{"id":12101,"date":"2022-11-09T10:57:42","date_gmt":"2022-11-09T08:57:42","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12101"},"modified":"2022-11-09T10:57:43","modified_gmt":"2022-11-09T08:57:43","slug":"die-globale-perspektive-imperialismus-und-widerstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12101","title":{"rendered":"Die globale Perspektive \u2013 Imperialismus und Widerstand"},"content":{"rendered":"<p><em>Imperialismus \u2013 kaum ein Schlagwort wird so sinnentleert benutzt wie dieses. W\u00e4hrend aktuell von westlichen Regierungen der \u201erussische Imperialismus\u201c, gemeint ist der Angriffskrieg in der Ukraine, gegei\u00dfelt wird, wird das eigene milit\u00e4rische Agieren und die Unterst\u00fctzung antikommunistischer Putsch- und Regierungsprojekte auf allen Kontinenten<\/em><!--more--> <em>selbstverst\u00e4ndlich nicht unter diesem Begriff gefasst, genausowenig die \u00f6konomischen Bedingungen, die zu weltweit krasser Ungleichheit f\u00fchren. Aber auch f\u00fcr Teile der Linken, insbesondere in Deutschland, sind Imperialismus und auch Antiimperialismus begriffliche Leerstellen, bzw. Codewort f\u00fcr irgendwas, das man beides in der Vergangenheit verortet und irgendwie schlimm ist. Damit das nicht so bleibt haben wir das Buch \u201eDie globale Perspektive\u201c von Torkil Lauesen herausgegeben, in der Hoffnung, diese Leerstelle aus linker, revolution\u00e4rer Perspektive zumindest etwas f\u00fcllen zu k\u00f6nnen. Wir ver\u00f6ffentlichen hier unser Vorwort zum Buch, das Ihr in der Buchhandlung eures Vertrauens, oder direkt beim <\/em><a href=\"https:\/\/www.unrast-verlag.de\/index.php\/vorankuendigungen\/die-globale-perspektive-detail\"><em>Unrast-Verlag<\/em><\/a><em> bestellen k\u00f6nnt.<\/em><!--more--><\/p>\n<p>Am 24. Februar 2022 marschierten Streitkr\u00e4fte Russlands in der Ukraine ein. Die \u201eSpezialoperation\u201c, wie der Kreml den Angriffskrieg nennt, belebte auch in den westlichen Konzern- und Staatsmedien die Debatte um einen Begriff, der zumindest in der b\u00fcrgerlichen \u00d6ffentlichkeit zuvor als ein Ding des 20. Jahrhunderts erschien. \u201eImperialismus\u201c, allerdings fast ausschlie\u00dflich in Gestalt des \u201erussischen Imperialismus\u201c, war nun wieder in aller Munde. Die FDP-nahe \u201eFriedrich Naumann Stiftung f\u00fcr Freiheit\u201c veranstaltete ein Online-Panel mit \u201eExpert:innen\u201c zum Thema \u201eRussian Imperialism for Dummies\u201c, die US-Regierung versammelte Diskutant:innen zur Frage der \u201eDekolonialisierung Russlands\u201c und der als Jugendlicher im Stamokap-Fl\u00fcgel der SPD geschulte Bundeskanzler erkl\u00e4rte in einem Gastbeitrag f\u00fcr die FAZ: \u201eDer Imperialismus ist zur\u00fcck in Europa.\u201c<\/p>\n<p>Aber war er denn je weg? Das kommt darauf an, was man darunter versteht. Olaf Scholz l\u00e4sst es uns wissen: Die EU sei die \u201egelebte Antithese zu Imperialismus und Autokratie\u201c. Imperialismus betreiben in dieser Weltsicht also zuf\u00e4llig immer die geopolitischen Gegner des Westens. China und Russland agieren \u201eimperialistisch\u201c, die USA und ihre stets willigen Partner dagegen \u201everteidigen\u201c sich \u2013 und sei es tausende Kilometer entfernt am Hindukusch. Oder sie \u201ehelfen\u201c \u2013 wie im Jemen, in Mali oder in Libyen. Ob diese \u201eHilfe\u201c Millionen Tote mit sich bringt und die von ihr begl\u00fcckten Nationen als <em>Failed States<\/em> zur\u00fcckl\u00e4sst, spielt dabei keine Rolle. Imperialisten sind immer die anderen.<\/p>\n<p>Das war im Ersten Weltkrieg nicht anders. \u201eMitten im Frieden \u00fcberf\u00e4llt uns der Feind\u201c, klagte Kaiser Wilhelm II. in seiner Thronrede am 6. August 1914. Und die SPD sprang ihm bei: \u201eUns drohen die Schrecknisse feindlicher Invasionen. Nicht f\u00fcr oder gegen den Krieg haben wir heute zu entscheiden, sondern \u00fcber die Frage der f\u00fcr die Verteidigung des Landes erforderlichen Mittel. (\u2026) Unsere hei\u00dfen W\u00fcnsche begleiten unsere zu den Fahnen gerufenen Br\u00fcder ohne Unterschied der Partei\u201c, schwor der Fraktionsvorsitzende der Partei, Hugo Haase, die \u201eVolksgenossen\u201c auf den heiligen Verteidigungskrieg ein. Das Parteiblatt \u201eVorw\u00e4rts\u201c legte nach: \u201eWenn die verh\u00e4ngnisvolle Stunde schl\u00e4gt, werden die vaterlandslosen Gesellen ihre Pflicht erf\u00fcllen und sich darin von den Patrioten in keiner Weise \u00fcbertreffen lassen.\u201c Nat\u00fcrlich musste dieser Burgfrieden mit der eigenen Bourgeoisie gerechtfertigt werden und man fand die Besch\u00f6nigung des eigenen \u201esozialistischen\u201c Bellizismus im selben moralisierenden Begriff des Gegners, den noch der heutige SPD-Kanzler nutzt: Der russische Despotismus und Imperialismus sei das wesentlich gr\u00f6\u00dfere \u00dcbel als Deutschland und zudem sei man ja aus heiterem Himmel angegriffen worden.<\/p>\n<p>Zwei Jahre und Hunderttausende Tote sp\u00e4ter verfasste W.I. Lenin in Z\u00fcrich seine Schrift \u201eDer Imperialismus als h\u00f6chstes Stadium des Kapitalismus\u201c, die 1917 zum ersten Mal erschien. Der russische Revolution\u00e4r hatte f\u00fcr die durchaus theoretische Schrift klare praktische Interessen. Es ging darum, die Arbeiterbewegung aus der Krise zu befreien, in die sie geraten war, weil die sozialdemokratischen Parteien der II. Internationale ein Klassenb\u00fcndnis mit \u201eihren\u201c nationalen Herren geschlossen hatten und in den Krieg gezogen waren.<\/p>\n<p>Lenin f\u00fchrte den Begriff \u201eImperialismus\u201c auf Ver\u00e4nderungen in der \u00f6konomischen Basis des Kapitalismus zur\u00fcck und entwickelte Kriterien f\u00fcr seine Verwendung. Imperialismus ist Kapitalismus in seinem \u201emonopolistischen\u201c Stadium, also einer, in dem die Konzentrations- und Zentralisationstendenz des Kapitalismus zur Herausbildung marktbeherrschender Gro\u00dfkonzerne gef\u00fchrt hat. Er arbeitet die ver\u00e4nderte Rolle der Banken (Verschmelzung von Industrie- und Bankkapital zu Finanzkapital) und die Rolle von Kapitalexporten bei der Aufteilung der Welt in Interessensph\u00e4ren heraus.<\/p>\n<p>Die \u00f6konomische Analyse ist ihm aber zugleich kein Selbstzweck. Der Imperialismus-Schrift voran gingen bereits mehrere kleinere Arbeiten zur Stellung der revolution\u00e4ren Arbeiterbewegung zum Weltkrieg (z.B. \u201e\u00dcber die Niederlage der eigenen Regierung im imperialistischen Kriege\u201c von 1914, \u201eSozialismus und Krieg\u201c von 1915, \u201eDer Opportunismus und der Zusammenbruch der II. Internationale\u201c von 1916). Lenin will auf eine Position hinaus, die er in der Imperialismus-Schrift so umrei\u00dft: \u201eIn der Schrift wird der Beweis erbracht, dass der Krieg von 1914 \u2013 1918 auf beiden Seiten ein imperialistischer Krieg (d.h. ein Eroberungskrieg, ein Raub- und Pl\u00fcnderungskrieg) war, ein Krieg um die Aufteilung der Welt, um die Verteilung und Neuverteilung der Kolonien, der \u201aEinflu\u00dfsph\u00e4ren\u2018 des Finanzkapitals usw.\u201c Und er will die Frage kl\u00e4ren, warum die vor Kriegsbeginn noch auf Solidarit\u00e4t des Proletariats gegen den Bellizismus der Herrschenden setzenden Parteien der II. Internationale nun das B\u00fcndnis mit ihrer nationalen Bourgeoisie einging, um die Arbeiter:innen der anderen Nationen abzuschlachten.<\/p>\n<p>Im Zentrum seiner Erkl\u00e4rung steht der \u201eParasitismus\u201c der imperialistischen Nationen, die zu Vehikeln der Auspl\u00fcnderung des Rests der Welt werden. Er zitiert eine erstaunlich prophetische Passage des englischen \u00d6konomen John Atkinson Hobson: \u201eDer gr\u00f6\u00dfte Teil Westeuropas k\u00f6nnte dann das Aussehen und den Charakter annehmen, die einige Gegenden in S\u00fcd-England, an der Riviera sowie in den von Touristen am meisten besuchten und von den reichen Leuten bewohnten Teilen Italiens und der Schweiz bereits haben: ein H\u00e4uflein reicher Aristokraten, die Dividenden und Pensionen aus dem Fernen Osten beziehen, mit einer etwas gr\u00f6\u00dferen Gruppe von Angestellten und H\u00e4ndlern und einer noch gr\u00f6\u00dferen Anzahl von Dienstboten und Arbeitern im Transportgewerbe und in den letzten Stadien der Produktion leicht verderblicher Waren; die wichtigsten Industrien w\u00e4ren verschwunden. Die Lebensmittel und Industriefabrikate f\u00fcr den Massenkonsum w\u00fcrden als Tribut aus Asien und Afrika kommen. (\u2026 ) M\u00f6gen diejenigen, die eine solche Theorie als nicht der Erw\u00e4gung wert ver\u00e4chtlich abtun, die heutigen wirtschaftlichen und sozialen Verh\u00e4ltnisse in jenen Bezirken S\u00fcdenglands untersuchen, die schon jetzt in eine solche Lage versetzt sind, und m\u00f6gen sie dar\u00fcber nachdenken, welch gewaltiges Ausma\u00df ein derartiges System annehmen w\u00fcrde, wenn China der \u00f6konomischen Herrschaft \u00e4hnlicher Gruppen von Finanziers, Investoren, von Beamten in Staat und Wirtschaft unterworfen w\u00fcrde, die das gr\u00f6\u00dfte potentielle Profitreservoir, das die Welt je gekannt hat, aussch\u00f6pfen w\u00fcrden, um diesen Profit in Europa zu verzehren.\u201c<\/p>\n<p>Die in den imperialistischen Zentren beheimateten Monopolkonzerne eignen sich \u00fcber \u2013 so w\u00fcrde man heute sagen \u2013 Global Value Chains den Mehrwert aus der ganzen Welt an. Und damit sind sie in der Lage, einen kleinen Teil der Beute an die privilegiertesten Arbeiterschichten der eigenen Nation weiterzugeben, um sich sozialen Frieden zu erkaufen. Diese \u201eArbeiteraristokratie\u201c bildet die Klassenbasis des sozialdemokratischen Opportunismus und Sozialchauvinismus.<\/p>\n<p>Der politische Inhalt des Opportunismus und Sozialchauvinismus ist f\u00fcr Lenin stets das Klassenb\u00fcndnis mit der \u201eeignen Bourgeoisie\u201c, auf Deutsch: die \u201eSozialpartnerschaft\u201c: \u201eDas B\u00fcndnis einer kleinen bevorrechteten Arbeiterschicht mit \u201aihrer\u2018 nationalen Bourgeoisie gegen die Masse der Arbeiterklasse, das B\u00fcndnis der Lakaien der Bourgeoisie mit ihr gegen die von ihr ausgebeutete Klasse\u201c, wie er in \u201eDer Opportunismus und der Zusammenbruch der II. Internationale\u201c formuliert.<\/p>\n<p>Nun ist aber die Arbeiteraristokratie f\u00fcr Lenin noch eine selbst in den entwickelten kapitalistischen L\u00e4ndern stets kleine Schicht des Proletariats. Mit dieser Einschr\u00e4nkung brach der d\u00e4nische Kommunistische Arbeitskreis (KAK) in den 1960er-Jahren und entwickelte die \u201eSchmarotzerstaat\u201c-Theorie, die nachzuweisen suchte, dass ohne den Wegfall der globalen Abh\u00e4ngigkeiten die Arbeiterklasse im Westen zu keiner Revolution f\u00e4hig sei. \u201eDie Arbeiterklasse hat keine Chance, die Kapitalistenklasse zu st\u00fcrzen und den Sozialismus aufzubauen, bevor das Fundament der Kapitalistenklasse durch den Kampf und zumindest teilweisen Sieg der V\u00f6lker Asiens, Afrikas und Lateinamerikas ersch\u00fcttert wurde\u201c, schrieb der Gr\u00fcnder der Schmarotzerstaat-Theorie, Gotfred Appel 1966. Die Gruppe, aus der sp\u00e4ter die sogenannte Blekingegade-Bande hervorging, der auch der Autor des vorliegenden Bandes angeh\u00f6rte, setzte die Theorie konsequent in die Praxis um: Auf Agitation f\u00fcr den \u201eheimischen\u201c Klassenkampf wurde zugunsten von Umverteilungsaktionen in den Globalen S\u00fcden verzichtet. Die der Theorie entsprechende Praxis war der Bankraub f\u00fcr Befreiungsbewegungen.<\/p>\n<p>1989\/1990 endete diese Praxis mit der Verhaftung mehrerer Genossen, darunter Lauesen, und mehrj\u00e4hrigen Haftstrafen. 2017 erschien \u201eDie globale Perspektive\u201c zun\u00e4chst auf D\u00e4nisch, ein Jahr sp\u00e4ter auf Englisch. Der Band liefert nicht nur historisch interessante Passagen zur kolonialen Frage in der Arbeiterbewegung sowie zur Geschichte der Imperialismus-Theorie und des Antiimperialismus. Er kn\u00fcpft auch inhaltlich an die fr\u00fcheren Arbeiten der Schmarotzerstaat-Theorie an, wenngleich er deren Spitze, revolution\u00e4rer Klassenkampf sei in den Metropolen quasi unm\u00f6glich, abschw\u00e4cht.<\/p>\n<p>Wichtig ist aber: Er bleibt bei der \u201eglobalen Perspektive\u201c, also einer Sicht auf die Klasse, die nicht beim jeweils \u201enationalen\u201c Proletariat stehen bleibt, sondern Imperialismus als weltumspannendes System begreift, in welchem auch die Klasse nur als Weltarbeiterklasse zu fassen ist. Wertsch\u00f6pfung hat hier auch immer mit der Unterordnung der Mehrheit der Nationen unter die imperialistischen Big Player zu tun. Und die \u201enationalen\u201c Arbeiterklassen sind nicht mehr als Sektionen der einen Weltarbeiterklasse. Daraus ergeben sich weitreichende Fragen: Mit welchen Mechanismen vollzieht sich der Surplus-Transfer aus der Peripherie in die Metropolen? Welche Auswirkungen hat das auf die Lebensrealit\u00e4ten der Klasse dort wie hier? Und auf welchen gemeinsamen Nenner sind die Interessen der in sich gespaltenen Weltarbeiterklasse zu bringen, um sie als k\u00e4mpfendes politisches Subjekt zu konstituieren?<\/p>\n<p>Die so aufgeworfenen Fragen sind keine blo\u00df theoretischen Spielereien. Eine revolution\u00e4re Linke, die sich in Deutschland neu aufstellt, wird das nur auf Grundlage einer ausgearbeiteten Imperialismustheorie k\u00f6nnen. Und dazu kann sie den Input aus internationalen Debatten ganz gut gebrauchen. Schriften wie \u201eDie Globale Perspektive\u201c gibt es auf deutsch sicherlich zu wenige. Im englischsprachigen Raum sind mit Intan Suwandis Arbeiten zu Arbeitsarbitrage und Globalen Wertsch\u00f6pfungsketten, John Smith\u2018s \u201eImperialism in the 21st Century\u201c oder Zak Copes \u201eThe wealth of (some) nations\u201c neben den Werken Lauesens zahlreiche B\u00fccher vorhanden, die geeignet sind, eine Imperialismustheorie auf der H\u00f6he der Zeit zu formulieren. In Deutschland sieht es da magerer aus. Wir hoffen, mit der in diesem Band vorliegenden \u00dcbersetzung anzufangen, diese L\u00fccke zu schlie\u00dfen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/lowerclassmag.com\/2022\/10\/26\/die-globale-perspektive-imperialismus-und-widerstand\/\"><em>lowerclassmag.com&#8230;<\/em><\/a><em> vom 9. November 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Imperialismus \u2013 kaum ein Schlagwort wird so sinnentleert benutzt wie dieses. 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