{"id":12456,"date":"2023-01-15T12:08:18","date_gmt":"2023-01-15T10:08:18","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12456"},"modified":"2023-01-15T12:08:19","modified_gmt":"2023-01-15T10:08:19","slug":"kuba-in-der-krise-und-die-theorie-der-permanenten-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12456","title":{"rendered":"<strong>Kuba in der Krise und die Theorie der permanenten Revolution<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Maxi Schulz. <\/em><strong>Die Krise in Kuba, welche mehrere Ursachen hat, versch\u00e4rft sich weiter. Die Lebensumst\u00e4nde sind \u00e4u\u00dferst schwierig, die soziale Ungleichheit w\u00e4chst kontinuierlich. \u00dcber die Situation auf Kuba und eine fortschrittliche Perspektive, welche in Leo Trotzkis Theorie der permanenten Revolution liegt. <\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Ob Klimawandel, Corona-Pandemie, steigende Inflation oder Kriege. Die vielen Krisen dieser Zeit wirken sich besonders stark auf die abh\u00e4ngigen L\u00e4nder aus. Kuba bildet dabei keine Ausnahme und ist nicht zuletzt aufgrund des versch\u00e4rften US-Embargos und der Krise in Venezuela, welcher f\u00fcr Kuba ein wichtiger Partner war, noch st\u00e4rker betroffen. Auch der Kurs der \u201ekapitalistischen Restauration\u201d, welchen die Regierung seit langem verfolgt, wirkt sich immer verheerender auf die soziale Situation aus. Diese Krise erinnert teilweise an die sogenannte \u201eSonderperiode\u201c, also der Zeit nach dem Fall der B\u00fcrokratien, die die L\u00e4nder des \u201eSowjetblocks\u201c leiteten, wodurch Kuba den Zugang zu wichtigen Rohstoffen und G\u00fctern verlor. Was den Blick auf Kuba besonders interessant und wichtig macht, ist der Fakt, dass Kuba ein Land mit teilweise kollektiviertem Eigentum und auch Elementen staatlicher Planwirtschaft ist. Dies erm\u00f6glicht insbesondere auch eine Auseinandersetzung mit der \u201eTheorie der permanenten Revolution\u201c, mit deren Hilfe wir die Lage besser verstehen k\u00f6nnen und eine Perspektive aufzeigen.<\/p>\n<p><strong>Kubas Geschichte und die Revolution<\/strong><\/p>\n<p>Um die gesellschaftlichen Prozesse zu verstehen, welche sich nach der kubanischen Revolution bis heute vollzogen haben, ist es essentiell, die Geschichte Kubas im Hinblick auf die Bedingungen vor der Revolution und ihren Verlauf zu analysieren. Anfang des 20. Jahrhunderts war Kuba in kolonialer und halbkolonialer Abh\u00e4ngigkeit von den USA. Diese hatten in den Unabh\u00e4ngigkeitskrieg, den die Kubaner:innen gegen Spanien f\u00fchrten, eingegriffen. Sie unterst\u00fctzen zwar die Kubaner:innen in ihrem Kampf, doch nur um dann selbst die Macht zu \u00fcbernehmen. Bei der spanischen Kapitulation in Havanna war kein einziger Kubaner und auch keine einzige Kubanerin eingeladen, es wehte die amerikanische Flagge. Mehrere Male intervenierten die USA auch darauffolgend milit\u00e4risch. Eine Souver\u00e4nit\u00e4t Kubas bestand ab 1902 zwar formell mit der Ausrufung der kubanischen Republik. Doch behielten die Vereinigten Staaten weiterhin das Recht, auf der Insel milit\u00e4risch zu intervenieren. Die US-Botschaft konnte zudem dar\u00fcber entscheiden, wer das Amt des Pr\u00e4sidenten innehaben durfte. Die wichtigsten Wirtschaftszweige wurden durch US-Kapitalist:innen kontrolliert und 75 Prozent der Importe stammten aus den USA. Trotzdem gelang es den Vereinigten Staaten nicht vollst\u00e4ndig, die Kontrolle zu erlangen. Im Jahr 1916 gewann Alfredo Zayas, welcher sich von Anfang an gegen die \u00dcbernahme durch den US-Imperialismus ausgesprochen hatte, die Wahl zum Pr\u00e4sidenten. Die US-Regierung ging milit\u00e4risch gegen ihn vor und verhinderte so seine Amts\u00fcbernahme. Vier Jahre sp\u00e4ter wurde er jedoch wiedergew\u00e4hlt; nach einem langen Prozess des juristischen Angriffs auf seine Kandidatur, konnte er das Amt \u00fcbernehmen, allerdings mit erheblichen Einschr\u00e4nkungen. Um die Kontrolle wiederzuerlangen, brauchte der US-Imperialismus einen starken Kandidaten f\u00fcr die n\u00e4chsten Wahlen, der ihnen v\u00f6llig loyal war. Mit Gerardo Machado, auch bekannt als der \u201eTropen-Mussolini\u201e, wurde dieser Kandidat gefunden. Mithilfe finanzieller Unterst\u00fctzung aus der US-Elite, kam dieser an die Macht und regierte mit extremer Brutalit\u00e4t. Doch auch dieser konnte der sozialen Dynamik im Land nicht standhalten. Im Jahr 1933 wurde er mit Hilfeeines Generalstreiks gest\u00fcrzt und eine Interimsregierung wurde installiert. In der darauffolgenden Zeit gab es einige soziale Reformen und der Einfluss linker Kr\u00e4fte wurde gr\u00f6\u00dfer. Fulgencio Batista, der Kuba als gew\u00e4hlter Pr\u00e4sident von 1940-44regierte, \u00fcbernahm 1952 mit Hilfeeines Milit\u00e4rputsches wieder die Kontrolle und f\u00fchrte Kuba in eine grausame Diktatur, die den Interessen der US-Bourgeoisie untergeordnet war. Die Bourgeoisie war nicht in der Lage, eine demokratische Entwicklung zu vollziehen, um ihre Macht abzusichern, weshalb die Klassenkampfprozesse mit der Macht\u00fcbernahme des Batista-Regimes in einer extrem brutalen Diktatur m\u00fcndeten. Die Bourgeoisie Kubas und ihre Partner in den USA waren f\u00fcr die Sicherung ihrer Macht auf diese Form der Herrschaft angewiesen. Von dem Reichtum, der vorwiegend durch den Zuckerexport entstand, bekam die einfache Bev\u00f6lkerung nichts ab. Die sozialen Gegens\u00e4tze waren damals sehr hoch und auch grundlegende demokratische Fragen nicht gekl\u00e4rt, so wurde Kritik an der F\u00fchrung Batistas und dem Einfluss der USA mit dem Tod bestraft. Etwa 20 Tausend Menschen wurden vom Geheimdienst des Batista-Regimes in diesen Jahren gefoltert und ermordet. Vor der Revolution hatten wir es zusammenfassend gesagt, mit einem Zustand der kombinierten und ungleichen Entwicklung in kolonialer Abh\u00e4ngigkeit von den USA zu tun, der sich durch den extremen Reichtum der Bourgeoisie und die durch Sklaverei und Kolonialismus gepr\u00e4gte R\u00fcckst\u00e4ndigkeit der Bev\u00f6lkerung kennzeichnete. 90 Prozent der Menschen hatten keinen Strom, die meisten Kinder gingen nur ein Jahr zur Schule. Der englische Wirtschaftswissenschaftler Dudley Seers stellte fest, dass die Situation 1958 unertr\u00e4glich war: \u201eAuf dem Lande waren die sozialen Bedingungen entsetzlich. Fast ein Drittel des Volkes lebte im Elend [\u2026] in Baracken, meist ohne Strom und Latrinen, litt unter parasit\u00e4ren Krankheiten und hatte keinen Zugang zum Gesundheitswesen.\u201d Auf der anderen Seite standen die amerikanischen Touristen und Gesch\u00e4ftsleute, die einem kleinen Teil der nationalen Bourgeoisie einen erheblichen Reichtum einbrachten und sich in Kuba vergn\u00fcgten und ein luxuri\u00f6ses Leben f\u00fchrten.<\/p>\n<p>Gegen diese Verh\u00e4ltnisse und die Diktatur Batistas organisierte Fidel Castro, der damals noch Mitglied der liberalen Orthodoxen Partei war, am 26. Juli 1953 einen milit\u00e4rischen \u201ePutsch\u201d gegen eine Kaserne, mit Hilfe einer kleinen Guerilla-Organisation. Dieser schlug fehl, er selbst wurde gefangen genommen, allerdings fr\u00fch amnestiert. Zwei Jahre sp\u00e4ter gr\u00fcndeten Castro und andere Linksnationalist:innen die \u201eBewegung des 26 Juli\u201d, in Erinnerung an das Datum des Sturms auf die Kaserne. Sie nahmen den bewaffneten Kampf nach Fidel Castros Freilassung, mit mehr Erfolg wieder auf. Dabei unterst\u00fctzten sie auch liberale und b\u00fcrgerliche Teile der Gesellschaft und ebenso der ehemalige Pr\u00e4sident Kubas Carlos Pr\u00edo, der von Batista gest\u00fcrtzt wurde. Erst zu einem sp\u00e4ten Zeitpunkt im Verlauf des \u201erevolution\u00e4ren Prozesses\u201c wandten sich die Gewerkschaften und die damalige kommunistische Partei der Bewegung des 26. Juli, welche zun\u00e4chst von ihnen als b\u00fcrgerlich eingestuft worden war, zu.<\/p>\n<p>Wie das folgende Zitat von Trotzki definiert, war es aufgrund der existierenden Bedingungen m\u00f6glich, dass eine kleinb\u00fcrgerliche Bewegung erfolgreich gegen den Imperialismus k\u00e4mpft, doch die Etappentheorie, welche besagte, dass nun eine liberale kapitalistische Herrschaft entstehen m\u00fcsste, bevor es zum Sozialismus kommen kann, kollidierte wie auch schon bei der der russischen Revolution mit der Realit\u00e4t.<\/p>\n<p><em>Ist die Errichtung einer solchen Regierung durch die traditionellen Arbeiterorganisationen m\u00f6glich? Die bisherige Erfahrung zeigt uns, wie gesagt, dass dies zumindest unwahrscheinlich ist. Man kann jedoch nicht von vornherein kategorisch die theoretische M\u00f6glichkeit ausschlie\u00dfen, dass unter dem Einfluss eines au\u00dfergew\u00f6hnlichen Zusammentreffens bestimmter Umst\u00e4nde (Krieg, Niederlage, Finanzkrach, revolution\u00e4re Offensive der Massen usw.) kleinb\u00fcrgerliche Parteien \u2013 die Stalinisten eingeschlossen \u2013 auf dem Weg des Bruchs mit der Bourgeoisie weiter gehen k\u00f6nnen, als ihnen selbst lieb ist. Jedenfalls steht eines au\u00dfer Zweifel: selbst wenn diese wenig wahrscheinliche Variante irgendwann und irgendwo verwirklicht und eine \u00bbArbeiter- und Bauernregierung\u00ab im oben bezeichneten Sinn tats\u00e4chlich gebildet w\u00fcrde, so stellte sie nur ein kurzes Zwischenspiel auf dem Wege zur wirklichen Diktatur des Proletariats dar. \u2013 Leo Trotzki<\/em><\/p>\n<p><strong>Die Strategie des revolution\u00e4ren Bonapartismus<\/strong><\/p>\n<p>Das Batista-Regimehatte bei den Massen in Kuba keinen R\u00fcckhalt. Die Schw\u00e4chen des Regimes nutzte die Bewegung des 26. Juni, welche von Fidel Castro angef\u00fchrt wurde, um am 2. Dezember 1956 einen Guerillakampf, der das Regime zu Fall bringen sollte, zu beginnen. Aber wie konnten nur etwa 100 Guerilleros die Herrschaft einer brutalen Diktatur beenden? Eine gro\u00dfe strategische Inspiration daf\u00fcr war Louis Bonapartes Konzept der Machteroberung. In seinem Essay \u00fcber den 18. Brumaire des Louis Bonapartes analysierte Marx, wie unter den Bedingungen und Beziehungen, die der Klassenkampf in Frankreich geschaffen hatte, eine \u201eheroische Minderheit\u201d, die Macht \u00fcbernehmen konnte. Dieses Essay studierte Fidel Castro w\u00e4hrend er in Haft sa\u00df sehr ausf\u00fchrlich. Ihm schwebte ein neuer Versuch des Staatsstreichs vor, f\u00fcr diesen schaute er sich die f\u00fcr das Gelingen der Macht\u00fcbernahme Bonapartes zentralen Faktoren ab. Seine Macht\u00fcbernahme, durfte sich nicht auf die Bourgeoisie st\u00fcrzen, es brauchte soziale und demokratische Versprechungen, die den R\u00fcckhalt in den ausgebeuteten und unterdr\u00fcckten Massen sichern. Diese durften aber nicht zu radikal und offen kommunistisch sein, um nicht den R\u00fcckhalt bei b\u00fcrgerlichen Sektoren der Gesellschaft zu verlieren. Diese Strategie war ein Ausdruck des Glaubens an die Unf\u00e4higkeit der Arbeiter:innenklasse, selbst die Macht zu \u00fcbernehmen. Der Unterschied von Castros \u201erevolution\u00e4ren Bonapartismus\u201d zum Bonapartismus im eigentlichen Sinne war, die Ambition nach der Macht\u00fcbernahme wirklich soziale Versprechungen einzul\u00f6sen, wobei selbst unter den Revolutionsf\u00fchrern ungekl\u00e4rt war, wie diese aussehen werden. Bereits kurz nach der Macht\u00fcbernahme begann Fidel Castro sich von den urspr\u00fcnglich propagierten b\u00fcrgerlich-demokratischen Idealen und Zielen der Revolution zu distanzieren und eine Umdeutung hin zum Sozialismus als Ziel der Bewegung vorzunehmen. Gegen die Hinwendung der Regierung zum \u201esowjetischen System\u201d begannen auch Anf\u00fchrer der Revolution wie Hubert Matos zu protestieren, was zu seiner Inhaftierung f\u00fchrte. Bereits Anfang 1959, kurz nach der Macht\u00fcbernahme, begann dann die neue Regierung einen Prozess, der die grundlegenden Verh\u00e4ltnisse sozial ver\u00e4ndern w\u00fcrde. Landwirtschaft und Industrie wurden verstaatlicht, US-Verm\u00f6genswerte enteignet, eine staatliche Wirtschaftsplanung wurde antizipiert und so weiter. Dies h\u00f6rt sich zun\u00e4chst nach einer guten Strategie an. Doch welche Bedingungen und Probleme schaffte der \u201erevolution\u00e4re Bonapartismus\u201d?<\/p>\n<p>Es entstanden keine R\u00e4te, mit denen die Arbeiter:innen und Unterdr\u00fcckten die Macht aus\u00fcbten, sondern eine b\u00fcrokratisch-milit\u00e4rische Herrschaft in der Arbeiter:innen und B\u00e4uer:innen keine selbst\u00e4ndige Rolle erhielten, mit aber durchaus starken sozialen Errungenschaften. So wurde beispielsweise der Einfluss des Imperialismus zur\u00fcckgedr\u00e4ngt, das Bildungs- und Gesundheitssystem f\u00fcr alle Menschen zug\u00e4nglich gemacht, die Arbeitslosigkeit stark reduziert und vieles mehr. Diese Errungenschaften waren aufgrund der sozialen Dynamik m\u00f6glich geworden, sie sind keine Errungenschaft der Guerilla, sondern der protestierenden und streikenden Arbeiter:innen und B\u00e4uer:innen, die sich in Kuba \u00fcber viele Perioden, gegen Sklaverei, Korruption, Ausbeutung und den Imperialismus zuWehr gesetzt haben. Die Guerilla machte das politische zum milit\u00e4rischen, im \u201erevolution\u00e4ren Prozess\u201d wurde die Macht nicht an die Arbeiter:innenklasse gekoppelt, sondern an das Milit\u00e4r. Die F\u00fchrungsrolle des Proletariats, die mit der Erfahrung der Oktoberrevolution best\u00e4tigt wurde, wurde aufgegeben. Stattdessen war die Idee, eine milit\u00e4risch gef\u00fchrte, b\u00e4uerliche, nationale und demokratische Revolution ohne die Macht des Proletariats durchzuf\u00fchren, was, wie wir auch im weiteren Verlauf der Geschichte sehen konnten, schwerwiegende Folgen hatte.<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber stellen wir die permanente Revolution, diese bedeutet, dass es in den H\u00e4nden des Proletariats einen \u00dcbergang von den demokratischen und nationalen Aufgaben zur sozialistischen Revolution und deren Ausdehnung auf die Regional- und Weltarena geben muss. Darin enthalten ist die Neustrukturierung der ganzen Nation unter F\u00fchrung des Proletariats. Daf\u00fcr ben\u00f6tigt es R\u00e4testrukturen, die nicht vom Himmel fallen, sondern bewusst aufgebaut werden m\u00fcssen. Die Erf\u00fcllung der versp\u00e4teten b\u00fcrgerlich-demokratischen Aufgaben konnte nicht von einem linken Bonaparte \u00fcbernommen werden, der sich aufs Milit\u00e4r oder die Zwischenklassen st\u00fctzt. Wie Trotzki betonte, ist die volle und wirkliche L\u00f6sung der demokratischen Aufgaben und des Problems der nationalen Befreiung nur mittels der Diktatur des Proletariats als Anf\u00fchrerin der unterdr\u00fcckten Nationen und vor allem ihrer b\u00e4uerlichen Massen denkbar. Das Proletariat muss in zur\u00fcckgebliebenen und kolonial abh\u00e4ngigen L\u00e4ndern die B\u00e4uer:innenschaft um sich sammeln, um die Macht zu ergreifen. <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/kuba-in-der-krise-und-die-theorie-der-permanenten-revolution\/#f1\"><sup>1<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Die Erfahrung der kubanischen Revolution best\u00e4tigt diese Theorie, doch trotzdem analysieren viele Linke die historischen und gegenw\u00e4rtigen Gegebenheiten anders. Die \u201esozialistische deutsche Arbeiterjugend\u201d, welche die Verh\u00e4ltnisse in Kuba positiv beurteilt, schreibt beispielsweise: \u201eKuba ist keine Parteiendemokratie, sondern gepr\u00e4gt durch starke Elemente direkter Demokratie. \u201dSolche Elemente kann man wohl nur mit einer besonders starken \u201erosaroten Brille\u201d erkennen. Es stimmt, dass die Bev\u00f6lkerung mehrmals im Laufe der Geschichte Kubas, \u00fcber die Gesetze abstimmen durfte. Doch das \u201edemokratische System\u201d, welches sie in Kuba als besonders ausgepr\u00e4gt hervorheben, existiert schlichtweg nicht. Die absolute legislative Macht \u00fcbt der Staatsrat aus, wer in diesen kommen darf, wird, bevor das Parlament befragt wird, vom Zentralkomitee der Partei abgestimmt. Regionale Vertretungen werden zwar aus Nachbarschaftsversammlungen heraus gew\u00e4hlt, doch verf\u00fcgen real \u00fcber kaum einen Einfluss. Kandidierende f\u00fcr das nationale-Parlament werden zu einem Teil von der Kommunistischen Partei und von ihr kontrollierten Organisationen vorgeschlagen und zum anderen Teil von den regionalen Vertretungen. Das Parlament tagt lediglich zweimal j\u00e4hrlich und verf\u00fcgt zwar \u00fcber einen formellen Einfluss, \u00fcbt diesen aber nicht aus und dient nur dazu Beschl\u00fcsse von oben abzusegnen und ihnen so einen demokratischen Anschein zu verleihen. Wenn Kuba so eine \u201estarke Demokratie\u201d ist, wieso wurden dann nahezu alle Abstimmungen der Geschichte ohne Gegenstimme angenommen? (Lediglich einmal stimmte Mariela Castro gegen einen Gesetzentwurf) Wieso gab es dann von der Revolution bis heute kontinuierliche Repressionen gegen regierungskritische Linke?<\/p>\n<p><strong>Zur derzeitigen Krise in Kuba: Die Corona-Pandemie und das US-Embargo<\/strong><\/p>\n<p>Da nun vorwiegend historische Fragen gekl\u00e4rt worden sind, wird es Zeit sich mit den Bedingungen und Diskussionen der Gegenwart auseinanderzusetzen. Wie entwickeln sich die sozialen und politischen Verh\u00e4ltnisse in Kuba und inwieweit best\u00e4tigen sie die Kritik an der \u201eStrategie des revolution\u00e4ren Bonapartismus\u201d?<\/p>\n<p>Zwei wichtige Faktoren im Moment sind weiterhin das US-Embargo, sowie die Pandemie. Durch die Corona-Pandemie und das unter US-Pr\u00e4sident Trump wieder massiv versch\u00e4rfte und durch Pr\u00e4sident Biden fortgef\u00fchrte Embargo, sind auf Kuba viele Probleme entstanden und verschlimmert worden. Besonders eklatant ist aktuell der Mangel an Treibstoff und Strom. An den Stra\u00dfen stehen unz\u00e4hlige Menschen, um von einem der wenigen verf\u00fcgbaren Transportmittel mitgenommen zu werden. Selbst eine Pferdekutsche ist hei\u00df begehrt, denn \u00f6ffentliche Transportmittel lassen lange auf sich warten und sind immer restlos \u00fcberf\u00fcllt. Ein privates Auto oder Motorrad besitzen die wenigsten. Ein weiteres Problem stellen Stromausf\u00e4lle da, diese passieren regelm\u00e4\u00dfig und sind manchmal von eher kurzer Dauer, teilweise halten sie aber auch f\u00fcr mehr als 12 Stunden an. Aufgrund des Embargos k\u00f6nnen auch viel weniger Menschen nach Kuba kommen, denn Kreuzfahrtschiffe d\u00fcrfen nicht anlegen und US-B\u00fcrger:innen ist die Einreise bis auf wenige Ausnahmen verboten. Durch die Corona-Pandemie ist der Fernreise-Tourismus v\u00f6llig eingebrochen. An Sehensw\u00fcrdigkeiten, an denen sich sonst die Menschen dr\u00e4ngten und in Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen, wo Trubel war, herrscht nun g\u00e4hnende Leere. Die vielen Menschen, die vom Tourismus lebten, haben es momentan besonders schwer. Der Tourismus brachte sonst mehr Devisen in das Land, welche der Wirtschaft nun fehlen, was als Grund daf\u00fcr genannt wird, dass notwendige G\u00fcter nicht importiert werden.<\/p>\n<p><strong>Inflationskrise und kapitalistische W\u00e4hrungsreformen schaffen neue Ausbeutungsverh\u00e4ltnisse und versch\u00e4rfen die Armut<\/strong><\/p>\n<p>Bereits vor den Preissteigerungen, die die Arbeiter:innenklasse gerade weltweit im Zuge der Corona-Pandemie und dem Krieg in der Ukraine sp\u00fcrt, gab es in Kuba eine starke Inflation. Diese wurde durch die W\u00e4hrungsreform, welche die Regierung im Zuge des Prozesses der kapitalistischen Restauration durchgef\u00fchrt hat, verursacht. In den 1990er Jahren hatte die kubanische Regierung im Zuge der \u201eSonderperiode\u201d, einen doppelten Geldkreislauf eingef\u00fchrt. Zum regul\u00e4ren kubanischen Peso, stie\u00df der CUC dazu, welcher eine Art Ersatz f\u00fcr ausl\u00e4ndische W\u00e4hrungen darstellte und den Wechselkurs Dollar zu kubanischem Peso senkte. Mit einem Kurs von 1:24 f\u00fcr die regul\u00e4re Bev\u00f6lkerung und 1:1 f\u00fcr staatliche Unternehmen. Immer wieder schob die Regierung die Vereinheitlichung der W\u00e4hrungen auf, entschied sich dann aber im f\u00fcr die einfache Bev\u00f6lkerung ung\u00fcnstigsten Moment im Jahr 2021 dazu, den CUC abzuschaffen. \u201eDie Reform solle allen Kubanern mehr Chancengleichheit garantieren und gr\u00f6\u00dferen Anreiz zur Arbeit schaffen\u201d, bekr\u00e4ftigte Pr\u00e4sident Miguel D\u00edaz-Canel bei der Ank\u00fcndigung der Reform. Die Realit\u00e4t ist eine ganz andere gewesen. Innerhalb von kurzer Zeit wurde der kubanische Peso um \u00fcber 2400 Prozent abgewertet, zwar wurden Geh\u00e4lter darauffolgend erh\u00f6ht, doch die neuen Geh\u00e4lter bedeuten gemessen an dem vorherigen Niveau einen starken Reallohnverlust. Diese finanzpolitische Ma\u00dfnahme diente nicht den Interessen der Arbeiter:innenklasse, sondern wurde durchgef\u00fchrt, um die f\u00fcr den Staat beim Import von Waren entstehenden Kosten, an die einfache Bev\u00f6lkerung weiterzugeben, den Zugang f\u00fcr ausl\u00e4ndisches Kapital zu \u00f6ffnen und Anreize zu schaffen mehr Waren in das Ausland zu exportieren!<\/p>\n<p>Die Geh\u00e4lter in Kuba unterscheiden sich, abgesehen davon, dass sie durch die globale Inflation, gek\u00fcrzte Subventionen und nationale W\u00e4hrungsreformen gesunken sind, generell sehr stark. So verdienen Arbeiter:innen in der Landwirtschaft gerade einmal 80 Euro im Monat. Das Gehalt einer Krankenschwester liegt bei 180 Euro. Die L\u00f6hne von Besch\u00e4ftigten im Dienste der Staatsb\u00fcrokratie, in den Ministerien, beim Milit\u00e4r oder der Polizei \u00fcbertreffen diese Geh\u00e4lter um ein Vielfaches. Des Weiteren kommen dieser Gruppe von Besch\u00e4ftigten auch Privilegien beim Einkauf zu.\u00a0 In speziellen Gesch\u00e4ften k\u00f6nnen sie beispielsweise subventioniertes Bier erwerben. Ein gew\u00f6hnliches Bier, welches in Kuba hergestellt wird, kostet umgerechnet etwa 1,30-2 Euro und ist daher f\u00fcr die einfachen Arbeiter:innen unbezahlbar. Zwar sind Grundnahrungsmittel teilweise subventioniert, doch reichen die in den Lebensmittelkarten angegebenen Rationen nicht wirklich f\u00fcr den monatlichen Bedarf. Die Preise, mit denen dann privat gehandelt wird, sind massiv gestiegen, so kostet ein Pfund Reis zwischen drei und f\u00fcnf Euro auf dem Schwarzmarkt. Die Folge der W\u00e4hrungsreform und Preissteigerung infolge der globalen Inflationskrise ist, dass viele Menschen auf essentielle Produkte verzichten m\u00fcssen. Zwar hat Kuba f\u00fcr die Region ein verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig starkes Gesundheits- und Bildungssystem, doch sichern diese den Menschen kein Leben ohne Armut und Unterdr\u00fcckung. Anzumerken ist auch, dass es zwar eine gute Ausbildung und keinen Personalmangel gibt, aber wichtige Ger\u00e4te und Materialien fehlen, wof\u00fcr vor allem auch das Embargo des US-Imperialismus verantwortlich ist. Wie jedoch die kubanischen Blogs Comunistas, Tremenda Nota und La Joven Cubain einer gemeinsamen Petition ausf\u00fchren, ist die kubanische Regierung durch ihre Anpassungsstrategie mitverantwortlich f\u00fcr den Mangel an medizinischen Bedarfsg\u00fctern. Der Artikel beschreibt als eine weitere Ursache neben der Blockade den R\u00fcckgang von Investitionen in Wissenschaft und technologische Innovation. Im Jahr 2020 waren sie 72-malgeringer als Investitionen in die Bereiche, Unternehmensdienstleistungen, Immobilien und Vermietungst\u00e4tigkeit, zu denen auch die Tourismusinvestitionen geh\u00f6ren. Dies geschah wohlgemerkt w\u00e4hrend der Pandemie.<\/p>\n<p><strong>Unterdr\u00fcckung und Ungleichheit bestehen weiter<\/strong><\/p>\n<p>Vor kurzem hat die Regierung Kubas ein neues \u201eFamiliengesetz\u201d eingef\u00fchrt. Die Politik in Bezug auf die LGBTQ-Gemeinschaft ist im weltweiten und regionalen Ma\u00dfstab betrachtet definitiv fortschrittlich, denn die vorhandenen Gesetzgebungen, welche sich insbesondere gegen sexualisierte Gewalt und f\u00fcr diverse Familienmodelle und explizit eine Eheschlie\u00dfung f\u00fcr alle richten, dienen eindeutig dem Schutz und der Gleichberechtigung von Frauen und queeren Menschen. Das kubanische Gesundheitssystem, welches f\u00fcr alle Menschen kostenlos ist, bietet auch diverse Spezifikationen in Bezug auf queere Menschen, so gibt es ein vielf\u00e4ltiges Programm gegen HIV und dadurch eine der niedrigsten Infektionsraten in Lateinamerika. Des Weiteren gibt es seit 1988 medizinische Angebote f\u00fcr Trans-Menschen, die Ende der 2000er Jahre verallgemeinert wurden. Trotz diesen fortschrittlichen Aspekten ging der Staat immer wieder mit Repressionen gegen Mitglieder der LGBTQ-Community, wie beispielsweise Maikel Gonz\u00e1lez Vivero(Direktor der LGBTQ-Community Zeitschrift \u201eTremenda Nota\u201c) vor. Es sind insbesondere Frauen und Queers besonders stark von der derzeitigen Krise betroffen, da sie in der Regel weniger verdienen und unter Diskriminierung und Gewalt leiden, ohne die materiellen Grundlagen zu schaffen, die ein Leben ohne Armut und in Gleichberechtigung m\u00f6glich machen, werden Frauen und queere Menschen auch in Kuba niemals frei sein.<\/p>\n<p>Neben Frauen und Queers sind insbesondere die Afro-Kubaner:innen, welche mindestens 10 Prozent der Gesellschaft ausmachen, \u00fcberproportional von den sozialen Missst\u00e4nden betroffen. Sie leben viel h\u00e4ufiger in extremer Armut und haben einen erschwerten Zugang zu guter Arbeit, zivilgesellschaftlichen Organisationen, den Medien und der Politik. Es ist eine Schande, dass schwarze Menschen in Kuba immer noch rassistisch unterdr\u00fcckt werden. Bem\u00fchungen diese Situation zu \u00e4ndern, kamen erst nach massivem Druck der schwarzen Gemeinschaft zustande und haben kaum etwas ge\u00e4ndert. Immer wieder wird ihre Opposition, selbst wenn sie sich ebenso als marxistisch begreift, mit Repressionen konfrontiert.<\/p>\n<p><strong>Die Antwort der Regierung ist ein Prozess der \u201ekapitalistischen Restauration\u201d<\/strong><\/p>\n<p>Die sozialen Verh\u00e4ltnisse in Kuba sind, so l\u00e4sst sich zusammenfassen, von enormer Ungerechtigkeit und Ungleichheit gepr\u00e4gt. Kubaner:innen mit Familie im Ausland oder in der Staatsb\u00fcrokratie genie\u00dfen viele materielle Vorteile, die soziale Lage verschlechtert sich kontinuierlich, insbesondere f\u00fcr die, die ohnehin schon am wenigsten haben. Doch welches Programm und was f\u00fcr eine Strategie bietet die Regierung im Angesicht dieser Zust\u00e4nde?<\/p>\n<p>Nach dem Zusammenbruch des sogenannten Ostblocks begann in den ehemaligen \u201eArbeiterstaaten\u201ddie Phase der b\u00fcrgerlichen Restauration. Diese Prozesse, die 1989 begannen, haben Ausbeutungsverh\u00e4ltnisse neu geschaffen, die Ungleichheit vertieft und entgegen aller demokratischen Illusionen autorit\u00e4re (bonapartistische) Regime etabliert und reaktion\u00e4re und rassistische Kr\u00e4fte an die Macht gebracht, wie in Ungarn und Polen, wo demokratische Grundrechte wie die legale Abtreibung angegriffen werden. In Kuba konnte die Kommunistische Partei ihre Macht absichern und begann aber ebenso mit einem Prozess der Restauration kapitalistischer Verh\u00e4ltnisse. Zu den zentralen Ma\u00dfnahmen die sie ergriff, geh\u00f6rten die verschiedenen Reformen des Gesetzes \u00fcber ausl\u00e4ndische Investitionen, die den Eintritt des imperialistischen Kapitals erleichterten; die Aush\u00f6hlung der Wirtschaftsplanung (mit einigen Ausnahmen beispielsweise des Bildungs- und Gesundheitswesens) und des Au\u00dfenhandelsmonopols (wenn auch in diesem Fall mit Mechanismen staatlicher Kontrolle). Und die Umwandlung der revolution\u00e4ren Streitkr\u00e4fte in eine de facto Aktiengesellschaft, die eine Holding der wichtigsten Tourismusunternehmen, Devisengesch\u00e4fte und andere Unternehmen verwaltet. Dieser Prozess des Voranschreitens der kapitalistischen Verh\u00e4ltnisse verlangsamte sich in den letzten Jahren von Fidel Castro, vor allem in der Periode, die als \u201eKampf um die Ideen\u201c bezeichnet wird und beschleunigte sich wieder mit der Amts\u00fcbernahme von Ra\u00fal Castro im Jahr 2008. W\u00e4hrend seiner beiden Amtszeiten sorgte Raul f\u00fcr die Ausweitung des privaten Wirtschaftssektors, die Entlassung von etwa 500.000 Staatsbediensteten und f\u00fcr ein neues Arbeitsgesetz, welches ab 2014 verabschiedet wurde und die Ausbeutung der Arbeiter:innen erleichtert, indem es 10- oder 12-Stunden-Arbeitstage ohne \u00dcberstundenzuschl\u00e4ge und ohne das Recht auf freie gewerkschaftliche Organisation erlaubte. Die Regierung D\u00edaz Canel vertieft diesen pro-kapitalistischen Kurs, der auf dem 8. Kongress der kommunistischen Partei Kubas im April 2021 gebilligt wurde, weiter.<\/p>\n<p>Es braucht stattdessen einen Kampf der Arbeiter:innen gegen die Privilegien der B\u00fcrokratie und ihre Macht, f\u00fcr gleiche und gerechte L\u00f6hne, f\u00fcr die Legalit\u00e4t aller Parteien, die die noch verbleibenden Eroberungen der Revolution verteidigen, aber auch das Recht auf freie Meinungs\u00e4u\u00dferung, die Pressefreiheit und die Freiheit der gewerkschaftlichen Organisation, die f\u00fcr die Arbeiter:innen von grundlegender Bedeutung ist, in Perspektive eine echte Arbeiter:innen- und Volksregierung durchzusetzen, die auf der Selbstorganisation der Massen und der Arbeiter:innendemokratie basiert, wo es volle Organisationsfreiheit f\u00fcr jede:n gibt, der:die die Errungenschaften der Revolution verteidigt und dem Imperialismus entgegentritt. Das alles muss gemeinsam mit allen unterdr\u00fcckten Gruppen der Bev\u00f6lkerung geschehen, denn sie sind ebenso Teil der Arbeiter:innenklasse und nehmen, wie wir in der Geschichte sehen k\u00f6nnen, eine besonders gro\u00dfe Rolle in den K\u00e4mpfen, Mobilisierungen und Revolutionen ein!<\/p>\n<p><strong>Die Kontinuit\u00e4t der Macht<\/strong><\/p>\n<p>Wie wir sehen k\u00f6nnen, geht der Prozess der kapitalistischen Restauration weiter voran. Die Mehrheit der Arbeiter:innen und Unterdr\u00fcckten steht diesem kritisch gegen\u00fcber, da dessen Auswirkungen ihre Lebensqualit\u00e4t massiv verschlechtert haben. Sie sind es nicht, die diesen Prozess vorantreiben, sie haben weder die Macht dazu, noch ein Interesse daran. Doch wer sind dann die treibenden Kr\u00e4fte und was sind ihre Ziele?<\/p>\n<p>Miguel D\u00edaz-Canel ist Pr\u00e4sident Kubas, damit auch Pr\u00e4sident des Staats- und Ministerrats, Vorsitzender der kommunistischen Partei und Oberbefehlshaber der \u201erevolution\u00e4ren Streitkr\u00e4fte\u201d. Neben dem Pr\u00e4sidenten kommt in Kuba eine besonders gro\u00dfe Macht dem Milit\u00e4r zu. Es hat die Kontrolle \u00fcber die Schl\u00fcsselbereiche der Wirtschaft inne und verwaltet die st\u00e4rkste und kommerziell erfolgreichste Unternehmensstruktur Kubas. Dabei gibt es wenig Transparenz \u00fcber die wirtschaftlichen Kennzahlen. Einiges ist jedoch bekannt. Etwa ein Viertel oder mehr der Besch\u00e4ftigten des Milit\u00e4rs arbeitet f\u00fcr die drei Haupt Firmengeflechte des Milit\u00e4rs \u201eGaviota\u201d, \u201eCimex\u201d und \u201eTRD\u201d. Zu diesen geh\u00f6ren Hotels, Transport- und Mietwagenfirmen, Immobilienfirmen, Handelsketten, eine Imbisskette und Finanzdienstleistungsunternehmen. Das Milit\u00e4r hat auch Anteile an dem wichtigen Kommunikationsunternehmen \u201eETECSA\u201d. Diese Unternehmen arbeiten au\u00dferhalb staatlicher Planung und mit gro\u00dfen wirtschaftlichen Freir\u00e4umen.<\/p>\n<p>Die Staatsb\u00fcrokratie, welche sich zu gro\u00dfen Teilen aus Milit\u00e4rkadern und Parteikadern zusammensetzt, regiert also einerseits das Land und verwaltet andererseits die wichtigsten Unternehmen. Wirtschaftliche Entscheidungen werden daher in ihrem Interesse getroffen. Das k\u00f6nnen wir an den vielen Bevorzugungen sehen, die diese Sektoren der Wirtschaft im Vergleich zu anderen erhalten. Die Macht befand sich in Kuba zu keinem Zeitpunkt in den H\u00e4nden der werkt\u00e4tigen Klasse, sondern in den H\u00e4nden von Milit\u00e4r- und Parteib\u00fcrokrat:innen. Dies ist ein direktes Resultat aus der Guerilla-Strategie. Von dem Prozess der kapitalistischen Restauration erhoffen sich die Verantwortlichen weitere soziale Privilegien.<\/p>\n<p><strong>Die Rechten nutzen die Krise f\u00fcr ihre Interessen aus<\/strong><\/p>\n<p>Wie wir sehen k\u00f6nnen, bietet die Regierung der Arbeiter:innenklasse und den Unterdr\u00fcckten in Kuba keine L\u00f6sung f\u00fcr ihre Probleme. Die B\u00fcrokratie und einige aus der Mittelschicht profitieren von den kapitalistischen Reformen und versprechen den Massen daher weiterhin, dass diese eine L\u00f6sung darstellen w\u00fcrden, doch die wenigsten glauben nach zahlreichen Reformen, die ihre Lage nur verschlechtert haben, noch an diese Versprechen. Frustration und Demobilisierung sind das Resultat. Viele, insbesondere junge Menschen, verlassen das Land. Aus dieser Situation heraus probieren vor allem rechte Kr\u00e4fte Profit zu schlagen. Sie verteidigen das Embargo, welches erst k\u00fcrzlich von allen UN-Mitgliedern au\u00dfer der USA und Israel verurteilt wurde und k\u00e4mpfen f\u00fcr ein Programm, welches auch die letzten sozialen Errungenschaften der Revolution zunichtemachen soll. Die USA wollen ebenso die Krise f\u00fcr sich ausnutzen. Kuba als ein nicht kapitalistisches Land in direkter Nachbarschaft ist f\u00fcr sie seit jeher ein Problem. Davon zeugt nicht nur die Invasion der Schweinebucht 1961, als die USA kubanische Exilanten bewaffnete und erfolglos versuchte, die Regierung zu st\u00fcrzen, sondern nat\u00fcrlich auch die zahlreichen darauffolgenden Destabilisierungsversuche, Attentate und die Unterst\u00fctzung der rechten Opposition durch US-finanzierte \u201eThinktanks\u201c. Die US-Regierung wei\u00df um die soziale Krise. Ihre Entscheidung, das Embargo weiter zu versch\u00e4rfen und aufrechtzuerhalten, muss als bewusster Akt angesehen werden, der dazu dient, die Kontrolle \u00fcber Kuba wiederzuerlangen. Der Widerstand der Kubaner:innen gegen den Imperialismus ist seit jeher eine Gef\u00e4hrdung der US-Hegemonie, wie das bekannte Zitat von Che Guevara: \u201eAmerika wird also, angef\u00fchrt und aufgeweckt von der kubanischen Revolution, eine Aufgabe von gro\u00dfer, entscheidender Bedeutung haben: die Schaffung eines zweiten, dritten Vietnams.\u201c treffend bezeugt. Die Befreiung Kubas aus der Herrschaft Washingtons, die einzige erfolgreiche Revolution gegen den US-Imperialismus auf lateinamerikanischen Boden, wurde eine Inspirationsquelle f\u00fcr Linke in Lateinamerika und dar\u00fcber hinaus. Im Widerspruch nutzt die kubanische Regierung dieses errungene Prestige, um linke Oppositionelle zu diffamieren und sich als alleinige Vertreter:innen der Revolution zu inszenieren. Aktuell nutzt sie wiederum die Blockadehaltung der USA und die pro-imperialistischen Proteste aus, um die berechtigten Proteste, welche von Linken gef\u00fchrt werden, zu kriminalisieren. Ein Beispiel daf\u00fcr ist die Verhaftung von Frank Garc\u00eda Hernandez. Er ist kubanischer Marxist, Soziologe, Historiker und Mitglied des Kollektivs Kommunistischer Blog. Genau wie der Student Marco Antonio Perez Fernandez wurde er am 30. April verhaftet, weil er ein Schild mit der Aufschrift \u201eSozialismus ja, Repression nein\u201c getragen hatte.<\/p>\n<p><strong>Eine Analyse Kubas anhand der Theorie der permanenten Revolution<\/strong><\/p>\n<p>Zwar existieren durch die Revolution noch diverse soziale Errungenschaften, doch ist Kuba aufgrund der Isoliertheit, der B\u00fcrokratisierung des Staates und des Kurses der kapitalistischen Restauration, welcher seit den 90er Jahren immer weiter fortgef\u00fchrt wird, nicht in der Lage den Sozialismus zu verwirklichen und sollte daher als \u201e\u00dcbergangsstaat\u201d, der sowohl zum Kapitalismus als auch zum Sozialismus entwickelt werden k\u00f6nnte, definiert werden. Der Ausgang der derzeitigen Krisen wird \u00fcber dieses Schicksal entscheiden, denn die Lage wird immer angespannter, was einerseits weitere pro-kapitalistische Reformen bewirken k\u00f6nnte und aber auch den Raum f\u00fcr eine politische Opposition zur Kommunistischen Partei Kubas (PCC) \u00f6ffnet, wenngleich unklar ist, wer diese mit welchem Programm anf\u00fchren w\u00fcrde. Die Proteste in den vergangenen Monaten waren eher klein, sie wurden jedoch weniger von Intellektuellen und K\u00fcnstler:innen getragen, wie es in der Vergangenheit meistens der Fall war, sondern von den \u00e4rmsten Sektoren des Proletariats und der Bauernschaft, die schlichtweg die sozialen Probleme nicht mehr aushalten. Trotz des sozialen Charakters ihres Protestes, wurden die Protestierenden, wie bereits in einigen vorherigen Beispiel genannt, mit Hilfestaatlicher Repressionen von der Stra\u00dfe gedr\u00e4ngt.<\/p>\n<p><strong>Kollektiviertes Eigentum und die geplante Wirtschaft bieten ein Potential f\u00fcr die Zukunft!<\/strong><\/p>\n<p>Kubas Geschichte ist ereignisreich und voller Wandel und Herausforderungen, wie die von kaum einem anderen Land. Die Verh\u00e4ltnisse, welche der globale Kapitalismus geschaffen hat, machen es Kuba nicht m\u00f6glich, den Sozialismus zu verwirklichen. Leo Trotzki schrieb in seiner Theorie der permanenten Revolution bereits: \u201eDie Produktivkr\u00e4fte, die der Kapitalismus geschaffen hat, sind dem nationalen Rahmen nicht angepasst und k\u00f6nnen sozialistisch nur im internationalen Ma\u00dfstabe in \u00dcbereinstimmung und Harmonie gebracht werden.\u201d Auch wenn sich seitdem vieles ver\u00e4ndert hat, bleibt diese grundlegende These weiterhin richtig, wie wir am Beispiel von Kuba sehen k\u00f6nnen. Dass die imperialistische Blockade gegen Kuba aufgehoben wird, ist ein erster und notwendiger Schritt, doch die Revolution darf nicht an diesem Punkt haltmachen, ohne die internationale Kollektivierung und Verwaltung zentraler Ressourcen durch die Arbeiter:innenklasse, ist auf Kuba kein Sozialismus m\u00f6glich. Die existierenden Elemente staatlicher Planung bieten, insofern sie unter der Kontrolle der Arbeiter:innen und nicht der B\u00fcrokratie stehen, bereits ein gewisses Potential, um die existierenden Herausforderungen und sozialen Probleme auszugleichen. Doch nicht nur die sozialen Herausforderungen lie\u00dfen sich so besser bew\u00e4ltigen, sondern auch \u00f6kologische, denn durch nicht profitorientiert und unter der Kontrolle der Arbeiter:innen geplante Wirtschaft wie sie in Kuba m\u00f6glich w\u00e4re, k\u00f6nnen Ressourcen sehr rational eingesetzt werden und der Umbau von Industrie und Energiewirtschaft kann schneller vonstattengehen, als in L\u00e4ndern, wo die Kontrolle bei den Kapitalist:innen und ihren Regierungen liegt.<\/p>\n<p><strong>Ohne Internationalismus funktioniert keine Revolution<\/strong><\/p>\n<p><em>Die Aufrechterhaltung der proletarischen Revolution im nationalen Rahmen kann nur ein provisorischer Zustand sein, wenn auch, wie die Erfahrung der Sowjetunion zeigt, einer von langer Dauer. Bei einer isolierten proletarischen Diktatur wachsen die inneren und \u00e4u\u00dferen Widerspr\u00fcche unvermeidlich zusammen mit den wachsenden Erfolgen. Isoliert bleiben, muss der proletarische Staat schlie\u00dflich ein Opfer dieser Widerspr\u00fcche werden, der Ausweg besteht f\u00fcr ihn nur in dem Siege des Proletariats der fortgeschrittenen L\u00e4nder. \u2013 Leo Trotzki in der permanenten Revolution<\/em><\/p>\n<p>Dieser provisorische Zustand dauert in Kuba fast 70 Jahre lang an. Mehr denn je befindet sich Kuba an einem Scheideweg: Die Spitzen des Milit\u00e4rs und der Partei suchen den Weg hin zu einer kapitalistischen Restauration bei gleichzeitigem Erhalt ihrer Macht, wie es in Vietnam oder China erfolgte. Rechte Oppositionelle planen von Washington und Miami aus den Sturz der Regierung und der Errungenschaften der einzigen sozialistischen Revolution in Lateinamerika, um das Land in die Vergangenheit zur\u00fcckzuwerfen und zu einem Vasallenstaaten der USA zu degradieren. Revolution\u00e4re Sozialist:innen auf Kuba und international m\u00fcssen mehr denn je f\u00fcr die Verteidigung der Errungenschaften der Revolution k\u00e4mpfen und d\u00fcrfen sich dabei nicht auf die Regierung verlassen.<\/p>\n<p>Die Tendenzen zur kapitalistischen Restauration wird vom Regime seit Jahren vorangetrieben, um ihn zu beenden, braucht es eine antib\u00fcrokratischeund internationalistische Bewegung der sozialen Kr\u00e4fte Kubas und den weltweiten Kampf gegen den Kapitalismus, um den gro\u00dfen Traum vom Sozialismus auf der karibischen Insel verwirklichen zu k\u00f6nnen. Im Kontext der internationalen Krise des Kapitalismus und des Voranschreitens der kapitalistischen Restauration auf Kuba, wird es Zeit, sich diesen Herausforderungen zu stellen.<\/p>\n<p><strong>Fu\u00dfnoten<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/kuba-in-der-krise-und-die-theorie-der-permanenten-revolution\/#f1_text\">1<\/a>. Abschnitt \u00fcberwiegend \u00fcbernommen aus: <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/antikoloniale-befreiung-durch-linken-bonapartismus\/\">Klasse GegenKlasse \u2013 Antikoloniale Befreiung durch linken Bonapartismus?<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/kuba-in-der-krise-und-die-theorie-der-permanenten-revolution\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 15. Januar 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Maxi Schulz. Die Krise in Kuba, welche mehrere Ursachen hat, versch\u00e4rft sich weiter. 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