{"id":12206,"date":"2022-11-24T09:58:05","date_gmt":"2022-11-24T07:58:05","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12206"},"modified":"2022-11-24T09:58:06","modified_gmt":"2022-11-24T07:58:06","slug":"iran-proteste-anfangs-emotional-jetzt-politisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12206","title":{"rendered":"<strong>Iran-Proteste: \u201eAnfangs emotional \u2013 jetzt politisch\u201c<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Interview der Liga f\u00fcr die F\u00fcnfte Internationale (LFI))mit Ali Rezaei, einem Iranischen Sozialisten<\/em><\/p>\n<p><em>Interview der Liga f\u00fcr die F\u00fcnfte Internationale (LFI))mit Ali Rezaei, einem Iranischen Sozialisten<\/em><\/p>\n<p><strong>LFI: Wir m\u00f6chten unser Mitgef\u00fchl ausdr\u00fccken. Wir wissen, dass viele Menschen, und fast alle Sozialist:innen, im Iran einen geliebten Menschen verloren haben oder um einen solchen f\u00fcrchten. Wie f\u00fchlst Du Dich, wenn Du jetzt Tausende von Menschen<\/strong><!--more--> <strong>siehst, die sich auf den Stra\u00dfen des Irans wehren?<\/strong><\/p>\n<p>AR: Das iranische Volk k\u00e4mpft gegen einen barbarischen Klerus, dessen Brutalit\u00e4t die Jugend, die Frauen, die Arbeiter:innen, die Armen, die Liberalen, die Progressiven, die Sozialist:innen und alle, die einen anderen Standpunkt vertreten, mit Blut getr\u00e4nkt hat. In jeder Stadt, ja in jeder Familie, gibt es Beispiele von Menschen, die nicht nur Unterdr\u00fcckung und Gewalt, sondern auch den Tod erlebt haben. Der Klerus hat das Leben zu einer Qual gemacht.<\/p>\n<p>Dies ist keine gew\u00f6hnliche Bewegung, sondern der Hass gegen den Klerus ist explodiert. Die Ermordung von Jina Mahsa Amini hat eine Revolution ausgel\u00f6st, in der Frauen eine zentrale Position eingenommen haben und Student:innen ebenfalls sehr wichtig sind. Sie haben in den Bewegungen der Vergangenheit immer eine entscheidende Rolle gespielt. Die iranische Gesellschaft hat die Herrschaft des Klerus abgelehnt.<\/p>\n<p>Die Ermordung von Mahsa hat die Angst zerschlagen. Urspr\u00fcnglich war es emotional, aber jetzt ist es politisch, eine Bedrohung f\u00fcr das Regime, das die Massen seit vier Jahrzehnten unterdr\u00fcckt hat. Die Bewegung hat das einfache Volk geeint. Es scheint, dass das Ende dieses repressiven Regimes m\u00f6glich ist. Das treibt den Kampf voran und hat Kurd:innen, Belutsch:innen, Araber:innen sowie die Arbeiter:innen und Armen mit einbezogen.<\/p>\n<p>Die Revolte, die sich an Universit\u00e4ten und Schulen ausgebreitet hat, ist ermutigend. Fr\u00fcher waren es Aktivist:innen, die hofften, dass diese dunkle Nacht ein Ende haben w\u00fcrde. Jetzt wird diese Stimmung von der gesamten Gesellschaft geteilt, die sich weigert, dieses Scharia-System zu akzeptieren. Unterdr\u00fcckung und Tyrannei werden nicht l\u00e4nger geduldet, die Menschen k\u00e4mpfen dagegen und f\u00fcr die Freiheit.<\/p>\n<p><strong>LFI: Mahsa ist ein Symbol f\u00fcr die Brutalit\u00e4t der Sittenpolizei und die Unterdr\u00fcckung des kurdischen Volkes. Jetzt ist sie auch zu einem Band geworden, das den Widerstand wieder zusammengef\u00fchrt hat. Wie hat sich der Tod von Mahsa auf Dich ausgewirkt?<\/strong><\/p>\n<p>AR: Ihr richtiger Name ist nicht Mahsa Amini. Im Iran darf man keine kurdischen Namen verwenden. Ihr richtiger Name ist Jina. Das zeigt, wie stark die nationale Unterdr\u00fcckung im Iran ist. Die Art und Weise, wie Demonstrant:innen nach der Vergewaltigung eines belutschischen M\u00e4dchens get\u00f6tet wurden, zeigt das wahre Gesicht dieser islamistischen Regierung. Ob unter dem Schah oder dem Klerus, in den Gebieten der unterdr\u00fcckten Nationen kamen immer extreme Formen der Unterdr\u00fcckung vor, R\u00fcckst\u00e4ndigkeit und Armut. Aber es gab auch Widerstand, manchmal bewaffnet. T\u00fcrk:innen, Kurd:innen, Araber:innen und Belutsch:innen sind in dieser Bewegung vereint, und die Slogans gegen die nationale Unterdr\u00fcckung und das herrschende Regime vereinen die Bewegung.<\/p>\n<p>F\u00fcr die iranischen Staatsb\u00fcrger:innen ist das Regime des Klerus seit Jahrzehnten eine Falle. Im Rahmen dieser Bewegung gegen die Ermordung von Mahsa droht vielen jungen Frauen und Student:innen die Inhaftierung. Viele wurden sogar bereits brutal ermordet. Tod der Diktatur! Sie ist eine Blutsaugerin! Die Fundamente dieses Systems stehen in dem Blut, das diese ber\u00fcchtigte religi\u00f6se Diktatur vergossen hat. Wir alle sind Jina. Die Solidarit\u00e4t mit dieser Revolution gibt uns Hoffnung. Ich appelliere an die Frauen und Arbeiter:innen in aller Welt, diesen Kampf gegen die Unterdr\u00fcckung, die die schlimmste Dekadenz des kapitalistischen Systems und des Imperialismus hervorgebracht hat, weiterhin zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p><strong>LFI: Wir h\u00f6ren Berichte \u00fcber eine neue Generation junger iranischer Frauen, die sich weder dem Staat noch seiner Ideologie beugen.<\/strong><\/p>\n<p>AR: Die Haltung des klerikalen Regimes war f\u00fcr Frauen schon vor diesem Mord unertr\u00e4glich geworden. Die Geschichte der Frauenbewegungen im Iran ist bewundernswert. Es gab bereits ein Gef\u00fchl der Macht, aber der Tod von Mahsa verwandelte dies in eine Revolution.<\/p>\n<p>Die Frauen akzeptieren den Hidschab und andere Einschr\u00e4nkungen nicht. Jugendliche und Student:innen, die eine wichtige Rolle spielen, sind f\u00fcr die Mullahs schwer zu kontrollieren. Hass und Wut wachsen. Einer der Hauptgr\u00fcnde daf\u00fcr ist neben den Einschr\u00e4nkungen und der Unterdr\u00fcckung die Wirtschaftskrise. Der jungen Generation wurde die Hoffnung genommen, und ihre einzige M\u00f6glichkeit ist der Kampf.<\/p>\n<p>Die Situation ist jetzt ganz anders. Eine gro\u00dfe Mehrheit der Bev\u00f6lkerung will die Mullahs loswerden. Frauen spielen eine wichtige Rolle bei der Mobilisierung, aber jetzt schlie\u00dfen sich alle Schichten der Bewegung an. Selbst religi\u00f6se Menschen hassen diese Regierung jetzt, was bedeutet, dass die Wurzeln des klerikalen Regimes hohl geworden sind und seine Basis sehr schwach ist.<\/p>\n<p><strong>LFI: Kannst du uns etwas \u00fcber die Mentalit\u00e4t dieser neuen Generation erz\u00e4hlen, von der wir alle hoffen, dass sie der Garant f\u00fcr zuk\u00fcnftige Freiheit sein wird?<\/strong><\/p>\n<p>AR: Junge Menschen machen mehr als 60 Prozent der iranischen Gesellschaft aus. Sie tragen nicht die Last vergangener Niederlagen und stehen in Kontakt mit der modernen Welt, auch wenn es viele Probleme gibt und die Situation sehr kompliziert ist. Inflation und Arbeitslosigkeit haben jedoch alle Schichten der Gesellschaft erfasst. Auch die Mittelschicht ist davon stark betroffen, und deshalb umfasst die Bewegung verschiedene Schichten.<\/p>\n<p>Andererseits ist die Popularit\u00e4t der Mullahs auf einen Tiefpunkt gesunken, und es wird immer schwieriger, diese Jugendlichen zu kontrollieren. Sie sind w\u00fctend \u00fcber die Dem\u00fctigung, der sie, insbesondere die Frauen, ausgesetzt sind. Die Gesellschaft liegt bereits so sehr im W\u00fcrgegriff, aber es werden noch mehr Einschr\u00e4nkungen auferlegt, um die Situation unter Kontrolle zu bringen. Frauen werden nicht nur gedem\u00fctigt, sie werden gewaltsam verhaftet und verschwinden, und auch die Familienmitglieder werden gedem\u00fctigt. Das ganze System basiert auf Angst und Unterdr\u00fcckung, und die Jugend akzeptiert es nicht mehr.<\/p>\n<p><strong>LFI: Wie reagieren die Sittenpolizei und das Regime auf diese junge Generation? Kannst Du uns etwas \u00fcber die Praktiken der Sittenpolizei und das Leid, das sie verursacht, erz\u00e4hlen?<\/strong><\/p>\n<p>AR: Der iranische Staat und seine Institutionen waren fr\u00fcher in der Lage, jeden Widerstand mit Gewalt zu unterdr\u00fccken. Seit 2009 wurden verschiedene Bewegungen durch die brutale Repression, das Verschwinden-Lassen, die Verhaftungen und die Massaker der Welayat-e-Faqih-Bande (Statthalterschaft des Rechtsgelehrten), der m\u00f6rderischen sogenannten W\u00e4chter:innen der Revolution und anderer niedergeschlagen. Die Unterdr\u00fcckung der Kurd:innen und Belutsch:innen ist besonders extrem.<\/p>\n<p>Schon vor Covid trug die anhaltende Wirtschaftskrise zu einem starken Anstieg von Armut, Inflation und Arbeitslosigkeit bei. Gegenw\u00e4rtig leben mehr als 40 Prozent der iranischen Bev\u00f6lkerung unterhalb der Armutsgrenze.<\/p>\n<p>Die Ermordung von Jina Mahsa Amini l\u00f6ste den allgemeinen Widerstand aus, aber die Ursachen f\u00fcr diese Revolution waren bereits vorhanden. Die Brutalit\u00e4t des Staates hat nicht abgenommen, aber jetzt ist es nicht mehr der Kampf einer einzelnen Schicht. Auch religi\u00f6se Menschen wollen ihn loswerden. Die Mehrheit wird dieses System nicht akzeptieren und will einen Ausweg. Die Tapferkeit der Frauen und Studentinnen ist eine Ohrfeige f\u00fcr das Regime. Trotz der Tatsache, dass Massaker, Verhaftungen und das Verschwinden-Lassen von Personen an der Tagesordnung sind, h\u00e4lt dies die Moral der Bewegung aufrecht. Obwohl die vorherige Generation Angst um ihre Kinder hat, gibt ihr Mut auch den Eltern Hoffnung.<\/p>\n<p><strong>LFI: Wir h\u00f6ren von neuen Netzwerken unter radikalen Student:innen und innerhalb der Gewerkschaftsbewegung. Wie effektiv sind sie und welche Rolle haben sie vor Ort gespielt?<\/strong><\/p>\n<p>AR: Die Protestbewegung brach spontan aus, aber es existiert eine Koordination, die nicht nur durch Internetaufrufe kommuniziert wird. Es besteht auch eine lokale Koordination. Die Menschen sprechen \u00fcber die aktuelle Situation bei den Protesten und diskutieren auch die Strategie f\u00fcr Aktionen. Student:innen&nbsp; an den Universit\u00e4ten unterhalten Netzwerke, die die Autorit\u00e4t der Mullahs ablehnen. Es gibt Organisationen der Arbeiter:innenklasse, die Proteste und Streiks organisieren. Alle diese Organisationen spielen eine wichtige Rolle, aber das Fehlen einer F\u00fchrung, die einen landesweiten Wandel erzwingen kann, ist jetzt noch deutlicher zu sp\u00fcren. Die Ermordung von Jina Mahsa Amini hat den Iran geeint, aber es gibt Widerspr\u00fcche, und wir brauchen eine Strategie, die die Mullahs zur\u00fcckdr\u00e4ngen und die Revolution weiter voranbringen kann.<\/p>\n<p><strong>LFI: Was bedeutet die Wirtschaftskrise? Wie stehen die Aussichten f\u00fcr die Linke?<\/strong><\/p>\n<p>AR: Die Wirtschaftskrise hat im Iran Verw\u00fcstungen angerichtet, die Preise f\u00fcr die Grundbed\u00fcrfnisse sind um mehr als 60 Prozent gestiegen. Die Mittelschicht ist ruiniert und die Bedingungen f\u00fcr die Arbeiter:innen sind schrecklich. Berichte \u00fcber die Korruption der Mullahs stehen auf der Tagesordnung. Fabriken werden geschlossen, in der Ersatzteilproduktion sind 100.000 Arbeitspl\u00e4tze verlorengegangen. Die Menschen im Iran haben auch die Nase voll von der Interventionspolitik des Mullah-Regimes in anderen L\u00e4ndern, die ihr Leben immer weiter von der Welt isoliert. Sie alle beteiligen sich an der Revolution \u201eFrau. Leben. Und Freiheit\u201c. Alle sehen die L\u00f6sung der Wirtschaftskrise im Tod der Diktatur. Die Situation ist sehr schwierig, es gibt keine besonders starke Str\u00f6mung. Begrenzt kommt sogar Unterst\u00fctzung von Liberalen und Anh\u00e4nger:innen des ehemaligen Schahs, aber es ist auch Raum geschaffen f\u00fcr sozialistische Ideen. In wirtschaftlicher Hinsicht haben die Sozialist:innen eine Perspektive f\u00fcr das Ende des Mullah-Regimes, die Freiheiten und ein Ende der wirtschaftlichen Unterdr\u00fcckung bringt.<\/p>\n<p><strong>LFI: Hat die Bewegung auch die industriellen Zentren des Irans erreicht? Schlie\u00dflich m\u00fcssen die Inflation und die allgemeine Krise viele Menschen und Familien aus der Arbeiter:innenklasse an den Rand treiben. Welche Forderungen beziehen sich konkret auf die Klassenfrage?<\/strong><\/p>\n<p>AR: Der Kampf entwickelt sich in der Arbeiter:innenklasse, und sie nimmt an den Protesten teil, aber viele ihrer Anf\u00fchrer:innen wurden verhaftet. Die Arbeiter:innenklasse beteiligt sich in verschiedenen St\u00e4dten daran, insbesondere die Lehrer:innen sind in dieser Hinsicht sehr aktiv. In Teheran sind die Busfahrer:innen mobilisiert, und die Tankwagenfahrer:innen haben am 19. Oktober in Solidarit\u00e4t mit dem Protest gestreikt. Die Arbeiter:innen der R\u00f6hrenwerke, des Stahlkomplexes Neyriz Ghadir, der Mehrschar-Raffinerie, der petrochemischen Gesellschaft und der Raffinerie in Abadan, der petrochemischen Gesellschaft auf der Insel Hengham, der petrochemischen Gesellschaft in Buschehr und des Gaskondensatfeldes in S\u00fcdparas streiken und protestieren in Solidarit\u00e4t mit den Demonstrant:innen. Die Verhaftung der Anf\u00fchrer:innen hat jedoch zu Schwierigkeiten gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Trotz der Einschr\u00e4nkungen im Internet nehmen die Proteste nicht ab. Die Menschen sind immer noch \u00fcber verschiedene alternative Quellen miteinander verbunden. Ja, es gibt Schwierigkeiten, aber aufgrund der Widerspr\u00fcche des Imperialismus er\u00f6ffnen sich auch Chancen, und viele junge Menschen erstellen Links, die Videos und andere Botschaften verbreiten. Die Regierung greift jedoch immer wieder an. Verschiedene Gewerkschaften haben zum Streik aufgerufen und es kam zu erfolgreichen Arbeitsniederlegungen, aber das generelle Problem dieser Revolution ist immer noch das einer kollektiven F\u00fchrung. Ein Generalstreik ist wichtig, aber er muss bis zum Ende des Mullah-Regimes andauern. Dies erfordert die Bildung von Fabrik- und Betriebsr\u00e4ten sowie Verteidigungskomitees. Ohne sie ist die staatliche Repression unvermeidlich, und es ist nicht m\u00f6glich, es mit ihr aufzunehmen.<\/p>\n<p><strong>LFI: Ist es richtig zu sagen, dass alle, die sich an dem derzeitigen Kampf beteiligen, den Sturz des Regimes wollen?<\/strong><\/p>\n<p>AR: Die Bewegung will mehr als nur Reformen, sie will das Ende des Mullah-Regimes. Es ist ein starker Geist, der die Menschen aktiv h\u00e4lt. Trotz aller Unterdr\u00fcckung sind die Menschen nicht bereit, sich mit weniger zufriedenzugeben als mit dem Sturz der Regierung. Die Unterdr\u00fcckung ist jedoch sehr hart. Und die Demonstrant:innen m\u00fcssen vor den M\u00f6rder:innengarden und anderen reaktion\u00e4ren Kr\u00e4ften gesch\u00fctzt werden. Die Demonstrant:innen widersetzen sich diesen Kr\u00e4ften, aber das muss organisiert werden.<\/p>\n<p>Alle wollen das Ende dieser Regierung, aber das Fehlen einer nationalen F\u00fchrung bedeutet, dass es keine klare Strategie gibt, und das ist eine gef\u00e4hrliche Situation. Wenn die Regierung st\u00fcrzt, werden die Reformist:innen versuchen, sich als Alternative zu pr\u00e4sentieren, auch wenn sie im Moment wenig Unterst\u00fctzung genie\u00dfen. Dann gibt es auch noch die Pahlavi-Anh\u00e4nger:innen des alten Schah-Regimes. In einer solchen Situation kann es auch zu einer gewissen Unterst\u00fctzung durch die Bev\u00f6lkerung kommen, aber das ist nicht die Alternative, f\u00fcr die die Menschen k\u00e4mpfen. Unserer Meinung nach ist die Forderung nach einer verfassunggebenden Versammlung wichtig, die die Arbeiter:innen durch die Bildung von R\u00e4ten demokratisch vereinen kann, und Wahlen unter deren Kontrolle sind unerl\u00e4sslich. Das sozialistische Programm ist die einzige L\u00f6sung, die der Barbarei der Mullahs ein Ende setzen und auch eine breitere Demokratie bringen kann. Es wendet sich gegen das kapitalistische System und den Imperialismus, was bedeutet, dass die Ressourcen des Irans genutzt werden k\u00f6nnen, um das Leben des Volkes zu verbessern, anstatt den Interessen der herrschenden Klasse untergeordnet zu werden.<\/p>\n<p><strong>LFI: Was sind die f\u00fchrenden politischen Kr\u00e4fte in der Oppositionsbewegung? Welche Klasse f\u00fchrt die Bewegung an? Welche Rolle spielt die Arbeiter:innenklasse als politische Kraft?<\/strong><\/p>\n<p>AR: Dies begann als eine \u201espontane\u201c Bewegung. Schon vor der Ermordung von Jina Mahsa Amini waren alle Zutaten vorhanden, aus denen diese Bewegung entstanden ist. Sie umfasst Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten, und verschiedene Vereinigungen unterst\u00fctzen sie. Sie ist auch in den kurdischen und belutschischen Gebieten zu finden und zieht die verw\u00fcstete Mittelschicht an. Das Einzige, was sie eint, ist die Opposition gegen die Regierung.<\/p>\n<p>Der Einfluss der Jugend in dieser Bewegung ist sehr gro\u00df und vor allem die Studentinnen sind sehr aktiv, trotz aller Unterdr\u00fcckung, Gewalt und Mordes. Die Liberalen hoffen auf Demokratie. Sie wollen sich wieder mit der Welt verbinden, stehen der Regionalpolitik des Staates kritisch gegen\u00fcber und wollen ein freies Leben f\u00fchren. Ein Leben in Ketten ist f\u00fcr sie nicht akzeptabel. Die reformistische F\u00fchrung ist nicht dominant, aber viele derjenigen, die Hoffnungen in den Reformismus setzen, sind aktiv.<\/p>\n<p>Es gibt Platz f\u00fcr die Linke und sie ist auch aktiv. Die Gewerkschaften beteiligen sich an den Protesten. Zwar wird gestreikt, doch m\u00fcssen diese Ma\u00dfnahmen zu einem landesweiten Streik und dem Sturz der Regierung ausgebaut werden. Es muss eine sozialistische Alternativbewegung geben, denn dieses System h\u00e4lt keine L\u00f6sung f\u00fcr die Menschen im Iran parat. Die M\u00f6glichkeit der Vorherrschaft der Konterrevolution ist unter diesen Umst\u00e4nden nicht v\u00f6llig auszuschlie\u00dfen.<\/p>\n<p><strong>LFI: Wie k\u00f6nnen die Frauen der Arbeiter:innenklasse und die Arbeiter:innenklasse als Ganzes nicht nur in den Vordergrund der Stra\u00dfenk\u00e4mpfe treten, sondern die F\u00fchrung im Kampf f\u00fcr die Nachfolge des Regimes \u00fcbernehmen? Wie k\u00f6nnen sie die Vork\u00e4mpfer:innen f\u00fcr eine sozialistische Republik werden? Gibt es Kr\u00e4fte, die versuchen, die beginnende demokratische Revolution dauerhaft zu machen?<\/strong><\/p>\n<p>AR: Trotz aller Repression und Gewalt sind die Mullahs immer noch nicht in der Lage, die Revolution zu kontrollieren. Aber es ist wichtig, daran zu erinnern, dass diese Situation nicht ewig andauern kann. Jetzt ist ein unbefristeter Generalstreik notwendig, der deutlich macht, dass die wirkliche Macht in der Gesellschaft bei der Arbeiter:innenklasse liegt und sie das System stoppen kann. Die Linke hat wenig politischen Einfluss auf die Bewegung, aber es gibt viele M\u00f6glichkeiten f\u00fcr sie in dieser Revolution. Wenn sie nur der bestehenden Bewegung hinterherlaufen w\u00fcrde, k\u00f6nnte das Ergebnis ins Leere laufen, denn selbst wenn das Regime der Mullahs st\u00fcrzt, k\u00f6nnte die Macht an jene Kr\u00e4fte (reformistische, prowestliche, Pahlavi) \u00fcbergehen, die nichts f\u00fcr die Arbeiter:innen und die Armen des Irans tun werden und auch nicht die vollen Freiheiten f\u00fcr die Frauen und die Demokratie bringen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Wir brauchen eine klare sozialistische Alternative, die eine verfassunggebende Versammlung fordert und eine Arbeiter:innenregierung anstrebt, deren Programm das Recht der unterdr\u00fcckten V\u00f6lker auf Selbstbestimmung anerkennt. Nur das kann diese Bewegung zum Erfolg f\u00fchren. Es braucht eine revolution\u00e4re Kraft im Iran, die f\u00fcr die Strategie der Permanenten Revolution k\u00e4mpft und glaubt, dass das Ende des Mullah-Regimes und der Kampf f\u00fcr demokratische Freiheiten im Iran mit der Befreiung vom Imperialismus und dem Ende des Kapitalismus verbunden ist. Eine solche Kraft befindet sich in einem fr\u00fchen Stadium, aber sie hat die M\u00f6glichkeit, ihr Programm zu pr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p><strong>LFI: Was w\u00e4ren die ersten Dinge, die Sozialist:innen umsetzen w\u00fcrden, wenn sie nach dem Sturz des Mullah-Regimes das Sagen h\u00e4tten?<\/strong><\/p>\n<p>AR: Die Abschaffung des Hidschabs und aller anderen Gesetze gegen Frauen, vollst\u00e4ndige demokratische Freiheiten, das Recht auf Selbstbestimmung f\u00fcr unterdr\u00fcckte Nationen, die vollst\u00e4ndige Trennung des Staates von der Religion und die vollst\u00e4ndige Beendigung der Hilfe f\u00fcr religi\u00f6se Institutionen, die Beendigung der regionalen Intervention und die Einf\u00fchrung einer Planwirtschaft, so dass das Ziel der Wirtschaft nicht darin besteht, Profite f\u00fcr die B\u00fcrokratie und die kapitalistische Klasse zu erwirtschaften, sondern alle Ressourcen f\u00fcr die Verbesserung des Lebens der Arbeiter:innen und armen Menschen zu verwenden. Dies ist im bestehenden Staat unm\u00f6glich, daher ist die Abschaffung des bestehenden Staates und die Errichtung eines Arbeiter:innenstaates, der von Arbeiter:innenr\u00e4ten kontrolliert wird, notwendig.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2022\/11\/18\/iran-proteste-anfangs-emotional-jetzt-politisch\/\"><em>arbeiterinnenmacht.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 24. November 2022<\/em><\/p>\n<p><em>Interview der Liga f\u00fcr die F\u00fcnfte Internationale (LFI))mit Ali Rezaei, einem Iranischen Sozialisten<\/em><\/p>\n<p><strong>LFI: Wir m\u00f6chten unser Mitgef\u00fchl ausdr\u00fccken. Wir wissen, dass viele Menschen, und fast alle Sozialist:innen, im Iran einen geliebten Menschen verloren haben oder um einen solchen f\u00fcrchten. Wie f\u00fchlst Du Dich, wenn Du jetzt Tausende von Menschen siehst, die sich auf den Stra\u00dfen des Irans wehren?<\/strong><\/p>\n<p>AR: Das iranische Volk k\u00e4mpft gegen einen barbarischen Klerus, dessen Brutalit\u00e4t die Jugend, die Frauen, die Arbeiter:innen, die Armen, die Liberalen, die Progressiven, die Sozialist:innen und alle, die einen anderen Standpunkt vertreten, mit Blut getr\u00e4nkt hat. In jeder Stadt, ja in jeder Familie, gibt es Beispiele von Menschen, die nicht nur Unterdr\u00fcckung und Gewalt, sondern auch den Tod erlebt haben. Der Klerus hat das Leben zu einer Qual gemacht.<\/p>\n<p>Dies ist keine gew\u00f6hnliche Bewegung, sondern der Hass gegen den Klerus ist explodiert. Die Ermordung von Jina Mahsa Amini hat eine Revolution ausgel\u00f6st, in der Frauen eine zentrale Position eingenommen haben und Student:innen ebenfalls sehr wichtig sind. Sie haben in den Bewegungen der Vergangenheit immer eine entscheidende Rolle gespielt. Die iranische Gesellschaft hat die Herrschaft des Klerus abgelehnt.<\/p>\n<p>Die Ermordung von Mahsa hat die Angst zerschlagen. Urspr\u00fcnglich war es emotional, aber jetzt ist es politisch, eine Bedrohung f\u00fcr das Regime, das die Massen seit vier Jahrzehnten unterdr\u00fcckt hat. Die Bewegung hat das einfache Volk geeint. Es scheint, dass das Ende dieses repressiven Regimes m\u00f6glich ist. Das treibt den Kampf voran und hat Kurd:innen, Belutsch:innen, Araber:innen sowie die Arbeiter:innen und Armen mit einbezogen.<\/p>\n<p>Die Revolte, die sich an Universit\u00e4ten und Schulen ausgebreitet hat, ist ermutigend. Fr\u00fcher waren es Aktivist:innen, die hofften, dass diese dunkle Nacht ein Ende haben w\u00fcrde. Jetzt wird diese Stimmung von der gesamten Gesellschaft geteilt, die sich weigert, dieses Scharia-System zu akzeptieren. Unterdr\u00fcckung und Tyrannei werden nicht l\u00e4nger geduldet, die Menschen k\u00e4mpfen dagegen und f\u00fcr die Freiheit.<\/p>\n<p><strong>LFI: Mahsa ist ein Symbol f\u00fcr die Brutalit\u00e4t der Sittenpolizei und die Unterdr\u00fcckung des kurdischen Volkes. Jetzt ist sie auch zu einem Band geworden, das den Widerstand wieder zusammengef\u00fchrt hat. Wie hat sich der Tod von Mahsa auf Dich ausgewirkt?<\/strong><\/p>\n<p>AR: Ihr richtiger Name ist nicht Mahsa Amini. Im Iran darf man keine kurdischen Namen verwenden. Ihr richtiger Name ist Jina. Das zeigt, wie stark die nationale Unterdr\u00fcckung im Iran ist. Die Art und Weise, wie Demonstrant:innen nach der Vergewaltigung eines belutschischen M\u00e4dchens get\u00f6tet wurden, zeigt das wahre Gesicht dieser islamistischen Regierung. Ob unter dem Schah oder dem Klerus, in den Gebieten der unterdr\u00fcckten Nationen kamen immer extreme Formen der Unterdr\u00fcckung vor, R\u00fcckst\u00e4ndigkeit und Armut. Aber es gab auch Widerstand, manchmal bewaffnet. T\u00fcrk:innen, Kurd:innen, Araber:innen und Belutsch:innen sind in dieser Bewegung vereint, und die Slogans gegen die nationale Unterdr\u00fcckung und das herrschende Regime vereinen die Bewegung.<\/p>\n<p>F\u00fcr die iranischen Staatsb\u00fcrger:innen ist das Regime des Klerus seit Jahrzehnten eine Falle. Im Rahmen dieser Bewegung gegen die Ermordung von Mahsa droht vielen jungen Frauen und Student:innen die Inhaftierung. Viele wurden sogar bereits brutal ermordet. Tod der Diktatur! Sie ist eine Blutsaugerin! Die Fundamente dieses Systems stehen in dem Blut, das diese ber\u00fcchtigte religi\u00f6se Diktatur vergossen hat. Wir alle sind Jina. Die Solidarit\u00e4t mit dieser Revolution gibt uns Hoffnung. Ich appelliere an die Frauen und Arbeiter:innen in aller Welt, diesen Kampf gegen die Unterdr\u00fcckung, die die schlimmste Dekadenz des kapitalistischen Systems und des Imperialismus hervorgebracht hat, weiterhin zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p><strong>LFI: Wir h\u00f6ren Berichte \u00fcber eine neue Generation junger iranischer Frauen, die sich weder dem Staat noch seiner Ideologie beugen.<\/strong><\/p>\n<p>AR: Die Haltung des klerikalen Regimes war f\u00fcr Frauen schon vor diesem Mord unertr\u00e4glich geworden. Die Geschichte der Frauenbewegungen im Iran ist bewundernswert. Es gab bereits ein Gef\u00fchl der Macht, aber der Tod von Mahsa verwandelte dies in eine Revolution.<\/p>\n<p>Die Frauen akzeptieren den Hidschab und andere Einschr\u00e4nkungen nicht. Jugendliche und Student:innen, die eine wichtige Rolle spielen, sind f\u00fcr die Mullahs schwer zu kontrollieren. Hass und Wut wachsen. Einer der Hauptgr\u00fcnde daf\u00fcr ist neben den Einschr\u00e4nkungen und der Unterdr\u00fcckung die Wirtschaftskrise. Der jungen Generation wurde die Hoffnung genommen, und ihre einzige M\u00f6glichkeit ist der Kampf.<\/p>\n<p>Die Situation ist jetzt ganz anders. Eine gro\u00dfe Mehrheit der Bev\u00f6lkerung will die Mullahs loswerden. Frauen spielen eine wichtige Rolle bei der Mobilisierung, aber jetzt schlie\u00dfen sich alle Schichten der Bewegung an. Selbst religi\u00f6se Menschen hassen diese Regierung jetzt, was bedeutet, dass die Wurzeln des klerikalen Regimes hohl geworden sind und seine Basis sehr schwach ist.<\/p>\n<p><strong>LFI: Kannst du uns etwas \u00fcber die Mentalit\u00e4t dieser neuen Generation erz\u00e4hlen, von der wir alle hoffen, dass sie der Garant f\u00fcr zuk\u00fcnftige Freiheit sein wird?<\/strong><\/p>\n<p>AR: Junge Menschen machen mehr als 60 Prozent der iranischen Gesellschaft aus. Sie tragen nicht die Last vergangener Niederlagen und stehen in Kontakt mit der modernen Welt, auch wenn es viele Probleme gibt und die Situation sehr kompliziert ist. Inflation und Arbeitslosigkeit haben jedoch alle Schichten der Gesellschaft erfasst. Auch die Mittelschicht ist davon stark betroffen, und deshalb umfasst die Bewegung verschiedene Schichten.<\/p>\n<p>Andererseits ist die Popularit\u00e4t der Mullahs auf einen Tiefpunkt gesunken, und es wird immer schwieriger, diese Jugendlichen zu kontrollieren. Sie sind w\u00fctend \u00fcber die Dem\u00fctigung, der sie, insbesondere die Frauen, ausgesetzt sind. Die Gesellschaft liegt bereits so sehr im W\u00fcrgegriff, aber es werden noch mehr Einschr\u00e4nkungen auferlegt, um die Situation unter Kontrolle zu bringen. Frauen werden nicht nur gedem\u00fctigt, sie werden gewaltsam verhaftet und verschwinden, und auch die Familienmitglieder werden gedem\u00fctigt. Das ganze System basiert auf Angst und Unterdr\u00fcckung, und die Jugend akzeptiert es nicht mehr.<\/p>\n<p><strong>LFI: Wie reagieren die Sittenpolizei und das Regime auf diese junge Generation? Kannst Du uns etwas \u00fcber die Praktiken der Sittenpolizei und das Leid, das sie verursacht, erz\u00e4hlen?<\/strong><\/p>\n<p>AR: Der iranische Staat und seine Institutionen waren fr\u00fcher in der Lage, jeden Widerstand mit Gewalt zu unterdr\u00fccken. Seit 2009 wurden verschiedene Bewegungen durch die brutale Repression, das Verschwinden-Lassen, die Verhaftungen und die Massaker der Welayat-e-Faqih-Bande (Statthalterschaft des Rechtsgelehrten), der m\u00f6rderischen sogenannten W\u00e4chter:innen der Revolution und anderer niedergeschlagen. Die Unterdr\u00fcckung der Kurd:innen und Belutsch:innen ist besonders extrem.<\/p>\n<p>Schon vor Covid trug die anhaltende Wirtschaftskrise zu einem starken Anstieg von Armut, Inflation und Arbeitslosigkeit bei. Gegenw\u00e4rtig leben mehr als 40 Prozent der iranischen Bev\u00f6lkerung unterhalb der Armutsgrenze.<\/p>\n<p>Die Ermordung von Jina Mahsa Amini l\u00f6ste den allgemeinen Widerstand aus, aber die Ursachen f\u00fcr diese Revolution waren bereits vorhanden. Die Brutalit\u00e4t des Staates hat nicht abgenommen, aber jetzt ist es nicht mehr der Kampf einer einzelnen Schicht. Auch religi\u00f6se Menschen wollen ihn loswerden. Die Mehrheit wird dieses System nicht akzeptieren und will einen Ausweg. Die Tapferkeit der Frauen und Studentinnen ist eine Ohrfeige f\u00fcr das Regime. Trotz der Tatsache, dass Massaker, Verhaftungen und das Verschwinden-Lassen von Personen an der Tagesordnung sind, h\u00e4lt dies die Moral der Bewegung aufrecht. Obwohl die vorherige Generation Angst um ihre Kinder hat, gibt ihr Mut auch den Eltern Hoffnung.<\/p>\n<p><strong>LFI: Wir h\u00f6ren von neuen Netzwerken unter radikalen Student:innen und innerhalb der Gewerkschaftsbewegung. Wie effektiv sind sie und welche Rolle haben sie vor Ort gespielt?<\/strong><\/p>\n<p>AR: Die Protestbewegung brach spontan aus, aber es existiert eine Koordination, die nicht nur durch Internetaufrufe kommuniziert wird. Es besteht auch eine lokale Koordination. Die Menschen sprechen \u00fcber die aktuelle Situation bei den Protesten und diskutieren auch die Strategie f\u00fcr Aktionen. Student:innen\u00a0 an den Universit\u00e4ten unterhalten Netzwerke, die die Autorit\u00e4t der Mullahs ablehnen. Es gibt Organisationen der Arbeiter:innenklasse, die Proteste und Streiks organisieren. Alle diese Organisationen spielen eine wichtige Rolle, aber das Fehlen einer F\u00fchrung, die einen landesweiten Wandel erzwingen kann, ist jetzt noch deutlicher zu sp\u00fcren. Die Ermordung von Jina Mahsa Amini hat den Iran geeint, aber es gibt Widerspr\u00fcche, und wir brauchen eine Strategie, die die Mullahs zur\u00fcckdr\u00e4ngen und die Revolution weiter voranbringen kann.<\/p>\n<p><strong>LFI: Was bedeutet die Wirtschaftskrise? Wie stehen die Aussichten f\u00fcr die Linke?<\/strong><\/p>\n<p>AR: Die Wirtschaftskrise hat im Iran Verw\u00fcstungen angerichtet, die Preise f\u00fcr die Grundbed\u00fcrfnisse sind um mehr als 60 Prozent gestiegen. Die Mittelschicht ist ruiniert und die Bedingungen f\u00fcr die Arbeiter:innen sind schrecklich. Berichte \u00fcber die Korruption der Mullahs stehen auf der Tagesordnung. Fabriken werden geschlossen, in der Ersatzteilproduktion sind 100.000 Arbeitspl\u00e4tze verlorengegangen. Die Menschen im Iran haben auch die Nase voll von der Interventionspolitik des Mullah-Regimes in anderen L\u00e4ndern, die ihr Leben immer weiter von der Welt isoliert. Sie alle beteiligen sich an der Revolution \u201eFrau. Leben. Und Freiheit\u201c. Alle sehen die L\u00f6sung der Wirtschaftskrise im Tod der Diktatur. Die Situation ist sehr schwierig, es gibt keine besonders starke Str\u00f6mung. Begrenzt kommt sogar Unterst\u00fctzung von Liberalen und Anh\u00e4nger:innen des ehemaligen Schahs, aber es ist auch Raum geschaffen f\u00fcr sozialistische Ideen. In wirtschaftlicher Hinsicht haben die Sozialist:innen eine Perspektive f\u00fcr das Ende des Mullah-Regimes, die Freiheiten und ein Ende der wirtschaftlichen Unterdr\u00fcckung bringt.<\/p>\n<p><strong>LFI: Hat die Bewegung auch die industriellen Zentren des Irans erreicht? Schlie\u00dflich m\u00fcssen die Inflation und die allgemeine Krise viele Menschen und Familien aus der Arbeiter:innenklasse an den Rand treiben. Welche Forderungen beziehen sich konkret auf die Klassenfrage?<\/strong><\/p>\n<p>AR: Der Kampf entwickelt sich in der Arbeiter:innenklasse, und sie nimmt an den Protesten teil, aber viele ihrer Anf\u00fchrer:innen wurden verhaftet. Die Arbeiter:innenklasse beteiligt sich in verschiedenen St\u00e4dten daran, insbesondere die Lehrer:innen sind in dieser Hinsicht sehr aktiv. In Teheran sind die Busfahrer:innen mobilisiert, und die Tankwagenfahrer:innen haben am 19. Oktober in Solidarit\u00e4t mit dem Protest gestreikt. Die Arbeiter:innen der R\u00f6hrenwerke, des Stahlkomplexes Neyriz Ghadir, der Mehrschar-Raffinerie, der petrochemischen Gesellschaft und der Raffinerie in Abadan, der petrochemischen Gesellschaft auf der Insel Hengham, der petrochemischen Gesellschaft in Buschehr und des Gaskondensatfeldes in S\u00fcdparas streiken und protestieren in Solidarit\u00e4t mit den Demonstrant:innen. Die Verhaftung der Anf\u00fchrer:innen hat jedoch zu Schwierigkeiten gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Trotz der Einschr\u00e4nkungen im Internet nehmen die Proteste nicht ab. Die Menschen sind immer noch \u00fcber verschiedene alternative Quellen miteinander verbunden. Ja, es gibt Schwierigkeiten, aber aufgrund der Widerspr\u00fcche des Imperialismus er\u00f6ffnen sich auch Chancen, und viele junge Menschen erstellen Links, die Videos und andere Botschaften verbreiten. Die Regierung greift jedoch immer wieder an. Verschiedene Gewerkschaften haben zum Streik aufgerufen und es kam zu erfolgreichen Arbeitsniederlegungen, aber das generelle Problem dieser Revolution ist immer noch das einer kollektiven F\u00fchrung. Ein Generalstreik ist wichtig, aber er muss bis zum Ende des Mullah-Regimes andauern. Dies erfordert die Bildung von Fabrik- und Betriebsr\u00e4ten sowie Verteidigungskomitees. Ohne sie ist die staatliche Repression unvermeidlich, und es ist nicht m\u00f6glich, es mit ihr aufzunehmen.<\/p>\n<p><strong>LFI: Ist es richtig zu sagen, dass alle, die sich an dem derzeitigen Kampf beteiligen, den Sturz des Regimes wollen?<\/strong><\/p>\n<p>AR: Die Bewegung will mehr als nur Reformen, sie will das Ende des Mullah-Regimes. Es ist ein starker Geist, der die Menschen aktiv h\u00e4lt. Trotz aller Unterdr\u00fcckung sind die Menschen nicht bereit, sich mit weniger zufriedenzugeben als mit dem Sturz der Regierung. Die Unterdr\u00fcckung ist jedoch sehr hart. Und die Demonstrant:innen m\u00fcssen vor den M\u00f6rder:innengarden und anderen reaktion\u00e4ren Kr\u00e4ften gesch\u00fctzt werden. Die Demonstrant:innen widersetzen sich diesen Kr\u00e4ften, aber das muss organisiert werden.<\/p>\n<p>Alle wollen das Ende dieser Regierung, aber das Fehlen einer nationalen F\u00fchrung bedeutet, dass es keine klare Strategie gibt, und das ist eine gef\u00e4hrliche Situation. Wenn die Regierung st\u00fcrzt, werden die Reformist:innen versuchen, sich als Alternative zu pr\u00e4sentieren, auch wenn sie im Moment wenig Unterst\u00fctzung genie\u00dfen. Dann gibt es auch noch die Pahlavi-Anh\u00e4nger:innen des alten Schah-Regimes. In einer solchen Situation kann es auch zu einer gewissen Unterst\u00fctzung durch die Bev\u00f6lkerung kommen, aber das ist nicht die Alternative, f\u00fcr die die Menschen k\u00e4mpfen. Unserer Meinung nach ist die Forderung nach einer verfassunggebenden Versammlung wichtig, die die Arbeiter:innen durch die Bildung von R\u00e4ten demokratisch vereinen kann, und Wahlen unter deren Kontrolle sind unerl\u00e4sslich. Das sozialistische Programm ist die einzige L\u00f6sung, die der Barbarei der Mullahs ein Ende setzen und auch eine breitere Demokratie bringen kann. Es wendet sich gegen das kapitalistische System und den Imperialismus, was bedeutet, dass die Ressourcen des Irans genutzt werden k\u00f6nnen, um das Leben des Volkes zu verbessern, anstatt den Interessen der herrschenden Klasse untergeordnet zu werden.<\/p>\n<p><strong>LFI: Was sind die f\u00fchrenden politischen Kr\u00e4fte in der Oppositionsbewegung? Welche Klasse f\u00fchrt die Bewegung an? Welche Rolle spielt die Arbeiter:innenklasse als politische Kraft?<\/strong><\/p>\n<p>AR: Dies begann als eine \u201espontane\u201c Bewegung. Schon vor der Ermordung von Jina Mahsa Amini waren alle Zutaten vorhanden, aus denen diese Bewegung entstanden ist. Sie umfasst Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten, und verschiedene Vereinigungen unterst\u00fctzen sie. Sie ist auch in den kurdischen und belutschischen Gebieten zu finden und zieht die verw\u00fcstete Mittelschicht an. Das Einzige, was sie eint, ist die Opposition gegen die Regierung.<\/p>\n<p>Der Einfluss der Jugend in dieser Bewegung ist sehr gro\u00df und vor allem die Studentinnen sind sehr aktiv, trotz aller Unterdr\u00fcckung, Gewalt und Mordes. Die Liberalen hoffen auf Demokratie. Sie wollen sich wieder mit der Welt verbinden, stehen der Regionalpolitik des Staates kritisch gegen\u00fcber und wollen ein freies Leben f\u00fchren. Ein Leben in Ketten ist f\u00fcr sie nicht akzeptabel. Die reformistische F\u00fchrung ist nicht dominant, aber viele derjenigen, die Hoffnungen in den Reformismus setzen, sind aktiv.<\/p>\n<p>Es gibt Platz f\u00fcr die Linke und sie ist auch aktiv. Die Gewerkschaften beteiligen sich an den Protesten. Zwar wird gestreikt, doch m\u00fcssen diese Ma\u00dfnahmen zu einem landesweiten Streik und dem Sturz der Regierung ausgebaut werden. Es muss eine sozialistische Alternativbewegung geben, denn dieses System h\u00e4lt keine L\u00f6sung f\u00fcr die Menschen im Iran parat. Die M\u00f6glichkeit der Vorherrschaft der Konterrevolution ist unter diesen Umst\u00e4nden nicht v\u00f6llig auszuschlie\u00dfen.<\/p>\n<p><strong>LFI: Wie k\u00f6nnen die Frauen der Arbeiter:innenklasse und die Arbeiter:innenklasse als Ganzes nicht nur in den Vordergrund der Stra\u00dfenk\u00e4mpfe treten, sondern die F\u00fchrung im Kampf f\u00fcr die Nachfolge des Regimes \u00fcbernehmen? Wie k\u00f6nnen sie die Vork\u00e4mpfer:innen f\u00fcr eine sozialistische Republik werden? Gibt es Kr\u00e4fte, die versuchen, die beginnende demokratische Revolution dauerhaft zu machen?<\/strong><\/p>\n<p>AR: Trotz aller Repression und Gewalt sind die Mullahs immer noch nicht in der Lage, die Revolution zu kontrollieren. Aber es ist wichtig, daran zu erinnern, dass diese Situation nicht ewig andauern kann. Jetzt ist ein unbefristeter Generalstreik notwendig, der deutlich macht, dass die wirkliche Macht in der Gesellschaft bei der Arbeiter:innenklasse liegt und sie das System stoppen kann. Die Linke hat wenig politischen Einfluss auf die Bewegung, aber es gibt viele M\u00f6glichkeiten f\u00fcr sie in dieser Revolution. Wenn sie nur der bestehenden Bewegung hinterherlaufen w\u00fcrde, k\u00f6nnte das Ergebnis ins Leere laufen, denn selbst wenn das Regime der Mullahs st\u00fcrzt, k\u00f6nnte die Macht an jene Kr\u00e4fte (reformistische, prowestliche, Pahlavi) \u00fcbergehen, die nichts f\u00fcr die Arbeiter:innen und die Armen des Irans tun werden und auch nicht die vollen Freiheiten f\u00fcr die Frauen und die Demokratie bringen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Wir brauchen eine klare sozialistische Alternative, die eine verfassunggebende Versammlung fordert und eine Arbeiter:innenregierung anstrebt, deren Programm das Recht der unterdr\u00fcckten V\u00f6lker auf Selbstbestimmung anerkennt. Nur das kann diese Bewegung zum Erfolg f\u00fchren. Es braucht eine revolution\u00e4re Kraft im Iran, die f\u00fcr die Strategie der Permanenten Revolution k\u00e4mpft und glaubt, dass das Ende des Mullah-Regimes und der Kampf f\u00fcr demokratische Freiheiten im Iran mit der Befreiung vom Imperialismus und dem Ende des Kapitalismus verbunden ist. Eine solche Kraft befindet sich in einem fr\u00fchen Stadium, aber sie hat die M\u00f6glichkeit, ihr Programm zu pr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p><strong>LFI: Was w\u00e4ren die ersten Dinge, die Sozialist:innen umsetzen w\u00fcrden, wenn sie nach dem Sturz des Mullah-Regimes das Sagen h\u00e4tten?<\/strong><\/p>\n<p>AR: Die Abschaffung des Hidschabs und aller anderen Gesetze gegen Frauen, vollst\u00e4ndige demokratische Freiheiten, das Recht auf Selbstbestimmung f\u00fcr unterdr\u00fcckte Nationen, die vollst\u00e4ndige Trennung des Staates von der Religion und die vollst\u00e4ndige Beendigung der Hilfe f\u00fcr religi\u00f6se Institutionen, die Beendigung der regionalen Intervention und die Einf\u00fchrung einer Planwirtschaft, so dass das Ziel der Wirtschaft nicht darin besteht, Profite f\u00fcr die B\u00fcrokratie und die kapitalistische Klasse zu erwirtschaften, sondern alle Ressourcen f\u00fcr die Verbesserung des Lebens der Arbeiter:innen und armen Menschen zu verwenden. Dies ist im bestehenden Staat unm\u00f6glich, daher ist die Abschaffung des bestehenden Staates und die Errichtung eines Arbeiter:innenstaates, der von Arbeiter:innenr\u00e4ten kontrolliert wird, notwendig.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2022\/11\/18\/iran-proteste-anfangs-emotional-jetzt-politisch\/\"><em>arbeiterinnenmacht.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 24. November 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview der Liga f\u00fcr die F\u00fcnfte Internationale (LFI))mit Ali Rezaei, einem Iranischen Sozialisten<br \/>\nInterview der Liga f\u00fcr die F\u00fcnfte Internationale (LFI))mit Ali Rezaei, einem Iranischen Sozialisten<br \/>\nLFI: Wir m\u00f6chten unser Mitgef\u00fchl ausdr\u00fccken. 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