{"id":1245,"date":"2016-06-13T10:37:13","date_gmt":"2016-06-13T08:37:13","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1245"},"modified":"2018-01-19T19:30:47","modified_gmt":"2018-01-19T17:30:47","slug":"modern-times-und-maulwurfsarbeit-in-der-tuerkischen-automobilindustrie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1245","title":{"rendered":"\u203aModern Times\u2039 und Maulwurfsarbeit in der t\u00fcrkischen Automobilindustrie"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Nicht nur um klassische b\u00fcrgerliche Freiheitsrechte, auch um Arbeits- und Gewerkschaftsrechte ist es in der T\u00fcrkei schlecht bestellt. Der Entzug und die Einschr\u00e4nkung grundlegender Rechte<\/em><\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong><em> wie Vereinigungsfreiheit und Recht auf Kollektivverhandlungen, begleitet von einer wachsenden politischen Verfolgung haben die Organisierung und Vertretung von Besch\u00e4ftigten zu einer f\u00fcr Gewerkschaften und ArbeiterInnen riskanten Angelegenheit gemacht. Die Folge: Die t\u00fcrkische Wirtschaft boomt, ausl\u00e4ndische Investoren profitieren von extrem niedrigen L\u00f6hnen und prek\u00e4rer Arbeit. Umso \u00fcberraschender die Aufst\u00e4nde, die in Bursa, einem Zentrum der Automobilindustrie, letztes Jahr ihren Ausgang nahmen (s. Hakan Kocak in express, Nr. 6-7\/2015). Ayhan Ekinci berichtet, wie es nach den massiven Protesten weiterging.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Ayhan Ekinci<\/em>*. Die Arbeitsverh\u00e4ltnisse bei Renault im t\u00fcrkischen Bursa sind unmenschlich: Die hohen Bandgeschwindigkeiten lassen keine Pausen zu. Bei uns binden sich Arbeiter Plastikflaschen an ihre G\u00fcrtel, in die sie pinkeln. Um zu trinken, braucht ein Arbeiter drei Arbeitsschritte. In einer winzigen erarbeiteten Pause schraubt er die Flasche auf. Dann weiter im Takt arbeiten. Dann trinken. Dann wieder im Takt arbeiten. Dann Flasche zuschrauben, und weiter geht es \u2013 \u00bbModern Times\u00ab! 80 Prozent der MetallarbeiterInnen haben Wirbels\u00e4ulenprobleme und Krampfadern. 80 Prozent der MetallarbeiterInnen sind unter 35 Jahre alt. Einen Arbeiter \u00fcber 40 sieht man kaum. Der Frauenanteil liegt bei zehn Prozent, nur im Textilbereich ist er ein bisschen h\u00f6her. Trotz der Atomisierung der ArbeiterInnen haben sie in den Aufst\u00e4nden im letzten Jahr aber sehr schnell zueinandergefunden. Dabei geht es eigentlich schon l\u00e4ngst nicht mehr ums Geld, sondern um das Ende dieser unmenschlichen Ausbeutung.<\/p>\n<p>In Bursa kommt es schon seit den 80er Jahren immer wieder zu Aufst\u00e4nden und Widerstandsaktionen. Renault ist nur ein Beispiel. Die dort ans\u00e4ssige Metall- und Autobranche ist immer noch die zentrale Achse der Gro\u00dfindustrie. Auch deswegen werden die MetallarbeiterInnen in der T\u00fcrkei seit mehr als drei\u00dfig Jahren durch die \u2013 gemeinsam von Staat und Unternehmern \u2013 installierten gelben Gewerkschaften entm\u00fcndigt. Dabei macht es keinen Unterschied, ob es sich um inl\u00e4ndisches oder ausl\u00e4ndisches Kapital handelt. Wegen der gelben Gewerkschaften k\u00f6nnen Unternehmer und Staat die Rechte heute sogar um ein Vielfaches mehr beschneiden, als es die Gener\u00e4le nach dem Milit\u00e4rputsch 1980 gewagt haben.<\/p>\n<p><strong>Gelbe Repression<\/strong><\/p>\n<p>Zur Vorgeschichte der aktuellen K\u00e4mpfe geh\u00f6ren Auseinandersetzungen in anderen Betrieben der Region. 2010 haben wir als Vereinigte MetallarbeiterInnen Gewerkschaft (Birlesik Metall-Is) mit einigen Metallunternehmern eine sogenannte Gruppentarifvereinbarung getroffen. Innerhalb der Metallindustrie gibt es drei Gewerkschaften: T\u00fcrk Metall Sen, die Mitglied von T\u00fcrk-Is ist, dann unsere Gewerkschaft und schlie\u00dflich Celik-Is, Teil der religi\u00f6sen Konf\u00f6deration Hac-Is. Wir haben die Vereinbarung der gelben T\u00fcrk Metall Sen nicht anerkannt und zum Streik aufgerufen. Landesweit schlossen sich dem etwa 40.000 ArbeiterInnen an. Einige Unternehmer sahen sich daraufhin gezwungen, mit uns in Verhandlungen einzutreten. Wir haben dadurch f\u00fcr unsere Mitglieder einen h\u00f6heren Lohnabschluss erreicht als T\u00fcrk Metall Sen, die f\u00fcr ihre 100.000 Mitglieder nur 5,35 Prozent Lohnerh\u00f6hung rausgeholt hat. Danach leugneten die Unternehmer, dass sie mit uns diesen Gruppentarifvertrag abgeschlossen hatten. Die Unternehmervereinigung (MES) hat die Mitglieder ihrer Vereinigung, die mit uns diesen Vertrag unterzeichnet haben, aber daf\u00fcr ger\u00fcgt, wodurch sie selbst die Existenz dieses Tarifvertrages eingestanden haben. So ist das dann auch in allen Medien gebracht worden, und viele ArbeiterInnen haben mitbekommen, dass wir bessere Lohnerh\u00f6hungen erk\u00e4mpft haben als die beiden anderen Gewerkschaften. Eine Folge davon war, dass 2012 auch die Besch\u00e4ftigten von Bosch zunehmend unserer Gewerkschaft beigetreten sind \u2013 bis heute insgesamt 4.000. Dadurch haben wir auch dort die Tariff\u00e4higkeit erlangt.<\/p>\n<p><strong>Bosch-Ethik: lieber Geld verdienen als Vertrauen<\/strong><\/p>\n<p>Bosch ist eine deutsche Firma. Im Betrieb h\u00e4ngt \u00fcberall folgendes Werbeplakat: \u00bbLieber Geld verlieren als das Vertrauen der Menschen!\u00ab Was sie tats\u00e4chlich getan haben, entspricht nicht dieser Werbung, sondern eher hitleristischen Methoden. Sie haben die einzelnen ArbeiterInnen in Gespr\u00e4chszimmer gef\u00fchrt, wo sie gezwungen wurden zu erkl\u00e4ren, dass sie aus unserer Gewerkschaft aus- und der gelben wieder beitreten werden, ansonsten w\u00fcrden sie entlassen. Selbst langj\u00e4hrige und verdienstvolle MitarbeiterInnen wurden dieser Prozedur ausgesetzt. F\u00fcr viele von ihnen bedeutete das extreme psychische Belastungen. Trotzdem war die H\u00e4lfte der Belegschaft, d.h. rund 2.500 Besch\u00e4ftigte, weiterhin auf unserer Seite. Aber dann wechselten noch 70 Mitglieder aufgrund der Repression wieder zu den Gelben. Der Staat unterst\u00fctzte Bosch und die gelbe Gewerkschaft mit allen nur erdenklichen Mitteln. Auf diese Weise wurde sie wieder tariff\u00e4hig, weil sie nun wieder mehr als 50 Prozent der Belegschaft vertreten konnte. Wir haben l\u00e4ngere Zeit dagegen prozessiert.<\/p>\n<p>All jene ArbeiterInnen, die nicht Mitglieder der tariff\u00e4higen Gewerkschaft sind, sind von den Lohnerh\u00f6hungen ausgeschlossen. Sie erhalten sie nur, wenn sie eine Solidarit\u00e4tserkl\u00e4rung f\u00fcr diese Gewerkschaft abgeben. Wir waren die am besten organisierte Gewerkschaft bei Bosch und haben daher gegen diese ungerechte Bestimmung landesweit mobilisiert. Durch diese Proteste waren wir \u2013 wie bereits 2010 \u2013 in der Lage, f\u00fcr unsere Mitglieder auch 2014 wieder einen Tarifvertrag abzuschlie\u00dfen. Diesmal konnten wir eine Lohnerh\u00f6hung von 9,78 Prozent rausholen. Sie galt f\u00fcr ca. 100.000 ArbeiterInnen, nicht jedoch f\u00fcr die Bosch-Besch\u00e4ftigten, da sie sich ja in einem Rechtsstreit befanden und dadurch von der Erh\u00f6hung ausgenommen waren. Daraufhin traten die Bosch-ArbeiterInnen autonom in Verhandlungen mit ihren Bossen und konnten auch f\u00fcr sich den Abschluss des Kollektivvertrages erreichen. Als Folge dieser Entwicklung begannen auch die Mitglieder von T\u00fcrk-Is im April 2015 zu rebellieren.<\/p>\n<p><strong>Verbreitung der K\u00e4mpfe im Fr\u00fchjahr 2015<\/strong><\/p>\n<p>Im Fr\u00fchjahr 2015 gingen die Mitglieder der T\u00fcrk-Is auf die Barrikaden \u2013 zwischen 40.000 und 50.000 ArbeiterInnen von TOFAS, T\u00fcrk-Traktor, FORD, Renault u.a. \u2013, um die Allgemeing\u00fcltigkeit des Kollektivvertrages, den unsere Gewerkschaft bei Bosch abgeschlossen hatte, durchzusetzen. In diesem Zeitraum standen die Betriebe zwei Wochen lang still, aber die Unternehmer haben die Forderungen der ArbeiterInnen nicht \u00fcbernommen. Wir konnten mit diesen k\u00e4mpfenden ArbeiterInnen anfangs nicht wirklich gut kooperieren, weil sie gewerkschaftlich unerfahren waren. Anw\u00e4lte, Politiker und Kandidaten zur damals bevorstehenden Parlamentswahl im Juni 2015 versuchten, die aufst\u00e4ndischen ArbeiterInnen wieder mit ihren UnternehmerInnen zu vers\u00f6hnen, und schlossen zu diesem Zwecke Vertr\u00e4ge ab, um die ArbeiterInnen wieder zur Arbeitsaufnahme zu bewegen. In vielen Betrieben funktionierte dies, bei Renault jedoch blieben die ArbeiterInnen standhaft. In den Belegschaften, die die Arbeit wieder aufgenommen hatten, waren wir fast gar nicht verankert. Hauptgrund daf\u00fcr ist die gro\u00dfe Repression. Wenn bekannt wird, dass jemand Mitglied unserer Gewerkschaft ist, droht umgehend die Entlassung. Bei Renault hatten wir zu diesem Zeitpunkt aber 1.500 Mitglieder.<\/p>\n<p><strong>14 Tage Ausstand<\/strong><\/p>\n<p>Die ArbeiterInnen haben diesen Aufstand selbst organisiert. Die gelbe Gewerkschaft war nat\u00fcrlich gegen diese Bewegung. Nach dem 14-t\u00e4gigen Widerstand gelang es den aus den Reihen der Renault-ArbeiterInnen gew\u00e4hlten VertreterInnen, mit dem Management einen Vertrag abzuschlie\u00dfen: 1) Kein Arbeiter, keine Arbeiterin wird entlassen. 2) Bessere Arbeitsbedingungen werden angek\u00fcndigt. 3) Auf demokratischer Grundlage k\u00f6nnen BelegschaftsvertreterInnen gew\u00e4hlt werden. 4) Betriebsdemokratie \u2013 Schluss mit Zwang und Einsch\u00fcchterung. 5) Weg mit der gelben Gewerkschaft.<\/p>\n<p>Die Renault-ArbeiterInnen erlebten w\u00e4hrend dieses Aufstandes, dass sie ohne Organisierung ihre Errungenschaften nicht bewahren k\u00f6nnen. Sie erfuhren an sich selbst die volle Repression des Systems. Der jeweilige Unternehmer steht nicht allein. Andere Unternehmer, Regierung, Polizei und Staat unterst\u00fctzen ihn mit allen Mitteln. Wenn man genau berichten w\u00fcrde \u00fcber die 14 Tage des Arbeiteraufstandes, w\u00fcrde die Geschichte ein dickes Buch f\u00fcllen. Nationalistisch gesinnte Renault-ArbeiterInnen mussten pl\u00f6tzlich unerwartet gegen \u00bbihre\u00ab Polizei, gegen \u00bbihre\u00ab Beh\u00f6rden ank\u00e4mpfen. Die ArbeiterInnen besetzten den Betrieb und lie\u00dfen die Sicherheitskr\u00e4fte nicht rein. Sie mussten sich gegen die Polizei und den Renault-Werkschutz verteidigen. Das Unternehmen hat das Wasser im Werk sperren lassen, ebenso die Toilettenanlagen und vieles andere mehr. Nur durch die Unterst\u00fctzung ihrer Familien konnten die ArbeiterInnen die Werksbesetzung aufrechterhalten.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich nahmen sie mit der religi\u00f6sen Gewerkschaft Kontakt auf, erkannten jedoch schnell, dass es keinen gro\u00dfen Unterschied zwischen dieser und der gelben Gewerkschaft gibt. Sie sind dann auch in den Dialog mit uns eingetreten, was sie offensichtlich \u00dcberwindung gekostet hat, weil wir einen schlechten Ruf haben \u2013 regierungsfeindlich und radikal. Wir haben ein Komitee gegr\u00fcndet, um mit den Renault-ArbeiterInnen in Kontakt treten zu k\u00f6nnen. Sie haben ihre eigenen VertreterInnen dorthin entsandt.<\/p>\n<p>Die Belegschaft bei Renault besteht aus rund 5.000 ArbeiterInnen und 6.000 Angestellten. Von\u00a0 den ArbeiterInnen waren im Juli 2015 ca. 4.000 Mitglied bei uns. Die \u00bbGelben\u00ab hatten nunmehr 200-250 Mitglieder. Der Rest war und ist unorganisiert, sympathisiert aber mit uns. Nach dem Beginn der Zusammenarbeit mit den Renault-ArbeiterInnen haben wir Kontakt mit dem Management aufgenommen. Es gab drei Gespr\u00e4chsrunden, die eher dem Kennenlernen dienten. Bei der vierten Gespr\u00e4chsrunde hat der Renault-Vorstand gesagt, dass er legitimierte Ansprechpartner im Betrieb haben will. Es gibt zwar zw\u00f6lf freigestellte gelbe Gewerkschafter, die aber keinerlei Einfluss mehr auf die Belegschaft haben. Unsere Antwort war, dass wir der Belegschaft nicht irgendwelche Auftr\u00e4ge erteilen, sondern es demokratischer Wahlen im Betrieb bedarf. Das ist genau unser Vorgehen: Durch demokratische Wahlen soll eine Art Betriebsrat entstehen. \u00dcber die Notwendigkeit von Wahlen zur Betriebsratsgr\u00fcndung kam es zu einer Einigung. Andererseits mussten die zw\u00f6lf gelben Gewerkschafter weiter freigestellt bleiben. Am 29. Februar 2016 sollten die Betriebsratswahlen abgehalten werden. Als Wahlbeobachter wurden f\u00fcnf Leute vom Renault-Management, f\u00fcnf von unserer Gewerkschaft, ein Notar und ein internationaler Gewerkschaftsvertreter zugelassen.<\/p>\n<p>Nach dieser Vereinbarung gab es auf einer Versammlung von Renault-ArbeiterInnen heftige Diskussionen, weil wir die Linie verteidigten, dass alle Belegschaftsmitglieder wahlberechtigt sein sollten, auch die Angestellten und die Unorganisierten. Anfangs waren die ArbeiterInnen vehement dagegen. Nach langer Diskussion haben wir sie umgestimmt.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem forderten die ArbeiterInnen das Recht, \u00dcberstunden zu verweigern. In der T\u00fcrkei zwingen viele Betriebe die ArbeiterInnen durch niedrige L\u00f6hne, \u00dcberstunden zu leisten, weil sonst das Einkommen nicht f\u00fcr eine Familie ausreicht. Die ArbeiterInnen haben beschlossen, zweimal in der Woche bei Schichtwechsel gegen die niedrigen L\u00f6hne am Werksgel\u00e4nde zu demonstrieren. Die letzte dieser Kundgebungen war am 28. Februar 2016 auf dem Helikopterplatz des Werks. Am gleichen Tag hat der Renault-Vorstand die Schicht von 0 bis 8 Uhr morgens mit Verweis auf technische Probleme aufgehoben. Um 10 Uhr morgens gab es Ger\u00fcchte, dass es K\u00fcndigungen geben w\u00fcrde. Tats\u00e4chlich wurden zehn ArbeiterInnen entlassen,\u00a0 am n\u00e4chsten Tag weitere zehn. Die ArbeiterInnen haben daraufhin wieder f\u00fcr einige Tage gestreikt, und wir haben versucht, vor dem Betrieb eine Kundgebung und eine Pressekonferenz abzuhalten. Doch die Fabrik war vollkommen von Polizei abgeriegelt. Wir haben die Stra\u00dfe vor dem Betrieb besetzt und sind von der Polizei angegriffen, mit Tr\u00e4nengas beschossen und schlie\u00dflich vertrieben worden. Ich selbst wurde mit 24 anderen KollegInnen verhaftet und am n\u00e4chsten Tag vor Gericht gestellt.<\/p>\n<p>Das ist eine weitere Ebene des Konfliktes. Unsere Vereinbarung mit dem Renault-Management hat den Herrschenden nicht gepasst. Das Arbeits-, und das Handelsministerium sowie der Staatspr\u00e4sident Erdogan haben interveniert. Der Renault-Vorstand wurde nach Ankara zitiert und gen\u00f6tigt, das Abkommen mit den ArbeiterInnen aufzuk\u00fcndigen. Wenn die Wahl bei Renault stattfinden sollte, dann k\u00f6nnte dies einen industriellen Fl\u00e4chenbrand in der T\u00fcrkei ausl\u00f6sen. Dies sollte mit allen Mitteln verhindert werden.<\/p>\n<p>Unsere Funktion\u00e4re in Ankara berichteten \u2013 und es stand auch in allen Zeitungen \u2013, dass der Minister im Gespr\u00e4ch mit Renault darauf bestand, dass die gelbe Gewerkschaft weiterhin die Vertretung der Renault-Belegschaft stellt. Schlie\u00dflich wurde der Konflikt an Erdogan \u00fcbertragen. Der Pr\u00e4sident hat am 8. M\u00e4rz, dem internationalen Frauentag, die gelbe Metallarbeitergewerkschaft geehrt und eine Rede vor ihr gehalten. Er hat unsere Gewerkschaft DISK darin zum Feindbild erkl\u00e4rt. Seit dieser Intervention gibt es kein normales gewerkschaftliches Arbeiten mehr. Wie nach dem Milit\u00e4rputsch von 1980 bef\u00fcrchten wir, dass unabh\u00e4ngige Gewerkschaftsaktivit\u00e4ten und unsere Organisierungsarbeit vollends unm\u00f6glich werden.<\/p>\n<p><strong>Renault: Eine Belegschaft <\/strong><strong>\u203a<\/strong><strong>bildet<\/strong><strong>\u2039<\/strong><strong> sich<\/strong><\/p>\n<p>Bursa ist f\u00fcr die T\u00fcrkei das, was Detroit einmal f\u00fcr die Autoproduktion in den USA war. Die wichtigsten Unternehmen des Gro\u00dfkapitals sind hier konzentriert, aber auch viele Zulieferfirmen. Durch den Milit\u00e4rputsch und den 30-j\u00e4hrigen Niedergang der Gewerkschaftsarbeit ist die Arbeiterschaft gewerkschaftlich unerfahren. Gewerkschafter sein bedeutet in den Augen der t\u00fcrkischen ArbeiterInnen, mit schwarzem Anzug, Krawatte und Sonnenbrille, also wie ein Mafiosi durch die Gegend zu laufen.<\/p>\n<p>Wir haben seit Juli 2015 bei Renault 2.500 ArbeiterInnen geschult. Das half ihnen beim diesj\u00e4hrigen Aufstand. Unsere Bildungsarbeit hat die Unternehmer, aber auch die gelben Gewerkschaften sehr beunruhigt, weil ihnen klar ist, dass geschulte ArbeiterInnen die Zust\u00e4nde bei Renault nicht weiter akzeptieren werden. Deshalb wollen sie auch die mafi\u00f6sen Verh\u00e4ltnisse weiter aufrechterhalten, unter denen ein wegen gewerkschaftlicher Aktivit\u00e4t gek\u00fcndigter Arbeiter keine Arbeit mehr in seiner Branche findet, weil er auf eine schwarze Liste gesetzt wird. Der Arbeiter ist dauernd gezwungen, den Kopf einzuziehen, wenn er \u00fcberleben will. Die Bursa-Region ist im allgemeinen konservativ, was bedeutet, dass Du in Deinem sozialen Kampf kaum Unterst\u00fctzung findest.<\/p>\n<p>Diese Verh\u00e4ltnisse haben auf das Bewusstsein der ArbeiterInnen abgef\u00e4rbt. Jahrelang haben sie AKP gew\u00e4hlt und k\u00f6nnen nur schwer begreifen, dass diese Partei, diese Regierung ihre Interessen mit F\u00fc\u00dfen tritt. Die ArbeiterInnen schauen zu, wenn die Leiharbeit zunimmt, ihre Abfindungen nicht bezahlt werden usw. Erst wenn sie in der Praxis mit uns zusammentreffen, erkennen sie andere Betrachtungsweisen und Perspektiven eines m\u00f6glichen Widerstandes. Das durchschnittliche Niveau der Bezahlung liegt auf dem eines Hungerlohns. Wir sind damit besch\u00e4ftigt, unsere Grundbed\u00fcrfnisse zu befriedigen, und wir sehen, dass das Geld daf\u00fcr einfach nicht ausreicht. Staat und Kapital dr\u00e4ngen danach, dass die gelben Gewerkschaften ihre Gespr\u00e4chspartner bleiben, weil die ein Garant daf\u00fcr sind, dass die ArbeiterInnen weiter unter rigider Kontrolle gehalten werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Am 29. Februar und 1. M\u00e4rz wurden 20 ArbeiterInnen ohne Abfindung entlassen. Zudem wurde wurde die elektronische \u00dcberwachung ausgebaut und f\u00fcr \u00bbgef\u00e4hrlich\u00ab gehaltene ArbeiterInnen wurden unbezahlt vom Betrieb beurlaubt. Das ist illegal, wird aber trotzdem geduldet. Alle ArbeiterInnen werden st\u00e4ndig \u00fcberwacht, und wenn festgestellt wird, dass ein Arbeiter mit uns zu tun hat, sagen sie ihm, dass er ohne Abfindung entlassen wird. Oder sie sagen, dass man die Abfindung bekommt, wenn man freiwillig geht. Solche F\u00e4lle k\u00f6nnte man alle vor Gericht gewinnen. Aber solch ein Prozess dauert mindestens ein Jahr, was bedeutet, dass der Arbeiter in dieser Zeit kein Einkommen hat und seine Familie nicht ern\u00e4hren kann. Deshalb entscheiden sich viele Besch\u00e4ftigte daf\u00fcr, die Bedingungen der Unternehmer zu akzeptieren. Viele Zulieferer in der Region sind von Renault abh\u00e4ngig. Verlierst Du Deinen Arbeitsplatz bei Renault, so findest Du daher auch in vielen anderen Betrieben in Bursa keinen Job, weil Renault das Sagen hat.<\/p>\n<p><strong>Die aktuelle Situation bei Renault<\/strong><\/p>\n<p>Nach dem 1. M\u00e4rz ist die Schichtregelung so ge\u00e4ndert worden, dass die KollegInnen sich w\u00e4hrend des Schichtwechsels nicht mehr begegnen. Die ArbeiterInnen, die versuchten, sich w\u00e4hrend der Arbeitszeit zu treffen und auszutauschen, wurden fotografiert und in der Folge entlassen \u2013 fast 300 seit dem 29. Februar.<\/p>\n<p>De facto machen wir momentan unsere Gewerkschaftsarbeit in einem Zustand der Illegalit\u00e4t. Jede erkennbare Zusammenarbeit mit uns bedeutet f\u00fcr den jeweiligen Arbeiter die umgehende Entlassung. Meistens fangen wir in einem Betrieb mit ein oder zwei Leuten zu organisieren an. Wenn ein Kollege bei Renault einen anderen gewinnt, so wird dies gegenw\u00e4rtig geheim gehalten. Die KollegInnen kennen sich als Gewerkschaftsmitglieder dann oft nicht einmal. Das liegt nicht an mangelndem Vertrauen, sondern ist lediglich eine Schutzvorkehrung. Seit dem 29. Februar arbeiten wir klandestin, weil all unsere Gespr\u00e4chspartner verfolgt werden. Kein Arbeiter tritt mehr in der \u00d6ffentlichkeit und in den Medien auf. Wahrscheinlich wird die Arbeit in der Illegalit\u00e4t bis 2017 fortgef\u00fchrt werden m\u00fcssen, weil ja die Unternehmer eine gegenseitige Unterst\u00fctzungserkl\u00e4rung abgegeben haben, dass keiner von ihnen demokratische Spielregeln im Betrieb anerkennen wird. Die gesetzlich legitimierte Gewerkschaftsvertretung bei Renault ist immer noch die gelbe T\u00fcrk-Is. Ihr Mandat l\u00e4uft bis zum 30. August 2017. Wenn unsere Gewerkschaft 120 Tage vor Ablauf dieser Frist 50 Prozent der Belegschaft organisieren kann, dann w\u00fcrde das Verhandlungsmandat an uns \u00fcbergehen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Arbeitsk\u00e4mpfe 2014 habe ich in einer Verhandlungsrunde mit den Unternehmern gesagt, dass die Folge der desastr\u00f6sen Arbeitsverh\u00e4ltnisse Streiks oder ein Aufstand sein werden, weil ich gesehen habe, dass die ArbeiterInnen bereits mit dem R\u00fccken zur Wand stehen. Die Unternehmervertreter haben den Kopf gesch\u00fcttelt und erkl\u00e4rt, dass sie das nie zulassen werden. Die MetallarbeiterInnen sind aber ein zentrales Segment der Arbeiterklasse. Wir sind sicher, dass wir in eine neue und sehr ernste Kampfphase eintreten, in der wir die Solidarit\u00e4t der europ\u00e4ischen Gewerkschaftsbewegung brauchen. Wir werden erpresst mit dem niedrigen Lohnniveau im globalen Osten und der Drohung von Standortverlagerungen. Die Internationalisierung des Kapitals muss durch unsere Internationalisierung beantwortet werden. In Frankreich sind die Rechte der ArbeiterInnen weit besser als in der T\u00fcrkei. Die Autoindustrie in Frankreich und der T\u00fcrkei ist fast gleich gro\u00df und auf einem vergleichbaren Modernisierungsstand. Aber in der T\u00fcrkei wird deutlich mehr produziert Die Renault-ArbeiterInnen in der T\u00fcrkei sollten Schulter an Schulter mit denen in Frankreich k\u00e4mpfen. Wir sind V\u00f6lker des Mittelmeeres. Unsere Augen k\u00f6nnen zwar verschiedene Farben haben, aber unsere Tr\u00e4nen sind gleich.<\/p>\n<p><em>Quelle: express, Zeitung f\u00fcr sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit, 5\/2016<\/em><\/p>\n<p><em>* Ayhan Ekinci, Birlesik Metal-Is Sendikasi (Provinz Bursa), ist DISK-Vertreter f\u00fcr die Region Marmara. Das Gespr\u00e4ch mit Ayhan Ekinci f\u00fchrten Cemalettin Efe und Peter Haumer am 12. M\u00e4rz 2016 in Bursa.<\/em><\/p>\n<p><em>Siehe dazu auch: Um sich greifender Ungehorsam. Hakan Ko\u00e7ak \u00fcber die Streikwelle in der T\u00fcrkei. <\/em><a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/?p=83589\"><em>Artikel in express, Zeitung f\u00fcr sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit, 06-07\/2015<\/em><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht nur um klassische b\u00fcrgerliche Freiheitsrechte, auch um Arbeits- und Gewerkschaftsrechte ist es in der T\u00fcrkei schlecht bestellt. 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