{"id":12074,"date":"2022-11-05T19:21:55","date_gmt":"2022-11-05T17:21:55","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12074"},"modified":"2022-11-05T19:21:56","modified_gmt":"2022-11-05T17:21:56","slug":"arbeiterinnenkaempfe-im-iran","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12074","title":{"rendered":"ArbeiterInnenk\u00e4mpfe im Iran"},"content":{"rendered":"<p>In Anbetracht der Entwicklung der Protestbewegung im Iran ver\u00f6ffentlichen wir hier einige \u00dcbersetzungen der j\u00fcngsten Erkl\u00e4rungen des \u201e<em>Rates f\u00fcr die Organisation der Proteste der \u00d6lvertragsarbeiterInnen\u201c<\/em> und des \u201e<em>Syndikats der ZuckerrohrarbeiterInnen von Haft Tappeh<\/em>\u201c. Ihre Entscheidung, in den Streik zu treten, wurde vom Regime<!--more--> zwangsl\u00e4ufig mit Repression beantwortet. Trotzdem bleiben sie, wie sie selbst sagen, hoffnungsvoll, dass die ArbeiterInnen &#8222;<em>ihre historische Rolle bei der F\u00fchrung und Vereinigung der Stra\u00dfenproteste spielen k\u00f6nnen, um die Befreiung von Unterdr\u00fcckung und Ausbeutung einzul\u00e4uten<\/em>&#8222;.<\/p>\n<p><strong>Wir stellen ein Ultimatum<\/strong><\/p>\n<p>Ihr wisst alle, dass w\u00e4hrend unseres Protestes in Solidarit\u00e4t mit dem Aufstand der Bev\u00f6lkerung einige unserer KollegInnen in Asaluyeh festgenommen wurden. Wir haben erkl\u00e4rt, dass wir nicht aufgeben und unseren Protest fortsetzen werden. Deshalb versammelten sich unsere Kolleginnen und Kollegen am Mittwoch, dem 12. Oktober, vormittags an mehreren Orten, aber nicht nur sie wurden festgenommen und nicht wieder freigelassen, sondern auch eine Reihe anderer, so dass mittlerweile mehr als 30 unserer Kolleginnen und Kollegen festgenommen sind (leider dauert die sofortige Erstellung der vollst\u00e4ndigen Liste der Verhafteten aufgrund der zahlreichen Subunternehmen und verstreuten Arbeitsst\u00e4tten einige Zeit). In der Zwischenzeit wird die Atmosph\u00e4re in unserem Arbeitsumfeld stark von der Polizei beherrscht. Wir erkl\u00e4ren, dass die Verhaftungen und Drohungen nicht nur keinen Einfluss auf unsere Entschlossenheit haben, unseren Protest fortzusetzen, sondern dass diese Repressionen unsere Wut noch um ein Hundertfaches steigern. In unserem ersten Ultimatum vom 26. September k\u00fcndigten wir an, dass wir streiken w\u00fcrden, wenn die Repressionen nicht aufh\u00f6ren. Als wir keine Antwort erhielten, legten wir die Arbeit nieder und versammelten uns in Solidarit\u00e4t mit den Protesten der Bev\u00f6lkerung. Jetzt stellen wir ein Ultimatum: Wenn unsere Kolleginnen und Kollegen nicht sofort freigelassen werden und die Repressionen in unseren Arbeitsst\u00e4tten weitergeht, werden wir unsere Proteste in weiteren Formen fortsetzen und nicht schweigen. Wir bitten unsere Kolleginnen und Kollegen in der gesamten \u00d6lindustrie, sich zu vereinen und nicht zuzulassen, dass diese Unterdr\u00fcckung und Sklaverei weitergeht. Ebenso lautet unsere Botschaft an die Bev\u00f6lkerung und alle Arbeiterinnen und Arbeiter im Iran: Lasst uns in diesem h\u00f6llischen Arbeitslager nicht allein, sondern unterst\u00fctzt uns. Setzt euch f\u00fcr die sofortige Freilassung unserer Kolleginnen und Kollegen ein. Alle k\u00fcrzlich Inhaftierten m\u00fcssen freigelassen werden! Diese Repressionen m\u00fcssen ein Ende haben! ArbeiterInnen vereinigt euch! (<em>Rat f\u00fcr die Organisierung der Proteste der VertragsarbeiterInnen im Erd\u00f6lsektor, 13. Oktober 2022<\/em>)<\/p>\n<p><strong>\u00dcber die Festnahmen und die Repressionen<\/strong><\/p>\n<p>Nach den bisher vorliegenden Informationen wurden w\u00e4hrend der Proteste unserer Kolleginnen und Kollegen am 10., 11. und 12. Oktober mehr als 250 Personen verhaftet. Unter dem Druck unserer Proteste und unseres Ultimatums, die Proteste in einer breiteren Form fortzusetzen, wurden einige von ihnen inzwischen freigelassen, doch viele befinden sich noch in Haft. Ein wichtiger Bestandteil unseres Kampfes als \u00d6larbeiterInnen ist die sofortige Freilassung aller inhaftierten Kolleginnen und Kollegen, die Unterst\u00fctzung der Familien der inhaftierten Angeh\u00f6rigen und das Eintreten f\u00fcr den R\u00fcckzug der Repressionskr\u00e4fte vom Arbeitsplatz, um die strenge polizeiliche \u00dcberwachung zu durchbrechen, die unsere Arbeit beherrscht. Leider haben wir, wie wir bereits angek\u00fcndigt haben, aufgrund der starken polizeilichen Klimas am Arbeitsplatz und der Existenz vieler Unternehmen in Asaluyeh keine vollst\u00e4ndige Liste mit den Namen der KollegInnen, die derzeit festgenommen sind. Der Organisationsrat bittet alle Kolleginnen und Kollegen, die Namen der verhafteten Arbeiterinnen und Arbeiter in ihrem Unternehmen zusammen mit Informationen \u00fcber den Tag der Verhaftung und den Ort der Inhaftierung sowie deren Fotos an den Telegram-Kanal des Organisationsrats zu schicken. Die Kampagne f\u00fcr die Freilassung der verhafteten Kollegen, das Durchbrechen des vorherrschenden \u00dcberwachungsklimas in den Unternehmen ist ein wichtiger Schritt f\u00fcr uns \u00d6larbeiterInnen, um unsere Proteste und die Solidarit\u00e4t mit den K\u00e4mpfen der Bev\u00f6lkerung fortzusetzen. Wir bitten alle ArbeiterInnen und Menschen, uns auf jede erdenkliche Weise dabei zu helfen, diese Kampagne voranzutreiben und zu unterst\u00fctzen, um die Einheit und des Kampfes im \u00d6lsektor und auf nationaler Ebene zu st\u00e4rken. (<em>Rat f\u00fcr die Organisierung der Proteste der VertragsarbeiterInnen im Erd\u00f6lsektor, 17. Oktober 2022<\/em>)<\/p>\n<p><strong>Ein Kapitel aus der Geschichte der iranischen ArbeiterInnenbewegung<\/strong><\/p>\n<p>In den Jahren 2004 und 2005 begannen die ZuckerrohrarbeiterInnen von Haft Tappeh angesichts ihrer niedrigen L\u00f6hne und der versp\u00e4teten Lohnauszahlungen ihre Proteste unter der Losung \u201e<em>Wir sind Arbeiter von Haft Tappeh, wir sind hungrig, wir sind hungrig<\/em>\u201c. Inmitten des Aufruhrs und der Proteste kamen die ArbeiterInnen von Haft Tappeh zu dem Schluss, eine unabh\u00e4ngige ArbeiterInnenorganisation zu gr\u00fcnden. Die ArbeiterInnen von Haft Tappeh waren mit dem Organisieren vertraut, denn 1974 hatten sie eine kollektive Organisation, die jedoch w\u00e4hrend des Aufstands von 1979 inaktiv geworden war. W\u00e4hrend der K\u00e4mpfe in den Jahren 2004 und 2005 fasste ein gro\u00dfer Teil der ArbeiterInnen den Plan, sich zu organisieren, und kam in zahlreichen Versammlungen zu dem Schluss, ihre eigene unabh\u00e4ngige ArbeiterInnenorganisation aufzubauen. So gr\u00fcndeten die ArbeiterInnen im November 2007 ohne die Erlaubnis der Regierung, der Bosse und des Arbeitsministeriums gemeinsam ihre eigene ArbeiterInnenorganisation. Durch die Aufstellung von Delegierten und von Wahlurnen in verschiedenen Bereichen der Fabrik, darunter auch den Feldern der ZuckerrohrarbeiterInnen und in den Unterk\u00fcnften, w\u00e4hlten die ArbeiterInnen ihre eigenen VertreterInnen. Die Wahlen fanden in einer Situation statt, in der die ArbeiterInnen und ihre VertreterInnen schwersten Bedrohungen ausgesetzt waren. Drohungen seitens der Bosse, der Sicherheitsorgane, das Risiko von Entlassungen und andere Sorgen. Doch trotz ihrer \u00c4ngste und des von der Polizei beherrschten Klimas gelang es den ArbeiterInnen, im November 2008 eine unabh\u00e4ngige Organisation der ZuckerrohrarbeiterInnen von Haft Tappeh ins Leben zu rufen. Aber innerhalb k\u00fcrzester Zeit haben die Feinde der ArbeiterInnenklasse die gew\u00e4hlten Vertreter verhaftet, eingesperrt und vertrieben und so das Wachstum und die Ausweitung der Aktivit\u00e4ten der Betriebsversammlung und die Abhaltung von Vollversammlungen f\u00fcr Wahlen (durch die Schaffung eines Klimas umfassender Unterdr\u00fcckung) verhindert. Der polizeiliche Druck hat uns seit 2007 daran gehindert, eine Vollversammlung abzuhalten, doch trotzdem war das Syndikat der Zuckerrohrarbeiter von Haft Tappeh immer an der Seite der ArbeiterInnen und konnte der Stimme der ArbeiterInnen von Haft Tappeh so weit wie m\u00f6glich Geh\u00f6r verschaffen. Von November 2008 bis November 2022 haben sich grundlegende Ver\u00e4nderungen im Kampf der ArbeiterInnen vollzogen. Die Ausbreitung der Proteste und das Niveau der t\u00e4glichen K\u00e4mpfe der ArbeiterInnen steigerten sich von Tag zu Tag. Der Forderungskatalog der ArbeiterInnen hat sich aufgrund der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Bedingungen grundlegend ge\u00e4ndert, und das Selbstbewusstsein der ArbeiterInnen ist viel st\u00e4rker als in der Vergangenheit sp\u00fcrbar geworden. Dennoch ist das Fehlen, bzw. die organisatorische Schw\u00e4che unabh\u00e4ngiger ArbeiterInnenorganisationen nach wie vor eine der grundlegenden Schw\u00e4chen der ArbeiterInnenbewegung im Iran. In einer solchen Situation, in der unsere Kinder und die Unterdr\u00fcckten auf der Stra\u00dfe sind, in einer Situation, in der die Schulen, die Universit\u00e4ten und die Stra\u00dfe zu Bastionen des Kampfes geworden sind, in der wir Streiks von LehrerInnen und verschiedenen anderen Teilen der ArbeiterInnenschaft erleben, gibt es wieder Hoffnungen, dass die ArbeiterInnen ihre eigenen unabh\u00e4ngigen Organisationen schaffen k\u00f6nnen, denn ohne ihre eigene Organisation k\u00f6nnen die ArbeiterInnen den Intrigen und Pl\u00e4nen der Klassenfeinde nicht standhalten. Wir wollen nicht st\u00e4ndig wiederholen, dass es notwendig ist, sich zu organisieren, denn die ArbeiterInnen sind sich dessen bewusst. Der entscheidende Punkt ist, dass wir in der Lage sein sollten, aus der aktuellen Situation zu lernen und die entstandenen M\u00f6glichkeiten zu nutzen und Schritte auf dem Weg der Organisierung zu unternehmen. Anl\u00e4sslich des Jahrestages der Gr\u00fcndung als unabh\u00e4ngige Organisation hat das Syndikat der ZuckerroharbeiterInnen von Haft Tappeh folgende Botschaft: Aus eigener Kraft k\u00f6nnen wir uns gegen alle Unterdr\u00fccker und Ausbeuter stellen und ArbeiterInnenorganisationen schaffen, die von der Regierung, den Bossen und den Parteien unabh\u00e4ngig sind. Es ist angebracht, den Mut der unterdr\u00fcckte Frauen und M\u00e4nner zu erw\u00e4hnen, die nie aufgeh\u00f6rt haben, f\u00fcr ihre W\u00fcnsche und Forderungen, f\u00fcr ihre Rechte zu k\u00e4mpfen, und die trotz des Klimas der Unterdr\u00fcckung, der Morde und der Inhaftierungen immer noch mitten im Kampf stehen. Heute sind die Stra\u00dfe, die Schule und die Universit\u00e4t miteinander verbunden. \u00dcber die bisher sporadischen Streiks und die Unterst\u00fctzung der ArbeiterInnen hinaus besteht die Hoffnung, dass die ArbeiterInnen als Klasse durch umfassende und landesweite Streiks ihre historische Rolle bei der F\u00fchrung und Vereinigung der Stra\u00dfenproteste spielen k\u00f6nnen, um die Befreiung von Unterdr\u00fcckung und Ausbeutung einzul\u00e4uten. Gr\u00fc\u00dfe an die bewussten und k\u00e4mpferischen M\u00e4dchen und Jungen, die die Welt mit der Losung \u201e<em>Frau, Leben, Freiheit<\/em>\u201c ersch\u00fctterten. Gr\u00fc\u00dfe an die Arbeiter und Werkt\u00e4tigen, Frauen und M\u00e4nner, die unter der Losung \u201e<em>Brot, Arbeit, Freiheit &#8211; R\u00e4temacht!<\/em>\u201c f\u00fcr die Befreiung k\u00e4mpfen. Auf dass sie f\u00fcr ihre Sache weitergehen und nicht mehr zulassen, dass Opportunisten und Ausbeuter \u00fcber ihr Schicksal bestimmen.&#8220;(<em>Syndikat der ZuckerrohrarbeiterInnen von Haft Tappeh<\/em>)<\/p>\n<p><strong>Zum Weiterlesen:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Iran: \u00dcber den Hijab als Arbeitsdisziplin und die Parole \u201eFrau, Leben, Freiheit\u201c: <a href=\"http:\/\/www.leftcom.org\/de\/articles\/2022-10-15\/iran-%C3%BCber-den-hijab-als-arbeitsdisziplin-und-die-parole-%E2%80%9Efrau-leben-freiheit%E2%80%9C\">leftcom.org<\/a><\/li>\n<li>No War but the Class War: Erkl\u00e4rung der ArbeiterInnen von Haft Tappeh: <a href=\"https:\/\/www.leftcom.org\/de\/articles\/2022-03-09\/no-war-but-the-class-war-erkl%C3%A4rungen-der-arbeiterinnen-von-haft-tappeh-iran\">leftcom.org<\/a><\/li>\n<li>Brief eines streikenden \u00d6larbeiters aus dem Iran: <a href=\"https:\/\/www.leftcom.org\/de\/articles\/2021-12-01\/brief-eines-streikenden-%C3%B6larbeiters-aus-dem-iran\">leftcom.org<\/a><\/li>\n<li>30 Jahre nach der \u201e<em>Islamischen Revolution<\/em>\u201c im Iran \u2013 Bittere Lehren der Geschichte: <a href=\"http:\/\/www.leftcom.org\/de\/articles\/2009-05-01\/30-jahre-nach-der-%E2%80%9Eislamischen-revolution%E2%80%9C-im-iran-bittere-lehren-der-geschichte\">leftcom.org<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.leftcom.org\/de\/articles\/2022-10-30\/arbeiterinnenk%C3%A4mpfe-im-iran\"><em>leftcom.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 5. November 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Anbetracht der Entwicklung der Protestbewegung im Iran ver\u00f6ffentlichen wir hier einige \u00dcbersetzungen der j\u00fcngsten Erkl\u00e4rungen des \u201eRates f\u00fcr die Organisation der Proteste der \u00d6lvertragsarbeiterInnen\u201c und des \u201eSyndikats der ZuckerrohrarbeiterInnen von Haft Tappeh\u201c. 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