{"id":12095,"date":"2022-11-08T12:24:08","date_gmt":"2022-11-08T10:24:08","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12095"},"modified":"2022-11-08T12:24:09","modified_gmt":"2022-11-08T10:24:09","slug":"russische-revolution-erinnerungen-an-die-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12095","title":{"rendered":"Russische Revolution: Erinnerungen an die Zukunft"},"content":{"rendered":"<p><em>Christian Castillo. <\/em><strong>Vor 105 Jahren f\u00fchrten die Bolschewiki etwas durch, das nur wenige f\u00fcr m\u00f6glich hielten. Ein Essay \u00fcber die Bedeutung der Russischen Revolution f\u00fcrs 21. Jahrhundert.<\/strong><\/p>\n<p>Der Aufstand, der von Trotzki in Petrograd minuti\u00f6s vorbereitet wurde, wurde von einer Abstimmung mit gro\u00dfer Mehrheit im zweiten Allrussischen Sowjetkongress<!--more--> begleitet.\u00a0Dessen Zusammensetzung hatte sich im Vergleich zum ersten Kongress drastisch ver\u00e4ndert, als noch die Vers\u00f6hnler:innen dominierten.<\/p>\n<p>In den Vorwochen hatten Millionen in jeder Fabrik, Kaserne, Nachbarschaft, an der ganzen Front diskutiert und ein unverr\u00fcckbares Mandat beschlossen: Die Macht m\u00fcsste von der immer verkn\u00f6cherteren Provisorischen Regierung auf die Sowjets (R\u00e4te) der Arbeiter-, Bauern- und Soldatendeputierten \u00fcbergehen. F\u00fcr Lenin hatte sich so seine Orientierung materialisiert, die er seiner Partei nach seiner R\u00fcckkehr aus dem Exil \u2013 nicht ohne harten internen Widerstand zu \u00fcberwinden \u2013 gegeben hatte. Diese hatte er in <a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/lenin\/1917\/04\/april.htm\"><em>\u00dcber die Aufgaben des Proletariats in der gegenw\u00e4rtigen Revolution<\/em><\/a> festgehalten, auch als <em>Aprilthesen<\/em> bekannt. Dort sagte er unter anderem:<\/p>\n<p><em>Keinerlei Unterst\u00fctzung der Provisorischen Regierung, Aufdeckung der ganzen Verlogenheit aller ihrer Versprechungen, insbesondere hinsichtlich des Verzichts auf Annexionen. Entlarvung der Provisorischen Regierung statt der unzul\u00e4ssigen, Illusionen erweckenden \u201eForderung\u201c, diese Regierung, die Regierung der Kapitalisten, solle aufh\u00f6ren imperialistisch zu sein. [\u2026] <\/em><\/p>\n<p><em>Aufkl\u00e4rung der Massen dar\u00fcber, da\u00df die Sowjets der Arbeiterdeputierten die einzig m\u00f6gliche Form der revolution\u00e4ren Regierung sind und da\u00df daher unsere Aufgabe, solange sich diese Regierung von der Bourgeoisie beeinflussen l\u00e4\u00dft, nur in geduldiger, systematischer, beharrlicher, besonders den praktischen Bed\u00fcrfnissen der Massen angepa\u00dfter Aufkl\u00e4rung \u00fcber die Fehler ihrer Taktik bestehen kann.<\/em><\/p>\n<p>Noch im\u00a0M\u00e4rz 1917\u00a0lautete die Orientierung der\u00a0<em>Prawda<\/em>\u00a0ganz anders, als sie unter\u00a0F\u00fchrung von Stalin und Kamenjew stand. Ihre Linie kann man so zusammenfassen, dass man an der Provisorischen Regierung \u201edas Gute unterst\u00fctzen und das Schlechte kritisieren\u201c m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Zwischen April und Oktober bewiesen die Bolschewiki ein meisterhaftes taktisches Verst\u00e4ndnis und wurden von einer \u201eschwachen Minderheit\u201c in den Sowjets, wie Lenin in den <em>Aprilthesen<\/em> selbst anerkennt, zur Mehrheitskraft. Im Moment der Macht\u00fcbernahme waren sie verb\u00fcndet mit dem linken Fl\u00fcgel der Sozialrevolution\u00e4r:innen, die sich im st\u00fcrmischen Verlauf der Ereignisse gespalten hatten. Sie nutzten verschiedene Formen der Einheitsfront-Taktik und schlugen in einem Augenblick den Vers\u00f6hnler:innen sogar vor, dass sie mit der Bourgeoisie brechen und die Sowjets, damals noch von Menschewiki und Sozialrevolution\u00e4r:innen angef\u00fchrt, die Macht \u00fcbernehmen sollten. Die Bolschewiki w\u00fcrden in\u00a0diesem Falle eine friedliche Opposition bleiben.<\/p>\n<p>Lenin und seine Anh\u00e4nger:innen sprachen die tiefsten Hoffnungen der Massen an. Die Soldaten wollten nicht weiter in den Sch\u00fctzengr\u00e4ben sterben und die Arbeiter:innen wollten nicht weiter f\u00fcr einen Krieg hungern, dessen Sinn sie nicht sahen. Die Bauern:B\u00e4uerinnen wollten <em>sofort<\/em> Land, denn f\u00fcr irgendwas hatten sie ja den Zarismus gest\u00fcrzt. Die liberale Bourgeoisie demgegen\u00fcber wollte den imperialistischen Krieg fortf\u00fchren und den britischen und franz\u00f6sischen Diktaten weiter folgen. Menschewiki und die Mehrheit der Sozialrevolution\u00e4r:innen passten sich diesem Ziel an.<\/p>\n<p>\u201eLand, Brot und Frieden\u201c und \u201eAlle Macht den Sowjets\u201c riefen die bolschewistischen Redner:innen und erfuhren immer mehr Sympathie und Zustimmung bei den Massen. Mitte Juni waren sie im Petrograder Proletariat schon in der Mehrheit, aber die Mehrheit musste unter den Arbeiter:innen und Bauern:B\u00e4uerinnen im gesamten Land errungen werden. Auch das w\u00fcrden sie erreichen.<\/p>\n<p><strong>Ursachen<\/strong><\/p>\n<p>Die liberalen Historiker:innen wollen uns heute erkl\u00e4ren, der Sieg im Oktobers und die nachfolgende Konsolidierung der Revolution h\u00e4tten auf Zuf\u00e4llen beruht. Fr\u00fcher hatten sie es als reinen bolschewistischen Putsch pr\u00e4sentiert, wie der Klassiker \u201eTechnik des Staatsstreichs\u201c (zuerst 1931 in Paris ver\u00f6ffentlicht) des italienischen Essayisten, Schriftstellers und Diplomaten Curzio Malaparte urteilt. Jener war damals Faschist, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens und schlie\u00dflich Sympathisant von Maos China. Im Gegensatz zu diesen oberfl\u00e4chlichen Sichtweisen wusste Trotzki das Zusammenspiel von objektiven und subjektiven Faktoren aufzuzeigen, die erkl\u00e4ren, warum im r\u00fcckst\u00e4ndigen zaristischen Russland die Arbeiter:innen und Bauern:B\u00e4uerinnen die Lehren der Pariser Kommune von 1871 aufnehmen und die Macht \u00fcbernehmen konnten.<\/p>\n<p>Der erfolgreiche Aufstand vom 25. Oktober (7. November nach dem gregorianischen Kalender, der damals im Westen und heute fast \u00fcberall auf der Welt genutzt wird) 1917 fiel nicht vom Himmel. Der Pr\u00e4sident des Petrograder Sowjets von 1905 erkl\u00e4rt <a href=\"https:\/\/trotzkismus.wordpress.com\/2012\/11\/07\/verteidigung-der-oktoberrevolution-die-kopenhagener-rede\/\">acht historische Voraussetzungen<\/a>, die sie erm\u00f6glichten. Die ersten f\u00fcnf sind \u201eorganische\u201c, also strukturelle Voraussetzungen:<\/p>\n<ol>\n<li><em> Die F\u00e4ulnis der alten herrschenden Klassen, des Adels, der Monarchie, der B\u00fcrokratie.<\/em><\/li>\n<li><em> Die politische Schw\u00e4che der Bourgeoisie, die keine Wurzeln in den Volksmassen hatte.<\/em><\/li>\n<li><em> Der revolution\u00e4re Charakter der Bauernfrage.<\/em><\/li>\n<li><em> Der revolution\u00e4re Charakter des Proletariats der unterdr\u00fcckten Nationen.<\/em><\/li>\n<li><em> Das bedeutende soziale Gewicht des Proletariats.<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p>Diese Voraussetzungen waren die Grundlage f\u00fcr den k\u00fchnen Vorschlag Trotzkis \u00fcber die revolution\u00e4re Dynamik in Russland, den er in seiner \u00dcberarbeitung des Konzepts der \u201epermanenten Revolution\u201c (verglichen mit dem, was Marx w\u00e4hrend der 1848er Revolutionen formulierte) machte. Dieses Konzept hatte er schon vor dem revolution\u00e4ren Prozess von 1905 entworfen, aber erst in <a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/trotzki\/1906\/erg-pers\/index.htm\"><em>Ergebnisse und Perspektiven<\/em><\/a> fester begr\u00fcndet. Den Text schrieb Trotzki 1906 im Gef\u00e4ngnis, nach der Niederlage dieser \u201erevolution\u00e4ren Generalprobe\u201c.<\/p>\n<p>Die besondere kapitalistische Entwicklung in Russland hatte ein Proletariat geschaffen, das relativ gesehen st\u00e4rker als die Bourgeoisie war, die durch die Herrschaft des Zarismus eingeschr\u00e4nkt blieb. Das Proletariat \u2013 wenn auch im Vergleich zur Bauernschaft in der Minderheit \u2013 hatte sich gemeinsam mit der Industrie mithilfe ausl\u00e4ndischen Kapitals entwickelt und war hoch konzentriert in den St\u00e4dten, in denen die politischen und wirtschaftlichen F\u00e4den des Landes zusammenliefen. Die Revolution von 1905 hatte best\u00e4tigt, dass das russische Proletariat eine f\u00fchrende Rolle im Kampf gegen den Zarismus spielen kann.<\/p>\n<p>Der Ausbruch einer neuen russischen Revolution, so Trotzki, w\u00fcrde diese Mechanik wiederholen. Die Arbeiter:innenklasse \u2013 bewaffnet an der Spitze der Revolution, die Bauernschaft anf\u00fchrend \u2013 w\u00fcrde nicht an der T\u00fcr des Privateigentums stehenbleiben, sondern w\u00fcrde kompromisslos dar\u00fcber hinausgehen, um ihre Forderungen durchzusetzen. Die demokratische Revolution w\u00fcrde in eine sozialistische Revolution \u00fcbergehen und Russland k\u00f6nnte sich in das erste Land verwandeln, wo Arbeiter:innen und Bauern:B\u00e4uerinnen die Macht \u00fcbernehmen. Das k\u00f6nnte der revolution\u00e4ren Entwicklung in ganz Europa einen Impuls geben, besonders in Deutschland. Eine Vorhersage, die sich gut ein Jahrzehnt sp\u00e4ter bewahrheiten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Zu den f\u00fcnf organischen oder strukturellen Voraussetzungen f\u00fcgte der Gr\u00fcnder der Roten Armee als au\u00dfergew\u00f6hnlich wichtige konjunkturelle Elemente hinzu:<\/p>\n<ol start=\"6\">\n<li><em> Die Revolution von 1905 war die gro\u00dfe Schule oder, nach Lenins Ausdruck, die \u201eGeneralprobe\u201c der Revolution von 1917. Es gen\u00fcgt zu sagen, da\u00df Sowjets als unersetzliche Organisationsform der proletarischen Einheitsfront in der Revolution zum ersten Male im Jahre 1905 gebildet worden sind.<\/em><\/li>\n<li><em> Der imperialistische Krieg versch\u00e4rfte alle Gegens\u00e4tze, ri\u00df die r\u00fcckst\u00e4ndigen Massen aus dem Zustand der Unbeweglichkeit heraus und bereitete dadurch das grandiose Ausma\u00df der Katastrophe vor. Doch alle diese Bedingungen, die vollst\u00e4ndig gen\u00fcgten f\u00fcr den Ausbruch der Revolution, waren ungen\u00fcgend, um den Sieg des Proletariats in der Revolution zu sichern. F\u00fcr diesen Sieg war noch eine Bedingung n\u00f6tig:<\/em><\/li>\n<li><em> Die Bolschewistische Partei.<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p>Warum konnten die Bolschewiki diese entscheidende Rolle spielen? <a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/lenin\/1920\/linksrad\/kap02.html\">Lenin erkl\u00e4rte<\/a>, dass \u201eder Bolschewismus im Jahre 1903 auf der festen Grundlage der marxistischen Theorie entstanden\u201c war. \u00dcber diese \u201egranitne theoretische Grundlage\u201c hinaus aber, hatte der Bolschewismus \u2013 und wir entschuldigen uns f\u00fcr dieses lange Zitat \u2013<\/p>\n<p><em>eine f\u00fcnfzehnj\u00e4hrige (1903\u20131917) praktische Geschichte hinter sich, die an Reichtum der Erfahrung nicht ihresgleichen kennt. Denn kein anderes Land hatte in diesen 15 Jahren auch nur ann\u00e4hernd soviel durchgemacht an revolution\u00e4rer Erfahrung, an rapidem und mannigfaltigem Wechsel der verschiedenen Formen der Bewegung: der legalen und illegalen, der friedlichen und st\u00fcrmischen, der unterirdischen und offenen, der Zirkelarbeit und der Massenarbeit, der parlamentarischen und der terroristischen Form der Bewegung. In keinem anderen Lande war in einem so kurzen Zeitraum ein solcher Reichtum an Formen, Schattierungen und Methoden des Kampfes aller Klassen der modernen Gesellschaft konzentriert gewesen, und zwar eines Kampfes, der infolge der R\u00fcckst\u00e4ndigkeit des Landes und des schweren Jochs des Zarismus besonders schnell heranreifte und sich besonders begierig und erfolgreich das entsprechende \u201eletzte Wort\u201c der amerikanischen und europ\u00e4ischen politischen Erfahrungen zu eigen machte.<\/em><\/p>\n<p>Eine Partei mit einer festen theoretischen Grundlage also, die in den verschiedensten Formen des Klassenkampf geschmiedet war, wo sie die fortgeschrittensten Erfahrungen der internationalen Politik aufsaugte. Die Bolschewiki blieben im Ersten Weltkrieg internationalistisch und konfrontierten alle Formen des reaktion\u00e4ren Patriotismus. Unter dem Einfluss Lenins behielten sie ihre Unabh\u00e4ngigkeit von der Regierung der liberalen Bourgeoisie, danach von der Koalitionsregierung zwischen\u00a0Liberalen, Menschewiki und Sozialrevolution\u00e4ren.<\/p>\n<p>Sie erkannten in den Sowjets die Formen einer neuen Macht. Und hier ist es wichtig inne zu halten, denn diese R\u00e4te wurden zum Instrument der Einheitsfront im Kampf f\u00fcr die Macht auf der Grundlage eines neuen Staatstypus, der fortgeschrittensten proletarischen Demokratie, die wir in der Geschichte bisher gesehen haben.<\/p>\n<p>Lenin st\u00fctzte sich auf die Lehren der Pariser Kommune, um zwischen Februar und Oktober in diesem meisterhaften, unvollendenten Werk <a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/lenin\/1917\/staatrev\/index.htm\"><em>Staat und Revolution<\/em><\/a> die Charakteristiken aufzuzeigen, die der proletarische Staat haben w\u00fcrde. Ein Staatstypus, der sich von allen vorherigen unterscheidet. Nicht dazu da, damit eine Minderheit ihre despotische Herrschaft \u00fcber die Mehrheit aus\u00fcbt, wie es bis zu dem Moment war, sondern damit die ausgebeutete Mehrheit eine vor\u00fcbergehende Herrschaft \u00fcber die ausbeutende Minderheit aus\u00fcbt \u2013 mit dem Ziel, die Revolution auf weltweite Ebene auszudehnen, den Kommunismus zu erringen und alle Formen der Unterdr\u00fcckung zu beenden. Ein Staatstypus, den Marx \u201eDiktatur des Proletariats\u201c nannte \u2013 ein Konzept, das von den Barrikaden des revolution\u00e4ren Paris im Juni 1848 stammt.<\/p>\n<p>Der Begriff \u201eDiktatur des Proletariats\u201c zeugt vor allem davon, welche Klasse sozial herrscht, w\u00e4hrend die \u201edemokratische Republik\u201c nichts als eine Verschleierung der Herrschaft der Diktatur des Kapitals ist, nicht so sehr von den genauen politischen Formen, die diese Herrschaft annehmen kann. Deshalb war f\u00fcr Marx und Engels in der Pariser Kommune der erste Entwurf dieser neuen Staatsform enthalten. Eine Diktatur \u00fcber die Bourgeoisie, der die bewaffneten Arbeiter:innen keine Erlaubnis abverlangten, um ihre Fabriken, L\u00e4ndereien und Banken zu enteignen, w\u00e4hrend sie die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche demokratische Freiheit f\u00fcr die Arbeiter:innenklasse und die Gesamtheit der Ausgebeuteten und Unterdr\u00fcckten garantiert. Eine Staatsform, in der die Polizei und die Berufsarmee durch die bewaffneten Massen ersetzt werden, wo die politischen Funktion\u00e4r:innen so viel wie ein:e Facharbeiter:in verdienen und von den W\u00e4hler:innen abw\u00e4hlbar sind, wo die exekutive und legislative Gewalt in einer wirklichen \u201earbeitenden K\u00f6rperschaft\u201c fusioniert werden, die die politische und wirtschaftliche Zukunft der Gesellschaft diskutiert und entscheidet.<\/p>\n<p>Die Bolschewiki hatten es gewagt, dies in einem kulturell und wirtschaftlich r\u00fcckst\u00e4ndigen Land umzusetzen, das noch dazu vom Ersten Weltkrieg und dann sp\u00e4ter vom B\u00fcrger:innenkrieg verw\u00fcstet war. Angesichts all dessen vollbrachten sie Wunder. Sie setzten die Dritte Internationale in Gang. Sie schlugen 14 Armeen, \u201ewei\u00dfe\u201c und\u00a0imperialistische, nieder. Sie revolutionierten die K\u00fcnste, die Bildung und die Wissenschaften. Die Gleichheit der Frauen war gr\u00f6\u00dfer als in jedem anderen Land zu seiner Zeit, inklusive der vollst\u00e4ndigen Gew\u00e4hrung aller politischen Rechte, der Scheidung und der Legalisierung der Abtreibung. Sie versuchten diverse Formen der Vergesellschaftung der Hausarbeit. Russland verwandelte sich in eine Industriemacht mit einem Rhythmus, den keine andere Nation erreicht hatte.<\/p>\n<p>Aber der Preis der R\u00fcckst\u00e4ndigkeit und der Isolation der Sowjetunion, nachdem die soziale Revolution in anderen L\u00e4ndern Europas \u2013 besonders in Deutschland \u2013 nicht siegte, musste gezahlt werden: mit der B\u00fcrokratisierung der Sowjets und der Partei, was mit einer internen Konterrevolution durchgesetzt wurde, deren erstes Opfer die Linke Opposition wurde.<\/p>\n<p><strong>Gestern und heute<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben diese Zeilen <em>\u201eErinnerungen an die Zukunft\u201c<\/em> genannt. Stellen wir uns vor: Mit den wissenschaftlichen und technischen Fortschritten, die wir heute haben (die der Kapitalismus in erster Linie in Verbindung mit der Milit\u00e4rindustrie entwickelt), haben wir unendlich bessere Bedingungen als die Bolschewiki, um das Werk voranzutreiben, das sie begonnen haben. W\u00e4hrend der Revolution errangen die russischen Arbeiter:innen den Acht-Stunden-Tag. Heute w\u00e4re seine Reduzierung auf sechs Stunden und die Verteilung der Arbeit auf Besch\u00e4ftigte und Arbeitslose nur ein erster Schritt, den die Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte erlaubt, um die Arbeitszeit noch weiter zu reduzieren. Damit die Freizeit genutzt werden kann mit einem verallgemeinerten Zugang zu Kultur, Wissenschaft und Kunst, indem wir die entfremdete, erzwungene Arbeit hinter uns lassen und sie durch eine freie und kreative, kooperativ durchgef\u00fchrte Aktivit\u00e4t ersetzen.<\/p>\n<p>Deshalb ist die Erinnerung an 105 Jahre Oktoberrevolution f\u00fcr uns das Gegenteil eines religi\u00f6sen Rituals oder einer routinehaften Begehung eines Jahrestags. Auf die Oktoberrevolution zur\u00fcckzukommen ist vor allem deshalb unerl\u00e4sslich, weil sie uns die Vorbereitung der Zukunft erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>Viel Zeit ist vergangen seit jenem revolution\u00e4ren Sieg, der sp\u00e4ter von der stalinistischen B\u00fcrokratie verraten wurde. Mit dem Neoliberalismus wurde der Kapitalismus auf verschiedenen Wegen in dem Gebiet der Sowjetunion und der Mehrheit der L\u00e4nder, wo das Kapital im 20. Jahrhundert enteignet wurde, wie in Osteuropa und in China, restauriert \u2013 auch wenn die Partei an der Macht sich \u201ekommunistisch\u201c nannte.<\/p>\n<p>Nichtsdestotrotz ist der kapitalistische Triumphzug, der das letzte Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts charakterisierte, ein Relikt der Vergangenheit. Seit Ausbruch der Krise, die zur \u201eGro\u00dfen Rezession\u201c 2008 f\u00fchrte, sind die weltweite Politik und \u00d6konomie von Instabilit\u00e4t sowie sozialer und politischer Polarisierung gepr\u00e4gt. Die Parteien der \u201eextremen Mitte\u201c befinden sich in der Krise. Die geopolitischen Spannungen steigen. \u201eSchwarze Schw\u00e4ne\u201c \u2013 also unvorhergesehene Ereignisse mit einschneidender Wirkung \u2013 werden immer h\u00e4ufiger, vom \u201eBrexit\u201c bis Trump, oder dem Krieg in der Ukraine und der enormen Wirtschaftskrise.<\/p>\n<p>In den imperialistischen Zentren und in der Peripherie entstehen r\u00fcckw\u00e4rts gewandte und schockierende politische Ph\u00e4nomene, aber wir sehen auch unbest\u00e4ndige Versuche von breiten Massensektoren, besonders in der Jugend, die eine gleichberechtigte Gesellschaft wollen. Gewiss, die soziale Revolution hat sich in diesem neuen Jahrhundert noch nicht gezeigt. Ihr Auftritt stand zur Jahrtausendwende in Lateinamerika und in geringerem Ma\u00dfe zu Beginn des arabischen Fr\u00fchlings bevor. Eine neue Welle der Revolten ersch\u00fctterte die Welt in den vergangenen Jahren.<\/p>\n<p>Aber im ersten Fall wurde der Ausbruch der Massen von Mitte-Links-Regierungen (oder \u201eprogressiven\u201c oder \u201epopulistischen\u201c Regierungen) aufgehalten und kanalisiert, die in keinem Fall die Grenzen des Kapitalismus \u00fcberschritten, auch wenn ihre radikalsten Varianten (der venezolanische Chavismus und sein ausgerufener und nicht umgesetzter \u201eSozialismus des 21. Jahrhunderts\u201c) das behaupteten. Im zweiten Fall setzte sich die Konterrevolution mit Staatsstreichs und B\u00fcrger:innenkriegen ohne progressives Lager durch. Dennoch werden in einer Welt, in der die acht reichsten Menschen der Welt genauso viel Reichtum besitzen wir die 3,5 Milliarden \u00e4rmsten Menschen, also die H\u00e4lfte der Menschheit, fr\u00fcher oder sp\u00e4ter neue revolution\u00e4re Erhebungen den Planeten ersch\u00fcttern, wie sie es im vorangegangenen Jahrhundert getan haben. Die kapitalistische Irrationalit\u00e4t \u2013 ein System, das sich\u00a0im Sinne des Profits einer Handvoll gro\u00dfer Monopole bewegt, w\u00e4hrend hunderte Millionen Menschen in absolutem Elend leben, ist nicht \u201enachhaltig\u201c. Dasselbe betrifft die Bewohnbarkeit des Planeten, die der Kapitalismus durch die wahnsinnige Nutzung der nat\u00fcrlichen Ressourcen \u201eunseres gemeinsamen Zuhauses\u201c in Frage stellt. Die Revolution wird im 21. Jahrhundert von sich reden machen. Und sie wird permanent sein, oder gar nicht.<\/p>\n<p>Wenn die Menschheit irgendeine Zukunft haben soll, die nicht diese elende Gegenwart oder die Perspektive einer zivilisatorischen und \u00f6kologischen Krise auf gro\u00dfer Skala ist, werden wir durch eine Reihe siegreicher revolution\u00e4rer Prozesse gehen m\u00fcssen. Das vergangene Jahrhundert zeigt, dass die Arbeiter:innen die Macht \u00fcbernehmen k\u00f6nnen, trotz aller Herrschaftsmechanismen der Kapitalist:innen. Es zeigte auch eindeutig, dass die Kapitalist:innen nicht widerstandslos ihre Privilegien aufgeben werden, wie es immer in der Geschichte war, und dass das Kapital, wenn es nicht in seinen Gravitationszentren besiegt wird, sich wieder aufbauen und zur Gegenoffensive blasen kann.<\/p>\n<p>Inspiriert von der permanenten Revolution hoffen wir, die Barbarei vermeiden und die \u201eVorgeschichte der Menschheit\u201c \u00fcberwinden zu k\u00f6nnen, wie Marx die Form der sozialen Organisation nannte, in der wir noch leben. Nichts davon wird geschehen, wenn wir es nicht schaffen, eine revolution\u00e4re politische Organisation der Arbeiter:innenklasse auf nationaler und internationaler Ebene aufzubauen. \u201eWeder Abklatsch noch Kopie\u201c, wie der peruanische Marxist Mari\u00e1tegui sagte. Aber ohne uns von denen inspirieren zu lassen, die es vor 105 Jahren \u201egewagt haben\u201c, ohne von der revolution\u00e4rsten Partei in der Geschichte der Arbeiter:innenklasse zu lernen, werden wir diese Aufgabe nur schwer durchf\u00fchren k\u00f6nnen \u2013 die leidenschaftlichste Aufgabe, die man haben kann, wenn man mit diesem System der Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung Schluss machen will\u2026<\/p>\n<p><em>Dieser Artikel erschien urspr\u00fcnglich auf Spanisch in der Sonderausgabe von <\/em><a href=\"http:\/\/www.laizquierdadiario.com\/ideasdeizquierda\/recuerdos-del-futuro\/\"><em>Ideas de Izquierda<\/em><\/a><em> zum 100. Jahrestag der Russischen Revolution und wurde nun aktualisiert.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/russische-revolution-erinnerungen-an-die-zukunft\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 8. November 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christian Castillo. 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