{"id":12256,"date":"2022-12-01T10:46:43","date_gmt":"2022-12-01T08:46:43","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12256"},"modified":"2022-12-01T10:46:44","modified_gmt":"2022-12-01T08:46:44","slug":"kriegshetze-gegen-russland-der-ukrainische-holodomor-als-genozid","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12256","title":{"rendered":"Kriegshetze gegen Russland: Der ukrainische Holodomor als Genozid"},"content":{"rendered":"<p><em>Clara Weiss. <\/em>Am Mittwoch hat der Deutsche Bundestag ohne Gegenstimme einem gemeinsamen Antrag der Regierungsparteien SPD, Gr\u00fcne und FDP sowie der CDU\/CSU-Opposition zugestimmt, der die Hungersnot in der Ukraine in den Jahren 1932-1933 als \u201eV\u00f6lkermord\u201c und so genannten \u201eHolodomor\u201c anerkennt. Die AfD und Die Linke enthielten sich.<!--more--><\/p>\n<p>Der Vorsto\u00df kam nur wenige Wochen nach der <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2022\/10\/26\/para-o26.html\">Versch\u00e4rfung<\/a> des Volksverhetzungsparagraphen 130 durch den Bundestag. Demnach drohen nun jedem, der \u201e\u00f6ffentlich oder in einer Versammlung\u201c V\u00f6lkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder Kriegsverbrechen \u201ebilligt, leugnet oder gr\u00f6blich verharmlost\u201c, bis zu drei Jahren Gef\u00e4ngnishaft.<\/p>\n<p>Mit anderen Worten: Jedem, der bestreitet, dass die Hungersnot in der Ukraine ein V\u00f6lkermord war, droht nun Gef\u00e4ngnishaft. Zusammengenommen sind die beiden Beschl\u00fcsse nicht nur ein beispielloser Angriff auf demokratische Grundrechte, sondern auch auf die Geschichtswissenschaft. Sie legitimieren die historischen L\u00fcgen der extremen Rechten.<\/p>\n<p><strong>Die Hungersnot von 1932-1933: Der Stand der Geschichtsforschung<\/strong><\/p>\n<p>Die bedeutsamsten Historiker der Hungersnot der letzten Jahrzehnte sind nach dem Auswerten von tausenden Dokumenten und Statistiken zum Schluss gekommen, dass die Hungersnot in der Ukraine in den Jahren 1932-1933 kein V\u00f6lkermord war.<\/p>\n<p>Laut den <a href=\"https:\/\/www.un.org\/en\/genocideprevention\/genocide.shtml\">Vereinten Nationen<\/a> muss f\u00fcr das Vorliegen eines V\u00f6lkermords eine der folgenden Handlungen vorliegen, \u201ebegangen in der Absicht, eine nationale, ethnische, rassische oder religi\u00f6se Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerst\u00f6ren\u201c:<\/p>\n<ol>\n<li><em>a) das T\u00f6ten eines Angeh\u00f6rigen der Gruppe<\/em><\/li>\n<li><em>b) das Zuf\u00fcgen von schweren k\u00f6rperlichen oder seelischen Sch\u00e4den bei Angeh\u00f6rigen der Gruppe<\/em><\/li>\n<li><em>c) die absichtliche Unterwerfung unter Lebensbedingungen, die auf die v\u00f6llige oder teilweise physische Zerst\u00f6rung der Gruppe abzielen<\/em><\/li>\n<li><em>d) die Anordnung von Ma\u00dfnahmen zur Geburtenverhinderung<\/em><\/li>\n<li><em>e) die zwangsweise \u00dcberf\u00fchrung von Kindern der Gruppe in eine andere Gruppe\u201c<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p>Keine dieser Tatbest\u00e4nde liegt bei der Hungersnot in der Ukraine 1932-1933 vor. Historiker haben dies insbesondere seit der \u00d6ffnung der ehemals verschlossenen sowjetischen Archive nach der Zerschlagung der Sowjetunion durch die stalinistische B\u00fcrokratie nachgewiesen.<\/p>\n<p>Erstens wurde seit 1991 trotz der Ver\u00f6ffentlichung von tausenden Seiten sowjetischer Dokumente zur Hungersnot kein einziges gefunden, das die <em>Absicht<\/em> durch Hunger zu t\u00f6ten \u2013 die Grundbedingung f\u00fcr die Bezeichnung als V\u00f6lkermord \u2013 in Bezug auf die ukrainische oder irgendeinen anderen Teil der sowjetischen Bev\u00f6lkerung belegen w\u00fcrde. Solche Dokumente gibt es hingegen in Massen in Bezug auf den stalinistischen Terror.<\/p>\n<p>Zweitens war die Hungersnot kein Ph\u00e4nomen, das auf die Ukraine beschr\u00e4nkt war. Mit mindestens 3,5 von etwa 7 Millionen Todesopfern war die Sowjetukraine (deren Grenzen in etwa der heutigen Ostukraine entsprechen) in absoluten Zahlen zwar schwerer von der Hungersnot betroffen als jede andere Region der Sowjetunion. Proportional gesehen war die Opferzahl in der kasachischen Bev\u00f6lkerung, von der zwischen 1 und 1,5 Million starben, aber noch h\u00f6her als in der Ukraine.<\/p>\n<p>In jedem Fall war die Hungersnot ein Ph\u00e4nomen, das sich \u00fcber die gesamte Sowjetunion erstreckte. Sie betraf zahlreiche ethnische Gruppen der sowjetischen Bev\u00f6lkerung und f\u00fchrte sowohl in der l\u00e4ndlichen als auch in der st\u00e4dtischen Bev\u00f6lkerung zu Massensterben, auch wenn die l\u00e4ndliche Bev\u00f6lkerung zweifellos st\u00e4rker betroffen war.<\/p>\n<p>Die Historiker Stephen Wheatcroft and Robert W. Davies, zwei der besten Kenner der Materie, kamen nach der Auswertung von sowjetweiten Statistiken zu Todesraten und Mangelern\u00e4hrung in den Jahren 1932-1933 zum Schluss:<\/p>\n<p><em>Die untere und zentrale Wolga-Region, eingeschlossen der deutschen ASSR, sowie die baschkirische ASSR \u00f6stlich dieser Regionen, waren ebenfalls stark vom Hunger betroffen. Die Todesrate in den l\u00e4ndlichen Gebieten verneunfachte sich in der unteren und verdreifachte sich in der zentralen Wolga-Region. In der zentralen Schwarz-Erde-Region, die allgemeinhin nichts als Hungergebiet angesehen wird, stieg die l\u00e4ndliche Todesrate gegen\u00fcber ihrem normalen Niveau im Juli 1933 um mehr als das Vierfache. Berichte \u00fcber ernsthaften Nahrungsmittelmangel gibt es auch f\u00fcr den Ural und den Fernen Osten. Der Hunger in Kasachstan ging weiter und wurde sogar noch schlimmer. Selbst wenn man den Ural, Sibirien und den Fernen Osten ausnimmt, umfasste das Hungergebiet \u00fcber 70 Millionen der 160 Millionen Einwohner der UdSSR. <\/em><em>(Stephen Wheatcroft, Robert W. Davies, Years of Hunger: Soviet Agriculture, 1931-1933, Palgrave Macmillan 2004, pp. 410-411).<\/em><\/p>\n<p>Die Hungersnot war das Ergebnis der katastrophalen und irrationalen Politik der stalinistischen B\u00fcrokratie, die in den 1920er Jahren unter Bedingungen der internationalen Isolation der russischen Revolution von 1917 die politische Macht usurpierte. In den Jahren 1928-1929 initiierte die B\u00fcrokratie, nachdem sie die marxistische Linke Opposition unter Leo Trotzki aus der Partei ausgeschlossen hatte, ein Programm zur rapiden Industrialisierung der \u00fcberwiegend l\u00e4ndlichen Sowjetunion.<\/p>\n<p>Nach einer massiven Getreidekrise in den Jahren 1927-1928 begann die B\u00fcrokratie, zwangsweise Getreide von den Bauern zu requirieren. Ende 1929 verk\u00fcndete Stalin dann den Beginn der Zwangskollektivierung der Millionen von Kleinbauernwirtschaften, die in der Landwirtschaft immer noch dominierten. Dabei ging die B\u00fcrokratie durchgehend vom reaktion\u00e4ren Konzept des Aufbaus des \u201eSozialismus in einem Land\u201c aus: Alle Ressourcen f\u00fcr die rapide Industrialisierung der Sowjetunion sollten aus der heimischen Bev\u00f6lkerung herausgepresst werden, komme was wolle.<\/p>\n<p>Das Ergebnis war katastrophal: Wie Trotzki gewarnte hatte, waren weder die sowjetische Landwirtschaft noch die Industrie auch nur ann\u00e4hernd auf dem notwendigen technologischen Niveau, um die Landwirtschaft in gro\u00dfem Ma\u00dfe zu kollektivieren. Kleinstbetriebe wurden zusammengeschmissen ohne jede R\u00fccksicht auf ihre Best\u00e4nde und Produktionsf\u00e4higkeiten.<\/p>\n<p>Es wurden massenhaft Vieh und Gefl\u00fcgel zusammengepfercht, das nun an Krankheiten und mangelnder Hygiene starb oder von Bauern im verzweifelten Protest gegen die Kollektivierung get\u00f6tet wurde. In Sowjetkasachstan, wo ein Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung noch das Leben von Nomaden f\u00fchrte, war das Massensterben von Kamelen und Vieh besonders verheerend.<\/p>\n<p>Die gewohnten Anbau- und Saatmethoden wurden durch das r\u00fccksichtslose und ignorante Eingreifen der B\u00fcrokratie in die Landwirtschaft ebenfalls zerst\u00f6rt. Die Ernten von 1931 und 1932, die zus\u00e4tzlich durch schlechtes Wetter beeintr\u00e4chtigt wurden, lieferten katastrophal schlechte Ergebnisse. Schon 1930 kam es als Folge dieser verheerenden Politik massenweise zu Bauernaufst\u00e4nden. Bedeutende Teile der Sowjetunion, insbesondere die Sowjetukraine, die eine der wichtigsten Agrarregionen war, standen am Rande eines B\u00fcrgerkriegs.<\/p>\n<p>Die Folgen der Hungersnot waren katastrophal und weitreichend. Etwa 7 Millionen Sowjetb\u00fcrger starben, weitere dutzende Millionen litten an Mangelern\u00e4hrung. Die Viehbest\u00e4nde erreichten erst 1958 wieder das Niveau von 1914. Politisch untergrub die Zwangskollektivierung das Prestige der Sowjetmacht und der Oktoberrevolution unter Millionen Bauern und Arbeitern innerhalb und au\u00dferhalb der Sowjetunion.<\/p>\n<p>Doch so kriminell und katastrophal die Politik der Sowjetb\u00fcrokratie war, es handelte sich nicht um einen V\u00f6lkermord. Wheatcroft und Davies schlie\u00dfen ihre Studie zur Hungersnot von 1931-1932 mit den Worten:<\/p>\n<p><em>Unsere Untersuchung der Hungersnot hat uns zu ganz anderen Schlussfolgerungen gef\u00fchrt als Dr. [Robert] Conquest. Er behauptet, dass Stalin \u201eeine Hungersnot wollte\u201c, dass \u201edie Sowjets nicht wollten, dass die Hungersnot erfolgreich bew\u00e4ltigt wird\u201c, und dass die ukrainische Hungersnot \u201eabsichtlich um ihrer selbst willen herbeigef\u00fchrt wurde\u201c. Dies f\u00fchrt ihn zu der pauschalen Schlussfolgerung: \u201eDie wichtigste Lehre scheint zu sein, dass die Ideologie der Kommunisten die Motivation f\u00fcr ein beispielloses Massaker an M\u00e4nnern, Frauen und Kindern lieferte.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Wir sprechen Stalin keineswegs von seiner Verantwortung f\u00fcr die Hungersnot frei. Seine Politik gegen\u00fcber den Bauern war r\u00fccksichtslos und brutal. Aber die Geschichte in diesem Buch zeigt eine sowjetische F\u00fchrung, die mit einer Hungerkrise zu k\u00e4mpfen hatte, die zum Teil durch ihre fehlgeleitete Politik verursacht wurde, die aber unerwartet und unerw\u00fcnscht war.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Hungernot hat nicht nur den Hintergrund, dass die sowjetische Agrarpolitik von der bolschewistischen Ideologie abgeleitet wurde, obwohl die Ideologie eine Rolle spielte. Sie wurde auch durch die vorrevolution\u00e4re Vergangenheit Russlands, die Erfahrungen des B\u00fcrgerkriegs, die internationale Lage, die unnachgiebigen geographischen und klimatischen Bedingungen und die Funktionsweise des sowjetischen Systems, wie es unter Stalin eingef\u00fchrt wurde, gepr\u00e4gt. Sie wurde von M\u00e4nnern mit geringer formaler Bildung und begrenzten Kenntnissen der Landwirtschaft ausgearbeitet. Vor allem aber war sie eine Folge der Entscheidung, das b\u00e4uerliche Land in rasantem Tempo zu industrialisieren. (Wheatcroft\/Davies, Years of Hunger, p. 441.)<\/em><\/p>\n<p>In den fast 20 Jahren, die seit der Ver\u00f6ffentlichung dieser Studie verstrichen sind, hat kein einziger Historiker tragf\u00e4hige Beweise gegen ihre Einsch\u00e4tzung geliefert.<\/p>\n<p><strong>Rechtsextremer Ursprung der \u201eV\u00f6lkermord\u201c-Behauptung<\/strong><\/p>\n<p>Die Resolution des Bundestags stellt den \u201eHolodomor\u201c explizit auf eine Ebene mit dem Holocaust und den Verbrechen der Nazis gegen die Sowjetunion. Es hei\u00dft darin, der Holodomor falle in die Zeit \u201emassivster, in ihrer Grausamkeit bis dahin unvorstellbarer Menschheitsverbrechen auf dem europ\u00e4ischen Kontinent. Zu diesen geh\u00f6ren der Holocaust an den europ\u00e4ischen J\u00fcdinnen und Juden in seiner historischen Singularit\u00e4t, die Kriegsverbrechen der Wehrmacht und die planm\u00e4\u00dfige Ermordung von Millionen unschuldiger Zivilistinnen und Zivilisten im Rahmen des rassistischen deutschen Vernichtungskriegs im Osten, f\u00fcr die Deutschland die historische Verantwortung tr\u00e4gt.\u201c<\/p>\n<p>Mit dieser Argumentation stellt sich der Bundestag direkt in die Tradition der ukrainischen und internationalen extremen Rechten. Historisch war die Behauptung, in der Ukraine habe Anfang der 1930er Jahre ein \u201eV\u00f6lkermord\u201c stattgefunden, nicht nur mit militantem Antikommunismus, sondern auch mit der Relativierung der Nazi-Verbrechen, insbesondere des V\u00f6lkermords an den europ\u00e4ischen Juden, verbunden.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Bild1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Bild1-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12257\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Bild1-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Bild1-300x169.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Bild1-768x432.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Bild1.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption><em>Denkmal f\u00fcr OUN-F\u00fchrer Stepan Bandera in Ternopil [Photo by Wadco2 \/ wikimedia \/ <\/em><a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0\/\"><em>CC BY-SA 4.0<\/em><\/a><em>]<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p>Das \u201eV\u00f6lkermord\u201c-Argument geht auf die Propaganda unter der nationalsozialistischen Besatzung der Ukraine im Zweiten Weltkrieg zur\u00fcck. Im Verlauf des Kriegs ermordeten die Nationalsozialisten mindestens 5 Millionen nicht-j\u00fcdische ukrainische Zivilisten und rund 900.000 ukrainische Juden, die dem Holocaust zum Opfer fielen. Zehntausende von ihnen wurden mit Beihilfe der faschistischen Organisation Ukrainischen Nationalisten (OUN) und ihres paramilit\u00e4rischen Fl\u00fcgels, der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA), umgebracht. Mitglieder der OUN waren zudem massenhaft in den Besatzungsapparat eingebunden, unter anderem auch als \u201eJournalisten\u201c.<\/p>\n<p>Die Historiker Tanja Penter und Dmytro Tyarenko schrieben dazu k\u00fcrzlich,<\/p>\n<p><em>Die OUN-Mitglieder versuchten, Einfluss auf die neu geschaffenen Organe der lokalen Selbstverwaltung auszu\u00fcben, die Gr\u00fcndung von Besatzungszeitungen zu initiieren und deren Propagandainhalte mitzugestalten. All dies diente auch dem Ziel, das nationale Bewusstsein in der ukrainischen Bev\u00f6lkerung zu f\u00f6rdern und eine ukrainische Staatlichkeit zu popularisieren.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Hungersnot von 1932\/33 bot sich den OUN-Aktivisten als Thema geradezu an, um die ukrainische Bev\u00f6lkerung f\u00fcr den nationalen Befreiungskampf zu mobilisieren; dieses Thema hatte die OUN auch zuvor schon f\u00fcr politische Zwecke genutzt. \u2026 Viele Artikel in der nationalsozialistischen Besatzungspresse betonten den Charakter der Hungersnot. Diese sei \u201ek\u00fcnstlich von den Bolschewiken geschaffen\u201c, \u201evon den roten Bestien angerichtet\u201c, \u201ebewusst initiiert und auf teuflische Weise von der Besatzungsmacht des Roten Moskaus geleitet\u201c worden.<\/em><\/p>\n<p><em>Einige Propagandistinnen und Propagandisten hoben auch das besondere Leiden der ukrainischen Nation in der Hungersnot hervor, indem sie den \u201ekriminellen Versuch verurteilten, das ukrainische Volk physisch zu zerst\u00f6ren\u201c, oder die \u201esystematische Vernichtung des ukrainischen Volks\u201c anprangerten. In einem weiteren Artikel hie\u00df es: \u201eWir Ukrainer haben mit dem Bolschewismus eine besonders gro\u00dfe offene Rechnung.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Einige der Pressepublikationen vertraten somit zumindest implizit bereits das Argument des gezielten bolschewistischen V\u00f6lkermords an den Ukrainern, ohne den V\u00f6lkermord-Begriff zu verwenden, der zum damaligen Zeitpunkt noch gar nicht in Gebrauch war. (Tanja Penter, Dmytro Tytarenko, \u201eDer Holodomor, die NS-Propaganda in der Ukraine und ihr schwieriges Erbe\u201c, in: Vierteljahreshefte f\u00fcr Zeitgeschichte, 2021, Heft 4, S. 646, 649)<\/em><\/p>\n<p>Dabei wurden nicht nur die \u201eBolschewiki\u201c, sondern wiederholt auch \u201edie Juden\u201c f\u00fcr die Hungersnot verantwortlich gemacht. Ein Artikel der Besatzungspresse erkl\u00e4rte, die Hungersnot sei \u201eauf sadistische Weise von den Moskauer Juden ausgedacht und organisiert worden\u201c. (Zitiert in Ebd., S. 650)<\/p>\n<p><strong>Die L\u00fcge vom \u201eV\u00f6lkermord\u201c in der Nachkriegszeit<\/strong><\/p>\n<p>Nach dem Krieg wurde die L\u00fcge vom \u201eV\u00f6lkermord\u201c an den Ukrainern weiter von der extrem-rechten ukrainischen Diaspora verbreitet, in der sich ehemalige Nazi-Kollaborateure der OUN tummelten. Dank der direkten Verbindungen der ehemaligen Nazi-Kollaborateure zu den Geheimdiensten der USA, Kanadas und Gro\u00dfbritanniens sowie zum deutschen BND konnten sie ihre faschistische Propaganda weiter verbreiten und fanden Zugang zu akademischen Einrichtungen.<\/p>\n<p>Dennoch blieb die Behauptung eines \u201eV\u00f6lkermords an den Ukrainern\u201c jahrzehntelang auf diese ultra-rechten Kreise beschr\u00e4nkt. Ihre akademische und politische Legitimierung fand in den 1980er Jahren statt. In Deutschland begann der rechtsextreme Historiker Ernst Nolte, die Verbrechen des Nationalsozialismus als \u201eReaktion\u201c auf die \u201eGewaltvorg\u00e4nge der Russischen Revolution\u201c und eine \u201everzerrte Kopie\u201c der \u201eVerbrechen des Bolschewismus\u201c zu rechtfertigen. Eines dieser \u201eVerbrechen\u201c war, laut Nolte, der \u201eKlassenkrieg\u201c gegen die Kulaken und die Kollektivierung der Landwirtschaft.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Bild1-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"754\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Bild1-1-1024x754.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12258\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Bild1-1-1024x754.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Bild1-1-300x221.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Bild1-1-768x565.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Bild1-1.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption><em>Jaroslaw Stezko trifft US-Pr\u00e4sident George Bush<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p>Zeitgleich legitimierte die herrschende Klasse der USA verst\u00e4rkt die ukrainischen Nazi-Kollaborateure. Im Jahr 1983 empfing US-Pr\u00e4sident Ronald Reagan Jaroslaw Stezko im Wei\u00dfen Haus und erkl\u00e4rte: \u201eEuer Kampf ist unser Kampf. Euer Traum ist unser Traum.\u201c<\/p>\n<p>Stezko war Stellvertreter von Stepan Bandera in der OUN und verk\u00fcndete am 30. Juni 1941, kurz nach der Besatzung von Lviv durch die Wehrmacht die Errichtung eines \u201eunabh\u00e4ngigen ukrainischen Staates\u201c im B\u00fcndnis mit Nazi-Deutschland. Stunden sp\u00e4ter begannen ukrainische Nationalisten nach Absprache mit den Deutschen einen brutalen Pogrom an der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung der Stadt, dem zwischen 7000 und 8000 Menschen zum Opfer fielen. Nach dem Krieg unterhielt Stezko enge Verbindungen zur CIA und wurde Vorsitzender des Anti-Bolschewistischen Blocks der Nationen, einer Organisation, die vorwiegend aus ehemaligen Nazi-Kollaborateuren aus Osteuropa bestand.<\/p>\n<p>Im Jahr 1986, zeitgleich zum Ausbruch des deutschen Historikerstreits \u00fcber Ernst Noltes Rechtfertigung der Verbrechen des Nationalsozialismus, ver\u00f6ffentlichte dann der amerikanische Historiker Robert Conquest das Buch \u201eHarvest of Sorrow\u201c (Ernte des Kummers), in dem er die Hungersnot in der Ukraine explizit als \u201eV\u00f6lkermord\u201c und \u201eTerror-Hunger\u201c bezeichnete und auf eine Ebene mit den Verbrechen des Nationalsozialismus stellte.<\/p>\n<p>Eine \u00f6ffentliche Untersuchung des US-Kongresses in diesen Jahren kam ebenfalls zum Schluss, dass die Hungersnot ein \u201eV\u00f6lkermord\u201c gewesen sei. Ihr Vorsitzender, James E. Mace, erkl\u00e4rte explizit \u2013 und f\u00e4lschlicherweise \u2013, dass dieser \u201eV\u00f6lkermord\u201c mit angeblich 7 Millionen ukrainischen Opfern schlimmer als der Holocaust mit 6 Millionen ermordeten Juden gewesen sei.<\/p>\n<p>Mit dem Begriff \u201eHolodomor\u201c, der \u201eMord durch Hunger\u201c bedeutet, wurde dabei gezielt versucht, die Hungersnot auf eine Ebene mit dem Holocaust zu stellen. Dies war Bestandteil der Bem\u00fchungen der faschistischen Nachkommen der OUN, die Beteiligung des ukrainischen Faschismus am Holocaust und an den Morden insgesamt kleinzureden.<\/p>\n<p>Laut dem kanadischen Historiker John-Paul Himka, einem der besten Kenner der Geschichte des ukrainischen Nationalismus, war die verst\u00e4rkte \u201eHolodomor\u201c-Propaganda der ukrainischen Diaspora Ende der 1980er Jahre nicht zuletzt ein Versuch, von ukrainischen Nazi-Kollaborateuren wie John Demjanjuk und ihren Verbrechen im Holocaust abzulenken. Der Beginn des ersten Prozesses gegen John Demjanjuk fiel ebenfalls in das Jahr 1986.<\/p>\n<p>Demjanjuk, ein geb\u00fcrtiger Ukrainer, war eines von 2000 bis 3000 Mitgliedern der sogenannten Trawniki gewesen. Die Trawniki, die gr\u00f6\u00dftenteils aus Ukrainern bestanden, wurden seit September 1941 gezielt von der SS ausgebildet, um bei der Aktion Reinhardt zu helfen, in deren Verlauf 1,7 Millionen polnische Juden in den Gaskammern von Treblinka, Sobibor, Auschwitz und Majdanek ermordet wurden. Himka schreibt dazu:<\/p>\n<p><em>Einige [in der Diaspora] waren der Meinung, wenn \u00f6ffentlich bewusst werde, dass auch Ukrainer in gro\u00dfem Umfang Opfer waren, k\u00f6nnte dies die Bem\u00fchungen abschw\u00e4chen, \u201edie Ukrainer als unbarmherzige Unterdr\u00fccker der Juden\u201c w\u00e4hrend des Holocausts darzustellen. Au\u00dferdem k\u00f6nnte die Darstellung der Sowjetunion als anti-ukrainisches, kriminelles Regime die Beweise diskreditieren, die die Sowjets den Staatsanw\u00e4lten in den Kriegsverbrecherprozessen lieferten. <\/em><em>(Kritika: Explorations in Russian and Eurasian History, Vol. 8, No. 3, Summer 2007, pp. 687-688)<\/em><\/p>\n<p>Das verlogene Narrativ eines \u201eHolodomor\u201c gegen die Ukrainer wurde nach der Aufl\u00f6sung der Sowjetunion in der Ukraine zunehmend dominant. Alle Vorst\u00f6\u00dfe zur Legitimierung der historischen L\u00fcgen der OUN und ihrer faschistischen Nachfahren waren dabei eng mit der Intervention des westlichen Imperialismus in der Ukraine verbunden, die sich dabei \u2013 wie schon im 20. Jahrhundert \u2013 auf die extremen Rechte st\u00fctzte. So erkl\u00e4rten der US-Kongress sowie das kanadische und das britische Parlament die Hungersnot bereits im Rahmen der Nato-Osterweiterung Anfang der 2000er Jahre zu einem \u201eV\u00f6lkermord\u201c.<\/p>\n<p>2004 unterst\u00fctzten die imperialistischen M\u00e4chte die sogenannte Orangene Revolution in der Ukraine, die der Pro-Nato-Regierung von Viktor Juschtschenko an die Macht verhalf. Unter Juschtschenko fand eine massive Rehabilitierung der OUN statt. Stra\u00dfen wurden nach Bandera und Stezko benannt und Denkm\u00e4ler f\u00fcr sie in zahlreichen St\u00e4dten errichtet. Der \u201eHolodomor\u201c wurde zu einem verpflichtenden Unterrichtsthema. Hingegen gab es in ukrainischen Geschichtsschulb\u00fcchern, die seit 1996 vom ukrainischen Bildungsministerium genehmigt wurden, keine einzige Erw\u00e4hnung des Holocaust oder der ukrainischen Kollaboration mit den Nazis.<\/p>\n<p><strong>Historische F\u00e4lschung zur Legitimierung von Faschismus und Krieg<\/strong><\/p>\n<p>Der Ursprung des \u201eHolodomor\u201c-Narratives in der Ideologie des ukrainischen Faschismus und die Verbindung dieser Tradition mit Bem\u00fchungen, die Verbrechen des Nationalsozialismus zu rechtfertigen, waren sicher ein Grund, warum es die herrschende Klasse Deutschlands lange f\u00fcr unklug oder nicht machbar hielt, die Hungersnot \u00e4hnlich wie in den USA und Gro\u00dfbritannien zum V\u00f6lkermord zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Die historischen und politischen Implikationen dieses Schrittes sind in der Tat enorm und bedeuten einen Meilenstein bei der Legitimierung der Verbrechen der ukrainischen Faschisten, des Nationalsozialismus und des Holocaust.<\/p>\n<p>Um eine solche Legitimierung bem\u00fchen sich Professoren der Geschichte an deutschen Universit\u00e4ten seit Jahrzehnten. Ernst Nolte war damit im Historikerstreit der 1980er Jahre noch auf erheblichen Widerstand gesto\u00dfen. Doch 2014 unternahm Professor J\u00f6rg Baberowski von der Berliner Humboldt-Universit\u00e4t einen neuen Anlauf und erhielt unter den herrschenden Eliten breite Unterst\u00fctzung.<\/p>\n<p>Im selben Monat, in dem die deutsche und die amerikanische Regierung den Putsch rechtsextremer Kr\u00e4fte gegen die Janukowitsch-Regierung in Kiew organisierten, erkl\u00e4rte Baberowski im <em>Spiegel<\/em>, \u201eHitler war nicht grausam\u201c und \u201eNolte wurde Unrecht getan. Er hatte historisch recht.\u201c<\/p>\n<p>Zur selben Zeit verk\u00fcndeten der damalige Au\u00dfenminister Frank-Walter Steinmeier und andere Regierungsmitglieder das Ende \u201eder Politik der milit\u00e4rischen Zur\u00fcckhaltung\u201c. Seitdem tritt der deutsche Imperialismus im Ausland immer aggressiver auf, w\u00e4hrend im Inneren faschistische Kr\u00e4fte, wie die Alternative f\u00fcr Deutschland, aufgebaut werden. Der reaktion\u00e4re russische Angriff auf die Ukraine nach Jahren der milit\u00e4rischen Einkreisung durch die Nato diente dann als willkommener Vorwand f\u00fcr das gr\u00f6\u00dfte deutsche Aufr\u00fcstungsprogramm seit Ende des Zweiten Weltkriegs.<\/p>\n<p>Die Ukraine und Russland sind dabei, wie im Ersten und Zweiten Weltkrieg, wieder das Ziel der geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen des deutschen Imperialismus. Gleichzeitig dient die Verbreitung historischer L\u00fcgen der St\u00e4rkung rechtsextremer Kr\u00e4fte in Deutschland selbst.<\/p>\n<p>Der \u201eHolodomor\u201c-Beschluss des Bundestags zielt darauf ab, den politischen Widerstand gegen die Kriegspropaganda und die Legitimierung faschistischer Kr\u00e4fte zu kriminalisieren. Dasselbe gilt f\u00fcr Geschichtsforschung, die diesen reaktion\u00e4ren politischen Bestrebungen zuwiderl\u00e4uft. Die deutsche herrschende Klasse ist sich dabei bewusst, dass die R\u00fcckkehr zu einer offenen Kriegspolitik und die damit verbundenen sozialen Angriffe auf breiten Widerstand in der Arbeiterklasse st\u00f6\u00dft.<\/p>\n<p>Die Sozialistische Gleichheitspartei, die deutsche Sektion des Internationalen Komitees der Vierten Internationale, ist die einzige politische Partei, die sich sowohl diesen Geschichtsf\u00e4lschungen als auch der R\u00fcckkehr des deutschen Militarismus und Faschismus seit Jahren konsequent entgegenstellt und der Opposition der Arbeiterklasse eine Stimme und eine Perspektive gibt. Der Aufbau der SGP ist nun die zentrale Aufgabe im Kampf gegen Faschismus und Krieg.<\/p>\n<p><em>#Bild: Opfer der Hungersnot in Charkow im Jahr 1933<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2022\/11\/30\/holo-n30.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 1. Dezember 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Clara Weiss. 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