{"id":12497,"date":"2023-01-26T16:33:28","date_gmt":"2023-01-26T14:33:28","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12497"},"modified":"2023-01-26T16:33:29","modified_gmt":"2023-01-26T14:33:29","slug":"die-arbeit-des-koerpers-zum-buch-von-wolfgang-hien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12497","title":{"rendered":"<strong>Die Arbeit des K\u00f6rpers: Zum Buch von Wolfgang Hien<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>David Reisinger.<\/em> \u201eDie Arbeiter_innenklasse gibt es nicht mehr, k\u00f6rperliche Arbeit wird durch immaterielle Dienstleistungen verdr\u00e4ngt, die Industrie 4.0 f\u00fchrt zu menschenlosen Fabriken\u201c, solche Plattit\u00fcden sind in Seminarr\u00e4umen, Zeitungsredaktionen und Talkshows allgegenw\u00e4rtig. \u201eIntellektuelle\u201c schaffen es, solche S\u00e4tze zu formulieren, w\u00e4hrend alles, was sie umgibt \u2013 vom Stuhl, auf dem sie sitzen,<!--more--> \u00fcber das Smartphone, das sie benutzen, bis zum Essen, das sie bestellen \u2013 durch k\u00f6rperliche Arbeit geschaffen wurde. Der Medizinsoziologe Wolfgang Hien zeigt in seinem Buch, wie sich Arbeit zwischen k\u00f6rperlichen Leiden (die andere Seite des Wohlstandes), dem Stolz auf das schaffende Kollektiv und der Rebellion gegen unzumutbare Zust\u00e4nde bewegt.<\/p>\n<p>Hiens Studie beginnt in der Phase der kapitalistischen Fr\u00fchindustrialisierung, f\u00fchrt \u00fcber den Nationalsozialismus \u2013 die Vernichtung von Menschen durch Arbeit \u2013 in die Zeit des keynesianischen \u201eWirtschaftswunders\u201c und schlie\u00dft mit einer Betrachtung der neoliberalen Phase des Kapitalismus. W\u00e4hrend der sozialwissenschaftliche Mainstream aufgrund der Dauerbesch\u00e4ftigung mit Diskursen, Systemen und Identit\u00e4ten von Arbeit nichts mehr wissen will, fokussiert sich der Gro\u00dfteil der linken Geschichtsschreibung auf Gewerkschaften, Parteien und gro\u00dfe gesellschaftliche Umbr\u00fcche. Hien zeichnet in seinem Buch ein anderes Bild: durch einen Blick von Unten setzt er den Fokus auf das Leben der Massenarbeiter_innen im Betrieb.<\/p>\n<p><strong>Schutz der Arbeiter_innen oder Schutz der Arbeit<\/strong><\/p>\n<p>Die Arbeiter_innen im Betrieb, ihre k\u00f6rperlichen und seelischen Erfahrungen sind Gegenstand des Buches. Durch umfassendes Datenmaterial, das sich von Romanen zum Arbeitsalltag, \u00fcber m\u00fcndliche Interviews, bis hin zu Ver\u00f6ffentlichungen von Basisinitiativen und Betriebsgruppen und medizinische Fachzeitschriften erstreckt, gelingt es ein aufschlussreiches Bild der unterschiedlichsten Berufszweige im Laufe der Epochen darzustellen. Der Blick von Unten auf die Massenarbeiter_innen im Betrieb f\u00fchrt automatisch dazu, dass die K\u00e4mpfe um den k\u00f6rperlichen Schutz der Arbeiter_innen vor Verletzungen im Zentrum stehen.<\/p>\n<p>Es ist kein Zufall, dass die offiziellen Verlautbarungen der Gewerkschaftsspitzen im Buch eine untergeordnete Rolle spielen. Im Rahmen sozialpartnerschaftlicher Politik versuchten die institutionalisierten Fl\u00fcgel der Arbeiter_innenbewegung den Fokus auf den Kampf um Unfallversicherungen zu legen, nicht auf eine andere Organisierung der Arbeit. Die Hoffnung der sozialdemokratischen F\u00fchrungsfiguren Victor Adler und August Bebel, durch Unfallversicherungen nicht nur kompensativ sondern auch pr\u00e4ventiv zu wirken, best\u00e4tigte sich nicht. Unfallzahlen stiegen weiter, und k\u00f6rperliche Folgesch\u00e4den von Arbeit stehen bis heute an der Tagesordnung. Noch in den 60er-Jahren, den \u201eglorreichen Zeiten\u201c des Wirtschaftswunders und Massenkonsums, starb ein Drittel aller Erwerbst\u00e4tigen vor Erreichen der Rentengrenze, ein weiteres Drittel wurde fr\u00fchinvalide. So wichtig Arbeitsversicherungen und Ma\u00dfnahmen zum Schutz der Arbeiter_innen offensichtlich sind, es steckte in ihnen immer auch das Ziel der Befriedung der Arbeiter_innen im Bestehenden.<\/p>\n<p>Eines von hunderten Beispielen f\u00fcr diese im Buch formulierte These ist die Geschichte von G\u00fcnter Wallraff (sp\u00e4terer Investigativjournalist) der 1963 als Reinigungsmann im Thyssen-Stahlwerk Duisburg Hamborn arbeitete. Aufgrund einer drohenden Verstopfung des Sch\u00fcttelrost m\u00fcssen die Reinigungskr\u00e4fte bei 100 Grad durch den K\u00fchlerkasten klettern, um die Stahlrutsche freizuklopfen. Die Maschinen laufen ohne Pause weiter. Wenn der Erste zusammenbricht, muss der N\u00e4chste rein. \u201eDie Haare in der Nase gl\u00fchen. Ich kann nicht durchatmen, weil ich das Gef\u00fchl habe, innerlich zu verbrennen. Durch die Asbesthandschuhe verbrenne ich mir die Finger. Ich haue sinnlos drauflos und habe jedes Gef\u00fchl verloren.\u201c Als Wallraff seinen Bericht \u00fcber die unertr\u00e4gliche Hitze, in der gewerkschaftlichen Metaller-Zeitung ver\u00f6ffentlichen wollte, interveniert der Betriebsrat \u2013 der Bericht verschwindet in der Schublade. Ob in Schiffswerften, Bergbau, Stahlindustrie oder der Chemieindustrie, durch die Epochen hindurch wurde der Schutz des Lebens der Arbeiter_innen der Profitproduktion geopfert. Solange Gewerkschaften den Standpunkt des Interessenausgleichs von Kapital und Arbeit verfolgen, k\u00f6nnen sie eingesch\u00fcchtert durch die Drohungen (Werkschlie\u00dfungen und Massenentlassung) diese Opferung von Leben abmildern, aber nicht beenden.<\/p>\n<p>Auch wenn die klassischen Industriejobs bei Hien im Fokus stehen, sind auch seine Schilderungen \u00fcber die verheerenden psychischen Auswirkungen von klassischen B\u00fcrojobs, in den modernen Callcenter und in der IT-Branche umfassend und treffend.<\/p>\n<p><strong>Die Naturzerst\u00f6rung beginnt bei den Arbeitern<\/strong><\/p>\n<p>Innerhalb der Klimabewegung wird immer wieder dar\u00fcber diskutiert, wie es sein kann, dass Kapitalisten und Politiker_innen wissenschaftliche Erkenntnisse absichtlich ignorieren. Hiens Studie zeigt, das Ausblenden wissenschaftlicher Tatsachen zur Aufrechterhaltung der kapitalistischen Profitproduktion ist keine neue Erscheinung. Der Zusammenhang von Asbest und Lungenerkrankungen (bspw. Staublunge) war bereits Anfang des 20. Jahrhunderts bekannt. In den 30er-40er Jahren war v\u00f6llig klar, dass regelm\u00e4\u00dfige Arbeit mit Asbest (es wird vor allem zum W\u00e4rmeschutz in der Industrie eingesetzt) erh\u00f6ht das Krebsrisiko um ein hundertfaches. 1936 wurden schwere Asbesterkrankungen erstmals in die Unfallversicherungen f\u00fcr Berufskrankheiten aufgenommen. Das gesamte Wissen \u00e4nderte nichts daran, dass die Verwendung von Asbest nach dem Zweiten Weltkrieg einen gigantischen Aufschwung erlebte.<\/p>\n<p>Als progressive Wissenschaftler_innen im B\u00fcndnis mit nicht-gewerkschaftlichen Betriebsgruppen begannen, Asbest zum Thema zu machen, wurden sie mit denselben Argumenten bek\u00e4mpft wie heutzutage Klimasch\u00fctzer_innen: Ihr gef\u00e4hrdet Arbeitspl\u00e4tze, seid verweichlicht, der K\u00f6rper kann sich an alles gew\u00f6hnen usw.\u00a0 Betriebs\u00e4rzte verheimlichten oder individualisierten die t\u00f6dlichen Auswirkungen, Mediziner_innen spielten die Auswirkungen von Asbest herunter oder betrachteten Krebs als hinzunehmendes Berufsrisiko f\u00fcr Arbeiter_innen.<\/p>\n<p>1983 weigerten sich Arbeiter_innen, das mit Asbest verseuchte Schiff \u201eUnited States\u201c in der Bremer-Wulkan-Werft zu reparieren. Die Weigerung von Teilen der Werftarbeiter_innen, ihr Leben zu riskieren, spaltete Gewerkschaft wie Belegschaft. W\u00e4hrend die einen Arbeiter_innen den Schutz ihres Lebens betonten, sahen die anderen die Bedrohung f\u00fcr ihre Familie im Falle von Entlassungen. Dieses Beispiel zeigt, dass Klassenkampf immer auch ein Kampf um die Politik innerhalb der Klasse ist. Erst in den 90er-Jahren wurde Asbest in den kapitalistischen Zentren verboten. Ein Jahrhundert-Kampf f\u00fcr die politische Anerkennung der wissenschaftlichen Tatsache, dass Arbeit mit Asbest lebensbedrohlich ist. Global betrachtet f\u00fchrt dies jedoch nur dazu, dass asbestverseuchte Schiffe heutzutage zur Reparatur und Umr\u00fcstung nach Indien \u00fcberf\u00fchrt werden. Jetzt sind es indische oder chinesische Arbeiter_innen, die ohne echten Schutz ihr Leben opfern.<\/p>\n<p><strong>\u00d6kosozialismus<\/strong><\/p>\n<p>Wenn auch eher untergr\u00fcndig \u2013 nicht als zentrales Hauptthema \u2013 zeigt das Buch ein ums andere Mal, die kapitalistische Zerst\u00f6rung des Lebens der Arbeiter_innen und die Zerst\u00f6rung der Natur sind ineinander verwoben. Technologischer und wissenschaftlicher Fortschritt, der nicht im Dienst der Menschheit, sondern des Kapitals steht, ist eine permanente Katastrophe. Die versprengten Diskussionen, die es in der Chemie, Bergbau und Stahlindustrie insbesondere in 70er und 80er-Jahre \u00fcber die Frage, wie k\u00f6nnte eine Umr\u00fcstung der Produktion auf \u00f6kologisch sinnvoller und G\u00fcter-technisch n\u00fctzlicher Ausrichtung funktionieren, wieder auszugraben, ist eine Aufgabe f\u00fcr \u00d6kosozialist_innen im 21. Jahrhundert.<\/p>\n<p>Darum erf\u00fcllt das Buch nicht nur seine Aufgabe eines faktenreichen \u00dcberblicks \u00fcber das Leben der Arbeiter_innen in der Produktion, sondern liefert wichtige Anst\u00f6\u00dfe zum Weiterdenken.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/linkswende.org\/die-arbeit-des-koerpers-von-der-hochindustrialisierung-bis-zur-neoliberalen-gegenwart-wolfgang-hien\/\"><em>linkswende.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 26. Januar 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>David Reisinger. \u201eDie Arbeiter_innenklasse gibt es nicht mehr, k\u00f6rperliche Arbeit wird durch immaterielle Dienstleistungen verdr\u00e4ngt, die Industrie 4.0 f\u00fchrt zu menschenlosen Fabriken\u201c, solche Plattit\u00fcden sind in Seminarr\u00e4umen, Zeitungsredaktionen und Talkshows allgegenw\u00e4rtig. \u201eIntellektuelle\u201c schaffen es, solche &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":12498,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6],"tags":[25,87,23,45,58,22,17],"class_list":["post-12497","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","tag-arbeiterbewegung","tag-arbeitswelt","tag-buecher","tag-neoliberalismus","tag-oekosozialismus","tag-politische-oekonomie","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12497","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12497"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12497\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12499,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12497\/revisions\/12499"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/12498"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12497"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=12497"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=12497"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}