{"id":12077,"date":"2022-11-07T11:50:25","date_gmt":"2022-11-07T09:50:25","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12077"},"modified":"2022-11-07T11:50:27","modified_gmt":"2022-11-07T09:50:27","slug":"ein-vernichtendes-portraet-der-leitfigur-des-ukrainischen-faschismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12077","title":{"rendered":"Ein vernichtendes Portr\u00e4t der Leitfigur des ukrainischen Faschismus"},"content":{"rendered":"<p><em>Jason Melanovski. <\/em><strong>Grezgorz Rossoli\u0144ski-Liebe: <em>Stepan Bandera. The life and afterlife of a Ukrainian nationalist; fascism, genocide, and cult<\/em> (Leben und Nachleben eines ukrainischen Nationalisten. Faschismus, Genozid und Kult). Stuttgart: Ibidem Verlag, 2014, 656 Seiten. Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich alle Verweise auf dieses Buch.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Stepan Bandera, zu Lebzeiten au\u00dferhalb der Westukraine kaum bekannt, ist in der kapitalistischen Ukraine von heute eine gefeierte Figur, deren Andenken durch Stra\u00dfen, Statuen und Museen verherrlicht wird. W\u00e4hrend der imperialistische Stellvertreterkrieg gegen Russland in der Ukraine in den achten Monat geht, wird Bandera &#8211; ungeachtet seiner d\u00fcsteren Vergangenheit als Faschist, Antisemit und Nazi-Kollaborateur &#8211; als Nationalheld und \u201eFreiheitsk\u00e4mpfer\u201c ger\u00fchmt.<\/p>\n<p>Im Juli wurde Andrij Melnyk, der ukrainische Botschafter in Deutschland, abberufen, weil er in einem Interview mit einem deutschen Journalisten Bandera als \u201eFreiheitsk\u00e4mpfer\u201c glorifiziert und damit einen \u00f6ffentlichen Aufschrei ausgel\u00f6st hatte.<\/p>\n<p>In den Vereinigten Staaten spielt die <em>New York Times<\/em>, das Sprachrohr der Demokratischen Partei, die Verbrechen Banderas regelm\u00e4\u00dfig herunter. Glaubt man ihr, geht es bei der Kontroverse um sein Erbe lediglich um \u201eabweichende Meinungen\u201c. \u00dcber rechtsextreme Elemente in der Ukraine wie das Asow-Bataillon berichtet sie eher kritiklos.<\/p>\n<p>Die reaktion\u00e4re Imagekampagne zugunsten einer der ber\u00fcchtigtsten Figuren in der Geschichte des europ\u00e4ischen Faschismus wird durch einen erheblichen Mangel an historischem Wissen und Bewusstsein \u00fcber Bandera und die v\u00f6lkerm\u00f6rderische Geschichte des ukrainischen Faschismus beg\u00fcnstigt. Dieser Mangel ist das Ergebnis jahrzehntelanger Bem\u00fchungen der imperialistischen M\u00e4chte, die Verbrechen der ukrainischen Faschisten, mit deren Nachfahren aus dem Zweiten Weltkrieg sie unter einer Decke stecken, zu vertuschen und zu besch\u00f6nigen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich gab es nach seiner Ermordung im Jahr 1959 mehr als f\u00fcnfzig Jahre lang keine ernsthafte, wissenschaftliche Biografie \u00fcber Bandera. Zum Gl\u00fcck \u00e4nderte sich das 2014, als der deutsch-polnische Historiker Grzegorz Rossoli\u0144ski\u2011Liebe (Freie Universit\u00e4t Berlin) sein umfassendes Werk <em>Stepan Bandera: The Life and Afterlife of a Ukrainian Nationalist: Fascism, Genocide and Cult <\/em>ver\u00f6ffentlichte.<\/p>\n<p>Rossoli\u0144ski-Liebes Werk ist eine gr\u00fcndlich recherchierte, seri\u00f6se und umfassende Studie \u00fcber Bandera. Sie widerlegt sowohl die vulg\u00e4ren nationalistischen L\u00fcgen und Propaganda als auch die stalinistischen Geschichtsf\u00e4lschungen, mit denen die wahre Geschichte Banderas und seiner verbrecherischen Bewegung jahrzehntelang wirksam verdunkelt werden konnte. Trotz der Schw\u00e4chen des Buches und Rossoli\u0144ski-Liebes eigener politischer Schlussfolgerungen l\u00e4sst der Autor keinen Zweifel daran, dass Bandera ein verachtenswerter antisemitischer Faschist war. Das derzeitige reaktion\u00e4re Klima und die aggressive Propaganda zugunsten der ukrainischen Rechtsextremen gebieten eine sorgf\u00e4ltige Lekt\u00fcre dieses Buches.<\/p>\n<p><strong>Die politischen und ideologischen Urspr\u00fcnge des Faschismus von Bandera und der OUN<\/strong><\/p>\n<p>Bandera wurde 1909 in dem westukrainischen Dorf Staryi Uhryniw, das damals zu Galizien in der \u00f6sterreichisch-ungarischen Monarchie geh\u00f6rte, in eine Mittelstandsfamilie geboren, deren Denken vom ukrainischen Nationalismus beherrscht war.<\/p>\n<p>Es ist unm\u00f6glich, Banderas politischen Werdegang und die Entstehung der OUN getrennt von der Oktoberrevolution von 1917 zu verstehen, in der die Arbeiterklasse unter der F\u00fchrung der bolschewistischen Partei den ersten Arbeiterstaat der Geschichte gr\u00fcndete.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"737\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-1-1024x737.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12078\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-1-1024x737.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-1-300x216.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-1-768x553.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-1.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption><em>Lenin und Trotzki (Mitte) bei Feierlichkeiten zum zweiten Jahrestag der Oktoberrevolution<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p>In ganz Europa traten nun faschistische Bewegungen und Organisationen auf, die dem Programm und den Prinzipien der Oktoberrevolution und des Marxismus ausdr\u00fccklich feindlich gegen\u00fcberstanden. Die b\u00fcrgerlichen Nationalisten im ehemaligen Russischen Reich und in Mitteleuropa reagierten auf die sozialistische Revolution mit einem scharfen Rechtsruck. Der Sozialismus, der den gemeinsamen Kampf der Arbeiterklasse gegen die kapitalistische Ausbeutung in den Mittelpunkt stellt, stand zum \u201eethnisch reinen\u201c kapitalistischen Staat, wie er den ukrainischen Nationalisten vorschwebte, in unvereinbarem Gegensatz.<\/p>\n<p>Die konterrevolution\u00e4re Gewalt nahm vor allem in der Ukraine einen b\u00f6sartig antisemitischen und nationalistischen Charakter an. W\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs kam es in der Zentral- und Ostukraine zu zahlreichen Pogromen gegen Juden, an denen Wei\u00dfe Truppen und Soldaten der Westukrainischen Nationalistischen Republik unter Symon Petljura beteiligt waren. Den Pogromen fielen etwa 150\u2011200.000\u00a0Juden zum Opfer, gro\u00dfenteils in der Ukraine.\u00a0<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"742\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-2-742x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12079\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-2-742x1024.jpg 742w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-2-218x300.jpg 218w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-2-768x1059.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-2.jpg 928w\" sizes=\"auto, (max-width: 742px) 100vw, 742px\" \/><\/a><figcaption><em>Plakat der konterrevolution\u00e4ren Wei\u00dfen mit antisemitischer Karikatur von Trotzki [Photo: Unknown]<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p>Stepan Banderas Vater Andriy, ein griechisch-katholischer Priester, diente 1918 in der Armee von Petljura. Veteranen dieser Armee gr\u00fcndeten sp\u00e4ter die Ukrainische Milit\u00e4rorganisation&nbsp;(UWO) und 1929 die OUN.<\/p>\n<p>Sowohl die UWO als auch die OUN entstanden unmittelbar nach der Oktoberrevolution. Ihre \u00dcberzeugungen waren explizit rassistisch und standen in direktem Gegensatz zum Marxismus und sozialistischen Internationalismus. Zwar war keine der beiden Organisationen in der Sowjetukraine aktiv, doch \u201ebetrachteten sie die Sowjetunion als den gef\u00e4hrlichsten Feind der Ukraine und die Hauptbesatzungsmacht auf ukrainischem Territorium\u201c\u00a0(S. 68), schreibt Rossoli\u0144ski\u2011Liebe. Der Autor erw\u00e4hnt zwar die gewaltt\u00e4tige nationalistische Reaktion und die Pogrome gegen die russische Revolution, deckt aber nicht die Urspr\u00fcnge der politischen Feindschaft zwischen Sozialismus und Nationalismus auf. Das ist eine der Hauptschw\u00e4chen seiner Analyse Banderas.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"624\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-3-1024x624.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12080\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-3-1024x624.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-3-300x183.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-3-768x468.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-3.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption><em>Die Grenzen der sowjetischen Ukraine in der Zwischenkriegszeit, (c) WSWS Media [Photo: WSWS]<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p>Das Buch zeigt jedoch auf, dass Banderas famili\u00e4re und Klassenherkunft seine Reaktion auf die zentralen Ereignisse des fr\u00fchen zwanzigsten Jahrhunderts pr\u00e4gten: Erster Weltkrieg, der polnisch-ukrainische Krieg, die russische Revolution und mehrere gescheiterte Versuche, einen ukrainischen Staat zu gr\u00fcnden. Seine Wahrnehmung dieser Ereignisse geschah durch die Brille des ukrainischen b\u00fcrgerlichen Nationalismus, durchtr\u00e4nkt vom Christentum und erbitterter Feindseligkeit gegen den Marxismus und Sozialismus.<\/p>\n<p>1954 schrieb Bandera \u00fcber den Ursprung seiner fanatisch-idealistischen nationalistischen Weltanschauung:<\/p>\n<p><em>Zweifellos ist die ukrainische nationalistische, freiheitlich-revolution\u00e4re Bewegung, geleitet und geformt von der OUN, eine christliche Bewegung. Ihre tiefsten Wurzeln sind christlich, sie stehen nicht nur nicht im Widerspruch zum Christentum. Weltanschaulich gesehen, betrachtet der ukrainische Nationalismus Spiritualit\u00e4t und die Weltsicht der ukrainischen Nation als seine Quellen. Diese Spiritualit\u00e4t und Weltanschauung sind sehr christlich, da sie vom tausendj\u00e4hrigen Einfluss der christlichen Religion gepr\u00e4gt wurden. (Zitiert auf S. 105)<\/em><\/p>\n<p>Die OUN als Ganzes gewann ihr F\u00fchrungspersonal vor allem aus diesem gebildeten, b\u00fcrgerlichen, griechisch-katholischen und antisowjetischen Milieu. Vielleicht die prominenteste Figur neben Bandera war Jaroslaw Stetsko, der ab&nbsp;1946 den Antibolschewistischen Block der Nationen leitete und von 1968 bis zu seinem Tod die OUN im Exil f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Bandera wuchs in den 1920er&nbsp;Jahren als Teenager in der Zweiten Polnischen Republik auf und wurde von dem nationalistischen Kult um J\u00f3zef Pi\u0142sudski beeinflusst. Gleichzeitig hasste er die polnischen Beh\u00f6rden, die die ukrainische Minderheit des Landes unterdr\u00fcckten. Angezogen von der ukrainischen Variante radikaler nationalistischer Politik, begann er, die Werke nationalistischer und rassistischer Schriftsteller wie Dmytro Donzow, Ievhen Onats&#8217;kyi, Mykola Michnowskyj und anderer zu lesen. Diese Schriftsteller, die f\u00fcr die Gr\u00fcndung und Ideologie der OUN eine wichtige Rolle spielten, standen f\u00fcr ultranationalistische, faschistische, rassistische und antisemitische Vorstellungen, die in den faschistischen Bewegungen Europas verbreitet waren, passten diese aber an die Besonderheiten des Osteuropas nach dem Ersten Weltkrieg an.<\/p>\n<p>Zu den gro\u00dfen St\u00e4rken des Buches z\u00e4hlt Rossoli\u0144ski\u2011Liebes ausf\u00fchrliche Er\u00f6rterung der ideologischen Fundamente der OUN und Banderas. F\u00fcr alle fr\u00fchen ukrainischen Nationalisten waren die Juden, die angeblich im Dienst der polnischen Gro\u00dfgrundbesitzer und des zaristischen russischen Imperialismus standen, der \u201eewige Feind\u201c.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Bild-13.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"763\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Bild-13-763x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12081\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Bild-13-763x1024.jpg 763w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Bild-13-224x300.jpg 224w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Bild-13-768x1030.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Bild-13.jpg 954w\" sizes=\"auto, (max-width: 763px) 100vw, 763px\" \/><\/a><figcaption><em>Dmytro Donzow<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p>Vor allem Dmytro Donzow und Michnowskyj \u00fcbten auf Bandera und den ukrainischen Nationalismus enormen Einfluss aus. Anders als die in Galizien ans\u00e4ssige OUN, die kaum Kontakt zu Russen hatte, stammten Donzow und Michnowskyj aus der Ostukraine und bl\u00e4uten der OUN und Bandera den Hass auf die Russen ein. Im Jahr 1904 formulierte Michnowskyj als eines der \u201eZehn Gebote\u201c f\u00fcr seine Ukrainische Nationale Partei:<\/p>\n<p>Heirate keine ausl\u00e4ndische Frau, denn deine Kinder werden deine Feinde sein; freunde dich nicht mit den Feinden deiner Nation an, denn du machst sie st\u00e4rker und mutiger; handle nicht mit unseren Unterdr\u00fcckern, sonst wirst du ein Verr\u00e4ter sein.<\/p>\n<p>Gem\u00e4\u00df dem Vertrag von Riga im Jahr&nbsp;1921 zwischen Polen und der Sowjetunion wurde das Gebiet der heutigen Ukraine zwischen den polnisch kontrollierten Regionen der Westukraine und der neu gegr\u00fcndeten Sowjetukraine aufgeteilt. Obwohl die Ukraine seit Jahrhunderten eine multiethnische Region war, in der unz\u00e4hlige V\u00f6lker gelebt hatten, betrachtete die OUN jeden, dessen Abstammung nicht ukrainisch war, als \u201eBesatzer\u201c. So konnte radikale Gewalt zu einem wesentlichen Mittel werden, um die gesamte multiethnische Region zu \u201es\u00e4ubern\u201c und in einer \u201enationalen Revolution\u201c, wie Bandera es nannte, einen \u201ereinen\u201c ukrainischen Staat zu errichten.<\/p>\n<p>Rossoli\u0144ski\u2011Liebe macht deutlich, dass der Antisemitismus der OUN ein integraler und aus freien St\u00fccken gew\u00e4hlter Bestandteil ihrer Ideologie war. Die OUN vermischte den traditionellen Antisemitismus der ukrainischen Bauern, der Juden als vermeintliche Handlanger der polnischen Herrscher und Ausbeuter sah, mit dem modernen politischen Antisemitismus, der explizit antikommunistisch und rassistisch war.<\/p>\n<p>In einem Beitrag f\u00fcr die OUN\u2011Zeitschrift <em>Rozbudova Natsii<\/em> (Wiederaufbau der Nation) aus dem Jahr&nbsp;1929 bezeichnete Juri Mylianytsch die \u00fcber zwei Millionen in der Ukraine lebenden Juden in einer Sprache, die an den militanten rassistischen Antisemitismus der Nazis erinnerte, als \u201eein fremdes, und viele von ihnen sogar feindliches Element des ukrainischen nationalen Organismus\u201c.&nbsp;<\/p>\n<p>Dmytro Donzow, vielleicht der einflussreichste OUN-Ideologe, nannte die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung \u201eS\u00e4ulen des Sowjetsystems\u201c und machte die Idee des \u201ej\u00fcdischen Bolschewismus\u201c, die er offenkundig mit dem deutschen Nationalsozialismus teilte, im ukrainischen Nationalismus popul\u00e4r.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter, 1940, als Banderas OUN\u2011B ihre Brosch\u00fcre \u201eResolutionen der Zweiten Gro\u00dfen Versammlung der OUN\u201c ver\u00f6ffentlichte, schreibt Rossoli\u0144ski\u2011Liebe, \u201ewiederholten sie fast w\u00f6rtlich Donzows \u00c4u\u00dferungen \u00fcber Juden als S\u00e4ulen der Sowjetunion\u201c.&nbsp;(S. 107).<\/p>\n<p>Bandera schloss sich 1929 der OUN an und stieg schnell in ihrer Hierarchie auf. Ab 1930 leitete er die Propagandaabteilung der OUN-Heimatexekutive. Im Juni\u00a01933 wurde Bandera offiziell zum Leiter des Heimatexekutive ernannt. Wie ehemalige OUN\u2011Mitglieder sp\u00e4ter best\u00e4tigten, radikalisierte Bandera die OUN schnell und konzentrierte ihre Aktivit\u00e4ten auf Terrorismus, Morde und \u201eKampfhandlungen\u201c gegen polnische Beh\u00f6rden und Feinde der OUN.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-4.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"696\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-4-696x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12082\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-4-696x1024.jpg 696w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-4-204x300.jpg 204w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-4-768x1130.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-4.jpg 870w\" sizes=\"auto, (max-width: 696px) 100vw, 696px\" \/><\/a><figcaption><em>Stepan Bandera<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p>In der Tat war Bandera zeit seines Lebens von Attentaten und Repressalien besessen. Er beteiligte sich oft pers\u00f6nlich an der Planung und Durchf\u00fchrung von Attentaten und bestimmte Attent\u00e4ter und Opfer. Die OUN hatte es nicht nur auf polnische Beh\u00f6rden abgesehen, sondern ermordete auch sowjetische Beamte und Ukrainer, die in rivalisierenden politischen Organisationen wie der Ukrainischen Nationaldemokratischen Allianz&nbsp;(UNDO) aktiv waren. Auch OUN\u2011Mitglieder selbst wurden get\u00f6tet, wenn sie sich mit Bandera \u00fcberwarfen oder als \u201eVerr\u00e4ter\u201c oder \u201eInformanten\u201c galten.<\/p>\n<p>Im Juni&nbsp;1934 ver\u00fcbte die OUN ihr bekanntestes Attentat, als ihr Mitglied Hryhorii Matseiko den polnischen Innenminister Bronislaw Pieracki in Warschau niederschoss. (Matseiko floh sp\u00e4ter nach Argentinien, wo er bis 1966 lebte.) Zuf\u00e4llig waren nur einen Tag vor Pierackis Ermordung Bandera und weitere 20&nbsp;OUN-Mitglieder verhaftet worden. Bandera blieb bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs in polnischem Gewahrsam.<\/p>\n<p>In den Jahren seiner Gefangenschaft in Polen wurde Bandera in zwei F\u00e4llen der Prozess gemacht. Die Verfahren dokumentieren deutlich den faschistischen Charakter der OUN vor dem Zweiten Weltkrieg. Der erste Prozess, in dem Bandera und zw\u00f6lf weitere OUN-Mitglieder des Mordes an Pieracki angeklagt waren, fand vom 18.&nbsp;November&nbsp;1935 bis zum 13.&nbsp;Januar&nbsp;1936 in Warschau statt. Die OUN und Bandera sahen den Prozess, \u00fcber den in der polnischen und ukrainischen Presse ausf\u00fchrlich berichtet wurde, vor allem als ideale Gelegenheit, ihren \u201eBefreiungskampf\u201c zu propagieren.<\/p>\n<p>Zur Zeit des Prozesses wurde der faschistische Gru\u00df \u201eSlava Ukraini\u201c (Ruhm der Ukraine) zum ersten Mal \u00f6ffentlich gezeigt. Die Parole \u201eSlava Ukraini\u201c wurde urspr\u00fcnglich 1920 vom Bund der ukrainischen Faschisten gepr\u00e4gt, der sich sp\u00e4ter mit der OUN zusammenschloss. Der Slogan, kombiniert mit einem den Nazis entlehnten Heben der rechten Hand, wurde w\u00e4hrend der Prozesse zum festen Gru\u00df der OUN.<\/p>\n<p>Bandera wurde schlie\u00dflich zum Tode verurteilt, doch nach Abschaffung der Todesstrafe am 2.&nbsp;Januar&nbsp;1936 wurde das Urteil in lebenslange Haft umgewandelt. Vor Gericht rief Banderas aus: \u201eEisen und Blut werden zwischen uns entscheiden!\u201c<\/p>\n<p>Der zweite Prozess fand in Lwiw statt (damals Teil der Zweiten Polnischen Republik) und begann am 25.&nbsp;Mai&nbsp;1936. Bandera und 23&nbsp;weitere OUN-Mitglieder waren angeklagt, Mitglieder der OUN zu sein und an einer Reihe von politischen Morden beteiligt gewesen zu sein, darunter an Ivan Babii, dem OUN-Mitglied Bachyns&#8217;kyi, dem sowjetischen Konsul in Lwiw und mehreren anderen polnischen Beamten.<\/p>\n<p>Bei seiner Aussage am 5.&nbsp;Juni&nbsp;1936 gestand Bandera die politischen Morde und erkl\u00e4rte: \u201eDer Kommunismus ist eine Bewegung, die im \u00e4u\u00dfersten Widerspruch zum Nationalismus steht.\u201c Seine vielleicht bemerkenswerteste Aussage machte er am 26.&nbsp;Juni&nbsp;1936, ebenfalls vor Gericht, \u00fcber die OUN, ihr Programm und ihre Beweggr\u00fcnde: \u201eUnsere Idee ist nach unserem Verst\u00e4ndnis so gewaltig, dass zu ihrer Verwirklichung nicht Hunderte, sondern Tausende von Menschenleben geopfert werden m\u00fcssen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Die OUN-B im Zweiten Weltkrieg<\/strong><\/p>\n<p>Der Zweite Weltkrieg, den Nazi-Deutschland mit dem \u00dcberfall auf Polen am 1.&nbsp; September&nbsp;1939 begann, f\u00fchrte zur Freilassung Banderas und verschaffte den faschistischen Kr\u00e4ften der OUN freie Bahn. Zu Beginn des \u00dcberfalls der Nazis auf die Sowjetunion am 22.&nbsp;Juni&nbsp;1941 hatte Banderas Fl\u00fcgel der OUN (OUN-B) sich bereits von der \u00e4lteren Generation der OUN-Mitglieder abgespalten, die mit Andrij Melnyk verb\u00fcndet war und als OUN-M bekannt ist. Die Spaltung drehte sich haupts\u00e4chlich um taktische Fragen.<\/p>\n<p>Die Ausrufung des Unabh\u00e4ngigen Staates Kroatien durch die kroatische faschistische Ustascha am 10.\u00a0April 1941 unter dem Schutz Nazi-Deutschlands lie\u00df die OUN glauben, dass es auch ihr gelingen k\u00f6nnte, ihren eigenen faschistischen, ethnisch basierten Staat zu errichten.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-5.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-5.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12083\" width=\"748\" height=\"505\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-5.jpg 561w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-5-300x203.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 748px) 100vw, 748px\" \/><\/a><figcaption><em>Osteuropa unter nationalsozialistischer Besatzung w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs, (c) WSWS Media [Photo: WSWS]<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p>Im Mai&nbsp;1941 erstellte die OUN-B ein Dokument mit dem Titel \u201cThe Struggle and Activities of the OUN in Wartime<strong>\u201c. <\/strong>Bandera und andere f\u00fchrende OUN-Mitglieder legten darin unmissverst\u00e4ndlich ihre Pl\u00e4ne f\u00fcr die Kollaboration mit den Nazis dar und benannten die ethnischen \u201eFeinde\u201c, die in der kommenden \u201eukrainischen nationalen Revolution\u201c vernichtet werden sollten. Die Nazis sollten wie eine \u201everb\u00fcndete Armee\u201c behandelt werden. Juden, die Hauptst\u00fctze des bolschewistischen Regimes und die \u201eAvantgarde des russischen Imperialismus in der Ukraine\u201c, sollten aus den \u201eukrainischen Gebieten\u201c entfernt werden.<\/p>\n<p>1940 und 1941, als die OUN \u00dcberlegungen \u00fcber den genauen Zeitpunkt ihrer \u201enationalen Revolution\u201c anstellte, ver\u00fcbte sie, bereits vor der Operation Barbarossa, eine Reihe von Mordtaten an Polen, Juden und ukrainischen politischen Gegnern. Laut Rossoli\u0144ski-Liebe t\u00f6tete die OUN in diesem Zeitraum etwa 2.000&nbsp;Polen in Ostgalizien und etwa 1.000 in Wolhynien, sowie eine unbekannte Zahl von Juden und ukrainischen Gegnern. Bandera besuchte Ostgalizien in dieser Zeit und muss von dem Morden gewusst haben, hat sie aber in seinen sp\u00e4teren Schriften nie erw\u00e4hnt.<\/p>\n<p>Rossoli\u0144ski\u2011Liebe hat umfangreiche Nachforschungen \u00fcber die Zusammenarbeit der OUN mit den Nazis angestellt. Ihre Zusammenarbeit mit dem NS-Generalgouvernement im besetzten Polen und dem milit\u00e4rischen Nachrichtendienst (Abwehr) war besonders umfangreich, auch schon vor dem \u00dcberfall der Nazis auf die Sowjetunion. Sie bildete die Grundlage f\u00fcr die Aufstellung der Bataillone Nachtigall (auch bekannt als Stepan-Bandera-Bataillon) und Roland, die aus ukrainischen Soldaten bestanden und von deutschen Offizieren gef\u00fchrt wurden.<\/p>\n<p>Nach Beginn der Nazi-Invasion am 22.&nbsp;Juni&nbsp;1941 wurden diese Bataillone zusammen mit etwa 20.000&nbsp;Mitgliedern der OUN\u2011B hinter den feindlichen Linien eingesetzt, um die sowjetischen Streitkr\u00e4fte anzugreifen. Au\u00dferdem richtete die OUN\u2011B einen Spionagedienst in der Westukraine ein und setzte ihre Mitglieder als Spione und \u00dcbersetzer f\u00fcr die Abwehr ein. Die OUN\u2011B\u2011Aktivisten planten auch die kommende \u201eukrainische Nationalrevolution\u201c und wurden angewiesen, \u201eunerw\u00fcnschte polnische, moskowitische (russische oder sowjetische) und j\u00fcdische Aktivisten\u201c zu t\u00f6ten, anhand von Listen, die vor dem Einmarsch erstellt worden waren.<\/p>\n<p>F\u00fcr Bandera und die OUN\u2011B war der Einmarsch der Nazis der Beginn ihrer neuen, ukrainischen Nation nach ihren Idealvorstellungen. Sie hatten es eilig, ihren eigenen ukrainischen Staat auszurufen, obwohl Hitler selbst einen nominell unabh\u00e4ngigen ukrainischen Staat strikt ablehnte. Als sie am 30. Juni 1941 zusammen mit deutschen Einheiten und dem Bataillon Nachtigall in Lwiw einmarschierten, riefen die Mitglieder der OUN\u2011B um 20&nbsp;Uhr ihren neuen Staat aus. Bandera selbst war von den Deutschen festgenommen und daran gehindert worden, \u201eneu besetzte Gebiete\u201c zu betreten.<\/p>\n<p>Die von Jaroslaw Stetsko verlesene Erkl\u00e4rung k\u00fcndigte die Gr\u00fcndung eines ukrainischen Staates \u201eunter der F\u00fchrung von Stepan Bandera\u201c an und verpflichtete die Ukraine zur Zusammenarbeit mit dem \u201enationalsozialistischen Gro\u00dfdeutschland, das unter der F\u00fchrung von Adolf Hitler eine neue Ordnung in Europa und der Welt schafft und der ukrainischen Nation hilft, sich von der moskowitischen Besatzung zu befreien\u201c.<\/p>\n<p>An der Veranstaltung nahmen zwei deutsche Offiziere, Hans Koch und Wilhelm Ernst zu Eikern, teil. Sie verdarben die feierliche Stimmung, indem sie den Ukrainern klarmachten, dass jetzt nicht die Zeit f\u00fcr einen eigenen Staat sei, und dass Hitler allein \u00fcber das Schicksal des ukrainischen Staates entscheiden werde.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-6.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"525\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-6-1024x525.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12084\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-6-1024x525.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-6-300x154.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-6-768x394.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-6.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption><em>Banderas OUN und Nazi-Beamte bei der gemeinsamen Feier zur ukrainischen Staatsgr\u00fcndung in der Westukraine, 7.\u00a0Juli\u00a01941<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p><em>Westukraine, 7.&nbsp;Juli&nbsp;1941<\/em><\/p>\n<p>Ungeachtet der Differenzen mit den Nazis \u00fcber einen ukrainischen Staat, massakrierten deutsche und ukrainische Truppen am 1.&nbsp;Juli&nbsp;1941 gemeinsam die Juden in Lwiw und stachelten die ans\u00e4ssige Bev\u00f6lkerung dazu an, sich daran zu beteiligen. Die Lekt\u00fcre dieses Teils des Buches ist schwer zu ertragen, da Rossoli\u0144ski-Liebe die Verbrechen der OUN\u2011B und ihrer Miliz an der \u00f6rtlichen j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung ausf\u00fchrlich dokumentiert.<\/p>\n<p>Die Entdeckung von 2.800&nbsp;bis&nbsp;4.000&nbsp;Leichen in den Gef\u00e4ngnissen von Lwiw, die von stalinistischen NKWD\u2011Offizieren vor deren Flucht ermordet worden waren, wurde benutzt, um antisemitische Gewalt zu sch\u00fcren. Dazu bediente man sich des Stereotyps des \u201ej\u00fcdischen Bolschewismus\u201c, das in der Ideologie der OUN wie auch der der Nazis einen zentralen Stellenwert einnahm.<\/p>\n<p>Den ganzen Tag \u00fcber wurden Juden, oft ganze Familien, systematisch aus ihren H\u00e4usern gezerrt und \u00f6ffentlich verpr\u00fcgelt. Sie wurden zu den Gef\u00e4ngnissen der Stadt gebracht, wo sie gezwungen wurden, die Leichen derer zu tragen, die der NKWD get\u00f6tet hatte. Aus Schl\u00e4gen wurden schnell T\u00f6tungen, als Deutsche und Ukrainer die Juden mit \u201eGewehrkolben, Metallstangen, Kn\u00fcppeln, Spaten und anderen Gegenst\u00e4nden\u201c angriffen. Rossoli\u0144ski-Liebe berichtet, dass von den rund 2.000&nbsp;Juden, die in das Brygidki-Gef\u00e4ngnis in Lwiw verschleppt wurden, nur etwa 80 \u00fcberlebten. In den Au\u00dfenbezirken der Stadt f\u00fchrten die Einsatzkommandos der SS in den folgenden Tagen Massenerschie\u00dfungen an Juden durch.<\/p>\n<p>Auch auf den Stra\u00dfen von Lwiw wurden Juden geschlagen, mussten sich entkleiden und wurden gezwungen, \u201ebolschewistische\u201c Rituale durchzuf\u00fchren, russische Lieder zu singen und Stalin zu preisen. Der \u00dcberlebende Jacob Gerstenfeld berichtete sp\u00e4ter \u00fcber die allgegenw\u00e4rtige und \u00f6ffentlich ausge\u00fcbte Gewalt:<\/p>\n<p><em>Alte Menschen, Kinder und Frauen wurden [in einem Bombenkrater] unter einem Hagel von Schl\u00e4gen gezwungen, die Pflastersteine mit blo\u00dfen H\u00e4nden herauszurei\u00dfen und dann die ersten von einer Stelle zu einer anderen zu bringen. Eine Frau wurde an einen Mann gebunden, der in der N\u00e4he arbeitete, und sie wurden durch Schl\u00e4ge gezwungen, in entgegengesetzte Richtungen zu laufen. Ein Jugendlicher fiel unter den Schl\u00e4gen in Ohnmacht, und andere wurden gerufen, um den scheinbar Toten lebendig zu begraben. An dieser einen Stelle habe ich vier oder f\u00fcnf ermordete Menschen gesehen. Etwa 60 waren betroffen. W\u00e4hrend der Gewalt auf der Stra\u00dfe ging das Leben in seiner \u00fcblichen Routine weiter. Die Passanten hielten f\u00fcr ein oder zwei Momente inne, manche lachten \u00fcber das \u201el\u00e4cherliche&#8216; Aussehen der Opfer und gingen dann ruhig weiter. (Zitiert auf S. 209)<\/em><\/p>\n<p>Rossoli\u0144ski-Liebe zitiert Sch\u00e4tzungen, wonach beim Lwiwer Pogrom 7.000\u00a0bis\u00a08.000\u00a0Juden get\u00f6tet wurden. Zwar ver\u00fcbten sowohl Ukrainer als auch Polen Gr\u00e4ueltaten, doch sahen die j\u00fcdischen \u00dcberlebenden die Ukrainer &#8211; damals eine Minderheit in Lwiw \u2013 als die gr\u00f6\u00dfte Gefahr, da sie eng mit den regierenden Nazis verb\u00fcndet waren und durch die allgegenw\u00e4rtige-Propaganda Banderas und der OUN in der Stadt, einschlie\u00dflich der blau-goldenen Hakenkreuzfahnen, ermutigt wurden.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-7.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"747\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-7-747x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12085\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-7-747x1024.jpg 747w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-7-219x300.jpg 219w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-7-768x1053.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-7.jpg 934w\" sizes=\"auto, (max-width: 747px) 100vw, 747px\" \/><\/a><figcaption><em>Eine j\u00fcdische Frau w\u00e4hrend des Pogroms vom 1. Juli 1941 in Lemberg. Das Pogrom ging zwar von den Nazi-Besatzern aus, wurde aber haupts\u00e4chlich von ukrainischen Nationalisten durchgef\u00fchrt, insbesondere von der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN). (Foto: Wikimedia Commons) [Photo: Yad Vashem Photo Collection, 80DO2]<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p><em>Collection, 80DO2]<\/em><\/p>\n<p>Vom 25.&nbsp;bis&nbsp;28.&nbsp;Juli fand ein weiteres Pogrom in Lwiw statt. Es wurde \u201ePetljura-Tage\u201c genannt und sollte die Ermordung des ukrainischen Nationalhelden und Pr\u00e4sidenten der kurzlebigen Ukrainischen Volksrepublik Symon Petljura r\u00e4chen. Petljura war 1926 in Paris von Sholem Schartzband, einem Verwandten von Opfern der antij\u00fcdischen Pogrome von Petljuras Armee, get\u00f6tet worden. Sch\u00e4tzungen zufolge wurden w\u00e4hrend der \u201ePetljura-Tage\u201c weitere 1.500&nbsp;Juden get\u00f6tet, die genaue Zahl ist nicht bekannt. In den Monaten nach dem Einmarsch der Nazis wurden in der gesamten Westukraine mehrere Tausend weitere Juden bei Pogromen get\u00f6tet, Sch\u00e4tzungen reichen bis zu 39.000&nbsp;Opfern.<\/p>\n<p>Der Einmarsch der Nazis und die anschlie\u00dfende Besetzung der Sowjetukraine, die Bandera unterst\u00fctzte und beg\u00fcnstigte, sollte sich als eine Katastrophe historischen Ausma\u00dfes erweisen, bei der sch\u00e4tzungsweise 6.850.000\u00a0Menschen oder 16,3\u00a0Prozent der gesamten Bev\u00f6lkerung get\u00f6tet wurden. Die deutschen Truppen und ihre Kollaborateure ermordeten mehr als 1,6\u00a0Millionen ukrainische Juden.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-8.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-8.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12086\" width=\"707\" height=\"341\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-8.jpg 562w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-8-300x145.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 707px) 100vw, 707px\" \/><\/a><figcaption><em>Karte des Holocausts in der von den Nazis besetzten Ukraine [Foto von Dennis Nilsson (via Wikimedia Commons) \/ CC BY 3.0] [Photo by Dennis Nilsson (via Wikimedia Commons) \/ <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by\/3.0\/\">CC BY 3.0<\/a>]<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p>Banderas OUN\u2011Truppen, die bei den Nazis wegen ihrer Forderung nach einem eigenen Staat in Ungnade gefallen waren, gr\u00fcndeten schlie\u00dflich im November&nbsp;1942 die \u201eUkrainische Aufst\u00e4ndische Armee\u201c&nbsp;(UPA). Diesen Namen hatten sie von einer anderen Armee gestohlen, die von Taras Bulba-Borowez angef\u00fchrt wurde und sich der Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung der OUN\u2011B widersetzte. Bei der gewaltsamen \u00dcbernahme der alten UPA und der Bildung einer neuen, von der OUN gef\u00fchrten UPA t\u00f6teten Mitglieder der OUN\u2011B mehrere der Offiziere von Bulba-Borowez.<\/p>\n<p>Bis 1943 bestand die UPA haupts\u00e4chlich aus OUN\u2011Mitgliedern, ukrainischen Polizisten, Veteranen des aufgel\u00f6sten nationalsozialistischen Schutzmannschaft&nbsp;Bataillon&nbsp;201 oder Deserteuren der ber\u00fcchtigten Waffen\u2011SS\u2011Division Galizien. Die UPA z\u00e4hlte zwischen 25.000 und 30.000&nbsp;Partisanen und konnte bis 1944 bis zu 100.000 mobilisieren.<\/p>\n<p>Die durch und durch rassistische, nationalistische Armee wurde gegr\u00fcndet, weil die ukrainischen Faschisten erkannten, dass ihre deutschen Herren den Krieg verlieren w\u00fcrden, und die Schaffung einer kapitalistischen, b\u00fcrgerlichen Ukraine durch das Herannahen der sowjetischen Streitkr\u00e4fte in gro\u00dfer Gefahr war. Die OUN&nbsp;B begann daher, sich neu auszurichten, auf ein B\u00fcndnis mit dem britischen und amerikanischen Imperialismus.<\/p>\n<p>Unter F\u00fchrung des OUN\u2011B\u2011Mitglieds Roman Schuchewytsch verwendete die UPA weiterhin den OUN\u2011B\u2011Gru\u00df \u201eSlava Ukraini!\u201c, verzichtete aber auf den mit den Nazis assoziierten Handgru\u00df. Im Wissen um die bevorstehende Niederlage der Nazis, und um die Gunst der Alliierten zu gewinnen, begannen OUN\u2011B und UPA, den Mythos zu verbreiten, dass sie sowohl gegen die Sowjets als auch gegen die Nazis f\u00fcr eine unabh\u00e4ngige Ukraine gek\u00e4mpft h\u00e4tten. Die F\u00fchrer der OUN\u2011B initiierten auch eine Diskussion \u00fcber \u201eDemokratisierung\u201c, um die Unterst\u00fctzung Londons und Washingtons zu gewinnen.<\/p>\n<p>Auf ihrer dritten Konferenz im Februar&nbsp;1943 gab die OUN\u2011B dieser Hinwendung zur \u201eDemokratie\u201c auch formal Gestalt. Sie schaffte nicht nur den Nazi\u2011Handgru\u00df ab, sondern verzichtete auch verbal auf das F\u00fchrerprinzip. Aber dennoch sollte Bandera nach seiner Freilassung wieder ihr F\u00fchrer werden. Zumindest in Worten verk\u00fcndete die OUN\u2011B die \u201eGleichheit aller B\u00fcrger der Ukraine\u201c, aber nur f\u00fcr diejenigen, \u201edie sich eines gemeinsamen Schicksals mit der ukrainischen Nation bewusst sind\u201c. Sie schickte sogar Vertreter nach Schweden, Italien und in die Schweiz, um Kontakte zu den Alliierten zu kn\u00fcpfen, und versuchte, mit der Polnischen Heimatarmee zu verhandeln, die bis zu diesem Zeitpunkt einer der Hauptfeinde der OUN\u2011B war.<\/p>\n<p>Der Mythos von der UPA als \u201edemokratische Freiheitsk\u00e4mpfer\u201c hat seinen Ursprung in dieser vorget\u00e4uschten Hinwendung der OUN\u2011B zur \u201eDemokratie\u201c im Jahr&nbsp;1943. Bis heute wird er von ukrainischen Nationalisten und ihren Apologeten verbreitet, obwohl die UPA weiterhin mit den Nazis kollaborierte und von 1943 bis 1945 schreckliche, v\u00f6lkerm\u00f6rderische Massaker an der einheimischen polnischen Bev\u00f6lkerung in Wolhynien und Ostgalizien ver\u00fcbte.<\/p>\n<p>Die Region, in der die UPA\u2011OUN ihre v\u00f6lkerm\u00f6rderischen Massaker ver\u00fcbte, war weitgehend zweisprachig. Die ethnischen Polen sprachen Ukrainisch wie ihre Muttersprache, so dass sie nicht allein anhand ihrer Sprache identifiziert werden konnten. Nach Jahrhunderten des Zusammenlebens waren Mischehen \u00fcblich.<\/p>\n<p>Wie Rossoli\u0144ski\u2011Liebe schreibt, wurde die an Polen ver\u00fcbten ethnischen S\u00e4uberung in internen Dokumenten der UPA und der OUN\u2011B, in denen solche Massaker als \u201eS\u00e4uberung\u201c (chystka) bezeichnet wurden, deutlich beschrieben. In den D\u00f6rfern, in denen es viele Mischehen mit Ukrainern gab, waren die Polen besonders gef\u00e4hrdet, da sie zuvor nicht vermuten konnten, dass ihre ukrainischen Nachbarn sie t\u00f6ten wollten.<\/p>\n<p>Im Januar und Februar&nbsp;1943 hatten Mitglieder der OUN\u2011B bereits Hunderte von Polen get\u00f6tet, die der Aufforderung der OUN\u2011B, die \u201eukrainischen Gebiete\u201c zu verlassen, nicht gefolgt waren. Doch der H\u00f6hepunkt der v\u00f6lkerm\u00f6rderischen Massaker setzte im Fr\u00fchjahr ein und dauerte bis Ende&nbsp;1943.<\/p>\n<p>Rossoli\u0144ski\u2011Liebes Beschreibung der entsetzlichen Grausamkeit der UPA macht die Lekt\u00fcre schwer ertr\u00e4glich; sie ist aber unverzichtbar f\u00fcr jeden, der sich f\u00fcr die wahre Geschichte des ukrainischen Nationalismus interessiert. UPA\u2011Partisanen und OUN\u2011B\u2011Mitglieder t\u00f6teten zusammen mit sympathisierenden einheimischen Ukrainern Polen \u201emit Werkzeugen wie \u00c4xten und Heugabeln\u201c, die manchmal zuvor von orthodoxen und ukrainisch-katholischen Priestern gesegnet wurden. UPA- und OUN\u2011B\u2011Kr\u00e4fte griffen h\u00e4ufig D\u00f6rfer an und kehrten dann zwei oder drei Tage sp\u00e4ter zur\u00fcck, \u201eum \u00dcberlebende zu holen und sie abzuschlachten\u201c, auch Frauen und Kinder. Mit Polen verheiratete Ukrainer wurden gezwungen, ihre Ehepartner und Kinder zu t\u00f6ten, da die OUN Mischehen als \u201eVerbrechen\u201c betrachtete.<\/p>\n<p>Die UPA\u2011Einheiten, die sich oft aus ehemaligen Soldaten von Nazi\u2011Bataillonen zusammensetzten, kopierten die Taktiken, die die Nazis bei der Ermordung der Juden in der Ukraine angewandt hatten. So luden sie Polen zu einem Dorftreffen in eine Scheune ein, die sie dann niederbrannten. Auf diese Weise wurde praktisch die gesamte polnische Bev\u00f6lkerung zahlreicher D\u00f6rfer ausgel\u00f6scht, viele polnische D\u00f6rfer verschwanden ganz von der Landkarte. R\u00f6misch\u2011katholische Sonntagsgottesdienste wurden ebenfalls regelm\u00e4\u00dfig von UPA\u2011Partisanen angegriffen, die \u201eentweder Granaten in die Kirche warfen, sie niederbrannten oder eindrangen und alle darin befindlichen Personen ermordeten\u201c (S.&nbsp;269).<\/p>\n<p>Das Tempo, mit dem die UPA\u2011Kr\u00e4fte Polen ermordeten, war eine logische Folge der jahrelangen irrwitzigen nationalistischen Propaganda Banderas und der Gefolgsleute der OUN. Allein im Juli\u00a01943 griffen die UPA\u2011Kr\u00e4fte \u201e520\u00a0Ortschaften an und t\u00f6teten zwischen 10.000 und 11.000\u00a0Polen\u201c (ebd.).<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-9.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"745\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-9-1024x745.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12087\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-9-1024x745.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-9-300x218.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-9-768x559.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-9.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption><em>Polnische zivile Opfer des UPA-Massakers in Lipniki am 26. M\u00e4rz 1943 (via Wikimedia commons)<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p>Im Einklang mit ihrer antisemitischen Ideologie nahmen die UPA- und OUN\u2011B\u2011Kr\u00e4fte auch Juden ins Visier, die bis dahin den Holocaust hatten \u00fcberleben k\u00f6nnen, indem sie aus den Ghettos oder den Transporten zu den Vernichtungslagern der Nazis geflohen waren. Wenn sie sich in Lagern und W\u00e4ldern versteckten und von der OUN oder UPA gefunden wurden, \u201ekonnte es sein, dass zwanzig bis hundert oder noch mehr Juden auf einmal ermordet wurden\u201c (S. 273). Im M\u00e4rz&nbsp;1944 zwangen UPA\u2011Kr\u00e4fte einen Polen, der f\u00fcnfundsechzig Juden half, ihr Versteck preiszugeben, und t\u00f6teten dann einundf\u00fcnfzig von ihnen.<\/p>\n<p>J\u00fcdische \u00c4rzte, Zahn\u00e4rzte und medizinisches Personal wurden h\u00e4ufig gezwungen, f\u00fcr die UPA zu arbeiten. Wie mehrere j\u00fcdische \u00dcberlebende best\u00e4tigten, t\u00f6tete die UPA ihre j\u00fcdischen \u00c4rzte, sobald sich die Rote Armee n\u00e4herte. Nach dem Zweiten Weltkrieg verbreitete die OUN\u2011Propaganda die emp\u00f6rende Erfindung, dass j\u00fcdische \u00c4rzte freiwillig in der UPA dienten, als \u201eBeweis\u201c daf\u00fcr, dass die UPA und damit auch die OUN und Bandera nicht antisemitisch gewesen seien. Solche abscheulichen L\u00fcgen verbreitet die ukrainische nationalistische Propaganda auch heute noch.<\/p>\n<p>Insgesamt sch\u00e4tzt man, dass bei den v\u00f6lkerm\u00f6rderischen Massakern der OUN\u2011UPA in Wolhynien und Ostgalizien zwischen 70.000 und 100.000&nbsp;Polen ums Leben kamen. Zwischen 10.000 und 20.000&nbsp;Ukrainer wurden bei Vergeltungsangriffen get\u00f6tet, obwohl diese gr\u00f6\u00dftenteils in Gebieten im heutigen Ostpolen stattfanden, wo die Ukrainer selbst eine Minderheit bildeten. Weitere 1.000 bis 2.000&nbsp;Juden wurden bei den Massakern in Wolhynien und Ostgalizien get\u00f6tet, wobei Rossoli\u0144ski\u2011Liebe anmerkt, dass diese Zahl nicht als gesichert gelten kann.<\/p>\n<p>Bandera selbst blieb bis 1944 in deutscher Gefangenschaft, wo er als privilegierter H\u00e4ftling im Konzentrationslager Sachsenhausen lebte. Im Gegensatz zu anderen Lagerinsassen, die in \u00fcberf\u00fcllten und unhygienischen Baracken untergebracht waren, grausam gefoltert wurden und Zwangsarbeit leisten mussten, hatte Bandera ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer und eine K\u00fcche und kommunizierte \u00fcber seine Frau regelm\u00e4\u00dfig mit der OUN. Rossoli\u0144ski\u2011Liebe hat nach eigenen Angaben \u201ekeine Dokumente gefunden, die best\u00e4tigen, dass Bandera die ethnischen S\u00e4uberungen oder die Ermordung der Juden und anderer Minderheiten guthie\u00df oder missbilligte\u201c (S. 280).<\/p>\n<p>Man kann sich nur wundern, warum Rossoli\u0144ski\u2011Liebe Bandera nicht eindeutig verurteilt, obwohl Bandera in dieser Zeit \u00fcber seine Frau in Kontakt mit OUN\u2011B- und UPA\u2011F\u00fchrern stand. Die Dokumente, die Rossoli\u0144ski\u2011Liebe \u00fcber Banderas Ansichten und seine Rolle beim Aufbau der OUN\u2011B pr\u00e4sentiert, beweisen zur Gen\u00fcge, dass Bandera die volle politische Verantwortung f\u00fcr die Massaker tr\u00e4gt, selbst wenn er nicht jedes einzelne pers\u00f6nlich organisiert hat.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich zeigt ihre gesamte Geschichte, dass OUN\u2011B und UPA von Bandera bewusst als faschistische, terroristische Organisationen konzipiert wurden, um das erkl\u00e4rte Ideal einer \u201eukrainischen Nationalrevolution\u201c zu verwirklichen, das zwangsl\u00e4ufig die Ausrottung ethnischer Minderheiten in den von Bandera als \u201eukrainisches Land\u201c bezeichneten Gebieten beinhaltete. Rossoli\u0144ski\u2011Liebes Schlussfolgerungen \u00fcber die Rolle Banderas sind wohl eindeutig negativ, h\u00e4tten aber viel klarer und unmissverst\u00e4ndlicher ausfallen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Da die UPA mit einem dritten Weltkrieg und dem Eingreifen der Alliierten rechnete, setzte sie ihre Operationen gegen die Sowjets fort, als diese 1944 in die Westukraine einmarschierten. Die stalinistische B\u00fcrokratie ging \u00e4u\u00dferst gewaltsam und wahllos gegen die UPA vor. Weil sie unf\u00e4hig war, an die breite Masse der sowjetischen Bev\u00f6lkerung zu appellieren und deren Mobilisierung mehr als alles andere f\u00fcrchtete, griff die B\u00fcrokratie zu b\u00fcrokratischen Ma\u00dfnahmen wie Deportation und Inhaftierung, und t\u00f6tete gro\u00dfe Teile der ukrainischen Bev\u00f6lkerung, um die OUN und die UPA zu zerschlagen. Sch\u00e4tzungen zufolge t\u00f6teten die sowjetischen Beh\u00f6rden 153.000&nbsp;Menschen, verhafteten 134.000 und deportierten 203.000&nbsp;Ukrainer in andere Teile der Sowjetunion. Viele der Opfer waren nat\u00fcrlich keine \u201eBanderisten\u201c. Die wahllosen stalinistischen Repressionen f\u00fchrten schlie\u00dflich in der Westukraine zu weit verbreiteten Ressentiments gegen\u00fcber der Sowjetunion und trugen dazu bei, in den Jahren ab 1985, als die Stalinisten die Restauration des Kapitalismus vorantrieben, den Boden f\u00fcr das Wiederaufleben des rechtsextremen ukrainischen Nationalismus zu bereiten.<\/p>\n<p>Die UPA ihrerseits versuchte, direkte K\u00e4mpfe mit den sowjetischen Streitkr\u00e4ften zu vermeiden, da sie ihnen weit unterlegen war. Stattdessen bediente sie sich weiterhin der sadistischen Taktiken, die sie von 1943&nbsp;bis&nbsp;1945 gegen die Polen angewandt hatte. Allerdings richteten sich ihre Terrormethoden nun gegen Westukrainer, die verd\u00e4chtigt wurden, Kommunisten oder Sowjet\u2011Sympathisanten zu sein. Die UPA brannte h\u00e4ufig ihre H\u00e4user nieder und t\u00f6tete ganze Familien. Bei einer besonders barbarischen Aktion im August&nbsp;1944 stachen OUN\u2011UPA\u2011Mitglieder \u201ezwei kompletten Familien die Augen aus\u201c, und zwar vor den Augen eines ganzen Dorfes, das im Verdacht stand, Anh\u00e4ngern der Sowjetunion Zuflucht zu geben (S. 303). Sogar Bauern, die nichts weiter getan hatten, als einer Kolchose beizutreten, wurden als \u201ekommunistische Verr\u00e4ter\u201c betrachtet. Mit dieser Taktik schadete die OUN\u2011UPA sich letztlich selbst, da sie die Unterst\u00fctzung der ukrainischen Landbev\u00f6lkerung verlor, nicht zuletzt wegen dieser sadistischen Morde.<\/p>\n<p>Die sowjetischen Streitkr\u00e4fte brauchten f\u00fcnf Jahre, um die UPA\u2011OUN als funktionsf\u00e4hige Organisation in der Westukraine zu zerschlagen. Zwar betrachten rechtsgerichtete Nationalisten heute die OUN\u2011UPA, aufgrund ihres Widerstands gegen die sowjetischen Streitkr\u00e4fte<strong>, <\/strong>als Nationalhelden, doch t\u00f6tete sie eine viel gr\u00f6\u00dfere Zahl ihrer ukrainischen Mitb\u00fcrger als die sowjetischen Soldaten. Wie Rossoli\u0144ski\u2011Liebe feststellt, t\u00f6tete die OUN\u2011UPA \u00fcber 20.000&nbsp;ukrainische Zivilisten und fast 10.000&nbsp;sowjetische Soldaten.<\/p>\n<p>Auch w\u00e4hrend dieser Zeit war Bandera nicht auf ukrainischem Gebiet. Im April&nbsp;1945 war er von Wien nach Innsbruck geflohen, um die N\u00e4he sowjetischer Streitkr\u00e4fte zu meiden. Unter dem Namen Stepan Popel zog er sp\u00e4ter nach M\u00fcnchen in der amerikanischen Besatzungszone. Die Stadt wurde sp\u00e4ter zum Zentrum der OUN-Operationen au\u00dferhalb der Ukraine. In seinen letzten 15&nbsp;Lebensjahren erhielt Bandera auf verschiedenen Ebenen Unterst\u00fctzung von der CIA, dem britischen Auslandsgeheimdienst MI6, von Francos Spanien und ehemaligen Nazis in Westdeutschland.<\/p>\n<p><strong>Die Erschaffung des Bandera-Mythos nach dem Zweiten Weltkrieg<\/strong><\/p>\n<p>In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg leugneten Bandera und die OUN gezielt ihre Verbrechen und stellten sich als \u201eidealistische und heldenhafte antideutsche und antisowjetische Widerstandsbewegung\u201c dar. Bereits 1943 hatte die OUN Dokumente vernichtet, die ihre F\u00fchrung mit Pogromen und ethnischen Gr\u00e4ueltaten in Verbindung brachten. Die Vertuschung half ihnen nicht nur dabei, die strafrechtliche Verfolgung ihrer Verbrechen zu vermeiden, sie machte es auch dem britischen und amerikanischen Geheimdienst leichter, mit den ukrainischen Faschisten gegen die Sowjetunion zusammenzuarbeiten.<\/p>\n<p>Juden und Polen wurden in Banderas Schriften nun nicht mehr als \u201eFeinde der Nation\u201c bezeichnet, sondern er richtete seinen Zorn fast ausschlie\u00dflich gegen die Sowjetunion. Der \u201ej\u00fcdische Bolschewismus\u201c wurde nun zum \u201erussischen bolschewistischen Imperialismus\u201c. Die Worte \u201eBefreiung\u201c, \u201eFreiheit\u201c und \u201eUnabh\u00e4ngigkeit\u201c tauchten h\u00e4ufig in seinen Schriften und Reden auf, obwohl diese Begriffe f\u00fcr Bandera nur im Zusammenhang mit der Schaffung seines idealisierten faschistischen ukrainischen Ethno-Staats von Bedeutung waren. In der kranken Gedankenwelt Banderas und der OUN war ein dritter Weltkrieg erw\u00fcnscht und notwendig, um ihr Ziel zu erreichen.<\/p>\n<p>Banderas antisowjetisches Auftreten in der Nachkriegszeit erm\u00f6glichte es ihm, ukrainische Gemeinden in \u00d6sterreich, Belgien, Kanada, England, den Niederlanden, Italien und Spanien zu besuchen, um Unterst\u00fctzung f\u00fcr die OUN zu mobilisieren. Mit Hilfe der CIA, des britischen MI6 und anderer westlicher Geheimdienste waren viele rechtsgerichtete Ukrainer \u00fcber Kriegsgefangenenlager in westliche L\u00e4nder geflohen, wo sie die L\u00fcgen der OUN \u00fcber Bandera und die Taten der Organisation w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs verbreiteten.<\/p>\n<p>Rossoli\u0144ski\u2011Liebe macht deutlich, dass Bandera genau \u00fcber die Gr\u00e4ueltaten der OUN und UPA Bescheid wusste, und dass er und die OUN alles in ihrer Macht Stehende taten, um ihre Spuren zu verwischen. Zusammenfassend schreibt er \u00fcber diese Zeit:<\/p>\n<p><em>Er [Bandera] ignorierte und vertuschte die Gr\u00e4ueltaten, die von der OUN und der UPA w\u00e4hrend und nach dem Krieg begangen wurden, weil er glaubte, dass die ukrainischen Nationalisten das Recht hatten, Tausende von Zivilisten zu t\u00f6ten, um ihre Ziele zu erreichen. Aus seinen Schriften geht hervor, dass er kein Mitgef\u00fchl f\u00fcr die Menschen empfand, die im Namen der \u201eBefreiung\u201c oder \u201eUnabh\u00e4ngigkeit\u201c ermordet wurden. Er stellte sich selbst und die OUN und UPA als Opfer dar, weil dies die einzige M\u00f6glichkeit war, den Kampf f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit fortzusetzen. Das Eingest\u00e4ndnis der Gr\u00e4ueltaten, die von der Bewegung und ihrer ausgedehnten faschistischen Organisation begangen wurden, w\u00fcrde ihn, andere Emigranten und die Idee der \u201eBefreiung\u201c und \u201eUnabh\u00e4ngigkeit\u201c selbst unglaubw\u00fcrdig machen (S. 346).<\/em><\/p>\n<p>Wir erhalten auch einen Einblick in Banderas Pers\u00f6nlichkeit w\u00e4hrend dieser Zeit. Das Bild, das sich uns bietet, ist nicht gerade positiv. Bandera lebte von OUN\u2011Geldern und Geschenken westlicher Geheimdienste in M\u00fcnchen. Er war ein Frauenheld und schlug Frauen; einmal versuchte er, die Frau seines Leibw\u00e4chters zu vergewaltigen. Rassist von jeher, verbot er seinen Kindern den Umgang mit polnischen, russischen und j\u00fcdischen Kindern. Die Vereinigten Staaten sch\u00fctzten Bandera vor Attentatsversuchen des KGB, wussten allerdings sehr wohl um seinen zweifelhaften Charakter. 1955 lehnten die amerikanischen Beh\u00f6rden seinen Visumsantrag ab, mit der Begr\u00fcndung:<\/p>\n<p><em>Bandera und seine Organisation sind bei Emigranten vieler \u00dcberzeugungen und Nationalit\u00e4ten sehr unbeliebt. Es wird vermutet, dass Bandera in die USA einreisen m\u00f6chte, um politische Agitation gegen legitime politische Organisationen mit Verbindungen zu ukrainischen Gruppen im Ausland zu betreiben [z. B. die ZP UHVR], die die Regierung unterst\u00fctzt oder mit Wohlwollen betrachtet. (Zit.&nbsp;S.&nbsp;336)<\/em><\/p>\n<p>1954 stellte der britische MI6 seine direkte Unterst\u00fctzung f\u00fcr Bandera ein, nachdem er erkannt hatte, dass Bandera in der Sowjetukraine \u00fcber wenig bis gar keinen Einfluss verf\u00fcgte, und fast alle seine Agenten im Land unter sowjetischer Beobachtung standen. Francos faschistisches Spanien und Westdeutschland unterst\u00fctzten ihn jedoch weiterhin.<\/p>\n<p>Auch der Kreml hatte Bandera nicht vergessen und versuchte in den 1950er&nbsp;Jahren weiterhin, ihn zu finden und zu ermorden. Am 15. Oktober&nbsp;1959 wurde Bandera schlie\u00dflich von einem KGB-Agenten namens Bohdan Stashyns&#8217;kyi mit einer Zyankali-Pistole get\u00f6tet.<\/p>\n<p>In den folgenden drei\u00dfig Jahren blieb Bandera eine Figur, die fast ausschlie\u00dflich in den rechtsnationalen ukrainischen Emigrantengemeinden bekannt war, die weiterhin dem Providnyk (F\u00fchrer) huldigten. Mit der bemerkenswerten Ausnahme des in Polen geborenen Holocaust-Forschers Philip Friedman gab es kaum bis gar keine kritische und ernsthafte Forschung \u00fcber die OUN und Bandera. Westliche Akademiker haben den Mythos von Bandera als patriotischem Freiheitsk\u00e4mpfer weitgehend akzeptiert und sogar gef\u00f6rdert.<\/p>\n<p>Gro\u00dfe Universit\u00e4ten, \u00f6ffentliche wie private, wurden nach dem Zweiten Weltkrieg von ukrainischen Nationalisten infiltriert, und offen rassistische Pers\u00f6nlichkeiten wie Dmytro Donzow an der Universit\u00e4t von Montreal machten Karriere an Universit\u00e4ten. Die 1921 in M\u00fcnchen gegr\u00fcndete Ukrainische Freie Universit\u00e4t (UFU) wurde von OUN\u2011B\u2011Mitgliedern infiltriert, von denen einige Mitglieder der Waffen\u2011SS&nbsp;Galizien gewesen waren.<\/p>\n<p>Die UFU verlieh einer Reihe von OUN\u2011B\u2011Mitgliedern, die weiterhin den Mythos des \u201eFreiheitsk\u00e4mpfers\u201c Bandera propagierten, einen Doktortitel. Einer von ihnen, Petro Mirchuk, ver\u00f6ffentlichte 1961 das Buch <em>Stepan Bandera: Symbol of Revolutionary Uncompromisingness<\/em>, das den Bandera-Mythos und die L\u00fcge, die OUN\u2011B habe sowohl gegen die Nazis als auch gegen die Sowjets gek\u00e4mpft und nichts mit dem Holocaust oder antipolnischen Massakern zu tun gehabt, offen propagierte.<\/p>\n<p>Eine Reihe weiterer ehemaliger OUN\u2011B\u2011Mitglieder bekleideten Posten an der Rutgers University in New Jersey, an der McMaster University und der University of Alberta in Kanada sowie an der Johann Wolfgang Goethe\u2011Universit\u00e4t in Frankfurt am Main.<\/p>\n<p>In den 1970er Jahren gr\u00fcndete die ukrainische Diaspora der Nachkriegszeit das Harvard Ukrainian Research Institute&nbsp;(HURI) und das Canadian Institute of Ukrainian Studies&nbsp;(CIUS) an der University of Alberta. Sowohl in Kanada als auch in den Vereinigten Staaten r\u00fcckte die ukrainische Einwanderergemeinde, die zuvor vor allem mit Politik und Organisationen der Arbeiterklasse assoziiert wurde, stark nach rechts und begann, extremen Nationalismus und den Bandera\u2011Mythos zu verbreiten.<\/p>\n<p>Die Krise der Sowjetunion in den 1980er\u00a0Jahren und ihre anschlie\u00dfende Aufl\u00f6sung durch die stalinistische B\u00fcrokratie im Jahr\u00a01991 f\u00fchrten schlie\u00dflich zu Banderas offizieller R\u00fcckkehr in die ukrainische Politik. Ein deutliches Zeichen f\u00fcr den reaktion\u00e4ren, nationalistischen Charakter der stalinistischen Kommunistischen Partei der Ukraine war, dass sie 1990 auf dem 28.\u00a0Parteitag \u00fcber eine m\u00f6gliche Rehabilitierung der OUN und der UPA debattierten. Letztlich entschied sich die Partei gegen die Rehabilitierung, bezeichnete aber den Krieg zwischen der OUN\u2011UPA und den sowjetischen Funktion\u00e4ren als \u201eBruderkrieg\u201c.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-10.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"682\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-10-1024x682.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12088\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-10-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-10-300x200.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-10-768x512.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-10.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption><em>Stepan Bandera-Denkmal in Lwiw (AP Photo\/Bernat Armangue) [AP Photo\/Bernat Armangue]<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p>1990 wurde das erste Bandera-Denkmal in Banderas Geburtsort Staryi Uhryniw errichtet. Viele weitere folgten in der gesamten Westukraine, als OUN-Emigranten in die Ukraine zur\u00fcckkehrten, in die Politik eintraten und nationalistische Organisationen wie das Stepan Bandera Center of National Revival in Kiew gr\u00fcndeten.<\/p>\n<p>Rossoli\u0144ski\u2011Liebe dokumentiert, wie die offizielle F\u00f6rderung von Bandera mit der Einsetzung von Pr\u00e4sident Viktor Juschtschenko im Jahr\u00a02004 nach der von den USA unterst\u00fctzten sogenannten orangenen Revolution neue Dimensionen annahm. Im Jahr\u00a02007 erkl\u00e4rte Juschtschenko den UPA- und OUN\u2011B\u2011F\u00fchrer Roman Schuchewytschzum Helden der Ukraine. 2010 verlieh er Bandera denselben Titel. Wie Rossoli\u0144ski\u2011Liebe feststellt, \u201elegitimierten viele lokale \u201aliberale\u2018 und \u201aprogressive\u2018 Intellektuelle die nationalistischen Gedenkfeiern durch ihr Schweigen und ihre verhohlene Bewunderung\u201c (S. 499).<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-11.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"832\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-11-1024x832.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12089\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-11-1024x832.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-11-300x244.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-11-768x624.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-11.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption><em>Ukrainische Briefmarke aus dem Jahr\u00a02007, Roman Schuchewytsch gewidmet, einem f\u00fchrenden OUN-Mitglied und Anf\u00fchrer des Bataillons Nachtigall [Photo: WSWS]<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p>Seitdem sich der Bandera\u2011Kult in der Ukraine wieder ausbreitete, sind auch politische Parteien entstanden, die sich auf seine rechtsextreme faschistische Ideologie gr\u00fcndeten, wie die Sozial\u2011Nationale Partei der Ukraine. Die Swoboda\u2011Partei ging sp\u00e4ter aus der Sozial\u2011Nationalen Partei der Ukraine hervor und spielte eine zentrale Rolle bei dem von den USA unterst\u00fctzten Putsch gegen den gew\u00e4hlten Pr\u00e4sidenten Viktor Janukowitsch im Jahr&nbsp;2014. Der Parteivorsitzende Oleh Tyahnybok behauptete einmal, die Ukraine werde von der \u201erussisch\u2011j\u00fcdischen Mafia\u201c kontrolliert, und bediente sich damit der Sprache, die Bandera vor achtzig Jahren benutzte. Das hielt den damaligen US\u2011Vizepr\u00e4sidenten Joe Biden und den deutschen Au\u00dfenminister Frank-Walter Steinmeier nicht davon ab, ihm die Hand zu sch\u00fctteln.<\/p>\n<p><strong>Die heutige Ukraine<\/strong><\/p>\n<p>Rossoli\u0144ski\u2011Liebes Bandera\u2011Biografie erschien im Oktober&nbsp;2014. Sie geht nicht auf den Putsch gegen den gew\u00e4hlten Pr\u00e4sidenten Viktor Janukowitsch im selben Jahr ein, den der westliche Imperialismus im Einvernehmen mit rechtsextremen ukrainischen nationalistischen Kr\u00e4ften durchf\u00fchrte, die Bandera weiterhin als Helden betrachteten. Der Autor konnte auch nicht Stellung nehmen zu dem fast acht Jahre andauernden B\u00fcrgerkrieg im Donbass, den die von der NATO unterst\u00fctzten Regierungen des ehemaligen Pr\u00e4sidenten Poroschenko und des derzeitigen Pr\u00e4sidenten Wolodymyr Selenskij f\u00fchrten, und der 14.000&nbsp;Zivilisten und Soldaten das Leben kostete.<\/p>\n<p>Was den aktuellen Krieg angeht, so hat das B\u00fcro des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen f\u00fcr Menschenrechte&nbsp;(OHCHR) insgesamt 5.827&nbsp;zivile Todesopfer in der Ukraine festgestellt, wobei die tats\u00e4chlichen Zahlen zweifellos h\u00f6her sind. \u00dcber 7&nbsp;Millionen&nbsp;ukrainische Fl\u00fcchtlinge leben heute in ganz Europa. Sowohl Russland als auch die Ukraine halten die Zahl der get\u00f6teten Soldaten, die auf beiden Seiten sicherlich in die Zehntausende gehen, streng geheim. Der Krieg ist in jeder Hinsicht eine Katastrophe mit weitreichenden historischen Folgen f\u00fcr die Menschheit.<\/p>\n<p>Was Bandera betrifft, so wurden sowohl dieser Krieg als auch der vorangegangene B\u00fcrgerkrieg im Donbass von einer beispiellosen Verherrlichung des faschistischen Erbes des ukrainischen Nationalismus begleitet; ukrainische Soldaten zeigen sich h\u00e4ufig mit Nazi- als auch OUN(B)\u2011Emblemen. Auch die nach dem Putsch von\u00a02014 etablierte ukrainische Regierung wurde von unz\u00e4hligen Skandalen heimgesucht, die sie mit faschistischen Elementen in Verbindung bringen. Im Jahr\u00a02019 besuchte Selenskijs ehemaliger Vizepr\u00e4sident Oleksij Hontscharuk ein Neonazi\u2011Rockkonzert. Im selben Jahr nannte Selenskij Bandera einen \u201eunbestreitbaren Helden\u201c, der \u201edie Freiheit der Ukraine verteidigt\u201c habe.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-12.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-12-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12090\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-12-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-12-300x169.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-12-768x432.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-12.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption><em>Mitglieder verschiedener nationalistischer Parteien mit Fackeln und einem Portr\u00e4t von Stepan Bandera w\u00e4hrend einer Kundgebung in Kiew, Samstag, 1. Januar 2022 [AP Photo\/Efrem Lukatsky]<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p>Der aktuelle Krieg in der Ukraine kann nat\u00fcrlich nicht allein auf das Erbe Banderas und faschistische Elemente in der heutigen ukrainischen Gesellschaft zur\u00fcckgef\u00fchrt werden. Vielmehr ist er das Ergebnis der katastrophalen Zerst\u00f6rung der Sowjetunion durch die stalinistische B\u00fcrokratie und drei Jahrzehnte unerbittlicher Kriege und der Einkreisung Russlands durch den US\u2011Imperialismus.<\/p>\n<p>In diesem Prozess haben der westliche Imperialismus und insbesondere die Vereinigten Staaten in den faschistischen Kr\u00e4ften der Ukraine wieder einmal einen n\u00fctzlichen Verb\u00fcndeten gefunden, um ihre lang gehegten Pl\u00e4ne zur Aufspaltung Russlands in einzelne Staaten und zur Auspl\u00fcnderung seiner nat\u00fcrlichen Ressourcen umzusetzen. Einfach ausgedr\u00fcckt: Ohne die Bewaffnung und Unterst\u00fctzung faschistischer Kr\u00e4fte wie des Asow\u2011Bataillons, die eine f\u00fchrende Rolle in den ukrainischen Streitkr\u00e4ften spielen, w\u00e4re die Ukraine nicht in der Lage gewesen, den aktuellen Krieg zu f\u00fchren. Einer Sch\u00e4tzung von Reuters aus 2020 zufolge machen diese Milizen, die gr\u00f6\u00dftenteils aus Rechtsextremisten bestehen und von ihnen gef\u00fchrt werden, 40&nbsp;Prozent der ukrainischen Streitkr\u00e4fte aus und z\u00e4hlen 102.000&nbsp;Mitglieder.<\/p>\n<p>Selenskij selbst und die ukrainische Regierung sind zwar keine ausgesprochenen Faschisten wie das Asowsche Bataillon und der Rechte Sektor, doch Banderas Erbe und die rechtsextremen Elemente, die ihn verehren, sind aufgrund ihrer Bereitschaft, Krieg zu f\u00fchren und gewaltt\u00e4tige Vergeltung an ihren Gegnern zu \u00fcben, vom ukrainischen Staat mit offenen Armen aufgenommen worden. Banderas Worte aus dem Jahr&nbsp;1936, dass f\u00fcr die Vollendung der ukrainischen \u201enationalen Revolution\u201c \u201enicht Hunderte, sondern Tausende von Menschenleben geopfert werden m\u00fcssen\u201c, sind nun in gewisser Weise Wirklichkeit geworden.<\/p>\n<p>Solche Ideen, so Rossoli\u0144ski\u2011Liebe, waren \u201eintegrale Bestandteile der Agenda\u201c von Banderas Nationalismus, und sie werden nun f\u00fcr die Interessen des westlichen Imperialismus genutzt. Ein Kommentar von Rossoli\u0144ski\u2011Liebe zum aktuellen Stand des \u201eBandera\u2011Kults\u201c w\u00e4re eine wichtige Erg\u00e4nzung zu einer aktualisierten Ausgabe seines Buches.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Es ist bedauerlich, dass Rossoli\u0144ski\u2011Liebe seine Biografie mit der Behauptung abschlie\u00dft, es gebe in Bezug auf Banderas Schuld an den Verbrechen der OUN eine gewisse \u201eUnklarheit\u201c &#8211; ein Begriff, den er mehrmals verwendet. Nachdem er festgestellt hat, dass Bandera aufgrund seiner Inhaftierung nicht in gleichem Ma\u00dfe schuldig ist wie ein Hitler, schreibt Rossoli\u0144ski\u2011Liebe: \u201eBandera pers\u00f6nlich verantwortlich zu machen f\u00fcr die Verbrechen, die von der UPA w\u00e4hrend der Zeit seiner Inhaftierung begangen wurden, w\u00e4re kontrafaktisch und irrational.\u201c Er f\u00fcgt hinzu, dass sich Bandera in seiner \u201eBegeisterung f\u00fcr Massengewalt gegen \u201aFeinde\u2018 oder gegen eine bestimmte ethnische Gruppe nicht nennenswert von Hitler oder Paveli\u0107 unterschieden zu haben scheint\u201c (S. 543). Hier scheint Rossoli\u0144ski\u2011Liebe absichtlich die notwendigen scharfen politischen Schlussfolgerungen zu vermeiden, nachdem er ein ganzes Buch geschrieben hat, das die Weltanschauung und das m\u00f6rderische Treiben dieses Faschisten belegt.<\/p>\n<p>Es muss auch angemerkt werden, dass Rossoli\u0144ski\u2011Liebe, wie fast alle bekannteren Historiker Russlands und der Ukraine, eine desorientierte Position zum imperialistischen Stellvertreterkrieg gegen Russland in der Ukraine eingenommen hat, indem er die Ukraine in dem Konflikt unterst\u00fctzt und die Rolle der rechtsextremen Kr\u00e4fte in der ukrainischen Gesellschaft und im Milit\u00e4r herunterspielt. Au\u00dferdem hat er die Maidan\u2011Revolte&nbsp;2014 als \u201edemokratische Bewegung\u201c unterst\u00fctzt, obwohl sie zum Putsch in Kiew f\u00fchrte, bei dem rechtsextreme Kr\u00e4fte eine wichtige Rolle spielten.<\/p>\n<p>Die Schw\u00e4chen von Rossoli\u0144ski\u2011Liebes Biografie und seinen politischen Positionen h\u00e4ngen nicht zuletzt damit zusammen, dass er die Klassenurspr\u00fcnge des Faschismus, der Oktoberrevolution und die Rolle des Stalinismus nicht untersucht hat.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang ist es bemerkenswert, dass Leo Trotzki, ein geb\u00fcrtiger Ukrainer, der eine entscheidende Rolle im B\u00fcrgerkrieg in der Ukraine nach 1917 spielte und bedeutende Werke \u00fcber die ukrainische Frage schrieb, im gesamten Buch nur zweimal erw\u00e4hnt wird. Trotzkis Ausweisung aus der Sowjetunion, die Entscheidung der Stalinisten f\u00fcr das nationalistische Programm des \u201eSozialismus in einem Land\u201c im Widerspruch zum internationalistischen Programm der permanenten Revolution &#8211; \u00fcber all dies erf\u00e4hrt der Leser nichts.<\/p>\n<p>Man kann von Rossoli\u0144ski\u2011Liebe sicher nicht erwarten, dass er dieser Geschichte einen gro\u00dfen Teil seiner Biografie widmet. Jedoch, ohne ein gr\u00fcndliches Verst\u00e4ndnis von Trotzkis Schriften und der stalinistischen, nationalistischen Reaktion gegen den Oktober ist es einfach unm\u00f6glich, den Einfluss von Bandera und der OUN w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs und ihre Wiederauferstehung in der modernen Ukraine zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>In seinem Essay \u201e<a href=\"https:\/\/www.sites.google.com\/site\/sozialistischeklassiker2punkt0\/trotzki\/1939\/leo-trotzki-das-ukrainische-problem\">Das ukrainische Problem<\/a>\u201c von&nbsp;1939 urteilte Trotzki in Worten, die auch achtzig Jahre sp\u00e4ter noch gro\u00dfe Bedeutung haben, scharf \u00fcber den reaktion\u00e4ren Charakter der ukrainischen Bourgeoisie.<\/p>\n<p><em>Die Ukraine ist besonders reich an Erfahrung mit falschen Wegen des Kampfes f\u00fcr nationale Befreiung. Dort wurde alles versucht: die kleinb\u00fcrgerliche Rada, Skoropadski, Petljura, \u201eB\u00fcndnis&#8216; mit den Hohenzollern und Kombinationen mit der Entente. Nach all diesen Erfahrungen k\u00f6nnen nur politische Leichname weiterhin ihre Hoffnung auf Fraktionen der ukrainischen Bourgeoisie als den F\u00fchrer des nationalen Befreiungskampfes setzen. Das ukrainische Proletariat allein ist f\u00e4hig, nicht nur die Aufgabe zu l\u00f6sen, die wesentlich revolution\u00e4r ist, sondern auch die Initiative f\u00fcr ihre L\u00f6sung zu ergreifen. Das Proletariat und nur das Proletariat kann die Bauernmassen und die wirklich revolution\u00e4re nationale Intelligenz um sich vereinigen.<\/em><\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-13.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"754\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-13-754x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12091\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-13-754x1024.jpg 754w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-13-221x300.jpg 221w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-13-768x1042.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/bild.jpeg-13.jpg 943w\" sizes=\"auto, (max-width: 754px) 100vw, 754px\" \/><\/a><figcaption><em>Leo Trotzki [Photo: WSWS]<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p>In demselben Aufsatz stellte Trotzki fest, dass es ohne Stalin keine Ukraine-Politik Hitlers gegeben h\u00e4tte. Tats\u00e4chlich resultieren alle Katastrophen, die die Ukraine seit den 1930er&nbsp;Jahren heimgesucht haben \u2013 Hungersnot, politische S\u00e4uberungen, der Zweite Weltkrieg, ethnische S\u00e4uberungen, die endg\u00fcltige Aufl\u00f6sung der Sowjetunion und sogar der gegenw\u00e4rtige Krieg &#8211; letztlich daraus, dass die Stalinisten das marxistische und internationalistische Programm verworfen haben, das der Oktoberrevolution zugrunde lag. Die rechtsextremen Traditionen der ukrainischen nationalistischen Bourgeoisie mit ihren verheerenden Folgen konnten nach 1991 nur aufgrund des jahrzehntelangen stalinistischen Verrats an der Oktoberrevolution wieder Fu\u00df fassen.<\/p>\n<p>Trotz seiner Unzul\u00e4nglichkeiten, die gr\u00f6\u00dftenteils auf Rossoli\u0144ski\u2011Liebes eigene Weltsicht und sein begrenztes Verst\u00e4ndnis der Urspr\u00fcnge des Faschismus und der Oktoberrevolution zur\u00fcckzuf\u00fchren sind, hat er der Welt einen gro\u00dfen historischen Dienst erwiesen, indem er unwiderlegbare Beweise f\u00fcr die Verbrechen des ukrainischen Faschismus und Banderas vorgelegt hat.<\/p>\n<p>Es ist auch sein gro\u00dfes Verdienst, dass er selbst unter den Bedingungen des aktuellen Kriegs die Verbrechen von Bandera weiter aufgedeckt hat, unter anderem durch umfangreiche Artikel und Interviews f\u00fcr deutsche Medien. Einige dieser Interviews wurden von Zehntausenden von Menschen gelesen und gesehen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich muss auch anerkannt werden, dass diese Arbeit mit erheblichen pers\u00f6nlichen und beruflichen Risiken und Kosten f\u00fcr Rossoli\u0144ski\u2011Liebe verbunden war. Beinahe zwei Jahrzehnte seines Lebens, die er der Erforschung von Bandera widmete, wurde er auf Schritt und Tritt von anderen Wissenschaftlern gewarnt, sich ein anderes Thema zu suchen, und von den heutigen Anh\u00e4ngern des ukrainischen Faschismus angefeindet und bedroht.<\/p>\n<p>Als Rossoli\u0144ski\u2011Liebe&nbsp;2012 von der deutschen Botschaft in Kiew eingeladen wurde, sechs Vortr\u00e4ge in drei ukrainischen St\u00e4dten zu halten, wurde nicht nur von rechtsextremen Parteien wie Swoboda, sondern auch von nationalistischen und etlichen vorgeblich \u201eliberalen\u201c Gelehrten Hysterie gesch\u00fcrt. Letztendlich wurden alle Vorlesungen bis auf eine abgesagt. Bei seiner einzigen Vorlesung wurde Rossoli\u0144ski\u2011Liebe in der deutschen Botschaft in Kiew verbarrikadiert, w\u00e4hrend rechtsextreme nationalistische Demonstranten ihn drau\u00dfen als \u201eEnkel von Josef Goebbels\u201c beschimpften. W\u00e4re Rossoli\u0144ski\u2011Liebe auf der Stra\u00dfe, in Abwesenheit von Sicherheitskr\u00e4ften, auf Mitglieder von Swoboda gesto\u00dfen, w\u00e4re er zweifelsohne gewaltsam angegriffen worden.<\/p>\n<p>Kein einziger gro\u00dfer ukrainischer Verlag war bereit, eine \u00dcbersetzung von Rossoli\u0144ski\u2011Liebes inzwischen viel beachteter Bandera\u2011Biografie zu ver\u00f6ffentlichen, und das Buch erschien erst in diesem Jahr, kurz vor Ausbruch des Krieges, in einem kleinen Verlag.<\/p>\n<p>Rossoli\u0144ski\u2011Liebes Bandera-Biografie liefert, trotz ihrer Grenzen, Arbeitern und Intellektuellen das historische Wissen und die n\u00f6tigen Fakten, um heute, da der Imperialismus die Welt in den Abgrund von Krieg und Faschismus zieht, das Wiederaufleben rechtsextremer Kr\u00e4fte zu verstehen und zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2022\/11\/04\/xfms-n04.html\"><em>sws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 7. November 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jason Melanovski. Grezgorz Rossoli\u0144ski-Liebe: Stepan Bandera. The life and afterlife of a Ukrainian nationalist; fascism, genocide, and cult (Leben und Nachleben eines ukrainischen Nationalisten. Faschismus, Genozid und Kult). Stuttgart: Ibidem Verlag, 2014, 656 Seiten. Wenn &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":12092,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,7],"tags":[25,23,39,142,31,34,56,18,12,119,38,27,20,4,21,19,46,118],"class_list":["post-12077","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-international","tag-arbeiterbewegung","tag-buecher","tag-deutschland","tag-dritter-weltkrieg","tag-erster-weltkrieg","tag-faschismus","tag-grossbritannien","tag-imperialismus","tag-lenin","tag-polen","tag-russische-revolution","tag-russland","tag-sowjetunion","tag-strategie","tag-trotzki","tag-ukraine","tag-usa","tag-zweiter-weltkrieg"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12077","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12077"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12077\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12093,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12077\/revisions\/12093"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/12092"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12077"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=12077"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=12077"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}