{"id":12159,"date":"2022-11-18T12:05:47","date_gmt":"2022-11-18T10:05:47","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12159"},"modified":"2022-11-18T12:05:48","modified_gmt":"2022-11-18T10:05:48","slug":"welche-vertragsverlaengerung-fuer-die-bauarbeiter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12159","title":{"rendered":"Welche Vertragsverl\u00e4ngerung f\u00fcr die Bauarbeiter?"},"content":{"rendered":"<p><em>Sofia Ferrari.<\/em> <strong>Die Mobilisierungskampagne der Bauarbeiter f\u00fcr die Erneuerung des Landesmantelvertrages (LMV) endete mit einer Demonstration vor dem Hauptsitz der Bauunternehmer in Z\u00fcrich. Eine Mobilisierung, die die Licht- und Schattenseiten der gewerkschaftlichen Strategie und des Zustands in diesem Sektor <\/strong><strong><!--more-->ans Licht brachte; dies ist wesentlich, um die m\u00f6glichen Entwicklungen der Situation zu verstehen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Von der guten Mobilisierung in der Westschweiz und im Tessin&#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Zweifellos waren die Mobilisierungen f\u00fcr die Erneuerung des LMV im Tessin und in der Westschweiz wichtig und k\u00e4mpferisch, wenn auch innerhalb der traditionellen Grenzen.<\/p>\n<p>Die Beteiligung an den Demonstrationen im Tessin (ca. 2.500) und in der Westschweiz (6-7.000) war gut, sehr k\u00e4mpferisch und so gross, dass die Produktion praktisch zum Erliegen kam. Tats\u00e4chlich blieben die Baustellen bis auf wenige Ausnahmen geschlossen.<\/p>\n<p>Die Vorbehalte gegen\u00fcber solcherart von Mobilisierungen \u2013 die sich nun schon seit Jahren hinziehen \u2013 besteht darin, dass sie einmalig sind: Sie dienen dazu, Muskeln zu zeigen, die dann nicht kontinuierlich trainiert werden k\u00f6nnen \u2013 oder wollen.<\/p>\n<p>Mit anderen Worten, wie schon mehrmals in der Vergangenheit, wird ein Streiktag ausgerufen, ohne dass der Kampf \u00fcber diesen hinaus verl\u00e4ngert wird; nur die Uninformierten oder diejenigen mit einem sehr kurzen Ged\u00e4chtnis haben entdeckt, dass die Bauarbeiter im Tessin und anderswo wissen, wie man streikt. In den vergangenen Jahren gab es noch zahlreichere und k\u00e4mpferischere Mobilisierungen. Solche Mobilisierungen werden nicht als Ausgangspunkt einer Mobilisierung, sondern deren Endpunkt verstanden, in der Hoffnung, dass die Bosse am Ende ihre Position ein wenig \u00e4ndern werden.<\/p>\n<p>Es gen\u00fcgt, daran zu erinnern, dass in der Vergangenheit oft und sogar nach Mobilisierungen dieser Art die Verhandlungen nicht fortgef\u00fchrt wurden und die Unternehmer daraufhin ihren eigenen Weg gegangen sind, indem sie die bestehenden Arbeitsbedingungen aufrechterhalten und den Unternehmen die Lohnerh\u00f6hungen empfohlen haben, die sie f\u00fcr angemessen hielten. Eine gef\u00e4hrliche Situation f\u00fcr die Gewerkschaften, zumindest kurzfristig, vor allem dann, wenn die Nichtverl\u00e4ngerung des LMV f\u00fcr die konkreten Bedingungen der Arbeiter nicht ein gef\u00e4hrlicher R\u00fcckschritt bedeuten w\u00fcrde.<\/p>\n<p><strong>&#8230;auf die sehr schlechte Situation in der Deutschschweiz<\/strong><\/p>\n<p>Im Herzen des Baugewerbes (Bern, Z\u00fcrich, Basel, Aargau, St. Gallen) hatten wir insgesamt rund 3.000 Teilnehmer an den Gewerkschaftsdemonstrationen. Sehr wenig, wenn man bedenkt, dass diese Region das Herzst\u00fcck der Baut\u00e4tigkeit in unserem Land ist, wo die grosse Mehrheit der Arbeiter, die dem LMV angeschlossen sind, lebt und arbeitet.<\/p>\n<p>Dies sind auch die Regionen, die politisch entscheidend sind. In diesen ihren Bastionen sch\u00e4tzen die Bosse die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse und deren Entwicklung anhand der gewerkschaftlichen Aktionsf\u00e4higkeit ein. Aufgrund dieser Lagebeurteilung entscheiden sie, wieweit sie am Verhandlungstisch Zugest\u00e4ndnisse machen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Und unter diesen Bedingungen kann man sagen, dass sich das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis in den Augen der Bosse nicht entscheidend ver\u00e4ndert hat. Diese Dinge sind in der Gewerkschaftsbewegung bekannt, insbesondere in der UNIA, deren schwache Pr\u00e4senz an den Arbeitspl\u00e4tzen in wirtschaftlich entscheidenden Regionen seit mindestens 30 Jahren thematisiert wird \u2013 damals hiess sie noch GBI. In Wirklichkeit wurde dieses Problem, insbesondere unter der langj\u00e4hrigen Leitung von Vasco Pedrina, nie angegangen, geschweige denn gel\u00f6st.<\/p>\n<p><strong>Die Baumeister in der Offensive\u2026<\/strong><\/p>\n<p>Interessant ist die Art und Weise, wie die Chefs ihre Position zu der aktuellen Erneuerung des LMV entwickelt haben. Besonders hervorzuheben sind die Angriffsposition und die Konzentration der Forderungen der Baumeisteer auf die grunds\u00e4tzliche Frage der flexiblen Arbeitszeiten.<\/p>\n<p>Nicht dass die geltenden Vorschriften in der \u00fcberwiegenden Mehrheit der Regionen des Landes keine ausreichende Flexibilit\u00e4t zulassen w\u00fcrden; im Gegenteil, die schwache Pr\u00e4senz der Gewerkschaften am Arbeitsplatz und das Fehlen einer Arbeitsinspektion, die diesen Namen verdienen w\u00fcrde, lassen in den meisten Kantonen die Feststellung zu, dass leider in der \u00fcberwiegenden Mehrheit der F\u00e4lle nicht einmal die geltenden Vorschriften eingehalten werden. Die &#8222;Skandale&#8220; und &#8222;Beschwerden&#8220;, die oft auftauchen (man denke an die ber\u00fchmte Ger\u00fcst-Aff\u00e4re im Fall Argo im Tessin), sind nur die Spitze des Eisbergs.<\/p>\n<p>In Wirklichkeit hatten und haben die &#8222;\u00fcberzogenen&#8220; Vorschl\u00e4ge der Baumeister (die dann in dieser \u00fcberrissenen Form von den Gewerkschaften abgelehnt werden, wie das Beispiel der 58-Stunden-Woche zeigt) zwei Ziele:<\/p>\n<p>Einerseits sollen die Vorschl\u00e4ge der Gewerkschaft neutralisiert werden, die sich auf denselben Bereich der Arbeitszeit beziehen (insbesondere die Bezahlung der Fahrtzeit von der Abholstelle zur Baustelle), mit dem Ziel, ein Unentschieden zu erreichen, bei dem sowohl die \u00fcberzogenen Vorschl\u00e4ge der Baumeister als auch die der Gewerkschaften abgelehnt w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Zum anderen, und das ist ein noch wichtigeres Ziel, die Lohnforderungen der Gewerkschaften zu d\u00e4mpfen. Und in der Tat, die Lohnforderung \u2013 260 Franken monatliche Erh\u00f6hung f\u00fcr alle, was einer Erh\u00f6hung von etwa 4,5 % des nationalen Durchschnittslohns entspricht \u2013 wurde nicht deutlich gemacht, nicht einmal bei den j\u00fcngsten Mobilisierungen.<\/p>\n<p>Sie scheint uns jedoch eine zentrale Forderung zu sein, nicht nur wegen der rasanten Inflation, unter denen die Lohnabh\u00e4ngigen in diesem Land zu leiden haben, sondern auch angesichts des geringen Lohnausgleichs, der in den letzten Jahren in diesem Sektor gew\u00e4hrt wurde, und zwar aus den eingangs genannten Gr\u00fcnden.<\/p>\n<p><strong>&#8230;Gewerkschaften in der Abwehr<\/strong><\/p>\n<p>Die Logik dieser Vertragsverl\u00e4ngerung war auf Seiten der Gewerkschaften rein defensiv. In der \u00dcberzeugung, dass sie nicht viel erreichen k\u00f6nnen, zogen sie es vor, alles auf die Verteidigung des Status quo zu konzentrieren, insbesondere im Hinblick auf die Regelung der Arbeitszeit, die so genannte Flexibilit\u00e4t.<\/p>\n<p>Dies wird durch die Tatsache best\u00e4tigt, dass die gewerkschaftliche Mobilisierung erst sehr sp\u00e4t einsetzte und sich jetzt wohl ersch\u00f6pft hat. In der Tat scheint es schwer vorstellbar, dass Ende November eine neue Mobilisierungskampagne in Bezug auf Intensit\u00e4t und Dauer viel weiter gehen k\u00f6nnte \u2013 und dies m\u00fcsste sie, wenn sie denn eine Chance auf Erfolg haben soll \u2013 als das, was in den letzten Wochen durchgef\u00fchrt wurde. Vor allem in den grossen Agglomerationen der Deutschschweiz w\u00e4re ein Umdenken bei der Mobilisierungsf\u00e4higkeit n\u00f6tig. Was im Moment sehr unwahrscheinlich erscheint.<\/p>\n<p>Es ist also mit einer langwierigen Verhandlungsphase zu rechnen. Die Unternehmer haben kein Interesse an einem schnellen Abschluss, da sie von einem nicht allzu langen vertraglichen Vakuum nur profitieren w\u00fcrden. Nimmt man einmal an, die Verhandlungen f\u00fchren bis Ende Jahr zu einem Ergebnis, so wird dies vermutlich zu gewerkschaftlichen Zugest\u00e4ndnissen bez\u00fcglich der \u00abFlexibilit\u00e4t\u00bb f\u00fchren und im Gegenzug unbedeutende Kompromisse bez\u00fcglich Lohnerh\u00f6hungen mit sich bringen.<\/p>\n<p>Ein alles andere als gl\u00e4nzendes Ergebnis f\u00fcr die Erneuerung des LMV in einem Sektor, der in den letzten Jahren expandiert und hohe Profite erzielt hat und auf den sich nicht einmal die Pandemie \u00fcberm\u00e4ssig negativ ausgewirkt hat. Dies \u00e4ndert aber nichts daran, dass die Gewerkschaftsf\u00fchrungen dieses kl\u00e4gliche Ergebnis als Erfolg anpreisen werden!<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/mps-ti.ch\/2022\/11\/quale-rinnovo-contrattuale-per-gli-edili\/\"><em>mps-ti.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 17. November 2022; \u00dcbersetzung und leichte \u00c4nderungen durch Redaktion maulwuerfe.ch<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sofia Ferrari. Die Mobilisierungskampagne der Bauarbeiter f\u00fcr die Erneuerung des Landesmantelvertrages (LMV) endete mit einer Demonstration vor dem Hauptsitz der Bauunternehmer in Z\u00fcrich. 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