{"id":12512,"date":"2023-01-28T17:42:44","date_gmt":"2023-01-28T15:42:44","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12512"},"modified":"2023-01-28T17:42:45","modified_gmt":"2023-01-28T15:42:45","slug":"quantenmechanik-und-der-liebe-gott","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=12512","title":{"rendered":"<strong>Quantenmechanik und der liebe Gott<\/strong>"},"content":{"rendered":"<p><em>Lukas Frank. <\/em>Der \u00f6sterreichische Quantenphysiker Anton Zeilinger erhielt vor kurzem f\u00fcr seine Experimente zur Quantenmechanik den Nobelpreis. Im Folgenden wollen wir aufzeigen, wie es kommt, dass die Ergebnisse dieser Forschung auf abstruse, teils religi\u00f6se Weise interpretiert werden.<\/p>\n<p>Insbesondere auf Zeilinger selbst trifft das zu, der in seinem Buch \u201eEinsteins Spuk\u201c meint:<!--more--><\/p>\n<p><em>\u201eSein [Einsteins] Bild einer real, faktisch existierenden Wirklichkeit, die in ihren wesentlichen Eigenschaften unabh\u00e4ngig von uns ist, diese Trennung von Wirklichkeit und Information ist offenbar nicht haltbar\u201c.<\/em><\/p>\n<p>In einem aktuellen Interview hat er folgendes zur Verbindung von Gott und der Quantenmechanik zu sagen:<\/p>\n<p><em>\u201eEin verbindender Gedanke aller Religionen ist ja der, dass es einen Gott gibt, der eingreifen kann in den Lauf der Welt [\u2026]: Dieser objektive Zufall w\u00e4re tats\u00e4chlich eine M\u00f6glichkeit f\u00fcr Gott einzugreifen, ohne dass er mit den Naturgesetzen in Widerspruch ger\u00e4t. Nat\u00fcrlich nur, wenn er das so selten macht, dass er die Gesetze der Wahrscheinlichkeit nicht verletzt.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Aus seinen Experimenten soll also laut ihm folgen, dass die Natur nur durch die menschliche Beobachtung einen festgelegten Zustand einnimmt, dass wir uns \u201eUrsache-Wirkung\u201c nur einbilden und dass der Zufall in der Quantenmechanik unfassbar ist, vielleicht sogar die Intervention Gottes.<\/p>\n<p>Wie kann jemand, der t\u00e4glich mit den h\u00f6chsten Errungenschaften der Technik hantiert, zu solchen Schlussfolgerungen kommen?<\/p>\n<p><strong>Klassische Mechanik und mechanischer Materialismus<\/strong><\/p>\n<p>Dies h\u00e4ngt unter anderem mit dem philosophischen Fundament zusammen, das Physikern heute vermittelt wird und das an den Physikfakult\u00e4ten vor allem durch die klassische Mechanik gepr\u00e4gt ist. In dieser besteht alles aus unendlich kleinen Punktteilchen, die jeweils perfekt Bewegungsgesetzen gehorchen und zu jedem Zeitpunkt klare Eigenschaften haben. Jedes gr\u00f6\u00dfere Objekt und jede h\u00f6here Form von Bewegung \u2013 egal ob W\u00e4rme, Denken oder Leben \u2013 kann angeblich eins zu eins auf diese heruntergebrochen werden.<\/p>\n<p>Die dazu analoge Philosophie, der mechanische Materialismus, wurde vom Physiker Laplace besonders zugespitzt formuliert:<\/p>\n<p><em>\u201eEine Intelligenz, die in einem gegebenen Augenblick alle Kr\u00e4fte kennt, mit denen die Welt begabt ist, und die gegenw\u00e4rtige Lage der Gebilde, die sie zusammensetzen, und die \u00fcberdies umfassend genug w\u00e4re, diese Kenntnisse der Analyse zu unterwerfen, w\u00fcrde in der gleichen Formel die Bewegungen der gr\u00f6\u00dften Himmelsk\u00f6rper und die des leichtesten Atoms einbegreifen. Nichts w\u00e4re f\u00fcr sie ungewiss, Zukunft und Vergangenheit l\u00e4gen klar vor ihren Augen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Alles in der Welt ist somit von vornherein vorherbestimmt, bzw. gibt es in Wirklichkeit keine zeitliche Entwicklung \u2013 f\u00fcr diesen D\u00e4mon existieren Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig.<\/p>\n<p>Zufall ist hier eine Illusion, die darauf beruht, dass wir noch nicht die genauen Geschwindigkeiten aller Teilchen kennen und wir auch die absolute Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit noch nicht entdeckt haben. In Wirklichkeit hat man also kein rationales Verst\u00e4ndnis davon, was der Zufall ist, sondern leugnet diesen auf philosophischer Ebene einfach.<\/p>\n<p><strong>Quantenmechanik 101<\/strong><\/p>\n<p>Die Ergebnisse der Quantenmechanik sprengen diesen engen philosophischen Rahmen. Diese versucht, die kleinste bekannte Ebene der Welt zu beschreiben. Sie nahm mit der Untersuchung des Lichts ihren Anfang, das seit Maxwell (1861) eindeutig als Welle eingestuft wurde. Einstein (1905) fand jedoch heraus, dass Licht nur in Paketen absorbiert werden kann \u2013 dass Licht also aus Teilchen besteht. Dies ist auf den ersten Blick z.B. einer Wasserwelle \u00e4hnlich, die ja auch aus kleinsten Teilchen, Wassermolek\u00fclen, besteht. Diese Molek\u00fcle bewegen sich gemeinsam, beeinflussen sich gegenseitig und daraus resultiert die Welle als Gesamtbewegung.<\/p>\n<p>Doch so leicht macht es uns die Materie nicht. Schie\u00dft man z.B. einen Laser durch einen sehr kleinen Spalt, erzeugt das Licht am dahinterliegenden Schirm Interferenzmuster. Das bedeutet, dass das Licht an den R\u00e4ndern des Spalts \u00e4hnlich einer Wasserwelle abgelenkt wurde. So weit so unspektakul\u00e4r. Werden nun einzelne Photonen durch den Spalt geschossen, die auf einem speziellen Schirm Punkte hinterlassen, sollte eigentlich kein Interferenzmuster erschienen. Denn wenn jedes Photon einzeln abgeschossen wird, kann dieses nicht mit anderen Photonen wechselwirken und sich dadurch nicht gemeinsam als Welle verhalten. Doch auch in diesem Fall erscheint mit jedem abgeschossenen Photon ein immer deutlicheres Interferenzmuster!<\/p>\n<p>Wichtige Voraussetzung f\u00fcr dieses Experiment ist, dass es OBJEKTIV keine M\u00f6glichkeit gibt, festzustellen, wo das Photon ist, bevor es nicht am Schirm aufgetreten ist. Das einzelne Photon scheint sich also w\u00e4hrend seines Flugs wie eine Welle zu verhalten, doch am Schirm erscheint es schlussendlich als Punkt.<\/p>\n<p>Die Quantenmechanik ber\u00fccksichtigt diesen Sachverhalt, indem sie z.B. das Photon als Welle beschreibt. Allerdings als eine sehr abstrakte, mehrdimensionale, komplexe Welle, die nicht direkt beobachtbar ist. Es gibt Formeln, wie sich diese Welle in der Zeit entwickelt und mit sogenannten Operatoren werden die \u00e4u\u00dferen Einfl\u00fcsse \u2013 wie z.B. der Spalt\u00a0\u2013 repr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>Aus dieser Welle kann dann mit Operatoren, die einen spezifischen Messvorgang repr\u00e4sentieren, abgeleitet werden, mit welcher Wahrscheinlichkeit man bei einem Messvorgang ein bestimmtes Messergebnis erhalten wird. Zum Beispiel kann errechnet werden, mit welcher Wahrscheinlichkeit wo am Schirm das Photon einen Fleck erzeugen wird. Aus Sicht der Quantenmechanik ist es jedoch fundamental zuf\u00e4llig, wo genau der Fleck schlussendlich sein wird.<\/p>\n<p><strong>Zufall und Notwendigkeit<\/strong><\/p>\n<p>In der Quantenmechanik stellt also die Wellenfunktion die Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit dar, doch diese Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit \u00e4u\u00dfert sich nur in einem zuf\u00e4lligen Ereignis. Umgekehrt steht hinter einer Summe an Zuf\u00e4llen eine tiefere Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit. Dieses Verh\u00e4ltnis von Zufall und Notwendigkeit spielt in der Philosophie des Marxismus eine zentrale Rolle. Die Materie ist unendlich komplex, alles h\u00e4ngt miteinander zusammen und nichts gleicht dem anderen. Um \u00fcberhaupt Objekte und Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten zu abstrahieren, m\u00fcssen Dinge gleichgesetzt werden, die sich nur \u00e4hnlich sind und aus ihrem gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang gerissen werden. Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten, die wir finden, widerspiegeln also immer nur einen Teilaspekt der Materie und m\u00fcssen daher notwendigerweise immer durch einen Zufall erg\u00e4nzt werden.<\/p>\n<p>Dass der Zufall schon in der Theorie eine derart zentrale, grundlegende Rolle spielt und aus dieser auch nicht wegzudenken ist, ist hingegen f\u00fcr mechanische Materialisten (also viele Physiker) ein Grund zum Kopfzerbrechen. Verbunden damit, dass in der Quantenmechanik ber\u00fccksichtigt wird, dass ein Messvorgang das Objekt der Betrachtung auch ver\u00e4ndert, ziehen manche, unter anderem Zeilinger, die absurde Schlussfolgerung, der Mensch w\u00fcrde durch seine Betrachtung die Natur \u201eerschaffen\u201c.<\/p>\n<p><strong>Die Einheit der Gegens\u00e4tze<\/strong><\/p>\n<p>Die Darstellung des Objekts als Wellenfunktion hat weiters zur Konsequenz, dass gewisse Eigenschaften \u201enicht gleichzeitig\u201c gemessen werden k\u00f6nnen. Beispielsweise folgt aus der Quantenmechanik, dass ein Objekt, dessen Ort mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit in einem kleinen Bereich liegen wird, gleichzeitig eine schwer vorhersagbare Geschwindigkeit haben wird. Selbiges gilt umgekehrt. Zwei Eigenschaften bedingen sich also gegenseitig und stehen im Widerspruch zueinander.<\/p>\n<p>Auch dieses Ph\u00e4nomen wurde vom Marxismus und der Dialektik untersucht, welches dort als Einheit der Gegens\u00e4tze bezeichnet wird. Die Materie ist unendlich komplex und menschliche Abstraktionen wie Ort und Geschwindigkeit fassen immer nur einen einseitigen Aspekt der Materie. Dies steht im starken Kontrast zum mechanischen Materialismus, der davon ausgeht, dass die Materie klar und eindeutig von abstrakten Kategorien erfassbar ist, der also Produkte des menschlichen Verstandes zur Grundlage der Materie macht. Gehe ich von diesem Standpunkt aus, ist f\u00fcr mich die Quantenmechanik der Beweis einer objektiven Grenze der menschlichen Erkenntnis, bzw. dass nicht alle Ph\u00e4nomene wissenschaftlich erfasst werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Das Ganze und das Einzelne<\/strong><\/p>\n<p>Ein weiterer bemerkenswerter Aspekt der Quantenmechanik ist, dass unter Umst\u00e4nden verschiedene Objekte mit einer gemeinsamen Wellenfunktion dargestellt werden m\u00fcssen. Aus dieser gemeinsamen Wellenfunktion k\u00f6nnen zwar die Wellenfunktionen der einzelnen Objekte abgeleitet werden, doch umgekehrt kann aus den einzelnen Wellenfunktionen nicht die Gesamtwellenfunktion konstruiert werden. Diese Objekte werden verschr\u00e4nkt genannt. Mathematisch kann jede Wellenfunktion in eine hypothetische \u201egr\u00f6\u00dfere\u201c Wellenfunktion eingeordnet werden, was aktuell auch einer der Ans\u00e4tze in der Forschung ist, um den quantenmechanischen Zufall n\u00e4her zu untersuchen.<\/p>\n<p>Das bedeutet sozusagen, dass das gro\u00dfe Ganze eigene Bewegungsgesetze hat, die nicht direkt aus seinen Einzelteilen erkl\u00e4rt werden k\u00f6nnen, dass aber auch die Bewegung des Einzelnen nur durch den Gesamtzusammenhang, in welchem sich dieses befindet, erkl\u00e4rt werden kann.<\/p>\n<p>Es gilt also, was schon Hegel und nach ihm die Marxisten betonten: \u201eDas Ganze ist mehr als die Summe seiner Einzelteile\u201c. Diese Tatsache widerspricht klar dem mechanischen Materialismus, der davon ausgeht, dass schlussendlich alles auf die Bewegung kleinster Teilchen reduziert werden kann.<\/p>\n<p>Eng mit diesem Ph\u00e4nomen ist die sogenannte \u201eSpukhafte Fernwirkung\u201d verbunden, welche Zeilinger experimentell realisiert hat. Seien zwei verschr\u00e4nkte Objekte gegeben, deren gemeinsame Wellenfunktion einen Drehimpuls von Null hat. Wird ein Objekt gemessen und hat einen bestimmten Drehimpuls, muss das andere Objekt sofort den gegenteiligen Drehimpuls bekommen. Dies w\u00e4re an sich nicht weiter bemerkenswert, doch in der Quantenmechanik wird erst im Zuge des Messvorgangs der Drehimpuls festgelegt. Einstein postulierte also, dass es irgendeine Gr\u00f6\u00dfe an den einzelnen Objekten geben muss, die schon vor dem Messvorgang das Ergebnis festlegen. Es sind unter anderem die Experimente Zeilingers, die bewiesen hatten, dass Einstein unrecht hatte und sich diese Kategorie des Zufalls nicht durch eine tiefere Beobachtung des einzelnen, isolierten Objekts aufl\u00f6sen lassen.<\/p>\n<p>Ironischerweise folgert Zeilinger auf Basis dieser Errungenschaft der modernen Wissenschaft, dass der Zufall in der Quantenmechanik der Ort ist, wo Gott waltet und richtet.<\/p>\n<p><strong>Die Wissenschaft der herrschenden Klasse<\/strong><\/p>\n<p>Der dialektische Materialismus l\u00f6st nat\u00fcrlich nicht die Frage, welche genauen Prozesse hinter dem quantenmechanischen Zufall stehen. Allerdings bietet er nicht nur eine rationale Einordnung der Ph\u00e4nomene der Quantenmechanik, sondern die Quantenmechanik ist einer der besten Beweise f\u00fcr die Richtigkeit des dialektischen Materialismus.<\/p>\n<p>Doch genau aus dieser Philosophie folgen die Verg\u00e4nglichkeit des Kapitalismus und die Notwendigkeit der Machtergreifung der Arbeiterklasse. An den Philosophie-, Politikwissenschafts- und Soziologieinstituten wird daher ein verbissener Kampf der herrschenden Klasse gegen die marxistische Philosophie gef\u00fchrt. In der Gestalt des Postmodernismus wird die Kausalit\u00e4t und die Erkennbarkeit der Materie geleugnet, und demnach gibt es keine objektive, reale Welt, sondern der Mensch erschafft diese durch seine Interpretation.<\/p>\n<p>Zeilinger und andere Physiker, die die \u201eWunder\u201d der Quantenmechanik philosophisch nicht fassen konnten, kommen zu \u00e4hnlich absurden Schlussfolgerungen. Ihre Aussagen sind Wasser auf die M\u00fchlen philosophischer Quacksalber, die sich r\u00fchmen, die Quantenmechanik w\u00fcrde all ihre verr\u00fcckten Ideen \u201ebeweisen\u201c.<\/p>\n<p>Die Physiker sind also in einer sehr \u00e4hnlichen Situation wie die restliche Arbeiterklasse. Nur unsere gemeinsame Arbeit erzeugt die gesellschaftlichen Reicht\u00fcmer. Doch solange die Arbeiterklasse sich dessen nicht bewusst ist, solange wir unsere Arbeit nicht bewusst in unserem Sinne einsetzen, werden sich die Produkte unserer Arbeit gegen uns richten. Der einzige Weg daraus ist ein rationales Verst\u00e4ndnis der Welt und der Gesellschaft \u2013 dieses kann nur der Marxismus bieten.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/derfunke.at\/theorie\/wissenschaft\/36-naturwissenschaft-und-technik\/12063-quantenmechanik-und-der-liebe-gott\"><em>derfunke.at&#8230;<\/em><\/a><em> vom 28. Januar 2023<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lukas Frank. Der \u00f6sterreichische Quantenphysiker Anton Zeilinger erhielt vor kurzem f\u00fcr seine Experimente zur Quantenmechanik den Nobelpreis. 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