{"id":12385,"date":"2022-12-23T10:22:06","date_gmt":"2022-12-23T08:22:06","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12385"},"modified":"2022-12-23T10:22:07","modified_gmt":"2022-12-23T08:22:07","slug":"holodomor-stalins-massenmord-in-der-ukraine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12385","title":{"rendered":"<strong>Holodomor \u2013 Stalins Massenmord in der Ukraine<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><strong>Vor 90 Jahren 1932\/33 starben im Holodomor Millionen Menschen in der Ukraine und anderen Regionen der Sowjetunion. So setzte Stalin die Kollektivierung der Landwirtschaft durch. Klaus Henning schildert die damaligen Vorg\u00e4nge<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>1930 setzte Stalin die allgemeine Kollektivierung der Landwirtschaft in der Ukraine durch. Die <a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/sammelband-juenke-stalinismus-kritik\/\">stalinistische<\/a> Propaganda behauptete, die Kollektivierung sei ein \u00bbKrieg gegen das Kulakentum\u00ab. Der Begriff \u00bbKulake\u00ab beschrieb urspr\u00fcnglich wohlhabendere Bauern, doch nun wurde die Bezeichnung auf alle Bauern angewandt, die sich der Zwangskollektivierung nicht anschlie\u00dfen wollten. In Wahrheit war sie daher Teil eines Kriegs der russischen B\u00fcrokratie gegen die gesamte ukrainische Bauernschaft. Die Zwangskollektivierung nahm in einigen Teilen der Ukraine tats\u00e4chlich die Form eines \u00bbKlassenkriegs\u00ab mit regelrechten bewaffneten Bauernaufst\u00e4nden an, die sich zu einer allgemeinen Aufstandsbewegung auszuweiten drohte. Dies sollte nicht verwundern, war die Erinnerung an den b\u00e4uerlichen Widerstand gegen die Gro\u00dfgrundbesitzer im B\u00fcrgerkrieg noch vorhanden.<\/p>\n<p>1931 wurden die Pflichtlieferungen f\u00fcr die Kolchosen radikal erh\u00f6ht. Bauern durften nur noch 112 kg Getreide pro Person behalten, im darauffolgenden Jahr nur noch 83 kg. Es kam zu einer Hungerkatastrophe, die als \u00bb<a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/28-02-14-krise-in-der-ukraine\/\">Holodomor<\/a>\u00ab in die Geschichte einging. In den Jahren 1932\/33 erlitten etwa 20 Prozent bis 25 Prozent der Dorfbewohner in der \u00f6stlichen und s\u00fcdlichen Ukraine den Hungertod. Sch\u00e4tzungen gehen von mindesten 3 Millionen Menschenopfern aus. Es starben vor allem Kranke, Alte und Kinder. Ein Neben\u00adeffekt der Hungersnot war daher die \u00bbEinsparung nicht verwertbarer\u00ab Men\u00adschen auf dem Land. Anders als zu Beginn der 1920er Jahre leugnete die F\u00fch\u00adrung diese Hungersnot. Stalin bezeichnete sie als \u00bbM\u00e4rchen\u00ab. Er organisierte keine Hilfe und wies alle Versuche ab, den Hungernden aus dem Ausland Hilfe zu bringen. Stattdessen hielt die Sowjetregierung alle Getreidelieferungen ins Ausland penibel ein, zu denen sie sich im Austausch f\u00fcr Industrieg\u00fcter verpflichtet hatte.<\/p>\n<p><strong>Holodomor und Holocaust<\/strong><\/p>\n<p>Einige Autoren behaupten, dass die Hungerkatastrophe in der Ukraine auch als bewusste Waffe durch die stalinistische B\u00fcrokratie eingesetzt wurde, um den b\u00e4uerlichen Widerstand gegen die Zwangskollektivierung zu brechen. Als Argumente werden neben der unterlassenen Hilfe die Grenzschlie\u00dfung zu Russland und die Schlie\u00dfung der St\u00e4dte genannt, um hungernde Bau\u00adern davon abzuhalten, in die weniger betroffenen Orte abzuwandern. Das brutale Vorgehen der stalinistischen B\u00fcrokratie hat dabei zu der von ukraini\u00adschen Nationalisten vertretenden Behauptung gef\u00fchrt, der \u00bbHolodomor\u00ab sei ein \u00bbGenozid\u00ab gewesen, von der Moskauer Regierung als bewusstes Instru\u00adment eingesetzt, um das ukrainische Volk zu vernichten. In Anlehnung an den <a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/holocaust-erklaerung-marxismus-callinicos\/\">Holocaust<\/a>, wurde der Begriff \u00bbHolodcaust\u00ab (Holod\/\u0413\u043e\u043b\u043e\u0434 = Hunger) ver\u00adwendet.<\/p>\n<p>Diese Erkl\u00e4rung verwechselt aber Ursache und Wirkung. Der <a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/haenisch-marxismus-holocaust\/\">Holocaust<\/a> hatte das Ziel, Menschengruppen (vor allem die Juden) aufgrund ihrer Ethnie physisch zu vernichten. Die Hungersnot war dagegen ein Resultat der stalinis\u00adtischen Kollektivierungspolitik, die das Ziel verfolgte, das Land dem Primat der Industrialisierung unterzuordnen. Die Pflichtabgaben der Kolchosen waren letztlich eine Aneignung des Mehrprodukts der Bauern durch die B\u00fcro\u00adkratie, das diese in die Industrialisierung steckte. Die Zwangskollektivierung verwandelte den gr\u00f6\u00dften Teil der Bauern in Landarbeiter. Ein anderer Teil wurde freigesetzt und in der neu entstandenen Industrie besch\u00e4ftigt. Der Holodomor war daher auch nicht auf die Ukraine begrenzt, sondern betraf ebenso die Bauernschaft in Russland und in anderen Teilen der Sowjetunion.<\/p>\n<p><strong>\u00bbUrspr\u00fcngliche Akkumulation\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>Die Zwangskollektivierung ist mit \u00e4hnlichen gewaltt\u00e4tigen Enteignungsma\u00df\u00ad nahmen in fr\u00fchkapitalistischen Gesellschaften verglichen worden. Marx bezeichnete diesen Prozess einst als die urspr\u00fcngliche Akkumulation des Kapitals. Tats\u00e4chlich verwandelte sich die Ukraine in weniger als zehn Jahren von einem b\u00e4uerlichen Agrarland in ein Industrieland mit einer bedeutenden Arbeiterklasse. Diese Umwandlung, die in England und Deutschland mehrere Jahrzehnte, gar Jahrhunderte gedauert hatte, verwirklichte Stalin in der Ukra\u00adine innerhalb von wenigen Jahren. Doch welchen Preis musste die Bev\u00f6lke\u00adrung hierf\u00fcr zahlen?<\/p>\n<p>R\u00fcckkehr des russischen Gro\u00dfmachtchauvinismus<\/p>\n<p>Der Widerstand gegen die Zwangskollektivierung ging nicht nur von den Bau\u00adern aus. Auch innerhalb der Arbeiterklasse und der ukrainischen Kommunistischen Partei wuchs eine Opposition gegen die stalinistische Form der Industrialisierung heran. Das erkl\u00e4rt, warum die erste stalinistische \u00bbS\u00e4uberungsaktion\u00ab unter der Parole des \u00bbKampfs gegen den ukrainischen Nationalismus\u00ab gef\u00fchrt wurde. Im Jahr 1933 erfolgte eine gro\u00dfangelegte von Moskau aus gesteuerte \u00bbS\u00e4uberung\u00ab der ukrainischen Eliten. Viele Intellektuelle, Schriftsteller, K\u00fcnstler und selbst Volkss\u00e4nger wurden erschossen oder nach Sibirien in die Arbeitslager geschickt. Die ukrainische Elite wurde durch rus\u00adsische Kader ersetzt. Das Bildungs- und Kulturwesen wurde mit dem russi\u00adschen System gleichgeschaltet. 1938 wurde Russisch zum Pflichtfach an den Schulen und Universit\u00e4ten erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Dieser Gro\u00dfmacht\u00adchauvinismus <a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/weltgeist-stalin\/\">Stalins<\/a> stand im krassen Widerspruch zu den Vorstellungen Lenins. Lenin trat immer f\u00fcr das Selbstbestimmungsrecht unterdr\u00fcckter V\u00f6lker ein. Stalins Nationalit\u00e4tenpolitik hingegen war bereits in seiner Funktion als \u00bbVolkskommissar f\u00fcr Nationalit\u00e4tenfragen\u00ab von Unterdr\u00fcckung gepr\u00e4gt. Lenin hatte 1922 nach der Georgischen Aff\u00e4re mit Stalin gebrochen und ver\u00adglich sein Verhalten im Umgang mit unterdr\u00fcckten Nationen mit \u00bbgro\u00dfrussischen Chauvinisten, ja im Grunde Schurken und Gewaltt\u00e4ter, wie es der typi\u00adsche russische B\u00fcrokrat ist.\u00ab Lenin bereitete den Sturz Stalins vor, doch hin\u00adderte ihn sein fr\u00fcher Tod daran, diesen Plan auszuf\u00fchren.<\/p>\n<p>\u00bbLiquidierung\u00ab der ukrainischen Kommunisten<\/p>\n<p>Die \u00bbS\u00e4uberungen\u00ab der fr\u00fchen 1930er Jahre sollten nur die Ouvert\u00fcre f\u00fcr den \u00bbGro\u00dfen Terror\u00ab bilden, der 1937 seinen H\u00f6hepunkt erreichte. Moskau schickte Quoten \u00fcber die Mindestzahl von Hinrichtungen. Der ukrainische Zweig des sowjetischen Geheimdienstes NKWD bat mehrmals um eine Erh\u00f6hung der Quoten. Insgesamt wurden in der Ukraine rund 400.000 Menschen innerhalb eines Zeitraums von wenigen Monaten erschossen. Der \u00bbGro\u00dfe Terror\u00ab, im Volksmund \u00bbJeschow-Zeit\u00ab (Jeschowschtschina) genannt, hatte mehrere Ziele, eines davon die restlose Zerschlagung jedes potentiellen Widerstands. Er kon\u00adzentrierte sich daher auf Bauern und Arbeiter, die in irgendeiner Weise negativ aufgefallen oder mit der Polizei in Ber\u00fchrung gekommen waren.<\/p>\n<p>Wenngleich der Terror auch Nichtkommunisten betraf (vor allem den ukrai\u00adnischen Klerus), zielte er vor allem auf die Ausl\u00f6schung der ukrainischen Kommunisten ab. Insgesamt wurden fast 170.000 ukrainische Parteimitglieder aus der ukrainischen Kommunistischen Partei ausgeschlossen und die meisten von ihnen ermordet. Das entsprach 37 Prozent aller organisierten Kommunisten in der Ukraine. Von 102 Mitgliedern und Kandidaten des ukrainischen Zentralkomitees waren 1939 noch drei in Freiheit und drei weitere in Arbeitslagern am Leben geblie\u00adben.<\/p>\n<p><em>Der Artikel ist ein Auszug aus dem Buch von <\/em><a href=\"https:\/\/editionaurora.de\/krieg-im-osten\/\"><em>Klaus Henning \u00bbKrieg im Osten \u2013 Die Ukraine zwischen Nationalismus, Imperialismus und Revolution\u00ab, Berlin 2017<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/holodomor-stalins-massenmord-in-der-ukraine\/\"><em>marx21.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 23. Dezember 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 90 Jahren 1932\/33 starben im Holodomor Millionen Menschen in der Ukraine und anderen Regionen der Sowjetunion. So setzte Stalin die Kollektivierung der Landwirtschaft durch. 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