{"id":12233,"date":"2022-11-28T10:08:26","date_gmt":"2022-11-28T08:08:26","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12233"},"modified":"2022-11-28T10:08:28","modified_gmt":"2022-11-28T08:08:28","slug":"heimatfront-endlich-wieder-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12233","title":{"rendered":"Heimatfront: Endlich wieder Krieg!"},"content":{"rendered":"<p><em>Thomas Moser. <\/em><strong>Endlich bekommen tote deutsche Soldaten wieder einen Sinn! Wie das T\u00f6ten zwischen Russland und Ukraine in Deutschland genutzt wird, um Wehrmachtsoldaten und Faschismus-Opfer gleichzustellen \u2013 Dem Corona-Nationalismus folgt der Kriegs-Nationalismus.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Der Krieg ist zur\u00fcck in den K\u00f6pfen, im Denken, in Sichtweisen, in einer alternativlosen allumfassenden Logik, als anzustrebender Normalzustand. F\u00fcr den Krieg ist man bereit, Opfer zu bringen und Kritiker wie Feinde zu behandeln. Der Krieg okkupiert selbst den Begriff \u201eFrieden\u201c, neudeutsch Aneignung genannt. Wer Frieden wolle, m\u00fcsse Krieg f\u00fchren. Dabei verfolgt Krieg noch ganz andere Zwecke: zum Beispiel Nationalismus. Krieg als das ultimative Mittel innerer Herrschaft. Die Verf\u00fcgungsgewalt eines Systems \u00fcber das Individuum.<\/p>\n<p>Vor kurzem habe ich eine Radiosendung im SWR geh\u00f6rt, in der es um Kriegsgr\u00e4ber und ihre Pflege ging und um einen Mann, der sich da engagiert. Eine Stunde lang wurde dar\u00fcber geredet, ruhig und zivil, wie im Kulturprogramm so \u00fcblich. Das suggeriert Normalit\u00e4t. Eine Sendung wie vor 60 oder 70 Jahren. Noch vor einem Jahr h\u00e4tte es eine solche Sendung wohl nicht gegeben. Der Krieg ist fast 80 Jahre her. Jetzt hat man ihn zur\u00fcckgeholt, mit allen unterst\u00fctzenden Begleiterscheinungen. Dazu z\u00e4hlt Kriegsfolklore, die sich auf leisen Sohlen in den Alltag schleicht und schier unmerklich an einer Heimatfront bastelt.<\/p>\n<p>Im Monat November gibt es immer ein paar seltsame Feiertage. Den \u201eVolkstrauertag\u201c und eine Woche danach den \u201eTotensonntag\u201c. Stichworte f\u00fcr Erz\u00e4hlungen aus vergangenen, dunklen Zeiten. Jetzt erfahren sie eine Art Remix.<\/p>\n<p>Volkstrauertag 2022. Zun\u00e4chst der Plot und der Bericht dazu in der Stuttgarter Zeitung: \u201eVorabend des Volkstrauertages \u2013 Hauptfriedhof Bad Cannstatt \u2013 Fackelschein \u2013 feierliche Atmosph\u00e4re \u2013 Gedenken an die Opfer von Krieg und Gewalt \u2013 800 Namen erinnern an die Bombenangriffe.\u201c<\/p>\n<p>Dann das Personal: \u201eDer Oberb\u00fcrgermeister von Stuttgart \u2013 der Staatssekret\u00e4r im Innenministerium \u2013 \u00a0der Kommandeur des Landeskommandos Baden-W\u00fcrttemberg \u2013 \u00a0ein Commander der US-Armee \u2013 ein Vertreter vom Volksbund Deutsche Kriegsgr\u00e4berf\u00fcrsorge \u2013 die Stadtgarde zu Pferde \u2013 das b\u00fcrgerliche Sch\u00fctzencorps \u2013 Sch\u00fclerinnen eines Gymnasiums \u2013 der Reservistenmusikzug 28 Ulm.\u201c<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich die Botschaft: \u201eKrieg in der Ukraine \u2013 schmerzlich bewusst \u2013 wir haben zu wenig wachsam an den ewigen, m\u00fchelosen Frieden geglaubt \u2013 Volkstrauertag ist ein Friedensmahntag gegen alle Gleichg\u00fcltigen und Schlafwandler.\u201c<\/p>\n<p>Am Sonntag die <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.volkstrauertag-in-stuttgart-dringende-mahnung-zum-frieden.f93150af-2fe7-4662-92da-358e65ebaa37.html\">Fortsetzung der Inszenierung<\/a>: \u201eZentrale Gedenkveranstaltung im Neuen Schloss \u2013 F\u00fcr Opfer von Gewalt, Krieg und Verfolgung \u2013 Sowie Versammlung auf dem Stauffenbergplatz vor dem Mahnmal f\u00fcr die Opfer des Nationalsozialismus \u2013 Kranzniederlegung und Gebete.\u201c<\/p>\n<p>Das Personal am Sonntag: \u201eDer Ministerpr\u00e4sident \u2013 Vertreter der Bundeswehr \u2013 Sch\u00fcler eines Gymnasiums \u2013 der Pr\u00e4sident des Bundesverfassungsgerichtes \u2013 der Rat der Religionen mit Vertretern des Islam, der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden-W\u00fcrttemberg, dem evangelischen und katholischen Christentum, der Bah\u2019ai, der Eziden \u2013 der Stuttgarter Ordnungsb\u00fcrgermeister.\u201c<\/p>\n<p>Und die Botschaft: \u201eAufruf zum Frieden \u2013 Friedensarbeit wichtig \u2013 auf den Schlachtfeldern der Ukraine geht es auch um uns \u2013 Angriff auf die Ukraine sei Angriff auf die gesamte freie Welt \u2013 gr\u00f6\u00dfte Gefahr geht vom Vergessen aus \u2013 Gr\u00e4ber der deutschen Soldaten der beiden Weltkriege in ganz Europa sind zu Orten des Friedens geworden \u2013 2,8 Millionen deutsche Kriegstote in 46 Staaten \u2013 dass Europa kein Kontinent des Krieges mehr sei, k\u00f6nne man heute nicht mehr unterschreiben.\u201c<\/p>\n<p><strong>Was ist das eigentlich f\u00fcr ein Krieg?<\/strong><\/p>\n<p>Soweit das St\u00fcck und sein Drehbuch, das so \u00e4hnlich an vielen Orten in ganz Deutschland zur Auff\u00fchrung kam. Eine Kultur des Krieges, zu der einem so Einiges einf\u00e4llt. Zum Beispiel, warum deutsch-russische St\u00e4dtepartnerschaften gerade dann ausgesetzt werden, wenn man sie am dringendsten br\u00e4uchte? Sie waren doch aus Friedensgr\u00fcnden geschlossen worden. Wie passt ihre Annullierung mit dem Reklamieren von Friedensarbeit zusammen? Oder: Was suchen deutsche Soldaten im Ausland? In so vielen Staaten, darunter auch der Ukraine, die damals Teil der Sowjetunion war? W\u00fcnscht man sie sich etwa wieder dort? Vor allem aber springt einen die Frage an: Wie kann man den Opfern deutscher T\u00e4ter gedenken und zugleich diesen T\u00e4tern? Was f\u00fcr eine grandiose Verharmlosung des Nationalsozialismus und Relativierung des Holocaust.<\/p>\n<p>Von Gegendemonstranten gegen diese Friedensheuchelei wird nicht berichtet. Es gab an jenem Wochenende zwar welche, doch die zogen es vor, der AfD die Ehre zu geben, die auf dem Stuttgarter Rathausplatz eine Kundgebung zum Ukraine-Krieg abhielt. Die Polizei trennte die Lager durch Wasserwerfer. Wasserwerfer im November? Zum Einsatz kamen sie nicht, wie vor zwei Jahren bei Corona-Auseinandersetzungen. Ma\u00dfnahmen-Bef\u00fcrworter haben damals applaudiert, haben sie herbeiapplaudiert. Heute st\u00f6rt sich niemand mehr daran. Die Stuttgarter Zeitung jedenfalls nicht. F\u00fcr sie sind die Leidtragenden dieser Demos die Gesch\u00e4ftsleute und ihr K\u00e4uferklientel.<\/p>\n<p>Anlass f\u00fcr die heiligen Veranstaltungen am Volkstrauertag mit Uniformen, Orden, Fackeln, Trommeln, Kr\u00e4nzen und Klimbim ist nat\u00fcrlich der Krieg in der Ukraine. Eine Demonstration: Putins Krieg ist auch Deutschlands Krieg, der zum Krieg aller gemacht werden soll. Und der Kriegs-Nationalismus schafft sich eine Heimatfront. Noch gibt es keine frischen deutschen Gr\u00e4ber, aber das k\u00f6nnte ja noch kommen. Noch d\u00fcrfen derzeit haupts\u00e4chlich Ukrainer sterben, noch herrscht vor allem das Motto: \u201eWir liefern die Waffen, Ihr liefert die Toten.\u201c<\/p>\n<p>Doch bevor es soweit ist, haben wir noch ein paar Fragen: Was ist das eigentlich f\u00fcr ein Krieg? Man wehrt sich gegen den \u201eKriegsverbrecher Putin\u201c und tut das mit Kriegsverbrechern in den eigenen Reihen. Stichworte: Irak oder Afghanistan, wo die Nato inklusive der Bundeswehr in 20 Kriegsjahren f\u00fcr Hunderttausende von get\u00f6teten Zivilisten verantwortlich ist. Man unterst\u00fctzt in der Ukraine den Kampf gegen den \u201eAggressor Russland\u201c und in Mali k\u00e4mpft die Bundeswehr zur gleichen Zeit Seite an Seite mit russischen Streitkr\u00e4ften, um eine Putschregierung zu st\u00fctzen. Der \u201eTerrorist\u201c auf der Gegenseite zerst\u00f6rt ukrainische Kraftwerke und Krankenh\u00e4user, die Terroristen auf der eigenen Seite zerst\u00f6ren \u2013 mutma\u00dflich \u2013 eigene Gasleitungen. Mit der ukrainischen Stasi geht es gegen die russische Stasi, die beide dieselbe Vergangenheit haben. W\u00e4hrend die Normal-Ukrainer, die Armen, Mittel- und Lobbylosen, das Land nicht verlassen d\u00fcrfen, mitunter aufgegriffen und an die Front verschleppt werden, wo sie ihr Leben hergeben m\u00fcssen, k\u00f6nnen sich die S\u00f6hne und M\u00e4nner aus gutem ukrainischen Hause f\u00fcr 4- oder 5000 Euro vom Kriegsdienst freikaufen und ungehindert die Grenze ins sichere Ausland passieren.<\/p>\n<p>Die eigentliche Nachricht ist deshalb: Man sch\u00e4mt sich in Deutschland nicht einmal mehr \u00fcber diese Widerspr\u00fcche, denn der Krieg wird gebraucht, vor allem aus innenpolitischen Gr\u00fcnden. Die so hochgehaltene Demokratie ist in Wahrheit nervend und st\u00f6rend. Ewige Kritik, Bedenken, Beschwerden, Einspr\u00fcche, Opposition. Doch Demokratie ist ein wichtiges Mittel f\u00fcr Politik, zum Beispiel die Voraussetzung f\u00fcr den Aufbau des Sozialstaats. Wer den Sozialstaat abbauen m\u00f6chte, muss die Demokratie abschaffen. Beides ist derzeit im Gange.<\/p>\n<p>Der deutsche Krieg ist nicht 80 Jahre her, es gibt ihn seit langem, jedoch versch\u00e4mt, eher heimlich und irgend wo weit weg. Er war nicht im eigenen Land, sondern zum Beispiel in Afghanistan, einem der \u00e4rmsten L\u00e4nder der Welt. Auch wenn dort angeblich Deutschlands Freiheit verteidigt wurde, so wie jetzt in der Ukraine, mochte sich keine Heimatfront einstellen. Der Krieg konnte in der Heimat der Soldaten nicht so richtig \u00fcberzeugen, vielleicht wegen der vielen zivilen Toten.<\/p>\n<p>Im Bundestag wurde ein Untersuchungsausschuss zu Afghanistan eingerichtet. Aber nicht zum Krieg dort, sondern nur zu den Abzugs- , besser: Fluchtumst\u00e4nden im August 2021. Um die 20 Jahre lange t\u00f6dliche Anwesenheit der Bundeswehr in dem Land am Hindukusch, inklusive deutscher Kriegsverbrechen, soll sich kein unbequemer Untersuchungsausschuss k\u00fcmmern, sondern nur eine zahnlose Enqu\u00eatekommission. Das ist auch ein Statement.<\/p>\n<p>Mit dem Ukraine-Krieg und der deutschen Beteiligung hat man endlich neue Regeln, zum Beispiel eine Scham- und R\u00fccksichtlosigkeit, die man braucht, wenn man Krieg zu einer guten Sache erkl\u00e4ren will.<\/p>\n<p><em>#Bild:\u00a0 \u201eUnseren Helden\u201c. Kriegerdenkmal in Herdecke f\u00fcr die Gefallenen des 1. Weltkriegs und die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Am Volkstrauertag 2022 frisch geschm\u00fcckt mit Kr\u00e4nzen der Kommune sowie von SPD (rote Schleife) und CDU (wei\u00dfe Schleife). <\/em><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Herdecke,_Kirchender_Dorfweg,_Kriegerdenkmal_gegen%C3%BCber_der_Kirche.jpg\"><em>Bild<\/em><\/a><em>: Im Fokus\/<\/em><a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0\/deed.en\"><em>CC BY-SA-4.0<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/overton-magazin.de\/top-story\/heimatfront-endlich-wieder-krieg-endlich-bekommen-tote-deutsche-soldaten-wieder-einen-sinn\/\"><em>overton-magazin.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 28. November 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thomas Moser. Endlich bekommen tote deutsche Soldaten wieder einen Sinn! 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