>\n<p>Mit der \u00dcbernahme der Regierung hatte Mussolini seine Diktatur allerdings noch nicht gefestigt. Seinem Kabinett geh\u00f6rten neben Faschisten auch Vertreter der katholischen Volkspartei, Demokraten, Liberale und zwei Milit\u00e4rs an. Selbst den rechten Fl\u00fcgel der Sozialistischen Partei lud er zur Mitarbeit ein, und einer seiner F\u00fchrer, Gino Baldesi, sagte zu, musste dann allerdings einen R\u00fcckzieher machen. Mussolini ben\u00f6tigte weitere drei Jahre, um seine uneingeschr\u00e4nkte Autorit\u00e4t als \u201eDuce\u201c zu etablieren.<\/p>\n<p><strong>Lehren f\u00fcr heute<\/strong><\/p>\n<p>Die heutige Lage in Italien unterscheidet sich in mehrerer Hinsicht von jener vor hundert Jahren.<\/p>\n<p>Mussolini gelangte <em>nach<\/em> einem Aufstand der Arbeiterklasse an die Macht, der von den Sozialisten und den Gewerkschaften desorientiert, gel\u00e4hmt und verraten worden war. Er konnte sich auf eine Massenbewegung ehemaliger Soldaten und erbitterter Kleinb\u00fcrger st\u00fctzen, die sich nach der Niederlage der Streikbewegung von 1920 rabiat nach rechts wandten.<\/p>\n<p>Meloni hat die Regierung <em>vor<\/em> dem Ausbruch offener Klassenschlachten \u00fcbernommen, die sich als Folge von Inflation, Pandemie, Ukrainekrieg und Wirtschaftskrise in raschem Tempo entwickeln. Sie hat keine faschistische Massenbewegung im R\u00fccken, sondern verdankt ihren Aufstieg den sogenannten \u201elinken\u201c Parteien und den Gewerkschaften, die in den vergangenen drei Jahrzehnten die Hauptverantwortung f\u00fcr die sozialen Angriffe trugen und den Klassenkampf systematisch unterdr\u00fcckten. Das politische Vakuum, das sie hinterlie\u00dfen, hat die Fratelli d\u2019Italia zur st\u00e4rksten Partei werden lassen.<\/p>\n<p>Das macht sie aber nicht weniger gef\u00e4hrlich. Die herrschende Klasse setzt \u2013 nicht nur in Italien \u2013 neben den b\u00fcrokratischen Apparaten der Gewerkschaften, der Sozialdemokaten, der ehemaligen Stalinisten und ihrer Verb\u00fcndeten immer mehr auf autorit\u00e4re Herrschaftsformen, um den Klassenkampf zu unterdr\u00fccken. Deshalb haben die f\u00fchrenden Politiker der Europ\u00e4ischen Union Meloni mit offenen Armen empfangen.<\/p>\n<p>EU-Kommissionspr\u00e4sidentin Ursula von der Leyen erkl\u00e4rte: \u201eIch bin bereit und gl\u00fccklich, auf konstruktive Weise mit der neuen italienischen Regierung zusammenzuarbeiten.\u201c Frankreichs Pr\u00e4sident Emmanuel Macron traf sich am ersten Amtstag mit Meloni in Rom, die das Treffen hinterher als \u201eherzlich und n\u00fctzlich\u201c bezeichnete.&nbsp; Bundeskanzler Olaf Scholz telefonierte mit Meloni, um den Ukrainekrieg zu diskutieren und das \u201eInteresse an guter Zusammenarbeit und Partnerschaft in der EU, Nato und G7\u201c zu bekunden.<\/p>\n<p>Auch in anderen L\u00e4ndern f\u00f6rdert die herrschende Klasse rechtsextreme Parteien, integriert sie in Staat und Regierung und \u00fcbernimmt ihre rechte Politik. Das gilt f\u00fcr Vox in Spanien (zu der Meloni enge Beziehungen unterh\u00e4lt) ebenso wie f\u00fcr die AfD in Deutschland, das Rassemblement National in Frankreich und die Schwedendemokraten in Schweden \u2013 um nur einige zu nennen. In den USA verwandeln sich die Republikaner unter Donald Trump in eine offen faschistische Partei, ohne den geringsten Widerstand von Seiten der Demokraten.<\/p>\n<p>Wer behauptet, die faschistische Gefahr, k\u00f6nne durch die Unterst\u00fctzung oder ein B\u00fcndnis mit angeblich demokratischen Parteien gestoppt werden, wie dies zahlreiche pseudolinke Gruppen tun, f\u00fchrt die Arbeiterklasse gezielt in die Irre. Diese Parteien haben das Programm der Faschisten in der Migrationspolitik, der inneren und \u00e4u\u00dferen Aufr\u00fcstung und anderen Bereichen l\u00e4ngst \u00fcbernommen. Sie werden keinen Moment z\u00f6gern, mit den Faschisten gemeinsame Front gegen die Arbeiterklasse zu machen, wie es ihre politischen Vorfahren 1922 in Italien taten, als sie sich Mussolinis erster Regierung anschlossen, und 1933 in Deutschland, als sie f\u00fcr Hitlers Erm\u00e4chtigungsgesetz stimmten und ihm diktatorische Vollmachten erteilten.<\/p>\n<p>Die Herrschaft Mussolinis bleibt eine vernichtende und unvergessliche Lektion \u00fcber den verheerenden Preis, den die Arbeiterklasse zahlen muss, wenn sie daran gehindert wird, in einer revolution\u00e4ren Situation die Macht zu erk\u00e4mpfen. Heute wie 1922 besteht die entscheidende politische Aufgabe darin, den Griff der konterrevolution\u00e4ren nationalistischen B\u00fcrokratien \u00fcber den Klassenkampf zu brechen. Das bedeutet, Parteien aufzubauen, die es verstehen, den wachsenden Widerstand der internationalen Arbeiterklasse gegen Sozialabbau, Krieg und Faschismus in einem unvers\u00f6hnlichen Kampf gegen den Kapitalismus zu vereinen \u2013 [\u2026]<\/p>\n<p><em>#Bild: Mussolini (Zweiter von links) inspiziert Schwarzhemden vor dem Marsch auf Rom<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2022\/10\/30\/roma-o30.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 4. November 2022 mit einer leichten K\u00fcrzung<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Schwarz. Vor hundert Jahren, am 31. Oktober 1922, marschierte Benito Mussolini, der F\u00fchrer der Nationalen Faschistischen Partei, an der Spitze mehrere tausend Schwarzhemden durch Rom. 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